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Zwölfte Sammlung der Novellen

Paul Heyse: Zwölfte Sammlung der Novellen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleZwölfte Sammlung der Novellen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1876
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180405
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Die Tochter der Excellenz.

(1877)

Sie mahnen mich an eine alte Schuld, sagte Graf M., als er meine Augen wieder einmal von der kleinen, verblichenen Photographie über seinem Schreibtische gefesselt sah. Ich erinnere mich sehr gut, daß ich Ihnen vor Jahr und Tag in einem unbewachten Augenblicke die Geschichte dieses Bildes versprochen habe, und wünschte fast, das Versprechen wäre so verjährt, wie die Geschichte selbst. Aber ich weiß, daß Sie, wenn sich's um einen »Stoff« handelt, einen alten Anspruch so leicht nicht fahren lassen; und ich selbst – wäre ich nicht von jeher ein so gewissenhafter Schuldenzahler gewesen, vielleicht wäre Alles anders gekommen. Nehmen Sie eine Cigarre und setzen Sie sich dort in Ihren Lieblingsstuhl am Fenster. Wir wollen die Jalousieen schließen. Dergleichen Erinnerungen taugen eigentlich nur für die Geisterstunde, und der helle Himmel draußen sieht uns so kühl und nüchtern ins Zimmer, daß ich erst eine künstliche Dämmerung herstellen muß, ehe ich mir ein Herz fassen kann, das wunderliche Gespenst jenes Erlebnisses aus nebelgrauer Ferne heraufzubeschwören.

Und vielleicht lohnt es nicht einmal der Mühe. Vielleicht ist an der ganzen Geschichte das verblaßte Titelkupfer dort, das Sie so interessirt, das Beste, und Sie zucken heimlich die Achseln, daß ich Ihnen damals gesagt habe: an dem Bild hängt eine Novelle. Nun, ein Stück Leben jedenfalls, und etwas Herzblut, und – aber ich will keine Vorrede machen. Man wird Ihnen schon öfter Abenteuer erzählt haben, die noch weniger »versöhnend«, wie die Aesthetiker sagen, verlaufen sind, als das meinige.

Für mich hat es noch den besonderen Werth, daß es, ein paar flüchtige Intermezzos ausgenommen, im Grunde das einzige Abenteuer meiner jungen Jahre war und geblieben ist. Als es sich zutrug, war ich ein blutjunger Lieutenant, der so gut wie jeder Andere einen Hang zu Abenteuern und ein gewisses Recht darauf in seinem Herzen spürte, aber leider außer einem alten Namen, einem ehrenhaften Degen und einem leidlich hübschen Schnurrbärtchen Nichts besaß, was das Glück hätte heranlocken können. Meine Eltern waren früh gestorben, ohne mir Vermögen zu hinterlassen. Mein Oheim, der Majoratsherr, hatte mich im Cadettenhause aufwachsen lassen und die Verpflichtung übernommen, standesgemäß für mich zu sorgen. Er glaubte dies in vollem Maße zu thun, wenn er mir pünktlich den knappen Monatszuschuß schickte – er selbst lebte nicht in der Stadt, sondern mit den Seinigen auf seinem großen Gut, – und zwei, drei Mal mit den kleinen Schulden, die ich trotz aller Oekonomie gemacht, nicht ohne pädagogisches Stirnrunzeln und sanfte Ermahnungen aufräumte. Ich wußte freilich, daß er selbst trotz seiner großen Einkünfte nicht immer im Ueberfluß schwamm. Sein einziger Sohn, mein Vetter, führte ein Leben auf so großem Fuß, daß der Alte mehr als einmal eine volle Ernte hatte verpfänden, oder ein paar Morgen Wald ganz unforstmäßig schlagen lassen müssen, um nur die schreiendsten Wechselgläubiger still zu machen. Als er wieder einmal, nach einer offenen Beichte meinerseits, mir mit ein paar hundert Thalern aus der schlimmsten Verlegenheit half, schloß er mir mit seiner Cassette zugleich so väterlich sein Herz auf über den Sohn, der sich und ihn zu Grunde zu richten drohe, daß ich ein feierliches Gelübde that, ihm wenigstens durch meinen Wandel keinen Kummer mehr zu machen und als ein wahrer Musterneffe meinem leichtsinnigen Vetter vielleicht das Gewissen zu rühren.

Sie lächeln über diese guten Vorsätze eines dreiundzwanzigjährigen Lieutenants. Aber den Vorzug hat meine Geschichte wenigstens, daß ich mich jeder Erfindung oder Ausschmückung streng enthalte und Sie das Unwahrscheinlichste als die reine Wahrheit hinnehmen dürfen. Seit jenem Gespräch mit dem guten alten Onkel lebte ich ein so tugendhaftes Eremitenleben, daß ich mich fast auf die bekannten Heuschrecken und wilden Honig beschränkte, um nur ja mit meiner Apanage zu reichen, und alle Spott- und Stachelreden der Kameraden ruhig über mich ergehen ließ. Zum Glück kannten sie mich hinlänglich, um mir nicht zuzutrauen, daß ich über Nacht ein Pfennigfuchser geworden sein könnte. Meine sonderbare Verwandlung schoben sie bald auf eine melancholische Liebschaft, bald auf eine problematische Erfindung, der ich nachgrübelte, und ich hütete mich wohl, auf anzügliche Fragen eine klare Antwort zu geben, zufrieden, daß man mich nur meiner Wege gehen ließ.

Was die Liebschaft betrifft, so war auch wirklich Etwas daran. Ich hatte in der That ein zärtliches Verhältniß, und zwar zu einem kleinen, eisengrauen ungarischen Pferdchen, das ich erst seit Kurzem besaß. Die Neigung war so plötzlich über mich gekommen, wie ich es mich nicht einmal von meiner ersten Liebe entsinnen konnte, die freilich schon vor zehn Jahren gespielt hatte. Eines Morgens beim Pferdehändler vorbeischlendernd, hatte ich das gestern erst mit einer Koppel anderer Fremdlinge angekommene schlanke Thier kaum betrachtet, als schon der Vorsatz in mir feststand, es müsse mein werden, um jeden Preis. Nun war dies nicht eben hoch geschworen; der Preis war nicht übermäßig, zumal meine Leidenschaft von anderen Pferdeliebhabern kaum begriffen, geschweige getheilt wurde. Ich mußte aber dennoch das Geld erst zu hohen Zinsen aufnehmen, um die Erkorene heimführen zu können, und dies eben war der Anlaß geworden, daß ich mich zum letzten Mal meinem guten Onkel anvertraute.

Ich besaß also den Gegenstand meiner Wünsche, und es schien mir jetzt leicht, manches Andere zu entbehren, was mich sonst gelockt hatte. Ich spielte nicht mehr; ich hatte dem Champagner feierlich abgesagt; gewisse gefährliche Damen, denen ich früher – nur so gedankenlos, weil es auch die Anderen thaten, – meine Cour gemacht hatte, schienen mir plötzlich reizlos und wahrlich nicht der Sünde werth, meinen ökonomischen Grundsätzen um ihretwillen untreu zu werden. Sobald ich dienstfrei war, sattelte ich mein Pferdchen und ritt zur Stadt hinaus, die einsamsten Pfade am liebsten, zuerst in allerlei Gangarten, die dem guten Thier noch einige Künste kosteten, dann aber im bequemsten Trabe oder gar im Schritt, die Zügel über den Sattelknopf gehängt, daß Balassa, wie meine Freundin hieß, in aller Gemüthlichkeit die Kräuter am Wege naschen konnte, die ihr Gelüst erregten.

Soweit hatten also Diejenigen Recht, die meine einsame Lebensart auf Rechnung von Liebesgrillen schoben. Aber auch mit dem Verdacht, ich trüge mich mit einem schwierigen Problem, hatte es seine Richtigkeit. Aller Leichtsinn der Jugend schützte mich nicht gegen die Sorge, wie es in Zukunft mit mir werden sollte. Ich konnte diese menschenscheue Rolle nicht lange fortspielen, ohne mich in hundert mißliche Lagen zu bringen. Und doch war nicht abzusehen, wie es mir gelingen sollte, in Zukunft standesgemäßer zu leben und meinem Stammbaum Ehre zu machen, da ich auf einem so dürren Zweig desselben saß. Mein Onkel selbst hatte mir keinen besseren Rath zu geben gewußt, als durch eine reiche Frau ein für alle Mal mir aus der Noth zu helfen, – ein Gedanke, den ich auch nicht einen Augenblick einer ernstlicheren Erwägung würdigte. Ich war kein Cato, und was ich von den Weibern bisher erlebt, hatte mir keine überschwänglichen Vorstellungen von ihrem Geschlecht beigebracht. Aber eben deßhalb schien mir Nichts unwürdiger, als mich an eine Frau auf Lebenszeit zu verkaufen. Lieber hätte ich eingewilligt, meine Carrière zu verlassen und irgend einen Beruf zu ergreifen, bei dem ein kahler Grafentitel nicht zu allerhand Ansprüchen berechtigt hätte, die sein Besitzer leider nicht befriedigen konnte. Ich grübelte vielfach darüber nach, ob ich, wie damals die Phrase lautete, »ins Volk gehen«, das heißt, etwa Ingenieur oder Schulmeister oder Journalist werden sollte. Da aber jeder neue Plan wieder seine Schattenseiten hatte, kehrte ich zuletzt immer zu dem Entschluß zurück, das Leben noch eine Weile an mich kommen zu lassen und vorläufig ohne Kummer auf Balassa's Rücken ins Blaue hinein zu traben.

So that ich auch einmal wieder am Abend eines heißen Sommertages, der endlich durch ein heftiges Gewitter abgekühlt worden war. Ein Wolkenbruch war über der Stadt niedergegangen, und besonders die Straßen der Vorstadt, die sich damals noch nicht viel von Dorfstraßen unterschieden, waren in graue Bäche und Kanäle verwandelt, zum größten Gaudium der lieben Jugend, die in den rieselnden und rauschenden Gewässern mit aufgeschürzten Röckchen und hochgezogenen Höschen herumpatschte. Auch meinem Rößlein behagte das Fußbad, und es stapfte langsam, die feuchte Luft wollüstig in die Nüstern einschlürfend, mitten durch die Flut. Der höher gelegene Bürgersteig war trocken geblieben, oder durch Nothbrücken gangbar erhalten. Da standen die Leute unter den Thüren, sahen den Kindern zu und lachten, wo es Etwas zu lachen gab, oder auch ganz ohne Grund, blos weil sie dabei die Mäuler recht weit aufreißen und möglichst viel von der frischen Regenluft einathmen konnten.

Nur ein kleines altes Weibchen, das einen schwerbeladenen Handwagen auf dem Trottoir mühsam fortzog, schien die allgemeine Vergnüglichkeit als eine Verhöhnung ihrer eigenen armseligen Person und ihres kümmerlichen Gewerbes zu betrachten. Sie selbst und ihr Wäglein sahen freilich nicht sehr reputirlich aus. Ein paar große Säcke, mit Lumpen und Abfall vollgestopft, und eine unsäuberliche Tonne mit zerbrochenem Eisen- und Zinngeräth ließen sie als das Hadernweib erkennen, welches in diesen Stadtvierteln sonst keine verächtliche Rolle spielt. So hätte sie denn auch trotz ihres hexenhaften Aufzuges ihren Weg ruhig fortsetzen können, wenn sie nicht selbst durch die bösen Blicke, die sie auf die lustige Menschheit rings umher warf, und durch halblautes Murren und Schelten den Uebermuth der barfüßigen Jugend gereizt hätte. Sie folgten ihr mit Lachen, Schreien und Pfeifen, wie ein Volk Spatzen einem lichtscheuen Käuzchen, das sich in den hellen Tag verflogen hat. Das böse alte Gesicht wetterleuchtete von Wuth und Aerger, ihre welken Lippen stießen immer unverständlichere Laute aus, die gottlosen Buben fingen an, Wasser nach ihr zu spritzen, die Alte, blind vor Zorn, griff in die Tonne und warf einen Hagel rostiger Nägel und scharfer Eisenstückchen unter ihre Verfolger; darüber verlor sie das Gleichgewicht, glitt über den Rand des Bürgersteiges in den Straßengraben, und da sie den Strick, an dem sie den Wagen zog, fest um die Schulter geschlungen hatte, zerrte sie ihre Last sich nach und that sammt dem Wägelchen einen Fall in die Pfütze hinein, daß ihre Verfolger ein wahres Triumphgeschrei aufschlugen und selbst die ruhigen Zuschauer in den Häusern ein nicht eben menschenfreundliches Gelächter anstimmten.

Ich hatte das von Weitem mit angesehen. Als ich näher kam, war die Alte schon wieder auf den Beinen und eifrig bemüht, den Wagen sammt seiner Ladung wieder auf die Räder zu bringen. Sein Gewicht war aber für ihre alten Kräfte zu schwer, sie setzte umsonst vier, fünf Mal an, hochroth im Gesicht, während ihr das graue Haar wirr um die Schläfe flog, – endlich mußte sie es aufgeben, und das Herzeleid darüber und der Ingrimm über das schadenfrohe Hohnlachen der bösen jungen Brut setzten ihrem alten Gemüth so heftig zu, daß sie plötzlich die Schürze vor die Augen zog und in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach.

Es war jämmerlich, sie mit den nassen Lumpen so hülflos und desperat mitten in der überschwemmten Straße stehen zu sehn. Ich rief den größeren Buben zu, sie sollten sich schämen, das arme Weib auszuspotten, statt ihr zu helfen. Die junge Bande aber wollte selbst durch den Respect vor meiner Uniform sich nicht zum Mitleiden mit der alten Vogelscheuche bewegen lassen. Auch von den erwachsenen Zuschauern zeigte keiner die geringste Lust, bis an die Knöchel ins Wasser zu steigen, um einem Hadernweibchen seinen schmutzigen Kram wieder aufs Trockene zu bringen.

Ich weiß nicht, war es Aerger über die Herzenshärtigkeit der Menschen, oder verletzte Eitelkeit, daß meine Verwendung für die Hülflose so wenig Erfolg hatte, oder war ich an jenem Tage besonders »hülfreich, edel und gut«, – kurz, da die Alte fortfuhr, zu flennen, und die Umstehenden, zu lachen, besann ich mich nicht lange, sondern schwang mich aus dem Sattel, warf Balassa die Zügel über den Hals und machte mich, ohne ein Wort zu sagen, daran, das umgestürzte Fuhrwerk wieder aufzurichten. Da ich hohe Reitstiefel trug, kam ich auch damit zu Stande, ohne mir nasse Füße zu holen, und nach fünf Minuten stand die Lumpen-Equipage so sicher auf dem Bürgersteig, als ob ihr nie ein Unfall zugestoßen wäre. Das Schlimmste aber war noch zu überstehen: mich der Dankbarkeit der Alten zu entziehen, die, nachdem sie sich aus ihrer Verdutztheit herausgerissen, mit aller Gewalt sich an mich klammerte, um mir die Hände zu küssen und mir tausend »Vergelt's Gott!« zuzurufen. Ich mußte endlich mit zorniger Miene sie von mir losmachen und bereute nun fast meine gutmüthige Anwandlung, da das Nachspiel der Tragikomödie noch mehr gaffendes Publikum heranzog, als das Stück selbst. Hastig bestieg ich wieder mein Pferd und faßte eben die Zügel, als ich drüben auf der anderen Seite der Straße ein Paar bemerkte, das ebenfalls stehen geblieben war, um mir zuzuschauen: eine kleine, ältliche Dame in einem nicht gerade neumodischen, aber anständigen Anzug, von einem schlanken Fräulein am Arm geführt, deren Augen ich mit einem ganz eigenen Ausdruck auf mich gerichtet sah. Es war Etwas von träumerischer Schwärmerei darin, nicht Zärtlichkeit oder jungfräuliche Befangenheit, sondern wahrhaftig eine Art Andacht, als ob mein zufälliger Samariterdienst eine übermenschliche That gewesen wäre, die zu frommer Verehrung aufforderte, wie Sanct Georg's Besiegung des Lindwurms.

Sie können mir glauben, daß ich in diesem Augenblick das Hadernweibchen, den Wolkenbruch und meine eigene dumme Nächstenliebe zu allen Teufeln wünschte. Ich fühlte, daß ich bis in die Stirne roth wurde, biß mir auf die Lippen und drückte die Augen ein, und gab dabei meinem guten Thier so unsanft die Sporen, daß es plötzlich einen gewaltigen Satz that und mit dem hochaufspritzenden Wasser das alte Weib neben mir über und über besprengte.

Unter neuem Gelächter und Geschrei ritt ich davon und wagte nur an der nächsten Quergasse, in die ich einbog, zu den beiden Frauengestalten zurückzublicken. Sie standen noch immer auf demselben Fleck, die Aeltere sah vor sich hin, die Augen der Jüngeren waren mir gefolgt und begegneten den meinen; ich glaubte deutlich zu bemerken, daß auch ihr eine leichte Röthe über die Wangen flog, dann sprengte ich um die Ecke und war mit mir allein.

* *
*

Ein Vierteljahrhundert ist seit jenem Tage vergangen, aber noch heute ist mir das Gefühl jener Stunde und der Eindruck, den diese beiden Augen damals in mir zurückließen, so gegenwärtig, als läge nur eine einzige Nacht dazwischen. Ich weiß noch, wie es mir seltsam war, daß trotz des flüchtigen Moments, den die Erscheinung gedauert, gleichwohl alle Züge des Gesichts mir ganz deutlich in die Erinnerung eingegraben waren, die schöne Stirn, von kunstlosen Löckchen umgeben, die halbgeöffneten Lippen, zwischen denen es weiß vorblinkte, das gerade, unten zart abgestumpfte Näschen, und um das Alles herum die graue Kapuze eines leichten Sommermäntelchens, die das Gesicht mit einem reizenden Halbschatten übergoß. Nur die Augen und die Zähne leuchteten um so frischer daraus hervor.

Sie war nicht sehr groß, doch um einen Kopf größer, als ihre alte Begleiterin. Daß es nur ihre Mutter sein konnte, wußte ich gleichfalls mit völliger Sicherheit, obwohl die Züge der Alten den ihrigen nicht glichen. Ich war Beiden nie begegnet, so oft ich auch durch diese Vorstadt geritten war. Vielleicht aber wohnten sie auch nicht dort. Vielleicht waren sie Fremde, und dies erste Mal sollte auch das letzte sein, wo ich diesen stillen Augen gegenüber erröthete wie ein Cadett, der auf einem Schulstreich ertappt wird.

Wie ich die nächste Nacht geschlafen, ob ich von meiner schönen Unbekannten geträumt und am anderen Morgen Verse auf sie gemacht habe – ich war damals ein eifriger Reimschmied –, weiß ich mich nicht mehr zu erinnern. Es scheint aber, daß einige Wochen ohne ein weiteres Ereigniß vergingen und die Begegnung nach und nach ihre Macht über mich verlor, zumal all meine Recognoscirungen zu Fuß und zu Pferde in jener Vorstadt keinen Erfolg hatten. Da wollte es der Zufall, daß ich in einem ganz anderen Stadtviertel, freilich auch am Rande der Stadt, müßig umherschlendernd vor dem Schaufenster eines Photographen stehen blieb. Diese Kunst war damals noch sehr in den Windeln, und die bunte Gesellschaft höchst zweifelhafter Ebenbilder Gottes, wie sie uns jetzt hinter den großen Spiegelscheiben angrinst, nahm sich damals in den engeren Rahmen, mit gelblichem Teint und stark sichtbaren Retouchen, noch weit mehr wie eine Menagerie wunderlicher Thiere hinter ihren Käfichgittern aus.

