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Zwölfte Sammlung der Novellen

Paul Heyse: Zwölfte Sammlung der Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleZwölfte Sammlung der Novellen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1876
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180405
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Zwei Gefangene.

(1876)

Aus dem Omnibus, welcher die Reisenden von der Eisenbahn nach dem Gasthof »Zu den drei Helmen« brachte, stieg nur eine einzige Person. Nur auf einen Augenblick ließ sich der dicke Oberkellner, der heute in großer Gala war, unten im Hausflur sehen, warf einen raschen Menschenkennerblick auf die Reisende, und als er gesehen, daß es ein unhübsches, unjunges, unelegantes Frauenzimmer war, das mit einem Reisetäschchen am Arm stumm und scheinbar verlegen auf der Schwelle des Thorwegs stehen blieb, rief er dem träge herbeischlendernden Hausknecht die Nummer eines Zimmers zu und stieg, seine weiße Halsbinde zurechtzupfend, würdevoll die Treppe wieder hinauf.

Dem einsamen Frauenzimmer war die wenig respectvolle Manier, mit der sie hier empfangen wurde, nicht entgangen. Mit einer gewissen Schärfe im Ton befahl sie daher dem Hausknecht, ihren Handkoffer, der noch im Wagen sei, ihr nachzutragen und sie auf ein Zimmer zu führen, wo sie es ruhig und nicht zu heiß hätte. (Es war mitten im Sommer.) Sie leide an Schlaflosigkeit und werde vielleicht eine Woche hier bleiben müssen. Dann nahm sie ihr Sonnenschirmchen und eine Hutschachtel an sich und ging, ohne auf den Führer zu warten, auf die Treppe zu.

Es war dunkel und kühl in dem geräumigen Hausflur. Man hatte, aus der grellen Sonne kommend, Mühe, die Stufen zu erkennen, und zudem lag allerlei darauf herum, was den Schritt unsicher machte. Erst auf dem Stiegen-Absatz, der Licht durch das Hoffenster erhielt, erkannte die Reisende, daß die Treppe mit Blumen und grünen Zweigen bestreut war.

Ist eine Hochzeit im Hause? fragte sie den Hausknecht, der jetzt mit dem Kofferchen ihr nachkam. Sie konnte an seinem weingerötheten Gesicht und der Sonntagsjacke, die auch er trotz des Werkeltages trug, die Antwort vorwegnehmen. Wer hat denn geheirathet? fragte sie weiter, nur um etwas zu sagen; denn im Grunde war es ihr sehr gleichgültig, ein paar fremde Namen zu hören.

Es sei eine sehr schöne Heirath, versetzte der Bursche diensteifrig; die Tochter des reichsten Kaufmannes in der Stadt und der Sohn des Herrn Gerichtsdirectors, ein flotter junger Herr, der wohl ein bischen lustig gelebt und seinem Papa allerlei Sorgen gemacht habe; aber nun sei er vernünftig geworden, und seine Schulden brauchten ihn nicht mehr zu drücken. Eine schöne Heirath, Fräulein, und eine sehr »splendable« Hochzeit. Die Champagnerflaschen sind nicht erst gezählt worden, wie's bei so knauserigen kleinen Beamten Mode zu sein pflegt. Dafür haben schon der Herr Bräutigam gesorgt. Und ein feiner Champagner, Fräulein, von der feinsten »Clique.«

Er drückte die schwimmenden Aeugelchen ein und schnalzte mit der Zunge.

Das Fräulein erwiderte nichts, sputete sich, die Treppe hinaufzukommen, ohne auf eine Blume zu treten, obwohl nicht eine mehr unversehrt geblieben war, und warf, als sie an dem offenstehenden Speisesaal vorüberkam, keinen Blick in das Hochzeitsgewühl. Erst als sie den zweiten Stock erreicht hatte, blieb sie wieder stehen.

Geht es noch höher hinauf?

Der Bursche nickte. Alle Zimmer besetzt, Fräulein, alle Verwandten des Herrn Gerichtsdirectors sind angereist gekommen und logiren noch bis morgen bei uns. Es ist nur noch eine Stube im dritten Stock frei, aber morgen, wenn Fräulein wünschen sollten, – und das Zimmer ist recht sauber und hat nur in der Frühe eine halbe Stunde lang die Sonne.

Er lief ihr voran und schloß droben in dem einfach weißgetünchten Mansardengeschoß die letzte Thür des langen Corridors auf, aus dem ihnen eine kühle, aber muffige Luft entgegendrang. Das Gemach schien sehr selten bewohnt zu werden, da der Fremdenverkehr nur bei besonderen Anlässen, an Fest- und Markttagen, alle Räume der »drei Helme« bevölkerte. Als aber erst die beiden Fenster geöffnet und die großen Nachtschmetterlinge von den Roßhaarkissen des kleinen Sophas hinausgetaumelt waren, war das Zimmer nicht mehr so unbehaglich, wie es auf den ersten Blick erschien. Man sah unter dem breit vorspringenden Dach des Hauses auf den Markt hinab, zu der alten Kirche und dem Schlößchen hinüber, das auf dem Burghügel zwischen hohen Bäumen stand, und dabei hörte man hier oben nichts von dem Gläserklirren und Hochrufen der Hochzeitsgäste und konnte seiner Nachtruhe sicher sein.

Der Hausknecht sah mit stiller Genugthuung, daß die Reisende gegen dieses Unterkommen nichts einzuwenden hatte. Er trug den Koffer in eine Ecke, verschwand auf kurze Zeit und kehrte mit einem Kruge voll frischen Wassers zurück, den er auf ein wackliges, weiß angestrichenes Waschtischchen stellte.

Das Zimmermädchen könne gerade jetzt unten nicht abkommen, sie habe alle Hände voll zu thun mit Abräumen und Abspülen, da nun bald der Ball anfangen werde. Wenn das Fräulein sonst nichts mehr zu befehlen habe, wolle er gleichfalls wieder hinunter.

Er lächelte dabei so verschmitzt, daß man deutlich sehen konnte, eine jener ungezählten Champagnerflaschen sei noch nicht ganz erledigt und warte drunten auf ihn.

Die Fremde schüttelte nur den Kopf und wandte sich dann dem Fenster zu. Auch nachdem sie allein gelassen war, dachte sie noch nicht daran, den kleinen schwarzen Hut mit dem verblichenen Bande und den zerdrückten Blumen abzunehmen und die Hände von den grauen gewirkten Handschuhen zu befreien. Ihr Blick hing unverwandt an dem Schlößchen drüben hinter dem Kirchendach, und je länger sie in die sonnigen Wipfel der Kastanien und Ulmen schaute, je melancholischer wurde der Ausdruck ihres Gesichtes. Eine scharfe kleine Falte zeigte sich an dem einen Mundwinkel: ein Physiognom konnte daraus sehen, wie oft und mit wie trotziger Geringschätzung diese Lippen einem versagtem Wunsch, einer gescheiterten Hoffnung Lebewohl nachgerufen hatten.

Von dem hohen Glockenstübchen des Kirchthurms gegenüber kamen jetzt sechs langsam dröhnende Schläge. Es war, als ob sie den Bann der Versunkenheit brächen, der sich über die Einsame droben am Fenster gelagert hatte. Sie machte ein paar Schritte durch das Zimmer und trat dann vor den kleinen verstaubten Spiegel, mit jener gleichgültigen Geberde, wie sie Frauenzimmern eigen ist, die wissen, daß Jeder an ihrem Gesicht vorbeisieht, ohne nur einen Augenblick darüber nachzudenken, ob es hübsch oder häßlich sei. Zu den Gemeinplätzen, die einen alten Irrthum verewigen, gehört auch die Behauptung, daß selbst der Häßlichste sich endlich an sein Antlitz gewöhne und keinem Menschen die eigenen Züge unangenehm seien. Und doch giebt es Viele, zumal unter den Frauen, die allein geblieben, denen nichts peinlicher ist als ein Blick in den Spiegel.

Sie musterte auch nur flüchtig ihre Toilette und schien zu überlegen, ob sie mit dem verblichenen Hütchen sich in die Stadt wagen, oder den neuen aus der Hutschachtel nehmen solle. Aber mit einem Zucken des Fältchens am Mundwinkel entschied sie, daß ja doch nicht das Mindeste daran liege, in welchem Aufzug sie hier erscheine. Nur Gesicht und Hände kühlte sie sich mit dem frischen Wasser und verließ dann das Zimmer.

War es Zerstreutheit oder Unbehülflichkeit, – sie verfehlte die Treppe, auf der sie heraufgekommen war, und sah sich plötzlich am Ende des Corridors, so daß sie wieder zurück mußte. Dabei gerieth sie an ein Seitentreppchen und ging, in der Meinung, alle Stiegen müßten endlich ins Freie führen, immer in ihre Gedanken verloren hinab. Auf einmal erkannte sie, daß sie sich auf eine Galerie verirrt hatte, die oben an dem großen Speisesaal die eine Wand einnahm und für die Tanzmusik hergerichtet war. Die Notenpulte standen schon in ihrer richtigen Ordnung, der große Contrabaß lag wie ein schlafender Riese über zwei Stühle ausgestreckt und hatte ein Waldhorn als Kopfkissen und eine Klarinette quer überm Gesicht. Es war aber noch Niemand von den Spielern erschienen, auch standen unten noch die Tische, die erst hinausgeschafft werden mußten, um Platz für die Tänzer zu machen. Da konnte die verirrte Fremde doch nicht umhin, ein paar Augenblicke in der Glasthür stehen zu bleiben und die Gesellschaft unten zu mustern.

Dieselbe nahm sich nicht viel anders aus, als die meisten Hochzeitsgesellschaften zwischen Diner und Tanz. Satte, weinrothe Väter, denen es in ihren weißen Cravatten zu eng geworden, und behäbige Mütter in lilaseidenen Festkleidern mit großen Blondenhauben, die bei den vielen Umarmungen schief gerückt oder zerknittert worden waren; süß lächelnde Brautjungfern mit dicken Kränzen und dünnen Schultern, Arm in Arm durch den Saal wandelnd und bald neckisch, bald schmachtend sich in die Ohren wispernd; echauffirte Jünglinge in Balltoilette, die das letzte Glas Champagner langsam zu ihrer Cigarre ausnippen und, wenn sie nicht gerade verliebt sind, es höchst unbequem finden, bei dieser Hitze und am hellen Tag ihre Tanzkünste aufbieten zu müssen; dann in einem Winkel ein Rudel Kinder, die fortfahren, aus ihren Taschen Confect zu essen und aufzählen, was sie Alles bei Seite gebracht haben. Die Thränen der Rührung sind längst versiegt, die Weihestimmung der Toaste ist verflogen. Eine sehr unfestliche Verdauungsmüdigkeit hat sich der Gäste bemächtigt, und Jedem wäre am wohlsten in einem stillen Winkel, wo er, statt galant und verbindlich zu sein, seiner Siesta fröhnen könnte.

Die Fremde droben auf der Musikbühne hatte oft genug an Hochzeiten guter Freundinnen Theil genommen, von Jahr zu Jahr in resignirterer Stimmung, die sich trefflich zum Beobachten fremder Schwächen schickt, um auf den ersten Blick die geputzte Langeweile, die unten verstohlen hinter Battisttaschentüchern gähnte, zu durchschauen. Auch fing das bewußte Fältchen an der Unterlippe alsbald an zu zucken, und sie hätte keine fünf Minuten das unerquickliche Schauspiel aus ihrer Loge mit angesehen, wenn ihr nicht das Brautpaar aufgefallen wäre, das sich allerdings nicht ganz in herkömmlicher Weise betrug.

Die Braut nämlich war, während alle Gäste sich erhoben hatten, auf ihrem Platz mitten an der langen Tafel sitzen geblieben, als ob sie den Nachmittagsschlaf des dicken alten Herrn mit der offenen weißen Weste bewachen müßte, der zu ihrer Rechten in einem großen Armstuhl lag. Es mochte ihr Schwiegervater sein, der sich dieses Ausruhen auf seinen Lorbeeren wohl gönnen durfte, da er seinen Sohn so gut versorgt hatte. Freilich war das Gesicht unter dem Myrtenkranz durchaus nicht reizend, und das dürftige Figürchen konnte selbst in der Wolke von Silbergaze und dem Brautschleier, der noch darüber lag, nicht verbergen, daß die eine Schulter höher war als die andere. Aber die Steine in ihrem Halsschmuck und den Armreifen waren groß und funkelnd genug, um die Blicke von diesen kleinen Mängeln abzulenken, und die Augen der armen jungen Person leuchteten aus den vom Weinen gerötheten Lidern so sanft und treuherzig hervor, daß man das Gesicht doch nicht ungern betrachtete. Die Traurigkeit, die darauf lag, schien nicht allein in der beklommenen Hochzeitsstimmung ihren Grund zu haben. Sie hatte ein kleines Mädchen, das ihre Schwester sein mochte, auf den Schooß gezogen und unterhielt sich leise und eifrig mit dem Kinde. Dabei drückte sie von Zeit zu Zeit ihre überquellenden Augen gegen das weiche Haar und das Rosenkränzchen, das die Kleine trug. Aber Niemand bekümmerte sich darum, Der am wenigsten, dem diese verstohlenen Thränen galten. Jener lange, tadellos gekleidete junge Mann mit dem dünnen blonden Haar am Scheitel mußte der Bräutigam sein. Er benahm sich, auf einem der Sophas ausgestreckt, die Cigarre zwischen den weißen Zähnen, mit einer möglichst kühlen, gönnerhaften Herablassung gegen ein paar kleinstädtisch geschniegelte Vettern, die vor ihm standen und jeden seiner Witze mit unmäßigem Lachen honorirten. Dazwischen gähnte der Gegenstand ihrer Bewunderung völlig zwanglos und machte endlich den Vorschlag, ob sie sich nicht ins Nebenzimmer flüchten und einen Tarok spielen wollten. Erst als der Aeltere der Vettern, während der Jüngere die Idee »capital« fand, die Besorgniß äußerte, die alten Damen würden diese Absonderung vielleicht noch übler nehmen als die jungen, verzichtete der Bräutigam auf seinen Einfall, erklärte aber, vom Tanzen könne für ihn gleichwohl keine Rede sein, er sei viel zu groß für seine kleine Frau und tanze überhaupt nur mit fremden Weibern.

Von diesen Reden verstand die Fremde droben natürlich kein Wort, aber das Mienenspiel, das sie begleitete, sagte ihr genug. Sie konnte es nicht länger auf ihrem Späherposten aushalten, sondern glitt geräuschlos, wie sie gekommen war, zurück und tastete sich durch allerlei enge, dunkle Treppchen und Kammern zuletzt glücklich nach einer Thür, die sich in den Garten des Gasthofs öffnete.

Dann war sie bald in einer schattigen Nebenstraße und schien sich nun in bekanntem Revier zurechtzufinden. Noch ein paar Gassen und Gäßchen, und sie hatte den Fußweg erreicht, der unter jungen Akazien am Saum einer kleinen Parkanlage hinlief. Hier war es lieblich und still, Kinderfrauen saßen auf den Bänken und hatten die Wägelchen mit ihren schlafenden Pfleglingen neben sich stehen, während die größeren Kinder im Grase spielten. Die Sonne neigte sich schon zu den Hügeln hinab, und während unten die langen Schatten der Bäume über Felder und Flußgelände hinkrochen, stand droben auf der Anhöhe das Schlößchen in voller Abendglorie mit blitzenden Fenstern, alle Wipfel umher in warme Glut getaucht.

Das Alles schien der Fremden nicht unbekannt. Denn nachdem sie einen flüchtigen Blick um sich her geworfen, ging sie ihres Weges fort, wie wenn ihr an der Umgebung und dem wechselnden Reiz derselben wenig gelegen wäre und nur die Bewegung im Freien ihre Sinne wohlthätig erregte. Sie athmete oft recht aus der tiefsten Brust, stand auch wohl einen Augenblick, schloß die Augen und bewegte seltsam beide Arme in die Höhe, wie ein Vogel, der, aus dem Käfich entkommen, seine Flügel prüft, ehe er sich den freien Lüften anvertraut.

So kam sie endlich an den Fluß, der ruhig mit glatter, gediegener Welle zwischen den umbüschten Ufern dahinzog. Ein Floß trieb eben zu Thal, der eine Schiffer stand am Steuer, das er kaum zu bewegen brauchte, der andere lag auf einer Decke, die glimmende Pfeife hing ihm nachlässig im Munde, er schien im Begriff einzuschlafen, so sorglos fühlte er sich in dieser abendstillen Gegend. Das einsame Mädchen am Ufer, wie das Floß an ihr vorbeitrieb, bedachte einen Augenblick, ob sie dem Steuermann zurufen sollte, anzuhalten und sie aufzunehmen. So den Fluß hinunter – und in den großen Strom, in den er mündete, – und durch den hinaus ins Meer – und immer weiter ins Ungewisse, Unbegrenzte – –

Die Schiffer waren längst vorübergeglitten, da erst rüttelte sich die Träumerin aus ihrem starren Brüten auf und verfolgte den Weg, der nach der steinernen Brücke und dann wieder zur Stadt zurückführte. An Gärten und ländlichen Häusern kam sie vorbei, auch die kannte sie alle und merkte auf die Veränderungen, die in den letzten Jahren mit ihnen geschehen waren. Dann blieben ihre Blicke an einem größeren Gebäude haften, das ganz neu aufgeführt zu sein schien, einen Porticus mit sechs schmächtigen, schön marmorirten Holzsäulen hatte, darüber einen flachen griechischen Giebel, auf dessen Spitze irgend eine allegorische Figur angebracht war, durch einen starken Eisenstab im Rücken gehalten, den man nur leider von rechts und links zu sehen bekam. Auf dem breiten Architrav über den Säulen stand in großen, neuvergoldeten Buchstaben die Inschrift »Theater«; zwei Zettel an den beiden Ecksäulen verkündigten, daß heute Abend das »classische Trauerspiel unseres Nationaldichters Fr. von Schiller, Kabale und Liebe« gegeben werde.

Die Vorstellung hatte schon seit einer halben Stunde begonnen, der Mann an der Kasse wollte eben sein Schiebfensterchen schließen und die heutige Einnahme zusammenrechnen, als das fremde Fräulein herantrat und ein Parketbillet verlangte. Während sie das Geld aus ihrem Täschchen nahm, schien sie sich plötzlich ihrer gewirkten Handschuhe und der übrigen, nicht eben sorgfältigen Reisetoilette zu schämen. Sie hatte aber schon das Billet in Empfang genommen, und da eine hohe Nummer darauf stand, konnte sie darauf rechnen, in einem vollen Hause sich unbemerkt unter der Menge zu verlieren.

Wirklich achtete Niemand darauf, daß die Thür des Parkets mitten in der Schlußscene des ersten Actes noch einmal geöffnet wurde und ein unscheinbares Frauenzimmer geräuschlos ihren Sitz auf der letzten Bank einnahm. Gleich darauf erscholl ein betäubender Lärm von Klatschen und Hervorrufen, die Stimmung schien bereits auf der Höhe und das Publikum mit den Künstlern ungemein zufrieden zu sein.

Nun stand im Zwischenact Alles auf, theils um sich während der Pause im Freien ein wenig zu lüften, theils um die Bekannten rings umher zu begrüßen. Denn natürlich kannte sich hier Jedermann. Die Fremde hatte schon beim Eintritt ihren Schleier herabgelassen und vertiefte sich jetzt angelegentlich in die Lectüre des Theaterzettels, als fürchte sie von irgend Jemand erkannt zu werden. Nur ihren Nachbar musterte sie mit einem verstohlenen Blick und sah zu ihrem Erstaunen, daß auch er es nicht viel anders machte, als sie, und statt umherzuschauen und Grüße nach den oberen Rängen hinaufzusenden, still vor sich hinblickte und offenbar sich nicht allzu behaglich fühlte.

Er mußte hier fremd sein, wie sie. Beim Schluß des Actes hatte er keine Hand gerührt, obwohl sein blühendes junges Gesicht in großer Spannung nach der Bühne gerichtet war. Auch sonst war allerlei Wunderliches an ihm. Seine großen, starken Glieder steckten in einem Sommeranzug, der ihm überall zu knapp und zu kurz war, und ein Halstuch von blauer Seide war in einem unbeholfenen Knoten um seinen Hals geknüpft. Einen Strohhut hatte er auf den Knieen, ein silberknopfiges Stöckchen in der Hand. Das Sonderbarste aber war, daß er, so gesund und stattlich er aussah, – gewiß nicht älter als siebenundzwanzig – dennoch schon eine Perrücke trug, die noch dazu nicht genau von der Farbe seines eigenen Haares, sondern um eine Schattirung heller war und ihm nicht genau auf den Kopf paßte.

Das Alles aber fiel in dem Zwielicht des Parkets, und da er auf der letzten Bank saß, Niemand auf als seiner Nachbarin; der erste günstige Eindruck, den das jugendkräftige Gesicht des Unbekannten, seine halb nachdenkliche, halb naive Miene auf sie gemacht hatte, wurde durch die Entdeckung all dieser Sonderbarkeiten wieder verdrängt, und sie war froh, daß er eben so wenig wie sie ein Verlangen zeigte, den Zwischenact zum Anspinnen einer Unterhaltung zu benutzen. Wofür sie ihn halten sollte, weß Standes und Berufs er sein mochte, beschäftigte sie gleichwohl im Stillen, selbst während der ersten Scenen des folgenden Actes, bis das Stück auch ihre Gedanken völlig in Beschlag nahm.

Ein wundersames Stück. Das einzige in seiner Art. Oder wo fände man sonst noch so viel Schwärmerei der Jugend, so viel überspannte, leidenschaftlich gereizte Empfindung eines Neulings im Leben mit so reifer künstlerischer Kraft, so virtuoser Herrschaft über den Effect in Einem Werke vereinigt? Demselben Geist ist früher oder später nichts Aehnliches entsprossen, und während seine anderen Figuren auch auf der Bühne nur unter glücklichen Umständen zu vollem Leben gelangen, sind die Gestalten dieses Jugendwerkes selbst in der kümmerlichsten Darstellung eines kleinen Provinzialtheaters ihrer ergreifenden Wirkung gewiß und zwingen selbst einen zerstreuten oder blasirten Zuschauer unwiderstehlich in ihren Kreis hinein.

So geschah es auch hier. Der Darsteller des Ferdinand war ein hagerer Jüngling mit einer dünnen, kreischenden Stimme, seine Louise ein gelbliches kleines Geschöpf mit einem steinernen Schmerzensausdruck, der mehr auf Zahnweh, als auf Liebesgram schließen ließ, und Lady Milford hatte gar einen Ansatz zum Kropf, den ein breites schwarzes Sammtband nicht ganz verdecken konnte. Und doch folgte das Publikum mit athemloser Andacht, und das reisende Fräulein auf der letzten Bank hatte ihr unheimliches Vorurtheil gegen ihren Nachbar völlig vergessen, als dieser im nächsten Zwischenact sich plötzlich zu ihr wendete und mit einer leisen, sehr wohlklingenden Stimme irgend eine Aeußerung über das Stück und die Darstellung an sie richtete.

