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Zwei zarte Lämmchen - weiß wie Schnee

Hans Fallada: Zwei zarte Lämmchen - weiß wie Schnee - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleZwei zarte Lämmchen - weiß wie Schnee
publisherVerlag Günter Richter
year1948
printrun1. - 5. Tausend
firstpub1948
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180411
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Die erzwungene Heirat

Der grobe Doktor Laabsch, der doch gar nicht grob gewesen war, hatte es gut gemeint mit seinem Trost, der kleine Grote werde sein Mädchen eher im Krankenhaus besuchen können als im Heim des zürnenden Vaters. Aber er hatte nicht mit den Besuchstunden im Krankenhaus und der Dienstzeit bei der Firma Brummer & Co. gerechnet. Es erwies sich, daß der Damenputz seinen Buchhalter grade dann unumgänglich brauchte, wenn die Pforten des Krankenhauses seinen Besuchern geöffnet waren.

Als aber der Sonntag gekommen war – und am Sonntag hatte ja auch der kleine Grote frei – und er trat mit einem gewaltigen Rosenstrauß und einer Tüte Apfelsinen an das Bett der Kranken, da saß an diesem Bett schon der Vater Täfelein, hielt die Hand der Tochter schon zwischen den seinen und tat ganz so, als habe er einen Gerhard Grote noch nie in seinem Leben gesehen.

Viele Besucher waren im Saal, an jedem Bett saßen sie, da war es nicht der richtige Ort und nicht die rechte Zeit, einen neuen Kampf mit dem Vater auszufechten, ganz abgesehen davon, daß die Rosa matt und blaß in ihren Kissen lag und darum wirklich nicht mit Streitereien behelligt werden durfte. So stand denn der kleine Grote nur am Fußende des Bettes, warf sehnsüchtige Blicke auf seine Liebste, und wenn er einmal ein Wort wagte, wie sehr sie von allen auf der Firma vermißt würde, oder daß die jüngere Pechöse jetzt das Samtlager verwaltete, so redete Herr Täfelein mit einer quäkigen Stimme rasch etwas dazwischen, und er bekam nur ein sanftes Lächeln von Rosa. Das war schön, aber es war doch nicht genug.

Als aber die Stationsschwester das Ende der Besuchzeit aufrief, und einer nach dem andern den Saal verließ, da lehnte sich Herr Täfelein in seinen Stuhl zurück, hielt die beiden Hände seiner Tochter fest und sah den Gerhard Grote so triumphierend an, daß der wohl verstand, der Vater werde jeden freundlichen Abschied unter allen Umständen vereiteln. Da legte Gerhard Grote die Rosen mit den Apfelsinen still auf die Bettdecke, sagte: »Auf Wiedersehen und gute Besserung!«, hörte ein leise gemurmeltes Wort und ging.

Vor dem Tor des Krankenhauses wartete er dann, bis Herr Täfelein erschien, und Herr Täfelein trug in der einen Hand den Rosenstrauß, in der andern aber die Tüte mit Apfelsinen und wurde doch ein bißchen verlegen, als er da seinen verstoßenen Schwiegersohn sah. Er straffte sich aber gleich wieder und wollte mit einem fremden Gesicht eilig vorüber.

Gerhard Grote trat ihm in den Weg und sagte bittend: »Wollen wir nicht Frieden schließen, Herr Täfelein?«

»Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sie überhaupt nicht!« rief Herr Täfelein und ging weiter.

Aber Grote hielt sich neben ihm und sagte wieder: »Warum sind Sie mir denn noch böse? Wenn ich zu grob zu Ihnen war, bitte ich um Verzeihung. – Aber daß Rosa nun doch im Krankenhaus am besten aufgehoben ist, das sehen Sie doch auch!«

»Das mag alles sein, wie es will«, antwortete Herr Täfelein und hatte es aufgegeben, den Grote überhaupt nicht zu kennen. »Aber ich habe Ihnen gleich gesagt, daß ich ein nachtragender Mensch bin! Ich will keinen Schwiegersohn, der nicht tut, was ich will!«

»Ich will ja jetzt auch tun, was Sie wollen, Herr Täfelein«, meinte Gerhard Grote ein wenig voreilig. Aber er hätte eben gar zu gerne seinen Frieden mit dem alten Teekocher gemacht.