Nun aber stellen Sie sich vor, wie freudig ich zusammenfuhr, als ich inmitten dieser gespreizten, geschniegelten, albernen und aufgeblasenen Philistervisagen mein Gnadenbild in der Kapuze entdeckte! Ich traute erst meinen Augen nicht. Ja, ich sah mich erschrocken um, als ob sie hinter mir stände und mir über die Schulter weg in dem Glase sich spiegelte. Aber sie war es, wirklich und wahrhaftig, dieselben großen, schwärmerischen Augen, nur der Mund geschlossen, ein wenig Roth mit unbeholfenem Pinsel auf die Wangen gestrichelt, die Löckchen leicht mit einem blonden Anhauch versehen, die Augen aber dunkel. Und sie trug auch im Bilde die Kapuze; sie mußte wissen, daß sie ihr besonders reizend stand, – ein Zug von Koketterie, der mir zu ihrer übrigen Erscheinung nicht recht zu passen schien. Indessen, sie war ein Mädchen, – mehr als zwanzig Jahre konnte sie nicht haben, – und am Ende war's eine unscheinbare Mode, und wer weiß, ob sie nicht zu arm war, um sich einen anständigen Hut zu kaufen.

Ich beschloß sofort, der Spur nachzugehen, und trat ins Haus. Es war ein vierstöckiges, neues Gebäude; in der obersten Etage wohnte der Photograph, der sein Atelier in einem Glasverschlag unterm Dach hatte. Erst als ich oben angelangt war und den Namen des Photographen auf dem Thürschilde las, besann ich mich, daß ich nicht wohl mit der Thür ins Haus fallen und geradezu nach dem Original jenes Bildes fragen konnte. Ich fühlte auch, daß ich dabei wieder roth geworden wäre, was mir doch allzusehr gegen meine Lieutenantsehre ging. Als daher auf mein Anläuten ein artiger junger Mann öffnete und nach meinem Begehren fragte, erklärte ich, daß ich ein Bild von mir machen zu lassen wünschte, worauf ich eiligst ins Innere der Wohnung eingelassen wurde.

Einen Augenblick fuhr mir's durch den Kopf: wenn es seine Frau wäre! Aber noch ehe ich Zeit hatte, diesen Gedanken als ganz widersinnig und unmöglich zu verbannen, kam mir schon die wirkliche Frau Photographin entgegen in Gestalt eines unansehnlichen, bleichwangigen jungen Weibes, das sich mit einem zweijährigen Knaben und einem Säugling schleppte und trotzdem in der Dunkelkammer ihrem Manne einen Gehülfen ersetzen mußte.

Die Leutchen waren Anfänger und in ihrem Handwerk noch nicht ganz sicher. Drei, vier Aufnahmen wurden gemacht, ehe das Bild glückte. Ich war aber mit dem Aufenthalt nicht unzufrieden. Um so besser konnte ich den Unbefangenen spielen, um ganz zuletzt, da ich mich schon zum Fortgehen anschickte, mit der Hauptsache herauszurücken.

Doch schien es, als ob ich die vier Treppen umsonst gestiegen sein sollte.

Er kenne die junge Dame nicht näher, erwiderte der Mann. Das Bild sei schon vor sechs Wochen gemacht, ein Exemplar abgeholt worden, ohne daß der Name genannt worden wäre. Jenes unten im Schaufenster habe er dann für sich selbst retouchirt, um mit dem hübschen Gesicht neue Kunden heranzuziehen.

Ob er mir keine Copie davon ablassen könne. Ich hätte eine Verwandte, die der jungen Dame so auffallend ähnlich sähe, daß ich mir einen Scherz damit machen möchte.

Der Mann wechselte mit seiner Frau einen Blick, dessen Bedeutung ich nicht verstand. Sie sagte ihm Etwas ins Ohr, er aber schüttelte eifrig den Kopf und wandte sich dann wieder zu mir mit der Erklärung, von einem Verkauf des Bildes könne nicht die Rede sein; er habe es dem fremden Fräulein heilig zuschwören müssen, mit ihrem Portrait keinen Mißbrauch zu treiben. Nur unter dieser Bedingung habe sie ihm erlaubt, das eine Exemplar unten auszustellen.

Ich merkte wohl, daß hier Nichts auszurichten war, da selbst meine Frage, ob die junge Dame überhaupt noch hier in der Stadt sei, nur mit einem Achselzucken beantwortet wurde. Aber eine gewisse geheimnißvoll-mitleidige Miene in dem Gesicht des jungen Weibes ließ mich nicht ein für alle Mal verzweifeln. Ich streichelte, um sie mir noch geneigter zu machen, ihre zwei kleinen Murmelthiere, lobte das Haus, das Atelier, selbst die Küche, an der ich vorbei mußte, und versprach, in einigen Tagen mein Bild abzuholen, nachdem ich meine Karte mit der Grafenkrone hinterlassen hatte.

Ich wartete aber eine Abendstunde ab, ehe ich die vier Treppen zum zweiten Mal hinaufstieg. Der Mann hat dann Feierabend gemacht und du triffst seine weichherzigere Hälfte allein, dacht' ich. Und in der That hatte ich richtig gerechnet.

Das gute Frauchen empfing mich gleich mit einer so beflissenen Freundlichkeit, daß ich merkte, ich würde diesmal leichteres Spiel haben. Ich hatte zum Ueberfluß eine Düte mit Bonbons für die lieben Kleinen mitgebracht, die großen Effect machte und mich als einen Biedermann legitimirte, dem man jedes Geheimniß unbedenklich anvertrauen könne. Kaum hatte ich also, nachdem ich mein eigenes, nicht gerade glänzend gerathenes Bild besichtigt, wieder ein ganz unschuldiges Wort von jenem Fräulein in der Kapuze fallen lassen, so sprudelte die Frau sichtbar erleichtert Alles heraus, was sie neulich schon nur mühsam hinter dem »Zaun der Zähne« zurückgehalten hatte.

Es sei eine rechte Thorheit von ihrem Mann, solch ein Geheimniß daraus zu machen. Versprochen habe er's freilich, den Namen nicht zu nennen; aber du lieber Gott, wenn Jemand dem Fräulein auf der Straße nachginge bis an ihr Haus, so käme er ja doch dahinter, und ein so anständiger junger Herr, wie ich, wie sollte der eine böse Absicht dabei haben? Und wenn er selbst von dem Bilde eine Copie besäße, was wäre dabei? Aber ihr Mann sei nun einmal in allen Stücken so gewissenhaft, und darum komme er auch zu Nichts, und wenn er sich nur ein bischen auf den Schwindel verlegte, wie seine Collegen –

Ich unterbrach den Redeschwall meiner Gönnerin mit der trockenen Frage, bei der mir aber das Herz stark gegen die Uniform klopfte, ob das Fräulein also doch keine Fremde sei, und – wo sie wohne.

Da lachte die Frau und machte eine Geberde gegen die Thür hin, durch die ich eingetreten war, daß ich mich erschrocken umsah, was ihre Lustigkeit noch vermehrte. Dann aber trat sie näher an mich heran und sagte, wie um es vor den Kindern geheim zu halten: Sie wohnt ja auf demselben Flur mit uns, drüben links von der Treppe; es ist ja die Tochter der Excellenz. Aber um Gotteswillen! wenn mein Mann eine Ahnung hätte – –

Ich hatte allerdings auf der Thür drüben ein kleines, porzellanenes Schild gesehen, aber mit einem sehr alltäglichen bürgerlichen Namen, der nicht nach einer Excellenz klang.

Fräulein Weber? fragte ich, immer erstaunter.

Husch! machte die Frau, indem sie den älteren Buben von ihrer Schürze wegdrängte. Nennen Sie keinen Namen, Herr Graf, der Bursch da ist schon gescheidter, als er aussieht, und wenn er dem Papa erzählt, von wem wir gesprochen haben –

Sie führte das Kind in ein Winkelchen, setzte es auf einen Schemel und gab ihm ein Bilderbuch in die Hand. Dann kam sie zu mir zurück.

Der Name auf dem Schild ist der Mädchenname der Excellenz, sagte sie halblaut. Hernach hat sie einen Adligen aus N. geheirathet, der eine große Figur in seinem kleinen Ländchen machte, noch ziemlich jung Minister geworden, aber nach ein paar Jahren gestorben ist. Da saß nun die Wittwe mit ihrem kleinen Mädchen, in sehr trübseliger Lage, eine Bürgerliche, ohne Vermögen, auf ihre Pension angewiesen, die nicht weit reichte. Und doch sollte sie standesgemäß leben. Sie zog sich aber ganz von der Gesellschaft zurück und verwandte Alles, was sie hatte, auf die Erziehung ihrer Louison (ich hörte den Namen mit neuem Herzklopfen), und es lohnte sich ihr auch. Denn das Fräulein – nie hab' ich eine feinere und gebildetere junge Dame gesehen, die dabei so einfach und lieb und gut geblieben wäre. Wie oft kommt sie so im Hauskleid zu uns herüber, natürlich nur, wenn ich ganz allein bin, und hilft mir in meinem Haushalt, oder besorgt den kleinen Unband da, und immer guter Laune, außer wenn es der Mama einmal besonders schlecht geht, da sie an Asthma leidet und manche Nacht vor Beklemmungen nicht schlafen kann. Frau Therese, sagt sie mir oft, wenn mein Mutterchen mir nicht Sorge machte, ich wüßte nicht, was ich noch wünschen sollte. Nun, erwidere ich dann, Fräulein Louison, Sie haben es doch besser gehabt früher, eh' Sie in unsere Stadt gezogen sind: die elegante Wohnung, die vornehmen Bekanntschaften, die schönen Toiletten. Glauben Sie das nicht, Frau Therese, sagt sie dann. Ich hatte es doch nie so gut, wie ich gern gewollt hätte; ich wußte, daß mein Mutterchen sich Sorgen machte, wie wir auf diesem großen Fuß Schritt halten sollten mit Reicheren. Erst seit sie sich entschlossen hat, hier ganz in der Stille zu leben, wo wir uns nicht zu schämen brauchen, wenn die Decke, nach der wir uns strecken müssen, einmal zu kurz ist –

Darum also haben sie ihren Namen verändert! warf ich ein. Aber warum nennen Sie sie denn noch immer Excellenz?

Ich hab's einmal auf einem Brief gelesen, der unter ihrem richtigen Namen hier ankam. Seitdem – Ehre dem Ehre gebührt; und wenn Sie die alte Dame kennten, würden Sie selbst sagen, daß die Excellenz ihr zukommt. Gar nichts Hoffärtiges freilich; auch sie tritt ab und zu einmal bei uns ein, um gute Nachbarschaft zu halten, wie sie sagt. Ich hab' ihr sogar einmal Unterricht im Photographiren geben sollen, angefangen hatten wir schon, denn wer kann wissen, was man noch einmal ergreifen muß, um sich durch das harte Leben zu helfen, sagte sie; dann aber wurde das Fräulein krank –

Fräulein Louison?

Ein Nervenfieber; es dauerte fünf ganze Wochen, bis sie wieder aufstehen konnte; sie hatte sich zu viel zugemuthet, das gute Kind, bis in die Nacht hinein an ihren Stickereien gesessen, die sie dann verkaufte, um es der Mutter zu erleichtern. Damals wurden ihr auch ihre schönen langen Haare abgeschnitten, so daß sie jetzt nur die Löckchen trägt, wie Sie es auf dem Bilde gesehen haben. Aber das hätten Sie miterleben sollen, die rührende Liebe der Mutter zu dem Kinde während der langen Krankheit: nicht Tag und Nacht von ihrem Bette, Nichts zu theuer und kostbar, was der Arzt gut fand zu ihrer Erquickung, und hernach, als es in die Reconvalescenz ging, hat sie, wie Fräulein Louison mir erzählt, ihren letzten Nothpfennig geopfert, um eine weite Reise ins Seebad mit ihrem Liebling zu machen. Wie sie davon zurückkamen, sah sie wieder bildhübsch aus; da beredete sie mein Mann, sich in der Kapuze aufnehmen zu lassen, und aus Freundschaft für mich hat sie es nicht abschlagen wollen. Aber sie leben jetzt fast noch eingezogener, als vorher; kaum daß sie Abends einmal zusammen einen kleinen Gang in die frische Luft machen, immer nur in den stillsten Straßen. O Herr Graf, Sie sind ein guter Menschenkenner, wenn Sie sich nach dem bloßen Bilde für das Fräulein interessirt haben. Es giebt keinen solchen Engel wieder auf der weiten Gotteswelt! Mein eigener Mann – ich hab' es ihm ins Gesicht gesagt, daß er in unsere Nachbarin verliebt ist, und daß ich es ihm auch fast übel nehmen würde, wenn er gegen einen solchen Ausbund von allem Lieben und Schönen gefühllos bleiben könnte. Wissen Sie, was er mir geantwortet hat? Ich könnte mich eben so gut in die sixtinische Madonna verlieben! Sie werden gestehen, Herr Graf, daß das ein bischen übertrieben ist. Zum Glück kenne ich das Fräulein besser; zu einer langweiligen Heiligen ist sie viel zu gut, und obwohl sie sagt, daß sie sich jetzt kein besseres Leben wünschen könne, ich wünsche ihr einen guten Mann, der recht schön und ritterlich und ihrer würdig wäre und sie auf den Händen trüge. Das aber weiß ich: der Beste wäre mir kaum gut genug für sie, und wenn sie Einen lieb hätte, so recht von ganzem Herzen, der müßte der glückseligste Mensch auf der ganzen Erde sein.

Ich war bei dieser langen Erzählung möglichst gelassen geblieben, obwohl mir beständig tausend Fragen auf der Zunge schwebten. Zum Schluß hatte ich nur ein einziges Gefühl: das eines brennenden Neides auf jenen Glücklichen, den dieses Mädchen dereinst »so recht von ganzem Herzen lieben« würde. Dies machte mich so verwirrt, daß ich nicht einmal bemerkte, wie viel Tröstliches in dem ganzen Betragen der guten Frau Nachbarin lag. Würde sie mir wohl all diese Geheimnisse vertraut haben, wenn sie mein Interesse an dem Fräulein als hoffnungslos angesehen hätte?

Ich war aber durch Alles, was ich gehört, so bestärkt in meiner wunderlichen Leidenschaft zu dieser kaum von Angesicht gekannten reizenden Person, daß mir zunächst Nichts daran lag, mein Verhör fortzusetzen. Ich wußte ja auch schon mehr, als ich hatte hoffen dürfen. Um mir nur für alle Fälle die Gelegenheit zu sichern, hieher zurückzukehren, dieselbe Treppe zu steigen und – wenn die Götter gnädig waren – vielleicht ihr selbst zu begegnen, bezahlte ich das eine Exemplar meines Bildes und bestellte ein zweites mit Farben, obwohl ich diese grelle Aufmunterung der Natur abscheulich fand. Gern hätte ich meine Vertraute gefragt, ob nicht für Geld und gute Worte auch das Bild von der Tochter der Excellenz heimlich zu erwerben wäre. Dazu aber fehlte mir der Muth; auch fürchtete ich, meine gute Sache durch ein allzu offenes Bekenntniß meiner Gemüthsverfassung zu verderben.

Aber ich hatte mein Theil; darüber konnte ich selbst nicht in Zweifel sein. Ich stand unten wohl noch eine halbe Stunde vor dem verhängnißvollen Schaufenster, und die leuchtenden dunklen Augen fachten die Flamme in mir zu immer tollerem Brande an. Als ich mich endlich losriß, um nach Hause zu gehen, lief ich in die Irre, wie wenn ein starker Wein meine Sinne umnebelt hätte.

Dergleichen hatte ich nie erlebt. Es war eine erste, übermächtige Leidenschaft, mit allen Chikanen, die für fremde und kühle Zuschauer den davon Betroffenen zu einem zugleich Beneidenswerthen und Erbarmungswürdigen machen.

Es versteht sich, daß ich Niemand ins Vertrauen zog, außer Balassa, die auf unseren einsamen Ritten mein Stöhnen und Seufzen mitanhören mußte und zu allerlei Selbstgesprächen der verrücktesten Art nachdenklich die Ohren schüttelte. Sie, lieber Freund, als ein alter Specialist in der Pathologie dieser Krankheit, werden nicht sehr neugierig sein nach den weiteren Symptomen. Daß ich mich an der Dichtkunst damals versündigte, hab' ich schon gebeichtet. Sie können denken, was ich nun erst für Papier verdarb. Meinen Kameraden fiel an mir Nichts auf. Sie hatten mich ja schon vorher für verliebt gehalten. Aber den Leuten, die in der Straße meiner heimlich Angebeteten wohnten, mußte wohl endlich die Sache nicht geheuer scheinen, da ich zu jeder Tages- und Nachtzeit vor dem Hause vorbeipatrouillirte. Nie sah ich das ersehnte Gesicht am Fenster. Nur zwei oder drei Mal begegnete ich Mutter und Tochter auf der Straße, wo sie in unscheinbarster Toilette, ohne mich zu beachten, an mir vorübergingen. Und eben so wenig Erfolg hatten die Besuche bei meiner photographischen Freundin. Den Mann fand ich noch zurückhaltender, als das erste Mal. Hatte er Etwas gemerkt und wollte bei seinem Cultus der sixtinischen Madonna keinen Anbeter neben sich dulden? Ich fand eine solche Eifersucht nur begreiflich; aber räthselhaft war mir die Veränderung seiner Gattin gegen mich, die jede Gelegenheit, mit mir vertraulich zu sprechen, sichtbar vermied und sogar einmal, wo ich sie, wie ich merken konnte, allein zu Hause traf, auf mein hartnäckiges Klingeln lieber nicht öffnete, als sich neuen Fragen nach ihrer Nachbarin auszusetzen.

Sie werden es nur begreiflich finden, daß ich mir dies als ein schlimmes Zeichen für meine Liebe deutete. Sie wird dem Fräulein von dir erzählt haben, dacht' ich; vielleicht in der guten Absicht, dir bei ihr Vorschub zu leisten. Die Antwort aber, die sie darauf bekommen, war so niederschlagend, daß sie nun das Herz nicht hat, auf das Thema dir gegenüber zurückzukommen. Gutes Weib! Sie hätte dir's gegönnt, jener »glückseligste Mensch auf der ganzen Erde« zu werden. Es hat nicht sollen sein; ein Anderer ist dir zuvorgekommen; vielleicht im Seebade, wo sie natürlich nicht immer nur in der Dämmerung, die Kapuze über die Stirn gezogen, sich hat können sehen lassen. Gieb das Spiel verloren und kehre von dieser Verirrung zu deiner alten Liebe, der treuen Balassa, zurück, bei der du keine Nebenbuhler hast!