Seine Art sich auszudrücken verrieth eine nicht gewöhnliche, ja gelehrte Bildung, und doch gestand er gleich bei den ersten Worten, daß er dieses Stück noch nie gesehen, überhaupt den Dichter nur vom Lesen kenne. Sie erwiderte, auch ihr sei das Theater fast völlig fremd, sie lebe in einem ganz kleinen Städtchen, wohin sich kaum einmal eine elende Wandertruppe verirre, und in ihrer frühen Jugend, die sie hier in dieser Stadt zugebracht, habe man auch hier noch kein stehendes Theater, geschweige ein eigenes Schauspielhaus gekannt, sondern nur dann und wann Komödie spielen sehen in dem großen Saal des Gasthofs zu den drei Helmen, wohin sie aber kaum ein- oder zweimal mitgenommen worden sei.

Mir fehlen sogar so vereinzelte Jugenderinnerungen, versetzte er mit einem wehmüthigen Lächeln, das seinem vollen Munde einen eigenen Reiz verlieh. Ich bin ganz unterirdisch aufgewachsen und habe weder von der Welt noch von den Brettern, die sie bedeuten, irgend eine lebendige Vorstellung gehabt. Wie ich dann erwachsen war und nun ins Leben hinaus sollte, war die Welt, die mir zum Wirkungskreise angewiesen wurde, ein Dorf. Die Schicksale der Menschen sind wunderbar. Zum Glück giebt es eine höhere Weisheit, der das Alles klar ist, was uns unbegreiflich und unbillig scheint.

Das also glauben Sie doch auch, versetzte sie rasch, indem sie den Schleier zurückschlug, unter dem es ihr heiß zu werden anfing. Freilich, wenn es keine gerechte Weltregierung gäbe, die endlich doch einen Ersatz, einen Ausgleich in einem besseren Leben uns vorbehielte, so wäre ja diese ganze Komödie unseres Lebens das Entrée nicht werth. Auch ich, obwohl ich immer in Städten gelebt habe und auch wohl hätte reisen können, wenn ich durchaus gewollt hätte, – die Umstände haben es so gefügt, daß auch ich so gut wie »unterirdisch« meine Tage hinbringen mußte. Oft habe ich mich gefragt, warum ich nicht das bischen Leichtsinn erschwingen könnte wie Andere, die nur an sich denken und sich ihr Leben schaffen, wie sie es brauchen und wünschen, und darum doch keine Gewissensbisse haben. Aber obwohl mir's manchmal war, als ob ich in der Enge ersticken müßte, ich konnte mich doch nie überwinden, eine Glasscheibe in meinem verschlossenen Fenster einzustoßen. Man wird so kleinlich in kleinen Verhältnissen.

Nun, sagte er mit einer gewissen Feierlichkeit, die zu seiner Jugend nicht recht zu passen schien, wer weiß, ob Ihnen nicht noch ein Hinaustreten ins Weite und Freie beschieden ist. Haben Sie doch jetzt schon die Freude, die Stätten Ihrer Jugend wiederzusehen; eine Freude, die mir nie zu Theil werden kann. Denn dahin, wo ich jung war, denke ich ganz ohne Sehnsucht und Heimweh zurück.

Sie schwieg eine Weile.

Woher wissen Sie, daß ich gern hierher zurückgekommen bin? sagte sie dann. Ein Geschäft hat mich hergeführt. Ich habe keine Freunde, kaum noch Bekannte in dieser Stadt, und wenn ich denke, mit welchen kindischen Gefühlen ich vor Jahren mich hier herumgetrieben habe, wie ich mir die Zukunft vorstellte, wenn ich als kleines Mädchen draußen am Fluß spielte und den Schloßberg hinaufsprang, und wie es nun so ganz anders gekommen ist –

Das Aufgehen des Vorhangs machte, daß sie den Schlußsatz für sich behielt. Sie sah, wie ihr Nachbar sofort wieder mitten in der Handlung des Stückes war und ihre Gegenwart völlig zu vergessen schien. Sie selbst aber hatte Mühe, ihre Gedanken von dem unterbrochenen Gespräch wieder abzulenken. Es kam ihr jetzt ganz unglaublich und äußerst unschicklich vor, daß sie mit dem völlig Fremden so plötzlich ihre intimsten Empfindungen ausgetauscht hatte. Offenbar interessirte sie ihn wenig. Er war ihr zwar mit dem Vertrauen entgegengekommen und hatte von persönlichen Verhältnissen das erste Wort gesagt; aber sie hätte zurückhaltender antworten und das Gespräch nicht gleich so ins Innere fortführen sollen. Sie beschloß, im nächsten Zwischenact sich um so ablehnender zu verhalten, und wenn er auf das Frühere zuzückkommen sollte, lieber ganz abzubrechen oder das Theater zu verlassen.

Doch konnte sie nicht umhin, sich mit ihm in Gedanken weiter zu beschäftigen. Was er gesagt hatte, klang traurig und ergeben zugleich, und sein ruhiges Gesicht mit den schönen schwarzen Augen schwebte ihr beständig vor, obwohl sie sich überwand, ihn auch im Profil nicht mehr anzusehen. Was er wohl sein mochte, und wie er auf dem Dorfe aushalten konnte? Er wird ein Schullehrer sein, in einem Seminar aufgewachsen, armer Leute Kind. Und doch war etwas in seinem Wesen, das zu dieser Vermuthung nicht ganz stimmen wollte.

Wie nun auch der dritte Act zu Ende gegangen war, wandte sie sich recht geflissentlich nach der anderen Seite, so daß sie ihm fast den Rücken zukehrte. Da hörte sie ihn plötzlich sagen:

Macht Ihnen die Dichtung auch den Kopf so warm, daß Sie am liebsten aus dem Theater wegliefen, um nur draußen gleich irgend etwas recht Großartiges zu vollbringen oder zu erleben, am liebsten etwas, wobei man sein Leben in die Schanze schlüge, nur um etwas überflüssiges Blut zu verlieren? Es kann sein, daß es nur auf mich so wirkt, weil ich es gar nicht gewöhnt bin. Ich meine aber, ähnlich so müßte Jeder empfinden.

Sie konnte nicht umhin, sich wieder nach ihm umzukehren.

Ich glaube nicht, sagte sie. Sehen Sie sich nur die Gesichter an. Auch sind die Zeiten anders geworden. Freilich, Unterschied der Stände und des Vermögens giebt es auch heute noch. Aber man hat sich mehr darein gefunden, man läßt Alles gehen, wie's Gott gefällt, und nun gar solch eine überschwengliche Liebe – wo findet man die noch heutzutage?

Auf dem Dorfe freilich giebt es weder einen Ferdinand noch eine Louise, sagte er mit einem feinen Lächeln. Was ich aber von den Städten gelesen oder gehört habe – nehmen Sie nur die Criminalfälle in den Zeitungen, um von erfundenen Romangeschichten zu schweigen, – am Ende ist das Menschengeschlecht seit ein paar tausend Jahren nicht viel anders geworden. Aber das ist ein langes Kapitel, für einen Zwischenact viel zu lang.

Sie schwiegen nun beide und sahen wieder ganz fremd und gleichgültig an einander vorbei. Aber auch er konnte es nicht lassen, sich allerlei Gedanken über seine Nachbarin zu machen. Er fand ihr Gesicht nichts weniger als schön, nur die Farbe und Fülle ihres Haares fiel ihm auf und die wie Gold glänzenden Augenbrauen und der Mund, der, wenn sie schwieg, noch jugendlich und fast reizend erschien, sobald sie aber zu sprechen anfing, trotz der untadeligen weißen Zähne durch jenes bittere Fältchen entstellt wurde. Auf seinem Dorfe, wo kein sonderlich schmucker Mädchenschlag ihm vor Augen kam, hatte er dennoch wohl einmal an einem frischen runden Gesicht Gefallen gefunden, aber ein lebhafteres Gefühl war nie erregt worden. Wie kam es, daß er hier, wo weder Jugend noch Anmuth ihm gefährlich werden konnte, dennoch insgeheim sich angezogen fühlte? War es nur der Klang ihrer Stimme oder der Inhalt ihrer Worte, der auf ein Leben voll Entsagung, ähnlich wie das seine, schließen ließ? Oder hatte die Glut, die aus dem Werk des Dichters ihnen entgegenschlug, allerlei Funken in sein Inneres geworfen, daß er nun Alles in seiner Nähe mit wärmerem Herzschlag betrachtete?

Er war gewohnt, viel über sich nachzudenken, wie Alle, die in einer unebenbürtigen Umgebung leben. So fuhr er fort, sich den Eindruck zu enträthseln, den die Fremde auf ihn gemacht, und während sie aus seinem Schweigen schloß, er sei der sonderbaren Zwiesprach überdrüssig geworden, wiederholte er sich im Stillen Alles, was sie bisher gesagt hatte, und suchte sich einen Vers darauf zu machen.

Bis ihn dann das Stück wieder ganz in Beschlag nahm. Man konnte den Wechsel der Stimmungen, wie sie in der Dichtung auf einander folgten, deutlich in seinem Gesicht gespiegelt sehen, Furcht und Mitleid, leidenschaftliche Empörung, Verachtung, Zorn und Begeisterung. Seine Stirn röthete sich, seine Lippen athmeten hörbar, die Nasenflügel bebten, und gegen den Schluß füllten sich die starr geöffneten Augen mit leise überquellenden Tropfen, die, ohne daß er es zu merken schien, über die kräftigen, aber blassen Wangen herabrollten.

Das Alles sah seine Nachbarin. Sie konnte sich eines wachsenden Interesses für den wunderlichen Neuling nicht erwehren, obwohl der erste unheimliche Eindruck, der hauptsächlich von dem falschen Haar herrührte, immer noch im Hintergrunde ihrer Seele festhaftete. So beeilte sie sich auch, als der Vorhang zum letzten Mal gefallen war, aufzustehen, ihren Schleier wieder herabzulassen und mit einem kurzen, stummen Gruß den Ausgang zu suchen.

Sie sah, daß er noch sitzen geblieben war, gleichsam wie verzaubert, und ihr Abschiedsnicken unerwidert ließ. Sie selbst begriff diesen Eindruck des Stückes nicht. Sie kannte es ja hinlänglich, um vom Stoffe nicht mehr ergriffen zu werden, und das Spiel, zumal der Louise, war ihr von Act zu Act verzerrter und abgeschmackter erschienen. So athmete sie draußen in der Abendkühle ordentlich erleichtert auf und schlug den Weg wieder ein, den sie gekommen war, am Flußufer entlang, um die dumpferen Straßen mitten in der Stadt zu vermeiden. Einige Sterne standen schon am Himmel, eine blasse Mondsichel hing überm Wald, und rings war eine tiefe Stille, die nur durch ein paar musicirende Grillen und Frösche belebt wurde.

Noch aber hatte sie sich keine dreißig Schritt vom Theater entfernt, als sie eine Stimme hinter ihrem Rücken sagen hörte:

Sie wollen auch noch einen Spaziergang machen, Fräulein? Erlauben Sie, daß ich Sie eine Strecke begleite. Es ist mir unmöglich, jetzt schon nach Hause zu gehen; ich meine, ich müßte da ersticken.

Sie antwortete nur mit einem kaum merklichen Neigen des Kopfes. Es war ihr in demselben Augenblick lieb und unlieb, daß er ihr nachging. Aber wie sollte sie sich seine Gesellschaft verbitten, da er so bescheiden sich ihr näherte?

Er hatte den Strohhut noch nicht aufgesetzt und nahm sich, wie er ihn linkisch in der Hand trug und das Stöckchen mit dem silbernen Knopf in der anderen hin und her schwang, nicht eben vortheilhaft aus, obwohl seine hohe, rüstige Gestalt und der kleine Kopf auf den breiten Schultern im Gehen noch deutlicher hervortraten. Die Augen hatte er gegen den hellen Streif des Himmels gerichtet, und ein Hauch wie von Verzückung lag noch auf seinen Zügen.

Welch ein glückseliger Mensch! sagte er halblaut. Finden Sie nicht auch, Fräulein? Er hat wahrscheinlich den Druck dieses Erdenlebens so gut empfunden wie wir; vielleicht noch schwerer, da er nur für die Freiheit geboren war; und um so herzzerreißende Schicksale zu schildern, wie diese Liebenden sie erlebt, muß man da nicht Aehnliches durchgemacht haben, wenn auch nur als Zuschauer oder Freund? Und doch ist es immer, als ob er aus höheren Regionen davon Zeugniß gäbe, in einer Sphäre athmete, zu der kein Dunst und Qualm hinauf könnte, in einer ewigen himmlischen Freiheit, und so lange wir in seiner Nähe sind, wir arme Gefangene, so lange fühlen auch wir unsere Fesseln nicht, es rinnt uns wie ein heiliges Feuer durch Mark und Bein, wir trauen uns zu, die unerhörtesten Heldenthaten zu verrichten, wie jener Ferdinand unsere ganze armselige Welt und Gesellschaft herauszufordern und lieber unterzugehen, als in solch ekelhaftem Brodem länger zu athmen. Wenn dann der Vorhang gefallen ist, sind wir freilich wieder schwache Menschen, die ihre Handschellen höchstens von einer Stelle zur anderen schieben, um den Druck eine Weile zu mildern.

Er seufzte und stand plötzlich still.

Verzeihen Sie, daß ich Sie mit so melancholischen Betrachtungen unterhalte, sagte er dann, indem er zu lächeln versuchte. Aber ich habe Ihnen schon bekannt, daß ich nie ins Theater komme; da ist es, wie wenn Einer sonst niemals Wein trinkt: schon ein Glas eines ganz geringen Gewächses steigt ihm gleich zu Kopf, und er plaudert dann Alles aus, wovon sein Herz voll ist. Wenn Ihnen meine Gesellschaft unbequem ist –

Nicht im Geringsten, sagte sie hastig und schlug wieder den Schleier zurück. Es ist ja so natürlich, daß man sich aussprechen möchte nach so einem Eindruck. Auf mich hat es weniger stark gewirkt. Lieber Gott, die Geschichte, wie ein gutes; schwärmerisches Mädchen in der Welt keinen Platz findet und vom Schicksal zerknickt wird wie ein schwaches Rohr, ist so alltäglich und kann Unsereins weniger rühren als die Herren der Schöpfung, die meist die Schuld daran tragen und, während so etwas gespielt wird, wenigstens ein wenig von Reue geschüttelt werden.

Ich kann Sie versichern, erwiderte er mit sehr sanftem Ton, daß ich nicht zu diesen gehöre. Was mich gerührt hat, waren die großen, hinreißenden Gefühle dieses unglücklichen Paares, die sie doch wieder für alles Leid entschädigten. Wer so starke Leidenschaft fühlt, muß überhaupt ein kräftigeres Lebensgefühl in sich tragen, als wir Anderen, denen ein Tag wie der andere hinschleicht, von Pflicht zu Pflicht, nie ein übermächtiges Wonnebeben, nie ein scharfer, glühender Schmerz. O, und dabei jung sein und sich sagen müssen, so soll es fortgehen, bis die Haare weiß werden und die Kniee wanken! Davon aber haben Sie schwerlich eine Vorstellung. Frauen wird früh gelehrt, daß sie zum Dulden und Dienen auf die Welt gekommen sind.

Wenn man nur jede Lehre auch annehmen könnte, ohne sich mit gutem Recht dagegen zu empören! sagte sie bitter und stieß ihren Sonnenschirm heftig in den weichen Sand des Fußweges. Aber woher käme in der Brust jedes menschlichen Wesens, gleichviel welches Geschlechts, die Sehnsucht nach Licht und Luft, Freiheit, Glück und Sonnenschein, wenn gewisse Stiefkinder Gottes ein- für allemal auf die Erfüllung dieses Verlangens verzichten müßten? Es giebt freilich Pflanzen, die im Schatten gekeimt haben und nun da aufwachsen und verkümmern müssen. Aber ein Mensch, der seine gesunden Glieder hat und sich bewegen kann von einem Ort zum anderen, daß der so still halten muß, wo er nun einmal hingepflanzt ist, blos weil er zu gewissenhaft ist, über ein paar unsichtbare Zäune und Hecken zu steigen, die man ihm als unübersteiglich vorgehalten – sagten Sie nicht, daß wir uns in der Nähe eines solchen Freiheitsdichters wie Gefangene vorkommen? Ich muß Ihnen gestehen, daß ich jeden wirklichen Sträfling um seine Handschellen beneide. Wenn man Hände und Füße frei hat und die Kerkerthür offen steht, und man kann sich doch vor lauter pedantischem Pflichtgefühl das Herz nicht fassen, hinauszufliehen, ist das nicht viel erbärmlicher, viel demüthigender?

Er antwortete nicht sogleich. Sie fühlte, daß er einen langen prüfenden Blick auf sie warf, und als er wieder zu reden anfing, klang seine Stimme noch weicher und herzlicher.

Darf ich fragen, mein Fräulein, was das für Pflichten sind, die Ihnen ein Leben nach Ihren Wünschen unmöglich machen?

Sie schüttelte den Kopf.

Was kann Ihnen daran liegen? Es ist eine ganze Lebensgeschichte, so alltäglich und langweilig wie tausend andere; nur wer sie gerade erlebt, der mag sehen, wie er mit ihr fertig wird. Sie meinen es gewiß gut mit Ihrer Frage, setzte sie hinzu, aber ich kann Sie versichern, daß Sie nichts dabei verlieren, wenn ich Ihnen die Antwort lieber schuldig bleibe. Und helfen können Sie mir doch nicht.

Helfen? Wer weiß, liebes Fräulein. Es geschehen noch alle Tage Wunder.

Er wehte sich mit dem Strohhut die feuchte Luft zu, die vom Flusse aufstieg, und sein Gesicht nahm auf einmal einen heiteren Ausdruck an, muthig, fast übermüthig, wie wenn ihm eben ein sehr glücklicher Einfall käme.

Sie blieb stehen und sah ihn ernsthaft an.

Ich glaube, Sie wollen Ihren Spaß mit mir haben. Sie kennen mich nicht, ich erkläre Ihnen, daß ich es überflüssig finde, Sie mit meinen persönlichen Verhältnissen zu langweilen, und Sie sprechen davon, mir zu helfen.

Verzeihen Sie, sagte er, es war mir ganz ernst mit dem, was ich sagte. Aber Sie haben Recht, es giebt keine Recepte für Krankheiten, die man nicht kennt. Wenn ich es Ihnen denn ehrlich sagen soll, wie ich zu dieser Rede kam: ich glaubte zu verstehen, daß Sie aus Ihrer Gefangenschaft, wie Sie es nennen, nur darum nicht fliehen könnten, weil – nun ja, weil Ihnen die Mittel fehlten, weil Sie Andere darum nicht angehen dürften oder möchten, die das Ihrige auch nicht entbehren könnten, – es giebt ja so viele Noth und Hülflosigkeit unter den Menschen, der mit einer geringen Summe abzuhelfen wäre! – wie manches Mädchen verließe den Ort, wo sie lebt, und suchte sich anderswo eine günstigere Stellung, wenn sie nur über ein kleines Kapital zu verfügen hätte. Und sehen Sie, da ich nun gerade auf eine unverhoffte Weise ein Capitalist geworden bin –

Mein Herr –!

Nein, Sie dürfen mir das nicht übel nehmen, mein Fräulein. Ich weiß wohl, daß viele Menschen lieber alles Andere von einem ihnen bisher Unbekannten annehmen, als eine Summe Geldes. Wenn Sie jetzt dort in den Fluß stürzten und ich mein Leben daran wagte, Sie herauszuholen, würden Sie unbedenklich sich dieses Opfer bringen lassen und gar nichts Unpassendes darin finden. Aber ein paar tausend Gulden, die ich Ihnen anzubieten wagte, nicht wahr, die anzunehmen, schiene Ihnen höchst undelicat? Es ist seltsam, was für Vorurtheile über das Geld unter den Menschen herrschen. Und gerade diejenigen, die am wenigsten haben und daher gelernt haben sollten, es am meisten zu verachten, pflegen am empfindlichsten in allen Geldangelegenheiten zu sein.

Weil ihr einziger Reichthum ihr Stolz ist.

Ein recht bettelhafter Reichthum – nehmen Sie mir's nicht übel, mein Fräulein. Geld hat von allen irdischen Gütern am wenigsten mit meiner Selbstachtung zu schaffen. Vor acht Tagen hatte ich nicht viel mehr als zehn Gulden im Vermögen, da erhalte ich die Nachricht, daß ein alter Vetter von mir, der sich Zeitlebens nie um mich bekümmerte, hier in dieser Stadt gestorben sei und mich zu seinem Erben eingesetzt habe. Ich konnte erst gestern hier ankommen und meine Erbschaft in Empfang nehmen, eine Junggeselleneinrichtung, Möbel, Kleider, alte Bilder und eine baare Summe von drei- bis viertausend Gulden. Wenn ich dies Geld vor zehn Jahren geerbt hätte, wie dankbar wäre ich dem guten Vetter gewesen! Ich hätte etwas Anderes studiren können und wäre jetzt – ein anderer Mensch. Was hilft mir all der Reichthum heute, wo ich, um in unserem Bilde zu bleiben, in meiner Gefängnißzelle auf Lebenszeit sitze? Daß ich dafür ein besseres Glas Wein und eine feinere Cigarre haben kann, soll mich das für alles verscherzte Glück schadlos halten? Und wenn ich nun, da reiche Leute sich ja allerlei noble Passionen gestatten dürfen, – wenn ich nun Jemand finde, der mit dieser Summe vielleicht noch aus seiner Haft loszukaufen wäre, könnten Sie es mir als einen Mangel an Zartgefühl auslegen, wenn ich anfragte, ob man mir den unnützen Schatz nicht vielleicht abnehmen möchte?

Sie waren Beide stehen geblieben und standen ein paar Augenblicke stumm neben einander, in den Fluß schauend, dessen glatte Strömung sich eben durch den Schimmer des Mondes zu versilbern anfing.

Mein Herr, sagte sie endlich, Alles, was sie mir sagen, klingt so menschlich, edel und einfach, ich schäme mich, Ihre Gesinnung nicht gleich erkannt und Ihnen gedankt zu haben. Aber wenn ich mich auch überwinden und ihr ungewöhnliches Anerbieten annehmen wollte, es wäre auch für mich jetzt zu spät, Geld könnte mich nicht mehr glücklich machen. Daß es mir früher gefehlt hat, das hat allerdings ganz wie bei Ihnen zu meinem verfehlten Leben mitgewirkt. Aber nun ist nichts mehr zu ändern.

Sie machte eine rasche Bewegung, wie wenn sie sich von ihm verabschieden wollte. Als er aber mit einer leichten, respectvollen Verbeugung stehen blieb und sie dabei wieder mit seinem stillen, resignirten Gesicht ansah, konnte sie es nicht übers Herz bringen, den sonderbar treuherzigen Menschen abzuweisen, wie jeden ersten Besten, der ihr aus dem Stegreif seine Dienste angeboten hätte. Sie trat wieder auf ihn zu und sagte, indem sie einen freundlicheren Ton anschlug:

Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, mein Herr, daß Sie mir so viel Vertrauen schenken, mir, gleich nachdem wir nur ein paar Worte gewechselt haben, Ihr ganzes Vermögen zur Disposition stellen. Jedenfalls wäre es undankbar, wenn ich Ihnen nun so ohne Weiteres gute Nacht sagte, zumal wir, wie ich glaube, nicht bloß ähnliche Schicksale haben, sondern, ganz eigentlich gesprochen, Collegen sind. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich Sie für einen Schullehrer halte, dem seine Dorfschule zu eng ist. Nun sehen Sie, ich bin auch eine Lehrerin, und wenn mein bischen Kenntnisse mich auch nicht für einen höheren Wirkungskreis befähigten, so wüßte ich mir doch auch etwas Erfreulicheres, als ein Dutzend Mädchen in französischer Grammatik und Handarbeiten zu unterrichten.

