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Zwölfte Sammlung der Novellen

Paul Heyse: Zwölfte Sammlung der Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleZwölfte Sammlung der Novellen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1876
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180405
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Das Ding an sich.

(1876)

Ich war Student in Bonn, im zweiten Semester. Da es aber schon das sechste meiner ganzen Studienzeit war, hatte ich die tugendhaftesten Entschlüsse gefaßt, ehe mir das Moos gar zu üppig auf dem Scheitel wüchse, der grenzenlosen Zerstreuung meines Dichtens und Trachtens, der ich mich im Sommer überlassen, in diesem Winter endlich zu entsagen und mich auf wenige Aufgaben zu beschränken. Bei alledem sah mein Studienplan noch immer bunt genug aus. Die griechische Mythologie des ehrwürdigen alten Welcker, der mich mit väterlicher Güte aufgenommen, durfte ich nicht schwänzen. Cicero's Briefe, von Jacob Bernays erklärt, hatten durch sich selbst und den mir nah befreundeten Interpreten den lebendigsten Reiz für mich. Des alten Brandis Aesthetik mußte ich wohl oder übel besuchen, weil ich oft mit einem einzigen Anderen, der später durch seine »Anna Lise« bewies, daß er das Lehrgeld umsonst bezahlt hatte und trotz aller systematischen Doctrin ein ästhetischer Naturbursch geblieben war, das Zustandekommen der Vorlesung möglich machte. Blieben noch, außer der Göttlichen Komödie bei Diez, für den häuslichen Fleiß das spanische Theater, Geschichte der Baukunst, Böhl von Faber's Floresta, Kant's Kritik der reinen Vernunft und in den Mußestunden eine gewisse Francesca von Rimini, die schon bis zum dritten Act gediehen war und mir als Gegengewicht gegen die Alleinherrschaft der reinen Vernunft die besten Dienste leistete. Da ich aber keinem Corps angehörte, kein Kartenspieler war und vor Allem keine lyrischen Gedichte mehr machte – als angehender Dramatiker war ich über diese Schwäche erhaben, – so war der Tag noch immer lang genug, um all jene verschiedenartigen und scheinbar unverträglichen Bestrebungen friedlich unter den einen Hut zu bringen, den ich in sorglosem Uebermuth ziemlich tief im Nacken zu tragen pflegte.

Auch mit Gesellschaften, Bällen, Lesekränzchen und ähnlichen Winterfreuden verdarb ich nicht viele Zeit, besuchte nur dann und wann ein paar gastliche Häuser, in denen ich einen Ersatz für das fand, was mir als verwöhntem Haussohn in der Fremde am meisten fehlte, und verbrachte die übrigen Abende in meinem stillen Stübchen bei der Wittwe Böschemeyer, mit oft sehr vergeblichen Versuchen, die Geister der Transcendental-Philosophie zu beschwören. Wurde mir's dabei zu schwül zu Sinne, und wollte auch der alte Höllenbann des Dante'schen Genius gegen die Königsberger Gespenster nichts fruchten, so stieg ich wohl in das Wittwenstübchen meiner alten Phileuse hinab, die mit ihrer schwarzäugigen Tochter und dem blonden Hausmädchen spinnend oder nähend in der arrière-boutique ihres kleinen Eisenkramladens saß, um mit diesen drei guten Frauenzimmern allerlei harmlose Gespräche zu führen, die mir regelmäßig zu einem gesunden Schlaf verhalfen.

Eines Abends, als mir die transcendentale Deduction der reinen Verstandesbegriffe ein heftiges immanentes Kopfweh zugezogen hatte, – ich war überdies den ganzen Tag verstimmt gewesen, weil mir am Morgen eine entscheidende Scene meines Trauerspiels nicht hatte »herauskommen« wollen, – eines Abends also, Anfangs December, dachte ich eben wieder zu dem bewährten Hausmittel zu greifen, als mir das schwarzäugige Settchen mit dem blonden Drückchen Verkleinerungswort für »Gertraud«. schon auf der Treppe begegnete, im Begriff zu Bett zu gehen. Es sei zehn Uhr, die Mutter habe die Augen schon seit einer Stunde kaum noch offen behalten. Nun hatt' ich's freilich für heute versäumt. Aber es war mir rein unmöglich, dem Beispiel der klugen Jungfrauen zu folgen, die ihr Oel sparten, vielmehr als ein thörichter Jüngling, der ich war, und da der Mond prachtvoll über die Schneedächer hereinschien, beschloß ich, noch ins Freie zu stürmen und zwar nicht bloß ein paar Straßen abzulaufen, sondern eine gute Freundin zu besuchen, die eine Stunde weit von der Stadt entfernt ihre Wohnung hatte.

Wer zu Anfang der fünfziger Jahre in Bonn studirt hat, dem wird ein unscheinbares Wirthshäuschen, eine Stunde rheinaufwärts dicht an der Uferstraße gelegen, in guter Erinnerung geblieben sein. Das Dörfchen Blittersdorf, zu welchem dieses Haus gehörte, soll seitdem, wie ich höre, der Alles verwandelnden Cultur noch so ziemlich widerstanden haben. Noch ist das schlichte alte Weingasthöfchen nicht zu einem eleganten Hotel oder einer englischen Pension umgebaut, noch der große Nußbaum, der die Thür überschattete, nicht umgehauen und zu Schränken und Tischen verarbeitet worden. Wo aber ist die junge Wirthin hingekommen, die damals so freundlich und sittsam hier draußen waltete, daß der ungeschlachteste Renommist, auch durch den stärksten Nebel eines dreitägigen Rausches hindurch, ihren stillen Blick sofort von den leichtfertigen Augen einer gewöhnlichen Schenkin unterschied und sich bemühte, ihr möglichst respectvoll zu begegnen? Wo ist Gretchen von Blittersdorf hingekommen, die dem Maitrank in den kleinen gläsernen Tönnchen ein ganz eigenes Aroma, weit sublimer als aller Waldmeisterduft, zu verleihen wußte, wenn sie sich herabließ, einem ihrer wenigen begünstigten Stammgäste seinen Trunk eigenmündig zu credenzen?

Sie that es mit etwas blassen Lippen, und wenn sie dabei lächelte, schien seltsamer Weise ihr junges Gesicht durch dieses Lächeln älter und trauriger zu werden. Man sah dann, daß die übrigen Züge nicht recht dazu stimmten, daß Heiterkeit und Helle gleichsam nur zu Gast, nicht zu Hause waren auf diesem räthselhaften Mädchenantlitz. Ob dies Antlitz hübsch war oder nicht? Man sprach nie darüber, wie es doch sonst unter jungen Leuten zu allererst geschieht, wenn von einem jungen Frauenzimmer die Rede ist. Gretchen war eben Gretchen, das Gretchen von Blittersdorf, ein Wesen für sich, bei welchem von dem hergebrachten »Poussiren« keine Rede sein konnte. Auch jetzt, wenn ich zurückdenke und ihr sinniger Kopf mir Zug um Zug in der Erinnerung auflebt, wüßte ich kaum zu sagen, ob man sie hübsch nennen durfte. Damals vollends fiel es mir nicht ein, auch nur ihr Aeußeres nach dem gewöhnlichen Maßstabe zu beurtheilen. Alles, was sie umgab, war anders als bei Anderen. Daß sie mit einer jüngeren Schwester ganz selbständig die Wirthschaft führte, wohlhabend und von bestem Ruf und doch trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre noch ledig war, auch wohl kaum mehr umworben, da ihre ganze Haltung bei aller Freiheit jede Annäherung eines Mannes zurückschreckte, daß sie dann wieder gar nicht klös'terlich gesinnt, sondern selbst einer rauschenden Lustbarkeit wohlgeneigt war und gern mittanzte, wenn etwa in ihrem Hause ein kleines Fest abgehalten wurde, das Alles hätte mir zu denken gegeben, wenn ich damals schon ebenso im Leben wie in der Dichtung für psychologische Probleme empfänglich gewesen wäre. Nun aber begnügte ich mich, das Gretchen von Blittersdorf, wie Alle thaten, als etwas Apartes zu verehren, und war sehr vergnügt, als ich nach einigen Besuchen gewahr wurde, daß eine stille Sympathie zwischen uns zu keimen begann, aus welcher endlich eine Art geschwisterliches Verhältniß sich bildete. Ich beichtete ihr meine kleinen Leiden und Freuden, Herzensnöthe, sogar literarische Angelegenheiten, und wenn sie auch nicht viel geistlichen Trost zu spenden hatte, vielmehr nur mit klugem Kopfnicken und einem mitfühlenden Seufzer meine Bekenntnisse erwiderte, so war es doch eine große Beruhigung, eine so verstehende, ernsthaft zuhörende Freundin zu haben, die fünf Jahre älter, also um zehn welterfahrener war, als ihr junger Freund. Ich hätte nun freilich Anspruch darauf machen können, daß auch sie mich in ihre Fata eingeweiht, mir das Wort des Räthsels vertraut hätte, an dem so mancher Neugierige sich den Kopf zerbrochen. Das geschah aber nicht, und bis an den heutigen Tag bin ich nicht klug daraus geworden, ob ihre stille, vernünftige und ganz gelassene Melancholie nur Temperamentssache war, ohne jeden thatsächlichen Anlaß durch bittere Lebenserfahrungen, oder ob doch etwas an dem vielverbreiteten Gerüchte war, daß sie schon als siebzehnjähriges Mädchen eine Neigung für den in Bonn studirenden Kronprinzen eines mächtigen Staates gefaßt habe und nun der fixen Idee nachhänge, der Geliebte werde noch eines schönen Tages wie der Königssohn im Märchen auf milchweißem Roß vor die Thür unter dem Nußbaum gesprengt kommen und dem getreuen Gretchen von Blittersdorf eine goldene Krone aufs Haupt setzen.

Ich habe dies vorausschicken müssen, um gleich von vorn herein dem Verdacht vorzubeugen, als ob ich hier die Geschichte einer Studentenliebschaft erzählen wollte. Weder meine eigene zwanzigjährige Person, noch das Gretchen von Blittersdorf sind die Helden des kleinen Erlebnisses, das sich an den Spaziergang jener Nacht anknüpft. Ja, es ist mir wahrscheinlich genug, daß der Gedanke, meine schwesterliche Freundin so spät noch aufzusuchen, erst unterwegs in mir auftauchte, nachdem ich ziellos, nur um mir noch vor dem Schlafengehen die reinen Verstandesbegriffe aus dem Kopf zu laufen, ein gut Stück am Rheinufer entlang in die stille Winternacht hinaus gewandert war.

Es war die schönste Schlittenbahn, die Luft so milde, daß man den Thauwind schon für morgen erwarten durfte; drüben das Siebengebirge hob seine verschneiten Kuppen gegen einen dunkelgrauen, sternlosen Himmel, und der Fluß gährte unruhig in der Tiefe. Weit und breit kein Mensch, kein Wagen, nur ein einsamer Kahn, mit Kohlen befrachtet, glitt mühsam gerudert stromauf, so daß ich leicht mit ihm Schritt halten konnte. Ich weiß es noch, als wenn es gestern gewesen wäre, wie unsäglich wohl mir wurde, wie mit jedem Schritt über den reinen, doch schon mürbe gewordenen Schnee die Spannung meiner Gedanken sich lös'te und bald statt aller Phantome der transcendentalen Dialektik nur die Schatten meines Trauerspiels neben mir hinschwebten, jenes schöne, junge Weib, das der Sturm der Leidenschaft selbst in der Nacht des Inferno nur fester mit ihrem Geliebten zusammenschließt.

Ich glaube fast, ich fand auch einen Ausweg aus jener dramatischen Sackgasse, in die ich mich am Vormittag verrannt hatte. Wenigstens war ich, als ich die ersten Häuser des Dorfes erreichte, so guter Dinge, als ob durchaus kein verlorener Tag hinter mir läge.

Die oberen Fenster in Gretchen's Hause schimmerten mir schon eine Strecke weit entgegen. Ich kannte dieses Gastzimmer wohl; es war zu so später Stunde nur erleuchtet, wenn etwas Besonderes vorging. Vor der Thür unter dem Nußbaum, auf dessen kahlen Aesten eine Krähenfamilie übernachtete, sah ich etwa ein halb Dutzend Schlitten stehen. Die Pferde waren irgendwo in der Nachbarschaft untergebracht, die Kutscher mochten unten in der Trinkstube sich gütlich thun. Als ich nun näher kam, hörte ich aus dem oberen Stock auf einem Klavier einen damals sehr beliebten Schottischen spielen und sah jetzt auch allerlei Schatten paarweise an den hellen Fenstern vorbeihüpfen. Aber so lustig der Gang mich gemacht hatte, fühlte ich doch einen heftigen Verdruß in mir aufsteigen, als ich das Haus voll munterer Gäste fand. Es wäre mir gerade recht gewesen, als der einzige verspätete Zecher in der Trinkstube unten bewillkommt zu werden und wie so manchen Abend still neben Gretchen zu sitzen, zuzuschauen, wie sie die Nadeln an ihrem Gestrick hurtig hin- und hergehen ließ und nachdenklich auf den alten Messingleuchter sah, während ich ihr vorplauderte, was mir durch den Kopf ging.

Umkehren, was mir im ersten Aerger das Gerathenste schien, mochte ich nun doch nicht, ohne meine Freundin gesehen zu haben. Auch hatte ich mich durstig gerannt, und einen Schoppen Steger wollte ich mir gönnen, ehe ich den mitternächtigen Heimweg antrat. Ich konnte freilich auch hier übernachten. Aber der Schottische klang nicht eben darnach, als ob er für die nächsten Stunden irgend ein Menschenkind unter diesem Dach schlafen lassen würde.

Wie ich in den Hausflur trat, kam Gretchen mir zuerst entgegen. Sie noch so spät? sagte sie und gab mir die Hand. Sie finden lauter fremde Gesellschaft, junge Bürger aus Godesberg mit Schwestern, Cousinen und Bräuten, ganz anständige Leute, die sich nur einmal eine vergnügte Nacht machen wollen. Sie haben erst eine weite Schlittenpartie abgehalten und sind dann hier eingekehrt. Kommen Sie aber mit hinauf. Es ist auch eine Freundin von mir dabei, mit der ich Sie gern bekannt machen möchte.

Ich sagte ihr, daß es mir von allen Gesellschaften nur um die ihre zu thun gewesen sei. Sie that aber, als ginge das Compliment, das in diesen Worten lag, sie nichts an, sondern schalt mich über meine Menschenfeindlichkeit und zog mich die Treppe mit hinauf. Da drang uns die behagliche Wärme aus dem Gastzimmer durch die offene Thür entgegen, zugleich auch die Musik und allerlei Geschwirre von plaudernden und lachenden Stimmen. Einige Kerzen in zinnernen Wandleuchtern gaben gerade so viel Licht, wie lustige junge Menschen brauchen, um einmal über ein loses Wort oder einen allzu zärtlichen Händedruck nicht unnöthig erröthen zu müssen. Es mochten an sieben oder acht Paare sein, die durch das schmale, niedrige Sälchen sich hinab und hinauf drehten. Einige andere saßen längs der Wände und ruhten aus, bis wieder die Reihe an sie kam, und am andern Ende des Gastzimmers sah ich an dem alten Klavier eine drollig zusammengekauerte Figur, die mit eiserner Ausdauer wie ein Automat die Tasten schlug. Ich hörte von Gretchen, das sei der Schneider von Blittersdorf, der gerade nur vier oder fünf Tänze zu spielen gelernt habe und sich damit einen Nebenverdienst mache, bei solchen Gelegenheiten auszuhelfen. Er hatte einen sehr üblen Anschlag und kam sogar manchmal aus dem Tact. Das störte aber Niemand. Wer gern tanzt, dem ist leicht aufgespielt.

Von all diesen Philisterjünglingen kannte ich keinen einzigen, und ihre Schönen schienen mir bei der zweifelhaften Beleuchtung kaum der Mühe werth, ihre Bekanntschaft zu machen.

Was soll ich unter diesen Thebanern? fragte ich, indem ich an der Schwelle stehen blieb und meine Hand aus Gretchen's Hand zurückzog. Lassen sie mich nur wieder hinuntergehen und sagen Sie mir hernach noch einmal gute Nacht. Mehr verlang' ich nicht.

Sie hielt mich aber fest. Erstens müssen Sie einmal mit mir tanzen, sagte sie. Und dann führe ich Sie zu dem Mädchen da drüben mit dem dunklen Haar und dem meergrünen Kleide – sehen Sie, wie menschenfeindlich sie vor sich hinblickt? Die paßt zu Ihnen, nur daß sie keine Verse machen kann.

Es ist verlorne Mühe, lachte ich. Sie wissen ja, daß mein Herz in festen Händen ist. Wenn Sie hoffen, sich einen Kuppelpelz zu verdienen –

Behüte und bewahre! Meine Freundin ist auch schon nicht mehr frei, so viel ich gemerkt habe. Aber eben deshalb taugt ihr für einander. Kommen Sie nur! Erst unsern Schottischen.

Und ehe ich es mich versah, war ich mit meiner Freundin mitten in das Gewühl hineingewirbelt und mußte mich zusammennehmen, ihr in dem engen Raum und vor so vielen mißgünstigen kritischen Augen keine Schande zu machen.

Der musikalische Schneider hörte gerade auf, als auch wir genug hatten. Und ordentlich wie verabredet standen wir dicht vor dem Mädchen im meergrünen Kleide still, das auf einer leeren, mit rothem Tuch überzogenen Bank saß und wie abwesend schon eine gute Weile an den Tanzenden vorbeigestarrt hatte.

