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Zwischen den Zielen

John Henry Mackay: Zwischen den Zielen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorJohn Henry Mackay
titleZwischen den Zielen
publisherBehrendt-Verlag, Karl M. Fraass
illustratorW. Feilenschmied
year1947
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080716
projectida1f5000e
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Die Wasserratte

Die Nebel des Abends stiegen auf von dem Flusse. Die Kühle des Herbstes, die noch keine Kälte ist und die wir nach der schwülen Hitze des Sommers so angenehm empfinden, belebte mit ihrer Frische jeden Sinn. Ich wandte mich ab von dem Ufer, dem Lande zu.

Eine unendlich weite Trümmerstätte lag vor mir; ein großes Bild der Vernichtung und Zerstörung breitete sich vor mir aus, wohin ich auch sah – geheimnisvoller und furchterregender noch in diesem Zwielicht, das die Dinge nicht zeigte, wie sie waren, sondern es dem Auge und der Phantasie überließ, aus ihnen zu formen, was sie ahnten und wollten.

Kaum erkennbar noch die Wege: überall tiefe Furchen, Löcher, ausgetrocknete Wasserlachen, die ihren ursprünglichen Lauf verwischt hatten. Überall hinzerstreute Fetzen von Papier, Leinwand und Stuck; aufgeschichtete Massen von Stein und Sand; Überbleibsel jeglicher Art, wohin man trat, wohin man sah – ein häßliches, trostloses Bild absichtlicher Verwüstung, nicht der Verwahrlosung, denn noch nirgends hatte die Natur verwischt, was hier gewaltsam zerstört war.

Zerstört der Park, der einst hier gestanden: überall geknickte Äste, gebeugte Kronen, abgeschlagene Stämme, trauriger noch in dieser stummen Resignation des Herbstes, die sich nicht mehr wehrte und die Tränen zahlloser gelber Blätter niederweinte auf den zerstampften, bis in seine letzte Furche aufgewühlten Boden.

Und überall die Trümmer von Bauten, von seltsamen, in Form und Aussehen nie gesehenen Bauten, Bauten aus Holz, Kalk und Mörtel ohne Stein und ohne Fundament ...

Es war, als sei ein fremder Eroberer über diese Stätte gezogen, dessen wilde Scharen in unermeßlicher Zerstörungswut, in der sinn- und ziellosen Trunkenheit ihres Sieges alles zerstört, woran sie Hand gelegt: sengend, mordend, raubend, nichts hinter sich lassend als diese nutzlosen Spuren ihres Zornes, an denen der Regen des Herbstes nun die letzte Arbeit tat ...

Aber so sinnlos gingen keine Plünderer und Mordbrenner vor. Sie veränderten nicht die Richtung der Straßen; sie schleppten nicht das Wertlose fort auf ihrem Zuge.

Und keine Menschenseele war zurückgeblieben in dieser Stadt? In dieser Stadt? – Ja, war dies einst eine Stadt gewesen? – Welche Stadt?! – Wer hatte in diesen luftigen Hallen gewohnt, von denen keine der andern – das einzig war noch zu erkennen – geglichen hatte?

Nein, keine Stadt –: die Sommerresidenz einer unerhört phantastischen Laune, erbaut für die Freude kurzer Stunden und vernichtet so schnell, wie sie entstanden!

Tiefer fielen die Schatten des Abends und sie legten sich um diese geheimnisvollen Reste: um eine mittelalterliche Burg, ein Schwarzwaldhaus, die offene Bühne eines riesigen Theaters, den gewaltigen klaffenden Bauch eines Schiffes – um alle diese hundertfach verschiedenen Trümmer seltsamer Bauten, alle errichtet aus Mörtel und Holz, ohne Stein und Fundament ... alle errichtet für einen Tag ...

Es waren die zerfallenden letzten Trümmer der großen Ausstellung, in welche die Weltstadt diesen Sommer die Menschen aller Zonen geladen, über die ich schritt.

 

Ich ging über diese aufgewühlten Wege, stolperte über diese Haufen von Kehricht und Überbleibseln und drängte mich durch die laublosen Büsche, bis ich den See erreichte, der einst den Mittelpunkt der ganzen Ausstellung gebildet.

Die unendliche Öde der Verlassenheit war nirgends so groß wie hier und wie Frösteln ging sie über mich hin. Wo waren die tausende von bunten Wimpeln, die den Rand des Wassers umsäumt und hoch in der warmen Luft den Sommer lang geflattert über spitzen Zinnen, rauschenden Baumkronen und einer unablässig flutenden Menge von neugierigen, schwatzenden Menschen jeden Alters, jeden Standes, fast jeden Volkes? Vorbei, alles vorbei – auch an dem totenstillen See nichts als Zerstörung, Verwüstung und kahle Wildnis.

