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Zwölf Erzählungen neuerer deutscher Dichter

Verschiedene Autoren: Zwölf Erzählungen neuerer deutscher Dichter - Kapitel 10
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
titleZwölf Erzählungen neuerer deutscher Dichter
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunVierte Auflage
editorJohannes Henningsen
year1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161220
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Ein Todesritt

Von Max von La Roche.

Mit Erlaubnis der Redaktion aus der Unterhaltungsbeilage Nr. 52 (1898) der »Täglichen Rundschau« entnommen.

 

Ein hochvornehm ausgestatteter Raum, in welchem wirres Durcheinander herrscht. Zwei schief aufgesteckte, verschieden lange Wachskerzen erhellen nur mäßig den weiten Saal; besser geschieht dieses durch einen auf dem persischen Teppich liegenden Tannenstamm, dessen Zapfende in den Marmorkamin hineinragt und dort in heller Glut lodert.

Funken sprühen und fallen; sie versengen die kostbaren Stoffe des Hausrats. Am Fenster hockt ein Soldat, welcher von Zeit zu Zeit den Baum weiter in die Flammen vorschiebt; will das Holz nicht gut brennen, so hilft er mit einem abgebrochenen vergoldeten Stuhlbein nach. Auf den Sofas liegen Schläfer; es sind Offiziere, gestiefelt und gespornt.

Pferdegetrappel ist öfter zu vernehmen. Eben schlägt die Bronzependule elf Uhr. Die Tür eines Nebenzimmers wird aufgerissen; ein höherer Offizier, der eine Generalstabskarte lose in der linken Hand hält, tritt ein. Es ist der Chef des Stabes; keine Spur von Müdigkeit ist an ihm zu entdecken.

Einer der ruhenden Offiziere erwacht, erhebt sich rasch und verneigt sich achtungsvoll vor seinem Vorgesetzten.

»Schön, lieber M., daß Sie bei der Hand sind! Sie müssen sofort reiten.«

»Eckert! Satteln! – Den Said, die Lise ist zu laut.«

Der Soldat erhob sich, machte ein klägliches Gesicht und ging.

Leiser sprach der Chef: »Der Gegner hat sich zwischen uns und unsere zweite Armee geschoben; die Meldungen bestätigen es übereinstimmend. General W. muß unter allen Umständen schon morgen mit uns gemeinsame Sache machen. Mit Gewalt ist nicht durchzukommen; einem einzelnen Reiter kann es gelingen.«

»Ich soll es versuchen?«

»Nein, nicht versuchen! Sie müssen es ausführen, denn das Schicksal der ganzen Armee hängt davon ab.«

»Zu Befehl, Herr Oberst! Darf ich gehorsamst bitten, mir das diktieren zu wollen, was ich zu melden habe; es kommt wohl auf den Wortlaut an.« Er hatte seine Brieftasche hervorgeholt und hielt den Stift in der Hand.

»Geht nicht.«

»Herr Oberst, die große Verantwortung –«

»Tragen Sie natürlich.«

Der Adjutant steckte die Brieftasche wieder ein.

»Was ich Ihnen sage, ist strengstes Geheimnis; niemand darf eingeweiht werden, sonst wird aller Erfolg aufs Spiel gesetzt. Also merken Sie genau!«

Im Flüsterton gab der Chef seine Weisung, dabei mit dem Zeigefinger auf die vom Kaminfeuer hell beleuchtete Karte deutend und die Kriegslage erläuternd.

»Haben Sie noch eine Frage zu tun, lieber M.?«

»Nein, Herr Oberst!«

»Halt! Keinerlei Papiere, die etwa dem Feinde von Nutzen sein könnten, dürfen Sie bei sich tragen – für alle Fälle.«

»Sehr wohl!«

»Und nun sehen Sie sich vor dem Wegreiten die Karte noch einmal genau an, denn draußen ist es stockfinster, und die höchste Eile ist geboten!«

Dann schüttelte der Oberst dem Hauptmann freundschaftlich die Hand und sagte: »Reiten Sie mit Gott!« Er ging in sein Zimmer zurück.

Der Adjutant holte aus seiner Brust- und Kartentasche verschiedene Papiere hervor, wickelte sie in einen Umschlag, trat zu einem der Ruhenden und sprach: »Fritz!«

»Ich habe alles gehört und gesehen. Gib her, ich verwahre es dir!« antwortete der Angerufene. »Leb' wohl, alter Freund – weißt du, um deinen Auftrag beneide ich dich – nicht!«

»Ich mich eigentlich auch nicht.« Er war ans Licht getreten und besah die Karte aufmerksam; dann öffnete er einen Fensterflügel und spähte in die Nacht hinaus.

»Wahrhaftig! Mein Pferd wird schon vorgeführt. Auf Wiedersehen!« Er eilte fort. Bald ertönte Hufschlag; dann wurde es wieder still.

Das Schloß im Park lag schon weit hinter dem Reiter; der letzte Lichtschimmer der erleuchteten Fenster war verschwunden. Nun passierte der Offizier ein Gehöft. Jetzt konnte er seitwärts des Weges die dunklen Umrisse lagernder Truppen erkennen. Auf dem weichen Wege griff der Wallach in schlankem Trabe brav aus. Schweres Novembergewölk bedeckte den Himmel; leiser Wind strich von rechts. Es war recht kühl.

Tiefe Finsternis herrschte; man konnte nicht auf drei Schritte sehen. Mit langen Zügeln überließ sich der Reiter der sicheren Führung seines Pferdes. Rasch flogen Roß und Reiter dahin.

Ab und zu wurde das Gewölk lichter; so kam man durch einen Wald, zum Glück auf gerader Bahn.

Zwölf Kilometer sind zurückgelegt, also ein Viertel des Weges! überlegte der Offizier. Jetzt Vorsicht!