Gretchen stellte mich ihr vor, wie man zwei Leute mit einander bekannt macht, die sich von Hörensagen schon hinlänglich kennen. Ich hatte nun Zeit, mir das Mädchen näher zu betrachten, und wunderte mich vor Allem, daß diese Einzige keinen Tänzer hatte, da sie doch dazu angethan schien, als Ballkönigin gefeiert zu werden. Sie hatte ein längliches, schöngebildetes Gesicht von etwas dunkler Farbe, die vielleicht den jungen Godesbergern Philistern nicht so wohlgefiel, wie die alltäglichen Milch- und Blutwangen ihrer munteren Schätzchen. Munter war das stolze Gesicht nun gar nicht; vielmehr etwas müde und gelangweilt, dann wieder in einer seltsam aufgeregten Spannung, wobei sich die Mundwinkel fast höhnisch rümpften. Und dann hatte sie so eigene Augen, ordentlich grüne, was ich zuerst auf den Widerschein ihres meergrünen Kleides schob, bis ich dahinter kam, daß ich hier in der That ein Exemplar jener ojos verdes vor mir hatte, von denen ich bei meinen Spaniern mit ungläubigem Befremden gelesen hatte. Ihre Gestalt war groß und voll, und sie bewegte sich mit nachlässiger Ungrazie; auch war, so viel ich es beurtheilen konnte, ihr Kleid nicht vom elegantesten Schnitt, hatte so etwas Selbstgemachtes, nothdürftig Zustandegekommenes, und ich vermuthe, daß es von sehr billigem Stoffe war. Im Ganzen aber war dennoch dieses Mädchen das einzige hier im Saal, das verwöhntere Augen fesseln konnte, und meine erste Frage daher sehr natürlich: wie es komme, daß rechts und links auf der Bank neben ihr so viel leerer Raum sei?

Es werde wohl den Herren eben so wenig an ihrer Gesellschaft liegen, wie ihr an diesen Herren, war die ruhige, durchaus nicht schnippische oder gereizte Antwort.

Ob sie nicht gerne tanze? fragte ich.

Zuweilen wohl; aber nicht immer, und nicht mit Jedem. Mit mir zum Beispiel möchte sie lieber ein wenig plaudern.

Woher sie glaube, daß ich meine Worte geschickter zu setzen wisse, als meine Füße? fragte ich lachend. Sie habe mich freilich eben tanzen sehen, aber ich sei auch erst aus der kalten Nacht hereingekommen und noch nicht völlig wieder aufgethaut.

Sie antwortete eine Weile gar Nichts. Ich bemerkte, daß sie auf meine Worte kaum gehört hatte, da eben ein neuer Tanz begann und ein langer junger Mensch, ganz in schwarzem Sammet, mit hohen polnischen Stiefeln, eine junge Kaufmannstochter aus Godesberg stürmisch durch den Saal schwang. Diesem Paar folgten die meergrünen Augen meiner neuen Bekannten sichtbar mit dem lebhaftesten Interesse. Ich selbst hatte den im Sammethabit anfangs übersehen, vielleicht war auch er mir ausgewichen, da wir uns, obwohl fremd, doch vom bloßen Sehen her nicht eben freundlich gesinnt waren. Bei der ganzen Studentenschaft hatte er kaum einen Freund, wenn man auch nichts Bestimmtes gegen ihn vorbringen konnte. Er hieß nicht anders als »der polnische Missionär,« führte aber den gutdeutschen Namen Rattenberg, und Niemand wußte viel von ihm, oder wollte etwas von ihm wissen. Seine juristischen Collegia besuchte er ziemlich selten, desto mehr war er auf den Billards und in den Tanzlocalen zu Hause, ritt auch fleißig auf einem Miethgaul spazieren und hatte an allen Ecken und Enden irgend eine schmachtende Schöne sitzen, so daß er bei seinen vielfachen Amouren etwa so regelmäßig wie ein Landarzt bei seinen chronischen Patienten die Runde machte. Was ihm zu dieser zahlreichen Praxis verhalf, war uns Allen nicht recht klar. Wir fanden sein gelblichbleiches Gesicht mit den stechenden schwarzen Augen, seine kurzgeschorenen Haare und das dürftige Bärtchen eher abstoßend, und der Sammetanzug und die polnischen Stiefel konnten es doch unmöglich allein thun. Thatsache war daher, daß er sehr lebhafte Antipathieen erregte, vielfach gefordert und erst in Ruhe gelassen wurde, als er sich bei ein paar Pistolen-Mensuren – andere nahm er nicht an – ganz wacker und commentmäßig aus dem Handel gezogen hatte.

Es wunderte mich übrigens nicht, ihn hier zu sehen, den einzigen Studenten unter der spießbürgerlichen Tanzgesellschaft. Er war eben überall, wo es Mädchen gab, und mußte die Kunst verstehen, sich in solchen Kreisen beliebter zu machen, als unter seinen Commilitonen. Wenigstens bemerkte ich, daß man sich eifrig um ihn bemühte, daß die jungen Godesberger es für eine Ehre ansahen, ihm eine Extratour mit ihren Schwestern oder Bräuten zu bewilligen, und – was mich nicht wenig verdroß – daß selbst Fräulein Trina – so hieß meine neue Bekanntschaft – mit unverhohlenem Interesse seinem Tanzen zusah.

Er seinerseits schien keine Ahnung davon zu haben, daß außer den rothwangigen Philistertöchtern auch ein Wesen mit bräunlicher Haut und meergrünen Augen sich im Saal befinde. So unverdrossen er tanzte, mit einem ganz unbeweglichen, fast feierlichen Ausdruck, wie wenn er mit diesem Tanz heimlich an der Befreiung Polens arbeitete, so fiel es ihm doch nie ein, vor der rothgepolsterten Bank stehen zu bleiben und das schöne, stattliche Mädchen dort um eine Tour zu bitten. Die Sache war zu auffällig, um nicht ein tieferes Miß- oder Einverständniß zwischen den Beiden dahinter zu vermuthen. Ich hütete mich aber wohl, auch nur die unschuldigste Anspielung zu machen. Fräulein Trina sah ganz darnach aus, als ob weder List noch Gewalt ihr ein Geheimniß abgewinnen könnte, das sie selbst zu verwahren für gut fand.

Auch wurde sie auf einmal dieses eifrigen Zuschauens müde, wandte sich ganz freundlich zu mir, der ich neben ihr auf der Bank Platz genommen hatte, und fragte: was ich eigentlich studirte.

Eigentlich! Ich weiß nicht, wie es kam, daß mir dieses harmlose Wort aus diesem Munde wie eine Gewissensfrage klang. Ich wurde förmlich roth, als ich erwiderte, es sei schwierig, auf diese kurze Frage eine ebenso kurze Antwort zu geben. Im Studentenverzeichniß sei ich als Studiosus der Philosophie aufgeführt.

O, sagte sie, das ist mir lieb, da können Sie mir wohl einen alten Wunsch befriedigen. Ich habe bisher immer nur Mediciner, Theologen und Juristen kennen gelernt, und wenn sie mir von ihren Wissenschaften erzählten – denn ich war immer sehr wißbegierig –, kam mir das Alles schrecklich langweilig vor. Nur die Medicin hätte mich wohl gereizt, aber die schickt sich nun eben am wenigsten für ein Frauenzimmer. (Man vergesse nicht, wir schrieben 1850, und die Studentinnen von Zürich lagen noch in den Windeln.) Sagen Sie mir nun, was ist eigentlich die Philosophie, und ist sie auch nur so etwas für Männer? Ich bin nämlich eine Lehrerstochter aus N… – sie nannte mir einen kleinen Flecken im Ahrthale –, und allerlei Familienverhältnisse haben mich jetzt zum ersten Male dazu gebracht, von Hause wegzugehen, wo ich meinem alten Vater schon seit acht Jahren – so lange ist meine gute Mutter todt – die Wirthschaft führe. Ich wohne seit zwei Monaten bei einer Vatersschwester, meiner Pathe, in Godesberg und fange nach und nach an, mich meiner mangelhaften Bildung zu schämen. Zu Hause habe ich immer nur dieselben paar Bücher gelesen, die meinem Vater zu eigen gehören. Als ich sie endlich fast auswendig wußte, verfiel ich darauf, mir selbst was zu denken, nur um mich nicht zu langweilen; Sie glauben gar nicht, was für eine unbändige Neugierde in so einem einsamen Mädchenkopf rumoren kann, während sie ganz mechanisch ihre Küche besorgt, oder Hemden säumt und Socken strickt. Manchmal, wenn mir so ein Gedanke gekommen war und ich dann den Papa darum befragte, sah er mich ordentlich entsetzt an, ob es auch ganz richtig mit mir sei, und wollte wissen, woher ich die Flausen hätte. Lieber Gott, er selbst ist schon alt und ein bischen stumpf, und vielleicht hat er auch in jüngeren Jahren so etwas, was er Flausen nennt, nie gekannt. Denn auch unter meinen jüngeren Bekannten – finden Sie nicht auch, daß die meisten Menschen der Meinung sind, es verstünde sich Alles von selbst? Die wunderlichsten und geheimnißvollsten Dinge gehen täglich und stündlich um sie her vor, und sie fragen gar nicht einmal, was es damit auf sich habe. Ich, aus reinem Müßiggang, habe mir ein Räthsel nach dem andern von der Welt um mich her aufgeben lassen, bin aber noch Nichts klüger geworden. Die sogenannten Wissenschaften scheinen auch nicht viel davon zu wissen, wenigstens haben mir die Herren Studenten keinen rechten Bescheid gegeben. Freilich, an einen Philosophie-Studiosus bin ich, wie gesagt, noch nicht gerathen. Vielleicht können Sie mir erklären, wozu diese curiose Welt eigentlich geschaffen ist, was ich darin soll, warum ich es schlechter habe, als eine Menge schlechterer und dümmerer Mädchen, und wieder besser als Andere, die es mehr verdienten, und warum ich mit allem guten Willen mich nicht anders machen kann als ich bin, wenn ich mir, so wie ich bin, nicht gefalle. Oder weiß auch die Philosophie nichts von solchen Sachen, die doch eigentlich so interessant und so wichtig sind, wie nichts Anderes?

Sie hatte ihre hellen, schimmernden Augen mit einem fast kindlich bittenden Ausdruck auf mich geheftet, während ihre Lippen sich wieder höhnisch zusammenzogen. Ich begriff nun, warum es rechts und links neben diesem schönen Wesen so unheimlich leer geblieben war. Die jungen Godesberger wollten tanzen, nicht durch Räthsel sich verblüffen lassen.

Ich weiß nicht mehr, was ich ihr in der ersten Verwunderung über ihre sonderbare Manier zur Antwort gab. Wahrhaftig, dacht' ich, es giebt mehr Sorten von Mädchen zwischen Himmel und Erde, als ein zwanzigjähriger Studiosus der Philosophie sich träumen läßt. Dies aber ist doch wohl das Tollste, gleich nach der ersten Vorstellung einem die Pistole auf die Brust zu setzen: das Weltgeheimniß – oder gründliche Geringschätzung aller sogenannten Weltweisheit!

Ich sah meine Nachbarin fast ängstlich von der Seite an, ob ich etwa Spuren eines stillen Wahnsinns in ihren Zügen entdeckte. Ich konnte sie um so ungestörter studiren, als sie wieder von mir wegsah und sehr aufmerksam den Tanz des polnischen Missionärs verfolgte, der seinerseits auch jetzt nicht die geringste Notiz von ihr nahm. Ihr Gesicht schien mir allerdings, je länger ich es betrachtete, je ungewöhnlicher und unheimlicher, alt und jung, anziehend und abstoßend zugleich. Auch bemerkte ich jetzt an ihren großen, aber außerordentlich schön gebildeten Händen eine seltsame Unruhe; die langen Finger, die wie gemeißelt waren, schienen beständig etwas zu zerzupfen, etwa eine Blume, ein Leinwandläppchen, einen verwickelten Knoten.

Plötzlich wandte sie sich wieder zu mir. Es war, als ob sie mir die Gedanken hinter der Stirne gelesen hätte.

Sie halten mich wohl auch für halb verrückt, wie mein Vater, oder für eine sehr aufdringliche Person, daß ich Sie gleich mit einer solchen Menge Fragen überfalle. Seien Sie ganz ruhig. Ich bin noch ziemlich bei Verstande, und was meine Neugier betrifft, die bekümmert sich nur um Heimlichkeiten, die alle Welt betreffen, gar nicht um das, was den lieben Nächsten angeht. Erkundigen Sie sich nur bei Gretchen; von deren Schicksalen weiß ich nicht mehr, als Jedermann, und habe auch nie danach geforscht. Gerade daß Niemand recht genau darum Bescheid weiß, hat mich immer so zu ihr hingezogen; denn sehen Sie, das ist eben mein Temperament: wo ich eine Sache durch und durch sehe, ist sie mir ganz gleichgültig. Nur wo mir noch was zu rathen aufgegeben wird, kann ich ein Interesse haben. Damit habe ich mir schon als Kind meine Spielsachen verleidet. Ich war ein ganz kleines Ding, das noch kaum mit den Augen über den Tisch sehen konnte, da bekam ich einmal ein schönes Kästchen, auf dem ein Ringeltanz von Kindern war, und ein kleiner Geigenspieler machte Musik und wackelte mit dem Arm, und die Kinder drehten sich auf ihrem runden Scheibchen, sobald ein kleiner Zapfen bewegt wurde. Schon am ersten Abend mußte ich wissen, wie das »tiring! tiring!« zu Stande kam, und als ich richtig das Kästchen zerbrochen und das Endchen Darmsaite und das Stückchen Federspule gefunden hatte,' wodurch das Klimpern entstand, schien mir der Ringeltanz und der kleine Geiger auf einmal ganz albern. So geht mir's mit Allem. Denn es giebt auch Menschen, die nur so lange ein paar interessante Töne von sich geben, als man nicht dahinter gekommen ist, wie es damit zugeht, und bei den Meisten ist der Mechanismus fast so einfach, wie bei meinem Ringeltanz. Andere haben überhaupt gar nichts hinter sich, die sind wie gemalte und auf Pappendeckel aufgeklebte Figuren und stehen nur aufrecht, weil sie ein Hölzchen an ihrem Fußende haben, nämlich ihr Amt, ihr Geschäft oder ihr vom Vater ererbtes Vermögen. Wo ich so etwas merke, lasse ich mich gar nicht erst auf eine Bekanntschaft ein. Darum bin ich auch die meiste Zeit für mich geblieben, und sehen Sie, daher habe ich es mir angewöhnt, so viel von mir zu sprechen. Denn ist man mit sich allein, so unterhält man sich doch beständig mit sich selbst und meist auch über sich selbst, und kommt man hernach zu Menschen, so weiß man auch von nichts Anderem zu reden. Aber es langweilt die Menschen; denn Jeder ist eigentlich doch nur sich selbst interessant.

Ich bat sie, sich ja nicht zu geniren, ich nähme ihre Bekenntnisse als ein Compliment für mich, da sie sich ja überhaupt, wie sie sage, mit Niemand intimer einlasse, von dem sie glaube, daß nichts hinter ihm sei. Ich sei nur neugierig, ob sie nicht bei näherer Bekanntschaft ebenfalls finden würde, daß die Musik, die ich etwa zu machen verstünde, durch ein paar sehr einfache Saiten und eine Federspule zu Stande käme.

Nein, erwiderte sie ruhig, indem sie mich scharf fixirte. Nicht bloß, weil Gretchen viel auf Sie hält, sondern auch weil etwas Seltsames in Ihrer Person ist, glaube ich, daß wir uns gut verstehen werden. Mit Ihnen verhält sich's umgekehrt, wie mit mir.

Ich war sehr begierig zu erfahren, wie sie das meinte.

Ich kann mich zwar irren, fuhr sie gelassen fort, aber es kommt mir vor, als ob Sie inwendig sehr leidenschaftlich, eigensinnig und sogar hart sein könnten, während Sie äußerlich ein so sanftes, unbärtiges Muttersöhnchen vorstellen. Ich dagegen sehe aus, daß feige Männer sich vor mir fürchten und selbst ganz beherzte und stolze mich für eine erschrecklich selbstgewisse Person halten, und dabei bin ich innerlich –

Sie brach ab, strich sich mit der Hand ihre schlichten dunklen Haare zurecht und sagte: Aber wir sind ganz von der Philosophie, die Sie studiren, abgekommen.

Im Gegentheil, sagte ich, wir sind mitten darin. Denn sehen Sie, liebes Fräulein, jede Wissenschaft bleibt ein todter Phrasenkram, wenn kein Bedürfniß darnach vorhanden ist. Für einen gesunden Leib ist die Medicin so überflüssig, wie für eine gesunde, in ihrem Gott vergnügte Seele die Theologie, und eine Juristerei wäre nie erfunden worden, wenn es im öffentlichen Verkehr keine Schädigungen an Hab' und Gut, an Ehre und Leben gegeben hätte. So ist auch die Philosophie nur vorhanden, wo es eine Neugier giebt, und wie der Arzt einer Patientin erst den Puls fühlen und nach allerlei Symptomen fragen muß, ehe er seine Recepte auskramt, so habe auch ich erst wissen müssen, an welcher Sorte von Neugier Sie laboriren, ehe ich ungefähr wissen kann, mit welcher Philosophie Ihnen gedient sein möchte. Aber wenn es Ihnen recht ist, verschieben wir das Weitere auf eine bessere Gelegenheit. Der Walzer, den unser krummer Virtuose da eben anstimmt, ist nicht gerade das passendste Accompagnement für ein Privatissimum über die Kritik der reinen Vernunft, das ein Student einem schönen Fräulein halten soll. Wie wär' es, wenn wir es heute mit der reinen Unvernunft des Dreivierteltactes versuchten? Tanzen ist übrigens auch eine nachdenkliche Beschäftigung. Sie wissen vielleicht noch nicht, daß es einen großen Philosophen, Namens Hegel, gegeben hat und eine große Tänzerin, Fanny Elsler, welche die Hegel'sche Philosophie tanzte?