Er hatte auf ihre Frage nach seinem Beruf kaum merklich mit dem Kopf genickt; sie erwartete aber keine ausdrücklichere Antwort, da sie ihrer Sache sicher zu sein glaubte.

Sind Sie an einer öffentlichen Schule angestellt? fragte er nach einer Weile, während sie jetzt ihr langsames Wandeln am Flußufer fortsetzen.

Nein. Ich habe meine kleine Schule auf eigene Hand eingerichtet, da es in unserem dürftigen Nest nach der Volksschule an jeder Fortbildung für halbwüchsige Töchter fehlte. Ich selbst hatte einen mehr zufälligen Unterricht genossen, von meiner Mutter, die aus einer großen Stadt war, und sogar ein wenig Geschichte beim Herrn Pfarrer gelernt, als wir noch hier lebten. Sie müssen nämlich wissen, mein Vater war Schloßverwalter bei dem alten Grafen droben, der vor einem Vierteljahr gestorben ist. Sehen Sie die beiden Fensterchen in dem Seitenflügel da oben, dicht neben dem Eckthurm, die jetzt eben im Mondschein glänzen? Dort habe ich meine Kindheit zugebracht bis in mein dreizehntes Jahr; das war die Wohnstube meiner Eltern. Da habe ich oft mit der kleinen Comtesse gespielt und mir nicht träumen lassen, daß ich nach vielen Jahren einmal als eine Fremde hier unten in der Nacht spazieren gehen würde. Dann wurde mein Vater, da er bei einem nächtlichen Brande sich zu sehr strapazirt und heftig erkältet hatte, von der Fußgicht befallen, und nachdem er ein halbes Jahr das Bett gehütet und seinen Dienst nicht hatte versehen können, mußte er wohl seinen Abschied nehmen. Für eine große Pension hatte er noch nicht lange genug gedient. Was der Graf ihm bewilligte, reichte nur knapp hin, um in einer noch viel kleineren Stadt – zwei Eisenbahnstunden von hier – so um Gottes willen sich durchzuschlagen. Damals lebte die Mutter noch, meine einzige Schwester war vier Jahre jünger als ich, wir schränkten uns aufs Aeußerste ein, und so hätten wir bei allem Unglück noch nicht zu klagen gehabt, wenn die Gemüthsstimmung meines Vaters ihm und uns nicht das Leben verbittert hätte. Er hat die Meinung, daß er nur unser Bestes wolle und stets gewollt habe, aber er allein hat uns um allen Frieden und alle Hoffnungen gebracht. Als ehemaliger Schloßverwalter glaubte er mehr zu sein als die kleinen Spießbürger, höchstens den Bürgermeister und Kreisphysikus ausgenommen, und so sollten wir mit Niemand umgehen. Daß wir bei all diesem lächerlichen Hochmuth oft unsere Nachbarn, eine Schusterfamilie, um ihren Fleischtopf beneideten, konnte natürlich auf die Länge nicht verborgen bleiben. Und dabei sollten wir nicht für Andere arbeiten, um, wie die Redensart war, unserem Stande keine Unehre zu machen. Wir arbeiteten freilich doch im Geheimen unter der Anleitung unserer guten Mutter Stickereien und Weißzeug, die wir dann in der Residenz verkaufen ließen. Es war aber ein trauriger Erwerb. Und über Tag saß der Vater mit umwickelten Füßen in seinem Lehnstuhl, rauchte und fluchte, und ich mußte ihm vorlesen, das Tageblatt und ein paar Bände einer alten Weltgeschichte. Das dauerte bis in mein zwanzigstes Jahr. Dann starb die Mutter. Nun war vollends nicht daran zu denken, das auszuführen, was ich mir oft in unglückseligen Kummernächten ausgedacht hatte: daß ich fortgehen und irgendwo in der Welt mein Brod verdienen wollte, gleichviel womit; selbst zur Kammerjungfer war' ich mir nicht zu gut gewesen. Nun aber mußte ich bleiben. Meine Schwester war eben erst aus den Backfischjahren. Wie konnte sie das Hauswesen führen, den Vater pflegen, dabei noch arbeiten, um ein kleines Stück Geld in die Küche zu verdienen?

Der Vater machte sich nie Sorge. Er rechnete bestimmt darauf, durch seine jüngere Tochter, die er für eine große Schönheit hielt, noch einmal sein Glück zu machen und den Abend seines Lebens dann in einem seidenen Schlafrock zu verbringen und in der Kutsche seines reichen Schwiegersohns spazieren zu fahren. Daß ich mich je verheirathen würde, kam ihm ganz unwahrscheinlich vor, wenn er überhaupt darüber nachdachte. Ich war nie hübsch gewesen, eine gute Partie war ich auch nicht, ob ich etwas mehr Verstand oder Herz hatte, als so im Durchschnitt bei meinem Geschlecht zu finden, wer fragte danach? Wenigstens in unserem Nest keine Seele. Und ich war blaß und blutarm, da ich nicht immer satt wurde, und dürftig gekleidet. Es gab wohl eine Zeit, wo auch ich, wenn ich in besserer Lage und glücklicher gewesen wäre, einem Manne hätte gefallen können. Mit Manchen hab' ich mich verglichen, die häßlicher und dümmer waren, als ich, und doch einen braven Mann und ein Haus voll lieber Kinder bekommen haben, bloß weil sie nicht wie die Kirchenmäuse dasaßen und Brosamen knusperten. Ich aber, wenn von mir und meiner Schwester die Rede war, hieß schlechtweg die Clara, meine Schwester aber die »hübsche« Landolin – das ist unser Familienname. Gott weiß, ich war meiner bevorzugten Schwester nicht neidig. Wie gern hätte ich es ihr gegönnt, sich gut zu verheirathen; denn auch ihr bekam es nicht gut, so im Schatten zu sitzen und weder Thau noch Sonnenschein zu genießen. Entbehrung und Sorgen sind schlechte Schönheitsmittel. Nun ist es schon ein gutes Weilchen her, daß Niemand mehr von der »hübschen Landolin« spricht. Unsere jungen Nachbarssöhne, die ihr sonst auf kleinen Tanzunterhaltungen Sträußchen brachten und Fleuretten sagten, sind sämmtlich viel zu gute Rechner gewesen, um sich nicht anderswo nach einer Frau umzusehen. Und nun ist das arme Ding noch übler daran, als ich, da sie über getäuschten Hoffnungen brütet, während ich von Anfang an mir nichts weiß gemacht hatte.

Sie waren zu einem Bänkchen gekommen, das unter einer schönlaubigen Esche dicht am Ufer stand. Hier setzte sie sich, das eifrige Sprechen schien sie erschöpft zu haben; er aber blieb vor ihr stehen, den Rücken gegen das mondbeschienene stille Hügelland gekehrt, die Augen ruhig auf ihre gesenkten Wimpern geheftet.

Wie traurig ist das Alles, was Sie mir da beichten! sagte er. Wenigstens aber scheinen Sie durch Ihr eingezogenes Leben vor dem Traurigsten bewahrt geblieben zu sein, – vor einer hoffnungslosen Leidenschaft.

Ist das so etwas Trauriges? versetzte sie. Allerdings habe ich, so seltsam es klingt, nie erfahren, was man Liebe oder auch nur Verliebtheit nennt. In wen hätte ich mich verlieben sollen? Die Handlungsreisenden, die regelmäßig auch in unser Nest kamen, machten mir nicht einmal Fensterparade, viel weniger gaben sie sich viel mit mir ab, so lange ich noch um meiner Schwester willen auf unsere vornehmen »Casinobälle« ging. Da war die »hübsche« Landolin ihnen lieber. Und ich selbst verschmerzte das leicht. Ich verschaffte mir allerlei interessante Bücher; da kam es wohl zuweilen, daß ich eine sehr innige Liaison mit einer erfundenen Person oder mit dem Verfasser selbst anknüpfte. Hoffnungslos waren diese Passionen natürlich von vornherein. Aber sie thaten mir doch wohler, als die graue, kühle Gleichgültigkeit, in der ich sonst hinlebte, und ich wünschte mir oft so ein recht herzhaftes Herzensunglück, eine schöne rothe Wunde. Wenn da das warme Blut herausrieselt, dacht' ich, fühlt man doch, daß man überhaupt Blut in den Adern hat, und wenn auch das Leben selbst mit hinausströmen sollte, was läge daran? Stürbe man so nicht besser, als an Langerweile und Altersschwäche, ohne je recht gelebt zu haben?

Vielleicht haben Sie Recht, liebes Fräulein, nickte er wehmüthig vor sich hin. Und doch– Sie haben es noch nicht erfahren, wie gewisse Schmerzen uns das Blut vergiften können. Ich selbst – was ich davon weiß, stammt auch aus längst vergangener Zeit. Es ist möglich, daß ich es jetzt auch nicht mehr durchmachen würde, ohne daran zu Grunde zu gehen. Ja, wenn freilich Alles immer so endigte, wie in dem Trauerspiel heute, daß jeder Ferdinand mit seiner Louise zusammen aus der Welt ginge! Aber dann so weiter leben, das Eine hier, das Andere dort, Eins allein und das Andere – aber warum noch daran denken! Ich habe Sie in Ihrer Lebensgeschichte unterbrochen.

Sie sind sehr gütig, daß Sie das eine Geschichte nennen, in der nicht das Geringste geschieht, ein Kapitel so farblos wie das andere, nur die Tinte immer blasser, je mehr Blätter beschrieben werden. Aber nein, daß ich dem unerforschlichen Verfasser nicht Unrecht thue: es kam noch einmal zu einer recht spannenden Verwicklung.

Ein Hauptmann außer Dienst hatte sich vor mehreren Jahren in unserem Städtchen niedergelassen, gerade im Hause gegenüber. Man erzählte ihm nach, er habe seinen Abschied nehmen müssen wegen Mißhandlung seiner Leute; Andere sagten, wegen allerlei unsauberer Geldgeschichten. Genug, unsere ehrsamen Bürgersleute wollten nicht recht mit ihm warm werden, und wie er das merkte, schloß er sich eifrig an meinen Vater an, der über den Umgang mit einem Offizier, einem gebildeten Manne höchst vergnügt war und gegen alle üblen Nachreden seine Ohren verstopfte. Da kam nun der neue Nachbar jeden Nachmittag herüber, rauchte eine Pfeife nach der anderen neben dem Krankenstuhl, spielte eine Partie Sechsundsechzig um die andere und machte meiner Schwester scherzhafterweise den Hof. Er mochte um dreißig Jahre älter sein als sie. Um mich schien er sich so gut wie gar nicht zu bekümmern, was mir sehr lieb war, denn er war mir von der ersten Stunde an verhaßt, und ich mußte mich überwinden, nur höflich gegen ihn zu bleiben.

Denken Sie sich nun meinen Schrecken, als mein Vater mir eines Morgens eröffnete, der Hauptmann habe gestern Abend, nachdem er die fünfte Pfeife ausgeraucht, um meine Hand angehalten.

Er rauchte sonst nur drei. An jenem Tage aber hatte ihm seine Haushälterin gekündigt, die es vermutlich bei dem harten und hämischen Mann nicht länger aushalten konnte, und da war er auf den Einfall gerathen, ob er nicht besser thue, für eine Nachfolgerin zu sorgen, die ihm nicht so von heut auf morgen den Dienst aufsagen könne.

Ich erklärte, ohne mich eine Minute zu besinnen, daß ich diesen zweideutigen Menschen nie und nimmer heirathen würde. Zuerst versuchte mein Vater, der mich wohl kannte, daß mit Gewalt nichts bei mir auszurichten sei, mich im Guten zu bereden. Der Hauptmann sei wohlhabend und würde unser Leben auf einen besseren Fuß bringen. Als ich fest blieb, gerieth er in eine solche Wuth, daß er mir Dinge sagte, die mein Herz für immer von ihm loslös'ten, so schwache Fäden uns auch bisher aneinander geknüpft hatten. Unter Anderem warf er mir vor, wie lange ich ihm schon zur Last gefallen sei, während Töchter in meinem Alter sonst schon die Stütze ihres Vaters seien. Daß er mich nie von sich gelassen hatte, wie ich so oft gebeten, hielt ich ihm vergebens vor. Er war aber viel zu leidenschaftlich, um auf irgend eine Einwendung zu hören.

In dieser Nacht war ich nahe daran, aus der Welt zu gehen. Ich glaube auch, selbst der Gedanke an Gott hätte mich nicht zurückgehalten, aber ich hatte nicht den Muth, mir das erste beste Küchenmesser in die Brust zu stoßen, und gelindere Todeswaffen, Gift oder eine Pistole, konnte ich nicht auftreiben.

Als ich am anderen Morgen wieder vor den Vater hintrat, erklärte ich ihm meinen Entschluß, nicht einen Bissen Brod und nicht einen Groschen Geld je wieder von ihm anzunehmen, nur, um das Aufsehen und Gerede zu vermeiden, das Obdach in seinem Hause, und auch dafür wollte ich eine Miethe bezahlen. Von dem Tage an richtete ich meine Schule ein. Ich dachte ernstlich daran, lieber gleich ganz wegzugehen, am liebsten nach Amerika. Aber davon hielt mich das Mitleid mit meiner Schwester zurück.

Auch ihr graute vor dem Hauptmann, der ihr so schönthat. Warum er dennoch lieber um mich geworben hatte, konnte ich nur so erklären, daß er der ehemals »Hübschen« nicht so viel Anspruchslosigkeit und Aufopferungstalent zutraute, wie er von seiner Sklavin forderte. Auch war das arme Kind etwas zerstreut und machte im Hause Manches verkehrt, was ich dann wieder zurechtbringen mußte. Jetzt, da ich ihm einen Korb gegeben, schien er sich mit dem Gedanken, die Jüngere heimzuführen, mehr und mehr zu versöhnen; sie aber traute sich nicht zu, wenn ich ihr nicht gegen den Vater beistünde, tapfer zu bleiben und der verhaßten Heirath zu entgehen.

Ich hatte es freilich dahin gebracht, daß der Vater eine Art Furcht vor mir fühlte. Er redete mir nichts mehr dazwischen, ließ mich meine Schule eröffnen und that, als ob er wegsähe, als ich das erste Sümmchen, das ich als Miethsgeld bestimmt, auf seine Commode legte. Ich behielt auch noch täglich eine Stunde Zeit, ihm wie sonst vorzulesen. Wir wechseln aber kein überflüssiges Wort mehr mit einander, nun schon zwei ganze Jahre lang.

Sie werden darum vielleicht eine schlechte Meinung von mir bekommen. Sagen Sie es nur offen: eine Tochter, die mit ihrem Vater wie mit einem Halbfremden umgehen kann, kommt Ihnen abscheulich vor, ein herzloses, unnatürliches Geschöpf. Aber bin ich Schuld daran, daß ihm manche fremde Menschen weit näher stehen, als seine eigene Tochter, daß er mich, außer für seine Bequemlichkeit, keinen Augenblick vermissen würde, wenn ich heute noch vom Blitz getroffen oder sonst von ihm getrennt würde? Wie traurig das ist, wenn die sogenannten natürlichen Bande wie eine Kette drücken, fühlt Niemand härter als ich, und das Traurigste ist, daß er selbst es gar nicht zu empfinden scheint. Er sieht mich kommen und gehen wie einen bezahlten Dienstboten; und ich wundere mich oft, wie Menschen das sehr zweifelhafte Verdienst, Anderen das Leben gegeben zu haben, so sehr überschätzen können, daß sie meinen, die Wohlthat könne nur wieder durch das Opfer dieses ganzen Lebens aufgewogen werden.

Meine Schwester ist noch glücklich. Sie hat nicht die unselige Gewohnheit, sich über Alles Gedanken zu machen. Seit nun die Gefahr mit dem Hauptmann abgewendet ist – er ist vor Jahr und Tag wieder weggezogen, da er immer weniger respectirt wurde, – seitdem scheint sie gar nichts zu vermissen. Nicht Glück, nicht Freiheit, nicht Liebe, nicht einmal ihren alten Ruhm als die »hübsche« Landolin. Sie begreifen, daß ich auch da keinen Anhalt und Trost habe, und meine Schulkinder – nun Sie wissen wohl aus Erfahrung, was es mit der Phrase auf sich hat, daß der »Umgang mit der Jugend jung und heiter erhalte.«

Er antwortete nicht. Noch immer stand er unbeweglich vor ihr und las in dem höchst lebendigen Mienenspiel ihres Gesichts den Commentar zu Manchem, was ihre Erzählung im Dunkel ließ. Noch immer fand er dies Gesicht nicht hübsch, und das zuckende Fältchen, das sich im Verlauf ihrer Beichte immer tiefer grub, gab dem Mund einen unlieblich herben Ausdruck. Und doch zog die ganze Person ihn immer lebhafter an. Ihre Art zu sprechen, ihr Ton und die Geberde ihres Kopfes dabei, – er hatte das Gefühl, daß er hier ein Wesen gefunden, dem er all seine geheimsten Gedanken sagen könne, sein ganzes, seit Jahren verschlossenes Innere ausschütten. Nur fürchtete er sich anzufangen; wie sollte er vor morgen früh ein Ende finden?

Wie er noch darüber grübelte, was er ihr erwiedern sollte, stand sie plötzlich von ihrem Bänkchen auf.

Es ist nachtschlafende Zeit, sagte sie. Hören Sie wohl? da schlägt es Elf. Ich muß ins Hôtel zurück, wir haben uns unerhört verschwatzt. Aber ich bin Ihnen recht dankbar, daß Sie mir so geduldig zugehört haben. Und eigentlich ist es auch lange nicht so sonderbar, wie es scheint, daß man einem Menschen, den man zum ersten Male sieht und dann sein Lebtag nie wieder sehen wird, Dinge erzählt, die man seinen nächsten Bekannten um keinen Preis der Welt anvertrauen würde. Es ist, als schriee man seine Schmerzen so in die unbekannte weite Welt hinaus, wie man sie sonst seinem himmlischen Vater anvertraut, wenn man zu ihm betet, obwohl man ihn ja auch nicht näher kennt. Und da man nie weiß, ob das Gebet auch wirklich erhört wird, so ist ein fremdes Menschengesicht, das einen wenigstens gutherzig und teilnehmend dabei anblickt, zur Abwechselung eine wahre Wohlthat. Kommen Sie aber jetzt. Ich will auf dem direktesten Wege nach Haus.

Er bot ihr unwillkürlich, da der Mond hinter eine Wolke trat und die Landschaft plötzlich verfinstert wurde, seinen Arm; sie nahm ihn ohne Bedenken an, und sie schritten rüstig durch die Anlagen der Stadt zu. Sie empfand es angenehm, daß er um einen guten Kopf größer war und sie in der That sich ohne Scheu, ihm beschwerlich zu fallen, auf seinen kräftigen Arm stützen durfte. Sie fühlte sich nun doch von aller ungewohnten Aufregung des Tages etwas erschöpft.

Wie lange bleiben Sie noch, Fräulein? fragte er.

Ich weiß es selbst noch nicht. Ich bin in einer Angelegenheit hier, die vielleicht morgen schon, durch einen einzigen Besuch, erledigt wird, vielleicht aber mich einige Tage hinhält. Da sie doch einmal stillgehalten haben zu meinem langen Lebensabriß: sehen Sie, der alte Graf oben im Schlößchen ist, wie ich Ihnen schon gesagt, vor einigen Monaten gestorben. Nur so lange er lebte, war meinem Vater die Pension zugesichert. Nun soll ich morgen eine Bittschrift, die mein Vater an den jungen Grafen aufgesetzt, persönlich überreichen und ihn noch mündlich zum Fortbewilligen der Summe zu bewegen suchen. Eine schöne Commission für Jemand meines Schlages, wie Sie wohl denken können. Ich habe dafür gestimmt, daß meine Schwester diese diplomatische Reise unternehmen sollte. Aber da sie nicht mehr »hübsch« genug ist, um mit ihrem bischen Larve Eindruck zu machen, und im Uebrigen, was ihre Klugheit und Beharrlichkeit betrifft, der Vater ihr nicht viel zutraut, – sie ist ihm immer noch »das Kind«, und er ließe sie am liebsten in kurzen Kleidern gehen, – so habe ich wieder mich opfern müssen. Es war kein zu schweres Opfer. Ein paar Tage Freiheit und andere Gesichter – es ist wie wenn ein armer Kettenhund einmal loskommt und in Wald und Feld springen kann. Darum hätte ich gar nichts dagegen, wenn die jungen gräflichen Herrschaften, wie ich unterwegs auf der Eisenbahn hörte, augenblicklich in der Residenz wären und erst in einigen Tagen zurückerwartet würden. Ich möchte mich einmal recht betrinken in freier Luft und Ungebundenheit, mich so recht müde laufen hier auf meine eigene Hand, wo ich jeden Weg und Steg kenne, und vergessen, wie viel Wasser dort im Fluß an der Stadt vorbeigeflossen ist, seit ich zum letzten Mal darin gebadet habe.

Sie sind aber ganz still geworden. Ich habe Ihnen doch wohl zu viel vorgeschwatzt. Nun, Sie sind selbst Schuld daran mit Ihrem großmüthigen Anerbieten, mir helfen zu wollen. Wenn ich Ihre Erbschaft gemacht hätte, was thäte ich jetzt damit? Vor zehn Jahren, da wär' es eine Lebensrettung gewesen!

Und was hätten Sie damals mit dem Gelde angefangen?

Die Hälfte hätte ich meinem Vater gegeben, mit der anderen wäre ich auf und davon gegangen, nach Frankreich, Italien oder gar übers Meer. Ich war noch jung genug, um mir ein menschlicheres Leben zu schaffen, als in unserem Krähwinkel möglich ist; auch wenn ich etwas Freiheit und geistige Bewegung gehabt hätte, und vor Allem einen kleinen Haufen Geld, wäre ich am Ende hübsch genug gewesen, einen recht passabel« Mann zu finden, und glücklich wollte ich ihn schon gemacht haben. Ich habe wenig Tugenden, aber noch weniger Fehler; man kann sehr gut mit mir leben, Notabene, wenn man mich mag. Bei vielen Frauen ist ihre Liebenswürdigkeit, die man ihnen nachrühmt, nichts weiter, als daß sie haben, was sie wünschen, und wahre Teufel sein müßten, wenn sie dennoch unzufrieden und undankbar wären. Und wie hätte ich's einer Familie, die mein eigen gewesen wäre, angenehm und wohnlich machen wollen! Aber jetzt ist daran nicht mehr zu denken, mit allem Geld der Welt nicht mehr; und darum kann ich auch so ruhig davon sprechen, was ich mir Alles zugetraut hätte. Jetzt, wenn Gott grausam genug ist, mich noch lange so gesund zu erhalten, wie ich bin, jetzt werde ich eines Tages mein fünfundzwanzigjähriges Lehrerinnen-Jubiläum feiern, und die Eltern werden mir eine Ehre anthun mit irgend einem Präsent und meine Schülerinnen mir in frischgewaschenen Firmelkleidern einen Choral singen und ein Gedicht declamiren, und wenn ich dann noch zehn Jahre geschulmeistert habe, trägt man mich eines schönen Tages hinaus, wo noch andere gute Leute von einem verfehlten Leben ausruhen, und wer dann den wohlklingenden Namen »Clara Landolin« auf meinem hölzernen Kreuzchen liest, denkt wohl nicht, welch eine malcontente alte Jungfer unter diesem Hügel ihre Auferstehung und mit derselben die Lösung ihres Lebensräthsels heranwartet.