Ich setzte mich müde auf einen Pfahl, der noch vor kurzem eine Bank und laute, lachende Menschen getragen haben mochte. Vor mir fiel das Ufer langsam zu dem Flusse ab. Es war so still, daß ich das leise Sichlösen und Fallen vereinzelter Blätter von den trockenen Ästen vernahm.

Ein Rascheln schreckte mich jäh in die Höhe. Aber als ich aufgesprungen war und das dürre Laub neben mir mit dem Stocke durchstieß, verstummte es, ohne sich zu wiederholen.

Durch nichts wurde die Stille mehr unterbrochen, und eine Stunde noch saß ich dort. Denn jenes Geräusch, so flüchtig es auch war, hatte mit zwingender Gewalt einen andern Tag und seine Abendstunden in mir zurückgerufen – jenen ersten Tag im Monat Mai, den sie den Eröffnungstag der Ausstellung genannt hatten und der sich nun mit diesem letzten Oktobertage zu Gedanken verband, die mich nicht mehr loslassen wollten ...

 

Mit vielen, vielen andern betrat ich zum erstenmal den weiten verwandelten Park. Es war ein herrlicher Frühlingstag: weich, warm und sonnig. Eine große Erwartung lag über diesen ersten Gästen und eine erregte Neugier, die sie vorwärts stieß und trieb.

Wie alle Ausstellungen in ihren Anfängen, war auch diese bei weitem nicht fertig. Die Hauptgebäude, die bereits standen, harrten im Innern noch teilweise ihrer Ausschmückung, andere überhaupt noch ihrer Vollendung.

Ich hatte einen Seiteneingang gewählt und – ohne mehr als einige kleinere Kioske und Nebengebäude gesehen zu haben – mit wenigen Schritten diesen See erreicht, an dem ich auch heute saß.

Eine originelle Kneipe lag hier, ein Bauernhaus aus Holz mit großem Hof, die sie die »Spreewaldschenke« nannten. Der Hof war mit Bänken und Tischen besetzt und zog sich bis an den See hinunter, wo sich stille und gemütliche Ecken unter dem Gebüsch verbargen.

Als ich ziellos und ohne Eile die Wege hinabschlenderte und den Rand des Teiches erreichte, bot sich mir der seltsame Anblick der Nachbildung der »alten Stadt«, die am jenseitigen Ufer errichtet war. Von den Strahlen der Abendsonne rötlich beglänzt, erhoben sich in wundersamen und reizvollen Formen dort die Türme, die Zinnen, die Giebel des alten Berlin: über das Wasser führte die Zugbrücke durch das »Durchlaßhaus« – das Außentor – über den Stadtgraben in das Stadttor hinein, über dem hoch und massig der braune Rundturm des Spandauer Tores ragte – das Ganze ein Bild, so überraschend und täuschend von Künstlerhand dorthin gemalt, daß ich mich nicht von ihm wenden konnte und den Blick nicht mehr ließ von dieser wiedererstandenen Stadt, die die Wirklichkeit längst vernichtet hatte.

Kein Mensch störte mich in diesem stillen Winkel. Ich setzte mich und träumte einen langen Traum von Zerstörung und Unsterblichkeit, von Vergehen und Wiederauferstehung.

Ich sah die Menschen über die Brücke drängen, hinein in die Stadt, aber nichts trieb mich, ihnen zu folgen; all das, was dort hinter jenen Mauern lag, ich würde es noch allzufrüh zu sehen bekommen, und hastige Eile konnte nur zerstören, was die Erwartung sich vorausnahm in dem ersten, noch fernen Erblicken. Diese Menschen schienen sich mir selbst um ihre besten und feinsten Eindrücke – die ersten – zu bringen, indem sie an einem Tage alles zu sehen begehrten, was die freundliche Betrachtung vieler erst zu würdigen vermochte.

Immer geheimnisvoller wurde das ferne Bild der alten Stadt. Mehr und mehr schienen sich die Formen in der Luft zu lösen, und ich wäre nicht erstaunt gewesen, hätte sich das Ganze in nichts verflüchtigt, und die letzten Strahlen der Sonne statt eckigen, braunen Gemäuers und schlanker, spitzer Konturen nur noch die runden und schattenhaften Umrisse von Bäumen und Gesträuch gezeigt. Und immer stiller schien es zu werden, obwohl in Wirklichkeit das ferne Jubeln und Lachen nur noch heller klang. Aber es ist die alte Wirkung der Einsamkeit: je mehr wir uns zurückziehen, je stiller es in uns wird, um so größer wird für uns auch die Stille um uns her, und zuletzt gehen wir gelassen in dem Lärmen des Tages, und er ist uns nur wie das Branden des Meeres an einer fernen Küste, die einst unsere Heimat war.

