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Zwischen den Zielen

John Henry Mackay: Zwischen den Zielen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorJohn Henry Mackay
titleZwischen den Zielen
publisherBehrendt-Verlag, Karl M. Fraass
illustratorW. Feilenschmied
year1947
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080716
projectida1f5000e
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Das graue Meer

Er kam von seinem Büro im Zentrum der Stadt, und ging mit seinen mühsamen Schritten die Linden hinunter, immer in der Mitte, und ohne sich umzusehen. Er war alt und grau, seine Kleidung abgetragen, wenn auch sauber, und er sah aus wie ein Mann, der mit den Dingen des Lebens abgeschlossen hat – wie der aufgebrauchte Büroarbeiter mit neunzig Mark monatlich, und acht Tagen Urlaub im Jahr, der er war, genau so sah er aus.

In der Nähe des Tores bog er zum Bürgersteig ab und trat an ein Fenster der großen Kunsthandlung.

Seit vierzehn Tagen machte er jeden Abend diesen Weg und Halt vor diesem Fenster.

Denn eines Sonntags, als er aus dem Tiergarten gekommen war, sah er in diesem Fenster ein Bild, das er seitdem nicht mehr vergessen konnte, so daß er jeden Tag hierher kam, um es zu sehen. Den ganzen Tag über freute er sich auf dieses Wiedersehen.

Gleich, als er sich heute abend dem Fenster näherte, sah er, daß es aus ihm verschwunden war. Er glaubte zuerst, es habe nur seine Auslage gewechselt. Aber es war wirklich fort. In dem einen hing eine große Schmiererei in Gelb und Grün. Das Gelbe war eine grasende Kuh und das Grün die Natur, in der sie breitbeinig stand. Aus dem anderen schaukelte eine nackte Frauensperson ihre üppigen Fleischmassen von zwei lila Bäumen aus dem Beschauer ins Gesicht, und lächelte ihn dabei einladend an.

Das Bild war fort.

Der alte Mann wurde ganz unruhig. Er hatte sich so daran gewöhnt, dies Bild zu sehen, daß er nie auf den Gedanken gekommen war, es könne eines Abends nicht mehr da sein.

Denn es war ihm eine Erinnerung gewesen, eine der wenigen Erinnerungen seines Lebens, in denen seine alten, müden und resignierten Gedanken noch wohnen konnten ...

– Damals vor einem Menschenalter, als er noch jung und gesund, und daher noch voller Hoffnungen und Träume gewesen war, sich noch hinaussehnte in Fernen, die er nicht kannte, lud ihn ein Freund zum Besuch in seine Heimat an der Ostsee auf einige Wochen ein: in die alte Stadt mit den Winkelgassen und den spitztürmigen Kirchen, den Giebeldächern und dem großen Hafen – in die Stadt am Meer. Dem tiefen, dem leuchtenden, dem grollenden, flüsternden, stürmenden und klagenden, dem stillen, dem grauen Meer, dem geheimnisvollen, nach dem er sich sehnte, das er nicht kannte, und das er nun sehen sollte von Angesicht zu Angesicht ...

Natürlich war aus dem Besuch nichts geworden, wie nie irgend etwas in Erfüllung gegangen war von allem, worauf er sich einst gefreut und wonach er sich gesehnt hatte, wie aus ihm selbst nie etwas geworden war.

An den Traum, den er damals geträumt, den Traum vom ewigen Meere, erinnerte ihn ein Bild, das ein französischer Maler irgendwo dort unten auf einer seiner Studienfahrten in einer stillen Stunde gemalt haben mußte. Denn er nannte es: La mer grise – (zu Hause in einem verstaubten Diktionaire fand der Alte, was das hieß –: das graue Meer) –. Einige Fußbreit gelben Sandes, ein paar Wellen, die müde darüber hinflossen, ein Stück Himmel darüber, ohne Farbe, ohne Licht ... Das Bild war fort.

In der Tür der Kunsthandlung stand ein breitschultriger Portier in großer Livree. Er sah gutmütig aus, so daß sich der Alte ein Herz faßte: »Ob er ihm nicht sagen könne, wo das Bild geblieben sei, das in diesen Wochen in dem mittleren Fenster gehangen habe?« »Ja. Es sei mit den anderen hineingenommen worden und noch bis morgen ausgestellt, wo dann die neue Ausstellung beginne.«

Nur noch heute? Ja. Und in einer Stunde würde geschlossen.