Machen Sie sich nur über mich lustig, erwiderte sie, während ihr eine tiefe Glut in die schönen, bräunlichen Wangen schoß. Sie sind nicht der Erste, dem ich in meiner Dummheit so reinen Wein über mich eingeschenkt habe, und der mich dann sitzen ließ, wie eine Närrin, oder mit einem Spaß abfertigte, wie ein altkluges Kind, das nach dem Teich fragt, aus dem der Storch die kleinen Kinder holt.

Ich sah, daß ich es arg verschüttet hatte, und mußte eine Viertelstunde lang all meine Ueberredungskünste aufbieten, um sie wieder zu versöhnen. Zuletzt half mir, wie es oft zu gehen pflegt, mehr als alle sophistischen Ausflüchte das einfache Bekenntniß der Wahrheit.

Sie können es mir nicht verdenken, liebes Fräulein, sagt' ich, daß ich auf Ihre Fragen lieber mit einer Walzertour als mit Worten mich erklären wollte. Denn wie es körperliche Leiden giebt, für die bei keiner ärztlichen Facultät ein Kraut gewachsen ist, so giebt es auch Wissenstriebe, denen gegenüber alle Philosophie rathlos bleibt. Sie wollen gern hinter die Dinge kommen, wollen wissen, was es denn eigentlich auf sich hat mit Allem, was Sie sehen, fühlen, erleben und handgreiflich sich nahe bringen. Nun sehen Sie, das ist gerade das allerdesperateste Geheimniß, und der weiseste Mann, der über dieses Problem nachgedacht hat, ist schließlich nicht klüger daraus geworden, als Sie und ich, nur daß er so gescheidt war, einen Namen dafür zu erfinden. Mit so einem Namen ist dem großen Haufen außerordentlich gedient. Was sie nennen können, das meinen sie nun auch zu verstehen. Wer ist dieses schöne Mädchen in dem meergrünen Kleide? – Fräulein Trina! – Aha! – Und nun glauben sie von Fräulein Trina hinlänglich Bescheid zu wissen. Sie und ich aber, wir wissen, daß man lange noch nicht den Kern hat, wenn man die Schale noch so gut von allen Seiten umgedreht und beguckt und einen Zettel mit einem Namen daran geklebt hat. Und darum ist auch die Philosophie nur ein mäßiger Trost, und ein flotter Walzer, der uns den Kopf wirbeln macht und die Sinne etwas durcheinander schwingt, scheint mir ein viel besseres Mittel gegen alle speculirende Neugier, als die schönsten Spitzfindigkeiten des alten Kant und sein berühmtes »Ding an sich«.

Ding an sich? Was hat er damit gemeint?

Eben das, wovon er nichts wußte und auch versichert, daß Niemand etwas wissen könne, das eben, was dahinter ist, wenn wir alle Erscheinungen in der sinnlichen Welt auf ihre verschiedenen Eigenschaften geprüft haben und nun fragen, was denn eigentlich das sei, was da erscheine und diese und jene Qualität habe. Denn Alles, was wir an den Dingen dieser Welt beobachten, sei, sagt der Patriarch, nur ein Vorgang in uns selbst, in unserem Empfinden, Vorstellen, Denken, und wir hätten keine Bürgschaft dafür, wie nun die Welt außer uns, an und für sich, abgesehen von unseren Vorstellungen über sie, beschaffen sei. Dahinter könne eben kein noch so scharfblickender Geist kommen, ebenso wie auch kein anderer hinter ihn; denn jedes einzelne wirklich existirende Individuum sei eben auch ein Ding an sich und als solches undurchdringlich. Sie begreifen, Fräulein Trina, daß der Zaun, mit dem unsere Welt vernagelt ist, gerade da steht, wo Ihre – und meine – Neugierde erst recht anfängt, gerade vor dem Ding an sich. Ob man jemals ein kleines Loch in diese Bretterwand bohren und hindurchschielen wird, ist sehr fraglich. Aber ich dächte, auch diesseits des Zauns wäre die Welt noch immer lustig und merkwürdig genug, und man brauchte sich an dem dummen Holz nicht den Kopf einzurennen, was ja auch die Philosophen von Profession nur in ihren unbesonnensten Stunden zu thun für ihre Pflicht halten.

Ich merkte wieder, daß ihre Augen und Gedanken zerstreut herumschweiften. Ein mehrstündiges Colleg über Kant hätte dieser Student im meergrünen Kleide schwerlich ausgehalten. Freilich fehlen in einem gewöhnlichen philosophischen Auditorium auch die tanzenden jungen Herrn im Sammetrock und ein klavierspielender Schneider.

Ganz umsonst hatte ich indessen nicht docirt.

Ich verstehe Sie recht gut, sagte sie nach einer Weile. Nur möchte ich gern wissen, woher man weiß, daß da hinter dem Zaun auch wirklich etwas ist, daß man sich das Ding an sich nicht blos einbildet. Am Ende, wenn man dahintersehen könnte, würde nicht viel mehr zu finden sein, als hinter meinem Klimperkästchen: ein Stückchen Darmsaite und eine Federspule.

Ich erschrak über diese bodenlose Skepsis in einer so jungen Frauenzimmerseele. Und überdies war ich noch nicht kantfest genug, um gleich zu wissen, wie der Alte vom Königsberge, wenn er hier an meinem Platze neben der meergrünen Idealistin gesessen hätte, sich aus der Affaire gezogen haben würde.

So war ich denn herzlich froh, daß gerade bei dieser kritischen Wendung des Gesprächs Gretchen mit einer Flasche Wein und drei Gläsern erschien. Wir gingen zusammen in ein kleines Trinkstübchen neben dem Tanzsaal, und ich stieß mit den beiden Mädchen an, die gleichfalls den goldhellen Steger nicht verachteten. Gretchen fragte, wie wir uns unterhielten; ich beklagte mich über das schwere Examen, das ich zu bestehen gehabt hätte, und machte meiner alten Freundin Vorwürfe, daß sie mich als einen rechten Philister geschildert haben müsse, der zu nichts besserem tauge, als jungen Damen Vorlesungen zu halten und ihnen statt des Herzens den Kopf warm zu machen. Ich sei zwar nicht der brillanteste Tänzer, aber so gut wie die Meisten da drüben –

Dabei sahen wir wieder durch die Thüre dem Tanzen zu, und eben stürmte der im Sammetrock vorüber, mit einer ziemlich lächerlichen kleinen Tänzerin, deren hochrother Kopf trotz des übermäßigen Blumenschmucks ihm gerade nur bis an die Westentasche reichte.

Ich hätte nicht gedacht, sagte ich, daß dieser hochnasige polnische Don Juan einen so schlechten Geschmack hätte.

Trina stand neben mir am Thürpfosten. Ihr Gesicht war ganz entfärbt, ihre höhnischen Mundwinkel bebten. Kommen Sie, flüsterte sie plötzlich, indem sie mich umfaßte, wir wollen auch einmal tanzen, wir passen doch wenigstens in der Größe zusammen.

Sie war wie verwandelt, als ich sie nun in den Armen hielt und mit ihr durch den Saal flog. Eine starke Leidenschaft schien die ganze herrliche Gestalt zu regieren, daß sie mich mehr fortriß, als ich sie gelenkt hätte. Aber ihr plötzlicher Ungestüm steckte mich an, und so waren wir unermüdlich, und es begegnete uns zu großer Heiterkeit der Zuschauer, noch eine Weile fortzutanzen, nachdem die Musik schon aufgehört hatte.

Ich hielt es meiner Studentenwürde angemessen, einige von den jungen Herren, die zu lachen wagten, bedeutend anzublicken, worauf denn auch wirklich die Stimmung wieder ernsthafter wurde. Der Sammtene allein schien mich und meine Tänzerin gar nicht beachtet zu haben. Er saß jetzt auf unserm früheren Platz, dem rothen Bänkchen, neben dem garstigen kleinen Unhold, der sich beständig das Gesicht abwischte.

Sie tanzen gar nicht einmal so schlecht, sagte Trina, – ein Zeugniß, das mir werthvoller war, als wenn sie meine Verse gelobt hätte. Aber jetzt will ich fort. Wissen Sie was? Wenn Sie hier nicht noch ein anderes Engagement haben, könnten Sie mir den Gefallen thun, mich nach Hause zu bringen. Godesberg ist ja nicht weit, und mein Vetter, der mich im Schlitten hierhergebracht hat – der blonde junge Mensch da drüben, der der schlanken Brünetten so eifrig die Cour schneidet – wenn ich ihm den Platz im Schlitten für eine andere Dame frei mache, wird er nicht böse sein. Wollen Sie?

Ich war natürlich von Herzen gern dazu bereit. Niemand im Saal schien etwas dabei zu finden, daß Trina an meinem Arm ohne weiteren Abschied sich entfernte. Auch Gretchen sagte uns, ohne eine Miene zu verziehen, gute Nacht. Ich merkte, daß Trina von Allen für ein ungewöhnliches Wesen angesehen wurde, das man bei jeder Gelegenheit seine eigene Wege einschlagen sah.

Es mochte bald zwei Uhr nach Mitternacht sein, die Luft war noch milder geworden, nur die große Windstille ließ es noch nicht zum Regen kommen. Dabei umgab uns die vollkommenste Finsterniß bis auf den leichten weißen Schimmer der beschneiten Straße, und es war fast schauerlich, während rings die Nacht den Athem anhielt, das klagende Brausen des Stromes zu hören, der unweit von unserem Wege seine Eiswogen vorüberwälzte.

Sie hatte meinen Arm genommen, und wir gingen eine gute Weile wie alte Bekannte, die sich längst ausgesprochen haben, stumm neben einander hin.

Ich sagte endlich, um das Schweigen zu brechen, das Erste Beste, was mir in den Sinn kam. Nur pflegt bekanntlich das Erste nach einer Pause nicht gerade das Beste zu sein.

Ob sie sich nicht fürchte, in so stichdunkler Nacht, mit einem Begleiter, der ihr noch so ziemlich unbekannt sei?

(Fürchten! Ein Mädchen, das sich nicht scheute, sich mit dem Weltgeheimniß einzulassen, und darauf brannte, zu den »Müttern« hinabzusteigen!)

Indessen, so ungeschickt die Frage war, sie antwortete ganz ruhig, daß sie ja schon gestanden, wie sie zu allem Unbekannten eine gewisse Neigung spüre und nur das Bekannte scheue und vermeide. »Darum habe ich ja auch Gretchen so gern, weil ich sie nie recht kennen lerne, niemals ihr auf den Grund schauen kann. Vielleicht, wenn ich morgen von ihr ins Vertrauen gezogen würde, wär's mit unserer Liebe und Anhänglichkeit übermorgen schon vorbei. Ihre Eigenschaften sind's nicht, was mich an sie knüpft. Es ist eben, wie Sie's genannt haben, das ›Ding an sich‹ in ihr, was mir ewig verborgen bleibt und mich ewig anzieht. Ein Mensch, dem das fehlt, kann der bravste und liebenswürdigste von der Welt sein, für mich ist er so gut wie nicht vorhanden.«

Verzeihen Sie, liebes Fräulein, warf ich ein, wenn ich den Pedanten mache, aber Sie haben meinen alten Philosophen noch nicht vollständig capirt. Der war der Meinung, jedes Geschöpf, jedes Ding in dieser sichtbaren Welt, gleichviel ob es einfach oder complicirt sei, müsse seinem eigentlichen Wesen nach als ein Ding an sich betrachtet werden. Danach könne also kein Mensch so wenig wie irgend ein Sandkorn überhaupt ergründet werden, außer nach seiner Erscheinung. Ich weiß nicht, ob ich mich klar genug ausgedrückt habe.

Sie sann einen Augenblick nach.

Ihr alter Philosoph mag nun gemeint haben, was er will, fing sie kopfschüttelnd wieder an, meine Meinung ist nun einmal, daß es Menschen giebt, die Nichts sind als ein Haufen von Eigenschaften, guten oder schlechten, und Andere, die überdies noch etwas Unergründliches und Unaussprechliches in sich haben, und ich darf mir doch wohl herausnehmen, für dies geheimnißvolle Etwas den Namen zu brauchen, den ich von Ihnen gelernt habe. Der Erfinder desselben ist ja todt, wie Sie sagen, und kann mich nicht wegen Mißbrauchs seiner Erfindung verklagen. »Das Ding an sich« – es klingt so sonderbar, so recht dem Geheimniß ähnlich, das es bezeichnet und wobei sich Jeder das Seinige denken kann. Geht es Ihnen denn nicht auch, wie mir, daß Sie, sobald Sie etwas ganz genau kennen, auch für alle Zeit damit fertig sind? Nichts ist mir widerwärtiger gewesen als die kleine Bibliothek meines Vaters, weil ich genau wußte, von A bis Z, was in jedem Buche stand. So auch mit Menschen. Ich habe Ihnen gesagt, daß mich Familienverhältnisse von Hause vertrieben und nach Godesberg gebracht hätten. Das hängt nämlich so zusammen. Ich habe eine Heirath machen sollen, zu der ich keine Lust hatte. Es war so weit gar kein übler Mann, der Sohn eines sehr reichen Weingutbesitzers, und schon als ganz kleines Mädchen, weil unser Schulhaus neben seinem Grundstück liegt, hat er mich gekannt und einen Narren an mir gefressen, und das ist so fortgegangen, als er längst ein heirathsfähiger junger Mensch war und ich noch kurze Kleider trug. Und er wartete auch richtig mit dem Heirathen, bis ich siebzehn Jahre alt war, und dann hielt er um mich an, gegen den Willen seiner ganzen Familie, der ich viel zu arm war. Ich war schon damals so gesinnt wie heute, daß mich nur das Unbekannte reizen konnte. Diesen meinen Nachbarn aber hätt' ich ganz gut wie ein Faß mit Wein in seine Bestandtheile zerlegen können, jede Daube, jeden Reifen kannt' ich und wußte auch, was für ein Wein darin war. Also sagt' ich Nein und machte mir auch weiter keine Gedanken, als er schon ein halbes Jahr darauf – wie er sagte, aus Desperation und mir zum Possen – eine Andere heirathete. Mit der lebte er trotzdem sehr gut, da er der beste Mensch von der Welt ist, und sie bekamen ein Kind, und ich war froh, wenn ich ihre Glückseligkeit so über die Gartenmauer mit ansah, daß ich in dieser gleichmüthigen Komödie, wo ein Tag wie der andere verlief, nicht mitzuspielen brauchte. Nach vier Jahren starb die junge Frau und auch das zweite Kind, das sie eben zur Welt gebracht hatte, und wieder war der Wittwer ganz musterhaft betrübt und lebte wohl zwei Jahre wie ein geschlagener Mann, völlig zurückgezogen, nur für seine Geschäfte und seinen kleinen Jungen. Auf einmal schlug das Wetter um, nach dem langen Regen kam wieder ein bischen Sonnenschein, und jetzt besann er sich, daß ich ja noch immer nebenan vorhanden und zu haben sei. Und so machte er sich an meinen alten Vater, jetzt um so dringender, da er seine Eltern nicht mehr zu fragen brauchte, die inzwischen gestorben waren. Aber Sie begreifen, ich war jetzt um nichts anders geworden und er auch nicht; vielmehr kannte ich ihn nur um so besser und wußte schon aufs Haar voraus, wie er sich benehmen würde, wenn auch ich ihm eines Tages wegsterben sollte, und obwohl ich gar Nichts an ihm auszusetzen wußte und man weit mit der Laterne suchen könnte, bis man alle guten Eigenschaften, die er hat, wieder so beisammen fände, – sagen Sie selbst, in was soll ich mich bei ihm verlieben? Würden Sie ein Buch kaufen wollen, das Sie schon zehnmal gelesen haben und in- und auswendig wissen?

Es kommt darauf an, erwiderte ich. Wenn ich zum Beispiel die Wahl hätte, zwischen Luther's kleinem Katechismus und Werther's Leiden in polnischer Uebersetzung, so würde ich, obwohl ich meine zehn Gebote noch so ziemlich am Schnürchen habe, dennoch, da ich nicht polnisch verstehe –

Sie zog ihren Arm hastig aus dem meinigen und blieb stehen. Was meinen Sie damit? Soll das eine Anspielung sein? Hat etwa Gretchen Ihnen etwas gesagt?

Ich verstehe Sie nicht, sagte ich mit geheuchelter Unbefangenheit – denn ich verstand Sie nur zu gut; ich wollte ja gerade von dem polnischen Emissär anfangen. – Wie kann Sie das so allarmiren, wenn ich ein ganz unschuldiges Gleichniß brauche? So viel von den Vorrechten eines Versifex möcht' ich wenigstens Ihnen gegenüber retten, wenn ich doch einmal dazu verdammt bin, in allem Uebrigen den hausbackenen gesunden Menschenverstand gegen Ihre romantischen Neigungen in Schutz zu nehmen. In der That, Fräulein Trina, Sie sind um dreißig Jahre zu spät auf die Welt gekommen. Als man noch der blauen Blume nachjagte und nur das Unbekannte, das ewig Räthselhafte für was Rechtes hielt, dagegen von allen einfachen guten Dingen wie von ganz armseligem Trödel sprach, da hätten Sie ihre Rechnung gefunden. Jetzt aber –

Und nun redete ich mich immer mehr in einen heiligen Zorn gegen ihre Phantastereien hinein, eigentlich nur, weil ich im Stillen wüthend darüber war, daß jener windige Patron im Sammethabit auch dieses schöne und sinnige Mädchen umstrickt haben sollte, die für ihn tausendmal zu gut war. Sie ließ mich erst eine Zeitlang reden und warf nur einmal so höhnisch dazwischen, daß sie nicht geglaubt hätte, so schöne praktische Grundsätze von einem angehenden Poeten hören zu müssen, wofür Gretchen mich ausgegeben habe. Da wurde ich aber vollends wild.