Aber ich hatte gut vernünfteln! Diese Schwäche war stärker als ich. Den Gedanken, ihr zu schreiben; ihr mein ganzes Herz zu Füßen zu legen, verwarf ich freilich, so oft er in mir auftauchte. Ein solches dreiundzwanzigjähriges Lieutenantsherz hat – selbst ohne eine Grafenkrone, von der die Vergoldung abgeschabt ist, – gewiß seinen Werth für eine verschämte arme Jugend im vierten Stock; die Excellenz Mutter aber – was hätte die für Augen zu einem Bewerber gemacht, der das Schloß seiner Ahnen längst verlassen und nicht einmal Aussicht hatte, durch eine weiße Dame sich wieder zur alten Herrlichkeit aufzuschwingen?

Ich nahm mir also vor, diesen wahnwitzigen Traum in dem tiefsten Winkel meines Herzens zu verschließen, und empfand eine gewisse bitterliche Genugthuung darin, an andere berühmte platonisch Liebende zu denken, vor Allem an den armen Petrarca, der noch dazu seine Laura als Mutter von elf lebendigen Kindern hatte weiter lieben und unverdrossen besingen müssen, was ich freilich, da ich aus der lyrischen Poesie nicht Metier machte, nie übers Herz gebracht hätte.

* *
*

So verstrichen ein paar Monate.

Ich weiß nicht, wie ich sie überstanden hätte ohne den angestrengten Dienst und die Herbstmanöver, die mich auf ganze Wochen von der Stadt entfernten und wenigstens meinen Körper so in Anspruch nahmen, daß mich Nachts keine desperaten Träume heimsuchen konnten.

Als ich aber gegen Ende September in mein altes Stadtquartier wieder einrückte, merkte ich, daß ich um kein Haar gebessert war. Der erste Gang war natürlich wieder durch ihre Straße. Und richtig, das erste Gesicht, das mir darin begegnete, sie selbst, wieder mit der Mama.

Aber die Abwesenheit hatte mir doch genützt. Ich täuschte mich nicht, der Blick, mit dem sie mich streifte, war wärmer als je zuvor. Sie wurde sogar ein wenig roth, so viel ich im Helldunkel der Kapuze, die wieder nicht fehlen durfte, zu erkennen vermochte. Ein Ausdruck schlecht verhehlter froher Ueberraschung flog über ihr Gesicht: Du warst lange fort – gut, daß du wieder da bist! – deutete ich mir dieses Aufleuchten in ihren Augen. Im nächsten Moment freilich glaubte ich selbst nicht mehr an so viel Glück. Sie werden zugeben, daß ich für einen jungen Grafen und Lieutenant wenig Selbstvertrauen hatte.

Die Mutter sah mich nicht an. Ihr Blick war noch stiller und ernster als sonst auf die Erde gerichtet, und ihr gutes blasses Gesicht trug den Stempel eines schweren Kummers.

Von da ab nahm ich meinen täglichen zweimaligen Patrouillendienst in der Vorstadt wieder auf, Vormittags auf meiner treuen Balassa, gegen die Dämmerung zu Fuß.

Ich brauchte natürlich auch wieder Abdrücke meiner Photographie. Bei den Manövers macht man Bekanntschaften und verschenkt oder verspricht sein Conterfei. Ich stieg also die vier Stiegen des bewußten Hauses hinauf, mit einem Herzklopfen, wie ich es keiner feindlichen Batterie gegenüber mir zugestanden haben würde. Leider fand ich in dem Photographennest nur das Männchen; das Weibchen war mit den Jungen ausgeflogen, aufs Land zu Verwandten, wo sie eine Woche sich erfrischen wollten. Ich machte daher mein Geschäft schleunigst ab und hoffte, über acht Tage besseres Glück zu haben.

Wie ich eben wieder auf den halbdunklen Flur hinaustrat, wurde drüben bei der Excellenz die Thür geöffnet; ein großer, starker Herr, ein behaglicher Vierziger, verabschiedete sich auf der Schwelle sehr ceremoniös von der kleinen alten Dame, die ihm das Geleit gab und noch in der Thür mit halblauter Stimme zu ihm sagte: Verlieren Sie nicht die Geduld, Herr Justizrath! Ich hoffe, Sie bald wiederzusehen.

Der Besucher küßte ihr höflich die Hand, flüsterte Etwas, was ich nicht verstand, und ging dann, ohne mich zu bemerken, an mir vorbei die Treppe hinab.

Ich folgte ihm auf den Zehen und hatte Zeit genug, bei jeder Windung der Stufen ihn mir zu betrachten, zumal er sich nicht beeilte. Er machte sogar nochmals Halt, nahm den Hut von seinem dünnen Scheitel, trocknete sich mit einem seidenen Tuche die Stirn, obwohl von Sommerwärme Nichts mehr zu spüren war, und ich hörte ihn deutlich seufzen oder vielmehr keuchen. Mit dem Scharfblick der Verliebten hatte ich einen Feind meiner wahrlich sehr schüchternen Hoffnungen in ihm erkannt. Zwar, daß er ein Nebenbuhler sei, schien mir ganz undenkbar. Aber irgend Etwas wie ein Vormund – etwa gar der Vater irgend eines Zukünftigen – kurz, der Mann mißfiel mir in tiefster Seele, obwohl er ein leidlich gutartiges Aussehen hatte und jedenfalls nicht in der fröhlichsten Verfassung die Wohnung meiner heimlichen Liebe verlassen hatte.

Ich sah ihm auf der Straße noch eine Strecke nach. Wenn ihm vor meinen Augen irgend ein Unfall zugestoßen wäre, ich glaube, ich hätte es mit stiller Genugthuung geschehen sehen. Er war in sehr gewähltem Anzug, der ihn freilich nicht jünger, seine Corpulenz nicht anmuthiger machte. Unten sah er noch ein paar Mal zu den Fenstern der Excellenz hinauf. Das kümmerte mich nicht. Ich wußte nur zu gut, daß sie sich dort nie blicken ließ.

Dann verlor ich ihn aus den Augen; leider aber nicht aus dem Sinn. Er war ja auch der Erste und Einzige, den ich je die mir heilige Schwelle hatte überschreiten sehen. »Verlieren Sie nicht die Geduld!« – ein verwünschtes Wort! Was konnte Alles dahinter stecken? Wenn er sie nun verlor – was erfolgte dann? Und wenn er vollends sich geduldete, bis er seinen Zweck erreicht hatte – was drohte dann erst? Es war um toll zu werden.

Sie können denken, daß ich am folgenden Tage nur um so pünktlicher meinen Posten bezog. Vormittags ganz umsonst, wie gewöhnlich. Nachmittags aber – es war gegen sechs Uhr, der Himmel mit Wolken verhängt und die Luft schon recht dämmerlich – da sah ich, wie sich die Thür ihres Hauses öffnet und das geliebte Wesen, diesmal ganz allein, auf die Straße tritt. Das Kapuzchen schien mir noch tiefer ins Gesicht gezogen als sonst; ich konnte aber nicht genauer zusehen, da sie sich nicht mir entgegenwandte, sondern vor mir her die Straße hinunterschritt. Es war das erste Mal, daß ich so viel Glück hatte; ich schwor mir bei meiner Soldatenehre zu, dieses Glück zu benutzen, es komme darnach, was wolle. Das dumme Herzklopfen sollte mich wahrhaftig nicht verhindern, irgend einen Vorwand vom Zaun zu brechen und sie anzureden.

Ich beschleunigte auch tapfer meine Schritte; aber auch sie glitt so hurtig an den Häusern hin wie eine verflogene Schwalbe. Und eh' ich's mich versah, war sie in eine kleine Pforte getreten, die sich mit einem Glockenton hinter ihr schloß.

Im nächsten Augenblick stand ich vor dem Hause und sah nun, daß es ein Juwelierladen war, in den sie eingetreten. Es war noch dunkel drinnen; ich konnte durch das Schaufenster nur erkennen, daß sie vor dem Ladentische stand, hinter welchem der Goldschmied geschlafen zu haben schien, bis der Ton der Klingel ihn weckte. Nun hantirte er in dem Zwielicht herum; alsbald aber flackerte ein Gasflämmchen an der Decke des niedrigen Gewölbes auf, und ich sah nun die beiden Gesichter röthlich beschienen einander gegenüber.

Der alte Mann nahm allerlei Schmucksachen aus einem Schächtelchen, das sie ihm übergeben hatte, prüfte Eines um das Andere durch seine Loupe, wog ein paar Stücke auf seiner Handwage und schrieb Zahlen auf ein Schiefertäfelchen neben seinem Pult. Während der ganzen Zeit verwandte ich kein Auge von dem geliebten Gesicht. Ich hatte es nie so lange und deutlich vor mir gehabt; aber es konnte durch das sorgfältigste Studium nur noch gewinnen. Es hatte noch jene blühende Zartheit, die nach einer überstandenen schweren Erkrankung ein junges Gesicht so reizend zu machen pflegt; alle Formen sind feiner, und das Oval hat sich noch nicht ganz wieder gerundet. Aber es scheint dann ein viel reineres, süßeres Blut durch die Adern zu fließen, die Augen haben einen Glanz, wie wenn die Lebensflamme mit einem frischen Docht angezündet wäre, – verzeihen Sie dies unbeholfene Gleichniß – kurz, man braucht nicht verliebt zu sein, um ein solches Menschenantlitz liebenswürdig zu finden und eine Sehnsucht zu verspüren, so frische Lippen zu küssen.

Und nun all dieser Jugendreiz noch erhöht durch den scharfen Gegensatz einer tiefen Schwermuth, die jetzt die Augen überschattete und den rothen Mund seltsam zusammenpreßte! Ich erschrak, wie ich diesen Ausdruck bemerkte, der ihren Zügen sonst so fremd war. Seit wann war diese Verwandlung mit ihr vorgegangen? Wer hatte sie auf dem Gewissen? Die Mutter, die so gütig und sanft aus den Augen sah? Oder – jener verhaßte Besuch von gestern, der sich hatte gedulden sollen und vielleicht nicht länger gedulden wollte?

Ich war mit meinem Herumrathen noch nicht weit gediehen, als das Geschäft, das sie in das Lädchen geführt, schon beendet schien. Der Händler sprach mit ihr, ohne eine Miene zu verziehen, indem er auf die einzelnen Schmuckstücke hinzeigte. Ich sah, wie er, auf eine Frage, die sie that, die Achseln zuckte, abermals auf dem Täfelchen Zahlen schrieb und dann wahrscheinlich sein letztes Gebot machte. Ihr Gesicht war ganz in Purpur getaucht; dann aber erblaßte es, und sie nahm, ohne noch einmal die Lippen zu öffnen, eines der kleinen Sächelchen nach dem andern, um es in die Schachtel zurückzulegen. Dann neigte sie kaum merklich, mit einer stolzen Geberde, als ob sie Kronjuwelen davontrüge, den Kopf gegen den Goldschmied und verließ rasch den Laden.

Ich hatte kaum Zeit gehabt, mich hinter den Pfosten der nächsten Hausthür zu flüchten. Als ich mich wieder vorwagte, sah ich sie schon auf dem Rückweg nach ihrer Wohnung. Diesmal aber ging sie so langsam, als käme sie, einer großen Last wegen, die sie trug, nur mit Mühe von der Stelle. Ich blieb etwa ein Dutzend Schritte hinter ihr. Jetzt oder nie! sagte ich bei mir selbst. Es war ordentlich, als ob sie durch ihren zögernden Schritt mir Muth machen wollte. Aber seltsam: je weniger stolz und selbstgewiß sie dahinschwankte, je unentschlossener taumelte ich hinter ihr her. Ich wollte mir sogar einreden, es sei unritterlich, ihre offenbare Schwäche und Verstörung mir zu Nutze zu machen.

Da kam endlich ein kleiner Porticus vor einem ehemaligen Gartenhäuschen, das früher hier in lauter Gärten gestanden und jetzt in die Reihe der hohen Miethhäuser mit eingebaut war. Zwei hölzerne Säulen trugen einen flach vorspringenden dreieckigen Giebel, unter dem es völlig dunkel war. Hier blieb sie stehen, wie um sich zu sammeln und Athem zu schöpfen. Ich sah, daß sie ein Tüchlein aus der Tasche zog und, im Schutz der einen Säule sich unbemerkt wähnend, ihren Thränen freien Lauf ließ.

Das war zu viel für meine arme Seele. Ich trat hastig aber leise an sie heran, und indem ich mein Herz festhielt, das gewaltig hämmerte, sagte ich mit dem bescheidensten Tone:

Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich Sie anzureden wage. Es will mir scheinen, als ob ein plötzliches Unwohlsein – wenn Sie mir etwa gestatten wollten, Sie nach Ihrem Hause zu geleiten, – oder einen Wagen zu holen –

Sie war bei meinen ersten Worten zusammengefahren; ich sah, daß sie eine rasche Bewegung machte, ihre Augen zu trocknen; gleich darauf trat sie aus dem Schatten hervor und sah mir mit einem Blick ins Gesicht, der keine Spur einer Schwäche mehr verrieth.

Sie hatte offenbar eine schroffe Abweisung auf der Zunge. Nun aber erkannte sie mich, ihr Gesicht wurde ruhiger, sie brachte das Wort nicht über die Lippen, nur ein leises Kopfschütteln war die Antwort.

Sie machte Anstalten, ihren Weg fortzusetzen. Ich lief Gefahr, Alles wieder zu verlieren.

Nein, mein gnädiges Fräulein, sagte ich, leugnen Sie es mir nicht ab. Ich bin zufällig eine Strecke hinter Ihnen her gegangen und habe deutlich gesehen, daß Ihnen nicht wohl sein muß, daß Ihre Füße Sie mit Mühe tragen. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich Sie in diesem Zustande allein ließe. Mein Wort darauf, ich will Nichts als mich überzeugen, daß Sie ohne Unfall Ihre Wohnung erreichen. Wenn Sie es mir abschlagen, meinen Arm als Stütze anzunehmen, so lassen Sie mich wenigstens an Ihrer Seite bleiben, bis wir einer Droschke begegnen. Ich versichere Sie –

Ich kenne Sie nicht, mein Herr, unterbrach sie mich; es war das erste Mal, daß ich ihre Stimme hörte, eine sanfte, volle, etwas verschleierte Stimme, die meinem thörichten Herzen vollends den Rest gab. – Ich habe kein Mißtrauen in Ihre Absichten, aber – ich bitte Sie dringend, daß Sie mich allein gehen lassen. Die kleine Anwandlung ist schon vorüber. Sie sehen – und dabei lächelte sie mitten in ihrer Befangenheit mich an – es ist keine Gefahr für eine Ohnmacht – auch bin ich so nahe bei meinem Hause –

Sie hatte schon ein paar rasche Schritte gemacht, mir zu zeigen, wie sicher sie auf den Füßen sei. Jetzt blieb sie wieder stehen.

Leben Sie wohl mein Herr! Und bitte, bitte –

Dazu eine Geberde, ein Blick, denen nicht zu widerstehen war.

O mein Fräulein, stammelte ich, wenn Sie wüßten – wenn Sie nur zwei Augenblicke –

Ich war im besten Zuge, vor Verlegenheit tollkühn zu werden und ihr mitten auf der Straße die leidenschaftlichste Liebeserklärung an den Hals zu werfen. Sie aber, als wäre es sehr überflüssig, daß ich noch ein Wort hinzufügte, da sie vollkommen um mich Bescheid wisse, nickte mir zum Abschiede fast vertraulich, jedenfalls nicht unfreundlich zu, und mit einem: Gute Nacht, mein Herr! war sie davongeeilt, während ich halb beschämt halb beseligt zurückblieb und nicht wußte, wie mir geschehen war.

* *
*

Auch den Rest des Tages und die Hälfte des folgenden blieb ich in dieser Stimmung. Ihre weiche Stimme umklang mich, wo ich ging und stand, und schürte meine Leidenschaft. Dazwischen war es wie ein abkühlender Hauch, wenn ich mir wieder vorstellte, wie rasch sie aus der tiefsten Fassungslosigkeit in die vollste Selbstbeherrschung übergegangen war. Ich kannte die Frauen noch nicht; die Widersprüche, die sie in sich zu vereinigen wissen, ihre Schwäche dicht neben ihrer Stärke, ihre Ehrlichkeit neben der naivsten Unwahrheit – war nicht ihr erstes Wort »ich kenne Sie nicht« eine Lüge gewesen? – kurz, all das war mir neu und unheimlich. Lieber Himmel, wie oft habe ich ihr seitdem dies erste kühle Urtheil abgebeten! Erzieht man die armen Geschöpfe nicht von früh an zu einer künstlichen Reserve, einer ewigen Waffenbereitschaft gegen das Leben und die Männer, und will es ihnen dann übel nehmen, wenn die Besten selbst nicht ganz und gar Natur bleiben?

Auch kam ihr das wieder zu Statten, daß sie trotz eines leisen Tones von überlegener Schelmerei, mit dem sie mich abgewiesen, doch in allem Ernste stolz genug gewesen war, jede Annäherung fern zu halten, da sie mir nun einmal keine Hoffnungen erwecken durfte oder wollte. Daß hieran zum größten Theil Verhältnisse Schuld waren, die ich nicht kannte, daß ihr Herz nicht unfreundlich gegen mich gesinnt war, auch das hatte sie, wie ich mir einbildete, in den wenigen Worten und Blicken, die sie mir gegönnt, deutlich durchschimmern lassen.

Ich war also nicht weiter als vorher, eher zurückgeworfen, da ich eine ähnliche Gelegenheit nicht wieder benutzen konnte und sie selbst wahrscheinlich mehr auf ihrer Hut finden würde.

Und so verbrachte ich einen trübseligen Tag und eine Nacht voll der verworrensten Träume.

Wie ward mir daher zu Muth, als ich um Mittag des nächsten Tages durch die Stadtpost einen Brief erhielt, der auf Einen Schlag all meine bisherigen Vermuthungen über den Haufen warf.

Ich wurde darin aufs Höflichste ersucht, wenn es meine Zeit irgend gestatte, mich heute Nachmittag in dem bewußten Hause vier Treppen hoch einzufinden, da man in einer wichtigen Angelegenheit meinen Rath einzuholen wünsche.

Unterzeichnet war der Name der alten Excellenz, den sie jetzt führte, Frau Henrike Weber.

Eine wichtige Angelegenheit! – meinen Rath! – die Mutter selbst hatte mir geschrieben, mir, der doch ihr gegenüber als ein Wildfremder erscheinen mußte! Denn so oft wir uns begegnet waren: nicht zwei Mal hatte sie zu mir hinübergeblickt. Also mußte die Tochter von mir gesprochen haben, vielleicht auch die Frau Nachbarin, die jetzt freilich auf dem Lande war.

Der Kopf wirbelte, das Herz brannte mir. Ich war viel zu selig, um viel darüber nachzugrübeln, um was es sich handeln möchte. Ja, ich redete mir immer fester ein, es handle sich im Grunde um Nichts, als um einen Vorwand, meine Bekanntschaft zu machen. Meine schüchterne Bewerbung aus der Ferne, dacht' ich, wird endlich das Herz des holden Mädchens gerührt haben; sie hat es sich nachträglich verdacht, daß sie mich gestern so kurz abgefertigt, hat sich der Mutter vertraut, und diese, die ihrem Augapfel Nichts abschlagen kann, am wenigsten den Wunsch, einen so braven jungen Mann sich genauer anzusehen, – kurz, ich war im siebenten Himmel.

