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Zwei zarte Lämmchen - weiß wie Schnee

Hans Fallada: Zwei zarte Lämmchen - weiß wie Schnee - Kapitel 7
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleZwei zarte Lämmchen - weiß wie Schnee
publisherVerlag Günter Richter
year1948
printrun1. - 5. Tausend
firstpub1948
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Gardinenringe

»Und sonst nichts –?« fragte der lange Marbach unzufrieden.

»Sonst nichts!« nickte ebenso unbefriedigt Herr Oberbuchhalter Pohle.

»Das ist wirklich ein bißchen wenig – finden Sie nicht?« fragte Fräulein Mieder.

»Sehr wenig!« bemerkte Herr Edmund Brummer junior mit Nachdruck.

»Heiliger Klabaster!« rief der lange Marbach nun wieder unwillig. »Ich glaube wirklich bald, dieser sanfte Grote führt nicht nur seine Rosa, sondern die ganze Firma an der Nase herum!«

»Wir müßten eingreifen!« schlug Fräulein Mieder vor.

Aber der Junior-Chef gab zu bedenken: »Es ist eine Privatangelegenheit – oder –?«

»In meinem Samtlager!« rief die Mieder. Und verbesserte sich: »In unserem Samtlager!«

»Freilich! Er hat der Firma gegenüber offiziell seine Verlobung erklärt!«

»Und nur darum sind seine Privatbesuche dort geduldet worden!«

»Ob er nicht doch ein Don Juan ist –?«

»Stille Wasser sind tief!«

»Und er hat wirklich nur gesagt, er kann den Krankenschein nicht beschaffen –? Ist er denn wenigstens dagewesen?«

»Ich weiß es nicht!« sagte Herr Pohle. »Er war nicht ganz bei sich! Er hörte überhaupt nicht, was ich fragte.«

»Und was tut er nun?« erkundigte sich Herr Edmund Brummer.

»Er sitzt an seinem Pult und lächelt – wie der leibhaftige Buddha selig«, berichtete Marbach. »Und manchmal faßt er unter die Jacke an sein Herz, als bisse ihn etwas. Dann lächelt er doppelt.«

Die vier schauten einander an.

»Etwas muß geschehen«, sagte der junge Brummer. »Schließlich kommt die Ehre des Flauses in Frage ...«

»Wir haben nie solche Geschichten geduldet! Ich werde mir den Jüngling mal privatim vorknöpfen!« Und Fräulein Mieder warf sich in die von einer Art Herrensporthemd bekleidete Brust.

»Bitte nichts Offizielles!« sagte der Junior-Chef hastig. »Sie wissen, Fräulein Mieder, mein Vater wünscht eine strenge Trennung von Privatem und Geschäftlichem!«

»Ein Krankenschein ist ein geschäftlicher Vorgang!« sagte unbeirrbar Herr Oberbuchhalter Pohle. »Und wie geschäftlich ist erst ein fehlender Krankenschein!«

»Für den aber der kleine Grote nicht einzustehen hat!«

»Wenn er doch mit ihr verlobt ist –?«

»Natürlich – wenn! Aber ist er mit ihr verlobt?«

Vier Gesichter sahen sich ratlos an.

»Dieses olle Rumpoussieren –!«

»Vielleicht ist er wirklich nur ein Stiesel –?«

»Mir machte er heute früh eher einen verschlagenen Eindruck!«

»Sie meinen damit verprügelt, Herr Pohle –?«

»Nein, listig!«

»Ach so!«

»Etwas muß geschehen!«

»Wenn die Rosa wiederkommt, und ich treffe die beiden wieder auf dem Samtlager, kann ich mich nicht mehr bezähmen – geschäftlich oder privat, Sie entschuldigen schon, Herr Brummer!«

»Bitte, bitte, ich verstehe Sie doch, Fräulein Mieder! Aber haben Sie sie denn schon ›so‹ getroffen? Sie verstehen schon! Ich meine ›so‹!«

»Nein, eben nicht! Und das wütet mich am meisten, dann wüßte ich doch, woran ich wäre!«

»Oder einer von den Herren –?«

»Nein – auch nicht!«

»Dann können wir von der Firma auch nichts tun«, schloß der Juniorchef, und Schweigen sank wieder über die Vier. Unzufriedenes Schweigen.