Ich wüßte wohl, sagt' ich, das sei die landläufige Meinung von einem Dichter, daß er ein mauvais sujet sein müsse, zu dessen Handwerk es gehöre, alle Leidenschaften, Verirrungen, Laster und Wahnwitze an seiner eigenen armseligen Person durchzuprobiren, um davon mitreden zu können. Nach dieser Anschauung müsse auch ein Arzt, ehe er eine Praxis anfange, sämmtliche Krankheiten, Leibesschäden, Beinbrüche u. s. w. am eigenen Leibe erfahren, alle Gifte gekostet und alle Medicinen geschluckt haben. Ich im Gegentheil wäre der Meinung, daß man seine Seele still machen und sich sammeln müsse, wenn man die Schicksale fremder Menschen rein in sich aufnehmen und unverzerrt wiederspiegeln wolle, und so viel ich wüßte, hätten gerade die großen Dichter ein festes, helles und nicht beständig aufgewühltes Gemüth besessen, während die Herren Romantiker besser selbst zu Roman- und Trauerspielfiguren getaugt hätten, als zur Hervorbringung lebendiger, schöner und dauerhafter Gestalten der Dichtung. Ob denn in der Welt nur das Verschleierte, Unbekannte einen Werth hätte, ob nicht das Einfache, das einfach Gute, wenn man es nur nicht so hochmüthig übersehen wollte, ebenfalls unergründlich, ja eigentlich das Wunderbarste von Allem sei? Wüßten doch auch die Mediciner von einer Menge Krankheiten vortrefflich Bescheid, da man sie nach etlichen Symptomen leicht beschreiben könne; was aber die Gesundheit sei, welche geheimen Kräfte in einem ganz normalen Leibe sich regten, habe noch keiner ergründet. Und so weiter, und so weiter.

Gott weiß, wie lange ich so fortgepredigt hätte – denn einmal war es mein Lieblingsthema und gewissermaßen eine oratio pro domo, und dann hatte ich dabei noch beständig den grimmigen Hintergedanken an den verwünschten Sammetrock, – aber wir waren, ohne es zu merken, nach Godesberg gelangt, und vor einem kleinen Häuschen mitten im Ort stand meine Begleiterin, die sich inzwischen wieder an meinen Arm gehängt hatte, still und sagte: Hier bin ich zu Hause. Es ist schade, daß es schon so spät ist, ich hörte Ihnen gerne noch eine Weile zu, gerade weil ich ganz anderer Meinung bin und doch nicht recht glücklich dabei. Ich gäbe viel darum, wenn Sie mich bekehren könnten. Manchmal graut mir vor mir selbst, wenn ich bedenke, was Alles in dem schwarzen Abgrund verborgen sein mag, in den ich mich gern hineinstürzte. Ich weiß wohl, daß man dabei den Hals brechen kann, aber was wollen Sie machen, wenn Sie auf einem Thurme stehen und das unbezwingliche Verlangen fühlen, sich übers Geländer zu schwingen? Möglich wär's doch immer, daß man fliegen lernte, wenn man nur erst müßte. Aber Sie werden genug haben von meinen »Verrücktheiten,« wie Sie es nennen.

Ich fragte sie ganz erschrocken, ob mir wirklich eine so unhöfliche Bezeichnung entschlüpft sei.

Ja wohl, sagte sie lachend, aber es sei Ihnen in Gnaden verziehen. Daß Sie so wild dabei wurden, während Sie so zahme Grundsätze predigten, hat mir gerade gefallen. Darum also keine Feindschaft, vielmehr – wenn Sie nichts dagegen haben – fernerhin gute Freundschaft, und jetzt gute Nacht. Die Tante wird ohnehin schelten, die ist ganz auf Ihrer Seite und würde große Augen machen, wenn sie sähe, daß ich lieber mit einem Unbekannten, der mit mir über »das Ding an sich« geplaudert hat, zu Fuß nach Hause gehen wollte, als im bequemen Schlitten mit ihrem wohlbekannten Herrn Sohn.

Wir schüttelten uns kameradschaftlich die Hand, und das seltsame Mädchen verschwand in dem dunklen Pförtchen, gerade als der lange verhaltene Regenguß losbrach, der mich zwang, ein Unterkommen in dem nächstbesten Godesberger Gasthof zu suchen.

——————

Ich verschlief mich am anderen Morgen so sehr, daß ich nicht, wie ich vorhatte, mich erst nach meiner Tänzerin erkundigen, noch auch den Rückweg über Blittersdorf nehmen konnte, da mich eine bestimmte Verabredung eilig nach Bonn zurückrief. So vergingen ganze acht Tage, ehe ich dazu kam, Gretchen wieder aufzusuchen.

Ich traf es diesmal günstiger; es waren nur wenige Schoppen-Gäste im Haus, und sie konnte sich eine ungestörte halbe Stunde lang zu mir setzen und all meine neugierigen Fragen beantworten. Was ich mit ihrer Freundin in jener Nacht gesprochen, hatte diese ihr ausführlich wieder erzählt. Ich gestand, daß ich die heimliche Absicht dabei gehabt, sie vor dem Sammetrock zu warnen. Es sei mir, da meine Bekanntschaft mit ihr noch zu jung gewesen, nicht schicklich erschienen, offner mit der Sprache herauszugehen und diesem gefährlichen Gesellen so geradezu Alles nachzusagen, was ich etwa von ihm wußte. Sie aber, Gretchen, möge diese Freundschaftspflicht erfüllen, ehe es zu spät sei.

Worauf das gute Wesen mit einem Seufzer erwiderte, ich kennte ihre Freundin doch nur erst halb. Gerade das Abrathen, das sie schon versucht, habe die Sache schlimmer gemacht. Es sei richtig so, wie ich's den Beiden angemerkt, und jenen Abend habe der Herr von Rattenberg, wie er sich hier in Blittersdorf nennen lasse, nur darum von der Trina keine Notiz genommen, um sie für ihre erste, etwas heftige Abfertigung seiner Courmacherei zu bestrafen. Er scheine ein recht ausgelernter Verführer, da er es in der That damit durchgesetzt habe, das eigensinnige Mädchen sich gefügig zu machen. So was vom Vogel und der Klapperschlange habe er mit ihr aufgeführt. Es graue ihr heimlich vor feiner impertinenten, kalten und lieblosen Manier, den Verliebten zu spielen. Aber eben, weil sie nicht recht dahinterkommen könne, wie sein eigentliches Wesen sei, fühle sie sich immer wieder zu ihm hingezogen. Sie seien sich seitdem schon dreimal – natürlich ganz »zufällig« – hier in ihrem Hause begegnet, hätten oben im Saal lange, eifrige und gar nicht zärtliche Gespräche geführt und seien, ohne sich auch nur die Hand zu geben, mit bitterbösen Blicken auseinandergegangen. Am folgenden Tag aber habe die lächerlich trübselige Komödie von Neuem begonnen, bis Gretchen endlich der Trina ernsthafte Vorstellungen gemacht: das könne nicht so fortgehen, ihr Haus und ihre eigene Person komme dadurch in schlechten Ruf, zunächst bei der Tante, wenn die davon erführe, dann aber in ganz Godesberg. Und wenn sie noch überzeugt wäre, daß es zum Glück ihrer Freundin ausschlagen könnte, würde sie's leichter hinnehmen, der Gelegenheitsmacherei beschuldigt zu werden. Sie wisse aber, es könne nur zu ihrem Schaden und Verderben führen. Darauf hin habe die Trina kurz erwidert, sie wolle ihr nicht mehr lästig fallen, und richtig sei sie in den letzten Tagen ausgeblieben. Andere aber hätten sie in Wind und Wetter mit dem Sammtenen am Rhein entlang spazieren sehen, und es sei daher keine Möglichkeit, ihr mit irgend einer Freundeswarnung beizukommen.

Das Ding betrübte und verdroß mich sehr. Ich überlegte mehrere Tage, ob ich nicht irgend einen Vorwand vom Zaun brechen und mit der angebotenen »guten Freundschaft« Ernst machen sollte. Aber die Rolle eines Spielverderbers, Denuncianten und Moralpredigers war mir denn doch zu widerwärtig, abgesehen davon, daß nicht die geringste Aussicht auf Erfolg vorhanden war. Ein kategorischer Imperativ – dessen Existenz und Begriff mir überhaupt, ein so eifriger Kantianer ich war, stets problematisch geblieben – wollte sich in der ganzen Angelegenheit nicht vernehmen lassen. Und da ich überdies mit einer tragischen Liebesgeschichte, die mich viel näher anging, alle Hände voll zu thun hatte – meine arme Francesca sollte eben vom Leben zum Tode gebracht werden –, so verblaßte das Bild des Mädchens mit den meergrünen Augen und dem Hang zum Unbekannten nach und nach völlig in mir. Der Winter wurde auch so streng, daß viele Wochen vergingen, ehe ich wieder zu einem Spaziergang nach Blittersdorf Lust bekam, so daß das schwarzäugige Settchen mir nicht wieder über Nachtschwärmereien den Text zu lesen hatte.

Bis gegen Ende Februar die ersten Veilchen kamen und mit ihnen alle eingefrornen Landstreichergelüste wieder aufthauten. Da fiel es mir eines Nachmittags schwer aufs Herz, daß ich mich um Gretchen so lange nicht bekümmert hatte, als ob sie ein auf Goldgrund gemaltes Bild im Dom zu Köln wäre, – Bilder, für die ich es immer nur zu einer mühsamen Hochachtung hatte bringen können.

Also fuhr ich in meine festesten Stiefel und trat eilig auf der durchweichten Straße längs dem Rhein den Weg nach Blittersdorf an.

Ich weiß nicht, wie es kam, ich habe diesen Weg nie machen können, ohne in allen Sinnen erfrischt und bis auf den Grund der Seele froh und hell zu werden. Und nun vollends an einem der schönsten Vorfrühlingstage, der mit seinem jugendlichen Vogelschlag und den schüchternen ersten Knospen und Blumen den hartnäckigsten Weltschmerzler bezwungen hätte.

Desto unerfreulicher wurde meine Stimmung gedämpft, als ich Gretchen's Haus erreichte und noch auf hundert Schritte entfernt der Lärm, das Singen und Toben eines richtigen Commerses aus den offenen Fenstern des oberen Saales mir entgegenschlug.

Ich wußte sofort, daß ich heute von meiner Freundin nicht Viel haben würde. Sie hatte bei solchen Gelegenheiten keinen freien Augenblick, da sie alle übrigen dienstbaren Geister im Auge behalten mußte, um jedem Unfug zu steuern.

Gleichwohl mochte ich nicht wieder umkehren, ehe ich sie gesehen und ihr bewiesen, daß ich weder untreu noch todt sei.

Sie begrüßte mich mit ihrer alten gleichmüthigen Freundlichkeit und ließ mir nicht einmal Zeit, eine Erklärung meines langen Winterschlafes vorzubringen.

Sie kommen gerade recht, rief sie mir zu, mit den Augen zugleich eine Anzahl Flaschen musternd, die eben aus dem Keller herausgebracht wurden. Die Trina ist hier, in einem Zustande, der mir gar nicht gefällt. Ich fürchte, sie hat was Verzweifeltes vor; aber obwohl sie mir sonst Alles sagt, heute hab' ich das Eis nicht brechen können. Mit ihrer Liebesgeschichte scheint es ein schlimmes Ende genommen zu haben, auf welche Art, das will sie eben nicht sagen. Gehen Sie doch einmal zu ihr – Nummer Fünf, drüben am Ende des Corridors – Sie wissen ja – wo Sie selbst einmal übernachtet haben – da hab' ich sie einstweilen untergebracht – möglichst weit von dem Lärm – sie will absolut nicht wieder zu der Tante – Gott mag wissen, warum. – Noch zehn Flaschen Rothen zur Bowle! commandirte sie ihrem Kellermeister, einem sechzehnjährigen Burschen, der mit einer grünen Schürze und hohen Vatermördern höchst erwachsen auszusehen suchte und in seine Herrin bis über die Ohren verliebt war. Wo bleibt der Champagner, Franz? – Sie verzeihen! – Wenn man nicht selbst nach Allem sieht –

Ich zuckte die Achseln und machte mich, auf eine bessere Stunde von ihr vertröstet, auf den Weg nach Nummer Fünf.

Auf mein Klopfen rief eine rauhe, tiefe Stimme, die mir ganz fremd klang, »Herein!« Auch die Gestalt, die, als ich eintrat, am Fenster saß und das Gesicht nur wenig zu mir hindrehte, erkannte ich im ersten Augenblick kaum wieder. Es dämmerte schon stark, aus dem Ofen glühten mir die rothen Kohlen entgegen, die eine dumpfe, schwere Luft verbreiteten, während draußen vor dem Fenster die silberne Helle des Februarhimmels stand und von dem fernen Siebengebirge lichte Schneestreifen in der Abendsonne herüberschimmerten. Desto unheimlicher zeichnete sich die Silhouette der regungslosen schwarzen Gestalt am Fenster gegen die hellen Scheiben und die weiße Gardine ab. Das Profil kam mir gestreckter und hagerer vor, als an jenem Ballabend, die schöne Fülle des Wuchses schien in dem dunklen Kleide geschwunden zu sein, und ganz sonderbar leuchteten die hellen Augen aus dem dunklen Gesicht, während die Zähne und Lippen, auch wenn sie sprach, sich kaum mehr zu öffnen schienen.

Ich suchte, so gut es gehen wollte, zu verbergen, daß mir die Sache nicht geheuer war, und begrüßte sie in einem möglichst leichten Ton, als wenn wir uns erst gestern gesehen hätten.

Spielen Sie doch keine Komödie mit mir, unterbrach sie mich, und ihre Stimme, die wie eingerostet klang, wurde erst nach und nach geschmeidiger. Ich weiß ja doch, daß Gretchen Sie zu mir schickt, um mir Gesellschaft zu leisten und zuzusehen, ob ich nicht etwa aus dem Fenster springe und in den Rhein laufe. Nun, wenn Sie nichts Besseres zu thun wissen, so kommen Sie nur. Wir können uns noch eine Viertelstunde unterhalten. Vielleicht sind Sie inzwischen aus dem »Ding an sich« ein bischen klüger geworden, als damals. Aber lassen wir das lieber. Es ist das Dümmste, was man thun kann, wenn man klug werden will aus der Welt und den Menschen. Ich – nein, obwohl auch Gretchen mich so angesehen hat, als wäre es nicht ganz richtig mit mir, – ich bin nicht so verrückt, mir noch auf irgend was einen Vers machen zu wollen. Haben Sie Ihr Trauerspiel vielleicht bei sich? Das könnten Sie mir jetzt vorlesen. Man schläft besser darauf, wenn es auch Andern schlecht gegangen ist. Uebrigens setzen Sie sich doch – ich freue mich wirklich, Sie noch einmal zu sehen – ich dacht immer, Sie würden mich in Godesberg bei der Tante besuchen – freilich, was hätte es genützt? Es wäre doch Alles so gekommen.

Trotz meiner noch sehr grünen Seelenkunde war es mir doch auf der Stelle klar, daß das Herz der Aermsten, so eigensinnig es sein Geheimniß hütete, bis zum Ueberlaufen voll war.

Liebes Fräulein Trina, sagte ich, ehe ich mir einen Stuhl zu Ihnen ans Fenster rücke, muß ich Sie bitten, einen Augenblick die frische Luft von draußen hereinzulassen. Sie haben hier eine so schlagrührige Temperatur –

Mich friert! murmelte sie, indem sie sich fester in ein schwarzes Tüchlein wickelte.

Ich zweifle gar nicht daran; im Fieber pflegt man zu frieren. Aber da Sie doch noch bei klarem Bewußtsein sind, sollten Sie überlegen, ob es Ihnen lieb ist, wenn bei dem, was Sie vorhaben, die Absicht so offen zu Tage kommt. Ihnen selbst mag es am Ende einerlei sein. Aber da sie doch einen Vater haben, den Sie nicht unnöthig betrüben wollen –

Ich verstehe Sie nicht! Eine Absicht? Wer hat Ihnen –

Sie sah mich fast feindselig an. Ich fuhr fort, den Gleichmüthigen zu spielen.

Versuchen Sie doch nicht, mir auszureden, was ich mit diesen meinen Augen sehen und mit Händen greifen kann. Sie kommen in einer aufgeregten Stimmung hier an, lassen sich ein abgelegenes Zimmer geben, richten sich für die Nacht hier ein, heizen, trotz der milden Frühlingsluft, den Ofen bis zum Zerspringen – der Kohlenbehälter ist wie für eine Locomotive gefüllt – die Nacht ist lang – wenn man Sie am Morgen wecken will und nicht damit zu Stande kommt, – nun, so ist alles mit natürlichen Dingen zugegangen, vorausgesetzt, daß Sie sich am Abend vorher vernünftig aufgeführt haben, – was leider nicht so ganz der Fall ist.