Gegen vier Uhr warf ich mich in meine Parade-Uniform und machte eine sehr umständliche Toilette. Balassa spitzte die Ohren, als ich zu dieser ungewöhnlichen Stunde in ihren Stall trat. Es war aber nur, um ihren Hals zu klopfen und ihr heimlich zuzuraunen, daß ich den wichtigsten Gang meines Lebens vorhätte. Ich gab ihr ein paar Stückchen Zucker, damit sie auch guter Dinge sei. Dann machte ich mich auf den Weg, den ich so oft in sehr melancholischer Stimmung gewandelt war.

Niemals hatten mich die vier Treppen so außer Athem gebracht. Ich mußte oben eine ganze Weile stehen bleiben, und meine Hand zitterte, als ich endlich die Glocke zog. Ich dachte, sie selbst würde mir entgegentreten. Statt ihrer aber öffnete mir die Mutter.

Sie haben befohlen, gnädige Frau – (ich hütete mich, zu verrathen, daß ich wußte, ihr gebühre eigentlich die Excellenz).

Sie begrüßte mich mit einem stillen Neigen ihres kleinen Kopfes, den eine einfache weiße Haube umrahmte.

Ich danke Ihnen, Herr Graf, daß Sie meiner Bitte Gehör gegeben, sagte sie, indem sie mich eintreten ließ. – Auch ihre Stimme hatte für mich einen eigenen Zauber, anders freilich als die ihrer Tochter; sie schien aus einer Brust zu kommen, die harten Druck im Leben hatte aushalten müssen, in der aber ein Herz schlug, das nicht umzubringen war, sondern seinen festen, sicheren Schlag behielt. So war auch ihr Gesicht: eines von denen, die mit den Jahren ganz Seele werden. Alles Leibliche schwindet hin; man kann sich keine Rechenschaft darüber geben, ob die Züge noch jung oder verfallen sind; Glanz der Augen und Spiel der Lippen sind Alles, worauf man achtet.

Ihre Gestalt war klein, wie ich schon erwähnt habe. Sie trug ein uraltes schwarzes Seidenkleid und seidene Halbhandschuhe an den feinen welken Händen.

Ich bitte, hier rechts hinein! sagte sie; damit öffnete sie mir die Thür und ging mir voran in ein niederes, aber geräumiges Zimmer.

Auf einem Stuhl an dem runden Tisch vorm Sopha saß, den Rücken gegen das Fenster gekehrt, eine schlanke Gestalt. In dem unsicheren Licht, und da mir das Blut gegen die Augen schoß, unterschied ich nicht sogleich die geliebten Züge, aber auch sonst kam mir die Erscheinung völlig anders vor: der Kopf zum ersten Mal frei, ohne die obligate Kapuze, der Wuchs in einem bescheidenen Hauskleide schlanker und doch voller; ich war sehr froh, daß ich noch eine Weile stumm bleiben und mich mit einer militärischen Verbeugung aus der Affaire ziehen konnte.

Auch sie sprach keine Silbe; sie fuhr fort, an ihrer Stickerei zu arbeiten, und nur sehr selten fühlte ich mich von einem raschen Blick ihrer schönen dunklen Augen gestreift.

Das Zimmer war anständig möblirt, der Stoff an den Sesseln und dem Kanapee freilich sehr verblichen, ein paar gute Kupferstiche hingen an den Wänden; am Fenster – das nicht auf die Straße, sondern auf ein Höfchen ging – stand ein kleiner Nähtisch und in einer Vase darauf ein frischer Asternstrauß, ein großer Messingkäfich mit einem Kanarienvogel auf der Commode daneben. Ich überflog das Alles mit einem halben Blick; das Geringste war mir merkwürdig, was Die umgab, die ich freilich am liebsten ganz allein betrachtet hätte. Ich mußte aber thun, als ob ich nur der Mutter wegen hier wäre.

Nehmen Sie Platz, Herr Graf, sagte die alte Dame, indem sie auf das Sopha deutete und sich selbst darauf niederließ. Meine Tochter zieht den Stuhl vor, wo sie mehr Licht zu ihrer Arbeit hat. Was haben Sie nur gedacht, daß eine ganz Unbekannte sich an Sie zu wenden wagte, Sie um Rath – und vielleicht auch um Hülfe zu bitten? Aber es giebt Lagen, in denen der gewagteste Schritt als der natürlichste erscheint. Und dann, wenn auch wir Ihnen fremd sind, Sie selbst sind uns nicht ganz unbekannt. Sie werden die kleine Scene freilich vergessen haben, die uns dazu verhalf, Sie kennen zu lernen, wenigstens von der Seite Ihres Charakters. Erinnern Sie sich des Abends nach dem Gewitter, wo Sie vom Pferde stiegen, um einer alten Lumpensammlerin beim Aufrichten ihres umgestürzten Karrens zu helfen? Wir waren zufällig Zeuginnen dieser Gutthat, und das hat uns nun so kühn gemacht, ohne Weiteres vorauszusetzen, daß Sie uns nicht mißverstehen würden, wenn wir an Ihre Nächstenliebe appellirten.

Oder vielmehr – denn ich will mich nicht besser machen, als ich bin – meine Louison ist auf den Gedanken gekommen. Ich selbst – wer so alt geworden ist, wie ich, und von Menschen so viel Bitteres erfahren hat, besitzt nur einen schwachen Glauben, daß Edelmuth und Großherzigkeit sich auch da bewähren, wo sie keine Zuschauer haben. Die Jugend ist noch gläubiger. Wie meine Tochter zufällig in diesen Tagen drüben bei unserem Hausnachbar Ihre Photographie entdeckte, sagte sie gleich: Mutter, das ist ein Wink des Himmels. Wir kennen Niemand in der ganzen Stadt, der uns vielleicht beistehen könnte. Dieser Herr –

O Mutter! unterbrach sie das Mädchen, das ihr glühendes Gesicht tiefer auf die Brust senkte.

Es ist nichts Unrechtes dabei, mein Kind, fuhr die Mutter fort. Warum soll ich es dem Herrn Grafen nicht sagen? Ich nehme ja alles Uebrige auf mich. Wie mir erst jeder Umstand wieder zu Sinne kam, schien es auch mir eine Fügung der Vorsehung, daß wir gerade jetzt an Sie erinnert wurden und Ihren Namen erfahren konnten. Und nun lassen Sie mich Ihnen, wie einem alten Freunde, Alles vertrauen, was ich sonst vor der Welt verborgen halte. Sie sehen eine sehr unglückliche Frau vor sich. Sobald ich Wittwe geworden – es sind jetzt fast vierzehn Jahre – habe ich keine Nacht durchgeschlafen, ohne von meinen Sorgen geweckt zu werden und stundenlang mich mit ihnen abzuringen. Mein seliger Mann hatte kein Vermögen. Da seine hohe Stellung ihn nöthigte, ein Haus zu machen, und er überdies einen großartigen Sinn und den Hang, freigebig Anderen wohlzuthun, besaß, reichte sein Gehalt nicht aus für all unsere Bedürfnisse. Aber erst nach seinem Tode erfuhr ich, wie schwere Verbindlichkeiten auf ihm lasteten. Ich habe Jahr für Jahr die Hälfte meiner nicht ansehnlichen Pension hingegeben, um das Andenken meines theuren Mannes von jedem Vorwurf zu entlasten. Es ging auch, denn es mußte gehen. Zumal seit ich hierher übergesiedelt bin, wo ich ganz im Dunkeln leben kann, keinerlei Ansprüche zu berücksichtigen habe, die sich an unsere frühere Stellung knüpfen. Und zwei einzelne Frauenzimmer, eine Mutter mit einem so guten, anspruchslosen Kinde –

Sie warf einen Blick der mütterlichsten Innigkeit auf die Tochter, deren Gesicht ganz auf die Arbeit gesenkt war, daß die weichen, dunkelblonden Locken sie wie mit einem Schleier ringsum einhüllten.

Nun, ich weiß wohl, daß ich sie böse mache, wenn ich sie lobe, fuhr sie dann fort. Und hat sie mir nicht auch den schwersten Kummer bereitet, das böse Kind? Während einer langen Krankheit, Herr Graf, die noch ihre Spuren zurückgelassen hat, – die Haare sind ihr noch nicht wieder gewachsen, ihr Kopf ist noch so empfindlich, daß sie keinen festen Hut leiden kann und immer in der Kapuze ausgehen muß, – o welche Tage und Nächte hab' ich durchgemacht! Ich wußte es ganz bestimmt, ich würde die Kraft nicht gehabt haben, mein einziges Glück zu überleben, ob es auch für eine Sünde gelten mag, solche Gedanken zu hegen. Dann wurde die Gefahr noch einmal abgewendet; sie erholte sich zusehends, wenn auch langsam genug; auch ich lebte wieder auf. Aber Sie begreifen wohl, daß diese furchtbaren Monate meine Mittel völlig erschöpften. Es war natürlich vorbei mit aller Einschränkung. Wer sein eigenes Leben nicht geschont und zu Rath gehalten hätte, um sein Theuerstes zu retten, wie hätte der an andere armselige Rücksichten denken können! Der Arzt hielt eine Badereise für nothwendig; also mußte dazu Rath werden. Da zum ersten Mal hab' ich Schulden gemacht, nachdem ich so lange nur Schulden abgetragen hatte. Ich war ganz unerfahren, wollte mich Niemand anvertrauen und gerieth in Hände, die aufs Schmählichste meine Roth mißbrauchten. So ist es jetzt gekommen, daß in wenigen Tagen ein Wechsel fällig wird über mehrere Tausend Gulden. Der Gläubiger, den ich umsonst zu einem menschlichen Abkommen, zu einer Abzahlung in Raten zu bewegen versucht habe, droht mit Wechselarrest, wenn die ganze Summe nicht pünktlich am Verfalltage zurückgezahlt wird. Und nun, Herr Graf, nun will es das Unglück, daß ich ein eigensinniges Kind habe, welches eher sein eigenes Leben hingeben würde, als dulden, daß die Mutter –

Mutter, unterbrach sie jetzt das Mädchen, das plötzlich die Arbeit wegwarf, zu der alten Frau hinstürzte und sie leidenschaftlich in die Arme schloß. Ich kann nicht schweigen, wenn du nicht Alles sagst, wie es sich wirklich verhält: daß dein Leiden es dir unmöglich machen würde, in der Luft einer engen Gefängnißzelle auch nur eine Nacht auszuhalten, selbst wenn ich herzlos genug wäre, dich für Etwas büßen zu lassen, wozu ich ja der Anlaß war. Entschuldigen Sie, daß ich mich einmische, Herr Graf. Aber die Mutter soll nicht Alles auf sich nehmen. Es ist auch nicht wahr, daß es ihr leicht geworden, sich an Sie zu wenden. Hätte mir nicht die Frau des Photographen, die Sie näher kennen wollte, zufällig von Ihnen erzählt, hätte ich nicht gewußt, daß es sich um das Leben meiner liebsten Mutter handelt, ich selbst hätte es nicht über meinen Stolz gebracht, ihr zuzureden. Aber ich dachte mir: wenn Sie wirklich helfen können, so werden Sie sich uns gegenüber so wenig besinnen, wie damals bei der alten Frau. Können Sie aber nicht, nun dann, sagt' ich, haben wir Nichts gethan, was uns in Ihren Augen erniedrigen könnte. Wir selbst würden ja unbedenklich Jedem helfen, so weit es in unserer Macht stünde, und wenn die Summe noch so groß ist –

Sie ist freilich groß, nahm die Mutter wieder das Wort. Aber wir können Ihnen doch einige Sicherheit geben. Es lebt noch ein Bruder von mir, zwar selbst in engen Verhältnissen, mit einer kränklichen Frau, doch ohne Kinder. Louison ist ihre einzige Erbin, und wenn diese Aussicht auch fern sein mag und nicht gerade glänzend, so viel ist jedenfalls vorhanden, daß früher oder später ein Gläubiger, der ein menschliches Herz hätte und warten könnte –

Meine theure gnädige Frau, stammelte ich, da ich es endlich nicht länger ertragen konnte, all diese rührenden Bekenntnisse hinzunehmen, als ob ich den besten Anspruch darauf hätte, – Sie glauben nicht, wie schmerzlich es mir ist, daß ich Ihnen nicht längst ins Wort fallen konnte und sagen: gebieten Sie über mich unumschränkt und zu jeder Zeit. Aber Ihr großes Vertrauen, das ich Ihnen ewig danken werde, fordert ein gleiches Vertrauen von meiner Seite. Sehen Sie, so und so ist meine Lage – und nun schilderte ich ihr meine Verhältnisse ohne jeden Rückhalt, die Unmöglichkeit, mich an meinen Oheim zu wenden, die ganze Armseligkeit meiner gräflichen Existenz, meine heimlichen Grübeleien, wie ich am besten »ins Volk gehen« und aus dem Druck dieser falschen Lage herauskommen könnte.

Dies Alles mußte ich Ihnen mittheilen, schloß ich endlich, um Ihnen zu erklären, warum ich nicht sofort mit einer einzigen Zeile an meinen Banquier Sie jeder Sorge überheben kann. Damit ist aber Nichts weniger gesagt, als daß ich nicht dennoch zu helfen hoffe. Was ich nicht habe, haben Andere. Lassen Sie mir nur vierundzwanzig Stunden Zeit, und ich glaube Ihnen fast mit Bestimmtheit versprechen zu dürfen –

Nein, Herr Graf, unterbrach mich die kleine Dame mit bebender Stimme, indem sie mich aber fest anblickte; was Sie uns anvertraut haben, ändert die Sache völlig. Wir büßen jetzt unsere Unbesonnenheit, daß wir uns nicht sorgfältiger erkundigt, sondern der Aussage der Nachbarin, daß Sie ein reicher Majoratsherr seien, aufs Wort geglaubt haben. Jetzt aber – wie würde ich es mir je verzeihen können, Sie zu Schritten veranlaßt zu haben, die für Ihre eigene Zukunft verhängnißvoll werden könnten? alles Peinliche unserer Lage auf Sie hinüberzuwälzen? Ihre Frau Mutter lebt nicht mehr. Sie müssen mir schon erlauben, in diesem Fall ihre Stelle bei Ihnen zu vertreten und Sie von leichtsinniger Großmuth zurückzuhalten. Wenn Sie selbst nun einem Gläubiger gegenüberständen, der Ihre ganze Carrière zu zerstören drohte, und ich müßte mir sagen – nein, es ist unmöglich! Nicht wahr, Louison? Er soll, er darf nicht! Er muß uns sein Ehrenwort geben, daß er jeden Gedanken fahren lassen will, sich selbst ins Verderben zu stürzen, um uns zu retten.

Sie war aufgestanden, hatte sich mir genähert und meine Hand ergriffen. Sie werden vernünftig sein, sagte sie mit Nachdruck, und meinen Willen ehren. Was nützte es auch? Glauben Sie, daß ich das Geld annehmen würde, das Sie, vielleicht um Wucherzinsen, von irgend einem dienstfertigen Seelenverkäufer auf Ihre Offiziersehre geliehen hätten? Nie und nimmermehr! Eher das Aeußerste, Louison; eher wirst du selbst dich mit dem Gedanken aussöhnen, mich eine Zeitlang zu entbehren. Ich bin ja zum Glück ein alter, gebrechlicher Mensch, der Himmel wird ein Einsehen haben –

Ich wagte es, während sie eifrig in dieser Weise fortsprach, das theure Mädchen anzusehen. Sie stand unbeweglich am Tische; ihre kleinen Hände waren so wachsbleich wie ihr Gesicht, die Augenlider verbargen ihre Augen völlig, der Mund war halb geöffnet, und ihr Busen arbeitete sichtbar, als ob sie zu ersticken fürchtete.

Plötzlich schlug sie die Augen wieder auf.

Sei ruhig, liebe Mutter, sagte sie mit sanfter Stimme. Der Herr Graf wird uns sein Wort darauf geben und uns auch versprechen, daß er die ganze Sache vergessen will. Es war ja nur eine Anfrage. Wir haben ein paar Tage Zeit, bis dahin kann noch viel geschehen, worauf wir jetzt nicht rechnen. Und dann, du weißt ja: im schlimmsten Fall –

Sie stockte. Ich sah, daß ihr die Augen feucht wurden.

Ich stand auf. Ich glaubte, daß ich dies peinliche Beisammensein nicht nutzlos verlängern dürfte. Nehmen Sie nochmals meinen innigsten Dank, sagt' ich, daß Sie mich wie einen Freund betrachtet haben. Ihr Vertrauen hat sie wahrlich nicht betrogen. Ich verspreche Ihnen, daß ich keinen Schritt thun werde, den Sie mißbilligen könnten. Aber ich bin durchaus nicht hoffnungslos, trotz alledem noch einen Ausweg zu finden. Ueberlassen Sie sich keiner verzweifelten Stimmung. Morgen Abend hoffe ich Ihnen über einen günstigen Erfolg meiner Bemühungen berichten zu können.

Ich trat auf die Mutter zu und küßte ihr die Hand. Gegen die Tochter verneigte ich mich, ohne daß ich bemerkt hätte, ob Sie meinen Abschiedsgruß erwiderte. Dann nahm ich meine Dienstmütze und verließ rasch das Zimmer.

* *
*

Das Herz brannte mir, als ich auf die kühle Straße hinaustrat. Ich war so erregt, als wäre mir eben ein ganz überschwänglich hohes Glück beschert worden. Nur als Knabe hatte ich ähnliche Empfindungen erlebt, etwa wie ich zum ersten Mal die Geschichte vom Schloß in der Höhle Xara gelesen, oder von Aladin's Wunderlampe, und in meiner Phantasie all die unterirdischen Zaubergärten durchwandelt hatte, deren Früchte von Smaragd und Rubin waren.

War es nicht auch wie ein Märchen, daß diese edle, unglückliche Frau ein so unumschränktes Zutrauen zu mir gefaßt, daß sie so mütterlich zu mir gesprochen hatte? Und die Tochter –? Und daß Alles, was ich mir aus der Ferne von ihrem reizenden Wesen vorgestellt, durch die nächste Nähe so vollkommen bestätigt, ja hundertmal überboten worden war? Ihre Noblesse, ihr Zartgefühl, dann wieder ihr unbefangener Glaube an die Menschen, an mich – die Geringschätzung des armseligen Geldes, aus dem die Meisten etwas so Wichtiges, ja eine Ehrensache machen, – ich wurde nicht müde, mir jedes ihrer Worte zu wiederholen, und dabei stand die schöne Gestalt, das zarte Gesicht immer vor meinen Augen, und ich lief wohl ein paar Stunden lang auf und ab, ehe ich mich besinnen konnte und mir sagen, daß es mit diesen himmlischen Gefühlen nicht gethan sei, daß diese vortrefflichen Menschen in Noth und Gefahr schwebten und ich versprochen hatte, auf Hülfe zu denken.