»Sie sind doch sonst so einfallsreich, Herr Marbach«, fing Fräulein Mieder mit einem etwas säuerlichem Lächeln von neuem an und dachte sicher an einen schokoladenen Rasierapparat. »Fällt Ihnen denn jetzt gar nichts ein? Als Kollege können Sie manches tun, was der Firma nicht möglich ist – oder wie denken Sie?«

»Lassen Sie mich bitte einen Augenblick überlegen«, sagte der lange Marbach geschmeichelt. Er legte seinen Finger gegen die Nase. »Das werden wir gleich haben!« murmelte er grübelnd. Er schloß die Augen halb. Sechs andere Augen sahen es gewissermaßen in seinem Hirn arbeiten, sie sahen es voller Hoffnung und Erwartung.

Unterdes genoß in der Buchhalterei der kleine Grote die Abwesenheit seines Kollegen. Nicht mußte er mehr heimlich mit der Hand in die Brusttasche seines Jacketts fahren: offen lag vor ihm auf den Blättern des Brummer'schen Konto-Korrents eine zwar schon arg entblätterte Rose. Für ihn aber blühte sie noch in aller purpurnen Frische, ganz abgesehen davon, daß er jedes einzelne abgefallene Blütenblatt zwischen den Seiten seines Taschenkalenders verwahrt hatte!

Er war anerkannt! Er war von ihren Eltern anerkannt worden! Der gefürchtete, vom Nimbus der Entfettungstees umwitterte Vater hatte gegrollt und war doch sanft geworden! Sie hatte die reizendste Mutter von der Welt, die immer für ihn geredet hatte! Und eine Rose war aus dem Himmel herabgeschwebt, aus der Dachstube des Himmels selbst; er liebte nicht nur, er wurde auch geliebt –!

Es war immer noch zu viel! Die Woge des Glücks war noch immer im Steigen, sie füllte sein kleines Herz bis zum Rande. Er würde eine lange, lange Zeit brauchen, sich an das Gefühl zu gewöhnen, daß dieses nie erfahrene Glück kein Traum, sondern Wirklichkeit war. Oh Rosa, Rose ohnegleichen! Oh Ratten. Krabben, Tee, oh Krankenschein! Auf und ab hatte ihn in arger Verwirrung der Fahrstuhl getragen, zuletzt ab, ganz ab zu einer herben Rüge der männlichen Mieder – und nun war er doch ganz oben über allen Fahrstühlen, Miedern, Samtlagern im wolkenlosen Himmel des Glücks, in dem nie die Sonne untergeht!

»Ich werde einfach eine Verlobungsanzeige der beiden in die Zeitung setzen!« erklärte der lange Marbach und nahm den Finger von der Nase. »Dann muß er Farbe bekennen!«

»Das verbiete ich Ihnen, Herr Marbach!« sagte der Juniorchef streng. »Das grenzt ja schon an Urkundenfälschung! Solche Dinge will ich keinesfalls in meinem Hause haben!«

»Aber ich würde es doch ganz privat von mir aus tun!« rief Marbach erstaunt. »Sie brauchten ja nichts davon zu wissen!«

»Aber ich weiß davon!« sagte Edmund Brummer scharf. »Mein Vater würde entsetzt sein!«

»Sie haben eine Neigung zu bedenkenlosen Scherzen –!« sagte auch Fräulein Mieder und dachte wieder einmal an den Rasierapparat aus Schokolade.

»Dann also nicht!« sagte der lange Marbach verständnislos aber ergeben. »Mir wird schon was anderes einfallen!«

Und wieder legte er den Finger an die Nase. Drei Augenpaare sahen erwartungsvoll auf ein viertes, halb geschlossenes.

Unterdes lag die kleine, elfenbeinfarbene Rosa Täfelein in ihrem Bett und war gar nicht elfenbeinfarben, sondern recht rot. Sie warf den Kopf von einer Stelle des Kissens auf die andere und sagte: »Er wird bestimmt heute noch kommen – das denkst du doch auch, Mutter?«

Sie wartete aber auf keine Antwort, sondern legte den Kopf wieder auf eine kühlere Stelle des Kissens, lächelte und fragte: »Habe ich dir schon das von den drei Fragen hinter der Tür erzählt, Mutter? Den ersten Kuß habe ich ihm gegeben – das schadet doch nichts, Mutter?«

»Nein, das schadet nichts – bei ihm bestimmt nichts, Rosie!« Und besorgt, die Hand auf der Stirn der Tochter: »Ich möchte doch gerne bei dir Temperatur messen, wenn Vater nur nicht so komisch wäre! Bestimmt hast du Fieber!«

»Ich habe kein Fieber, es ist nur das Glück, Mutter! Nein, laß bitte die Hand auf meiner Stirn, deine Finger sind so schön kühl! Wenn ich jetzt die Augen zumache, ist es, als flöße Wasser in mich – ich sehe richtig einen Bach fließen, mit kleinen grünen Pflänzchen auf seinem Grunde, die sich in der Strömung bewegen ...«