»Wollen Sie das wirklich?« rief Herr Täfelein eifrig. »Geben Sie mir darauf Ihr Wort!«

»Ja, natürlich ... das heißt ... ich meine ... in vernünftigen Grenzen ...«

»Schnickschnack!« sagte der Vater »Sie haben mir Ihr Wort gegeben, und nun will ich, daß Sie die Rosa für nun und immer aufgeben, und daß Sie mir nie mehr vor Augen kommen und meine Familie auch nicht mehr belästigen! Hier haben Sie Ihre Rosen und Ihre Tüte, ich will mich nicht an Ihnen bereichern!«

»Hören Sie, Herr Täfelein!« rief Gerhard Grote und war plötzlich zu seinem eigenen Erstaunen so zornig, wie er in seinem ganzen Leben noch nicht zornig gewesen war. »Wenn Sie dumm und dickköpfig sein wollen, so sein Sie es! Ich sage Ihnen, ich werde die Rosa doch heiraten, und bis dahin werde ich Ihnen so lästig werden, wie Sie noch gar keine Ahnung haben! Das sage ich Ihnen, verstehen Sie –?!«

Und er sah Herrn Täfelein mit funkelnden Augen an.

»So!« sagte Herr Täfelein atemlos. »So!«

Es hatte ihm einen richtigen Stoß versetzt, wie sein sanfter Schwiegersohn sich plötzlich entpuppte. Und ganz überraschend fing er an zu laufen. Die Rosen und Apfelsinen hatte er noch immer. Er hatte sie nicht loswerden können. Aber Gerhard Grotes Zorn war noch ganz frisch, und so lief er ohne Zögern hinter dem Schwiegervater drein. Beide kümmerten sich nicht um den sonntäglichen Verkehr, sie rannten stumm und verbissen, und fast gleichzeitig erreichten sie das kleine Siedlungshaus, eine Kleinigkeit aber war Herr Täfelein voran.

Mit Hast sprang der Vater durch die Tür, aber ebenso hastig setzte der Schwiegersohn den Fuß davor, so daß der andere die Tür nicht schließen konnte.

»Wollen Sie wohl machen, daß Sie aus meinem Haus fortkommen, oder ich rufe die Polizei!« rief Herr Täfelein grimmig.

»Wollen Sie wohl die Tür aufmachen –?! Ich habe mit Ihrer Frau zu reden!« rief Gerhard Grote ebenso und drückte mit aller Kraft gegen die Tür.

Die Tür gab nach, und mit Gewalt schoß er ins Haus, am Schwiegervater vorbei, in die Tür des Wohnzimmers hinein, in der die erschrockene Frau Täfelein stand – kaum konnte er vor ihr bremsen. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung!« sagte er atemlos. »Aber ich bin nicht schuld, Frau Täfelein ...«

»Natürlich ist er schuld!« rief der erboste Vater. »Er belästigt mich, er läuft mir nach, er erzwingt sich Einlaß in mein Haus ...«

»Er läßt mich nicht mit Rosa reden! Er nimmt ihr meine Rosen und Apfelsinen fort! Er sagt, ich darf sie nie heiraten ...«

Frau Täfelein sah von einem Erhitzten zum andern. Dann sagte sie sanft: »Der Kaffee ist fertig. Wir wollen erst einmal Kaffee trinken. Sie trinken doch eine Tasse mit uns, Herr Grote?«

»Wenn du dem Menschen Kaffee gibst, Mutter, dann werde ich ... dann tue ich ...« Er wußte nicht weiter. Schließlich sagte er drohend: »Dann trinke ich keinen Kaffee!«

»Vater, mach keine Geschichten!« sagte Frau Täfelein bittend. »Herr Grote hat uns doch nichts Böses getan! Treten Sie näher, Herr Grote!«

»Dann gehe ich!« schrie Herr Täfelein und rannte aus der Haustür. Sie sahen ihn die Straße hinabflitzen wie einen Pfeil, unmöglich, ihn in seinem Lauf aufzuhalten.