Dies Alles sagte sie in ganz lustigem Ton, ihre Augen glänzten, wie wenn sie die ergötzlichsten Dinge erzählte, und selbst das Fältchen am Munde zuckte kaum bei all dem Galgenhumor, der aus ihr heraussprühte. Er sagte sich, daß sie eine starke und nicht gemeine Seele haben müsse, um ihrem Schicksal so ruhig ins Gesicht zu sehen. Unwillkürlich zog er ihren Arm fester an sich, als wollte er sie seiner brüderlichen Sympathie versichern.

Sie schien es gar nicht zu bemerken.

Das wird noch eine unruhige Nacht geben, fuhr sie nach einer Weile fort. Wenn wir beide hochzeitlicher gekleidet wären, würde ich Ihnen vorschlagen, ein wenig mitzutanzen auf der Hochzeit, die in den »drei Helmen« gefeiert wird; man hört die Musik gewiß im ganzen Hause, und es pflegt immer ein kleiner improvisirter Nebenball arrangirt zu werden. Solch eine Heirath wie diese – ich glaube, ich ginge lieber zu Grunde! Ich habe mir die Brautleute angesehen, eine von den gewöhnlichen Geldheirathen, ein armes, garstiges Goldfischchen, das von einem brutalen Hecht nur so aus Gnade mitverschluckt wird, nachdem er schon so und so viel Andere verspeist hat und mehr als halbsatt geworden ist. Wie oft habe ich mich um meine Armuth glücklich gepriesen! Eine größere Entwürdigung kann einem Mädchen doch nicht werden, als wenn es um sein Geld geheirathet wird. Das Gegentheil, daß eine arme Schönheit einem widerlichen Millionär verkauft wird, ist nicht halb so entehrend. Da beweist ihr der Mann doch, daß ihm wirklich an ihrer Person gelegen ist, wenn sie auch vielleicht eben so viel gegen die seine einzuwenden hat. Weder schön, noch reich, ist also vielleicht das Beste; da bleibt man vor jeder Versuchung sicher und kann auf oder über fremden Hochzeiten ganz sorgenfrei einen Tanz mitmachen.

Er gestand ihr zögernd, daß er überhaupt nie tanzen gelernt habe. Dann sprachen sie noch eine Weile vom Heirathen, und sie fragte ihn, ob er jetzt nicht in die Zeitung setzen würde: ein junger Mann, der ein Vermögen von drei-bis viertausend Gulden besitze, suche eine Lebensgefährtin, die so und so beschaffen sein müsse. Er wurde aber plötzlich sehr ernst und still, sie wußte nicht, womit sie ihn verletzt haben sollte, machte sich aber Vorwürfe, überhaupt einen so übermüthigen Ton angeschlagen zu haben, und ging nun ebenfalls schweigend an seinem Arm dahin.

So kamen sie an den Gasthof. Alle Fenster waren erleuchtet, in allen Räumen schien es hoch herzugehen. Sie hörten die Tanzmusik die Stiegen herabdröhnen und die Fenster zitterten von dem Gestampf der herumwirbelnden Paare. Dazu drang ein süßlicher Geruch von schlechtem Punsch, frischem Kuchen und verwelkten Blumen ihnen entgegen, aber die Straße vor dem Hause war ganz leer und dunkel.

Ich muß hier von Ihnen Abschied nehmen, sagte das Mädchen. Haben Sie Dank für Ihre freundliche Begleitung und daß Sie so viel Geduld und Interesse für eine ganz fremde Person bewiesen haben. Wir werden uns wohl schwerlich wieder begegnen. Denken Sie aber zuweilen freundlich an Ihre ferne Collegin.

Sie reichte ihm die Hand und erwartete, daß er etwas sagen würde. Er schien aber so zerstreut, daß sie schon im Begriff war, ohne gewechselten Händedruck und Gutenachtwunsch ihren wunderlichen Begleiter auf der Straße stehen zu lassen, als sie sich auf einmal von seinen Armen umfaßt und einen lebhaften Kuß auf ihren Lippen fühlte.

Im nächsten Moment hatte sie ihn zurückgestoßen und war in den Hausflur geeilt. Fräulein! Bestes Fräulein! hörte sie ihn hinter sich her rufen. Sie sah aber nicht um und blieb nicht stehen, bis sie auf dem Treppenabsatz des ersten Stockes angekommen war; da, in dem hellen Flur, gegenüber dem wirbelnden Tanzgewühl, das durch die offene Flügelthür sichtbar wurde, lehnte sie ein paar Minuten lang an dem Geländerpfosten, um Athem zu schöpfen und sich von ihrem Schrecken zu erholen.

Wie war das nur möglich gewesen? Der ernste, ehrerbietige, etwas linkische Mensch – welch ein Geist war plötzlich in ihn gefahren, daß er sich so weit vergessen konnte? Und was bedeutete dieser Kuß? War er nichts weiter als eine seltsame Besiegelung ihres überhaupt nicht ganz alltäglichen Begegnens, so brüderlich gemeint, wie sie Alles verstanden, was er ihr gesagt hatte? Oder nahm er die ganze nächtliche Zwiesprach doch wie ein galantes Abenteuer, das nicht mit einem bloßen Händedruck beschlossen werden konnte?

Sie hatte so wenig Erfahrung! Seit Jahren hatte kein Männermund ihre Lippen berührt. Wie sollte sie wissen, welch ein Unterschied zwischen einem brüderlichen und einem verliebten Kusse sei? Zwar – wenn sie sich recht entsann – eine etwas stürmische Glut hatte ihr Gesicht gestreift, der Druck dieser Lippen war lebhafter und begehrlicher gewesen, als gute Kameraden, Leidensgefährten, Collegen sich zu grüßen pflegen. Sie fühlte, wie die Scham ihr in die Wangen loderte – und zugleich ein anderes Gefühl, das sie sich selbst nicht einzugestehen wagte. Also war sie doch nicht zu alt und verblüht, um einem jungen Manne, der sie näher kennen gelernt, nicht noch immer eines leichtsinnigen Wunsches werth zu erscheinen? Vielleicht war es nur so in ihm aufgeflackert, vielleicht schämte er sich jetzt, daß er sich hatte fortreißen lassen; aber es war doch geschehen, es hatte geschehen können! Ein verworrenes Gefühl seliger Beklommenheit und verstohlener Wonne überkam sie, noch viel süßer, als in der wirklichen Jugend ein eben aufblühendes Mädchen das Nachgefühl des ersten Kusses in die Einsamkeit mit fortnimmt.

Sie sah durch die Thür die Hochzeitsgesellschaft vorüberwirbeln, Paar um Paar, und der Contrabaß dröhnte so stark, daß die Dielen, auf denen sie stand, schütterten. Bräutigam und Braut schienen sich schon entfernt zu haben. Die jungen Vettern schwangen die Kranzjungfern durch den Saal, die schön frisirten Lockenköpfe der Herren waren schon zerwühlt, die Blumen-Coiffüren der Damen bedenklich zerflattert, der Champagner schien aber die Lust immer noch zu schüren. Mit einem unsäglich gleichgültigen, fast verächtlichen Blick ließ die Fremde draußen, die Niemand beachtete, das Gewühl an sich vorüberschwirren. Es war ihr zu Muth, als ob sie allein eine eigentliche Feststimmung in sich trüge und trotz ihrer Verlassenheit besser daran sei als all jene Ballschönen. Sie war arm und weder jung, noch hübsch, noch geputzt. Und doch hatte sie so aus dem Stegreif, ganz ohne es zu wissen und zu wollen, eine Eroberung gemacht, an einem Menschen, der an Liebenswürdigkeit gewiß all diese geschniegelten jungen Philister aufwog.

Der kleine Hausknecht, jetzt noch etwas unsicherer auf den Beinen als vorher, kam mit einer frischgefüllten Punschbowle die Treppe herauf und störte sie in ihrer träumerischen Weltvergessenheit. Er fragte zutraulich, ob sie nicht den »Stoff« zu kosten wünsche, er könne ihn empfehlen. Sie dankte kurzangebunden und befahl ihm, ihr eine Tasse Thee auf ihr Zimmer zu bringen. Dann stieg sie langsam in das oberste Stockwerk hinauf und betrat ihr abgelegenes Zimmer.

Das weit überhängende Dach ließ die Mondstrahlen nicht unmittelbar hereindringen, aber von dem Widerschein des hellen Himmels draußen war doch bis in die Mitte des großen Raumes eine Dämmerung verbreitet, in der man alle Gegenstände deutlich unterschied.

Sie warf ihr Sonnenschirmchen auf den Tisch und trat sogleich vor den Spiegel zwischen den beiden Fenstern, in den sie vor ein paar Stunden so gleichgültig hineingeblickt hatte. Nun war es, als ob sie ihr Gesicht vergessen hätte und ganz von Neuem kennen lernen müßte. Zum ersten Mal mißfiel sie sich selber nicht. Sie versuchte zu lächeln und fand, daß ihre Zähne noch alle weiß und ihre Lippen röther als gewöhnlich seien. Dann nahm sie den Hut ab und zog ein paar Nadeln aus ihrem Haar, daß ihre Flechten über den Rücken hinabfielen. Es ist doch kein falsches Haar an mir, dachte sie. Wie viele von den Brautjungfern unten sich das wohl nachsagen können? – Nun schüttelte sie den Kopf. Wenn ich das Haar so in zwei Zöpfen frei hängen ließe, sähe ich um sechs Jahre jünger aus. Bei uns aber würden mich die Kinder ausspotten. Man darf nur in großen Städten sich kleiden, wie es einem steht.

Dann setzte sie sich auf einen Stuhl ans Fenster und sah auf den mondhellen Platz hinunter und zu den kleinen Fenstern drüben in den hohen Giebelhäusern, wo hie und da eine Lampe brannte und eine Familie oder ein paar einsame Menschen noch wach waren. Nun haben sie wieder einen Tag hinter sich, dachte sie. War er wohl der Mühe werth? Und morgen stehen sie wieder auf, um denselben schlichten grauen Faden ihres unbedeutenden Alltagslooses weiterzuspinnen, und endlich reißt er ab, und der Nachbar spinnt den seinen weiter, als ob der dauerhafter wäre oder ächte Perlen daran aufgereiht werden sollten. So geht es schon ungezählte Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende fort. Der Herr der Welt mag diese grauen Fäden wohl nöthig haben in seinem großen Teppich, damit die bunten Muster desto mehr wirken auf dem farblosen Hintergrunde. Aber wer so als Füllung mitverbraucht wird, was hat der von der künstlichen Stickerei?

Dazwischen klang immer die Tanzmusik gedämpft zu ihr herauf. Sie war nicht ungehalten über die Unruhe im Hause. Sie hätte ohnehin nicht so bald an Schlaf denken können. Nur ihr festes Kleid streifte sie ab und band sich ein leichtes Umschlagetuch um den bloßen Hals, das aber die Arme frei ließ. Sie strich mit den Händen an ihren Armen herunter, wie wenn sie sich selber streicheln wollte. Ihre Gestalt war nicht das Verblühteste an ihr, die Arme nicht sehr voll, aber wohlgeformt und sehr weiß. So ging sie nach dem Tact der Musik halb tänzelnd das lange Zimmer auf und nieder, und das Herz klopfte ihr von ungewohntem Lebensgefühl und einer plötzlichen heimlichen Freude an ihrem eigenen Dasein.

Ein kleiner Hunger fand sich jetzt ein. Sie wollte sich noch etwas zum Nachtessen bestellen, bemerkte aber, daß der Glockenzug neben der Thür abgerissen war. Was hätte es auch geholfen? tröstete sie sich. Ueber dem Tanzlärm würde mich Niemand hören. Wenn der Hausknecht den Thee bringt, werde ich es noch immer bestellen können.

In ihrem Reisetäschchen hatte sie ein kleines Brod und etwas Naschwaare, die ihr die Schwester fürsorglich auf die weite Reise von zwei Stunden aufgedrungen hatte. Das holte sie hervor und fing eben an zu essen, als sie ein Klopfen an der Thür hörte.

In der Meinung, es sei der Hausknecht mit dem Thee, rief sie »herein«, indem sie nur ihr Tuch sorgfältiger zurechtzog. Die Thür ging langsam auf, aber sobald der Eintretende die Schwelle überschritten hatte, warf er die Thür wie in fieberhafter Angst hinter sich ins Schloß und trat hastig auf die Fremde zu, die einen leisen Schrei ausstieß und ein paar Schritte zurückthat, wie um sich hinter dem Tischchen am Sopha zu verschanzen.

Sie hatte den Eintretenden auf den ersten Blick erkannt, die hellen Sommerkleider, den Strohhut, das blasse, runde Gesicht. Er sprach nicht gleich etwas, er streckte die Hand mit einer bittenden Geberde nach ihr aus, und seine Augen suchten flehentlich die ihren. Auch ihr hatte der plötzliche Ueberfall die Sprache gelähmt. Mit zitternden Händen tastete sie auf dem Tisch nach dem Feuerzeug, um eine Kerze anzuzünden. Dann schien ihr der Gedanke zu kommen, daß sie nicht mehr vollständig angekleidet sei und besser thue im Zwielicht zu bleiben. Die Kniee versagten ihr, sie glitt auf das Sopha und konnte endlich mit der äußersten Anstrengung das erste Wort hervorbringen.

Mein Herr – es ist unverantwortlich – ich begreife nicht –

Mein Fräulein, stammelte er, ich bitte inständigst um Verzeihung, – nur fünf Minuten – was ich Ihnen mitzutheilen habe, ist so ernst und dringend –

Sie richtete sich wieder auf. Wieder suchte sie nach dem Feuerzeug, und in der That flammte jetzt der kleine blaue Blitz des Streichhölzchens zwischen ihnen auf, und gleich darauf brannte die Kerze.

Ich kann nur glauben, daß Sie ebenfalls in diesem Gasthofe wohnen und sich im Zimmer geirrt haben, sagte sie jetzt ganz gefaßt und mit nachdrücklichem Ton. Was Sie mir etwa noch zu sagen haben, dafür wird morgen am Tage Zeit genug sein.

Sie erwartete, daß er jetzt mit einer Entschuldigung den Rückzug antreten würde. Aber seine unsichere Haltung war auf einmal verschwunden. Nur einen Schritt trat er wieder zurück, blieb dann aber gegen die Thür eines großen Schrankes gelehnt ruhig stehen und sagte ehrerbietig aber fest, wie ein Mensch, der sich in seinem Entschlusse nicht so leicht irren läßt:

Die Stunde ist ungewöhnlich, mein Fräulein, ich weiß es wohl; aber was ich Ihnen zu sagen habe, ist es noch mehr; so mag Eins das Andere entschuldigen. Auch ist vielleicht Gefahr im Verzuge; wer kann wissen, was morgen mit uns geschieht? Ich brauche nur einem meiner Kerkermeister zu begegnen, so werde ich in die Haft zurückgeschleppt, und die Rettung ist vielleicht für ewige Zeit verscherzt.

Erschrecken Sie nicht, es ist nur bildlich gesprochen. Ich bin kein entsprungener Sträfling, wie Sie vielleicht einen Augenblick geglaubt haben. Nur in dem Sinne, wie Sie selbst sich eine Gefangene nannten, bin auch ich an Händen und Füßen gebunden, viel fester und härter freilich, als Sie: meine Handschellen schneiden ins Fleisch; ich kann sie nur abfeilen, nicht mehr abstreifen.

Aber setzen Sie sich doch, Fräulein. Ich fürchte sonst noch mehr, Sie zu ermüden, – obwohl ich mich kurz fassen will. Hoffentlich haben wir ja noch später Zeit, all unsere überstandenen Leiden ausführlich auszutauschen. O mein theuerstes Fräulein, verzeihen Sie nur, daß ich es überhaupt gewagt habe – wenn Sie wüßten, wie es in mir aussieht – diese Stürme – diese unterdrückten Qualen – und dabei eine gefaßte Miene machen und Anderen Trost spenden, die oft nicht halb so elend sind –

Sie sah ihm prüfend ins Gesicht, wie wenn sie ihn zum ersten Mal betrachtete.

Sie sind nicht, was Sie scheinen, mein Herr. Diese Kleider gehören Ihnen nicht – Sie sind – ein Priester.

Er ließ statt aller Antwort den Kopf auf die Brust sinken und starrte ins Licht.

Mein theures, theures Fräulein, fuhr er nach einer langen Pause fort, verurtheilen Sie mich nicht, ehe Sie mich gehört haben. Meine Geschichte ist kurz. Ich bin ein Findelkind, in früher Jugend von einem guten Geistlichen in sein Haus genommen und wie ein Sohn gehalten, dann in einem Seminar unterrichtet worden, und als ich die ersten Weihen empfangen hatte, in ein gräfliches Haus als Erzieher zu ein paar Knaben gekommen. Eine sehr alltägliche Geschichte, wie Sie sehen. Auch das soll nicht selten sein, daß in einem zwanzigjährigen, an aller Lebensfreude verkümmerten und verkürzten jungen Gottesknecht plötzlich in wärmerer Luft und auf einem üppigeren Boden allerlei irdische Triebe keimen und mit Gewalt hervorbrechen. Es war da eine Tochter in diesem Hause, die noch ganz anderen Leuten den Kopf verdrehte, als dem unbeholfenen Instructor im geistlichen Gewande. Und sie war trotz dieses Gewandes nicht so unempfindlich für das Unheil, das sie angestiftet, um ein für allemal den armen Schwarzrock für eine andere Art von Geschöpfen zu halten, der man keinerlei menschliche Gefühle schuldig sei. Um es kurz zu machen, ich mußte das Haus nach einem Jahre verlassen. Der Erzbischof, der mich sehr in Affection genommen und der Gräfin selbst empfohlen hatte, war so erbittert darüber, daß ich ihm Schande gemacht, daß er mich zur Strafe in das armseligste Dorf verbannte, auf eine Cooperatorstelle zu einem grilligen, völlig verbauerten alten Pfarrer. Da habe ich nun fünf Jahre die Schuld gebüßt, ein schönes, liebenswerthes und hochherziges Menschenbild schön und liebenswerth gefunden zu haben. Anfangs tröstete mich meine Hoffnungslosigkeit. Ich vergrub mich in den Abgrund dieses ewigen Verlustes, ich riß meine Wunden allnächtlich wieder auf und freute mich daran, wie schön sie bluteten. Genau das, was Sie so beneidenswerth fanden. Und wirklich brachte es mich eine Zeit lang über das Gefühl meiner Lage, über den Ekel an meinen Verhältnissen hinweg. Aber zuletzt vernarbte der Riß, und als ich eines Tages hörte, die Comtesse sei verheirathet worden, war's kaum noch ein stärkeres Herzklopfen, mit dem ich mich erkundigte, wer sie denn heimgeführt habe.

Seitdem habe ich gelebt wie auf einer Galeere und nur daran eine Freude gehabt, daß ich mir einbildete, der Stumpfsinn, der sich meiner bemächtigte, wachse wie eine Rinde um mein Innerstes und werde endlich jede Regung der Freiheit ersticken. Sie wissen nicht, Fräulein, was es heißt, auf gewissen Dörfern den Seelsorger machen, welch ein Blick in menschliche Rohheit, Niedertracht und Verwahrlosung sich da aufthut. Es ist kein Wunder, daß so Viele meines Standes zuletzt denen ähnlich werden, die sie gottähnlicher zu machen verzweifeln müssen. Man erträgt es nicht in der unerhörten Vereinsamung, wo man doch wieder nicht mit sich allein gelassen wird. Und nicht Eine Seele, der man sein Inneres aufschließen kann, nirgend ein Freund – eine Freundin – o und dabei jung sein müssen und wissen, welch überschwängliche Freuden für die Jugend vorhanden sind, wenn Alles mit rechten Dingen zugeht! Ein einziges Mal beichtete ich meinem alten Pfarrer den Zustand meines Gemüths. Werden Sie es glauben, daß er mich ganz unverblümt auf ein paar junge Weiber in unserer Gemeinde aufmerksam machte, die mit ihren Männern in Unfrieden lebten? Seitdem ist kein Wort der Klage mehr über meine Lippen gekommen. Es fraß desto heißer nach innen, ich hatte Tage, wo ich dachte, ich müsse, wie man es von Säufern erzählt, an Selbstverbrennung von innen heraus zu Grunde gehen.

Und nun noch das Letzte. Die alte Haushälterin starb, der Pfarrer nahm eine jüngere Person ins Haus, ich hatte das Unglück, Gnade vor den Augen dieses Geschöpfs zu finden, und da ich ihr unverhohlen erklärte, daß ich nichts mit ihr gemein haben wolle, warf sie einen tödtlichen Haß auf mich und hätte mich am liebsten fortgedrängt, wenn meine Strafzeit – Gott weiß, wie lang sie mir zugemessen ist, – schon abgelaufen wäre. Ich wohne nun für mich, esse nicht mehr im Pfarrhaus, aber im Uebrigen ist Alles wie vorher, um mich und in mir eine Wüste und Leere – und Gespenster, die mich heimsuchen wie St. Antonius, nur daß ich kein Greis bin und kein Heiliger. O mein Gott, wenn ich Ihnen schildern könnte – aber nein, Sie sind selbst nicht glücklich, wozu Ihnen das Herz schwer machen mit fremdem Elend!

Er hatte sich auf einen Stuhl geworfen, der am Fenster stand, und starrte in die Mondhelle hinaus. Sie wußte nicht, was sie aus seinem Verstummen machen sollte, und daß er sich so ohne Aufforderung bei ihr niederließ und ihre Gegenwart zu vergessen schien, fing an sie zu beunruhigen.

Ich beklage Sie gewiß, sagte sie endlich. Sie leben fast noch unmenschlicher als ich. Aber warum Sie, um sich gegen mich auszusprechen, diese späte Stunde gewählt haben – warum das Alles nicht bis morgen –

Er sprang in die Höhe und trat wieder vor sie hin. Mein Fräulein, stieß er hastig hervor, haben Sie noch zehn Minuten mit mir Geduld – es wird mir schwer – ich sehe es wohl – in Ihren Augen nicht als ein Wahnwitziger zu erscheinen – vielleicht bin ich es auch schon halb und halb – wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert – Sie kennen ja das Wort – nun denn, es ist vielleicht schon weit gekommen, aber noch nicht bis zum Aeußersten. Noch bin ich heilbar, gerade wie auch Sie noch nicht ganz verloren sind, und wenn es eine Vorsehung giebt – verzeihen Sie dies »wenn«, aber ich war oft nahe daran, an meinem Herrgott irre zu werden! – Nun, er reicht mir jetzt den Finger und wird nicht zürnen, wenn ich die ganze Hand ergreife. Es fuhr mir wie eine himmlische Erleuchtung durch den Sinn – schon vorhin, als wir am Fluß spazieren gingen – und dann – jedes Wort von Ihnen hat mich in meinem Glauben bestärkt – und wenn ich nun dachte, irgend ein Zufall vereitelt wieder die Rettung, – werden Sie es für eine strafbare Zudringlichkeit halten, daß ich den kleinen Verstoß gegen das Herkommen wagte und hier bei Ihnen anklopfte, gleichviel was der Kellner davon denken mochte, als ich ihn nach der Nummer Ihres Zimmers fragte?