»Wenn sie ihm nur nicht so wegen des Krankenscheins zugesetzt hätten, würde Vater zugänglicher sein! Jetzt denkt er, er muß seine Tees gegen die ganze Welt verteidigen. Ich möchte so gerne deine Temperatur messen – nur, ich mag nichts hinter Vaters Rücken tun ...«

Die Tür öffnete sich und es erschien Reinhold Täfelein mit der blau gepunkteten Kanne. »So, das wird niederschlagen!« sagte er eifrig. »Davon wirst du schwitzen – und morgen früh kannst du schon aufstehen, Rosie!«

Sie hörte weder auf die Mutter noch auf den Vater. »Eigentlich bin ich doch jetzt eine richtige Braut«, flüsterte sie eilig. »Wenn er nur nicht so schüchtern wäre! Aber dann mag ich es auch wieder grade gerne, daß er so schüchtern ist! Ich mag die Frechen nicht. Herr Marbach ist einfach frech, aber Gerhard Grote ...«

Und sie lächelte mit geschlossenen Augen.

»Sie hat bestimmt Fieber – ob wir nicht doch einmal messen?«

»Mutter!« sagte er vorwurfsvoll. »Fängst du jetzt auch an wie die –?!

Meine Tees haben noch immer geholfen, das mußt du doch zugeben!«

»Wenn er nur von selbst an die Ringe denkt! Es ist ja so schön, wie es jetzt ist, aber richtig schön wäre es, wenn wir Ringe trügen! Mit seinem Namen und dem Datum von unserm Verlobungstag drin! Wann war eigentlich unser Verlobungstag? Als er es der Mieder sagte, wir seien verlobt, oder als ich ihm den ersten Kuß gab auf ihrem Geburtstag? Ja, solch ein Ring wäre schön ...«

»Nein, ich erzähle nicht, was ich jetzt vorhabe«, sagte der lange Marbach und nahm den Finger von der Nase. »Aber ich habe etwas vor, was sich bestimmt mit dem Ansehen der Firma verträgt.«

»Dann könnten Sie es auch Herrn Brummer und mir erzählen, finden Sie nicht?« sagte Fräulein Mieder ein wenig gereizt. »Aber vielleicht fürchten Sie doch, daß wir eine etwas andere Ansicht vom Firmen-Ansehen haben als Sie?«

»Ich tue es auch ganz privat«, sagte Marbach, überlegen lächelnd. »Niemand soll diesmal davon wissen. Aber dafür werden wir morgen früh heraushaben, ob dieser kleine Grote ein ganz gerissener Don Juan ist, oder eben so, wie es sich mit der Würde des Hauses Brummer & Co verträgt.«

In dieser Nacht maß Frau Täfelein doch heimlich vor ihrem Reinhold die Temperatur und stand sofort vor dem neuen Problem, ob sie auch heimlich einen Arzt holen sollte. An der Lösung dieses Problems aber verzweifelte sie, denn Herr Täfelein gehörte zum schrecklichen Geschlecht jener Hauskater, die immer dann nicht einen Fuß vor die Tür ihres Hauses setzen, wenn man sie sich ins Pfefferland wünscht ...

In dieser Nacht erwachte der kleine Grote von einem Stich in seiner Backe. Er lag erwacht im Dunkeln, fühlte ein Brennen, entschloß sich, Licht zu machen, und entdeckte, daß er auf dem Rosenstengel (mehr war von der Rose nicht übrig geblieben) geschlafen und sich den einzigen Dorn dieses Stengels in die Backe gebohrt hatte. Seltsamerweise machte ihn dieses noch glücklicher. Er löschte das Licht und dachte: ›Vielleicht gehe ich morgen, nein, heute schon zu ihr. Vielleicht aber auch erst übermorgen, das heißt richtig morgen ...‹

In dieser Nacht lauschte Herr Täfelein sehr lange, ob seine Eheliebste auch schlief. Als er ganz sicher war, sie tat es (sie tat es aber nicht, sondern grübelte über Heimlichkeiten vor ihm), schlüpfte auch er heimlich vor ihr aus dem Bett und in seine Kräuterkammer: es war ihm eine noch bessere Teemischung eingefallen! ›Die‹ sollten doch keinesfalls recht behalten!