»Was für ein Mann!« seufzte Frau Täfelein. »Aber er wird sich besinnen. Sicher läuft er jetzt in den Wald, und wenn er erst ein paar Kräuter sieht, beruhigt er sich. Darum wollen wir jetzt doch unseren Kaffee trinken!«

Das taten sie, und Schwiegermutter und Schwiegersohn kamen dabei vorzüglich mit einander aus. Der kleine Grote taute richtig auf. Er erzählte von seinen verstorbenen Eltern und von dem Haus, das er besaß, und von seinem kleinen Vermögen, und wie er ihre zukünftige Wohnung einrichten wollte – alles Dinge, die Rosa Täfelein sehr, sehr interessiert hätten, von denen sie aber noch nie ein Wort gehört hatte. Darüber vergaßen sie den zürnenden Vater und alle Zeit, bis sich Männe meldete und sein Abendbrot verlangte. Nun wollte Gerhard Grote gehen, aber er mußte noch bleiben. Der Vater würde sich jetzt im Walde schon besonnen haben und friedlich heimkehren. So blieb Gerhard Grote und half beim Zu-Bett-Bringen des Jungen und trieb solchen Unsinn mit ihm, daß die Drei nicht aus dem Lachen kamen. Schließlich aber, als Männe im Bett lag, und es wurde ihm zum allerletzten Mal Gute Nacht gesagt, fragte er hoffnungsvoll: »Nicht wahr, du bleibst jetzt immer hier? Du kannst so famosen Quatsch machen, viel besser noch als die Rosa!«

Da waren die beiden andern eine Weile still, dann sagte Frau Täfelein mit Bedeutung: »Ja, Männe, vielleicht bleibt Herr Grote jetzt eine Weile bei uns!« Und dem kleinen Grote stockte vor freudiger Überraschung fast der Herzschlag.

Der Vater war noch immer im Walde und grollte, die beiden aßen ein friedliches Abendbrot, und Frau Täfelein redete ihrem zukünftigen Schwiegersohn zu, wirklich für ein Weilchen ins Haus zu ziehen, damit der Vater sich an ihn gewöhne und einsehe, daß da nichts mit Grollen und Nachtragen zu machen sei. Gerhard Grote aber war schon so sehr Mann geworden, daß er nur ein ganz Weniges von Stören und Lästigfallen redete und sehr schnell nachgab. Er würde in Rosas leeres Zimmer ziehen, und wer weiß, wie sehr der Gedanke, dort zu wohnen, wo sie aufgewachsen war, bei seinem mutigen Entschluß den Ausschlag gab.

Die beiden waren gerade dabei, Rosas Bett frisch zu beziehen, und über einem Stuhl hing ein Nachthemd von Herrn Täfelein, und unter dem Stuhl standen Rosas blaue Pantöffelchen, da stand Herr Täfelein wie ein Geist in der Tür und fragte mit ganz schwacher Stimme: »Was soll denn das bedeuten, Mutter?«

»Das soll bedeuten, Vater«, antwortete Frau Täfelein sanft, »daß Herr Grote eine Weile als Gast in unserm Haus bleibt, damit wir ihn alle recht gut kennen lernen, ehe er unser Schwiegersohn wird.«

» Mein Schwiegersohn wird er nie! Nie«, sagte Herr Täfelein, aber es klang schwach, denn er war noch sehr mitgenommen von der Erschütterung eben.

»Dein Abendessen steht unten bereit, Vater«, sagte Frau Täfelein, »und der Tee steht unter der Kaffeemütze. Wir kommen gleich runter und leisten dir ein bißchen Gesellschaft.«

Einen Augenblick wartete Herr Täfelein noch stumm auf der Schwelle des Zimmers, dann ging er – leise wie ein Geist. Aber gleich erhob sich unten ein Gepolter, und als sie dorthin eilten, war Herr Täfelein dabei, seine Bettstatt auseinander zu nehmen, denn er wollte nun auch allein für sich schlafen, weil er nämlich seiner Frau grollte. Weil aber kein freier Schlafraum mehr im Häuschen war, so trug er die Bettstücke in seinen Kräuterschuppen, der auf der andern Seite des Höfchens stand. Frau Täfelein redete erst im Guten und schalt dann, so gut oder schlecht sie es eben konnte – es half alles nichts. Herr Täfelein war stumm wie ein Fisch geworden, und ohne Abendessen ging er nun auch ins Bett, das hatten sie nun davon.

Da wäre Gerhard Grote am liebsten wieder zu seiner Witt-Frau zurückgekehrt, aber er sah ja ein, daß die Schwiegermutter recht hatte, daß er jetzt nicht mehr nachgeben konnte, der Herr Täfelein war dran mit dem Besinnen. Gerhard Grote wollte durchaus seine Rosa haben, und da blieb nichts anderes übrig: Herrn Täfeleins Niederlage war sicher.

Am meisten aber steifte es Gerhard Grotes Nacken, daß er am übernächsten Tag vor Fräulein Mieder und den Seniorchef gerufen wurde. Denn es war ein Brief des Herrn Täfelein bei der Firma eingelaufen, im dem er nicht nur die Stellung seiner Tochter im Hause Brummer mit sofortiger Wirkung aufsagte, sondern auch mit scharfen Worten Klage über das freche, aufdringliche Verhalten des Angestellten Grote führte.