Sie fuhr in die Höhe. Wer hat Ihnen gesagt –

Meine liebe Freundin, unterbrach ich sie, indem ich eine ihrer kalten Hände ergriff, Sie wissen, ich gebe mich damit ab, Trauerspiele zu schreiben. Daher weiß ich so ziemlich, wie eine Heldin sich im fünften Act zu benehmen pflegt. Seien sie unbesorgt, ich predige Ihnen heute nicht wieder. Lieber Himmel, ich würde ja gegen meinen eigenen Vortheil handeln, wenn ich tragische Schicksale in ihrer consequenten Entwicklung störte. Kohlendampf ist nun zwar nicht gerade bühnenmäßig, aber in Ermangelung von Gift und Dolch –

Sie spotten noch! Sie können mit einem unseligen, gottverlassenen Wesen –

Davor sei Gott! sagte ich sehr nachdrücklich. Ich meine es vollkommen ernst und gewiß herzlich gut mit Ihnen, so jung unsere Bekanntschaft auch ist. Wenn Sie wirklich einen vollwichtigen Grund haben, diese Welt zu verlassen – ich habe kein Recht, Ihre That zu verdammen, und weiß wahrlich nicht, ob ich mir herausnehmen dürfte, Sie um jeden Preis zurückzuhalten. Zwar bin ich so ziemlich überzeugt, daß Sie dadurch aus dem Ding an sich nicht klüger werden, nicht hinter den bewußten Bretterzaun schielen werden, mit dem unser Horizont eingeplankt ist. Aber das ist Ihre Sache. Nur, wenn sie so was Schauderhaftes wirklich unternehmen, müssen Sie erst ganz klar darüber sein, ob Sie auch Ihren Zweck damit erreichen.

Meinen Zweck?

Ich weiß nicht, ob Sie einmal einen gewissen Landprediger von Wakefield gelesen haben, oder auch nur in einer Anthologie die schöne Strophe daraus:

The only art her guilt to cover,
To hide her shame from every eye,
To give repentance toher lover
And wring his bosom – is to die!

– eine Strophe, die vielleicht nicht ganz so wahr als schön ist, Fräulein Trina, in Ihrem Falle aber vollends –

Sie war, während ich die Worte recitirte, in fieberhafter Unruhe durch das Zimmer gegangen. Nun stand sie auf einmal mir gegenüber still, sah mich mit einem flammenden Blicke an und sagte: Ich weiß nicht, wer Sie sind und wofür ich Sie nehmen soll. Sind Sie ein Engel oder ein Teufel? Wissen Sie um meine geheimsten Gedanken und haben Ihre Höllenfreude daran, sie mir ins Gesicht zu schleudern, um mich in meiner Verzweiflung zu bestärken, oder haben Sie wirklich ein menschliches Gefühl für mich und bilden sich nur thörichter Weise ein, daß mir noch geholfen werden könnte? – O ich weiß es – Sie sind mit Gretchen im Einverständniß – es war ein Wahnsinn, daß ich mich gerade in dieses Haus geflüchtet habe – Aber es ist ja noch Zeit, ich kann ja noch immer –

Sie griff plötzlich nach ihrem Hut und Mantel, die auf dem Bette lagen.

Fräulein Trina, sagte ich, als ob ich ihre Absicht gar nicht bemerkte, lassen Sie uns nur ein kurzes, ruhiges Wort mit einander reden. Hernach – wenn das keinen Eindruck auf Sie macht – entferne ich mich, und Sie mögen thun, was Sie nicht lassen können; auch Gretchen wird Sie nicht hindern, zumal in dieser Nacht. Hören Sie nicht, wie drüben das Gaudeamus gebrüllt wird? Sehen Sie, das Leben geht seinen vergnügten und halbbetrunkenen Gang fort, ohne sich um eine stille Todescandidatin zu kümmern. Aber beantworten Sie nur eine einzige Frage: sind Sie ganz sicher, daß Derjenige, der Ihnen das Athmen im rosigen Licht verleidet, auch nur fünf Minuten lang eine fatale Empfindung, geschweige so was wie nagende Reue fühlen wird, wenn er hört, unter Gretchen's Dach sei eine junge Fremde aus dem Ahrthale über Nacht durch Kohlendampf verunglückt?

Sie war auf das Sopha gesunken und hatte die Hände vor das Gesicht gepreßt. Ich öffnete, ohne ihre Erlaubniß abzuwarten, einen Fensterflügel und setzte mich dann neben sie. Nun zog sie die Hände von den Augen weg, sah mich zum ersten Mal mit einem vollen Blick an und sagte mit dem Tone leidenschaftlicher Hoffnungslosigkeit:

Nein! Gewiß nicht! Woher kennen Sie ihn so gut? Er wird nur eine Last vom Herzen haben, und auch nicht einmal eine so schwere. O woher kennt ihn denn noch ein Mensch so gut wie ich? Aber das ist auch gleichgültig. Leben kann ich darum doch nicht – glauben Sie mir, ich kann – ich darf nicht leben – ich mache sonst noch Jemand unglücklich, und Einen, der es wahrlich nicht um mich verdient hat. – O wenn ich Ihnen Alles sagen könnte –!

Warum können Sie nicht, liebe Trina? Denken Sie nur an den Ballabend, wo wir nach den ersten fünf Minuten mit einander so vertraut plauderten wie alte Bekannte. Seitdem habe ich oft gedacht, ob Sie vielleicht einen Freund brauchen könnten, – ich wußte Sie aber in einem Verhältniß, das mich ferne hielt. Wenn Sie nun frei sind, liebe Trina, und jetzt einen ganz uneigennützigen brüderlichen Freund nicht verschmähen –

Sie antwortete nicht. Es war wieder eine Erstarrung über sie gekommen, wie ich es schon damals von Zeit zu Zeit mitten im Gespräch an ihr beobachtet hatte. Ich fing an zu fürchten, daß all mein guter Wille zu spät komme, daß die Aermste in der That ihr Leben unheilbar zerrüttet, Frieden und – Ehre verscherzt habe.

Aber als ob sie diesen Verdacht aus meinem Verstummen heraushörte, sagte sie plötzlich: Sie haben Recht, ich will Ihnen Alles sagen, da Sie doch schon so viel wissen, – und damit Sie mich nicht falsch beurtheilen. Sie werden mir dann zugeben müssen, daß es das Beste und Heilsamste ist, sich aus dem Staube zu machen. Feige soll es sein? Nun meinetwegen! Ich habe freilich nicht den Muth, gute, redliche Menschen, die es treu mit mir meinen, zu betrügen, und dahin würde es doch kommen, früher oder später, und dann hätt' ich erst recht Ursache, mich zu verachten, mich meiner verrückten Natur zu schämen, für die ich doch nichts kann.

Nun erzählte sie mir ihre Liebesgeschichte, an der nicht viel Besonderes war, nicht viel mehr, als man sich, wenn man die Personen kannte, mit eigener Phantasie schon allein zusammendichten konnte. Es war eben das alte Lied von der unheimlichen Macht einer kalten Seele über eine warme, des Geheimnisses über die Neugier, oder wie Gretchen gesagt hatte, der Klapperschlange über den Vogel.

Das Besondere daran war nur die Art, wie mir die Geschichte vorgetragen wurde: für einen angehenden Dramatiker eine unschätzbare Studie. Welchen Reichthum das Wörterbuch der rheinischen Mundart an ehrenrührigen Bezeichnungen weiblicher Schwäche, Thorheit, Kopflosigkeit besitzt, lernte ich da zum ersten Mal, und ich bedaure nur, daß ich all die Spottnamen, die das arme Wesen sich selber gab, während sie die Geschichte ihrer verliebten Verblendung mir ganz unumwunden beichtete, in den fünfundzwanzig Jahren seit jener Nacht wieder vergessen habe. Ihre Wangen glühten dabei, ihre Augen funkelten – ich hatte nicht geglaubt, daß grüne Augen so dunkle Blitze sprühen könnten.

Dabei kam der »Sammtene« immer noch besser weg, als sie selbst. Sie schien es fast in der Ordnung zu finden, daß ein schlauer Schurke mit einem Mädel nicht sehr gewissenhaft umging, das eine so einfältige Gans war, ihm zu trauen. Füchse sind Füchse und eine Gans eine Gans. War sie nicht auch gewarnt worden, sogar von Gretchen? Hätte sie sich nicht näher erkundigen können, ehe sie diesen beau ténébreux, dem all seine jungen Kameraden spinnefeind waren, für einen Märtyrer, einen verkappten, verkannten und verbannten Helden hielt?

Seit wann sie mit ihm vertrauter geworden, wie es in der ersten Zeit zwischen ihnen zugegangen war, darüber kam ich nicht völlig ins Klare. Sie setzte alles Historische voraus und war nur ausführlich in der Schilderung ihres Gemüthszustandes. Auf einer Wanderung im Ahrthal hatte er ihre Bekanntschaft gemacht, so viel erfuhr ich. Er schien sich ein paar Ferienwochen dort herumgetrieben und seine Zeit gut benützt zu haben. Um seinetwillen war sie dann nach Godesberg zu ihrer Frau Pathe gegangen, und da hatte das heimliche Einverständniß sich fortgesponnen, mit allem heftigen, qualvoll lockenden, unheimlich berauschenden Reiz einer Liebe, die ihrer selbst nie völlig gewiß ist. Von seiner Herkunft, seinen Verhältnissen, seinem früheren Leben hatte er nie gesprochen, desto öfter von seiner »Mission«, über die er ebenfalls jede deutlichere Auskunft verweigerte. Er war unglücklich, vielleicht unheilbar. Wenn noch ein Stern der Hoffnung über seinem düsteren Leben aufgehen könne, so sei dies nur die Hingebung eines großen und starken Weiberherzens. – Und mit diesem verbrauchten Köder hatte er den armen Fisch gefangen.

Das einzige Gute, was sie ihm nachzusagen wußte – und sie that es wiederholt mit lebhaftem Nachdruck – war, daß er sie sehr respectvoll behandelt und nie versucht habe, ihre Sinne in Aufruhr zu bringen. Nur beim Kommen und Gehen habe er ihr die Hand geküßt, sie aber dabei angesehen, als ob zwei Feuerflammen aus seinen Augen hervorzüngelten. Ich konnte ihm das nicht hoch anrechnen. Vielleicht war er selbst dem schönen, ernsthaften Geschöpf gegenüber kühl und ungerührt geblieben. Vielleicht bezwang er aus überlegener Berechnung seine Gelüste, weil er fürchtete, an Nimbus in ihren Augen zu verlieren, ihren Glauben an sein Unglück und seine »Mission« zu erschüttern, wenn er sich in der Rolle eines gewöhnlichen Liebhabers zeigte. Und die Katastrophe schien diese Meinung zu bestätigen.

So war es Monate lang zwischen ihnen beim Alten geblieben. Sie gestand mir mit flammender Beschämung, daß sie drauf und dran gewesen sei, da er immer noch nicht aus seiner überlegenen Zurückhaltung herausging, ihm einen Schritt entgegen zu thun, ihm geradezu vorzuschlagen, daß er sie entführen möchte. Ihr Vater schrieb einen Brief über den anderen, sie solle heimkommen, er könne sie nicht länger entbehren, auch dürfe sie der Tante nicht über Gebühr zur Last fallen. Aber wenn sie getrennt seien – das fühlte sie mit bitterer Schärfe –, werde er sie alsbald vergessen. Sie hatte ihm fast täglich geschrieben, die überspanntesten Leidenschaftsbekenntnisse, an die sie nicht denken durfte, ohne daß die heiße Schmach ihr fast das Herz erstickte. Von ihm besaß sie nur ein paar nichtssagende Zettel, da er behauptete, seine Correspondenz werde von der Polizei überwacht, er müsse sogar mit verstellter Hand schreiben und sich hüten, irgend etwas von sich zu geben, was späterhin ihn oder Menschen, mit denen er umgegangen, compromittiren könne.

Und so sei es gekommen, daß sie sich endlich fest vorgenommen, bei der nächsten Zusammenkunft va banque zu spielen. Er habe mehr als einmal von der Möglichkeit gesprochen, daß er ein großes Opfer ihr zumuthen müßte, wenn er plötzlich abberufen würde. Was sie bei einer solchen Entscheidung zu thun gedenke? Sie habe ihm erwidert, sie sei zwar noch nicht mündig, aber im Nothfall werde sie es zu erreichen wissen, daß der Banquier, bei dem ihr kleines mütterliches Vermögen deponirt sei, ihr auf ihr ehrliches Gesicht eine hinlängliche Summe auszahlen würde, um damit eine Weile vor Noth geschützt zu sein, wenn er sie als Gehülfin bei seiner »Mission« brauchen wolle oder sonst des Geldes bedürfe. Er hatte dazu genickt und das Thema fallen lassen. Nun wollte sie ihm vorschlagen, da er mehrfach angedeutet, seines Bleibens in Bonn werde nicht lange mehr sein können, mit ihr zu entfliehen, sie nach England zu bringen und dort zu seinem Weibe zu machen. Sie gestand mir, daß die Ungeduld, endlich klarer zu sehen und in die bewußte »Mission« eingeweiht zu werden, die Hauptschuld an diesem wahnwitzigen Vorsatz getragen habe.

In dieser Stimmung erwartete sie seine nächste Botschaft wegen ihrer heimlichen Zusammenkunft, die zur Nachtzeit an einem sicheren Ort am Fuße des Höhenzuges stattzufinden pflegte. Sie konnte, sobald alle Hausgenossen schliefen, durch die Gartenthür ihres Hauses ins Freie entkommen, ohne daß Jemand darum wußte. Er pflegte hernach in einem kleinen Wirthshaus die Nacht zuzubringen, wenn er sie wieder zu ihrem Garten zurückbegleitet hatte.

Vorgestern nun, spät Abends – sie habe schon den ganzen Tag ein schweres Herz gehabt, als ob ihr Schicksal sich nun entscheiden solle – auch sei es der Tag gewesen, an dem sie sonst gewöhnlich mit ihrem Liebsten zusammengekommen, – da sei auf einmal die Frau Pathe von einem schweren Herzkrampf befallen worden, einem Uebel, woran sie schon früher gelitten, nie aber in solcher Heftigkeit. Wie nun die Trina mit Hülfe des Sohnes die Stöhnende und wie im Todeskampf sich Mühende eben zu Bett gebracht und, bis der Arzt herbeigeholt, alle bereiten Hausmittel angewendet habe, sei sie hinausgerufen worden, da ein Knabe ein Billet an sie abzugeben habe. Sie habe schon zu wissen geglaubt, was es enthielt: das bekannte, zwischen ihnen verabredete Motto aus Schiller's Tell in der verstellten Schrift des Sammtenen, das sie auf eine Stunde später an ihren gewohnten Versteck berief. Der Junge sei schon wieder auf dem Sprunge gewesen, zu gehen; sie aber, nachdem sie den Brief geöffnet, habe zu ihrem größten Schreck gesehen, daß mehr als sonst darin stand: die kurze, fast gebieterische Aufforderung, nun ihre Gelöbnisse wahr zu machen; es sei möglich, daß noch in dieser Nacht der Entschluß von ihr gefaßt werden müsse, auf der Stelle mit ihm zu fliehen, wenn sie ihn überhaupt mit ihren Liebesschwüren nicht betrogen habe. Sie möge sich mit allen ihr irgend erreichbaren Mitteln zur Reise versehen, es sei Gefahr im Verzuge. Wenn sie nicht kommen könne oder wolle, bedürfe es keiner Antwort. Er wisse, daß von ihrem Geschlecht nur in seltenster Ausnahme eine hochherzige That zu erwarten sei, und da er mit dem Leben für sich selbst abgeschlossen, sei es ihm nur für die heilige Sache leid, der er diene, wenn er sich wieder einmal in einem Menschen getäuscht haben sollte.

Nun stellen Sie sich vor, sagte sie und ballte dabei eine ihrer bleichen Hände gegen die Stirn, – wie es in diesem armen Kopf aussah, als ich das gelesen hatte. Ich glaubte natürlich jede Silbe, und fast wollte ich aufjauchzen, daß es endlich so weit gekommen sei. Aber daß ich in diesem Augenblicke das Haus, das mich so lange beherbergt, die gute Frau, die mich wie ihr eigen Kind liebte, so zwischen Tod und Leben schwebend nicht verlassen durfte, stand mir gleichwohl über jeden Zweifel, über jede Versuchung fest. Ich warf ein paar hastige Zeilen auf dasselbe Blatt: er solle und müsse sich bis morgen gedulden; sobald die Gefahr vorüber, würde ich ihm Nachricht geben, er möge dann über mich und Alles, was mein sei, unumschränkt gebieten. Das siegelte ich mit zitternden Händen ein, während die Kranke nebenan röchelte, gab es dem vertrauten Knaben und eilte, selbst mehr todt als lebendig, wieder an das Bett meiner armen Pflegemutter. Der Doctor war inzwischen gekommen, machte ein bedenkliches Gesicht, da der Anfall mit unerhörter Hartnäckigkeit anhielt, verordnete die kräftigsten Mittel, die ihm zu Gebote standen, und versprach in einer Stunde wiederzukommen. Nun saß ich an diesem Schmerzenslager und mußte, da mein guter Vetter den Kopf verloren hatte, den meinen doppelt zusammennehmen, alles Vorgeschriebene pünktlich auszuführen. Dazwischen die Seelenkämpfe um sein Schicksal, die brennende Sehnsucht, ihm zu helfen, von ihm nicht verkannt und seiner hohen Sendung unebenbürtig gehalten zu werden, die unerträglich stachelnde Begierde, endlich ins Klare zu kommen und zu wissen, was werden sollte. Sie finden das vielleicht sehr weibisch; ich habe freilich keine Philosophie studirt. Aber ich glaube, selbst ein Mann in ähnlicher Lage wäre fast aus den Fugen gegangen, und Ihr großer Kant, von dessen Buch über die Macht des Gemüthes, sich zu beherrschen, Sie ein so groß Wesen gemacht, ist gewiß dann und wann von widerstreitenden Gefühlen hin- und hergezerrt worden, wie arme Sünder früher von vier Pferden zerrissen wurden.