Der Alte dankte für die Auskunft und ging weiter. Er wollte nach Hause.

Aber er kehrte wieder um.

Er empfand eine so große Sehnsucht, das Bild noch einmal zu sehen. Doch wie durfte er wohl daran denken, eine ganze Mark dafür auszugeben, um ein Bild zu sehen! Ebensogut konnte ihm einfallen, in ein großes Restaurant zu gehen und sich warmes Abendbrot zu bestellen. Oder in einer Droschke nach Hause zu fahren, nur weil er müde war.

Er begann zu rechnen – jeden Groschen. Aber es ging nicht. Es ging nur, wenn er nicht rechnete.

Ein plötzlicher Trotz packte ihn und er ging geradewegs an dem Portier vorbei und trat ein. Nochmals erklärte er an der Kasse, um was es sich für ihn handele, und wieder wurde ihm versichert, das gesuchte Bild hinge an der hinteren Wand des letzten Saales. Da bezahlte er seine Mark. Es war kein Mensch mehr in den stillen Sälen. Ein Diener wies ihn zurecht und ließ ihn allein.

Der späte Besucher setzte sich auf das Sofa der Wand gegenüber. Die elektrischen Bogenlampen warfen ihr Licht grell und weiß auf das farbenbunte Wirrwarr, das dort – sinnlos und frech zusammengewürfelt – hing. Wie das eine das andere verdrängte und erstickte, so war bei keinem Bilde die Möglichkeit gegeben, sich über seinen Rahmen hinauszudenken, denn bei jedem Versuch dazu stieß oben und unten, rechts wie links der Blick in ein anderes, verwirrte, verstimmte und beleidigte.

Aber was war das dem Alten, der nie Bilder gesehen, und der nur gekommen war, um ein einziges zu sehen, es sah, und außer ihm nichts.

Dort hing es. Er hatte es gleich erkannt, und nun saß er ihm gegenüber. Das war es, das war es wieder – sein Bild: ein Streifen Strand, über den müde Wellen hingehen, ein Stück Himmel darüber, grau und regenschwer – das war alles.

Welches Meer? – welcher Strand? – Er wußte es nicht, und es war ihm ja auch gleichgültig, gleichgültig wie die große, sichere Kunst, die es allein wagen konnte, eine Stimmung wie diese in ihrer grandiosen Einfachheit zu fassen und zu bannen.

Denn er liebte dieses Bild deshalb, weil es das Bild seines Lebens, seines eigenen, mühseligen, eintönigen und engen Lebens war, das es ihm zeigte. Denn so, ganz so, war sein eigenes Dasein: ein enger Raum, kaum groß genug, um hin und wieder her zu gehen, überdeckt von dem Stück Himmel, das er durch die trüben und immer schmutzigen Fenster seines Büros sah, und bespült, so lange er denken konnte, immer und immer nur von den kleinen, armseligen und müden Wellen seiner freudlosen Tage, von denen einer dem andern sich glich, wie diese Wellen sich glichen: eintönig, mutlos, geräuschlos und müde – letzte der letzten, deren letztes Ringen keiner sah, deren letzten Atem niemand vernahm ...

Und wie er jetzt wieder vor diesem Bilde saß, und wieder den Blick nicht lassen konnte von den blaugrauen Wogen, dem grauen Himmel ohne Wolkenspiel und Sonne, dem braunen Strande, da begriff er wohl seine geheimnisvolle Macht noch immer, aber zugleich, auch legte sich auf ihn mit erdrückender Schwere die Last seines Lebens, von dem er nun wußte, wie arm es gewesen war: die ganze endlose Reihe seiner abgearbeiteten Tage. Und eine Müdigkeit, so tief kam über ihn, daß er einschlief. –

Der Diener ging durch die Säle, um die Lichter zu löschen, sah den einsamen Besucher, der schlief, wollte grob werden, besann sich aber, daß er einen zahlenden Besucher vor sich hatte und weckte ihn höflich.

Der Alte schlich hinaus, ohne noch einen Blick auf das Bild geworfen zu haben. Müde und hungrig, und von einer Erbitterung erfaßt, die ihm bisher fremd gewesen war, schalt er innerlich sich und seine Dummheit, sein Geld fortzuwerfen, um ein Bild zu sehen und dann vor ihm einzuschlafen.

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