Auch jetzt aber ließ ich mich noch nicht niederschlagen. Mein erster Gedanke war an einen Kameraden im Regiment, von dem wir wußten, daß er sehr reich und völlig unabhängig war. Ich hätte mir eher die Zunge abgebissen, als in eigenen Angelegenheiten seine Börse in Anspruch zu nehmen, da mir seine Natur nicht sympathisch war. Aber um zwei schutzlose, bedrängte Frauen aus der Gewalt eines Wucherers zu befreien, konnte ich ihm wohl das Wort gönnen.

Es bekam mir schlecht. Er hörte mich mit einer verwünscht überlegenen Kälte an und lockte mir das ganze Abenteuer – natürlich ohne die Namen – von der Zunge. Höre, sagte er dann, die Geschichte scheint mir nicht sauber. Ich fürchte, deine lebhafte Phantasie und dein gutes Herz spielen dir da einen bösen Streich. Solche Mütter mit solchen Töchtern – ich kann dich aus Erfahrung versichern, daß sie gar nicht selten sind. Auch ist gewöhnlich so ein bequemer, kinderloser Onkel bei der Hand, dessen Vermögen als Sicherheit aus der Ferne gezeigt wird. Hast du dich schon bei der Polizei nach den Dämchen erkundigt? Du solltest doch, ehe du dich weiter engagirst –

Ich fühlte, daß mir das Blut zu Kopfe stieg. Und doch, da er sie nicht kannte und seine Warnung ganz im Allgemeinen hielt, durfte ich mich nicht beleidigt fühlen. Aber es war mir unmöglich, weiter mit ihm zu verhandeln. Ich brach also kurz ab, dankte ihm für seinen guten Rath, der freilich nicht theuer sei, und ging zähneknirschend meiner Wege.

Sie werden es begreiflich finden, daß trotz meines Idealismus, meiner Leidenschaft für Louison und Verehrung für ihre Mutter ein sehr häßlicher Nachklang von dieser ersten Expedition mich verfolgte. Ich zweifelte nicht sowohl an der Güte meiner Sache, als an der Möglichkeit, Andere davon zu überzeugen. Und es ist immer ein schnödes Gefühl, den Klingelbeutel zu schwingen, und vollends niederträchtig, wenn er leer bleibt.

Ich ertrug das nicht. Ich beschloß, auf jede fremde Hülfe zu verzichten. Eines blieb noch: ich hatte einigen Freunden seit Jahren ab und zu Geld geliehen, es machte zusammen ein hübsches Sümmchen. Dazu wollte ich jetzt meine Zuflucht nehmen. Schulden eintreiben kommt freilich gleich nach dem Betteln. Aber Noth brach Eisen.

Und als Letztes versparte ich mir Etwas auf, was mich noch härter ankam: ich wollte auf meinen einzigen Luxus verzichten, mich von Balassa trennen und hinfort mit einem geringen Dienstgaul vorlieb nehmen. Ich wußte Jemand, der mir noch vor Kurzem einen ganz annehmbaren Preis für das Thier geboten hatte. Wenn ich Alles zusammenrechnete – nein, die Wechselsumme wurde freilich nicht erreicht, aber es ließ sich doch vielleicht ein anständiges Abkommen damit erlangen.

Ich will Sie nicht mit all meinen Geschäftsgängen langweilen, die den Rest dieses Tages und den ganzen folgenden in Beschlag nahmen. Genug, daß natürlich Alles weit unter meinen Erwartungen blieb, meine Schuldner entweder nicht bei Kasse, oder verreist, oder nur zu Abschlagszahlungen bereit waren, und daß jener Liebhaber, als ich ihm das Pferd antrug, ebenfalls sich seines früheren Gebots nicht entsinnen wollte und mich mit einem viel bescheidneren Kaufpreis abfand, den mein Liebling nur gerade unter Brüdern werth sein mochte.

Dies Alles hatte mich verstimmt, gereizt, hin und her getrieben, und doch war der ganze Erfolg kaum ein Viertel von dem, was ich bedurft hätte. Ich wartete auch noch immer ins Ungewisse hinein, ich dachte, es müsse von irgend einer Seite her noch eine Hülfe kommen. Erst als die letzte Briefpost vorüber war, entschloß ich mich, den Gang zu meinen Damen anzutreten, um wenigstens zu zeigen, daß ich mein Möglichstes gethan.

Ich stieg schwermüthig und bange die Treppe hinauf; ich fürchtete mich vor dem ersten Schrecken der Enttäuschung, wenn ich ihnen gegenüber träte und nicht ausrufen könnte: wir haben gesiegt! Es kam aber Alles sehr anders, als ich gedacht hatte.

Ein Flurlämpchen, das sonst gefehlt hatte, zeigte mir vom vierten Stock herunter den steilen Weg. Ich wurde also noch erwartet, obwohl es schon sieben Uhr war. Und auf den ersten Ton der Klingel hörte ich einen raschen Schritt durch den kleinen Vorplatz, und sie selbst, meine Louison, öffnete mir die Thür.

Ich war nicht darauf gefaßt, und meine Verwirrung ließ mich verstummen. Sie aber reichte mir mit der entzückendsten Herzlichkeit die Hand und sagte: Schön, daß Sie kommen. Die Mutter glaubte schon, Sie hätten unser Betragen Ihnen gegenüber mißdeutet. Kommen sie herein. Sie ist heute leider sehr angegriffen; der Hustenanfall in der letzten Nacht dauerte fast eine Stunde, und alle Mittel erschöpfen sich endlich. Und in diesem Zustande muthet sie mir zu, sie ins Gefängniß gehen zu lassen! Ich! Diese Mutter!

Ich stotterte ein paar Worte und drückte dabei die weiche Hand, die sie mir einen Augenblick überließ. Dann traten wir in das Zimmer, das mir seit gestern so lieb und vertraut geworden war, als hätt' ich meine halbe Jugend darin zugebracht.

Es sah noch freundlicher aus bei der Lampe, die hoch und von glänzendem Metall war, eine Reliquie aus der Zeit der Excellenz. Die Mutter saß im Sopha, neigte sich mir freundlich entgegen und sagte, mir die Hand reichend: Sie müssen heut mit mir Nachsicht haben. Die gestrige Unterredung hat mich mehr, als gut war, erschöpft. Ich will heut Louison statt meiner plaudern lassen. Es ist aber sehr, sehr freundlich, daß Sie wiederkommen.

Erlauben Sie mir nur erst das Geschäft abzumachen, sagte ich, indem ich eine kleine Brieftasche auf den Tisch legte. Hier ist Alles, was ich habe zusammenbringen können; es reicht nicht hin, ich weiß es wohl, aber zu einer Abschlagszahlung, durch die Sie eine Prolongation erkaufen können, ist es immer ansehnlich genug, und damit Sie jede Sorge fahren lassen, als ob ich dadurch in Verlegenheit käme, lassen Sie mich Ihnen sagen –

Und nun berichtete ich, welche unverfänglichen Finanzoperationen mir zu dieser Summe verholfen.

Als ich fertig war, wagte ich, da Alles stumm blieb, zuerst die Mama anzusehen, dann meine Geliebte. Die alte Dame hatte Thränen in den Augen, Louison saß wie ein Marmorbild. Aber diese peinliche Stille dauerte nicht lange; dann reichte mir die Mutter beide Hände über den Tisch, hielt meine Hand eine ganze Weile darin fest und drückte sie wieder und wieder.

Lieber Freund, sagte sie, – verzeihen Sie, wenn mir der Herr Graf nicht mehr über die Lippen will, – Sie sind – und nun folgte ein langes Lob meiner aufopfernden Freundschaft, das ich vergebens abzuschneiden suchte. Gut, sagte sie endlich, reden wir nicht mehr davon, aber auch sonst nichts mehr von Geschäften heut. Unsere Angelegenheit, – und dabei blickte sie auf die Tochter, die ich von einem plötzlichen kalten Schauer erzittern sah, – die schlimmste Gefahr ist inzwischen auf andere Weise, auch durch eine aufopfernde Handlung, abgewehrt worden. Nehmen Sie Ihre Brieftasche wieder zu sich; Ihr Pferd müssen Sie um jeden Preis wiederzuerlangen suchen, es paßt auch so gut zu Ihnen; ich sehe Sie noch, wie Sie damals durch die überschwemmte Straße davonsprengten. Und jetzt machen Sie uns die Freude, eine Tasse Thee bei uns zu nehmen; wir wünschen unseren jungen Freund, dem wir seit vierundzwanzig Stunden schon so unaussprechlich verpflichtet worden sind, nun auch von anderer Seite kennen zu lernen, als von seiner ritterlichen. Kommen Sie! Setzen Sie sich wieder neben mich aufs Sopha. Ich fange an, schwerhörig zu werden; es mag mit meinem Asthma zusammenhängen.

Ich konnte nur mühsam mein Erstaunen verbergen über die völlig verwandelte Tonart und Stimmung, der ich heute begegnete.

Louison erhob sich, um Alles zum Thee bereit zu machen. Eine kleine silberne Theemaschine, alles übrige Geräth höchst sauber und solid, das Tischtuch von schwerem, freilich sehr fadenscheinigem Damast, das Geplauder der alten Dame, im Käfich das unruhige Hin- und Herflattern des Vogels, den die fremde Männerstimme aus seinem ersten Schlaf aufgestört hatte, dazu das leise Kommen und Gehen des schönen Mädchens, das ich nur verstohlen zu betrachten wagte, – Alles war mir wunderlich traumhaft, wenn ich dazwischen mich einmal besann, was wir gestern hier verhandelt hatten und mit wie schwerem Herzen ich heute hieher zurückgekehrt war.

Doch brachte der summende Kessel und die liebliche Stimme meiner Geliebten auch mich endlich in ein unbefangenes Behagen, daß ich alle Scrupel und Sorgen von mir warf und mich dem Reiz des Augenblicks hingab.

So jeden Abend zuzubringen, neben dieser trefflichen Frau, gegenüber diesem holdesten Geschöpf, als zu ihnen gehörig, als Freund, Sohn, – Gatte! – ich wurde so von Freude überströmt bei diesem Gedanken, daß ein jugendlicher Uebermuth, wie er mir lange fremd gewesen, in meinen Reden und auch wohl in Blicken und Geberden sich Luft machte, als wäre dem Thee, den ich trank, ein berauschender Zaubersaft beigemischt gewesen, der mich weit über mich selbst hinaus hob. Ich achtete es kaum, daß die Mama stiller und stiller in sich selbst versank. Ich richtete das Wort ganz unverhohlen an die Tochter, deren Gesicht von einer geistreichen Heiterkeit zu leuchten begann. Sie wurde von meiner Lustigkeit angesteckt; wir sprachen über die geringfügigsten Dinge mit unerschöpflicher Munterkeit und lachten ein paar Mal so laut, daß der Kanarienvogel in ein nervöses Schmettern ausbrach.

Louison stand auf, ein Tuch über den Käfich zu hängen. Ich weidete meine Augen an ihren raschen, schmiegsamen Bewegungen, an der Grazie ihres Wuchses. Sie trug dasselbe höchst einfache Kleid wie gestern; es war vorhin zur Sprache gekommen, daß sie sich jedes Stück ihrer Toilette selbst verfertige. Draußen sah der Himmel mit glänzenden Sternen zu dem offenen Fenster herein, und der Wind, der noch eine stürmische Nacht verkündigte, sauste um das Haus. Ich hörte die Uhr vom nächsten Kirchthurm schlagen, aber ich hütete mich wohl, zu zählen; es schien mir unmöglich, mich jetzt schon loszureißen, vielleicht auf Nimmerwiedersehen.

Da, als Louison sich eben wieder zum Tisch zurückwendete, wurde die alte Dame von ihrem Husten überfallen, so heftig, daß ich erschrocken aufsprang und nach der Tochter blickte, was nun geschehen solle. Denn es sah aus, als ob der Brustkrampf jeden Augenblick eine Erstickung herbeiführen müsse, und das Herz blutete mir, wie ich die verehrte Frau in so hülfloser Qual sich winden sah. Zum Glück ging der Sturm rasch vorüber; aber nun ruhte sie wie an allen Gliedern gebrochen in ihrer Sophaecke, die Augen geschlossen, die entfärbten Lippen leise bewegend, wie zu einem Gebet um Erlösung.

Wir blieben wohl fünf Minuten so lautlos einander gegenüber. Dann raffte die Leidende sich zuerst wieder auf.

Ich muß Ihnen gute Nacht sagen, hauchte sie. Nach solchem Unfall bin ich zu Allem unfähig. Aber lassen Sie sich noch nicht verscheuchen. Mein Kind wird mich zu Bett bringen – ich bedarf dann nichts weiter – es ist ja auch noch früh – gute Nacht, lieber Freund!

Sie erhob sich, von Louison unterstützt, winkte mir mit der zitternden Hand einen letzten Gruß zu und verschwand am Arme ihrer Tochter im Nebenzimmer.

Ich blieb in der seltsamsten Stimmung zurück. Ich sollte noch nicht gehen, die Mutter selbst hatte es mir befohlen, und freilich sehnte ich mich mit allen Fasern meines Herzens nach einem Wort unter vier Augen mit meiner Angebeteten. Aber wie wunderlich, daß die alte Dame, die doch die Formen der Gesellschaft kannte, mich selbst zurückhielt. Vielleicht hatte die Tochter mir noch Etwas zu vertrauen, was die Mutter sich auszusprechen scheute; vielleicht die Auflösung des Räthsels, wie nun seit gestern die Lage der Dinge so ganz verwandelt worden war.

Mein Grübeln währte aber nicht lange, da kam sie wieder herein und sagte mit leiser Stimme, nachdem sie die Thür hinter sich sacht zugedrückt hatte: Sie schläft schon. Es ist heute gnädig abgegangen, und die Erschöpfung hat sie gleich einschlummern lassen. Aber Sie halten sich so lange auf –

Es ist ja noch früh – wiederholte ich die Worte der Mutter. Wenn Sie nicht müde sind –

Sie antwortete nicht, sondern machte sich daran, den Theetisch abzuräumen, während ich mit klopfendem Herzen stumm an dem Sessel lehnte und ihr zusah. Als die Lampe wieder allein auf dem Tische stand, holte sie den Korb mit ihrer Stickarbeit herbei und setzte sich wieder auf ihren Platz. Ich beobachtete sie, ohne sie geradezu anzusehen. Ihre Wangen waren sehr blaß, ihre niedergeschlagenen Augen glänzten unter den langen Wimpern hervor, der schöne rothe Mund zitterte ein wenig.

Um nur die Stille zwischen uns zu verscheuchen, die mir die Kehle zuschnürte, fing ich von der Krankheit der Mutter an. Sie antwortete scheinbar unbefangen auf meine Fragen. Es habe sich langsam vorbereitet, die Aerzte zuckten die Achseln, seit Jahr und Tag hätten sie sich mit alten Hausmitteln durchgeholfen, das einzig wirksame jedoch sei die frische Luft, darum schlafe die Mutter auch Sommer und Winter bei offenen Fenstern.

Und Sie, mein Fräulein? Ertragen Sie denn auch diese Temperatur?

Ich? erwiderte sie stockend. Nein, mich würde es krank machen. Ich lasse nur die Thür in der Nacht angelehnt und schlafe dort, auf dem Sopha.

Sie bückte sich über ihre Arbeit. Ich sah aber, daß sie bis in die Schläfen roth geworden war.

Wie es dann kam, was ich sagte, was sie erwiderte, weiß ich nicht mehr. Ich hatte meinen Stuhl dem Sopha gegenüber dicht neben den ihren gerückt und meinen Kopf gleichfalls, wie um die Stickerei zu betrachten, nahe an ihre Locken hin gesenkt. Louison! flüsterte ich; was haben Sie aus mir gemacht! Wissen Sie denn, daß ich seit Wochen und Monaten keinen anderen Gedanken habe, als Sie? daß ich wie ein wahnsinniger Mensch, noch ehe ich Sie näher kannte, und jetzt erst recht, seit ich weiß, daß ich nie ein anderes Weib finden werde, das so mein ganzes Wesen erfüllt, herumgehe wie in einem Fiebertraum und nur von den flüchtigen Augenblicken gelebt habe, wo ich Ihnen begegnen durfte! Und nun bin ich hier, neben Ihnen – allein mit Ihnen – und ich spreche zu Ihnen, Alles, was ich sonst nur mir selbst anvertrauen durfte, und Sie, Louison, –

Ich verschone Sie, lieber Freund, mit diesem Gestammel und Geschwätz. Auch wußt' ich damals selbst kaum, was ich sagte: wie könnt ich jetzt die ganze, halb irrsinnige Herzensbeichte mir wieder zurückrufen. Ich weiß nur noch, daß sie mich sehr lange so reden ließ, das Gesicht immer tiefer auf ihre athmende Brust gesenkt. Manchmal überschauerte sie ein Zittern, die Locken wankten um ihre Schläfe, sie hatte beide Hände fest zusammengelegt in ihren Schooß vergraben, ohne es zu achten, daß die Stickerei zerknittert wurde. Nur ein Wort, Louison! flehte ich mit erstickter Stimme; nur ein Zeichen, daß Sie meiner Kühnheit nicht zürnen, daß Sie mir nicht ganz abgeneigt sind! Nur einen einzigen Tropfen Hoffnung für meine verschmachtete Seele! Louison! –

In diesem Augenblick erhob sich ein heftiger Windstoß, der durch den Schlot hereinsauste, die Ofenthür klirren machte und die Thür zwischen den beiden Zimmern mit lautem Geräusch aufriß. Wir fuhren beide in die Höhe. Die Fenster im Schlafgemach der Mutter und in unserem Zimmer standen einander gegenüber, so daß eine starke Zugluft die offene Thür durchfegte. Die Lampe loderte hoch auf und erlosch. Ich hörte im Finstern, daß Louison nach der Thür gesprungen war und sie wieder ins Schloß drückte. Ich selbst war nach dem Fenster geeilt, um es gegen den heranstürmenden Orkan zu verwahren. Als ich mich umwandte und nach dem Tisch zurücktastete, begegneten meine ausgestreckten Hände zwei zarten, kühlen, zitternden Händchen; ich wollte sie fassen und festhalten. Im nächsten Moment hatten sich zwei weiche Arme fest um meinen Hals geschlungen, und ein glühender Mund suchte und fand meine Lippen, dessen schüchterne Berührung mir Athem und Besinnung raubte.

* *
*

Mitternacht war längst vorüber. Am Himmel draußen hatte sich's ausgestürmt, es war so still im Hause, daß man aus dem Zimmer unter uns eine Wanduhr schlagen hörte. Sie schlug Drei! Wie waren diese Stunden vergangen, diese selig-unglückseligsten meines Lebens!

Die Lampe, die unser märchenhaftes Glück mit angesehen, flackerte ängstlich auf und erlosch. Es war aber nicht mehr völlige Nacht um uns; der stille, silbergraue Himmel sah durch die Scheiben herein.

Ich besann mich zuerst, wo ich war, daß ich fort mußte, daß ein Morgen anbrechen würde. Ich machte mich sanft von ihr los und flüsterte ihr ins Ohr: Wir müssen uns trennen!

Sie fuhr in die Höhe und sah mit nassen Augen umher. Schon! sagte sie. Aber du hast Recht. Alles nimmt ein Ende, das Liebste am frühesten.