Sie wurde über und über roth. Mein Gott, sagte sie, daran hab' ich noch gar nicht gedacht. Freilich – wie konnten Sie auch mein Zimmer finden? Und jetzt – jetzt weiß man im Hause, daß Sie hier bei mir sind – jetzt – o es ist schändlich, es ist unbarmherzig, unverantwortlich – so werde ich bestraft für mein Vertrauen, meine Theilnahme –

Sie stand auf und ergriff das Licht. Entweder Sie verlassen mich auf der Stelle, oder Sie zwingen mich, aus dem Zimmer zu gehen –

Er war ihr in den Weg getreten und hatte mit sanfter Gewalt ihre Hand ergriffen und sie wieder nach dem Sopha zurückgeführt.

Machen Sie es nicht ärger, mein theures Fräulein. Beruhigen Sie sich; der Mensch, den ich fragte, hatte seine fünf Sinne kaum noch beisammen, er wußte Ihren Namen nicht, den ich ihm auch nicht nannte, nur daß ein Fräulein mit dem Abendzuge angekommen und auf dies Zimmer geführt worden sei. Mich kannte er eben so wenig, und wenn er morgen seinen Rausch ausgeschlafen hat, wird er nichts mehr wissen von diesem späten Besuch. Ich bin, wie Sie wohl schon vermuthet haben, in den Kleidern meines Vetters, und da mich die Lust anwandelte, ins Theater zu gehen, was ich als Geistlicher in dieser sehr strenggläubigen Gegend nicht gedurft hätte, habe ich meine Tonsur unter einer seiner kleinen Haartouren versteckt, so gut es gehen wollte. Als ich diese Verkleidung vornahm in der ganz verlassenen Wohnung meines alten Verwandten, dachte ich noch nicht, wie weit mich das führen würde. Aber schon im Theater, als die Feuerworte des Dichters in meine Seele drangen, befestigte sich der Gedanke in mir: jetzt oder nie müsse ich meine Rettung versuchen. Und dann lernte ich Sie kennen – wieder ein Menschenleben, das verloren sein soll, verwaist an allem Glück, wieder eine starke, lebensdurstige Seele, die in einer Wüste verschmachten soll – und da rief eine Stimme in mir: rette auch Die! Dies edle, tapfere, stolze Mädchen, das deine Hülfe von der Hand gewiesen, weil ihr mit Geld nicht mehr zu helfen ist, weil sie Liebe bedarf und eine Seele, die sie versteht, die ihr verwandt und ebenbürtig ist – o mein theuerstes Fräulein, wenn ich so stumm neben Ihnen her ging, war es nur, weil ein zu heftiges Gewühl von Empfindungen mir durchs Herz ging und ich zuletzt mir nicht anders Luft zu machen wußte, als indem ich meine Arme um Sie schlang und Ihren Mund küßte. Es war kein frecher, leichtsinniger Raub einer Zärtlichkeit, die Ihren Mädchenstolz kränken müßte; es war auch kein Abschied, vielmehr in meinem Sinne, den Sie freilich nicht ahnen konnten, ein stilles aber sehr ernstliches Gelübde, daß ich mein Leben Ihnen weihen, Sie und mich zugleich retten, uns in die Freiheit, ins Leben hinaus flüchten wollte, und zwar ohne Besinnen, auf der Stelle, in diesem Augenblicke, wenn Sie Muth und Vertrauen genug zu mir fassen können, jetzt, da Sie wissen, wen Sie vor sich haben!

Er trat ganz dicht vor sie hin und wollte ihre Hand fassen; seine Wangen brannten, seine dunklen, schwärmerischen Augen waren in fieberhafter Spannung auf sie gerichtet.

Das Fältchen an ihrem Munde zuckte unmerklich.

Sie sind toll! sagte sie tonlos. Sie wollen mir einreden, daß Sie sich in mich verliebt haben? Gehen Sie! Für so thöricht können Sie mich selbst nicht halten, daß ich mir einbilden sollte, Sie Hals über Kopf bezaubert zu haben. Wenn wir auf einer Robinsonsinsel uns gefunden hätten, Sie der einzige Mann und ich das einzige Weib, würde ich am Ende mir einreden lassen, wir seien für einander geschaffen, wenigstens auf einander angewiesen. Aber wohin wir auch fliehen möchten – wenn es nicht gerade in einen Urwald wäre –

Und warum nicht in einen Urwald? unterbrach er sie und ergriff nun doch ihre Hand, die sie ihm vergebens zu entziehen suchte. Ich verstehe Sie nicht. Warum soll ich Sie nicht lieben? Sind Sie denn nicht liebenswürdig? Ich versichere Ihnen, ich habe nie ein weibliches Wesen getroffen, auch vor meiner Verbannung auf das Dorf, das einen so wundersamen Eindruck auf mich gemacht hätte. Sie lächeln so seltsam, Sie wollen mich an die Comtesse erinnern. Mein Gott, das war eine erste Liebe, so thöricht und besinnungslos, wie sie gewöhnlich sein sollen. Sie war jung und schön, und ich sah sie täglich, und es war eine verbotene Frucht im Paradiese meiner Jugend. Jetzt – ist es jetzt nicht ganz anders? Sie sind nicht mehr jung, wie Sie sagen, – und ich habe gelebt und gelitten. Und wir sind geistesverwandt und leiden das gleiche unerträgliche Knechtsschicksal und begegnen uns auf einem und demselben Rettungswege. Aber nein, davon Nichts mehr! Nicht aus bloßer Noth klammere ich mich ja an Sie an. Wer hinderte mich, jetzt mit meiner Erbschaft allein auf und davonzugehen, mir meinen Urwald zu suchen und vergessen und verschollen als ein freier Mann mein Leben von vorn anzufangen? Ich kann aber nicht fort ohne Sie; ich habe Sie einmal in meinen Armen gehalten und würde ewig eine Leere fühlen, wenn Sie nicht für immer eine Zuflucht an meiner Brust suchten. Sie kennen sich nicht, wie ich Sie kenne. Sie haben Ihr Gesicht, Ihre Gestalt, Ihr ganzes Wesen jahrelang in dem blinden, trübangelaufenen Spiegel eines kleinen Nestes gesehen. Glauben Sie mir, Sie sind noch jung genug, noch reizend genug, um einen Mann über alle Maßen glücklich zu machen, wenn Sie sich entschließen können, sich ihm ganz zu ergeben, Freud' und Leid mit ihm zu theilen, bis in den Tod! –

Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, während er diese Worte in hastigem Schwall hervorstammelte. Sie hatte das Kinn tief in ihr Umschlagetuch gedrückt, die Augen geschlossen, die Zähne dicht auf einander gepreßt. Nur daß mehrmals ein Schauer sie überlief, konnte er bemerken, und die Hand, die er in der seinen festhielt, war kalt und feucht.

Er beugte sich zu ihr hinab; ehe er es wußte und wollte, war er auf den Boden vor ihren Füßen hingesunken, hatte auch ihre andere Hand ergriffen und suchte in ihr Gesicht zu blicken. Clara, rief er flehentlich, habe ich Sie gekränkt? Sie schweigen – Sie wollen nichts von mir wissen –

Sie entzog ihm plötzlich ihre Hände und machte eine ungeduldig ängstliche Bewegung, wie um ihn wegzudrängen. Aber er drückte ihre Kniee an seine Brust und blieb wo er war.

Was thun Sie? stieß sie mühsam hervor. Stehen Sie auf – Sie sind nicht bei Besinnung – wenn Jemand käme – wenn man Sie so vor mir knieend fände – Sie, einen Priester – o mein Gott, bedenken Sie denn nicht, daß das Alles unmöglich ist, was Sie da gesagt haben, zehnmal, tausendmal unmöglich? Mir graut vor Ihnen – muß ich es Ihnen noch erst sagen? – nicht daß ich Sie hassenswürdig oder gar verächtlich fände – dazu hab' ich zu viel Mitleid mit Ihnen – aber wer nimmt Ihnen die Weihen je wieder ab? Können Sie auch Ihr Gewissen verstecken, wie Ihren geschorenen Kopf? Und die Todsünde, die Sie begehen wollen – um Wen wollen Sie die begehen? Um ein verblühtes armes Ding, das älter ist, als Sie, und muthloser, hoffnungsloser, das Ihnen nur zu bald nicht mehr der Sünde werth scheinen wird! Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie diesen wahnsinnigen Einfall aus. Ich bin überzeugt, morgen beim Tageslicht werden Sie selbst nicht begreifen, wie Sie zu diesem abenteuerlichen Rausch gekommen sind.

Er rührte sich nicht. Sie fühlte seinen heißen Athem an ihren Knieen. Das Blut schoß ihr immer ungestümer gegen das Herz. Unten schwirrte und brauste die Tanzmusik unermüdlich fort.

Ja wohl, sagte er jetzt und trocknete sich mit der einen Hand die Stirn, es muß wohl so etwas sein wie Wahnsinn, was jetzt aus mir spricht, und eben deßhalb liegt Alles daran, daß wir gleich thun, noch in dieser Nacht, was uns retten kann. Wenn morgen, wie Sie sagen, am hellen Tage der Wahnsinn verraucht ist, sind wir vielleicht wieder feige und schwache Menschen und ducken uns wieder unter das Joch. Gewisse Dinge gelingen nur, wenn man nicht ganz bei Verstande ist. Aber fürchten Sie nichts. Sehen Sie, ich gebe Sie ganz frei – er erhob sich vom Boden, wo er gekniet hatte, – und nun entscheiden Sie. Um halb Ein Uhr kommt der Nachtzug hier durch, wir können morgen früh in Leipzig sein, Abends in Hamburg. Unser Geld hab' ich bei mir, alles Andere findet sich unterwegs. Sie haben Urlaub auf unbestimmte Zeit, ich auf eine Woche. Früher also kräht kein Hahn nach uns. Kommen Sie. Sie haben noch nicht einmal ausgepackt, wie ich sehe. Um so besser. In einer Stunde können wir schon unsere Fahrt in die Freiheit angetreten haben.

Ich hindere Sie nicht, erwiderte sie dumpf. Thun Sie, was Sie verantworten können, und ich wünsche Ihnen alles Glück auf die Reise. Ich – können Sie glauben, daß ich es mit meinen Pflichten so leicht nehme wie Sie? Wenn Zwei dasselbe thun, ist es nicht dasselbe, hab' ich einmal sagen hören. Sie sind leichtsinniger als ich, Sie werden damit vielleicht weiter kommen, ich aber kann mich nicht anders machen, als ich bin, jetzt nicht mehr. Der Druck hat mich zu lange um alle Schwungkraft gebracht, ich bin kleinlich und bedenklich, ich wäre ein Bleigewicht an Ihren Füßen, immer spräche etwas in mir: Du bist nicht dazu gemacht, in die weite Welt zu laufen wie eine Zigeunerin, du bist eine armselige Kleinstädterin, die nur so hätte verbraucht werden müssen; was suchst du in Amerika? Nichts hast du gelernt, als Ketten tragen; nun hast du ein Heimweh nach deinem Gefängniß, – und es geschieht dir Recht!

Sie hatte sich ganz von ihm losgemacht, war ans Fenster getreten und hatte ein paar Athemzüge in die Nacht hinaus gethan. Dann wandte sie sich rasch wieder um.

Sind Sie noch hier? Haben Sie mich noch nicht verstanden? Da sehen Sie, wie wenig wir Zwei zu einander taugten. Sie können mir zutrauen, mich von Ihnen entführen zu lassen, daß dann mein Vater vergebens auf eine Antwort vom Grafen wartete und der am Ende aus meiner Flucht einen Vorwand nähme, einem Manne, der eine Landstreicherin zur Tochter habe, keine Unterstützung mehr geben zu wollen. Zum letzten Mal also: lassen sie mich allein! Ich weiß es wohl zu schätzen, daß Sie mir diese unsinnigen Vorschläge gemacht haben, Sie sind in Ihrer Art ein edler Mensch, nur überspannt und kennen die Welt noch nicht. Vielleicht – an Ihrer Stelle – obwohl ich nicht begreife, warum Sie sich gerade mich ausgesucht haben –

Gut denn! unterbrach er sie. Ich werde Sie jetzt verlassen, mein Fräulein. Aber nur unter der Bedingung, daß dies nicht Ihr letztes Wort ist. Morgen, gegen Mittag, komme ich wieder, und Sie haben dann Alles reiflich überlegt und sagen mir Ihren Entschluß. Ich wiederhole es, wenn Sie mich auch eigensinnig und verrückt nennen: ich fliehe nicht ohne Sie. Ich würde meiner Freiheit nicht froh werden, wenn ich Sie zurückgelassen hätte. Denken Sie davon, wie Sie wollen, ich liebe Sie, und wenn Sie mir nicht angehören wollen, ist es mir sehr gleichgültig, was ferner aus mir wird. Auf morgen also, nicht wahr?

Er stand mit so ernster und treuherziger Geberde vor ihr, daß sie nicht umhin konnte, ihm zum Abschied die Hand zu reichen, auf die er respectvoll seine Lippen drückte, und Alles zu versprechen, um was er gebeten hatte.

Dann blieb sie allein.

* *
*

Sie schloß kein Auge diese ganze Nacht. Der Hochzeitslärm war längst verhallt, Alles im Hause schlief bis in den hellen Morgen hinein, oben aber in dem letzten Zimmer unterm Dach saß eine ruhelose arme Seele in dem Lehnstuhl am Fenster und sah mit weitoffenen Augen in den Himmel, bis er sich nach und nach durch alle Schattirungen des Morgenzwielichts wieder zu voller Sonnenklarheit gelichtet hatte. Da erst warf sie sich aufs Bett. Es schien, als ob sie jetzt mit ihrem streitenden Innern ins Reine gekommen sei, oder doch einen Waffenstillstand geschlossen habe. Denn trotz des lebhaften Marktgetümmels unter ihren Fenstern schlief sie fest ein und holte in zwei Stunden fast alles Versäumte nach.

Denn als sie aufstand und vor den Spiegel trat, wunderte sie sich selbst über ihr unverwachtes Gesicht und ihre klaren Augen. Sie hatte sogar Farbe auf den Wangen, und das Fältchen an der Unterlippe schien gänzlich verschwunden. Nun kleidete sie sich langsam und mit aller Sorgfalt an, versuchte verschiedene Haarfrisuren und entschloß sich endlich, ihre beiden starken Zöpfe frei über den Rücken herabhängen zu lassen. Eben so dauerte es lange, bis sie sich entschieden hatte, welches Kleid von den beiden, die sie im Koffer mitgebracht, ihr besser stehen möchte. Für das seidene, ihr Staatskleid, war ihr der Tag zu sommerlich. Auch begriff sie jetzt nicht, warum sie es eingepackt hatte. Zu einem Bittbesuch wollte der Staat, wenn er auch ziemlich verblichen war, ihr nicht passend dünken. Es kam ihr sehr kleinstädtisch und dabei kopflos vor, daß sie sich gedacht hatte, um sich einem jungen Grafen vorzustellen, müsse sie sich durchaus in Gala werfen. Also entschloß sie sich zu einem hellen Mousselinfähnchen, mit Schmetterlingen und kleinem Rankenwerk bedruckt, das ein wenig altmodisch war, ihr aber doch besser stand, zumal wenn sie den großen Strohhut mit dem schwarzen Bande dazu aufsetzte.

Der Hausknecht, dem sie unten im Flur begegnete, machte eine Bewegung des Erstaunens, wie wenn er Mühe hätte, in dem luftig dahinschwebenden Fräulein das graue, simple Frauenzimmer von gestern wiederzuerkennen. Sie bemerkte es natürlich, und das unfreiwillige Compliment that ihr heimlich wohl.

So schritt sie mitten durch den Markt nach dem Schloßberg zu. –

Eine halbe Stunde später kam aus einer der Seitengassen ein junger Mann, der gegenüber dem Gasthof »Zu den drei Helmen« stehen blieb und aus dem Schatten eines der steinernen Bogengänge des alten Hauses auf der andern Seite scharf nach den obersten Fenstern des Hôtels hinaufspähte. Die zwei letzten unterm Dach, auf die es ihm ankam, waren mit grünen Rouleaux verschlossen. Er blieb also nicht lange auf seinem unergiebigen Lauerposten, sondern beschloß, die Zeit bis zum Mittag in dem Wäldchen am Fuß des Schloßberges zu verschlendern.

Auch er war in seinem Aussehen verwandelt gegen gestern Abend. Statt der zu knappen, kurzen und fast lächerlichen Erbkleider trug er einen bequemen einfarbigen Sommeranzug, den er in einem Kleiderladen fertig gekauft hatte, und um den Hals hatte er ein loses schwarzes Seidentuch geknüpft mit lang herabhängenden Zipfeln. Er sah viel besser aus als gestern, die Mädchen schauten ihm nach, er aber sah weder rechts noch links, sondern ruhig vor sich hin, und seine vollen Lippen waren dicht auf einander gepreßt.

So war er nachdenklich den sanft ansteigenden Schloßberg eine Strecke weit hinaufgeschlendert, als er plötzlich aufblicken mußte mit einem lauten Ausruf der Freude und Ueberraschung. Die, an die er eben gedacht, kam ihm den schmalen Fußweg hinab zwischen den schattigen Bäumen entgegen und begrüßte ihn so heiter und unbefangen, wie er es sich nicht erhofft hatte. Sie schien Vergnügen daran zu haben, daß er sie von Kopf bis Fuß mit großen Augen musterte und als eine fast neue Bekanntschaft betrachtete. Doch sagte er ihr kein galantes Wort über die vortheilhafte Veränderung, und auch sie behielt ihre Bemerkung für sich, wie schön er ihr vorkam in den passenderen Kleidern. Seinen Arm ihr anzubieten, schien er aus Schüchternheit zu unterlassen, fragte mit einem leichten Erröthen, wie sie geschlafen habe, und als sie lächelnd erwiderte: Die ganze Nacht keine halbe Stunde – verstummte er und ging zerstreut und trübsinnig neben ihr den Schloßberg wieder hinab.

Sie blieb aber freundlich und gesprächig und erzählte ihm, daß sie droben bei dem jetzigen Schloßverwalter eine Visite gemacht und sich nach der Rückkehr der Herrschaften genauer erkundigt habe, die allerdings erst in fünf bis sechs Tagen zu erwarten seien. Als ihn das noch mehr niederzuschlagen schien, lenkte sie davon ab und fragte ihn, womit er sich seine Morgenstunden vertrieben habe.

Er sei in der Wohnung des seligen Vetters umhergegangen und habe Alles darauf angesehen, was er etwa von der fahrenden Habe desselben mitnehmen solle. Von einer Hauseinrichtung, die der Selige vor vielen Jahren angeschafft, da er auf Freiersfüßen gegangen, sei noch das Meiste, da sich die Sache wieder zerschlagen, ungebraucht, ja unausgepackt in Schränken und Commoden vorhanden, Tisch- und Bettzeug, Bestecke und Küchengeschirr, Alles so reichlich und solid, daß eine junge Wirthschaft trefflich damit auszustatten wäre. Er habe immer angefangen, diesen Hausrath – für alle Fälle, wie er mit neuem Erröthen sagte, – in ein paar feste Kisten zu packen, eine andere mit den Büchern des Verstorbenen zu füllen. Was mit den Möbeln geschehen solle – ob »man« sie mitnehmen oder besser verkaufen lassen würde – aber freilich möchte Letzteres seine Schwierigkeiten haben, wenn man es nicht hier in Person noch abmachen könnte. Dies Alles habe er überhaupt halb mechanisch gethan, nur um die Zeit zu tödten. Was sei an dem alten Trödel gelegen? Ein Wandervogel richte sich überall sein Nest ein, wie er es brauche, und schleppe die Halme dazu nicht mit übers Meer.

Auf diese Aeußerung erwartete er ohne Zweifel, daß sie nun auf die Hauptsache kommen und, da die Bedenkzeit verstrichen, ihm ihre Entscheidung mittheilen würde. Sie schien aber all seine Anspielungen zu überhören, plauderte wieder von ganz gleichgültigen Dingen, und da sie unvermerkt aus der Stadt herausgekommen waren und sich einem Wirthshäuschen näherten, das zwischen dem Schloßberg und dem Fluß am Fuße der waldigen Hügelreihe lag, schlug sie vor, in dem Garten dort, der ihr aus alter Zeit wohlbekannt sei, zusammen zu Mittag zu essen. Das Haus sei damals berühmt gewesen für seine gute Küche und werde hoffentlich den alten Ruhm nicht ganz und gar eingebüßt haben.

Er war mit Allem einverstanden, was sie wünschte und wollte. Sie schienen über Nacht die Rollen vertauscht zu haben, er war schüchtern geworden, sie zuversichtlich und unternehmend. Und Beide standen sich gut bei diesem Tausch. Ihn kleidete seine sanfte Jünglingsmiene, wahrend doch die Augen von verhaltener Feuerkraft glänzten, besser als die aufgeregte Geberde des Abenteurers, die sie gestern Nacht erschreckt hatte. Und daß ihr Gesicht durch das lange nicht mehr geübte Lachen wieder jung und fast lieblich werden mußte, ist begreiflich.

So betraten sie den noch ganz menschenleeren Garten, suchten sich eine der schattigsten Lauben aus und bestellten bei dem Wirth, der nicht recht zu wissen schien, was er aus dem seltsamen Paar machen sollte, ihr Mittagsessen. Es war heiß, der Jasmin duftete stark herein. Sie hatte ihren Strohhut sogleich abgelegt, und er sah nun, wie feingeformt ihr Kopf war, da die Flechten ihr im Rücken hingen. Aber mit keiner Silbe verrieth er, daß sie ihm heute noch viel besser gefiel als gestern. – Ob er nicht auch seinen Hut abnehmen wolle, fragte sie; da er aber stumm den Kopf schüttelte, wurde sie plötzlich roth. Sie begriff, daß er sich am hellen Tage schämte, sich in der Perrücke des seligen Vetters sehen zu lassen.

Nun aßen sie. Ein zwölfjähriges Mädchen, die Tochter des Wirthes, der seit einigen Monaten Wittwer geworden war, bediente sie. Die Mägde seien alle beim Heuen, hatte der Wirth gesagt, um die Mängel der Bedienung zu entschuldigen. Das Kind trug ein schwarzes Band um den Hals und graue Kleider und sah ganz tiefsinnig aus den Augen. Als Clara ihm ihr Glas voll Wein hinreichte, daß es einmal trinken sollte, brachen ihm plötzlich die Thränen aus den Augen. Es ließ sich lange nöthigen, bis es sagte, warum es weinen müsse. So habe ihm immer die Mutter ihr Glas hingereicht! schluchzte das arme Ding und lief eilig aus der Laube, ließ sich auch nicht wieder sehen.