Auch dunkler war es geworden, und die Türme der alten Stadt begannen in dem matten Rot der sinkenden Sonne mehr und mehr zu verdämmern ...

Da hörte ich vor mir ein Rascheln. Es verstummte eine Weile, kehrte wieder, verstummte abermals, um sich in fast gleichmäßigen Zwischenräumen von nun an regelmäßig zu wiederholen. Es kam aus der Richtung des Sees. Es war ein Tier, eine Wasserratte, wie ich bald sah: es mußte am Rande des Wassers seine Höhle gegraben haben. Mehr dem Lande zu, ein paar Schritte von dem Orte, wo ich saß, lag ein wirrer Haufe von Stroh, Mörtel, Abfällen aller Art, wie sie die Maurer dorthin zusammengekehrt und noch nicht fortgeschafft hatten. Von diesem Haufen trug das Tier fort, was es brauchte, um sich sein Lager für die Nacht zu polstern: in regelmäßigen Abständen von etwa einer halben Minute tauchte der kurze, dicke Körper aus dem Dunkel auf, jagte in kleinen, unendlich schnellen Schritten auf den Schutthaufen zu, ergriff mit einem jähen, sicheren Ruck einen Halm, wandte sich um und jagte zurück. Für ein paar Augenblicke verschwand sein schwarzes, glänzendes Fell, um alsbald wieder zu erscheinen und wie ein Blitz, raschelnd durch Gras und Laub zu huschen und mit neuer Beute beladen abermals den Rückweg anzutreten. Und immer nahm das Tier genau denselben Weg, um einen Baum herum, der im Wege stand, auf den Haufen los – und wieder genau denselben Weg zurück. Da ich regungslos saß, bemerkte es mich nicht; nichts störte es, als zuweilen ein Geräusch aus der Ferne. Dann hielt es plötzlich in seinem Lauf inne, duckte sich nieder, wartete eine kleine Weile, um gleich darauf wieder loszuschießen und in völliger Sicherheit und unbekümmert von neuem auf sein kleines Ziel loszugehen: sich ein Lager für die Nacht zu bereiten, um in ihm weich und warm zu liegen für ein paar kurze Stunden.

Erst betrachtete ich mir das Tier selbst: das glänzende Fell, in dem die Ohren kaum zu unterscheiden waren, die klugen, beweglichen Augen und die behenden Füße mit den starken Nägeln, die die Erde fast ebenso schnell durchwühlten, wie sie über sie hinwegglitten. Dann aber begann das Gebaren der Ratte mich fast leidenschaftlich zu interessieren: es lag eine solche Energie in ihrem Vorhaben, ein solches Sichversenken und Selbstvergessen und eine solche Ausdauer und Unermüdlichkeit in ihrer Arbeit, daß ich mich immer wieder freute, wenn stets von neuem der dicke, runde Kopf auftauchte, sich einen Moment witternd hob, und dann der geschmeidige Körper wie ein losgeschnellter Pfeil auf sein Ziel losschoß, immer auf demselben Wege und immer mit derselben Wendung um den hindernden Baum herum, die Zähne mit einem heftigen Ruck einen Halm, ein Stückchen Wolle oder ein wenig Heu ergriffen, und das Tier dann gleichsam wie im Bewußtsein seines Raubes ebenso hurtig entfloh.

Ich vergaß, daß es ein sehr gewöhnliches und schädliches, eigentlich häßliches Tier war, das dort vor mir sein Wesen trieb. Ich hätte ihm helfen mögen: ein einziger Griff meiner Hand in den Haufen und ich hätte ihm sein unterirdisches Schlafzimmer besser und schneller auspolstern können, als seine stundenlange rastlose Arbeit es vermochte. Aber eine einzige Bewegung meiner Hand hätte es auf immer verscheucht.

