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Zwischen den Zielen

John Henry Mackay: Zwischen den Zielen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorJohn Henry Mackay
titleZwischen den Zielen
publisherBehrendt-Verlag, Karl M. Fraass
illustratorW. Feilenschmied
year1947
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080716
projectida1f5000e
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Die Blinden

An diesem Abend, als ich müde und traurig war, ging ich in den großen Saal, wo Musik gemacht wurde. Es war ein Massenkonzert – eine Masse Musik für eine Masse Menschen um zehn Pfennige.

Ich drängte mich durch. Von den Hunderten Tischen war vielleicht nur noch einer unbesetzt, und dieser eine, weil er hinter einem Pfeiler stand und Orchester und Publikum fast vollständig versteckte. Während ich den Überzieher abzog, bemerkte ich, daß nur ein Tisch noch schlechter stand als der meine; und die an ihm saßen, schienen ihn recht mit Absicht ausgesucht zu haben, um nicht gesehen zu werden.

Es waren ein Mann, eine Frau und ein halbwüchsiger Junge.

Der Mann saß neben der Frau, und von meinem Platze aus gesehen hinter ihr; der Junge saß ihnen gegenüber.

Die Kellner liefen hin und her, die Menschen lachten und schwatzten und klapperten mit den Tellern und Gläsern, die Musik lärmte, und nur an unseren beiden Tischen war es still.

Ich wurde noch müder und trauriger und dachte daran, fortzugehen. Aber ich sah ein trübes und leeres Zimmer vor mir und blieb.

Unwillkürlich, ohne es selbst zu wissen, richteten sich meine Blicke wieder und wieder auf den Tisch dort vor mir, und um den eigenen Kummer zu vergessen, tat ich, was ich oft tue: ich suchte ihn bei anderen auf, gewiß, ihn immer zu finden.

Ich begann mit der Frau.

Sie war nicht mehr jung, nicht mehr schön, oder besser: wohl nie schön gewesen, einfach in dunkles Tuch gekleidet, und sie saß da in einer auffallend steifen, gezwungenen Haltung, die Hände gefaltet im Schoße, und ohne die Lehne des Stuhles zu benutzen. Sie saß fast regungslos, den Kopf ein wenig nach vorn geneigt, lauschend, ohne ein Wort zu sprechen.

Dann, während sie mit der Hand tastend nach dem Glase langte, sah ich plötzlich, daß sie blind war.

Um den Mann zu sehen, der ihr zur Seite saß, mußte ich den Standpunkt meines Stuhles verändern: ich rückte scheinbar unwillkürlich zur Seite.

Er saß, mit dem Gesicht mir zugewandt, dicht zu der Frau geneigt, vornübergeneigt und sprach in gedämpfter Lebhaftigkeit auf sie ein, die Hände auf die Knie gelegt und nicht ganz so ruhig wie sie. Er war ein großer und stattlicher Mann, mit blondem Haar und Schnurrbart, und in gleich einfachem, dunklem Anzug.

Auch bei ihm fiel mir in der Haltung etwas Gezwungenes auf, und als er nun zögernd und vorsichtig nach den Händen der Frau griff und dabei den Kopf etwas erhob, sah ich, daß auch er blind war.

Der Junge hatte sich einen Stoß illustrierter Blätter herbeigeschleppt und las eifrig, ohne sich um die beiden zu kümmern. Daran, daß er aus dem Glase der Frau mittrank, sah ich, daß er zu ihr gehörte; er war wohl ihr Bruder. Niemand kümmerte sich um den Tisch, von dem aus kein Laut den allgemeinen Lärm vermehrte. Die Musik spielte Stück auf Stück, und die Kellner rannten mit immer neu gefüllten Gläsern hin und her.

Ich kam mir vor wie ein Eindringling und wandte meine Blicke von den Blinden ab.

Nur einmal noch – nach einer halben Stunde – sah ich wieder hin, und angezogen von dem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihren Gesichtern, vermochte ich nicht sofort weiterzusehen.

Sie saßen noch in derselben Stellung wie vorhin, nur hatte der Mann jetzt die Hände der Frau gefaßt. Er sprach noch immer, und sie hörte ihm zu mit einem zögernden Lächeln. Auch ihre Lippen bewegten sich leise.

Er beugte sich noch näher zu ihr. Er griff in die Tasche und – halb unter dem Tisch – schob er über den Mittelfinger ihrer rechten Hand langsam und behutsam einen goldenen Ring. Niemals habe ich so viel innige Liebe auf dem Gesicht eines Menschen gesehen wie auf dem seinen in dieser Minute, und niemals so viel Glück wie auf dem ihren!

Und keiner hatte es gesehen außer mir, keiner ...

Sie sprachen weiter und hielten sich an den Händen.

Das Konzert war zu Ende.

Sie standen auf. Langsam ging ich hinter ihnen her. Am Ausgange blieben sie stehen. Der Junge spähte nach der Pferdebahn. Als sie kam, leitete er den Mann über die Straße, während die Schwester wartete, und kehrte erst zurück, als er ihn in den Wagen gebracht. Dann schob er seinen Arm in den der Blinden und führte sie ebenso sicher über den Straßendamm und weiter.

Ich stand allein, nicht mehr müde und nicht mehr traurig, sondern erfüllt mit Scham und mit Freude.

Nicht nur mit den Augen redet sie ihre Sprache, die Liebe! ...

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