Das machte die Beiden eine Weile stumm. Dann aber brach Clara ein frisches Gespräch vom Zaun und wußte es so klug und munter zu führen, daß ihr scheuer Gefährte bald aufgethaut war. Sie hatte von ihrem Glauben und Nichtglauben angefangen, wo er sich dann in seinem Fahrwasser fühlen mußte. Es war seltsam, daß sie Beide ungefähr dieselben Scrupel mit sich herumtrugen und auf die nämliche Art sich bemüht hatten, darüber hinwegzukommen. In diese theologische Gewissensprüfung vertieften sie sich so angelegentlich, daß sie nicht merkten, wie die Zeit verging, der Mittag zum Nachmittag wurde und der Garten sich mit Kaffeegästen aus der Stadt füllte, die alle mit befremdeten Blicken an dem eifrig disputirenden Paar in der Geisblattlaube vorübergingen. Erst das Rollen und Dröhnen einer Kugel auf der nahen Kegelbahn schreckte sie auf. Es ist spät geworden, sagte Clara. Was fangen wir nun an? Ich fühle es jetzt erst, daß ich Nachts um meinen Schlaf gekommen bin. Am Ende thue ich gut, ein Nachmittagsschläfchen zu machen, ich weiß sonst nicht, wie ich's bis Abend aushalte.

Der Wirth hat unzweifelhaft ein stilles und kühles Zimmer, wohin Sie sich zurückziehen können. Wir wollen uns gleich erkundigen.

Er leerte sein Glas und trat dann aus der Laube. Seine Haltung war freier und sicherer, als da er ihr am Vormittag begegnet war, er bemächtigte sich, als ob es sich von selbst verstünde, ihres Armes und führte sie durch die neugierig aufblickenden Gruppen an den kleinen Tischen dem Hause zu.

Der Wirth geleitete sie in den oberen Stock und schloß ein Zimmer auf, das nicht nach der Gartenseite hinausging. Man sah die Thürme und Giebel der Stadt und ein Stück vom Schlößchen durch die Kastanienbäume blicken.

Hier werden die Herrschaften nicht gestört sein, sagte der Mann und ging eilig wieder zu seinen Gästen hinab.

Sie standen neben einander am Fenster, noch immer Arm in Arm, wie sie heraufgekommen waren.

Es ist kühl hier! sagte sie nach einer Weile und schauerte leicht zusammen. Ihre Hand glitt leise aus seinem Arm, sie fuhr sich über die Stirn, wie wenn sie einen Nebel von den Augen wegwischen wollte.

Wie seltsam ist das Leben! sprach sie dann vor sich hin. Von da oben sieht mich meine Jugend an, und ich stehe hier – und es kommt mir vor, als wäre die ganze Zeit dazwischen ausgestrichen aus meinem Leben, ich sähe noch in die Welt mit denselben Augen wie damals vom Schloßberg herunter. Das sind wohl recht kindische Gedanken.

Clara, sagte er jetzt kaum hörbar, Sie sind mir noch immer die Antwort schuldig auf die Frage, die ich gestern Nacht an Sie gethan habe. Oder soll ich das als Antwort nehmen, was Sie eben gesagt haben?

Er hatte ihre Hand ergriffen, sie war wieder feucht und kalt wie gestern Nacht, aber er sah, daß ihre Wangen brannten.

Sie blickte an ihm vorbei in das Grün der Bäume vor dem Fenster.

Wissen Sie, was ich heut' auf dem Schloß erfahren habe? Ich wollte mich bloß nach der Rückkehr der jungen Herrschaften erkundigen. Daneben fragte ich so beiläufig, wie der junge Graf sich zu den Beamten seines Vaters gestellt habe. Die Frau des Schloßverwalters, die wohl merken mochte, was mich hergeführt, sagte mir sogleich, der junge Herr Graf wolle Alles beim Alten lassen. So habe sie auch schon die Anweisung gesehen auf das nächste Quartal von unserer Pension. Wenn ich weiter nichts hier wolle, könne ich ruhig wieder nach Hause reisen. Sie werden nun begreifen, warum ich heut' so viel fröhlicher war als gestern.

Er drückte ihre Hand, wie wenn er ihr für diese Fröhlichkeit besonders zu danken hätte.

Und nun? flüsterte er.

Und nun – nun ist nicht Vieles anders als gestern, nur eins, was ich mir im Stillen zur Bedingung gemacht hatte. Ein Unsinn, eine Thorheit ist es und bleibt es, und bereuen wird man sie jedenfalls, Eine wenigstens. Aber man wird nicht umsonst wieder einmal jung, wäre es auch nur auf vierundzwanzig Stunden. Glauben Sie nicht, daß ich nicht noch so viel Besinnung hätte, um nicht ganz gut zu wissen, was für eine tollkühne Person ich bin, auf Ihre Frage nicht Nein zu antworten. Aber das nur zu wohlbekannte Leben, in das ich zurück soll – tausendmal mehr graut mir davor, als vor allem Unbekannten, in das Sie mich hineinlocken wollen, wenn ich auch den Hals darüber brechen sollte, oder das Herz. Um Mitternacht, sagten Sie, geht der Schnellzug? Wenn ich hier noch ein paar Stunden geschlafen habe, sollen Sie eine ganz muthige Reisegefährtin an mir finden.

Er hatte sie vom Fenster zurückgezogen. Sie standen mitten im Zimmer einander gegenüber.

Nur eine Reisegefährtin? stammelte er. Nicht mehr?

Es kam keine Antwort. Er zog sie näher an sich, sie widerstrebte einen Augenblick, dann sank sie willenlos in seine Arme.

* *
*

Zehn Tage waren vergangen.

Durch die Straßen Hamburg's ging ein Paar, dem mehr als Ein Begegnender nachsah, obwohl es durch sein Aeußeres in einer Hafenstadt, die von erotischen Erscheinungen wimmelt, nicht sonderlich auffallen konnte. Am wenigsten der stattliche junge Mann in Strohhut und grauem Sommeranzug, das volle, lebhaft geröthete Gesicht zur Hälfte mit einem kräftig sprossenden schwarzen Stoppelbart schattirt, aus dem die dunkelrothen Lippen und weißen Zähne übermüthig hervorlachten. Seltsamer war schon der Aufzug seiner Gefährtin, deren helles Mousselinkleid in Stoff und Schnitt nach einem alten Ladenhüter aussah, wie auch der Strohhut mit dem schwarzen Bande um ein halb Dutzend Jahre hinter der Mode zurückgeblieben war. Aber befremdlicher als diese kleinstädtische Kümmerlichkeit war der Gegensatz der Stimmung und Haltung, in denen die Beiden neben einander hinschritten. Der junge Mann hatte den Hut ein wenig tief in den Nacken gerückt, so daß seine hohe weiße Stirn bis an die Haarwurzeln frei wurde. Er schlenderte mit großen, langsamen Schritten, überall hin frohe, feurige Blicke werfend, wie ein Student in den Ferien, der einen Ausflug macht und die Welt darauf ansieht, welches Stück von ihr er am liebsten in die Tasche stecken möchte. So oft ihm etwas Hübsches oder Neues aufstieß, lachte er, ein kurzes, höchst vergnügliches Lachen, wie es auch Leuten eigen ist, die von einem guten Wein gerade genug zu sich genommen haben, um ihrer fünf Sinne noch leidlich Meister zu sein, aber drauf und dran sind, Traum und Wirklichkeit zu verwechseln, was man in einigen Gegenden mit dem freundlichen Ausdruck »sie haben einen Glanz« zu bezeichnen pflegt. Und doch hatte er nichts getrunken als eine bescheidene halbe Flasche Medoc, von der er seiner Begleiterin ein Glas aufgenöthigt hatte. Der »Glanz«, der ihm aus den Augen leuchtete, war der Rausch von Jugend, Freiheit und Abenteuerlust, der um so weniger sich zurückhalten ließ, je bitterer der Druck gewesen war, unter dem diese siebenundzwanzig Jahre bisher geschmachtet hatten.

Er sprach viel und laut und gesticulirte dabei lebhaft mit dem rechten Arm, während er seine Dame an dem linken führte. Dabei bemerkte er nicht, daß sie Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Sie ging immer mit gesenktem Kopf, und ihr unscheinbares Gesicht sah ängstlich abgespannt auf, wenn er einmal stehen blieb, um ihr an einem Schaufenster etwas zu zeigen, was ihm aufgefallen war. Um so weniger wollten die beiden langen Zöpfe, die ihr mädchenhaft über den Rücken herabhingen, zu der schüchternen ältlichen Erscheinung passen.

Sieh nur das schöne blaue Kleid! Was es für einen Seidenglanz hat und kostet doch nur zwanzig Thaler. Soll ich es dir kaufen, Clara? Es müßte dir gut stehen.

Ich glaube, du spottest, Josef! Mit meinem Teint! Und überhaupt weißt du, daß ich mir nichts von dir schenken lassen will. Ich kann den Gedanken ohnedies kaum ertragen, daß ich so lange noch auf deine Kosten leben soll, bis wir drüben sind und ich mir selbst mein Leben verdienen kann.

Deine närrischen Vorurtheile! lachte er gutmüthig. Gehörst du nicht zu mir, wie ich zu dir? Wenn wir schon getraut wären, könntest du dann gegen unsere Gütergemeinschaft etwas einzuwenden haben? Aber wie du willst. Vielleicht würde in Amerika eine Lehrerin in Blau nicht so viel Vertrauen erwecken, wie in Schwarz oder Grau.

Ich wollte, wir wären erst dort! sagte sie kaum hörbar, während sie weitergingen.

Auch mir wäre es recht, versetzte er nach einer Pause. Obwohl ich deine Sorge nicht theile, daß noch etwas dazwischenkommen könnte. Vermißt werden wir noch lange nicht, da ich ja meinem alten Pfarrer geschrieben habe, die gerichtlichen Formalitäten wegen der Erbauslieferung zögen sich in die Länge, und deine Leute glauben, die gräflichen Herrschaften würden erst in drei Wochen zurückerwartet. Also hätt' ich nichts dagegen, mir diese schöne große Stadt noch recht gründlich anzusehen. Wer weiß, ob New-York uns so gefällt. Jedenfalls muß man dort anfangen, englisch zu sprechen, und ist nicht mehr auf deutschem Boden. Aber ich hoffe, Clara, du sollst drüben wieder hellere Augen bekommen.

Ich sehe nur allzu hell! sagte sie tonlos, indem sie ihr Sommermäntelchen, als ob sie friere, fester um die Schultern zog.

Er blieb stehen und sah sie an. Ihr Arm glitt aus dem seinigen.

Bist du krank? fragte er mit dem Ton herzlicher Sorge. Was hast du, Clara? Hab' ich dir was zu Leide gethan? Nun gar eine Thräne! Was für ein wunderliches Wesen du bist! Hier auf offener Straße – da wir eben so heiter getafelt haben – und jetzt der schöne Spaziergang in der lustigen Stadt beim herrlichsten Abendwetter – ich verstehe kein Wort von dem Allen!

Verzeih! hauchte sie, indem sie rasch mit der Hand über die Augen fuhr. Es war nur eine Anwandlung – du weißt, daß ich ein schwerfälliges Herz habe, während du ein leichtes hast – und ich bin so schwach und thöricht, Alles, was mir durch den Kopf geht, gleich herauszusagen. Ich will mich zusammennehmen – du bist so gut zu mir, Josef, es ist unverantwortlich, wie ich dir's lohne; aber gewiß, nun will ich mich besser betragen. Diese melancholischen Launen sollen dir nicht mehr das Leben verderben.

Nein! rief er und faßte ihre Hand, die er wieder in seinen Arm legte, sage mir nur Alles, ich habe ein Recht darauf, du bist meine Frau, meine Lebensgefährtin, wir müssen Alles theilen, was der Himmel schickt. Wie manchmal hab' ich das zwei Brautleuten vorgehalten, die ich zusammengab! Jetzt kommt es an mich selbst, danach zu handeln. Aber wenn du mich lieb hast, Clara, sieh es nun auch so an wie ich selbst. Wir können nicht mehr zurück, wir müssen vorwärts mit gutem Winde. Freilich begreife ich, daß dir das Herz manchmal schwerer ist als mir. Du hast doch immer Menschen zurückgelassen, die dir nahe standen, wenn sie dich auch quälten; ich nur ein Amt, das mir eine Hölle war. Nun haben wir nichts als uns selbst; daran mußt du dich nun gewöhnen. Wenn ich klüger gewesen wäre und dich besser gekannt hätte, hätte ich nimmermehr zugeredet, daß wir hier noch Station machen sollten. Es war im Grunde eine recht kindische Grille, daß wir die Ueberfahrt lieber mit dem »Schiller« machen wollten, als mit einem früheren Schiff, bloß weil wir uns in »Kabale und Liebe« kennen gelernt hatten. Nun ist's einmal geschehen, und die Zeit bis morgen Abend wird ja auch noch vergehen. Sieh nur nicht immer vor dich hin, Liebste, sondern mach es wie ich und schaue dir die Straßen an, die Läden und die Menschen. Ist es nicht wie in einem fabelhaften Guckkasten? Man kann gar nicht zur Besinnung kommen, so schnell wechseln die Bilder.

Sie drückte leise seinen Arm.

Du bist gut, Josef! flüsterte sie. Habe nur Geduld mit mir. Ich hoffe, ich werde noch einmal jung!

Sie waren ohne Plan und Ziel ihres Weges gegangen und kamen jetzt, da die Sonne nur noch die obersten Spitzen der Kirchthürme röthete, nach der Vorstadt St. Pauli hinaus, dem sogenannten »Hamburger Berge«, wo bekanntlich Haus an Haus den oft sehr zweideutigen Vergnügungen einer seefahrenden Bevölkerung gewidmet ist. Tanzlocale, kleine Theater, Menagerieen, Schenken und Schaubuden reihen sich in buntem Wechsel an einander, und in den Straßen spaziert um die Dämmerung eine lustig zusammengewürfelte Menge von allen Ständen und Zonen, die in allen Sprachen der Welt sich unterhält und morgen nach allen Richtungen der Windrose sich über Land und See zerstreuen wird.

Die Augen des jungen Mannes, die eine Weile durch den Trübsinn seiner Gefährtin verdunkelt worden waren, leuchteten wieder hell auf, als sie dies fremdartige Gewoge überblickten. Eben wurden die ersten Laternen angezündet, vor den Schaubuden zuckten die hellen Gasflämmchen auf, und die Ausrufer, die jetzt zur Abendvorstellung einen neuen Anlauf nahmen, schrieen mit ihren heiseren Stimmen durch einander, um wo möglich die Drehorgeln und die türkische Musik vor den Reiter- und Thierbuden zu überschreien. Clara drückte sich fester an den Arm ihres Führers, als ob ihr das Gewühl unheimlich sei. Und doch achtete jetzt in der immer dichter hereinsinkenden Dämmerung kein Mensch mehr auf sie. Aber sie sah, wie manches Auge aus schwarzen und blonden Wimpern ihren Freund streifte, dessen hohe Gestalt mit dem offenen Gesicht den vorüberwandelnden Frauenzimmern auffiel, während er ganz harmlos die Sache nur wie ein ungewohntes Schauspiel zu betrachten schien.

Du wirst müde sein, sagte er jetzt, da er fühlte, daß sie sich schwerer an ihn hing. Diese Völkerwanderung, weiß ich, ist nicht nach deinem Geschmack. Es ist curios, daß ich, der ich doch aus einem Dorfe komme, nie zu viel Getümmel um mich haben kann, während dir keine Straße still genug ist. Weißt du was? Da seh' ich ein Haus, wo etwas anständigere Gesellschaft hineingeht, dort das große weiße mit den zwei Säulen überm Eingang und den großen Anschlagzetteln: »Concerthalle der englischen Nationalsänger.« Ich dächte, wir wagten es, hörten da drinnen eine Weile zu, bis du dich ausgeruht hast, und gingen dann recht solide nach unserem Hôtel, um die letzte Nacht auf dem festen Lande gehörig auszuschlafen.

Sie nickte und drückte wieder zärtlich seinen Arm. Ihre Stimmung schien etwas heiterer geworden zu sein, sie machte ihn selbst auf einige auffallende Gestalten aufmerksam, die an ihnen vorüberkamen, ein paar türkische Kaufleute mit rothem Fez, einen riesigen Neger, der laut singend in der Trunkenheit durch die Menge taumelte, und dergleichen überseeische Figuren mehr.

Wir haben uns aus unserem Gefängniß in die weite Welt gesehnt, sagte er lachend. Nun haben wir hier gleich im Auszug alle vier Welttheile beisammen. Schade, daß wir diese Gegend erst am letzten Abend entdecken. Hier hätten wir schon öfter Vorstudien machen können für das, was uns drüben erwartet.

So hatten sie sich dem Hause mit den beiden Säulen genähert und betraten, im Strome mitschwimmend, das Portal, um ihre Billets zu lösen. Durch einen hell erleuchteten Vorraum gelangten sie dann ins Innere, aus welchem ein wüstes Stimmengewirr ihnen entgegenbraus'te. Es war eine weite Halle, in deren Hintergrunde auf einer kleinen Bühne die Sänger sich producirten. Eine Galerie zog sich an den drei übrigen Seiten herum, auf Säulen ruhend, nach Art eines ersten Theaterranges in Logen eingetheilt. Auch dort aber standen Tische und Stühle und liefen Kellner ab und zu, während unten der Saal so dicht gefüllt war, daß die dienstbaren Geister sich nur mit Mühe und Gefahr für das, was sie trugen, zwischen den Gästen durchwinden konnten. Ueber dem Allen lag eine schwere blaue Wolke von Dunst und Qualm, durch die man die rothen Gasflammen nur trübe hindurchblinzeln sah.

Als das Paar eintrat, war eben eine Pause, die Jedermann benutzte, um mit seinem Nachbar das Gespräch fortzusetzen, das der Gesang unterbrochen hatte. Die Gesellschaft, so gemischt sie war, schien nicht die schlechteste. Man sah viele goldbetreßte Marineuniformen, die Damen trugen sämmtlich Hüte, und so zwanglos sich Jeder betrug, schien doch auf Anstand gehalten zu werden. Aber Lärm und Qualm drangen so betäubend auf Clara's empfindliche Sinne ein, daß sie ihrem Freunde zuflüsterte:

Laß uns wieder fort! Ich halt' es hier keine Viertelstunde aus.

Er nickte und sah sich um, wie sie am besten den Rückzug antreten könnten. Es war aber keine Möglichkeit, gegen den Strom von Nachdrängenden anzukämpfen, der den letzten Raum bis an die Eingangsthür füllte.

Es muß ein Seitenpförtchen geben, sagte er. Sobald ich einen Kellner sehe, will ich ihn befragen. Wenn du nur einen Augenblick erst ausruhen könntest. Aber alle Plätze sind besetzt. Nein, dort an dem kleinen runden Tisch sitzt nur eine einzelne Dame, zwei Stühle neben ihr scheinen belegt, aber auf fünf Minuten wird man sich dort wohl niederlassen dürfen.

Er steuerte, sie fest am Arme haltend, durch das Gewühl nach der Stelle, wo er die einzigen leeren Plätze entdeckt hatte. Eine junge Person saß da in einer wunderlichen Haltung, die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf gesenkt, wie wenn sie eingeschlafen wäre. Auf dem Tisch vor ihr standen zwei Gläser mit irgend einem Getränk, beide noch unberührt. Einer der Stühle diente ihr als Fußschemel, auf dem andern lag ihr kleiner Hut aus einem fremdartigen feinen Strohgeflecht, mit einem Kolibri und einem seltsam verschlungenen golddurchwirkten Bande geschmückt.

Als das Paar sich ihrem Tischchen näherte, sah sie plötzlich auf. Zwei große, funkelnde Augen richteten sich auf den jungen Mann, dann starrte sie wieder mit einem finster verzogenen Mündchen wie ein Kind im Schmollwinkel in ihren Schooß.

Die Plätze scheinen nicht mehr frei zu sein, sagte er jetzt mit einiger Befangenheit. Vielleicht aber erlauben Sie, Fräulein, daß die Dame sich, nur bis Ihre Gesellschaft wiederkommt, hier ausruht.

O bitte! erwiderte die Fremde, indem sie ihre Füße rasch von dem einen Sessel zurückzog und ihren Hut von dem anderen wegnahm, bedienen Sie sich nur dreist der Stühle. Ich weiß gar nicht, ob sie überhaupt noch besetzt sind. Der eine war es keinenfalls.

In diesem Augenblick hörte man auf einem Klavier einige präludirende Accorde anschlagen. Die noch fortbrausenden Stimmen wurden zur Ruhe gezischt, auf der Bühne im Hintergrunde erschien ein sehr geputztes Frauenzimmer mit langen blonden Locken und so stark geschminktem Gesicht, daß man das Weiß und Roth durch allen Tabaksdunst leuchten sah. Während sie sich vor dem Publikum verneigte, hatte unser Paar eben Zeit, sich auf den frei gewordenen Sitzen niederzulassen, und Beider Aufmerksamkeit wurde sofort von ihrer Tischnachbarin so völlig in Beschlag genommen, daß sie weder die Erscheinung noch das Lied der Sängerin im Geringsten beachteten.

Es war in der That ein Gesicht, das nicht nur diesen weltfremden Beiden ungewöhnlich erscheinen konnte: weiche runde Wangen von der zartesten, fast kinderhaften Frische, eine schmale, von schwarzen krausen Haaren umrahmte Stirn, unter welcher zwei stahlgraue Augen blitzten, von feinen schwarzen Brauen und langen Wimpern überschattet, ein kurzes, ganz gerades Näschen, dessen Flügel zuweilen zitterten, der volle, nicht eben kleine Mund immer halb geöffnet, auch wenn die kleinen weißen Zähne fest auf einander gedrückt waren. Die Haut war von einem ebenmäßigen gelblichen Ton, ganz ohne Röthe, nur mit einem leisen Perlmutterglanz überhaucht, Hände und Füße klein wie von einem achtjährigen Kinde. Sie trug zwei große Perlen in den winzigen Ohren und viele blitzende Ringe an den Fingern, im Uebrigen war sie nachlässig gekleidet, ihr bleiches Hälschen trotz der Hitze im Saal mit einem leichtgewebten indischen Shawl umwickelt, darüber hing eine feine goldene Kette mit einem Opalherz.

Während die Sängerin mit schneidend scharfer Stimme ein englisches Lied herunterwirbelte, dessen Refrain die Zuhörer jedesmal zu einem lauten Ausbruch beifälliger Heiterkeit veranlaßte, veränderte die Einsame weder eine Miene, noch hob sie die Augen auf, um ihre neuen Nachbarn zu mustern. Clara dagegen konnte den Blick nicht von ihr wenden. Das Ungewöhnliche, Phantastische der ganzen Erscheinung fesselte sie mit dem Reiz des Räthselhaften, während der Ausdruck des Gesichtes ihr – sie konnte sich nicht erklären, warum – einen heimlichen Widerwillen einflößte. Auch der junge Mann mußte das fremdartig schöne Wesen beständig betrachten, aber mit einer naiven Bewunderung, wie wenn man in einer Menagerie einen tropischen Vogel mit seltsam schillerndem Gefieder ansieht. Auch er hörte nicht auf den Gesang, von dem er überdies keine Silbe verstand.

Als die Sängerin zum letzten Mal ihren gellenden Refrain hinausgeschmettert hatte und der Saal von wüstem Gelächter und Händeklatschen erdröhnte, stand er auf.