So saß ich ganz still und sah ihm zu und sah nichts anderes mehr – nicht wie die Wellen des Teiches sich färbten unter dem sinkenden Lichte, wie rings sich zum ersten Male die künstlichen Leuchten wie von selbst entzündeten und diese neue, seltsame Schöpfung um mich her in doppelt geheimnisvollem Zauber erscheinen ließen: ich sah nur einzig und allein dieses schwarze, dicke und doch so unendlich behende Tier, wie ich seit länger als einer Stunde nichts anderes mehr gesehen hatte. Und ich wollte auch nichts anderes sehen, denn nichts interessierte mich mehr ... Wie die Füße dieses unermüdlich keinen Tieres, so gingen nun meine Gedanken rastlos zwischen den beiden Polen: Vergeblichkeit und Zweck, um immer wieder von dem einen zu dem anderen zu wandern und eine Verbindung zu finden zwischen ihnen – eine Lösung, die die aufgeregten Fragen beruhigte. Aber ich konnte keine finden.

So viele, so unendlich viele Mühe! – und alle Mühe nur für ein Nächstes, ein Allernächstes: bei diesem Tiere für den warmen Schlummer einiger Stunden, bei diesen Menschen für die bunte und schillernde Freude eines kurzen Sommers, und wenn die Nacht und wenn der Sommer vorüber waren, war alles vorbei und alles wie vorher; und alles mußte von neuem begonnen werden, und so das ganze Leben: immer nur für das Nächste, für das Allernächste, ein langes Mühen, das in keinem Verhältnis zu der kurzen Freude stand – Vergeblichkeit! –

Das Dunkel war nun wirklich gekommen, überall erglänzten auf dem weiten Gefilde die Lichter, gedämpfter klang das Rauschen der Ferne und die Müdigkeit nahm Besitz von der Erde – alles ruhte, um in Freude sich zu erholen von der Arbeit oder dem Genuß dieses Tages: nur dieses Tier noch huschte und raschelte und mühte sich und kannte kein Aufhören, und raste wie wild durch das Laub und konnte doch schon so behaglich liegen, und wollte nur nicht, weil es das Arbeitsfieber hatte ...

Eine Ungeduld sondergleichen ergriff mich plötzlich, entstanden durch das lange, stille Sitzen auf demselben Flecke, und nun plötzlich erwacht. Sie richtete sich gegen dieses Tier, das nicht einsehen wollte, daß alles ein Ende haben mußte, auch diese zwecklose, vergebliche Arbeit, und das immer noch wie ein wahnsinnig gewordener Brummkreisel in dem Laube herumschoß, um irgend etwas zu tun, es schien jetzt selbst nicht zu wissen, was!

Aber nun war es genug. Ich rührte mich und nahm meinen Stock in die Hand, saß wieder still und wartete noch einen Augenblick – und als zum dreihundertsten Male der dicke Kopf mit den glänzenden Augen an dem Rande des Teiches erschien und auf den Haufen losschießen wollte, duckte ich mich nieder, schlug mit dem Stock in das auf raschelnde Laub und schrie:

– Genug jetzt – genug! – Feierabend!

Die Ratte war verschwunden. –

Ich trat unter die lauten, staunenden und jubelnden Menschen. Ich wollte nichts sehen heute, aber um meinen Weg nach Hause zu finden, mußte ich durch die drängende Menge und unter den flackernden Lichtern durch.

Und während für einige Minuten das Leben um mich rauschte und lachte, erkannte ich den Zweck der Arbeit, der die Freude ist. – Denn kein lebendes Wesen hat irgend etwas umsonst, und alles muß es sich erkaufen: das kleine Tier die warme Ruhe der kurzen Nacht mit stundenlanger Mühe, und der große Mensch die Freude eines kurzen Sommertages mit seinen Farben und seinen Wimpeln mit langer, langer Arbeit – jedes Lachen mit einem Seufzer, und jedes Ruhen mit einer Ermüdung.

Ich hatte heute nichts gesehen hier und mich an nichts gefreut, weil ich nichts verdient hatte. Aber heute noch wollte ich arbeiten und morgen wollte ich dann wiederkommen und alles sehen und alles genießen, alles! ...

Das war nicht die christliche Moral: »Im Schweiße deines Angesichts ...« und nicht die heidnische: »Carpe diem!« – Es war ganz einfach eine Erkenntnis, wie sie ungerufen kommt, um uns das Leben erträglicher zu machen, und uns hinwegzutäuschen über den allzu gleichmäßigen Schlag der Stunden, der uns in Wahnsinn tötet, wenn wir nichts tun, als ihn verfolgen.

Eine miserable Ratte hatte mich wieder an sie erinnert.

Und heute, wo ein langer Sommer voll Arbeit und voll Freude hinter mir lag, wo alle Schönheit dieser Stätte versunken war in einen großen Haufen von Trümmern und Zerfall, wartete ich auf das Tier, das nicht kam, wie man wartet auf einen alten und guten Freund, um ihm zu danken.

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