In dieser Nacht meinte Rosa Täfelein in einem fieberischen Halbschlaf eine Nachtigall schlagen zu hören. Der Vogel hob immer von neuem an, und immer von neuem hob er mit seinem Gesang das kranke Mädchen aus dem beängstigenden roten Fiebergewühl auf kühle, lichte Höhen. Er sang sie empor, sie schwebte so leicht – kühl, kühl, o Wasser, o Hand auf der Stirn, du mein kleiner, schüchterner Freund, Freund für's Leben! Kommst du heute nicht, um so besser, so kommst du morgen bestimmt! Singe, Vogel, schlage, Nachtigall, immer weiter empor! Schweige nicht, sonst sinke, ich ...

Und am Morgen –

Am Morgen sah der kleine Grote auf seinem Schreibtisch vor sich liegen zwei große, runde, gelbe Gardinenringe aus Messing! Nein, nicht eigentlich Gardinenringe, sondern es waren jene noch viel größeren Ringe,, die man über die Stange einer Portiere schiebt!

Grote sah die Ringe an. Sie lagen da, waren gelb, blinkten ... »Aber ich verstehe nicht ...« fing er an. Und er hörte wieder auf.

Die beiden Ringe erschienen nicht als Einzelwesen, auf künstliche Weise waren sie ineinander verschlungen, wie eine ›8‹. Da war nun wirklich nicht viel zu verstehen, es war ein echt Marbachischer Wink mit dem Zaunpfahl!

Grote sah von den Ringen zu Marbach hin. Marbach schrieb mit einem Eifer, der jedes Hochsehen verbot. »Marbach ...« sagte Grote.

Marbach schrieb.

»Marbach!« fing Grote wieder an. »Diese Ringe –«

Marbach entschloß sich. Er legte den Federhalter hin, sah hoch und sagte lärmend: »Nun, du mein alter Fliegentöter?! Darf ich mich erkundigen, wie Euer Gnaden geruht haben? Drei Minuten zu spät auf dem Büro – was unserm trefflichen Mieder nicht entgangen sein dürfte, findest du nicht?«

»Marbach!« sagte der kleine Herr Grote unbeirrt. »Diese Ringe ...«

»Ringe, sagst du?« fragte Marbach und sah ihm bieder ins Auge. »Ringe –? Was verstehst du unter Ringen? Reimst du Ungereimtes?«

Gerhard Grote gelang es, die Hand des Weltmannes aus der Damenputzbranche zu erfassen. »Ich danke dir sehr herzlich, Marbach«, sagte er. »Verstelle dich bloß nicht, das hast du getan! Es war furchtbar nett von dir! Ich bin ja solch Kamel in sowas – von selbst hätte ich nie daran gedacht! Natürlich muß ich Ringe besorgen – es war furchtbar nett von dir, Marbach, daß du mich erinnert hast!«

Und seine Dankbarkeit war so aufrichtig, die Ahnungslosigkeit den Hintergründen dieser Ringe gegenüber so immens, daß der gewandte Marbach fast die Fassung verlor. »Ja, ja, ist ja schon gut«, sagte er und versuchte, seine Hand dem dankerfüllten Händedruck zu entziehen. »Rege dich bloß nicht so auf, Grote! Du bist – beim alten Brummer schwör ich es! – das gerupfteste Huhn des Weltalls!«

»Willst du mir diese Ringe abtreten? Ich bezahle sie dir natürlich! Ich möchte sie über mein Bett hängen, sie sollen mich daran erinnern ... Ich denke immer viel zu viel an mich! Natürlich werde ich die richtigen Ringe heute noch besorgen, und ihr vielleicht schon morgen bringen. Sie ist krank, aber ich denke, sie wird sich doch freuen.«

Und Gerhard Grote verlor sich in ein ziemlich zusammenhangloses Gefasel von Erinnerungen, Schwärmerei und Liebe, dem der überlegene Marbach mit unbegreiflicher Geduld lauschte. Er erfuhr so ohne Frage alles, was er wissen wollte. »Ich hätte es nie für möglich gehalten«, sagte er nachher zu der Prokuristin Fräulein Mieder, »aber der kleine Grote ist immer noch mehr Lamm, noch und noch! So was hat es nicht gegeben, seit Eva mit dem ersten Feigenblatt den Damenputz erfand!«

»Ich muß doch sehr bitten, Herr Marbach!« sagte Fräulein Mieder und verbarg ihre Befriedigung über die gerettete Sitte der Firma unter einem herben Ton. »Ich finde, manche Herren sollten sich an solcher Lammhaftigkeit ein Beispiel nehmen – finden Sie nicht?«

»Soviel mir bekannt ist, werden aus Lämmern immer nur Schafe« antwortete Marbach nicht weniger herb. Er begab sich zurück zum kleinen Grote, den er – zum Schaden der geschäftlichen Buchführung – in tiefem Grübeln über Aussehen, Farbe, Goldgehalt und Inschrift der Ringe fand.