Aus der Ferne erklang Geräusch. An der Einmündung des Pfades in eine Landstraße hielt er an und horchte.

Hufschlag auf hartem Wege war zu vernehmen; sechs bis zehn Pferde mochten es sein. Ohne Zögern lenkte der Adjutant sein Tier von der Straße; es verlor sofort den Boden unter den Füßen, sprang aber sicher ab, wohl auf eine tiefer liegende Wiese. Gebüsch war in der Nähe. Bald trabten, von der feindlichen Seite kommend, Reiter vorüber; aus rasch gesprochenen einzelnen Worten war sicher zu entnehmen, daß es Feinde seien. Der Wallach stand wie eine Mauer. Das letzte Geräusch ist verhallt. Der Offizier setzt seinen Weg in schnellerer Gangart fort, denn der Zeitverlust muß eingeholt werden.

Rechts und links vorwärts erscheint der Horizont leicht rötlich gefärbt. Es ist der Widerschein feindlicher Biwaksfeuer.

Da – plötzlich will das Pferd im Laufe anhalten; es bricht vorn zusammen und stürzt kopfüber in eine Vertiefung, den Reiter unter sich begrabend.

Die Straße war mittels eines drei Meter tiefen, mit senkrechten Rändern versehenen Grabens quer durchstochen. Bei der großen Dunkelheit war das niederträchtige Hindernis erst zu sehen gewesen, als es zu spät war. Das schwer verletzte Roß stöhnte laut.

Die scharfen Ecken des Grabens schützten den fast Begrabenen vor der Gefahr des Erdrücktwerdens. Mühsam arbeitete sich Herr von M. unter dem Pferd hervor und vermochte seitlich aus dem Graben zu klettern. Er fühlte nur Schmerzen in der Rippengegend, schien aber sonst unverletzt zu sein. Das Tier war verloren.

Aus der Ferne ertönte Stimmengewirr; der Vorfall war bei der nächtlichen Stille wohl gehört worden. – Die Wolken hatten sich etwas geteilt, es wurde heller.

Jetzt galoppierte ein Reiter heran; am Graben hielt er und spähte hinab.

»Vorwärts, hierher!« rief er seinen Leuten zu, die im Laufschritt heraneilten.

In diesem Augenblick wurde der linke Fuß des feindlichen Reiters von nervigen Fäusten aus dem Bügel gerissen, er selbst aber unmittelbar darauf aus dem Sattel geschleudert, so daß er an der rechten Seite seines Pferdes herunterglitt und niederstürzte.

Aber während der behende Hauptmann die Zügel des stutzenden Tieres ergriff, erhob der am Boden Liegende seinen Revolver und – lautlos ließ er ihn sinken, ächzend sank der Körper zurück. Die Klinge des Hauptmanns war ihm durch die Kehle gedrungen.

Eine Minute später jagte an den herbeikommenden Infanteristen ein Reiter vorüber, der ihnen zurief, sich zu beeilen. Angetan mit dem Mantel und der Kopfbedeckung des getöteten Gegners, gelang es dem verwegenen, der die Sprache des Feindes vollkommen beherrschte, beim ersten Tagesgrauen unangefochten durch die feindlichen Linien zu jagen und dann, die Richtung etwas ändernd, abermals feindliche Vorposten zu passieren, nun aber von hinten nach vorn.

Er hatte aber doch endlich Verdacht erregt, man setzte ihm nach. Konnte sich das erbeutete Pferd auch nicht mit dem armen Said messen, so war es doch immerhin ein etwas frischeres Tier. Umsichtig verließ er die Straße; bei jedem Hindernis lichtete sich die Schar seiner Verfolger. Wenige nur blieben ihm hart auf den Fersen. Man näherte sich dem Ziel.

Ein Rennen auf Tod und Leben begann. Der kühne Reiter beurteilte die Gegend so richtig, als ob er sich auf wohlbekanntem Gebiet bewege. Dort, an jener Geländewelle, mußte er wohl auf die Vorposten der zweiten Armee stoßen.

Die zu enge Kopfbedeckung war ihm längst entfallen; den Mantel abzuwerfen gelang ihm nicht. Drei seiner Gegner hatten ihn fast erreicht; zwei davon ritten ihm nahezu Seite an Seite. Mit der Klinge hieb er auf die Flanken des keuchenden Rappen. Brüllend drängten die anderen heran.

Drüben war man aufmerksam geworden; man hielt die Daherstürmenden für tollkühne Kundschafter. Eben erhielt der Hauptmann einen Säbelhieb von links, der flatternde Mantel machte den Streich unwirksam.

Da krachte aus einer unfernen Hecke eine Gewehrsalve. Drei Pferde stürzten mit ihren Reitern; der Hauptmann blieb aufrecht.

Laut rufend, gab er sich zu erkennen; dann bezeichnete ihm der herbeieilende Feldwachkommandeur die einzuschlagende Richtung. In mäßiger Gangart nahte er sich dem Ort.

Vor einer Gruppe von Offizieren sank er keuchend vom Pferd, gehalten von hilfsbereiten Armen.

Man flößte ihm rasch Stärkung ein; dann berichtete er stockend, mit leiser Stimme, aber klar. Nur der General hörte es; die anderen waren zurückgetreten.

Mühsam schloß von M. die Meldung; er war aschfahl geworden. Man rief nach Hilfe.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht öffnete der Tapfere die Augen. Er starrte ins Leere. Ein Seufzer – dann lag er tot auf dem Rasen.

Er hatte einen Schuß im Unterleib; zwei Rippen waren gebrochen.

In Verkleidung hatte er seinen Ritt zu Ende führen müssen, aber es war doch eine Heldentat.

So stirbt ein braver Soldat.

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