Dann wurde es besser bei der Tante. Der Krampf ging vorüber, das Bewußtsein stellte sich wieder ein, Hände und Füße bekamen ihre natürliche Wärme. Als um eilf Uhr der Doctor nachsah, konnte er uns eine ruhige Nacht versprechen. Wie ich da aufathmete, ich arme Närrin! Ich sträubte mich erst ein wenig, als mein Vetter mir zuredete, mich nun schlafen zu legen, ich sei ganz kreideweiß im Gesicht und hätte Hände wie Eis; ich müsse durchaus auf den Schrecken Ruhe haben und auch die Magd solle zu Bett gehen, er allein wolle bei der Mama wachen, die ja kaum noch eines Wärters bedürfe. Erst als die Kranke selbst mich wegschickte, gab ich nach. Ich war aber kaum auf meinem Zimmer, als ich in fliegender Hast Alles zurecht machte, was für eine nächtliche Flucht nöthig schien. Eine nicht unbedeutende Summe hatte ich schon vor einer Woche für alle Fälle erhoben, unter einem recht scheinbaren Vorwande, als wollte ich meinem Vater damit bei einem kleinen Weinbergskauf zu Hülfe kommen. Und so war ich endlich gestiefelt und gespornt und trug unterm Mantel ein kleines Täschchen mit dem Unentbehrlichsten, und wie Alles ganz still im Haus geworden war – ich hörte die Magd in ihrer Kammer schnarchen –, schlüpfte ich mit laut klopfendem Herzen die Treppe hinunter und durch den Garten, in die weite Welt, – wie ich glaubte: auf Nimmerwiederkehren.

Er hatte mein Billet bekommen, er wußte also, daß er mich an dem gewöhnlichen Ort, wo wir uns trafen, nicht erwarten durfte. Wahrscheinlich war er also gleich in die Stadt zurück, und ich war fest entschlossen, ihn dort aufzusuchen, in seiner Wohnung, so spät es war, so dunkel und unheimlich der weite Weg. Eine Närrin meinesgleichen pflegt nichts halb zu thun. Wenn sie den Verstand verliert, verliert sie ihn ganz, und auch alle Mädchenscheu, alle Sorge um ihren guten Ruf dazu. Und was konnte mir auch jetzt noch daran liegen? Ich wollte ja mit ihm über Land und Meer. Warum sollte ich ihm nicht in die Stadt nachlaufen?

Aber so vorsichtig war ich doch noch, erst in dem Godesberger Wirthshaus nachzusehen, ob er da nicht geblieben wäre. Wenn nun die Bonner Polizei ihm nachstellte und er darum so plötzlich beschlossen hätte, das Weite zu suchen? Dann hätten mich am Ende die Gensdarmen aufgefangen, wenn ich an seiner Stadtwohnung angeklopft hätte.

Also machte ich mich auf den Weg nach dem Wirthshaus. Sie entsinnen sich vielleicht nicht mehr, was wir für eine Nacht hatten vorgestern. Sie saßen wohl in der warmen Stube und dichteten an ihrem Trauerspiel oder studirten über das Ding an sich. Es war als ob der Winter zu guter Letzt noch einmal losbrechen und den ganzen Rest von Schnee- und Eisstürmen herunterschütten wollte. Mir aber war das eben recht. Theils weil ich nun keiner Menschenseele begegnete, theils auch, weil mir's immer wahrscheinlicher wurde, er werde die Nacht nicht wieder in die Stadt zurückgekehrt sein. Ich lief, daß mir in all dem Unwetter die Backen brannten. In meiner albernen Gutmüthigkeit jauchzte ich förmlich, daß nun noch Nichts verloren sei; – was lag an dem Aufschub von ein paar Stunden? Wenn ich plötzlich vor ihm stünde und sagte: Hier bin ich! Du sollst nicht umsonst dein Vertrauen auf mich gesetzt haben. Ein hochherziges Weib wenigstens lebt, das deiner hohen Sendung zu dienen werth ist! – oh, ich möchte mich in den Erdboden hineinschämen, wenn mir wieder einfällt, mit welch herrlichen Gefühlen ich dummes Ding durch die Schneelachen patschte und mir fast die Schwindsucht an den Hals jagte!

Sie schwieg einen Augenblick, ein nervöses Zucken überlief sie, dann versuchte sie zu lachen und eine gleichgültige Miene anzunehmen, die ihr schönes Gesicht unglaublich, bis zur Unkenntlichkeit entstellte.

Was nun kommt, fuhr sie dann fort, und ihre Brust arbeitete sichtbar, nicht wahr, ich brauch' es nicht zu erzählen? Sie haben es schon selbst errathen – wofür sind Sie Dichter? – Und haben Sie ihn nicht durchschaut, lange ehe mir die Schuppen von den Augen fielen?

Ich schüttelte den Kopf.

Sagen Sie mir nur Alles, liebes Fräulein. Es bleibt unter uns.

(Damals schrieb ich noch keine Novellen.)

Nun denn, wenn es sein muß! – Auch ist's ja einerlei – ich bin die Erste nicht, nicht wahr? Also komme ich an das Wirthshaus, Sie kennen es gewiß, alle Studenten kennen es, es dient ja so ein hübsches Mädchen da, eine kleine, schwarzhaarige, freche Person, die das Haus bei allen anständigen Godesbergern in Verruf gebracht hat. Die Tante hätte keinen Fuß hinein gesetzt; aber jungen Leuten ist so was gerade recht. Ja, Sie mögen es mir glauben oder nicht: daß er nur einen Blick für das Geschöpf übrig habe, hätte ich so wenig für möglich gehalten, als daß sich der Beethoven in Bonn von seinem Postament rühren könnte. Und mir war's nur einen Augenblick fatal, daß ich am Ende dieser Person begegnen und sie nach ihm fragen müßte. Aber das ging nun in Einem hin. Wie ich ans Haus kam und unten in der Trinkstube noch helle Fenster sah, es mochte zwischen eilf und zwölf sein, war ich heilfroh; ich brauchte also nicht erst die Leut' aus dem Schlaf zu wecken. Und so flieg' ich die glitschigen Stufen hinan, und erst in dem dunklen Flur, um nur zu Athem zu kommen, bleib' ich stehen und schüttle mir den Schnee vom Mantel. Da hör' ich drinnen eine helle, ausgelassene Mädchenstimme das Studentenlied singen: »Was kommt dort von der Höh',« eine, zwei, drei Strophen, und nach jeder Strophe lacht eine Mannsstimme dazwischen und – ich muß nun auch das sagen – es klang, wie ein derber Kuß, o, es war eine lustige Komödie: Singen, Lachen, Küssen, immer ganz regelmäßig hintereinander. Wenn mir nur die Männerstimme nicht so seltsam vorgekommen wäre, bekannt und doch wieder nicht. Der, an den sie mich erinnerte, den hatte ich nie lachen hören, und vollends in solcher Gesellschaft – nein, ich bat ihm im Herzen ab, daß ich einen so frevelhaften Gedanken fassen konnte, aber ich mußte wissen, wo er war, ich konnte nicht in alle Ewigkeit Schildwache stehen in dem eiskalten Hausflur, ich hustete erst ein paar Mal und stampfte mit den Füßen, damit die drinnen merkten, es sei noch Jemand da, dann klopfte ich an und klinkte die Thür auf, und wie ich nur einen Blick hineingethan hatte, ich glaube, ich habe laut aufgeschrieen vor Schrecken und Empörung, im nächsten Augenblick hatte ich die Thüre wieder zugeworfen, daß der Hausflur dröhnte, und war die Treppe hinuntergerannt, in den Schneesturm hinaus, halb wahnsinnig und halb todt.

Er hatte drinnen am Tisch gesessen, es waren sonst keine Gäste mehr da, im Winkel am Ofen nickte die alte Wirthin, ihre große Katze auf dem Schooß, auf seinem aber saß die verrufene Person, und er hatte den Arm um ihre Taille gelegt, und wenn sie mit einem Verse fertig war, – nun, Sie wissen ja jetzt Alles.

Und um Den hatte ich all das ausgestanden, um Den all das thun wollen, mein ganzes Leben ihm an den Hals werfen, meinem guten Papa vielleicht das Herz brechen, bei allen rechtschaffenen Menschen ein Schimpfname werden, um Den, um so Einen!

Mein erster Gedanke war: Du gehst in den Rhein. Das überlebst du nicht. Du kannst der Sonne, wenn sie morgen kommt, nicht ins Gesicht sehen. Und ich glaube, ich hätte es auch gethan, und jedenfalls wär's das Klügste gewesen, und jetzt wär's überstanden.

Aber so gut sollt' ich's nicht haben. Auf einmal – ich glaube, ich hatte fünf Minuten wie geistesabwesend auf einen Fleck gestarrt und nichts mehr gesehen und gehört – Trina! hör' ich neben mir flüstern, bist du's? Bist du's wirklich? – Da aber, und wenn ich scheintodt im Sarg gelegen hätte, die Stimme hätte mich wieder zu mir selbst gebracht. Ich fuhr auf und ging mit starken Schritten, den Kragen meines Mantels dicht um den Kopf geschlagen, ohne mich nach Dem umzusehen, der mich bei Namen gerufen, den nächsten Weg fort, der wieder nach Hause führte. Ich hatte die Augen nur so weit offen, um zu sehen, wo ich ging. Aber wenn ich ihn auch nicht sah, hören mußte ich doch, was er sagte, so fest ich mir die Ohren vermummte. Er hat so eine gewisse Schlangen-Beredsamkeit, wenn es ihm darum zu thun ist. Schon früher zuweilen, wenn wir einmal verschiedener Meinung waren, konnte er die schönsten Reden halten, die aus Schwarz Weiß machten und einen Engel vom Himmel in die Hölle geschwatzt hätten. Damit versuchte er's auch jetzt. Ich glaube gar, er hatte die Stirne, mich dafür verantwortlich zu machen, daß ich ihn in so sauberer Gesellschaft angetroffen. Er wollte mir einreden, die Verzweiflung an mir, an allem Hohen und Heiligen, habe ihn in diesen wilden Humor gehetzt. Jedes Weib sei ihm in dieser Laune als eine Dirne vorgekommen und er sich als ein Narr, daß er Wein, Weib und Gesang sein Lebelang verachtet habe. Nur kurz vor seinem Tode, – denn von mir verrathen, habe er das Leben nicht länger ertragen wollen, das Gift, das er immer bei sich getragen, habe ihm das letzte Glas würzen und er in den Armen des elenden Geschöpfs sein verlorenes Dasein aushauchen wollen, – kurz, ein ganzer Schwall der abgefeimtesten Lügen, und dazwischen Liebesbetheuerungen, Vorwürfe, Seufzer und Wuthausbrüche, und ich immer mit demselben Schritt stumm und steinern neben ihm hineilend, und der Schneewind, der uns die Gesichter peitschte, ein schönes Paar, nicht wahr? und ein schöner Anfang einer Hochzeitsreise für zwei Liebesleute, die dem Segen ihrer Eltern nichts nachfragen, weil sie selbst Segen die Hülle und Fülle haben.

Und endlich stand ich vor der Gartenthür hinterm Haus der Tante und zog, ohne eine Silbe zu sprechen, den Schlüssel aus der Tasche.

Da veränderte er plötzlich seinen Ton. War er vorher heftig und leise gewesen sowohl im Zorn, als wenn er Liebe zu heucheln suchte, so wurde er auf einmal ganz kalt und hart.

Du scheinst entschlossen zu sein, mit mir zu brechen. Ich mag noch immer nicht glauben, daß du einfältig genug sein könntest, um eine solche Lumperei Alles zu vergessen, was ich dir bisher gewesen bin. Solltest du aber wirklich über Nacht nicht zur Besinnung kommen und einsehen, daß große Menschen anders zu beurtheilen sind, als das Dutzendpack der Philister, so werde auch ich handeln, wie dir nicht lieb wäre. Vergiß nicht, daß ich deine Briefe in Händen habe, mit denen ich vor aller Welt dich unauslöschlich blamiren kann, sobald du mich reizest. Und hiermit wünsche ich Ihnen eine wohlzuschlafende Nacht, gnädiges Fräulein!

Damit ließ er mich stehen. Nun erst schien ich mir, was Sie mich vorher genannt, eine Todescandidatin, die durch Nichts in der Welt mehr zu retten sei. Oder werden Sie mir zutrauen, mich an ein Leben zu gewöhnen, wo Tag für Tag dies schauerliche Gespenst mich angrinst: meine Schande, meine Verblendung für einen so nichtswürdigen Menschen etwa im Feuilleton der »Bonner Zeitung« mit den Anfangsbuchstaben meines Namens als Roman verarbeitet zu finden?

Sie war bei diesen Worten aufgesprungen und nach dem eisernen Ofen hingeeilt, um ein paar frische Schaufeln Kohlen auf die erlöschende Glut zu schütten. Ich hatte nur unarticulirte Laute der Empörung gegen den sammtenen Schuft aus der Kehle bringen können. Eben wollte ich ihr zu beweisen versuchen, ein solcher Kerl sei allerdings nicht der Mühe werth, daß ein solches Mädchen um ihn ihr Leben wegwerfe, und die Strophe aus dem Vicar of Wakefield finde auf ihren Fall nicht die geringste Anwendung, da kam sie wieder ans Fenster zurück, wo ich ihr gegenüber gesessen hatte, und sagte:

Hab ich Sie noch nicht genug ennuyirt mit meiner dummen Geschichte? Sie sind wirklich ein guter Mensch, daß Sie so still halten, ja überhaupt, es giebt noch gute Menschen, und das eben ist das Schlimmste dabei. Wenn die Welt nur mit Lügnern, Heuchlern und Seelenverkäufern bevölkert wäre, wie er einer ist, so könnte ich's ganz gut noch eine Weile darin aushalten. Vor wem brauchte ich mich dann zu schämen? Der bewußte Roman in der »Bonner Zeitung« wäre dann die Geschichte jedes armen dummen Mädchens und so alltäglich, daß der Verfasser für seine »Geschichte in Briefen« schwerlich Leser fände. Aber eben daß es noch redliche Seelen giebt, – o Sie wissen das Aergste noch nicht, was am folgenden Morgen vorfiel, – richtig, es war ja der heutige Morgen – mein Gott, man wird so verwirrt über die Zeit, wenn man schon an Nichts denkt, als an die Ewigkeit!

Heute Morgen, Fräulein Trina? Hätte dieser Halunke gewagt, am helllichten Tage sich vor Ihnen blicken zu lassen?

Er? O nein, dazu ist er viel zu schlau, er will mir ja auch Zeit lassen, zur Besinnung zu kommen. Inzwischen mag er sich damit unterhalten, die »Bekenntnisse einer armen Seele« ins Reine zu schreiben und eine pikante Einleitung dazu zu verfassen. Aber wie ich nach einer Nacht, die ich nicht zu überleben dachte, endlich gegen Morgen eine Stunde eingeschlafen war, weckt mich die Magd, ich solle mich flink anziehen und zur Tante hinunterkommen, sie sei wieder ganz wohl und habe Besuch bekommen, ein Herr mit einem Kinde, und eh ich noch fragen konnte, wie er heiße, wurde nach der Walpurg schon wieder geklingelt.

Sie werden mir wohl glauben, daß ich nicht viel Zeit brauchte, um Toilette zu machen. Ich hatte in den Spiegel gesehen und gefunden, daß man eben so gut einen Todtenkopf frisiren könne, wie mich. Auch war mir Alles so gleichgültig, die Menschen und ihre gute Meinung; ein Stück Eis fühlte ich, wo ich sonst mein Herz gehabt hatte, mein albernes, hitziges, neugieriges gutes Herz. Das würde nie wieder aufthauen, nie wieder sein eigenes Klopfen fühlen, dacht' ich.

Und doch, wie ich bei der Tante eintrete, – und das Erste, was ich sehe, ist ein kleines Kindergesicht, hinter einer großen Kaffeetasse zur Hälfte versteckt, die braunen dicken Haare gerade von der Sonne angeschienen, daß sie ordentlich leuchteten, und dann die zwei großen verwunderten Augen auf mich geheftet, wie auf ein Gespenst, – plötzlich zuckte mir's in der linken Brust wie beim Eisstoß der erste Ruck, und doch erkannte ich den kleinen Jungen erst nicht, und es war nur der bittere Jammer darüber, daß ich auch einmal mit solchen Augen in eine große Tasse und auf ein großes Stück Kuchen geblickt hatte und jetzt in eine bodenlose Finsterniß, ohne jeden Strahl von Glück und Hoffnung.

Den Vater dieses Kindes erkannte ich natürlich auf der Stelle. Es war kein Anderer, als mein alter Jugendgespiele und Bewerber, ich habe Ihnen ja davon erzählt gleich am ersten Abend. Sonst war es mir eher unlieb gewesen, ihm zu begegnen, da ich ja wußte, er wollte mir wohler, als ich erwidern konnte, und das ist mir immer peinlich gewesen, fast wie Schuldenmachen. Aber nun erst an diesem Morgen! Wo er so gut und brav und ahnungslos mir entgegenkam, mir die Hand reichte, wie in alter Zeit vor seiner Verheirathung, und seinen Knaben aufstehen und mir auch eine Patschhand geben hieß. Ich meinte, der Fußboden müßte unter mir einbrechen, so zog mein Herz, der schmelzende Eisklumpen darin, mich hinab. Auch bemerkte er gleich, wie übel ich aussah, und fragte mit der herzlichsten Manier nach meinem Befinden. Sie hat den Schrecken, den ich ihr gestern Abend gemacht, noch in den Gliedern! sagte die gute Tante. Sie glauben nicht, was es für ein treues Kind ist. Ein Schatz von einem Pflegetöchterchen! – und streichelte mir dabei das Gesicht, daß mir's vor Scham und bösem Gewissen bis in die Haare hinauf brannte. Und so setzte ich mich, um nur meine tödtliche Verwirrung zu verbergen, neben den Knaben und fing an, während die Anderen von Geschäften sprachen, auch mein Vetter war dabei, ganz heimlich mit dem Kinde zu plaudern, das nun seinen Kuchen aufgegessen hatte und unter all den Großen ein wenig Langeweile empfand.