Ich will sehen, ob ich einen Kellner erwischen kann, flüsterte er Clara zu. Vielleicht kann ich dir ein Glas Zuckerwasser verschaffen, ehe wir uns wieder auf den Weg machen.

Er verneigte sich im Fortgehen unwillkürlich vor der Fremden, und da er dabei an einen Nebentisch anstieß, wurde er über und über roth. Die junge Person schien gar keine Notiz davon zu nehmen.

Er hatte sich aber kaum unter der Menge verloren, als sie plötzlich sich zu ihrer Nachbarin umdrehte, der sie bisher den Rücken zugekehrt hatte.

Ein starker Ambraduft wehte dabei zu Clara hinüber, der sich trotz des Tabaksrauchs bemerklich machte. Er schien von den Haaren der Fremden zu kommen oder aus dem Shawl, den sie um den Hals trug.

Ist das Ihr Bruder? fragte sie, indem sie ihre großen Augen fest auf die Erröthende heftete, die nur leise den Kopf schüttelte. Nun, er sieht Ihnen auch gar nicht ähnlich. Ein sehr hübscher Mensch. Wie kommen Sie denn zu ihm? Ihr Mann kann er doch nicht sein, dazu ist er viel zu jung. Hm! Was geht es mich auch an? Jedenfalls sind Sie besser mit ihm daran wie ich mit meinem. Er behandelt Sie so respectvoll, als ob Sie seine Mama wären. Meiner dagegen – sehen Sie nur, wie er da drüben sitzt und kümmert sich so wenig um mich, als ob ich gar nicht auf der Welt wäre! Sehen Sie, der da mit dem rothen Backenbart in der Capitänsuniform, der neben der garstigen Blondine sitzt und ihr so empressirt die Cour macht. Sie ist ihm ganz gleichgültig, oh, er hat keinen so schlechten Geschmack; aber um mich zu ärgern – bloß weil wir uns ein bischen gezankt haben – ist er hier vom Tisch weg, sobald er die fade Person gesehen hat, – er sagte, es sei eine alte Bekanntschaft, er müsse ihr nur guten Abend sagen – und nun sitzt er schon dreiviertel Stunden wie angenagelt neben ihr, obwohl sie auch nicht allein gekommen ist. Wie finden Sie das?

Sie hatte mit einer weichen, nur etwas gebrochenen Stimme, wie wenn der Aerger ihr die Kehle zuschnürte, das Alles an Clara hingesprochen, wobei ihre grauen Augen blitzten und das Näschen seine Flügel zucken ließ. Ihr Deutsch klang fremdartig, dann und wann mischte sie einen französischen Ausdruck ein, aber ihre Art zu sprechen, wobei sie die Zähne nur wenig öffnete, hatte einen eigenthümlichen leidenschaftlichen Reiz, dem selbst Clara nicht ganz widerstehen konnte.

Haben Sie denn keine Macht mehr über ihn? erwiderte diese endlich. Wenn er Sie wirklich liebt, muß es ihm doch bedenklich scheinen, Sie so lange hier allein zu lassen, wo sich Viele finden möchten, die sich Ihnen zum Ritter antragen würden, wenn er Sie zum Aeußersten treibt.

Sie wunderte sich über sich selbst, daß sie sich herabließ, so vertraut mit einem Geschöpf zu sprechen, über dessen Charakter sie nicht mehr in Zweifel sein konnte.

Die Schöne warf wieder einen raschen, bösen Blick nach ihrem Ungetreuen hinüber und sagte dann:

Glauben Sie, daß es mich viel kostete, ihn ganz einfach zu »plantiren« und mir einen Anderen zu suchen? Gott sei Dank, wer so aussieht, wie ich, ist noch nicht auf Einen angewiesen. Aber er hat noch einen ganzen Koffer voll schöner Sachen, Schmuck und Stoffe, den gönn' ich keiner Anderen. Uebrigens, wenn er es noch lange so treibt –

Sie ballte ihre kleine Faust und knirschte mit den Zähnen.

Der alte Widerwille stieg wieder in Clara's Seele auf. Unwillkürlich rückte sie ihren Stuhl ein wenig von ihrer Nachbarin weg.

Ich verstehe Sie nicht! sagte sie mit unverhohlener Verachtung. Ich habe nicht das geringste Mitleiden mit Ihrem Schicksal, wenn es Ihnen nur auf die Geschenke Ihres Geliebten ankommt, nicht auf ihn selbst.

Die Schöne sah ihr mit der Miene des unschuldigsten Staunens ins Gesicht.

Mein Geliebter? sagte sie rasch. Ich habe nur einmal einen Geliebten gehabt, einen sehr schönen jungen Franzosen, welcher Untersteuermann war auf einer kaiserlichen Fregatte. Der hat mich von Ceylon, wo meine Eltern lebten, entführt, ich war noch ein halbes Kind, und da sind wir zwei Jahre mit einander herumgefahren, und endlich hat er mich hier in Hamburg ausgesetzt, »gelöscht«, wissen Sie, wie der Ausdruck ist, wenn man eine Waare ausschifft, denn er war schon verheirathet und mußte jetzt nach Hause. Seitdem kann ich keinen Mann mehr lieben. Aber weil ich jung und schön bin, will ich nicht die Närrin sein, mein Leben zu vertrauern. Wenn Einer hübsch und lustig ist und mir schöne Sachen schenkt, besinne ich mich nicht lange und frage auch nicht, ob die Herrlichkeit eine Woche dauert oder ein halbes Jahr. Mit meinem Geliebten damals hat's zwei Jahre gedauert; was hat es mir geholfen? Zuletzt wird doch die schönste Liebe »gelöscht«, wie ein Sack mit Java-Kaffee oder ein Faß Zucker. Sehen Sie, so denke ich davon, und wenn Sie das nicht verstehen, kann ich nur mit Ihnen Mitleid haben. Sie werden es auch noch einmal verstehen lernen, wie Jede von uns, wenn Ihr Freund auch ein so ehrsames Gesicht macht, wie der englische Prediger, den wir einmal nach Buenos-Ayres an Bord hatten.

Ihr hastiges Reden schien sie durstig gemacht zu haben. Sie griff nach dem einen der beiden Gläser auf dem Tisch und leerte es auf einen Zug bis zur Hälfte.

Der Punsch ist gut, nur ein bischen schwach, sagte sie dann mit so gleichmüthigem Ton, als ob sie nicht so eben ihre ganze traurige Lebensweisheit ausgekramt hätte. Wollen Sie nicht das andere Glas nehmen? Er hat noch nicht einmal davon gekostet.

Clara schüttelte nur den Kopf. Sie war in Gedanken versunken, aus denen sie sich nicht herausfand. Wie kam es, daß sie dies Mädchen, das ihr einen stillen Abscheu einflößte, doch wieder mit einer unabweislichen Theilnahme betrachten mußte?

Und bei diesen trostlosen Ansichten über die Welt und die Männer können Sie überhaupt noch ein Vergnügen haben? fragte sie nach einer Pause.

Trostlos? Wozu brauche ich einen Trost? Weil ich überhaupt auf der Welt bin? Nun, das passirt Anderen auch. Oder weil ich keine Prinzessin bin? Dann wäre ich vielleicht mit einem alten grauköpfigen Prinzen, den ich nie mit Augen gesehen, verheirathet worden und langweilte mich jetzt zum Sterben auf meinem goldenen Thron. Statt dessen kann ich jetzt jeden Augenblick thun, was ich will, und habe keiner Seele Rechenschaft abzulegen, nicht einmal meinen Eltern mehr, – für die bin ich lange todt, auch keinem Mann, den ich liebte, und dem ich, weil er mich wieder liebte, allerlei zu Gefallen thun müßte. Ich weiß aber wohl, was Sie meinen. Sie meinen, ich würde nicht immer jung und hübsch und gesund bleiben, und dann würde mir Niemand auch nur ein Glas Punsch einschenken, und ich müßte auf dem Stroh verfaulen. Nein, Mademoiselle, dahin wird es mit mir nicht kommen. Denn Niemand kann mich zwingen, zu leben, wenn es mir kein Vergnügen mehr macht. Jetzt freilich, wo es noch alle Tage was Neues giebt, jetzt graut mir auch vor dem Sterben. Aber wie Einer den Tod fürchten kann, wenn er leben soll wie ein Hund, das habe ich nie begriffen. Einstweilen denke ich nicht viel darüber nach. Wenn ich nur ihm einen Tort spielen könnte! Ha, da fällt mir was ein. Sie müssen mir Ihren Schatz auf fünf Minuten borgen. Da kommt er eben zurück. Der gute Mensch! Bis ans Buffet hat er sich durchgedrängt und bringt Ihnen ein Stück Kuchen und zwei große Apfelsinen. Wissen Sie, daß er wirklich sehr hübsch ist? Soll ich ihn Ihnen ein bischen abspenstig machen? Aber werden Sie nur nicht gleich böse! Sie wissen ja, es liegt mir an Keinem was, und Ihrer wäre mir viel zu zahm. Ich glaube wahrhaftig, er trinkt auch nur Zuckerwasser, wie Sie.

In diesem Augenblick trat der Gegenstand dieser leichtfertigen Rede wieder an den Tisch und legte, was er für Clara gekauft hatte, vor sie hin.

Ich habe drei verschiedenen Kellnern eine königliche Belohnung versprochen, wenn sie dir etwas zu trinken brächten, sagte er lächelnd. Es hat aber Jeder hundert Bestellungen im Kopf. Einstweilen –

Ich danke dir. Aber wir wollen die Pause lieber benutzen und gehen.

Das schöne Mädchen lachte.

Sie haben eine sehr eifersüchtige Freundin, mein Herr. Denken Sie, ich bat sie eben, daß sie mir auf fünf Minuten Ihren Arm abtreten möchte, nur daß Sie mich ein paar Mal an jenem Tisch vorbeiführen, wo Jemand sitzt, der mich hierher gebracht hat, um mich jetzt sitzen zu lassen. Nun fürchtet sie, ich würde Sie entführen. Sind Sie schon in fünf Minuten herumzubringen? Danach sehen Sie doch gar nicht aus.

Er blickte Clara fragend an. Der beleidigte Stolz hatte ihr alles Blut ins Gesicht getrieben.

Ist das Scherz oder Ernst? fragte er.

Keines von Beiden, oder Beides. Das Fräulein möchte sehen, ob ich ihre Ansichten von den Männern theile. Wenn es dir nicht widerstrebt, ihr bei diesem Experiment behülflich zu sein, – ich habe nicht das Mindeste dagegen.

Ich danke, sagte die Fremde und stand auf. Wenn es Ihnen also recht ist, mein Herr, so geben Sie mir Ihren Arm; den Weg werde ich Ihnen anzeigen. Ich liefere ihn nach fünf Minuten unbeschädigt wieder ab, rief sie lachend zu Clara zurück, indem sie Josefs Arm nahm und ihn alsbald in das Gewühl hineinzog, nach der Richtung, von wo die goldenen Tressen der Capitänsuniform herüberblitzten.

Ein unsäglich bitteres Gefühl stieg in Clara auf, wie sie das Paar verschwinden sah. War es möglich, daß er sich von dieser Abenteurerin zu ihrem koketten Spiel mißbrauchen ließ? Hatte er überhört, was für eine Angst und Empörung aus ihrer Stimme klang, als sie jene gezwungen gleichgültige Antwort gab? Hatte er ihr nicht an den Augen abgelesen, daß sie nichts dringender wünschte, als so rasch und so weit als möglich dieser Luft zu entfliehen? Er hatte freilich, während sie sprach, nur das Gesicht der Anderen angestarrt, mit einem Ausdruck so aufrichtiger Bewunderung und Hingerissenheit, als sähe er erst jetzt, wie reizend ihre Tischnachbarin war. Vorher war sie auch ganz in sich versunken da gesessen, während sie jetzt all ihre Künste spielen ließ, ihr Lachen, ihren allerliebsten Hohnblick, die schlanke und doch üppige Anmuth ihrer jungen Gestalt. Und nun folgte er ihr, ohne sich etwas dabei zu denken, ohne nach seiner Freundin umzuschauen und ihr mit einem Blick zu sagen: er werde gleich wieder da sein, sie solle sich in das Unvermeidliche so gelassen fügen wie er!

Nur auf fünf Minuten! Was kann nicht Alles in fünf Minuten durch einen armen Menschenkopf gehen, wie viel ungestüme Blutwellen durch ein banges Weiberherz stürmen! Sie schloß die Augen, wie um Alles rings umher, den Ort, wo sie war, die von Trinken und Lachen erhitzten gleichgültigen Gesichter, die kalten, frechen Augen, die von der Galerie herabsahen, auf fünf Minuten zu vergessen. Es ward ihr aber nur trauriger zu Muth in dieser Verfinsterung, als säße sie mitten im brausenden Weltmeer auf einer nackten Klippe und sähe in einem Boot den einzigen Menschen, an dem ihr Herz hing, sich entfernen, weiter und weiter, und winkte ihm mit Augen und Händen zu, daß er umkehren möchte, und aus dem Boot richtete sich eine Mädchengestalt auf und ließ einen Shawl als Wimpel flattern, um ihr zu zeigen, daß der Wind von der Klippe weg, nicht zu ihr zurückwehe, und dann hörte sie über die Brandung fort ein helles höhnisches Lachen, fast wie der Schrei einer Möwe, und in ihr rief etwas: Willst du feiger sein als dieses Geschöpf, das Niemand liebt? Wie kann man sich vor dem Tode fürchten, wenn man leben soll wie ein Hund!

Da weckte sie ein lauter Ton, der in der That mehr wie ein Hundegeheul, als wie der Laut aus einer Menschenkehle klang. Sie sah einen großen Neger im schwarzen Frack mit weißer Cravatte auf der Bühne stehen, um das »Nationallied des havannesischen Niggers,« das auf dem Programme stand, zum Besten zu geben. Es schien eines der Glanzstücke der Gesellschaft zu sein, nach dem dröhnenden Beifall zu schließen, mit welchem das Publikum schon die ersten unarticulirten Töne des Sängers begrüßte. Dieser verneigte sich grinsend nach allen Seiten und begann von Neuem, seinen bestialischen Gesang mit läppischen Geberden des dicken Wollkopfes und der behandschuhten Hände begleitend. Als er zu Ende war, wurde so stürmisch da capo gerufen, daß er noch einmal anfangen mußte und ein neues Niggerlied vortrug, das erste noch überbietend an possenhaft thierischen Lauten, zuletzt sich selbst in solche Lustigkeit steigernd, daß er zu tanzen anfing und wie ein Affe um das Clavier herumhüpfte. Neuer Jubel, neue da capo-Rufe, bis der gefeierte Künstler unter den abgeschmacktesten Verbeugungen sich hinter die Coulissen zurückzog.

Was war aus den fünf Minuten geworden? Länger als zwanzig hatte die Production des Negers gedauert, und noch spähten die Augen der Verlassenen vergebens durch die blauen Rauchnebel nach ihrem Freunde. Er hatte wohl während des Gesanges sich nicht von der Stelle bewegen können und nothgedrungen an der Seite des fremden Mädchens aushalten müssen. Aber warum zauderte er jetzt noch, da längst wieder Alle sich zu rühren, zu kommen und zu gehen angefangen hatten?

Wenn es sie gelüstet hätte, ihre scherzhafte Drohung zu verwirklichen, ihn ihr abspenstig zu machen? Er – würde er ihren Verführungskünsten widerstehen, zu Der zurückkehren, die ihre ganze Lebenshoffnung auf ihn gebaut hatte? War es denn nicht wahr, daß sie viel zu alt für ihn war? »Respectvoll wie eine Mutter« behandelte er sie – was lag ihr daran? Warum konnte er sie nicht mit solchen Augen ansehen, wie jenes leichtfertige Wesen, das ihm ganz fremd war, aber mit ihm machen konnte, was sie wollte, vielleicht in diesem Augenblick ihm zuraunte, daß er ein viel zu hübscher junger Mensch sei, um mit einer verblühten, trübseligen Kopfhängerin die Reise in eine neue Welt, in ein neues Leben anzutreten? Und wenn er das Alles sehr überzeugend fand, konnte sie ihn darum hassen?

Nein! sie hatte ihm Unrecht gethan! Da taucht sein Gesicht unter dem Strohhut, den er, wie die Meisten der Gäste, aufbehalten hatte, in der Menge wieder auf. Auch scheint er nicht widerwillig zu ihr zurückzukehren, seine Augen lachen, er ist in der muntersten Stimmung, jetzt neigte er sich zu seiner Begleiterin herab und sagt ihr etwas, worüber auch sie lachen muß, dann aber fliegt sein Blick über die Gruppen im Saal, er sucht den Tisch, an welchem er seine Freundin zurückgelassen hat, und da er sie erkennt, winkt er ihr freundlich zu und beschleunigt seinen Schritt.

Gleich darauf steht er vor ihr, das Mädchen läßt seinen Arm fahren und sieht mit einem Kopfnicken und listigen Lachen Clara dreist in die Augen.

Ich habe es durchgesetzt, sagte sie, ihren Shawl, der herabgeglitten war, wieder um den Hals schlingend. Er ist wüthend, da wir zweimal dicht an ihm vorbeigegangen sind. Sehen Sie, eben steht er auf und wird nun gleich hier sein, um mir eine kleine Scene zu machen, die darum eben nicht sanfter verlaufen wird, weil er hier nicht schreien kann. Aber er soll nur kommen; ich fürchte mich kein bischen, au contraire. So muß man die Männer zahm machen, wenn sie über die Schnur hauen. Der Ihre wird es hoffentlich nicht nöthig haben, der ist sehr brav, ich kann ihn nur loben, und hier, wie Sie sehen, liefere ich ihn unbeschädigt wieder ab. Milles graces, monsieur. Vergessen Sie mich nicht ganz!

Er neigte sich vor ihr, ohne etwas zu erwidern; Clara entging es aber nicht, daß er verlegen war und ihr hastig seinen Arm bot, um sie hinauszuführen. Sie selbst wechselte kein Abschiedswort mit dem Mädchen, das sich schon wieder abgewendet hatte und seinem Galan entgegensah, einem langen, kräftig gebauten Menschen, der mit zornfunkelnden Augen und gekniffener Lippe sich eben zu ihrem Tische durchdrängte.

Das andere Paar suchte stumm den Ausgang zu gewinnen. Erst unter der Thür stand der junge Mann plötzlich still und warf einen Blick in den Saal zurück.

Was hast du? fragte Clara mit erregter Stimme.

O nichts. Mir fällt nur ein, daß du deine Apfelsinen vergessen hast. Soll ich sie dir holen?

Glaubst du, daß ich etwas anrühren würde, was aus diesem Saale kommt? Ich würde denken, die Früchte seien vergiftet, da sie so lange in dieser Luft gelegen haben!

* *
*

Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt. Als sie hinaustraten, empfing sie ein leichter Sprühregen, so erquicklich nach dem schwülen Tage, daß von den Menschen, die auf dem breiten Trottoir im Zwielicht der Laternen dahingingen, keiner daran dachte, auch nur seinen Schritt zu beschleunigen oder einen Schirm aufzuspannen.

Der junge Mann nahm den Hut ab. Welche Wohlthat! sagte er.

Sie erwiderte nichts.

Sie hatte ihre Hand in seinem Arm ruhen, so leicht, daß er es kaum fühlte.

Hänge dich fester ein, Liebste! bat er. Ich werde dich sonst wahrhaftig noch einmal in der Menge verlieren.

Es ist keine Gefahr! sagte sie kurz. Wenn man wirklich zusammengehört, verliert man sich nicht so leicht.

Darauf schwiegen sie wieder und gingen ihres Weges neben einander, als ob sie sich seit vielen Jahren kennten und sich nichts mehr zu sagen hätten. Erst als sie schon wieder in die innere Stadt gelangt waren, sagte Josef plötzlich:

Weißt du, an wen sie mich lebhaft erinnert hat?

Wer?

Nun, das Mädchen aus der Concerthalle. An meine junge Comtesse.

Deine erste Liebe? Ich hoffe, die sah ein wenig vornehmer aus; sonst würd' ich dich bedauern, dein Herz zum ersten Mal so unter dem Werth weggegeben zu haben.

Mißverstehe mich nicht. Ich meine nicht im Ausdruck, nur in der äußeren Form des Gesichts, besonders im Profil und auch im Gang und wie sie manchmal die Achseln zuckte. Es fiel mir gleich auf, wie ich an ihr Tischchen trat. Sonst ist freilich nicht der Schatten einer Verwandtschaft, weder an Geist, noch an Gemüth.

Du bist sehr gütig, überhaupt von Geist und Gemüth bei dieser verlorenen Person zu reden.

Er stand einen Augenblick still.

Meinst du wirklich, daß sie so tief gesunken ist, um sich nie wieder aufrichten zu können?

Ich weiß nicht. Ich mag auch nicht darüber nachdenken, weil schon der Gedanke an dieses Geschöpf mir das Blut empört. Bei dir ist es etwas Anderes. Du warst daran gewöhnt, Sünderinnen die Beichte abzunehmen. Aber wenn du mich lieb hast, sprich mir nichts mehr von ihr. Ich will versuchen, diesen ganzen Abend aus meiner Erinnerung wegzuwischen. Ich habe zu viel gelitten.

Komm! sagte er begütigend, indem er ihren Arm wieder fester an sich zog. Du bist übermüdet und mußt gleich zu Bette. Wir wollen eine Droschke nehmen, es regnet stärker, und ich fürchte, ich verfehle den Weg in der Dunkelheit.

So fuhren sie nach dem Hôtel und gingen sofort auf ihr Zimmer. Der Kellner, der ihnen hinaufleuchtete, berichtete, daß während des Nachmittags Leute vom »Schiller« gekommen seien, um ihr Gepäck an Bord zu schaffen. Die sieben Kisten, die den Hausrath des Vetters enthielten, habe er ihnen ausgeliefert und einen Schein darüber empfangen.

Es ist gut! sagte der junge Mann, das Papier mechanisch in die Tasche steckend. – Er schien an ganz andere Dinge zu denken.

Oben angelangt, fing Clara sofort an, sich auszukleiden. Josef ging, die Hände auf dem Rücken, in dem geräumigen Zimmer auf und ab; er pfiff eine Melodie vor sich hin, es machte ihr – sie wußte nicht, warum – eine höchst peinliche Empfindung, ihn pfeifen zu hören. Sie sagte es ihm endlich.

Sogleich hörte er auf und trat vor sie hin. Verzeih, sagte er. Ich hatte vergessen, daß du Kopfweh hast. Der Schlaf wird dir gut thun.

Er öffnete die Arme, um sie an sich zu ziehen. Sie wandte ihm das Gesicht ab, daß seine Lippen nur ihre Schläfe streiften.

Was hast du nur heute? forschte er besorgt. Du bist so kalt. Bekomme ich nicht wenigstens einen Kuß zur Gutennacht?

Morgen! Mir ist heute zum ersten Mal, als wenn es eine Sünde wäre.

Und wenn es eine wäre, kann ich dich nicht davon lossprechen, Liebste?

Josef! rief sie und hob flehend die Hände auf, um Gottes willen, Alles, nur das nicht, nur erinnere nicht daran! Ich habe mir so viel Mühe gegeben, es zu vergessen – und du kannst leichtfertig darüber scherzen! – O Gott!

Er starrte sie befremdet an.