Sie schüttelte die Locken von der Stirn zurück und ging nach dem Nähtischchen, einen kleinen Leuchter anzuzünden. Ich folgte ihr, mein Arm konnte sich von ihrer Schulter nicht trennen, ich horchte ins Nebenzimmer hinein – Alles war dort still geblieben. In der Stadt hörten wir ganz fern das leise Summen, wie es durch die Nacht zieht, wenn allerlei verstohlene Geräusche, Thier- und Menschentritte und plätschernde Springbrunnen zusammenklingen. Ich öffnete das Fenster und erfrischte mein heißes Gesicht an der herben Luft, die hereindrang.

Wenn es nie Tag würde, wir immer so beisammen bleiben könnten, würdest du das Licht entbehren? fragte ich. Mir wäre es genug, nur immer deine Augen zu sehen.

So plauderte ich fort, meine übervolle Brust zu lüften, die von ihrer Seligkeit gesprengt zu werden fürchtete. Sie sagte kein Wort. Sie schien in viel schwerere Gedanken vertieft. Auch vermied sie, meinem Blicke zu begegnen.

Komm! sagte sie. Ich muß dir die Treppe hinunterleuchten, daß du im Dunkeln nicht fällst und Lärm machst. Auch muß ich das Haus wieder hinter dir zuschließen.

Sie ging leise voran; die Kerze beleuchtete nur die Umrisse ihrer schlanken Gestalt, noch heute kann ich mir dies Bild zurückrufen. Ich folgte ihr gleichfalls auf den Zehen. Als wir unten an der Hausthür standen, zog sie gleich den Schlüssel hervor und schloß auf.

Du bist so eilig! sagte ich. Niemand steht und hört uns, die Straße ist ganz öde.

Der Luftzug hatte die kleine Kerze ausgeweht. Sie stellte den Leuchter auf die Treppe und faßte meinen Kopf zwischen ihre beiden Hände. Gute Nacht, mein Glück! sagte sie und küßte mich sanft zu wiederholten Malen auf die Augen. So, nun hab' ich dir die Augen zugedrückt. Nun bist du todt für mich.

Du schwärmst, erwiderte ich, indem ich sie leidenschaftlich an meine Brust drückte. Ich dächte, da ist noch Leben für lange Jahre, für viel Glück. Mein holdes Weib, nur eine kurze Geduld! Ich komme morgen – nein, heute noch – Vor- – Nachmittag –

Nie wieder! unterbrach sie mich, indem sie zusammenschauderte. Verlängere mir nicht meine Qual! Du siehst mich nicht wieder in diesem Leben. Wenn du mich wirklich geliebt hast – schone mich, o bringe mich nicht zum Wahnsinn! Hörst du, was ich sage? Willst du es thun? Willst du?

Ich starrte sie sprachlos an. Ihre Augen waren trocken, ihr süßes Gesicht, das noch eben von Thränen und Seligkeit geglänzt hatte, sah mich an wie das Bild einer Sterbenden.

Louison! rief ich endlich, aber das ist ja Wahnsinn! Bist du nicht mein Weib, für nun und alle Ewigkeit? Kannst du nur den Gedanken fassen –

Noch nicht, nickte sie vor sich hin; noch scheint es unmöglich. Aber wer weiß! Und wie es auch komme, ich danke dir für deine Liebe. Gute Nacht!

Sie berührte flüchtig mit ihren zitternden Lippen meine Schläfe, im nächsten Augenblick hatte ich die Schwelle überschritten und hörte die Thür hinter mir zuschließen.

Ich pochte noch einmal, ich rief ihren Namen, es kam keine Antwort. Da riß ich mich von der Thüre los und schwankte wie ein Nachtwandler die Straße hinunter.

Ich war viel zu sehr aus allen Fugen, um irgend einen festen Gedanken fassen zu können. Dies unbegreifliche Wesen! Dies einzige Glück! So viel Schwärmerei und fester Wille, Stolz und Hingebung, Zurückhaltung und grenzenloses Zutrauen! Und diese Krone der Schöpfung mein, in der ersten Stunde mir für ewig verbunden. Denn sie hatte mir gestanden, daß der erste Blitz, in dem unsere Augen damals sich vereinigt, über ihr Schicksal entschieden habe, daß sie seitdem, wie wenn es nicht anders sein könnte, sich darein ergeben habe, mich zu lieben, und nur die Furcht, ich hätte es auf nicht Mehr als eine leichtherzige Courmacherei abgesehen und sie würde daran zu Grunde gehen müssen, sei zwischen uns getreten, daß sie jeder Gelegenheit, mir näher zu kommen, standhaft ausgewichen sei. Dann, in der Zeit der Manöver, habe sie freilich empfunden, es sei umsonst. Aber sie hätte es nie über die Lippen gebracht, wenn das Schicksal sie ihr nicht gelös't hätte.

Ich grübelte nicht weiter darüber nach, was sie unter diesen dunkelsinnigen Worten verstand. Ja, ich war durch das Nachgefühl alles Erlebten noch so berauscht und betäubt, daß ich selbst ihre befremdlichen Reden bei unserm letzten Abschied nicht so schwer nahm. Sie wird Nichts damit gemeint haben, als daß sie an meiner Treue zweifeln müsse, nachdem die Leidenschaft sie so selbstvergessen in meine Arme geführt. Vielleicht, so sehr sie mich liebt, hält sie mich für nicht viel besser als so Viele, und wenn sie auch zu stolz ist, um unser Glück zu bereuen, sie kann nicht glauben, daß es dauern werde, daß es sich bald ans Licht des Tages hervorwagen dürfe. Sie wollte mich lieber gleich und entschieden verloren geben, als die tausend Schmerzen der Hoffnung und Enttäuschung ertragen.

Ich lächelte glückselig vor mich hin, während ich dachte, wie bald ich diese bösen Grillen verscheuchen würde. Ich war natürlich nicht einen Augenblick darüber im Zweifel, was ich zu thun hatte, und brauchte nicht erst Vorsätze und Entschlüsse zu fassen, da das Nothwendige meinem leidenschaftlichsten Wunsch entsprach. Sie zu meiner Frau zu machen, je eher je besser, um jeden Preis, und sollte ich mich bei irgend einem Fabrikherrn oder Banquier um eine bescheidenste Stelle bewerben, stand mir unerschütterlich fest. Ich dachte aber nicht lange über diese Zukunftssorgen nach. Was ich eben erlebt, füllte all meine Sinne und Gedanken.

So kam ich in meine Wohnung, warf mich aufs Bett und fand wirklich mit dem leichten Blut meiner dreiundzwanzig Jahre einen Schlaf voll der heitersten Träume. Erst spät am Morgen erwachte ich und brauchte einige Zeit, um Traum und Wirklichkeit zu scheiden. Das kleine Taschenbuch mit dem verschmähten Gelde lag auf meinem Tisch, ich hatte eine Locke darin verwahrt, die sie mir von ihrem Nackenhaar geschenkt hatte; die zog ich hervor und küßte sie und verscheuchte damit jeden Zweifel, ob das auch wirklich erlebt worden sei. Mein Herz war noch immer so leicht und froh, als stände mir eine unabsehliche Reihe von Festen bevor, und ich hatte Mühe, nicht laut aufzujauchzen, während ich mich ankleidete, um den Dienst nicht zu versäumen.

Der ganze Vormittag war leider besetzt. Ich konnte erst wieder gegen vier Uhr mir selbst angehören und meinen neuen Pflichten. Nun aber zauderte ich keine Secunde mehr und eilte zu ihr.

Es war mir geglückt, noch ein paar hundert Gulden aufzutreiben, ich hatte die ganze Summe wieder zu mir gesteckt, wollte mich heute, da ich jetzt ein Recht zu besitzen glaubte, mich zur Familie zu zählen, nach dem Namen des Wechselgläubigers erkundigen, um dann selbst mit dem Manne zu unterhandeln, und zweifelte nicht im Mindesten an einem günstigen Erfolg. Als ich aber die Thür wieder sah, die sich heute im dunklen Morgen hinter mir geschlossen hatte, fiel auch mir plötzlich eine geheimnißvolle Last aufs Herz, ich hörte wieder ihre hoffnungslose Stimme und fühlte die Küsse auf meinen Augen, während sie flüsterte: Du bist nun todt für mich!

Unwillkürlich ging ich langsamer. Ja, ich überlegte eben, ob es nicht besser wäre, zuerst durch ein Billet bei ihr anzufragen, ob mein Besuch auch willkommen sei. Da öffnete sich die Hausthür, und jener fatale »Justizrath«, dem ich hier schon einmal begegnet, trat heraus.

Sein breites, bartloses Gesicht war noch erhitzter als damals, er kam gerade auf mich zu, so daß ich jeden Zug seiner Physiognomie studiren konnte. Doch wurde mir nur so viel klar, daß er eben eine heftige Scene erlebt, vielleicht verursacht hatte und in wüthendem Aerger, durchaus nicht als Sieger, das Haus verließ. Er murmelte ingrimmige Worte zwischen den Zähnen, gerade als er an mir vorbeikam; ich verstand aber nicht das Geringste. In der Nähe schien er mir noch häßlicher, man sah ihm die peinliche Sorgfalt an, mit der er seine Jahre zu verbergen suchte; ich zweifelte keinen Augenblick, daß er im Besitz des verhängnißvollen Wechsels war. Fast hätte ich ihn auf offener Straße darum angeredet. Aber freilich, auch wenn ich die tolle Stirn dazu gehabt hätte, es sah nicht danach aus, als ob man von diesem Gesicht etwas Menschliches hoffen könnte; und jedenfalls war es rathsam, zu warten, bis seine Aufregung sich etwas beschwichtigt hatte.

Dann stieg ich selbst die Treppen hinauf. Meine trübe Ahnung war wieder verflogen, ich zog ganz wohlgemuth an der Klingel. Es dauerte eine Weile, bis man es drinnen gehört zu haben schien. Dann kamen langsame Schritte.

Wer ist da? hörte ich die Mutter fragen.

Ich nannte meinen Namen.

Ich bedauere, Herr Graf, daß ich Sie heute nicht empfangen kann. Glauben Sie, daß es mir selber schwer wird, Sie abzuweisen. Aber ich bin in der That verhindert.

Ich fragte hastig nach ihrem Befinden.

Ich danke Ihnen, kam die Antwort, immer durch die Thür; es geht mir, wie es kann. Ich danke Ihnen auch nochmals für all Ihre freundschaftlichen Bemühungen. Leben Sie wohl!

Dann entfernten sich die Schritte, ich hatte nicht den Muth, nach Louison zu fragen, zu bitten, daß ich sie nur einen Augenblick sprechen dürfe. Sie mußte die kurze Unterredung gehört haben. Wenn sie mich sehen wollte und durfte, konnte sie herauskommen. Unterließ sie es, so war es ihr unerwünscht, mir gerade jetzt zu begegnen.

Ich zauderte noch fünf Minuten, ehe ich es übers Herz brachte, unverrichteter Sache den Rückzug anzutreten. Dann fiel mir ein, daß es vielleicht so besser sei. Wer weiß, in welchem Zustande meine Geliebte den Tag hatte anbrechen sehen, von Reue und Verzweiflung über das gefoltert, was mein heiligstes Geheimniß war! Vielleicht waren zwischen ihr und der Mutter Bekenntnisse, Scenen erfolgt, die es Beiden unmöglich machten, mir frei ins Gesicht zu sehen; obwohl die Worte der alten Excellenz und der Ton ihrer Stimme nicht gereizt, nur müde und traurig klangen. Aber auf alle Fälle wollte ich erst schriftlich Alles aus dem Wege räumen, was ihr ein Wiedersehen peinlich machen konnte.

Ich eilte nach Haus und schrieb ihr einen langen Brief; ich versicherte sie von Neuem mit den ernstesten, feierlichsten Worten meiner unwandelbaren Liebe und Treue und daß ich keine heiligere Pflicht kennte, als ein jedes Hinderniß zu beseitigen, was unsere Verbindung vereiteln oder auch nur verzögern könnte. Ich selbst wurde im Schreiben immer ruhiger und konnte mit gutem Fug annehmen, daß diese acht Seiten auch ihr und der Mutter zu einer ruhigen Nacht verhelfen würden.

Diesen Brief trug mein Bursche noch spät am Abend in Louison's Wohnung. Das Fräulein selbst, sagte er, habe ihn in Empfang genommen und auf die Frage, ob Antwort sei, nur erwidert, sie lasse dem Herrn Grafen danken, es sei gut.

Es sei gut! So dachte ich auch. O wir kurzsichtigen Menschen!

Den Abend ging ich seit langer Zeit zum ersten Male wieder in unser Casino und hielt allen neugierigen Verhören und Neckereien meiner Kameraden mit der unschuldigsten Miene Stand. Ich konnte sie reden lassen, ich trug ja den sicheren Schatz im Busen.

Als ich um Mitternacht wieder in mein Zimmer trat, fand ich zu meiner Ueberraschung einen Brief auf dem Tische. Mein Bursche, der mich erwartet hatte, erzählte mir, ein expresser Bote habe ihn gebracht, – nicht von dem Fräulein, sondern von meinem Oheim. Es sei dringend, habe er gesagt. Da ich aber nicht hinterlassen, wo ich den Abend zubringen würde –

Ich riß das Couvert auf und überflog die wenigen Zeilen.

Der Onkel selbst hatte sie geschrieben – man wußte damals noch nichts von Telegrammen –, um mir mitzutheilen, daß sein einziger Sohn, mein Vetter, durch einen Unglücksfall auf der Jagd dem Tode nahe gebracht sei. Noch sei nicht alle Hoffnung aufgegeben. Doch bitte er mich, jedenfalls bei Empfang dieser Zeilen alles Andere beiseite zu setzen und sofort zu ihnen zu eilen.

Sie können sich vorstellen, was mein erster Gedanke war. So wenig ich je am Besitz gehangen, so traf doch diese Schicksalswendung zu wunderbar mit meinen heißesten Wünschen zusammen, als daß ich mir eine aufleuchtende Hoffnung hätte übelnehmen können. Ich drängte aber alle selbstsüchtigen Gedanken zurück und bemühte mich nur in der Seele meines guten Oheims mitzufühlen, wie schwer dieser Schlag ihn treffen mußte.

Die Nacht verging natürlich, ohne daß ich ein Auge schloß. Sobald es irgend thunlich war – gegen fünf Uhr Morgens –, schickte ich meinen Burschen aus, um einen Wagen aufzutreiben. Die Fahrt nach dem Gute war damals, da es noch keine Eisenbahn gab, eine halbe Tagereise. Ich selbst eilte zu meinem Major, den ich noch im Bette fand. Er bewilligte mir natürlich den erbetenen Urlaub ohne Weiteres, als ich ihm den Brief zeigte. Diesen selbst schloß ich in ein Couvert und fügte eine Zeile an die Geliebte hinzu, in welcher ich ihr mittheilte: wie es auch kommen möge, jedenfalls könne ich jetzt die Bürgschaft übernehmen und ihre Mutter sich derselben unbedenklich bedienen, da mein guter Oheim, wenn wirklich der Sohn noch einmal zum Leben zurückzubringen wäre, mir sicherlich, bei einem offenen Bekenntniß meiner Lage, meiner Pflichten und Wünsche, in der dankbaren Rührung seines Vaterherzens die Hülfe nicht weigern würde.

Mein Bursche meldete, daß der Wagen unten bereit stehe, als ich eben den Brief gesiegelt hatte. Ich schärfte ihm ein, Punkt sieben Uhr – ich wußte, daß die Mutter früh aufstand, – den Brief in dem bewußten Hause abzugeben, warf mich dann in den Wagen und fuhr beim ersten Morgengrauen zur Stadt hinaus, zufällig an ihrem Hause vorbei. Ich warf einen langen, verlangenden Blick zu dem offenen Fenster hinauf, hinter welchem ich die Mutter in ruhigem Schlaf glaubte. Wenn ich hätte hineinblicken können! Arme, arme Frau!

* *
*

Um Mittag kam ich bei den Meinigen an; wenige Stunden vorher war mein unglücklicher Vetter gestorben.

Ich kann mir wohl das Zeugniß geben, daß ich nicht zu heucheln brauchte, um an dem Schmerz des Hauses redlich Theil zu nehmen. Der Oheim zumal war mir stets wie ein Vater gewesen; so war auch meine Gegenwart ihm Bedürfniß, und ich empfand es dankbar, daß er sich jetzt mit doppelter Wärme an mich anschloß, da ich in jeder Weise ihm den Sohn ersetzen sollte. Obwohl ich mich aber streng überwachte, keinen anderen Gefühlen als denen herzlicher Mittrauer Raum in mir zu gönnen, konnte ich doch nicht umhin, mit ängstlicher Ungeduld auf Nachrichten von der Stadt zu lauern.

Mein Bursche war noch desselben Abends mit dem Postwagen nachgekommen und hatte rapportirt, daß der Brief am Morgen ihm wieder von dem Fräulein abgenommen und wieder kein anderer Bescheid geworden sei, als eine Empfehlung an den Herrn Grafen.

Ich rechnete ihr das als einen Beweis von Zartgefühl an. Auch sie wollte sich's nicht gleich eingestehen, daß dieser Trauerfall ein Glücksfall für uns werden könne. Ich schrieb ihr sogleich, wie ich es gefunden, ich wiederholte meine Betheuerungen und Gelübde und bat flehentlich um eine Zeile von ihr, die mir sage, daß auch sie unverändert gegen mich sei und jetzt die seltsame Schwermuth verscheucht habe, die unsern letzten Abschied getrübt.

Kein Wort, kein Zeichen von ihr, den nächsten und alle folgenden Tage. Meine Unruhe und Angst wuchs mit jeder Post, die mich leer ausgehen ließ. Und doch durfte ich meinem Herzen nicht folgen und selbst hineilen, um zu sehen, was ich zu hoffen oder zu fürchten hatte. Selbst nach dem Begräbniß wollte mich der gute Onkel noch nicht loslassen; er fand immer neue Vorwände, mein Bleiben als durchaus nothwendig darzustellen, und ein Brief von ihm an meinen Regimentschef genügte, mir unbeschränkten Urlaub zu verschaffen. Ich sah endlich, nachdem eine ganze Woche in der aufreibendsten Spannung verstrichen war, keinen anderen Ausweg, als ein offenes Bekenntniß meines Verhältnisses abzulegen, natürlich in usum Delphini mit einigen discreten Censurlücken. Zu meinem freudigen Erstaunen fand ich den alten Herrn meinen kühnsten Wünschen nicht nur nicht abgeneigt, sondern meine rasche Verbindung mit dem geliebten Mädchen schien ihm der einzige Trost, der ihm nach dem eben erlittenen Schlage noch werden könne. Er umarmte mich mit rührender Zärtlichkeit; ich müsse jetzt den Dienst quittiren, heirathen und das Gut übernehmen; er werde meine junge Frau, wenn sie auch nur die Hälfte der Liebenswürdigkeit besäße, die ich ihr nachrühmte, mit eben so treuem Herzen als seine Tochter annehmen, wie er mich als seinen Sohn betrachte. Ich durfte nun keine Stunde unnöthig zaudern; gleich jetzt, noch ehe sie mein geworden, sollte ich Mutter und Tochter zum Besuch herausbringen. Er hatte die Familie des Vaters gekannt; es war kein sehr alter Adel, aber doch genügend, um die Rechtsansprüche an das Majorat nicht zu gefährden. Und so hing mein Himmel voll Geigen, und ich stieg schon in der nächsten Stunde in den eigenen Jagdwagen des Oheims, um in Begleitung meines Burschen die Brautfahrt anzutreten.