Haben Sie Kinder gerne? Ich bin immer eine Kindernärrin gewesen. Vielleicht nur, weil man nicht weiß, was für ein großer Mensch in so einem kleinen steckt. Und dieser kleine Junge, Franz heißt er, wie sein Vater, und er sieht ihm ganz ähnlich, aber ist doch wieder ein Mensch für sich, dieselben gutmüthigen Augen, aber wie es mir vorkam, viel schöner, und dabei ein bischen traurig, als suchten sie immer um sich her, wo denn die Mutter sei, – kurz, ich wurde ordentlich verliebt in das liebe Gesicht, und hätt' ich mich nicht geschämt, ich hätte das Kind auf meinen Schooß genommen und immerfort geküßt. Aber ich saß nur stille neben ihm und sah es an und erzählte ihm allerlei, wobei es groß aufhorchte und Fragen that; man kann sich kein herzigeres Närrchen denken. Und auf einmal mußt' ich dazwischen denken, daß ich auch einmal ein so unschuldiges gutes Ding gewesen war, halb lustig, halb nachdenklich um mich geschaut hatte und nicht gewußt, wie schlecht die Menschen sind, und da schoß mir meine heimliche Schande so heiß gegens Herz, daß ich fühlte, ich könne mich nicht länger beherrschen, und stand plötzlich auf und ging mit einer einfältigen Entschuldigung aus dem Zimmer, um mich in meinem Stübchen aufs Bett zu setzen und zu weinen, was ich nur konnte.

Auf einmal hör' ich die Tante die Treppe heraufkommen. Ich hatte kaum die Zeit, mir die Augen zu trocknen, zum Glück ist sie schwachsichtig und merkte Nichts an mir, wie sie hereinkam, außer daß noch nicht aufgeräumt war. Sogar das Täschchen, das ich für die Flucht gepackt hatte, lag noch auf dem Stuhl. Sie hatte aber viel zu wichtige Sachen im Kopf, um sich weiter umzusehen, und fing gleich ohne Vorrede an: ob ich mir nicht denken könne, wem der Besuch unsers alten Freundes und Nachbarn gelte? Er habe sie, die Tante, nur vorausgeschickt, ein gutes Wort für ihn zu sprechen. Seit er sich damals den Korb von mir geholt, sei viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen, ich hätte Zeit gehabt, mir's zu überlegen, was ein guter, redlicher und treuer Mann werth sei, und von seiner Treue könne er kein besseres Zeugniß geben, als daß er jetzt nach sechs Jahren wieder anklopfe, er habe mich immer im Herzen getragen seitdem, und so fort. Wie ich da erschrak!

Das hatte nur noch gefehlt. Tante, rief ich, ums Himmelswillen, reden Sie es ihm aus, ich kann, ich darf nicht, er kennt mich nicht, wie ich bin, ich bin das unglückseligste Mädchen, das die Sonne bescheint. Ei was! sagte da die gute Frau, du bist nur ein bischen überspannt. Aber das wird sich geben, und was du sonst noch sagen möchtest, das sag ihm selbst! Und damit öffnete sie die Thür, und er selbst stand an der Schwelle und fragte ganz schüchtern, ob er eintreten dürfe. Wie sollt' ich ihm noch ausweichen? Und da hat er wohl eine Stunde neben mir gesessen, die Tante ließ uns allein, und Alles immer wieder gesagt, was ich ja schon wußte, daß er ohne mich kein Glück auf Erden finden könne, und sein Knabe würde mutterlos bleiben, wenn ich wieder Nein und immer Nein sagte, denn ein zweites Mal wolle er einem Weibe nicht seine Hand geben ohne sein Herz. Und da er ja gesehen, daß ich seinen kleinen Franz lieb haben könne, und er sei wahrlich ein gutes Kind und nur ein wenig verschüchtert durch die Einsamkeit, und da das Kind selbst eine ganz merkwürdige Zuneigung zu mir gefaßt und, seit ich aus dem Zimmer gegangen, beständig gefragt habe, ob die liebe Tante Trina denn nicht wieder komme, so hoffe er zuversichtlich, auch mich glücklich machen zu können, wenn auch nicht wie ich es vielleicht verdiente, aber doch mehr, als ich es jetzt zu sein schiene, da er wohl gemerkt, daß ich Kummer hätte und nicht bloß die ausgestandene Angst um die Frau Pathe mir noch nachginge.

Sie können sich denken, wie mir dabei zu Muthe war. Die Lippen zerbiß ich mir fast und hatte alle Mühe, daß ich nicht laut losweinte, wie eine von Gott verlassene arme Seele. Nie hatte er mir so zu Herzen gesprochen, wie heute; es war noch immer derselbe Mensch, den ich zu gut zu kennen glaubte, um mir noch irgend was aus ihm zu machen, und er sagte auch Nichts, was mir apart oder interessant vorkam. Aber wenn ich seine Worte und sein Wesen verglich mit dem, was ich gestern Nacht erlebt und gehört hatte, – Sie glauben nicht, wie er dabei gewann, mit der bloßen schlichten Bravheit, gegenüber der abscheulichen Verlogenheit des Menschen, für den ich Alles hatte thun wollen! Da erst sagte ich mir: am Ende ist das Einfachste, die bloße Liebe und Treue eines redlichen Herzens, das Allerunergründlichste, und das berühmte »Ding an sich« besteht vielleicht in dem, was alle Welt zu kennen meint und doch Niemand auskennt.

Sie lächeln? Ich habe vielleicht recht was Verkehrtes gesagt, aber gleichviel, mein Kopf ist nicht darnach, jetzt noch mich mit Ihrer Philosophie zu plagen. Denn was half alle Erkenntniß und Einsicht? War es nicht jetzt viel zu spät? Hätte ich mich zu Allem, was ich zu bereuen hatte, meine kindische Verblendung, meine kopflose Neugier, jetzt noch fortreißen lassen sollen, diesen guten Menschen, der mich so sehr überschätzte, zu betrügen mit meinem Jawort, ihm statt der Frau, die er auf Händen zu tragen versprach, eine unselige Romanfigur ins Haus zu bringen, die beständig davor zittern mußte, daß sie ihm Schimpf und Schande machte, sobald es einem Nichtswürdigen einfiel, sie an den Pranger zu stellen?

Als ich immer noch schwieg, fragte er mit bewegter Stimme: ob ein Anderer ihm im Wege stehe? ob mein Herz nicht mehr frei sei? Ich antwortete mit einer Heftigkeit, die ihm erst recht sonderbar vorkommen mußte: Nein! ich liebte Niemand. Ich hätte überhaupt noch Niemand geliebt! Das konnt' ich mit voller Wahrheit sagen. Denn in der entsetzlichen Nacht hatte ich mein Herz geprüft und ganz klar eingesehen, daß ich vor dem Betrüger immer mehr Grauen und heimlichen Widerwillen gefühlt hatte, als wirkliche Zuneigung, daß ich mich in sein Geheimniß, sein dunkles Schicksal, seine »Mission« verliebt hatte, und nicht in ihn, und wenn ich ihm überschwängliche Briefe schrieb, war es mehr, um mir selbst einzureden, ich fühlte wirklich eine Leidenschaft für ihn. Als mir dann die Augen aufgingen, war's nicht das verrathene Herz, das aufschrie, sondern der Abscheu über seine Schlechtigkeit, der wüthende Aerger über meine Beschämung, und so wäre es mir eher wie eine Erlösung gewesen, hätte ich nur nicht gewußt, daß ich in der Hand dieses schändlichen Verräthers war.

Genug davon! Man muß essen, was man sich gekocht hat. Der gute, warmherzige Mensch, wie er mich dauerte, als er so traurig abzog und noch auf der Schwelle sagte: Ich habe kaum noch Hoffnung, liebe Trina, daß Sie Ihren Sinn ändern werden. Aber bis morgen bleibe ich hier. Wenn Sie mir morgen früh keine Botschaft schicken, nehme ich meinen Jungen und fahre direkt wieder nach Hause und muß dann zusehen, wie ich damit fertig werde, ihm Vater und Mutter zu sein.

Das waren seine letzten Worte. Gleich darauf verließ er das Haus, er war in demselben Wirthshaus abgestiegen, wo ich – den Andern die Nacht zuvor getroffen hatte, und dann kam gleich die Tante, ganz roth vor Eifer und Unzufriedenheit, und hielt mir eine lange Predigt, und ich hätte ihr hundertmal zurufen mögen: Sie ereifern sich umsonst; ich bin ja ganz derselben Meinung, nur schafft das alles gewisse Dinge nicht aus der Welt, und wenn ich bisher nur dumm und lächerlich war, will ich jetzt nicht noch schlecht und verächtlich werden.

Nachmittags sagt' ich ihr, ich wolle hieher nach Blittersdorf, mich mit Gretchen berathen. Die respectirt sie sehr und war fest überzeugt, sie würde mir zum Guten zureden. Ich habe aber, seit ich hier bin, mit Gretchen nicht zehn Worte gesprochen; wozu auch? Mit Reden ist nichts mehr gethan. Wenn Sie es mir nicht über den Kopf weggenommen und mich eine Todescandidatin genannt hätten, wäre mir diese ganze lange Beichte nicht über die Lippen gekommen. Versuchen Sie nur ja nicht, mir's ausreden zu wollen, oder gar mit dem, was ich Ihnen mitgetheilt, – ich weiß selbst nicht, wie ich es übers Herz brachte, Mißbrauch zu treiben, um mir die Andern auf den Hals zu hetzen, daß sie mich wie eine unzurechnungsfähige Person in eine Zwangsjacke stecken. Das, was Ihnen vielleicht als ein Wahnsinn vorkommt, ist mein heiliger Ernst, und keine Macht der Welt wird mich davon abbringen! – –

Ich stand hastig auf und griff nach meinem Hut. Was ich ihr antworten wollte, hatte ich mir im Stillen längst zurechtgelegt und that meinen Spruch mit ganz treuherziger Miene.

Fräulein Trina, sagt' ich, geben Sie mir die Hand. Ich danke Ihnen für Ihr Vertraue n und werde mich dessen würdig machen. Ich verehre Sie sehr, Sie sind ein Charakter, das ist ein größeres Lob, als wenn ich Sie eine Philosophin nennen würde. Das Letztere könnt' ich kaum mit gutem Gewissen thun, denn von dem Ding an sich haben Sie noch immer einen einigermaßen confusen Begriff, trotz Ihrer schönen idealistischen Anlagen. Ich würde mich gern erbieten, Ihnen ein paar Semester lang Vorlesungen über die Transcendental-Philosophie zu halten, aber Sie haben ja die Zeit nicht dazu! Sie wollen fort; ich ehre Ihre Gründe, ohne sie ganz triftig zu finden. In solchen Fragen behält eben die subjective Empfindung das letzte Wort. Nur um Eins möchte ich Sie bitten: warten Sie noch vierundzwanzig Stunden. Lassen Sie Ihren Bewerber erst ruhig abreisen, damit er nicht glaubt, er sei die, wenngleich unschuldige, Veranlassung zu Ihrem jähen Entschluß. Es würde ihn, so gutherzig wie Sie ihn mir geschildert, sein Lebtag nicht wieder froh werden lassen. Ueberhaupt, Fräulein Trina, vermeiden Sie das Aergerniß, wenn es irgend geht. Sie sind es auch Ihrem Papa schuldig, der sich Vorwürfe machen wird, Ihnen einen solchen Schritt nicht vielleicht erspart zu haben, wenn er Sie anders erzogen hätte. Muß es denn gerade Kohlendampf sein? Meine medicinischen Freunde behaupten, es gebe viel sanftere Todesarten. Ich werde mich darüber näher erkundigen und bringe Ihnen morgen früh Bescheid. Die eine Nacht können Sie doch noch überleben: das Ding an sich, hinter das Sie zu kommen wünschen, läuft Ihnen ja nicht weg. Wollen Sie mir also Ihr Ehrenwort darauf geben? Ich würde das von keinem andern Mädchen verlangen, aber ein »Charakter«, wie Sie einer sind –

Sie hatte mir, während ich sprach, gespannt ins Gesicht gesehen, ob ich es ernst meinte. Ich ertrug diesen Blick mit der Ruhe eines hartgesottenen Intriganten.

Sie mögen Recht haben, sagte sie endlich. Gut denn! Vierundzwanzig Stunden. Aber bilden Sie sich nur nicht ein, aufgeschoben sei aufgehoben. Und wenn Sie ein Wort von dem, was ich Ihnen anvertraut, über die Lippen bringen –

– so möge Ihr letzter Hauch mir mein Urtheil sprechen. Bis dahin auf Leben und Tod Ihr Freund und Bundesgenosse. Morgen früh hören Sie von mir.

Ich schüttelte ihr herzlich die Hand, die sich immer noch kalt und feucht anfühlte, empfahl ihr, Gretchen gegenüber eine möglichst heitere Miene zu machen, und verließ das Zimmer.

Der Commers war noch in vollem Gange. Ich kam aber ungesehen an der offenen Thür vorbei, aus der mir die berühmte Ballade vom »Wirthshaus an der Lahn« einladend entgegenscholl, und nahm mir unten nur so viel Zeit, Gretchen nicht Mehr zu sagen, als sie wissen mußte, um unsere arme Freundin richtig zu behandeln. Das Beste wäre, wenn man sie bewegen könnte, unter dem Vorwande, der Commerslärm werde sie nicht schlafen lassen, ihr Bett diese Nacht mit Gretchen oder deren Schwester zu theilen. Ich hätte freilich ihr Ehrenwort, daß sie noch vierundzwanzig Stunden in dieser Welt der Erscheinungen sich gedulden wolle. Aber so ehrenrührig dies Geständniß klingen möge, auf ein Mädchen-Ehrenwort allein möchte ich mich nicht verlassen.

Wohin wollen Sie noch so spät? fragte die junge Hausherrin, als ich mich hastig von ihr verabschiedete.

Etwas thun, was ich in meinem ganzen langen Leben noch nicht gethan habe: ein bischen Vorsehung spielen. Geben Sie mir Ihren Segen mit auf den Weg, Gretchen; ich kann ihn brauchen.

Sie sah mir mit großen Augen nach. Ich aber schritt ganz munter und getrost meine Straße, und zwar auf einem Umwege, damit auch Gretchen nicht wissen sollte, daß ich nach Godesberg ging und nicht nach Bonn zurück. Es war etwa neun Uhr, die Luft still und kalt wie in Frühlingsnächten, wenn die harte Erdrinde, die über Tag an den Sonnenstrahlen ein wenig zu thauen begann, sich wieder zusammenzieht und Winterdünste ausathmet. Mir war aber sehr vergnügt zu Muth; ich ahnte eine glückliche Lösung und war stolz darauf, das Virtuosenstück zu Stande zu bringen, noch im vierten Act der Tragödie eine Lustspielwendung zu geben, die alle Welt befriedigen sollte.

Ich sah schon die ersten Häuser von Godesberg, als mir erst einfiel, daß ich mitspielen wollte, ohne von einer der Hauptpersonen den Namen zu wissen. Das machte mir aber Nichts. Ich kannte das Wirthshaus, wo ich diesen Innominato zu suchen hatte, und da er sich schwerlich gleich seinem Rivalen, dem Sammtenen, für die Absage der Einen im Arm der Andern trösten würde, durfte ich nur eben jene Andere nach ihm befragen, die mir heute zum ersten Mal interessant vorkam, da sie mitgeholfen hatte, den Mann mit dem großen Schmerz und der hohen Sendung als einen schnöden Heuchler zu entlarven.

»Der Herr mit dem Knaben? Oben in Nummer Acht. Er hat noch Licht auf dem Zimmer, hat sich sein Nachtessen hinaufbringen lassen und ein Tintenfaß, um Briefe zu schreiben. Soll ich Ihnen hinaufleuchten?«

Ich verbat mir die Begleitung. Das Mädchen, das ich nie hatte reizend finden können, schien mir heute trotz des Dankes, den ich ihr schuldig geworden, vollends widerwärtig, und ich begriff, wie tief meine philosophische Freundin durch die Entdeckung hatte beleidigt werden müssen, daß man sich durch solch ein Geschöpf für ihre hochherzige Liebe hatte entschädigen wollen.

Nun stand ich aber vor Nummer Acht, und ich glaube mich zu entsinnen, daß mir, so rasch ich mich entschlossen hatte, Vorsehung zu spielen, jetzt, da es ernst werden sollte, vor meiner Gottähnlichkeit doch ein wenig bange wurde. Das Herzklopfen aber, mit welchem ich mit meiner Mission bei dem Fremden eintrat, beruhigte sich sofort, als ich den ersten Blick in sein Gesicht gethan hatte.

Es war ein so gutes, offenes, Vertrauen erweckendes Gesicht! Allerdings keine geheimnißvolle Märtyrerstirne mit den Spuren einer Dornenkrone, keine interessante Blässe, keine schmerzgerümpfte Lippe, kein umflorter Blick: ein schlichter, männlich kraftvoller Kopf mit derbem Bart und gesundem Roth auf den Wangen, dazu eine breitbrüstige Gestalt, die fest auf ihren Füßen stand, Alles in Allem ein Freier, dem wohl kein Mädchenauge abhold sein konnte, wenn es sich nicht eigensinnig in helldunkle Geheimnisse und in die Kehrseite der Natur vertieft hatte.

Auch der Name klang wahrlich besser als der des Andern. »Trina Rattenberg« – wie viel hübscher nahm sich aus Trina – Aber ich werde mich hüten, den Namen, den ich richtig von der Schenkenmagd erfahren, hier mit allen Buchstaben auszuschreiben. Der Träger desselben, der hoffentlich sich noch des Lebens erfreut, würde mir's schlechten Dank wissen.

