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Zwischen den Zielen

John Henry Mackay: Zwischen den Zielen - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorJohn Henry Mackay
titleZwischen den Zielen
publisherBehrendt-Verlag, Karl M. Fraass
illustratorW. Feilenschmied
year1947
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080716
projectida1f5000e
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Zwei Dichter

Er ging in die Dünen, wie jeden Nachmittag, um dort seinen Träumen nachzuhängen.

Da hörte er neben sich wieder die kurzen Schritte, die ihn so oft in diesen Wochen auf seinen Wegen begleiteten, und er ließ ihn neben sich hertapsen, den kleinen Kerl, der die sehnsüchtigen Augen eines Dichters hatte, und der ihn nie störte mit seinen stillen und seltenen Fragen.

Die Eltern saßen bei der Kurmusik und schwatzten.

Wo die niedrigen, verkrüppelten Holzungen, die sich wie ein Streifen zwischen den hellen Strand und den hohen, schwarzen Wall des Buchenwaldes schoben, ihre seltsamen Schatten auf den riedbewachsenen Sand warfen, ließen sie sich nieder – der Kleine zu den Füßen des Großen, wie ein treuer Hund.

Hier hörten sie die Mißklänge der Musik und das Stimmengewirr der Menschen nicht mehr, sondern nur noch das leise Rauschen des Meeres, das Wehen der Brise in den Halmen, und jenes geheimnisvolle Raunen, mit dem hinter ihren Erscheinungen die Natur unaufhörlich neues Leben zeugt und gebiert. Unter der festen Decke von Tannennadeln und zerbröckeltem Holze, die wie ein dichter Pelz über dem weißen Sande lag, gärte und zitterte das verborgene Drängen ungezählter und unsichtbarer Lebewesen. Und überall taten Ameisen ihre emsige Arbeit. – Der Knabe spielte mit einem vertrockneten Tannenzapfen, der seine Kiefer nach allen Seiten auseinandersperrte und tief in sein entkerntes Innere sehen ließ; der Mann aber sah still auf die hügeligen Buchtungen der Dünen mit ihrem schwarzen Ginster und den silbergrauen, schlanken Gräsern, und auf die bizarren Formen der Nadelhölzer, die sich im stetigen Kampf im Wind und Wetter so tapfer gewehrt, und von ihnen doch zu Krüppeln gemacht waren, hier an der Grenze zwischen Land und Meer, auf dem äußersten Vorposten, während hinter ihnen, dem Schutze der treuen Vasallen, hochmütig und stolz die Herren ihre Kronen hinauf zum Himmel hoben.

Es war eine Weiche und Süße in der Luft, die die Augen betäubte; und zugleich eine Frische, die sie immer wieder öffnete ...

Da erzählte der Dichter seinem kleinen Freunde die Märchen der Sehnsucht, nach denen seine Augen verlangten: das von der Seejungfrau, die mit ihren Schwestern tief auf dem Grunde des Meeres lebte, aber heraufstieg, um die Liebe eines Menschenkindes zu gewinnen, und an ihr zu leiden und unterzugehen; und das von dem häßlichen, jungen Entlein, das, getreten und verstoßen auf dem Hühnerhofe, hinausschwamm, sein graues Gewand von sich warf und ein stolzer, königlicher Schwan ward; und sein eigenes von dem kleinen Seepferdchen, das auch nicht mehr leben mochte in der stillen, kühlen und leuchtenden Tiefe, das die Wärme fühlen wollte und starb, als der erste Sonnenstrahl es traf ...

Ein verlorener, verträumter Ausdruck lag in den Augen des Kindes, als er endete; Furcht vor dem Leben und Sehnsucht nach ihm zugleich.

Da packte den Dichter das unbezwingliche Verlangen, in diese reine unberührte Seele, die keiner verstand, wie ein klares, kostbares Glas, aus dem noch niemand getrunken, als der Erste die ersten Tropfen unvergänglicher Schönheit, das Elixier seines eigenen Lebens, zu gießen und zu sehen, wie es sich in ihr spiegelte, übermächtig wurde sein Verlangen, und es dünkte ihm köstlich zu sein, dieser Erste zu sein nach freier Wahl.

Und von seinen Lippen klangen plötzlich die Verse, die er liebte, die Verse seiner angebeteten Großen, die ihm vertraut waren, ihrem Sinn und ihrem Klange nach bis in ihr letztes Geheimnis. Und sie waren, wie sie tönten und schwollen, wie das Grollen des Meeres bald, und bald wie das Klagen des Windes in den Dünen ...

Er sprach und sprach, rastlos, wie sie ihm kamen, ohne Zusammenhang, aber alle waren sie gebadet wie in Glanz, und wie beschienen von einem zitternden Lichte. Er wußte es wohl: der kleine Knabe konnte sie nicht verstehen. Sie mußten ihm dunkel und geheimnisvoll sein, wie das Meer und die Nacht und das Leben es ihm waren. Aber er sollte sie auch nicht verstehen; er sollte sie nur hören.

Und wie er sich nicht gescheut hätte, vor den Ohren des Kindes aus den stummen Saiten eines Instruments unverstandene Klänge zu locken, so scheute er sich nicht, vor ihnen die Klänge der Worte zu entfalten in ihrer unerhörten Pracht, deren innerste Seele Musik war, und mit keinem Verstände begriffen werden konnten.

Er sprach weiter und weiter, wie er sprach auf seinen einsamen Gängen am Ufer und im Walde, und in der Einsamkeit seines Zimmers, wenn er fühlte, wie die Schauer der Schönheit ihn überrieselten wie warme Wogen.

Er sprach weiter und weiter, und vergaß, zu wem er sprach und weshalb ...

Dann, als sein Blick die Augen des Knaben traf, stockte er. Sie waren auf seine Lippen gerichtet mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Erwartung und Angst, erschrocken fast und doch begierig. Da wußte er, daß er eine Seele zu ewiger Sehnsucht nach der Schönheit geweckt hatte, und er hielt inne. Der Becher sollte nicht auf einmal gefüllt werden in roher Hast. Nun sein Boden bedeckt war mit dem reinen Stoff unversieglicher Kraft, konnte das Leben hineinschütten, was es wollte: er würde absorbieren und kristallisieren, was an Unreinem hinzugeschüttet werden mochte. Und was immer aus diesem Kinde werden mochte – es war ein Dichter. Sein würden alle Leiden und alle Herrlichkeiten des Lebens sein, und alles mußte er tragen, so gut er es vermochte ...

Sie standen auf und gingen zurück, wie sie gekommen waren, Hand in Hand, und ohne zu sprechen. Je näher sie den Häusern des Badeortes kamen, um so deutlicher wurden die abgegriffenen Klänge der Musikweisen, die dort gespielt wurden und die lauten und schrillen Worte der Menschen – Lärm, mit dem diese Menschen das Schweigen ihrer Seele betäubten, um es nicht zu vernehmen.

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