Es war völlig dunkel geworden, als wir die Stadt erreichten, aber noch nicht zu spät, um sorgenvollen Menschen eine glückliche Botschaft zu bringen. Ich fuhr an ihrem Hause vor, übergab dann aber meinem Diener die Zügel, um das ermüdete Pferd in den Stall zu bringen, zumal ich selbst vor Mitternacht nicht nach Hause zu kommen dachte.

Ich flog die steile Treppe hinan, mein Herz jauchzte, ich meinte, einen solchen Augenblick kaum überleben zu können. Aber es blieb still und stumm auf mein Klingeln. Zwei, drei Mal zog ich die Glocke. Ob sie mich hatten vorfahren sehen und sich wieder eigensinnig verleugnen wollten? Ich überlegte schon, wie ich trotzdem hineindringen könnte, als die Thür gegenüber geöffnet wurde und eine Stimme, in der ich die Frau die Photographen erkannte, in den dunklen Flur hinausfragte, wer da sei? Es höre Niemand mehr auf die Glocke, die Wohnung stehe seit drei Tagen leer. Ich stand wie vom Donner gerührt. Fort? Ausgezogen? Und wohin? Und warum?

Ach, Sie sind es, Herr Graf! hörte ich jetzt meine Gönnerin ausrufen, mit einem Ton, der mir nichts Gutes weissagte. Um Gotteswillen, so wissen Sie noch gar nicht –? So haben Sie geglaubt, Sie fänden sie noch hier? Aber freilich, man hat Sie ja all die Tage her nicht zu sehen gekriegt, weder in der Wohnung noch beim Begräbniß –

Louison?! schrie ich außer mir und tappte nach dem Treppengeländer, um mich nur auf den Füßen zu halten.

Ach nein, Herr Graf! fiel die mitleidige Seele mir rasch ins Wort. Das Fräulein – aber kommen Sie nur erst herein, ich muß Ihnen so viel sagen – Herrgott, was man nicht erlebt! Wer das gedacht hätte, als ich mit dem Herrn Grafen zum ersten Male von der Excellenz und dem Fräulein gesprochen habe!

Ich war ihr, keines Wortes und Gedankens mächtig, in ihre Wohnung gefolgt; das Atelier diente Nachts zum Schlafzimmer für die Kinder, in ihre eigene Schlafkammer daneben mochte sie mich nicht führen, ein Wohnzimmer schien ganz zu fehlen, so blieb Nichts übrig, als die Dunkelkammer, in die sie mir einen Stuhl hineintrug, denn sie sah wohl, daß ich mich nur mit äußerster Mühe aufrecht hielt. Das Lämpchen stand neben dem Wasserbad; der Dunst der Chemikalien machte mir den Kopf noch wirbliger; ich mußte die Halsbinde aufreißen, um nur athmen zu können.

Das Fräulein – keuchte ich hervor – wo ist das Fräulein geblieben? – Sie wissen es nicht? Aber das ist ja unmöglich! Wie kann Jemand heute verschwinden, ohne daß Alles aufgeboten wird – die Polizei – und seit wann? – ich beschwöre Sie, foltern Sie mich nicht länger –

Die gute Frau schüttelte den Kopf, und ich sah, wie ihr die Thränen in die Augen traten.

Haben Sie keine Sorge, Herr Graf, sagte sie. Das Fräulein wird nicht aus der Welt sein. Sie hat mir heilig zugeschworen, sie dächte nicht daran, es wie ihre arme Mutter zu machen. Aber sie müsse fort von hier, sie könne hier Niemand mehr ins Gesicht sehen, es sei ihr übrigens nicht bange um ihr Fortkommen, sie wolle Erzieherin oder Lehrerin in einem Institut werden, das Beste wär's freilich auch für sie, nicht mehr zu leben, aber ihr graue davor, so wie ihre arme Mutter –

Die Mutter – unterbrach ich sie – sagen Sie ums Himmels willen, sie hat sich selbst –

Die Frau nickte. Mich überlief ein eisiger Schauer. Ich glaubte noch den letzten festen Händedruck der theuren Alten zu fühlen, noch ihre Stimme zu hören – und jetzt –

Sehn Sie, fuhr die Frau fort, es war am Morgen, wo ich Ihrem Bedienten auf der Treppe begegnete, der ein Billet an das Fräulein abzugeben hatte. Was schreibt denn der Herr Graf? neckte ich sie noch, als sie bald darauf zu mir herüberkam, mich um ein Blättchen Salat für ihren Vogel zu bitten. Ich hatte ja längst gewußt, wie Sie von ihr dachten, und daß das Fräulein bis über die Ohren in Sie verliebt war, nun, das konnt' ich schon daran merken, weil sie mir aufs Ernstlichste verbot, nie mit ihr von Ihnen zu sprechen; es könne und dürfe ja Nichts daraus werden, sie sei ein armes Mädchen, und ein vornehmer junger Herr, wie Sie, werde nur seine Kurzweil bei ihr suchen und ihr das Herz brechen. Dann war ich auf dem Lande, und gerade einen Tag vor dem Unglück kam ich erst wieder nach Hause; da sagt mir mein Mann – Sie wissen, daß er so seine eifersüchtigen Schrullen hat, – mir untreu zu werden, fällt ihm nicht ein, und doch sollte auch Niemand sonst das Fräulein schön finden – genug, er sagt mir mit ganz giftigen Blicken, daß Sie drüben Visite gemacht hätten, und nun würden wir's schon erleben, gut könne die Geschichte nicht enden. Ich aber war heimlich froh darüber, ich habe Sie stets dem Fräulein gegönnt und das Fräulein Ihnen, und es sieht Ihnen so ein zuverlässiges Gemüth aus den Augen, daß ich meinen Mann auslachte und sagte: So gut wird's jedenfalls enden, daß ich meinen Mann wieder bekomme, statt ihn beständig vor seiner sixtinischen Madonna auf den Knieen liegen zu sehen. – Ach, mein Himmel, so konnte ich damals noch spaßen!

Aber an jenem Morgen – eine Stunde etwa, nachdem Fräulein Louison bei mir gewesen war, – kommt der Briefträger, klingelt drüben an, wie Niemand aufmacht, giebt er den Brief – es war Ihre Handschrift – bei mir ab, – ich, da ich wußte, sie waren drüben noch nicht ausgegangen, bekomme auf einmal eine Todesangst, es möchte was passirt sein, laufe zum Wirth nach dem Hauptschlüssel, und wie wir endlich hineindringen, finden wir die Excellenz in ihrem Bette wie schlafend, nur das Gesicht so wunderlich verzogen, und das Fräulein auf dem Boden daneben liegend, wie sie im Schrecken, die Mutter starr und kalt zu finden, ohnmächtig zusammengebrochen war.

Sie kam gerade erst wieder zu sich, als der Doctor, den man von der Straße heraufgeholt hatte, erklärte, bei der alten Dame sei keine Hoffnung mehr. In dem Glase auf ihrem Tischchen am Bett war noch der Rest von dem, was sie getrunken hatte: Cyankali; sie hatte gewußt, wo mein Mann es aufbewahrte; vielleicht hatte sie sich schon länger mit solchen Gedanken getragen und nur darum vorgegeben, daß sie das Photographien lernen möchte.

Und warum dies furchtbare Ende? Es ist noch denselben Tag herausgekommen. Sie hatte einen hohen Wechsel ausgestellt, der Inhaber wollte sich nicht länger gedulden, und die Drohung, ins Gefängniß wandern zu müssen, in ihren gebrechlichen Jahren, eine Excellenz! – man begreift, daß sie das nicht gut überlebt hätte. Da wollte sie lieber gleich aus der Welt gehen. Wenn man es freilich beizeiten gewußt hätte, wenn sie Ihnen nur ein Wort davon gesagt hätte! – aber natürlich, ihr Stolz erlaubte es nicht – ihre eigene Tochter hat erst ganz spät davon erfahren – das arme Kind! Wenn Sie sie gesehen hätten, ihre stumme Verzweiflung, ihren thränenlosen Blick, wie ich sie endlich, nachdem sie viele Stunden neben der Todten auf den Knieen gelegen hatte, halb mit Gewalt hinwegzog – Ich führte sie ins Nebenzimmer, sie sollte sich dort eine Stunde auf das Sopha legen; aber sie sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen; auf einem harten Stuhl neben dem Fenster hat sie den Tag hingebracht, und auch die folgende Nacht war sie nicht zu Bett zu bringen.

Es fehlte ihr nicht an Trost und Beistand; sie nahm aber Alles hin, wie wenn es sie Nichts anginge. Auch vergoß sie kaum eine Thräne, wie wenn sie selbst nicht mehr lebendig wäre. Nur bei Einem brach noch eine sonderbare Heftigkeit aus ihr heraus. Es ist da ein Justizrath, der manchmal in Geschäften zu der Excellenz kam, ein Herr schon in gewissen Jahren, aber noch gut conservirt, und ich glaube, er hatte längst ein Auge auf das Fräulein geworfen. Wie der hereintritt, um zu condoliren, da fuhr sie – ich saß gerade bei ihr und gab mir alle Mühe, ihr zu einem Löffel Suppe zuzureden, – wie von einer Sprungfeder aufgeschnellt fuhr sie in die Höhe, die Augen weit aufgerissen, die zitternden Hände vor sich hin gestreckt gegen den Herrn, der ganz erschrocken an der Schwelle stehen blieb. Nicht näher! rief sie, nicht herein! Keinen Schritt mehr – hören Sie wohl? Sie – Sie! – o Himmel! – und damit fiel sie wie von einem Krampf geschüttelt in den Stuhl zurück und wäre auf den Boden gesunken, wenn ich sie nicht aufgefangen hätte.

Der unliebsame Besuch verschwand eilig; sie kam gleich wieder zu sich, hat mir aber um keinen Preis sagen wollen, was sie denn so Abschreckendes an dem behäbigen Herrn gefunden habe. Sie sprach überhaupt nur noch das Nöthigste. Am Morgen des dritten Tages, als mein Mann von der Beerdigung nach Hause kam und ich mit ihm hinüberging, damit er ihr berichten konnte, wie Alles gewesen sei, fanden wir sie neben einem Koffer, den sie eben zuschloß. Das ist Alles, was ich mitnehme, sagte sie, außer dem Bauer mit dem Kanarienvogel; den müssen Sie mir aufheben und den armen Hans gut pflegen, er hat die glücklichsten Stunden mit angesehen, die ich je erlebt habe. Alles Uebrige muß verkauft oder versteigert werden; es wird eben hinreichen, die Wechselschuld zu decken. Denn wenn meine Mutter auch gestorben ist, um mir die Last abzunehmen: ich will doch keinen Makel auf ihrem Namen lassen und Niemand um das Seinige bringen. – Sie bat meinen Mann, dies Alles für sie zu besorgen; aber auf seine Vorstellungen und Anerbietungen wollte sie nicht hören. Dann zog sie mich beiseite, umarmte mich so herzlich wie eine Schwester und gab mir einen versiegelten Brief ohne Adresse, band mir aber auf die Seele, ihn aufzubewahren, bis Sie kommen und nach ihr fragen würden. Wenn ein Jahr vergangen wäre, ohne daß Sie sich nach ihr erkundigt hätten – denn vielleicht würden Sie jetzt an Anderes zu denken haben und ein unglückliches, verwaistes Mädchen aus dem Sinn verlieren – dann sollte ich den Brief uneröffnet verbrennen. Und das war das Letzte. Mein Mann holte noch die Droschke, die sie nach dem Bahnhof bringen sollte. Wohin sie gereist ist, haben wir bis heute nicht erfahren.

* *
*

Ich hatte mir dies Alles mit halb abwesenden Sinnen erzählen lassen. Der Schlag war zu heftig gewesen, der Uebergang aus der glückseligsten Hoffnung in die rathloseste Verzweiflung zu jäh! Ich konnte der guten Frau nicht eine Silbe erwidern. Mechanisch nahm ich den Brief, den sie aus einem Schrank in ihrem Schlafzimmer hervorholte, und starrte – fast ohne Neugier, denn ich dachte nicht anders, als daß ich nur die Bestätigung unserer Trennung darin lesen würde – auf das schwarze Siegel, das auch mein Schicksal besiegelt hatte. Ich hörte endlich Schritte auf der Treppe, und da ich dem Manne nicht begegnen und gleichgültige Worte austauschen wollte, nahm ich hastig Abschied von der Frau und eilte fort, in die Nacht hinaus, wie ein Heimathloser, Verbannter, dicht am Hafen wieder in die wilde See Zurückgeschleuderter.

Erst um Mitternacht, wie ich vorausgesagt, kam ich in meine Wohnung – wie anders, als ich gedacht hatte! Mein Bursch empfing mich schlafend. Wie er aber auffuhr und mir ins Gesicht sah, mußte er wohl glauben, ein Gespenst zu sehen, so entsetzt stierte er mich an. Ich schickte ihn zu Bette, nachdem er mir eine Flasche Wein gebracht hatte. Ich fühlte, daß ein Fieber im Anzug war, irgend eine schwere Krankheit. Gleichwohl trank ich auf alle Gefahr die Flasche leer, nur um mich um meine Besinnung zu trinken.

Denn ich hatte unterwegs, an einer einsamen Gasflamme in einer der entlegensten Straßen, das schwarze Siegel gebrochen und den Brief gelesen. Was er enthielt, war noch weit hoffnungsmörderischer, als Alles, worauf ich mich gefaßt gemacht hatte.

Lesen Sie ihn selbst, sagte der Graf und erhob sich, um eine kleine Schatulle zu öffnen, die in einem Seitenfach des Schreibtisches stand. Er zog ein Papier daraus hervor, das allerlei Reliquien zu enthalten schien; alles Uebrige that er wieder hinein, nur einen Brief in einem vergilbten Umschlage legte er vor mich hin und verließ dann das Zimmer. Ich sah ihn draußen im Garten hin und her wandeln, er sprach sogar mit dem Gärtner, aber sein Gesicht war so ernst und bleich, daß ich wohl merkte, wie all dieser alte Spuk ihm neu zu schaffen gemacht hatte.

Der Brief, in einer raschen Mädchenhandschrift mit schlanken Zügen geschrieben, war acht Seiten lang. Gegen den Schluß wurden die Buchstaben nervöser, gleichsam athemlos jagten die Worte über das Blatt. Von allen Documenten der Leidenschaft, die ich je gesehen, hat mich keines tiefer ergriffen; es war wie das Vermächtniß einer freiwillig sich selbst lebendig Begrabenden, die unter den heißesten Qualen des Durstes das Gelübde thut, daß nie ein Tropfen Glück ihre Lippen mehr benetzen solle.

»Mein ewig Geliebter!« schrieb sie. »Es ist entschieden. Keine Zeit, kein Entschluß, keine Sehnsucht und Verzweiflung kann es ändern. Ich gehöre dir für immer – und du wirst mich nie wiedersehen. Ich habe mich an dich verloren, aber ich soll mich nie bei dir wiederfinden. O mein Herz! mein Leben! Alles schreit nach dir, und nie, nie wird ein Ton antworten! – –

Ich darf nicht so weiter schreiben; es würde mich um mich selbst bringen, und ich muß noch bei Sinnen bleiben, um die Kraft zu behalten, dich zu fliehen, mir einen Versteck zu suchen, wo ich sicher bin vor dir und mir. Auch ist es wie Entweihung, daß ich hier in dieser Herzensglut mich nach dir hinsehne, und nebenan ruht so kalt und erloschen das treueste Herz, das um diese Glut zu schlagen aufhörte. ›Sie schlief, damit wir uns freuten‹ – sie hat doch falsch gerechnet, nun ist es aus mit aller Freude für immer. Kann eine Mutter das für ein Kind thun und dies Kind doch so schwer, verkennen?

Aber du weißt ja nicht – Ich will versuchen, es dir zu erklären. Habe Nachsicht mit meinem schlechten Schreiben. Dies ist mein erster Liebesbrief – o Gott! zugleich mein letzter – und voll Tod und Jammer!

Einen einzigen Bekannten hatte die Mutter hier in der Stadt – einen Juristen – er hatte vor Jahren schon mit meinem Vater in Geschäften zu thun gehabt, auch hier blieb er uns dienstfertig nahe. Er wußte aber nicht genau, wie es um uns stand, Nichts von der großen Wechselschuld. Auch mich hatte die Mutter im Unklaren gelassen, bis sie sah, daß keine Rettung war. Sie wandte sich an ihren alten Berather; er war auch bereit zu helfen; reich, wie er war, konnte ihn die Summe nicht drücken, – aber unedel, wie er war, wollte er Nichts umsonst thun. Er hatte längst ein Auge auf mich geworfen; der Unterschied der Jahre, meine stille Zurückhaltung hatten ihm den Mund verschlossen – jetzt trat er mit dem Antrage hervor.

Ich weiß nicht, was es meine Mutter gekostet hat, mir davon zu sprechen. Aber vielleicht doch weniger, als ich glaubte. Sie fühlte ja nicht meinen heimlichen Abscheu gegen diesen Mann – o und sie wußte nicht, daß ich einen Anderen im Herzen trug!

Auch gestand ich ihr's noch nicht. Mutter, sagt' ich, ich liebe ihn nicht. Kannst du dir vorstellen, daß du den Vater genommen hättest, ohne ihn zu lieben?

Ich will Dich nicht überreden, sagte sie. Aber weise es nicht in der ersten Bestürzung so entschieden von der Hand. Die Ehe ist ein wundersames Ding, sie hat ihren Werth, ihre Kraft in sich, – sie zwingt oft mehr, als die Leidenschaft. Wenn Du es übers Herz bringen könntest, wer weiß, ob Du nicht später das als Dein wahres Glück betrachten würdest, was Dir jetzt nur als ein Opfer erscheint.

Mein Glück? fragt' ich. Einen Mann zu besitzen, der so unritterlich denkt, daß er die Noth zweier armen Frauen sich zu Nutze macht? –

Da verstummte sie. Es war nicht mehr die Rede davon, vierzehn Tage lang. Nur eines Morgens sagte die Mutter: am siebenundzwanzigsten ist der Verfalltag. – Sie ging aus dem Zimmer; ich brach in Thränen aus. Als ich mich wieder gefaßt hatte, suchte ich mein bischen Schmuck zusammen; ich dachte, es seien Schätze, und wenn sie nicht hingereicht hätten, – ich wollte irgend Etwas unternehmen, um Hülfe zu schaffen; so konnte es ja nicht fortgehen, das Unheil uns nicht über den Hals kommen, während wir die Hände im Schooß dasaßen.