Gerhard Grote überraschte seine Chefs dadurch, daß er, kaum ein bißchen verlegen und mit fast ganz fester Stimme erklärte: Ja, er habe noch kleine Differenzen mit seinem Schwiegervater, aber die ganze übrige Familie sei für ihn, und so würde sich die Sache in Bälde einrenken. Im übrigen seien dies reine Privatsachen, denn daß er ein frecher oder gar schamloser Mensch sei, werde doch keiner behaupten können, der ihn auch nur ein wenig kenne.

Fräulein Mieder sah bei so entschlossener Sprache ganz erstaunt abwechselnd auf den Seniorchef und den Buchhalter und sagte schließlich nur: »Sie haben sich ja mächtig verändert, Herr Grote – finden Sie nicht?«

»Ja!« antwortete Gerhard Grote. »Und für morgen Nachmittag bitte ich um Urlaub. Da will ich meine Braut im Krankenhaus besuchen.«

Wirklich saß er am nächsten Tag an Rosas Bett, nein, an Rosas Bett saß Herr Täfelein, auf Rosas Bettkante aber saß Gerhard Grote, und wenn der eine redete, schwieg der andere, und es war überhaupt so, als sähen sie einander nicht. Aber Rosa war durch ihre Mutter vorbereitet, und sie tat nun so, als merkte sie von der ganzen Zwistigkeit gar nichts. Mit beiden redete sie gleichmäßig freundlich, und im übrigen ging es ihr schon erstaunlich besser, und sie würde bald wieder nach Haus können.

Ehe sie aber nach Haus kam, ging das große Gewitter nieder, das mit Überschwemmung und Blitzen so vielen Schaden anrichtete. Als die blauschwarze Wand sich immer höher und höher am Himmel erhob und schließlich das Sonnenlicht fast auslöschte, war Gerhard Grote mit dem kleinen Männe allein im Haus. Mutter Täfelein war in die Stadt auf Besorgungen gefahren, und der Vater war im Wald auf Kräutersuche. Im Hofe aber hingen an den Trockengerüsten viele, viele Bündel mit Kräutern, lagen auf Gestellen – die ganze Frühjahrs- und Frühsommerausbeute des fleißigen Täfelein, in diesem Jahr nicht wieder zu ersetzen.

Da liefen die beiden und schleppten und stopften in den Trockenschuppen, und weil der übervoll wurde, nahmen sie das väterliche Bett und setzten es wieder zurück an die Seite des mütterlichen. Und all das brachten sie fertig, ehe noch die ersten Tropfen fielen, ehe noch der Himmel seine Schleusen öffnete!

Klatschnaß kam Frau Täfelein aus Berlin zurück, aber ihr erster Blick galt doch Vaters Kräutern. Und triefend kam Herr Täfelein aus dem Walde, und seine spärliche Brust hob sich von einem erleichterten Seufzer, als er seine Kräuterernte geborgen sah. An diesem Abend aber sprach der Schwiegervater zum ersten Mal wieder zu seinem Schwiegersohn. Es war aber dieser bemerkenswerte Satz: »Würden Sie mir wohl die Butter reichen, Herr Grote?«

Und die Antwort war ebenso bemerkenswert: »Bitte sehr, Herr Täfelein!«

Draußen regnete es, was vom Himmel wollte, es wäre wirklich ein Unsinn gewesen, jetzt ein Bett in den überfüllten Schuppen zurückzutragen. Herr Täfelein tat auch nichts dergleichen, sondern bestieg das Bett an Seiten seiner Frau, als hätte es nie eine Trennung gegeben. Genau so tat Frau Täfelein.

Es war aber schon dunkel, da sagte Herr Täfelein gedankenvoll: »Daß er grade meine Tees gerettet hat! Ich hätte gedacht, er müßte eine Wut auf sie haben, er würde sie ordentlich mit Lust einregnen lassen!«

»Was du auch denkst, Vater!« rief Frau Täfelein empört. »Er ist doch ein anständiger Mensch und nicht nachtragend!«

»Na ja«, meinte Herr Täfelein. »Vielleicht ist er das wirklich. Der Mensch kann sich ja irren.«

»Wenn du das man einsiehst, Vater, dann ist ja alles gut!« sagte Frau Täfelein nachdrücklich.