Du bist in der That krank, sagte er milde und mitleidig. Deine Lippen sind ganz blaß. Was hast du da für ein Fältchen an der Unterlippe? Es zuckt so seltsam –

Er hatte es nie bisher bemerkt; vielleicht war es all die Tage bis heute verschwunden gewesen und kam jetzt erst wieder zum Vorschein. Als er sah, daß sie über den ganzen Leib zitternd an dem Bettpfosten stand, ergriff er ihre beiden Hände und küßte sie herzlich.

Geh zu Bett, liebe Frau! sagte er. Ich – ich will noch ein wenig aufbleiben, den Roman auslesen; ich kann noch nicht schlafen. Gute Nacht und gute Besserung!

Eine Viertelstunde nachher lag sie im Bett und schien sanft zu schlafen. Er hatte sich auf das Sopha gesetzt und die beiden Kerzen auf dem Tisch brannten vor ihm. Das Buch lag auf seinen Knieen, in dem er eifrig las. Als sie aber nach einer Stunde die zugedrückten Lider verstohlen öffnete, um nach ihm hinüber zu spähen, war das Buch auf den Boden geglitten, er selbst saß zurückgelehnt und starrte mit offenen Augen träumend in die flackernden Kerzenflammen.

* *
*

Am anderen Tage regnete es, das Zimmer, in welchem ihnen eine Woche in heimlichem Glück wie jungen Hochzeitsreisenden vergangen war, sah sie mit den grelltapezirten Wänden unheimlich ernüchtert an, und sie erduldeten die sonnenlose Stimmung um so schwerer, als sie keine Beschäftigung mehr zu ersinnen wußten, die schleichenden Stunden zu überstehen. Clara nahm zwar eine Stickerei vor, die sie für ihren Freund angefangen hatte; dieser schrieb sich aus einer englischen Grammatik Vocabeln aus und übte sich halblaut, sie auszusprechen. Sie sprachen aber wenig mit einander und vermieden es, sich in die Augen zu sehen. Alles, was sie sagten, war sehr freundlich, schonend und sanft, wie Menschen mit einander sprechen, die kürzlich einen großen Verlust erlitten haben, den Jeder dem Anderen möchte tragen helfen. Und doch dachte er nach den ersten Erkundigungen, wie sie sich heute fühle, kaum noch daran, was sie wohl so seltsam verschleiert und verstimmt haben mochte. Er hatte in Blick und Geberde etwas Zerstreutes, Rastloses, das ihn an keiner Stelle lange ausdauern ließ. Sie bemerkte es nur zu wohl.

Als sie ihr Mittagsmahl, stummer und hastiger als sonst, auf ihrem Zimmer eingenommen hatten – sie vermieden es, sich unten an der Wirthstafel zu zeigen; es hätte der Zufall sie doch mit einem bekannten Menschen zusammenführen können, – stand Josef plötzlich auf und sagte, das Gesicht abwendend, wie wenn er das Wetter prüfen wollte:

Ich habe ganz vergessen, Herz, daß ich ja noch unser Geld wechseln lassen muß, das wäre eine fatale Ueberraschung gewesen, wenn ich mich erst auf dem Schiff daran erinnert hätte. Zwar die Ueberfahrt ist vorausbezahlt. Aber drüben würden wir einen großen Verlust erleiden an unserem süddeutschen Papier. Ich will geschwind gehen und einen zuverlässigen Banquier aufsuchen.

Sollte der Wirth hier im Hôtel dir nicht am besten dabei behülflich sein?

Der Wirth? Wo denkst du hin! Der würde mir den allerniedrigsten Cours vorspiegeln. Ich bin viel praktischer als du denkst. Ich mache das Geschäft nicht gleich bei dem ersten Wechsler, den ich um Auskunft bitte, sondern gehe noch zum zweiten und dritten, und erst, wo ich das Meiste bekomme, das ist mein Mann. Es kann daher etwa ein Stündchen dauern, bis ich zurück bin. Aber da wir vor sechs Uhr nicht an Bord zu gehen brauchen –

Ich wußte noch gar nicht, daß du in Geldsachen so genau bist, sagte sie, indem sie ihm einen stillen Blick zuwarf, vor dem er die Augen niederschlug. Bisher hab' ich dich für einen Verschwender gehalten. War dir doch nichts zu theuer für mich, und wenn ich nicht abgewehrt hätte, wäre dein Capital noch bedenklicher zusammengeschmolzen.

Eben deshalb, brachte er mit gezwungenem Lachen heraus. Meine ökonomische kleine Frau hat mich schon ein wenig gebessert. Nun also auf Wiedersehen!

Er nahm hastig Hut und Schirm und verließ das Zimmer.

* *
*

Die Stunde war längst vorüber, dann noch die zweite und dritte. Draußen rieselte der Regen grau und eintönig herab, und das Summen und Brausen des Menschenstromes, der durch die Straße wogte, klang schläfrig und verdrossen herauf. Vor dem Hôtel hielt dann und wann ein Wagen, es kamen Schritte die Treppe herauf und verhallten in den langen Corridoren. Immer noch nicht sein Schritt.

Endlich – es hatte eben fünf geschlagen – rasselte unten eine Droschke, der Schlag wurde aufgerissen und ein eiliger Schritt kam die Stufen bis in den zweiten Stock heraufgestürmt. Als Josef die Thür öffnete, sah er Clara auf dem Sopha sitzen, eine Schreibmappe vor sich, auf der ein angefangener Brief lag. Sie fuhr, da er eintrat, zu schreiben fort, als überhöre sie seine Rückkehr.

Da bin ich endlich! rief er, indem er den Schirm in die entfernteste Ecke des Zimmers trug. Du hast keine Vorstellung, was ich für Mühe gehabt habe, wie oft ich irre gegangen bin, und zuletzt, da ich einen ehrlichen Hebräer aufgetrieben, der mich christlicher als unsere Leut' bedienen wollte, mußte ich in seinem Comptoir eine Stunde warten, bis er das Geld links und rechts zusammengesucht hatte. Ist dir inzwischen die Zeit lang geworden? Aber du schreibst ja! An wen hast du noch zuschreiben?

Er trat an den Tisch heran, seine Bewegungen waren unsicher, und auf seinem Gesicht flackerte ein unstätes Roth.

Darf ich nicht wissen, an wen du schreibst? wiederholte er, da sie nicht gleich antwortete.

Gewiß. Ich habe nur an dich geschrieben.

An mich?

Ich nahm an, daß du überhaupt nicht wiederkommen würdest, oder wenn du kämest, daß du mich nicht mehr hier finden würdest. Für diesen Fall sollte dich doch noch ein letztes Wort von mir darüber aufklären, warum ich fortgegangen, und daß es sehr überflüssig sein würde, mich zu suchen.

Clara! Ich bitte dich um Alles in der Welt – Nein, nein! unterbrach sie ihn und wehrte mit der Hand die seine ab, die sich um ihren Hals legen wollte. Es ist entschieden; ich habe reiflich darüber nachgedacht – Zeit dazu hast du mir ja gelassen –: es ist besser so, Josef, und wir wollen kein unnützes Wort darüber verlieren. Da der Brief nun doch einmal geschrieben ist – da, lies ihn! Es würde mir sauer werden, das Alles mündlich zu wiederholen. Auch sagt man so leicht mehr, als man sagen will und darf. Lies ihn! Aber gehe damit ans Fenster, ich kann deine Nähe nicht ertragen, du bringst einen so seltsamen Duft, nach Ambra und Sandelholz, mit herein – siehst du, es ist umsonst, mir etwas vorlügen zu wollen, das Comptoir des Wechslers wird schwerlich so geduftet haben.

Er blieb regungslos am Tische stehen, wie vom Blitz gerührt. Als er keine Miene machte, sich von ihr zu entfernen, erhob sie sich mit einer müden Geberde, nahm ihr Schreibgeräth zusammen und sagte:

Lies! Indessen will ich dies noch in den Koffer thun, und dann – adieu!

Seine Augen fielen auf das Blatt, das sie ihm hingeschoben hatte. Er las mechanisch, ohne mehr als die Hälfte dessen, was er las, zu verstehen, die folgenden Zeilen:

»Ich weiß, wohin du gegangen bist, Josef. Ob du wiederkommen wirst oder nicht, kann ich noch nicht ahnen. Es ist auch einerlei. So wie du gegangen, wirst du doch nicht zurückkehren. Und darum muß ich gehen.

Ich wußte es schon gestern Abend. Plötzlich hatte ich dich verloren, eine ganz Fremde hatte dich mir entfremdet. Was sie mir vielleicht von dir lassen wird, ist nicht genug für mich, nachdem ich eine kurze Woche hindurch mir eingebildet hatte, ich könnte dich ganz besitzen.

Es war eine Thorheit. Nur mir darf ich darum zürnen, nicht dir. Du bist jung und gutherzig und ritterlich, und hast dir leicht Unmöglichkeiten vorspiegeln können. Ich hätte um so viel klüger sein sollen, als ich älter bin. Aber der Rausch eines oft geträumten Glücks, das nun doch noch wahr zu werden schien, hat mir alle Besinnung genommen. Er ist nun verflogen. Wenn die Ernüchterung weh thut – was kannst du dafür?

Wenn zwei Gefangene ausbrechen und mit einander fliehen wollen, und dem Einen sind in der langen Haft alle Glieder gelähmt worden, so daß er unten am Thurm, wo er eben den ersten Athemzug der Freiheit gethan, zusammenbricht, soll dann der Andere, der gesunde Kräfte und jungen Muth hat, sich ewig an ihn ketten, um entweder wieder in den Kerker zurückgeschleppt zu werden, oder nur so weit zu fliehen, als er seinen Kameraden mit fortbringen kann?

Es war eine großmüthige Täuschung, Josef, daß wir unser Leben vereinigen könnten. Nur Liebe konnte uns an einander binden. Aber du hast mich nie geliebt, nur einer ritterlichen Empfindung nachgegeben, als du mich so lebensunlustig und hoffnungsleer auf deinem Wege fandest. Es giebt aber Menschenschicksale, die unheilbar sind, selbst mit so heroischen Mitteln. Ich bin nun kränker am Herzen als vorher, vor dem gewaltsamen Heilversuche, so krank, daß ich an meinem Aufkommen zweifle.

Gleichviel! Ich will dir zu Allem, was ich dich gekostet, nicht noch ein schweres Herz und eine schlimme Erinnerung in dein neues Leben mitgeben. Reise glücklich! Ich vergebe dir deine Untreue, obwohl ich sie deinetwegen beklage, da ich dich zu hoch halte, um ohne Schmerz zu sehen, wie du dich wegwirfst. Aber drüben wird früher oder später dir in der Freiheit ein wahres und reines Glück begegnen. Das gönne ich dir, das zu ergreifen und ans Herz zu drücken soll dich keine Rücksicht abhalten auf ein altes, längst dir abgestorbenes, nur noch durch kümmerliche Pflicht lebendig erhaltenes Gefühl. Und weil es mir dann noch weher thun würde, dich hinzugeben, als jetzt, weil ich dann noch mehr Zeit gehabt hätte, mich an das Glück zu gewöhnen, darum ist es besser, ich warte jetzt deine Rückkehr nicht ab, sondern vertraue diesem Blatte Alles an, was ich schwerlich –«

Hier hatte sein Eintreten die Schreiberin unterbrochen.

Er hatte längst zu Ende gelesen, aber seine Augen starrten immer noch auf das Blatt. Erst als er hörte, wie sie den Schlüssel im Schloß ihres Handkoffers umdrehte, machte er eine gewaltsame Anstrengung und riß sich in die Höhe.

Clara! rief er mit erstickter Stimme, ohne sie anzusehen, kannst du mir vergeben? Ich weiß es, du kannst nicht, und doch – du mußt, oder du machst uns Beide unglücklich unser Leben lang.

Sie richtete sich auf, nahm ihr Tuch um die Schultern und griff nach ihrem Hut. Er machte eine Bewegung, wie um sie aufzuhalten, sie fuhr aber fort, als ob sie allein im Zimmer wäre.

Es ist unmöglich! murmelte er. So, so soll es enden? Clara, wenn du bedenkst, – wenn du mich nur anhören wolltest, ehe du mich von dir stößest! – hab' ich dir nicht schon gestern gestanden, an wen sie mich erinnerte? Es war wie eine Bezauberung, ich glaubte es nicht zu überleben, wenn ich dies Gesicht nicht noch einmal –

Großes Kind! unterbrach sie ihn, und ihre Stimme zitterte, so sehr sie sich zusammennahm. Hab' ich dir's nicht schriftlich gegeben, daß ich dir verzeihe, daß ich Alles ganz natürlich finde? O! nur allzu natürlich, so sehr, daß ich's hinnehme wie andere Naturgesetze, z. B., daß die Sonne sticht und der Regen näßt und ein alter Baum nicht mehr daran denken soll zu blühen. Und was ich noch sagen wollte, ich hätte dir's auch geschrieben, wärst du nicht zu früh dazu gekommen: ich habe diesem Geschöpf Unrecht gethan. Sie mag immerhin eine verlorene Dirne sein, am Ende ist sie doch respectabler als ich. Was sie thut, thut sie ohne sich was dabei zu denken, ganz aus dem Vollen. Was kann sie dafür, daß sie nichts Besseres kennt? Ich aber, eine armselige Sünderin, immer hin und her gezerrt zwischen Wunsch und Reue, zwischen Willen und Schwäche, der bei jedem Schritt in die Freiheit die Kette nachklirrt, eine engbrüstige Seele, die im Luftballon aufsteigen möchte, während ihr droben der Athem vergeht – nein, Josef, und wenn du ein Heiliger wärst, solch ein Wesen könntest du nicht lieben. Du bist aber kein Heiliger; eben weil du keinen Beruf zur Heiligkeit hast, bist du ja geflohen. Nun setze deinen Weg fort. Was ein Mensch dem anderen geben kann, hast du mir gegeben. Ein Wunder verlang' ich nicht von dir.

Die Erschöpfung durch den Kampf dieser letzten Stunden schien sie zu überwältigen. Sie glitt auf den Sessel am Bett und bedeckte das Gesicht mit der Hand.

Er war zu ihr hingestürzt und lag vor ihr auf dem Fußboden, ihre Hand fest mit seinen beiden umklammernd.

Clara, – ich bitte dich bei Allem, was heilig ist, sieh mir noch einmal ins Gesicht, sieh ob ich es ehrlich meine, ob du noch einen Schatten von einem anderen Gefühl – aber das glaubst du ja selber nicht! das ist ja unmöglich! du und ich wieder getrennt, du wieder in den alten Kerker zurück, und ich –

Nein! rief sie, indem sie ihre Hand aus seinen Händen loszumachen strebte, zurück nimmermehr! Aber auch nicht in die Freiheit mit dir! Ja, wenn eins nicht wäre, wenn ich in dir nur einen Beschützer und Reisegefährten sähe, und drüben angekommen dankte ich dir für freundliche Bemühung und Jeder ginge seiner Wege! Aber ahnst du es denn nicht, Unseliger, daß es ganz anders ist, daß ich dich liebe, mit allen Kräften meiner armen alten Seele liebe, wie man nur in der heißen jungen Zeit zu lieben pflegt, und daß es mich zum Wahnsinn bringt, dich so kühl und gütig und – wie sagte doch die Person? – respectvoll wie gegen eine Mutter neben mir hingehen zu sehen? Nein, das kann Niemand mir zumuthen, das ist schlimmer als Trennung und Tod, da muß das Weltmeer zwischen mir und dir sein, wenn ich es ertragen soll, und darum gehst du jetzt zu Schiff – und ich – ich bleibe hier!

Er sprang plötzlich auf. Seine Haltung war völlig verändert; eine ruhige Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen.

Gut! sagte er. Ich kann dich nicht zwingen, etwas zu thun, was dir widerstrebt. Du willst frei sein und mich wieder frei geben. Dann aber thu' auch ich, was ich will und muß, und so erkläre ich dir: ich bleibe auch! Wenn du mich nicht mehr neben dir dulden willst, – es stehen noch Zimmer in diesem Stockwerk leer – du kannst mir nicht verwehren –

Josef! unterbrach sie ihn, du rasest, du weißt nicht was du thust. Dein Platz auf dem Schiffe, den du vorausbezahlt hast, all dein Gepäck, das schon an Bord ist –

Was liegt an dem Bettel! rief er leidenschaftlich. Jetzt, da ich wieder allein bin, brauche ich ja nicht mehr zu knausern. Und wer weiß, wie lange der ganze Spaß überhaupt dauert? In acht Tagen werden sie doch unruhig werden, ob der Vogel auch wirklich in seinen Käfich zurückkehren möchte. Und bis dahin – man lebt lustig in Hamburg. Der Wein ist gut, die Weiber –

Sie fuhr zusammen. Der Gedanke beschlich sie, was aus ihm werden möchte, wenn er Ernst mit seinem Vorsatz machte und das Schiff abfahren ließe, wie er drohte. Hier – auf deutschem Boden – in so gefährlicher Nähe – –

Sie stand auf und band ihren Hut fest.

Wir sind ein paar recht kindische Leute, sagte sie und versuchte zu lächeln. Verzeih mir, Josef. Ich war so überreizt, so nervös, ich habe mich, als ich auf dich wartete und immer nur den Regen rauschen hörte, in diese verrückten Gedanken hineinphantasirt. Aber du hast Recht, es ist ja unmöglich, wir sind nun einmal auf einander angewiesen auf Tod und Leben. Freilich, wie gesagt: wenn ich dich weniger liebte und du selbstsüchtiger und unritterlicher wärst –! Aber wir können uns nun einmal nicht anders machen, als wir sind. Komm! Klingle dem Kellner, daß er uns eine Droschke besorgt und die Koffer hinunterschaffen läßt. Es eilt mir, an Bord zu kommen, wenigstens aus diesem Zimmer – ich habe zu viel darin ausgestanden!

Er schloß sie in überströmender Freude in die Arme, sie duldete jetzt seine Umarmung, aber die Lippen entzog sie ihm standhaft. Dann berichtigte er die Rechnung und ließ die Koffer voraustragen, während er sie am Arm die Treppe hinabführte.

Eine Stunde darauf geleitete er sie sorgsam die schwankende Schiffstreppe hinan, auf der sie von ihrem kleinen Boot an Bord des »Schiller« stiegen.

* *
*

Das Schiff war überfüllt, und trotz des Regens wimmelte das Verdeck von Passagieren jeder Art, die das Schauspiel des Auslaufens aus dem Hafen sich nicht entgehen lassen wollten. Clara aber verlangte sofort in ihre Cabine sich zurückzuziehen. Er begleitete sie in den unteren Raum, zeigte ihr im Vorbeigehen den eleganten Speisesaal des ersten Platzes und fragte, ob sie nicht gleich etwas zu essen wünsche. Sie schüttelte den Kopf. Heute verlange sie nichts mehr. Wenn sie diese Nacht noch hinter sich habe, werde ihr ganz wohl sein.

Er folgte ihr dann in die enge Cabine. Hier kann nichts mehr zwischen uns treten, scherzte er. Hier ist nur gerade Raum für uns Beide. – Sie nickte und versuchte freundlich und sorglos auszusehen. Aber das Fältchen an der Unterlippe war wieder tief eingegraben, nur daß er es heute nicht bemerkte.

Da sie sich gleich niederlegen wollte, er aber noch auf dem Verdeck ein paar Stunden zubringen, sagte er ihr gleich jetzt gute Nacht. Fahre nur fort mich zu lieben, bat er, indem er sie in die Arme schloß. Mit der Zeit kommst du doch wohl zu der Ueberzeugung, daß du die Kosten nicht allein trägst. – Und – du hast mir verziehen, ganz und für immer, nicht wahr?

Für immer und ewig! sagte sie leise und drückte ihm mit einer eigenen Feierlichkeit die Hand. Dann drängte sie ihn sanft von sich und rief ihm nur durch die Thür noch eine Gutenacht zu!

Als ihn nach einigen Stunden der stärker herabrauschende Regen wieder hinunter trieb, hatte sie sich schon in dem unteren der beiden Kojenbetten zur Ruhe gelegt und athmete in festem Schlaf. Er stand eine Weile, ehe er sich auf seine Lagerstatt hinaufschwang, und betrachtete ihre stillen, bleichen Züge. All seine guten und edlen Triebe schwollen ihm zum Herzen, wie er das müde Dulderinnengesicht in dem Halbdunkel auf dem kleinen Kissen ruhen sah. Er gelobte sich im Stillen, ihr Alles zu vergüten, was das Leben ihr bisher zu Leide gethan, und bei dem Gedanken an die schneidende Kränkung, die er selbst ihr heute zugefügt, stieg ihm das Blut in die Wangen. Er beugte sich auf die Hand herab, die sie auf ihrer Brust ruhen hatte, und drückte sacht seine Lippen darauf.

Ich danke dir, Josef, – für Alles! hauchte die Schlafende. Er wußte nicht, ob der Kuß sie einen Augenblick geweckt, oder ob sie aus dem Traum gesprochen hatte.

Dann schlief er selbst ein und träumte – von einem schönen, jungen, leichtsinnigen Geschöpf mit schlanken Gliedern und schwarzem Haar, das nach Ambra duftete.

* *
*

Als er am Morgen erwachte und sogleich Clara's Namen rief, kam keine Antwort. Er sprang aus dem Bett herab und sah, daß das untere Lager leer war.

Sie wird schon lange aufgewacht sein, dachte er. Es ist hoher Tag, und sie ist gestern so früh schlafen gegangen.

Eilig warf er sich in die Kleider und stieg aus dem dumpfen Kajütenraum auf das Verdeck hinauf.

Die Sonne schien auf das hohe Meer, dessen ruhige Flut das Schiff in steter Eile durchschnitt. Es war Alles voll Leben und froher Bewegung auf dem Verdeck, Alle labten sich nach der dumpfen Nacht an der frischen Morgenbrise, die um Mast und Segel strich.

Der junge Mann hatte schon zum dritten Mal das ganze Verdeck durchsucht, ohne eine Spur von seiner Gefährtin zu finden. Er trat jetzt, das Gesicht von tödtlicher Angst gespannt, an den Capitän heran und fragte, ob seine Frau vielleicht in der Nacht aufgestanden, von Seekrankheit überfallen, und dann beim Rückzug sich in eine falsche Cabine verirrt haben könne.

Es ist unmöglich, Herr, war die Antwort. Alle Cabinen sind besetzt. Die Dame würde ihren Irrthum sofort eingesehen haben. Wenn sie nicht im Quarterdeck –

Ein kleiner Schiffsjunge, der in der Nähe stand und Frage und Antwort mit angehört hatte, näherte sich jetzt schüchtern und zog die Kappe ab, sich am Kopf krauend.

Eine Dame, Sir, in einem weißen Kleid mit so Blumen drauf? Die ist nach Mitternacht heraufgekommen, ich lag auf Wache dort beim Steven, sah, wie die Dame sich über Bord neigte, calculirte, sie müsse wohl seekrank geworden sein, sah dann eine Weile weg, Sir, und wie ich wieder hinsehe, ist die Dame weg. Calculirte, sie wird wieder in die Cajüte hinuntergegangen sein, habe nicht weiter daran gedacht, Capitän, weiß auch nicht –

Das Wort erstarb ihm plötzlich im Munde. Der Fremde, dem er seinen Bericht abgestattet, war lautlos zusammengebrochen und lag ohnmächtig auf den Planken des Verdecks.

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