Du hast mich an jenem Abend auf der Straße getroffen, nachdem ich eben erfahren hatte, wie viel ärmer ich noch war, als ich geglaubt. Daß ich Dich wiedersah, Deine Stimme zum ersten Male hörte, wieder in mir fühlte, Du seiest der beste, edelste Mensch auf der weiten Welt – o Geliebter, ich kam zur Mutter zurückgelaufen, als hätte sich das bischen Gold und die Steine in meiner Hand in einen unermeßlichen Schatz verwandelt.

Sie wollte aber erst Nichts davon hören. Ich brachte sie mit Mühe dahin, zu unserer Nachbarin hinüberzugehen und sich dort nach Dir zu erkundigen. Erst als diese Dein Lob gesungen, entschloß sie sich, Dir zu schreiben.

Und dann kamst Du – und auch diese Hoffnung zeigte sich als Täuschung. Du warst arm.

Als Du uns verlassen hattest, sprach die Mutter kein Wort. Aber wie sie mich auf die Stirn küßte, mir gute Nacht zu sagen, fielen ihre Thränen mir auf die Augen herab; ich wußte, was sie meinte.

Und ich wußte auch, was ich sollte. Meinem Herzen sollt' ich das Schreien wehren und mein junges Leben in Ketten und Bande legen. Hätte es noch Etwas bedurft, mir meine Pflicht verabscheuungswürdig zu machen, so wäre es jene Stunde gewesen, wo ich Dir gegenübersaß und Dein ganzer Adel, Deine Güte und holde Menschlichkeit in jedem Wort und Blick mich überwältigte, während ich das Bild des Verhaßten im Stillen dagegen hielt. Ein Ehrenmann war er trotz alledem in den Augen der Mutter. Daß er für seine Hülfe einen Preis machte, schien ihr freilich nicht großmüthig; aber sie entschuldigte es mit seiner Liebe zu mir, mit seinem geringen Zutrauen, daß er durch seine Person allein mich bestechen könnte. Jeder Mensch habe seine menschliche Seite; außer dieser einen aber wisse sie an ihm Nichts auszusetzen.

Auch das nicht, daß er mit dem Inhaber des Wechsels, wie ich fest überzeugt war, ein heimliches Bündniß geschlossen hatte, nicht um ein Haarbreit von seinem Recht nachzulassen, in kein Abkommen zu willigen, die äußersten Rechtsmittel anzuwenden, um allenfalls mit der brutalen Gewalt zum Ziel zu kommen, wenn die bloße Drohung nichts helfen würde?

Thue, was Du willst, sagte die Mutter, als ich ihr das vorhielt. Du weißt, ich würde nie davon gesprochen haben, wenn ich nicht gehofft hätte, es könne doch noch zu Deinem Glück führen, – nicht zu einem solchen freilich, wie ich es meinem einzigen Kinde immer gewünscht habe, doch zu einem Leben, das nicht aus lauter Entsagung besteht, sondern helle und trübe Tage bringt, wie am Ende jedes, auch das Glück, das anfangs aus eitel Glanz gewoben schien. Aber Dein Herz soll nicht hungern und dürsten, so lang' es schlägt. Was ist es denn auch, wenn ich diese Wohnung mit einer etwas engeren vertausche? Vielleicht dauert es nicht lange, so oder so. Vielleicht kommt eine Hülfe – rascher, als wir jetzt absehen können. Ich werde dem Justizrath sagen, daß er sich jede Hoffnung aus dem Sinn schlagen möge.

Begreifst Du, was ich bei solchen Reden empfand? Ich sah, wie sie litt, wie sie dennoch sich ruhig stellte, um mich zu beruhigen. Und hatte sie nicht Alles nur für mich gethan? Wäre es ohne meine Krankheit je so weit gekommen?

Sag' ihm noch nicht das letzte Wort, Mutter, bat ich sie. Der Graf hat versprochen, wiederzukommen. Zwar hab' ich wenig Hoffnung, aber wir wollen es ruhig abwarten. Ist es dann Nichts, so sei überzeugt, daß ich es als eine Entscheidung des Himmels ansehen werde. Ich weiß, wie Tausende eine noch schlimmere Ehe schließen. Ich werde all meine Vernunft zusammennehmen und verspreche Dir, schon darum nicht unglücklich zu werden, weil es Dich betrüben würde, die doch Nichts dafür kann.

Der Tag verging heiterer, als nach solchen Entschlüssen möglich scheinen möchte. Aber ich freute mich auf Dich, ich wußte, ich sollte Dich noch einmal sehen; ich gestand mir nicht klar, was sich in mir vorbereitete. Daß ich Dir sagen wollte, wie ich für Dich fühlte, nur das stand mir fest. Wie in einer Art Trunkenheit ging ich herum, ich sagte mir beständig vor: o nur einmal ihn an mein Herz drücken – hernach mag die Welt zusammenbrechen!

Wie Du dann kamst und so liebevoll und schlicht Alles berichtetest und daß Du das graue Pferdchen verkauft habest, und nun reiche es leider doch nicht, mußte ich an mich halten, um nicht laut auszurufen: es reicht ja über und über! – Ich sah die Mutter an, sie muß wohl in meinem Herzen gelesen haben, denn sie schlug die Augen nieder, wie wenn sie sich an meiner Statt zu schämen hätte, – aber auch sie, sie wußte, daß es über meine armen Kräfte ging, von Dir Abschied zu nehmen, wie von einem Fremden.

Als ich sie darauf zu Bett gebracht hatte, fiel ich auf die Kniee und sagte: O Mutter, Mutter! Ich bin ewig verloren! Es ist zu furchtbar, nie erlebt zu haben, was es heißt: glücklich sein! – Kind, sagte sie kaum hörbar, kann ich es Dir verdenken, daß Du ihn liebst? Aber laß mich schlafen! –

Und dann kam ich zu Dir.

Ich habe einmal ein Wort gelesen in einem französischen Buch – ich verstand es nicht gleich – es blieb aber doch in mir haften – nun hab' ich es erlebt und weiß, wie furchtbar wahr es ist: ›man geht nie weiter, als wenn man nicht weiß, wohin man geht!‹ – O mein Geliebter – glaube mir, ich wußte nicht, wohin ich ging – wohin Du mich fortreißen würdest – Du? Nein, mein schwaches, unerfahrenes, verzweifeltes Herz, das sich nur sehnte, einmal an Deinem Herzen zu schlagen, und dann still zu stehen für immer. Wenn ich geahnt hätte, in welche schwindelnden Abgründe von Seligkeit und Verdammniß dies Herz mich hinabreißen würde, wenn ich ihm seinen Willen ließe, – wäre ich auch dann zu Dir gekommen? Hätten auch dann meine Lippen im Dunkeln Deinen Mund gesucht, wenn ich gewußt hätte, daß eine Flamme zwischen ihnen auflodern würde, die alle Schranken niederbrennen – alle Besinnung mir verzehren – mich um all meinen Stolz und um mein armes Selbst bringen würde?

Ich weiß es nicht – es hilft Nichts, zurückzudenken – es kam wie ein Schicksal, und wenn es eine Schuld war – ich nehme sie auf mich. Ich wollte glücklich sein – und war es – weit über alle kühnen Träume.

Was weiß ein armes Mädchen, das sein Herz verloren hat, wie theuer der eine Verlust ihm noch zu stehen kommen wird! Meine Unschuld war mein Verhängniß – und Deine Leidenschaft – und die furchtbare Zukunft, die mich erwartete. –

Wie Du dann aber am Morgen gegangen war'st, und ich hatte Dich hingegeben für ewig, war mir erst so still zu Muth, wie es einer Wittwe sein mag, wenn sie zum ersten Male den Gedanken faßt: nun ruht dem Glück im Grabe. Ich stieg die Treppe wieder hinauf und kam in das Zimmer zurück – o mein Leben, da schrie es in mir auf, da stürzten mir die Thränen aus den Augen, da wußte ich, daß ich mir zu viel zugetraut hatte, daß alle Vernunft nicht helfen könnte, daß ich lieber sterben würde, als einem anderen Manne angehören! –

Ich hätte mir ein Leids angethan, in der ersten wilden Verzweiflung mich aus dem Fenster auf die Steine unten gestürzt. Aber die Mutter –!

So wartete ich den Tag heran. Ich konnte kein Wort über die Lippen bringen, als ich der Mutter wieder entgegentrat. Sie schob mein dumpfes Schweigen auf eine andere Ursache. So gingen wir um einander herum, ohne uns in die Augen zu sehen.

Armuth! o wie erniedrigt sie die stolzesten Herzen! Wie fälscht sie die wahrsten Gefühle!

Am Nachmittag hörten wir den Schritt auf der Treppe, den ich am meisten fürchtete. Laß mich mit ihm reden, Mutter, sagt' ich. Ich kann ihn nicht betrügen; vielleicht, wenn er mein ganzes Elend weiß, läßt er sich rühren. Wenn wirklich ein Funke von Edelmuth in ihm ist, muß er ja Erbarmen fühlen. – Thue, was Du mußt, mein Kind, sagte die Mutter; ich will Dich allein mit ihm lassen.

So empfing ich ihn; es war der letzte Tag vor dem Ablauf des Termins; auch er kam aufgeregter als sonst, da er die Entscheidung so nahe wußte. Ich ging ihm ruhig entgegen, freundschaftlicher als sonst. Erst als ich sah, daß ihm das Hoffnungen erregte, als er meine Hand ergriff und mir zärtliche Worte sagte, zog ich mich schaudernd zurück. Er empfand das, sein Gesicht wurde finster, nun war kein Halten mehr. Ich weiß nicht, was ich Alles an ihn hingeredet habe, welche Bitten und Beschwörungen ich an ihn verschwendete. Als er immer dabei blieb, das seien überspannte Schwärmereien, er sei zu fest von seiner redlichen, treuen Neigung zu mir überzeugt, um nicht zu hoffen, mich doch noch einmal an seiner Seite glücklich zu sehen, erst da brach das Geständniß aus mir heraus, ich gehörte mir nicht mehr an, ich könne ihm nicht mit Ehren in sein Haus folgen.

Ich sah, wie sein rothes Gesicht plötzlich fahl und starr wurde, und erwartete einen wüthenden Auftritt. Aber er stand nach einer Weile ruhig auf, nahm seinen Hut und sagte: Damit Sie sehen, daß ich Ihr wahrer Freund bin, will ich thun, als ob die letzten Worte von Ihnen nie gesprochen wären. Es bleibt bei meinem Antrage; überlegen Sie es sich noch einmal und bedenken Sie, was auf dem Spiele steht. Morgen hole ich mir Ihr letztes Wort.

Die Mutter trat in diesem Augenblicke herein; er ließ ihr aber nicht Zeit, das Wort an ihn zu richten, machte seine gewöhnliche ceremonielle Verbeugung und verließ uns.

Ich stand wie zu Stein geworden. Die Mutter that eine Frage an mich; ich hörte nur einen Schall, ohne den Sinn zu verstehen. War es denn möglich? Ein ›Ehrenmann‹ – und konnte den Gedanken ertragen, ein armes, hülfloses Weib, das ihm das gestanden, mit gelassener Miene in seinen Arm zu ziehen und die Schaudernde –

Ich war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Der Mutter sagte ich endlich, es sei Alles in Ordnung, sie könne ganz ruhig sein. Was ich meinte, vorhatte, thun oder lassen würde, war mir selbst noch nicht klar. Guter Rath kommt über Nacht! dacht' ich. Nur jetzt die Mutter täuschen, und morgen diesen ›Ehrenmann‹, und dann noch eine Weile alle Welt, bis die Thür sich findet, durch die ich mich aus dieser Jammerwelt hinausschleichen kann.

Ich spielte aber wohl meine Rolle schlecht. Die Verzweiflung, die ich ins Herz zurückzudrängen suchte, mochte mir an der Stirn stehen und aus den Augen zucken. Die Mutter nahm mehr als einmal meine Hand und fragte mich: ob ich ihr wirklich Nichts zu sagen hätte? Ich lachte darauf mühsam: was ich ihr denn je verborgen haben könnte? Ob nicht Alles nun auf dem besten Wege sei? Ich hätte meinen Willen gehabt, nun möge das Schicksal den seinigen haben. – Und so unselige, wilde Reden mehr.

Zuletzt schwieg mein armes Mutterchen ganz, und der Rest des Abends verging ohne Störung. Als ich deine Stimme draußen noch einmal gehört hatte und die Mutter, auf mein stummes Flehen, dich wegschickte, faßte mich die Verzweiflung noch einmal; dann aber ward eine Grabesstille in mir. Ich konnte wahrhaftig auf Augenblicke mir vorstellen, daß ich wie eine geschminkte Leiche mit diesem verächtlichen Gatten in einer Kutsche fuhr und die Leute draußen sprechen hörte: Seht die schöne Braut!

Und – wunderbar und entsetzlich: ich schlief fast die ganze Nacht. Wie ich aufstand, war ich freilich wie gelähmt; aber ich hatte keine Empfindung von Schmerz und Wundheit mehr, wie am vorigen Tage, nur einen tiefen, tiefen Ekel vor dem Leben und mir selbst.

Ich war froh, daß die Mutter nicht zu ihrer gewohnten Stunde aufstand; ich mußte mich doch noch ein wenig besinnen. Freilich kam ich nicht weit, mein Wille war zerbrochen, mein Selbstgefühl wie weggeschwunden. Ich wollte mit mir machen lassen, je schlimmer, je besser – ihn täuschen, als ob ich die Seine werden könnte, – lügen vor dem Altar des Herrn – und endlich in dieser Welt voll Elend und Erbärmlichkeit es nicht für eine Sünde halten, so elend und erbärmlich zu sein, wie Tausende.

Nein, so wäre es nicht gekommen – nie und nimmermehr! In der letzten Stunde hätte ich Nein! geschrieen, und wenn die Kirche darüber zusammengestürzt und die Welt untergegangen wäre. Aber es kam nicht dazu, daß ich so viel Muth beweisen sollte. Eine andere Verzweiflung war mir zuvorgekommen.

Als ich die Mutter todt in ihrem Bette fand, dachte und wußte ich nur Eines: dies arme Herz hat sich geopfert für dich – und du darfst dies Opfer in alle Ewigkeit nicht annehmen! – – –

Ich habe eine Weile mit Schreiben aufgehört; mein grausames Todesurtheil – wie ich es jetzt mit eigener Hand hingeschrieben, meinte ich, es könne noch nicht unwiderruflich sein, irgend woher müsse noch eine Hand aus den Wolken kommen, es auszulöschen; es könne ja nicht sein, jetzt, wo Alles auf Einen Schlag sich verwandelt hat, wo ich deine Briefe habe und das Leben sehe, das sich darin so überschwänglich selig vor uns aufthut. Ich habe eine Weile mit mir gekämpft, ich dachte, ich könne mir von mir selber die Begnadigung abringen; dann bin ich hineingegangen, wo meine geliebte Mutter im Sarge ruht, und habe ihr lange in das stille Gesicht gesehen. Auch sie hat mir zureden wollen: Laß mich nicht umsonst gestorben sein! Aber es ist dennoch unmöglich, dennoch keine Gnade! Ich habe das Glück vom Himmel ertrotzen wollen, das er mir zu versagen schien: nun muß ich es büßen; ach ohne diese Eigenmacht – hätte wohl meine Verzweiflung das arme Mutterherz zu der verzweifeltsten That getrieben? Nein, es ist keine Rettung! keine! keine!

Leb wohl! Habe Dank für deine Liebe und vergiß mich – ich möchte endlos fortschreiben, und was hätte ich noch zu sagen? – Sei unbesorgt um mich. Wer das erlebt hat, der ist in Zukunft unverwundbar. – Bleibe mir nicht treu – wenn du auch nicht vergessen sollst. – Ich habe dich zu thöricht geliebt – nein, es war das Weiseste, was mein Herz je gethan, denn du bist der beste und lieblichste aller Menschen. O nur noch Eine Stunde Seligkeit an deinem Herzen – noch Einen deiner Blicke, die mir Himmel und Hölle waren – verzeih, ich rede irre – es war so süß, daß du auf der Welt bist – und ist nun so bitter! –

Gott verzeihe dir's! Gott segne dich! – ich drücke dich ewig ans Herz – lebe – lebe wohl!«

* *
*

Ich hatte die Blätter längst wieder zusammengefaltet und in das Couvert gesteckt; mein Blick ruhte auf dem blassen Bilde der Schreiberin, das mir gerade gegenüber hing, – nun glaubte ich den Zauber dieser räthselhaften Augen zu verstehen und den schwärmerischen Zug um die vollen Lippen – armes Kind! – Da trat der Graf wieder ein. Er ging eine Weile mit gekreuzten Armen auf und ab, stand dann mir abgewandt an einem der offenen Fenster still und sagte, wie wenn auch ihm das letzte Wort, das ich gelesen, noch in der Seele nachklänge:

Wird es Sie wundern, lieber Freund, wenn ich Ihnen sage, daß ich ganze zehn Jahre brauchte, bis ich glauben konnte, dies Geschick überwunden zu haben? Daß ich diese Zeit nicht müßig hinlebte, vielmehr alle Mittel der Nachforschung erschöpfte, können Sie denken. Nie kam ein Zeichen ihres Lebens zu mir. Ist es denn möglich! sagt' ich mir; eine solche Buße aus freien Stücken sich auferlegen und mich mitbüßen lassen, dessen junges Leben doch wohl die wenigen, durch ihre Schuld verkürzten Jahre der Mutter aufwog! Ich faßte es nicht! Ich glaube vor dem Richterstuhle jedes menschlichen Gefühls wäre sie losgesprochen worden, und ihr eigenes blieb unerbittlich. Erst nachdem ich es längst als hoffnungslos erkannt, sie zu mir zurückzuführen, gab ich dem immer heftigeren Drängen meines alten Oheims Gehör, mich nach einer Lebensgefährtin umzusehen, da in der That für einen Gutsbesitzer und Landwirth der Junggesellenstand auf die Länge nicht haltbar ist. Doch wurde, noch ehe ich mich entschieden hatte, indiscreter Weise in den Zeitungen davon gesprochen, eine Verlobung, die ich immer noch hinausschob, als schon erfolgt angekündigt. Da erhielt ich eines Tages ein Billet durch eine anonyme Gelegenheit. Darin standen nur die Worte: »Vergiß und sei glücklich! Auch ich suche zu vergessen. Ich habe drei Kinder, an denen mein Herz hängt; ihr Vater ist meiner tiefsten Achtung werth. Gieb Der, die du erwählt hast, dein ganzes Herz. Sie soll dich glücklich machen. Dies ist der letzte Wunsch einer Freundin!« –

Sie wissen, lieber Freund, daß dieser Wunsch, mehr als ich hoffen durfte, in Erfüllung gegangen ist. Und konnte ich nun nicht ruhig darüber sein, daß auch ihr noch ein Glück zu Theil geworden, wie ich es ihr wünschte? Und so begrub ich nach und nach ihr Andenken im tiefsten Grunde meiner Seele. Da, vor zwei Jahren, wird mir ein Blatt aus London zugeschickt, worin ein deutscher Kaufmann den Tod der Erzieherin und Pflegerin seiner drei Kinder anzeigte, die in der edlen Todten einen Ersatz für die Liebe und Treue einer Mutter gefunden hätten. Ihr Andenken werde ihnen immer heilig bleiben.

Der Name der Geschiedenen lautete: » Fräulein Louison Weber.«

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