»Na also, dann ist ja alles gut!« sagte er nach einer langen Weile, und über der Bettritze trafen sich ihre Hände.

*

Der Ober des Rheinsberger Hotels sah zweifelnd auf das junge Paar, das sehr junge Paar, dann auf den Meldezettel, dann wieder auf das Paar. Er rückte an seiner Brille, räusperte sich und sprach: »Entschuldigen Sie – aber Sie sind doch richtig verheiratet?«

»Natürlich! Längst!« antwortete Gerhard Grote, konnte aber nicht verhindern, daß er rot wurde. Rosa begleitete ihn dabei.

»Na schön!« sagte der Ober, noch immer recht zweifelhaft. »Wir sind nämlich ein solides Haus.«

»Und welches Zimmer haben wir?« fragte Gerhard Grote, der gerne schnell dem Prüfeblick entgangen wäre.

»Nummer 6, im ersten Stock.«

»Also, wir gehen dann gleich rauf. – Es ist Ihnen doch recht so, Fräulein Täfelein – ich meine Rosa, ich will sagen dir ...«

»Nein, nein!« erklärte gewichtig der Ober und wischte den Namen Grote von dem schwarzen Gästebrett. »Ich möchte die Herrschaften doch bitten, lieber ein anderes Hotel aufzusuchen.«

»Aber wir sind wirklich verheiratet!« rief Gerhard Grote verzweifelt. »Ich kann Ihnen unsern Trauschein zeigen!«

Und er reichte ihm dem Ober.

»Ach so!« sagte der nach genauer Lektüre. »Sie sind seit heute früh erst verheiratet! Ich bitte um Verzeihung. Den herzlichsten Glückwunsch des Hauses!«

Und mit Schwung setzte er den Namen Grote wieder auf die Tafel. –

»So geht es nicht weiter mit uns, Fräulein Täfelein«, sprach Gerhard Grote in Zimmer 6 zu seiner jungen Ehefrau. »Wir blamieren uns vor aller Welt. Wir müssen es endlich lernen, uns wie richtige Eheleute zu benehmen!«

»Es ist furchtbar schwer!« klagte sie. »Und Sie haben eben auch schon wieder Fräulein zu mir gesagt!«

»Und Sie Sie!«

»Sie doch eben auch wieder!«

»Und – du auch!«

Sie sahen sich in die erhitzten Gesichter.

»Rosa«, sprach er dann und faßte sie vorsichtig bei der Hand. »Ich mache dir einen Vorschlag. Jedesmal wenn ich dich Sie nenne oder Fräulein Täfelein, muß ich dir einen Kuß geben, und umgekehrt mußt du mich küssen ...«

Sie hatte die Augen gesenkt und antwortete nicht.

Er beobachtete sie, unruhig, ob er nicht zu stürmisch vorgegangen sei.

»Es war ja nur ein Vorschlag, Fräulein Täfelein!« sagte er beruhigend.

»Ja«, flüsterte sie. »Ich nehme ihn an ...«

»Fräulein Täfelein!« rief er begeistert. »Sie sind großartig!«

»Sie haben eben zweimal Fräulein Täfelein und einmal Sie zu mir gesagt, Herr Grote!«

»Und Sie Sie – du Sie, meine ich, und Herr Grote!«

Ihre Augen lächelten, als sie sich ansahen.

»Ich fange mit Schuldenbezahlen an!« rief er mutig, und willig legte sie ihre Arme um seinen Hals.

Nach einer recht langen Zeit, in der ziemlich viel Schulden abgetragen werden konnten, sagte er übermütig: »Ich weiß nicht, ob wir's grade so lernen, Rosa. Ich bin immer in Versuchung, Sie zu dir zu sagen, bloß deswegen. Aber lernen müssen wir's. Weißt du noch, Marbach hat uns die beiden Lämmchen getauft; es wäre doch schlimm, wenn aus den Lämmchen alte Schafe werden würden.«

»Wir lernen es bestimmt«, erklärte sie und das junge Blut schimmerte durch ihre elfenbeinfarbenen Backen. »Du kannst ganz sicher sein, wir lernen's. Ich meine, Sie lernen es, Herr Grote, Grote, Grote, Grote – hast du gezählt, war es genug? – Und nun komm, jetzt will ich dir meine Schulden bezahlen!«

»Rosa!«

»Fräulein Täfelein, bitte! Ich möchte gerne, daß du immer Schulden bei mir hast!«

 

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