Er hatte am Tisch gesessen und Briefe geschrieben, eine schöne, etwas kaufmännische Hand. Im Hintergrunde standen zwei Betten, in dem einen lag ein Knabe, von dem ich beim Eintritt nur den dichten Lockenkopf sah. Als wir ein wenig lebhafter ins Gespräch gekommen waren und nicht mehr flüsterten, wachte das Bübchen einmal auf und richtete zwei der schönsten, dunkelsten Kinderaugen auf mich, die ich je gesehen. Ich begriff nun wohl, daß ein Mädchen schon blos um des Knaben willen seinem Vater gut werden konnte. Dann legte sich der Kleine, da der Vater ihm zuredete, gehorsam auf die andere Seite und wachte nicht wieder auf.

Ich werde nichts davon sagen, auf welche Art ich mich meiner diplomatischen Sendung entledigte; nur daß es dabei nicht viel kunstreicher zuging, als bei der Sendung des Klosterbruders an den Tempelherrn, darf ich nicht verschweigen. Es wäre auch wahrlich nicht am Platz gewesen, diesem wackeren Manne gegenüber Umschweife und Winkelzüge zu machen, zumal nur die größte Offenheit es ihm erklären konnte, wie gerade ich, ein wildfremder Studiosus der Philosophie, dazu gekommen war, das Seelsorger- und Mittleramt in diesem wunderlichen Handel zu übernehmen.

Als wir uns gegen Mitternacht trennten, schüttelten wir uns wie alte Freunde die Hände. Auf seinem treuherzigen Gesicht, das zuerst eine schmerzliche Stille und Trübe verschleiert hatte, leuchtete alle frohe Hoffnung einer treuverliebten Seele. Ich küßte dem schlafenden Knaben zur Gutenacht das rothe Mündchen und verließ das verwais'te Paar, um mir gleichfalls unter diesem Dach ein Nachtlager zu suchen.

War es das gute Gewissen, das Bewußtsein meiner rettenden That, das mich so tief einlullte, war's der schwere Rüdesheimer, den mein neuer Freund nach den ersten tröstlichen Eröffnungen hatte kommen lassen, genug, ich schlug die Augen am andern Morgen erst auf, als die Sonne schon hoch überm Rhein stand. Erschrocken über meine Verschlafenheit fuhr ich in die Kleider und suchte die verfängliche Schöne wieder auf, mich nach dem Herrn in Nummer Acht zu erkundigen, nachdem ich seine Thür verschlossen gefunden hatte.

Er sei schon in aller Herrgottsfrühe mit dem Knaben auf und davon und, wie sie glaube, nicht nach der Stadt, sondern nach dem Rhein hinunter.

Also nach Blittersdorf! Aber wir hatten doch ausgemacht, daß es zweckmäßiger sein würde, erst in Bonn nach dem Rechten zu sehen, ehe er von Neuem –

Nun, wer weiß, was ihm über Nacht für Gedanken gekommen sind! Jedenfalls war's seine Sache; ich konnte meine Hände in Unschuld waschen. Und doch verdroß es mich ein wenig, daß ich jetzt nicht wußte, was vorging.

Um es kurz zu sagen: von mir selbst war der Gedanke ausgegangen, daß er sich mit dem Sammtenen in Rapport setzen und ihn unschädlich machen müsse. Er war auch gleich darauf eingegangen, fragte mich, ob ich sein Secundant sein wolle, er könne sich freilich, da er nie gepaukt, nur auf Pistolen einlassen. Ich war zu Allem bereit gewesen, und die frische und freudige Art, mit der sich dieser nicht gerade zum Heldenthum erzogene Weinbergsbesitzer bei dem Handel benahm, gewann ihm meine ganze Hochachtung. Erst als Sieger wollte er dem geliebten Mädchen wieder vor die Augen treten. Wie konnte ich ein besseres Schlußtableau für unser Lustspiel wünschen? Und nun war er doch zuerst nach Blittersdorf, und zwar mit einem Wägelchen, wie der erste beste behagliche Spießbürger, und hatte sich wahrscheinlich geschämt, mir wieder zu begegnen, da ihm sein mannhafter Eroberungsplan über Nacht leid geworden war.

Habeat sibi! Oder, wie Freund Geibel zu fluchen pflegte: »Back di wat! Sela!« Ich beschloß nun meinerseits, mich passiv zu verhalten und die Entwicklung ruhig abzuwarten.

Also wanderte ich, ohne nach Blittersdorf hinüberzuschielen, auf der geraden Chaussee nach der Stadt zurück, in ziemlich gemischter Stimmung. Es war ein herrlicher Vorfrühlingsmorgen, die Welt sah so lustig aus den Augen, als gäb' es gar keine verwickelten Liebesgeschichten und angehende tragische Poeten, und so viel ich mir Mühe gab, die Schatten Paolo's und Francesca's heraufzubeschwören, sie verschwanden immer wieder vor zwei viel bürgerlicheren Figuren, die gar nicht zu Trauerspielen taugten.

Auf einmal sehe ich in der lachenden Morgensonne ein einspänniges Wägelchen daher kommen, ein einzelner Mann sitzt drin und lenkt das Pferd selbst, und mit der andern Hand schwenkt er, sobald man das Weiße im Auge unterscheiden konnte, seinen Hut und ruft etwas, das wie Hurrah! oder Victoria! klang, und da das Pferd lief, was es nur konnte, waren wir in weniger als fünf Secunden zu einander gekommen; ich stand still, das Pferd desgleichen, und der Mann, der es lenkte, sprang vom Kutschsitz herab und schüttelte mir mit strahlendem Gesicht die Hand.

Ich hatte fast Mühe, am hellen Tageslicht, noch dazu vom Glanz des Triumphes verklärt, meinen neuen Freund von gestern Nacht wiederzuerkennen. Er schien mir um zehn Jahre jünger.

Gewonnen! rief er, Alles schon abgemacht! Ich wollte eben zu Ihnen hinaus, es Ihnen mitzutheilen, eh' ich zu ihr ginge; ich dachte, du holst ihn ab, er soll's nur miterleben, nachdem er so freundschaftlich dabei mitgeholfen hat. Um so besser, daß ich Sie schon auf halbem Wege treffe. Stellen Sie sich nur vor, der Wicht, der armselige Bursch, der freilich keinen Schuß Pulver werth ist, wie ich zu ihm komme, liegt er natürlich noch im Bett, in einer Stube, wo es aussah, als ob die beiden Polen aus der Polackei darin gehaust hätten, kein Buch zu sehen, als der Faublas, ein zerrissenes Hemd, eine angebrochene Flasche Rum und ein Töpfchen Pomade auf dem Waschtisch, das Uebrige in ähnlichem Stil. Er begriff erst lange nicht, was ich von ihm wollte, sah mich mit seinen verglasten Augen so blöde und spukhaft an, daß ich mich immer fragen mußte: Ist er's denn wirklich? Der? Und das nennen sie »interessant«? Aber dabei wurde ich vor Aerger und Widerwillen immer hitziger und sagte ihm so hanebüchene Dinge ins Gesicht, daß er endlich wohl begreifen mußte, woran er mit mir war. Er blieb aber ganz gelassen, erklärte mir, über seine Privatangelegenheiten mit dritten Personen sei er sich allein Rechenschaft schuldig, eine Forderung würde er übrigens mit Vergnügen annehmen, wenn er nicht jeden Augenblick bereit sein müsse, abzureisen, sobald »höhere Rücksichten« es von ihm forderten. Seine Verhältnisse seien im Augenblick nicht ganz geordnet, übrigens wisse er nicht, was das Fräulein von ihm wolle? Ob er irgend bindende Versprechungen – – und so in diesem Stile fort, daß mir endlich vor Ekel die Galle überlief. Ich wußte aber als ein Geschäftsmann, der ich nun doch einmal bin, daß man immer besser fährt, wenn man niederträchtige Geschichten so lang als möglich mit Humor zu behandeln sucht. Also sagte ich scheinbar ganz cordial: Mein geehrter Herr, Sie scheinen mir ein Genie zu sein und mich für einen Philister zu halten, dem Sie nach Belieben etwas auf die Nase binden könnten. Ich will die Rolle, die Sie mir zuweisen, bestens acceptiren und nur sehen, mich und die junge Dame, um die sich handelt, auf eine ganz philisterhafte Manier vor weiteren Geniestreichen von Ihrer Seite zu schützen. Sie haben Briefe jener Dame in Händen, auf deren Besitz ich einen gewissen Werth lege. Da ich sehe, daß Sie abgeneigt sind, sich auf Tod und Leben um diese Briefe mit mir zu schlagen, und übrigens im Begriff stehen abzureisen und vielleicht zur »Ordnung Ihrer Verhältnisse« Geld brauchen, schlage ich Ihnen ein einfaches Kaufgeschäft vor. Sie sagen mir, was diese Briefe Ihnen werth sind, ich zahle Ihnen ohne zu markten die Summe aus, und wir trennen uns ohne weitere Umstände mit gegenseitiger Hochachtung. Sind Sie das zufrieden?

Nun hätten Sie ihn sehen sollen, wie sein Vergnügen, auf diese Weise aus der Affaire noch Profit zu ziehen, und seine Verlegenheit, sich so geradezu von einem Philister als ein gemeiner Schwindler entlarvt zu sehen, auf seinem erdfahlen Gesicht hin und her stritten. Zuletzt half ich ihm aus der Noth, legte eine recht respectable Summe in Kassenscheinen auf den Tisch und sagte: Ich wisse wohl, Genies verachteten das Geld, aber für eine hohe Sache lasse man sich ja auch im Nothfall zu einer Verleugnung seiner Wünsche und Ueberzeugungen herab, und somit bäte ich ihn, die Summe einstweilen anzunehmen, unter der Form eines Darlehens, wenn er es nicht anders thue. Finde er später Zeit, so könnten wir unseren Handel ja immer noch mit der Waffe in der Faust ausmachen und dabei aus diesen Thalerscheinen Pistolenpfropfen drehen.

Da endlich entschloß er sich, öffnete einen schmutzigen alten Nachtsack, der, wie es schien, seine sämmtliche fahrende Habe verbarg, und zog ein Päckchen heraus, das er mir einhändigte. Ich blätterte nur hinein, mich zu überzeugen, daß es ihre Handschrift war. Dann empfahl ich mich. Er begleitete mich in einem abgetragenen türkischen Schlafrock, den er bei meinem Eintritt umgeworfen, ganz chevaleresk bis auf den Flur hinaus und betheuerte noch beim Abschied, das Fräulein habe ihn durchaus verkannt, er verzichte aber darauf, sich in ihren Augen zu rechtfertigen, die Weltgeschichte werde sein Andenken dereinst zu Ehren bringen.

So kamen wir auseinander. Ich nahm die Ueberzeugung mit, daß das Gefährliche an diesem Menschen nur in seinem Sammtrock stecken könne. Im Négligé wenigstens hatte ich nichts davon gemerkt. Und hier – dabei schlug er auf seine aufgebauschte Brusttasche – hier ruht die Siegesbeute, die ich Glücklicher davongetragen habe, und jetzt steigen Sie nur gleich mit mir ein, Sie müssen mich zu ihr hinausbegleiten, wir Beide sind Ihnen zu viel schuldig geworden, als daß es uns nicht ein Herzensbedürfniß wäre –

Ich schüttelte den Kopf. Nachdem ich ihm gratulirt hatte, wie geschickt er es angefangen, seinen Gegner in den Augen der Geliebten zu demüthigen, tiefer und beschämender, als wenn er ihm eine Kugel durch die Brust gejagt hätte, schützte ich dringende Arbeit vor, um den Freund seinem Glücke ohne Zeugen entgegengehen zu lassen. Nur nach dem Knaben fragte ich noch. Den hatte er klugerweise am frühen Morgen, eh' er nach der Stadt fuhr, nach Blittersdorf gebracht und unter einem Vorwande bei Gretchen zurückgelassen. Er wußte, wenn er noch eines Brautwerbers bei seiner alten Flamme bedurfte, konnte er dies Amt keinem beredteren Fürsprecher übertragen, als diesen beiden Kinderaugen, die zu seinen Gunsten schon so viel erreicht hatten.

Und so trennten wir uns auf der Landstraße. Der Braune schien zu wittern, daß er einen der glücklichsten Sterblichen seinem schönsten Augenblick entgegentrug. Er wieherte in den hellen Tag hinein wie die Trompete vor dem Wagen eines Triumphators.

Mein bescheidener Antheil an diesem Siege ging mir den ganzen Tag überall nach. Dem schwarzäugigen Settchen blieb es nicht verborgen, daß etwas Besonderes mit mir vorgegangen sei. Im Stillen glaubte sie wohl gar, ich selbst hätte mich verlobt, und war in nicht geringer Aufregung darüber, daß ich auf alle Anspielungen, verschmitzte Neckereien und selbst unverblümte Fragen nicht die geringste Auskunft gab.

Ich wollte aber auch ihre Forschbegier nicht weiter auf die Folter spannen, lieber auf die abendliche Plauderstunde in Mutter Böschemeyer's Wittwenstüblein verzichten und hatte mir eben mein Studirlämpchen angezündet und mich an meine Arbeit gesetzt, als das blonde Drückchen athemlos die Treppe heraufgestürmt kam: unten stünden ein Herr und eine Dame und wünschten mich zu besuchen. Gleich darauf hörte ich Schritte heraufkommen und an meine Thür klopfen, und da waren sie es denn wirklich, das Brautpaar in eigener Person, nur um mir noch einmal die Hand zu drücken, da sie gleich am andern Morgen in ihr geliebtes Ahrthal zurückreisen wollten, zu Trina's Vater, an dessen Segen seiner Tochter jetzt um so mehr gelegen schien, je weniger sie an ihm zweifelte. Ich war leider auf einen so erlauchten Besuch nicht sonderlich vorbereitet, konnte nur eben die Pfeife in den Winkel stellen und nicht einmal den Schlafrock mit einem hochzeitlicheren Gewande vertauschen. Auch die Braut schien etwas beklommen, so zwischen dem Bräutigam und ihrem jungen Beichtvater. Sie saß auf meinem kleinen, harten Ledersopha und blätterte in dem Manuscript des bewußten Trauerspiels, sah aber dabei so hübsch und jung und durch die heimliche Rührung ordentlich verklärt aus, daß ich die schwärmerischen Blicke wohl begriff, mit denen der glückliche Zukünftige sie beständig betrachtete. In den schien mit dem Glück ein ganz neuer Geist gefahren zu sein. Er sprudelte über von lustigen Einfällen, Geschichten aus Trina's Kindheit und Plänen, wie er nun sein Leben einrichten wolle, daß ich den gleichmüthigen Geschäftsmann, als den ihn seine Braut früher geschildert, nicht in ihm wieder fand. Sie schien ähnliche Gedanken zu haben. Von Zeit zu Zeit sah sie ihm mit einem fast schüchternen Staunen ins Gesicht, als ob sie sagen wollte: Du kehrst ja Seiten heraus, die ich nie in dir gesucht hätte! Ist das nun die Liebe, die dich ordentlich interessant macht, oder interessirst du mich, seitdem ich dich liebgewonnen habe? Das Drückchen war hurtig weggelaufen, eine Flasche edlen Weins zu besorgen und drei Gläser. Da stießen wir herzlich auf das neue Leben an, das den Beiden tagen sollte. Ich wurde dringend zur Hochzeit eingeladen, was ich leider nicht annehmen konnte. Statt dessen mußten sie mir versprechen, mich einmal hören zu lassen, wie es ihnen ergehe. Und so nahmen wir endlich Abschied von einander; ich begleitete sie bis auf die Straße, wo ihr Wägelchen wartete. Meine drei Hausgenossinnen konnten nicht genug sagen, wie ihnen das Paar gefallen habe. Als ich aber jetzt erklären sollte, in welchem Verhältniß ich zu ihnen stünde, sagte ich nur, ich sei durch einen alten Königsberger Onkel, Namens Kant, weitläufig mit der Braut verwandt, und der Bräutigam, der ein Weinkenner sei, schätze mich, weil ich ihm einmal einen besonders reinen Wein eingeschenkt hätte.

So endete dieses Studentenabenteuer. Nur einmal noch wurde ich an meine Schülerin in der Philosophie erinnert, durch einen Brief, den sie mir nach Jahr und Tag schrieb, um mir die Geburt eines Mädchens anzuzeigen. Der Schluß aber lautete so:

»Ich habe jetzt alle Hände und auch das Herz so voll zu thun, daß ich natürlich nicht mehr zu nichtsnutzigen Grübeleien komme und meine alte Neugier, was etwa hinter den Dingen dieser Welt sein möchte, ganz verloren habe. Und wenn ich an Alles zurückdenke, wie es gekommen ist, will es mir scheinen, als wäre ich mit meiner jetzigen Gedankenlosigkeit doch gescheidter, als früher mit meinem Sinnen und Brüten, und das berühmte ›Ding an sich‹, dem ich damals so gern auf die Spur gekommen wäre, sei nichts Anderes, als was in der Bibel gemeint ist, wenn es dort heißt: die Liebe sei höher als alle Vernunft.«

Diese Schlußwendung, zu welcher »Onkel Kant« bedenklich den Kopf geschüttelt haben würde, bewies mir nun freilich, daß auch dieses ungewöhnlich philosophisch begabte Frauenzimmer von den transcendentalen Verstandesbegriffen keine Ahnung hatte, und daß mein Privatissimum ganz ohne Erfolg geblieben war. Aber was konnte ihr nun daran liegen? Das Wesentlichste hatte sie denn doch begriffen, und alle Kritik der reinen Vernunft hätte das Licht, daß ihr aufgegangen war, nicht heller anfachen können.

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