»Wenn es dir schnuppe ist, was sie kosten«, erklärte Marbach, »ist doch alles in Butter, mein lieber kleiner Großer! Dann nimmst du einfach die teuersten. Das Teuerste ist immer das Beste!«

»Auf das Geld kommt es mir hierbei wirklich nicht an«, sagte der kleine Grote und setzte leise verschämt hinzu: »Ich weiß nicht, ob du es weißt: ich bin doch Hausbesitzer!«

»Was bist du –?« fragte Marbach und sah seinen Kollegen so verblüfft an, als sähe er einen Abgrund sich in einem blumigen Wiesental öffnen.

»Ja, Hausbesitzer. Noch von meinem Vater her. Vater war doch Lehrer.« Gerhard Grote war selbst bestürzt von der Wirkung seiner Eröffnung. Er setzte entschuldigend hinzu: »Es ist nur ein kleines Haus, Marbach, fünf Wohnungen und ein Laden, Kolonialwaren, verstehst du –?«

»Das ist doch allerhand!« sagte Marbach noch immer überwältigt. »Und davon hast du uns nie ein Wort gesagt! Du bist doch der verkrochenste Angeber, den ich kenne! Ein richtiggehender Minus-Angeber bist du! Und ich habe immer gedacht, du lebtest wie wir alle von deinem Gehalt!«

»Das tu ich auch, Marbach! Ich lege sogar noch vom Gehalt was zurück!«

»Aber warum denn –? Sag doch um Gottes Willen, warum –?« Und Marbach starrte den kleinen Grote mit weit aufgerissenen Augen an. »Du könntest doch leben wie die Made im Speck!«

»Warum –? Warum ich so spare –?« fragte Grote und wußte es im ersten Augenblick selber nicht. Dann aber hatte er eine Erleuchtung. »Aber doch wegen Rosa Täfelein, Marbach! Damit ich ihr schöne Ringe kaufen und damit ich ihr schöne Sachen schenken kann, damit wir uns fein einrichten können – darum doch!«

»Ach so!« sagte Marbach und beruhigte sich etwas, »du hast erst in der letzten Zeit zu sparen angefangen! Na ja, das ist etwas anderes!«

»Nein, ich habe immer schon gespart, Marbach, immer und immer!« erklärte Gerhard Grote.

»Aber da hast du die Rosa doch noch gar nicht gekannt! Oder –?«

»Nein, da habe ich sie noch nicht gekannt.«

»Aber du sagst doch, du hast nur für sie gespart, um ihr was schenken zu können!« rief Marbach verzweifelt aus.

»Ja – und das ist auch wahr!« sagte der kleine Grote feierlich, und seine spärliche Gestalt wuchs, so ganz erfüllte ihn ein Gefühl des Stolzes. »Denn ich habe es immer gewußt, daß so etwas kommen würde wie Rosa Täfelein, nicht richtig gewußt, verstehst du, Marbach, aber hier drinnen habe ich es gewußt, immer und immer!«

Und er klopfte sich auf seine schmale Brust, in der unteren Gegend des Selbstbinders, anatomisch nicht ganz richtig, aber völlig verständlich.

»Nudelbrett –!« sagte Marbach und sah seinen kleinen Kollegen fast ehrfürchtig an. »Du bist doch die verrückteste Nudel vom ganzen Nudelbrett, Grote! Aber das muß ich sagen: wenn jemand sein Glück verdient, und wenn ich jemand sein Glück gönne, dann bist du es, Grote! Aber das sage ich dir: zu dem Ringekaufen heute abend nimmst du mich mit, sonst hängen sie dir allen Scheuel und Greuel von der Welt auf – Scha... Lamm, das du bist!«

Und nun redeten sie von beiden Seiten im Goldwarengeschäft auf den kleinen Grote ein: der Inhaber wollte ihm schmale, matte Goldringe, mit einer schönen Perle besetzt, verkaufen, und Marbach empfahl ihm Ringe mit einem Brillanten. Grote aber hörte kaum auf die beiden, sondern sah nur zwei sehr breite, dicke, glänzende, gelbe Goldringe und versuchte, sich zu erinnern, wo er solche Ringe schon gesehen hatte ...

»Aber das ist doch nichts für einen Herrn wie Sie!« rief der Goldschmied verzweifelt. »Das sind ganz unmoderne Ringe, die führe ich nur noch für meine Landkundschaft! Das sind doch Ringe wie Gardinenringe!«

»Wie Gardinenringe!« sagte Gerhard Grote beistimmend, griff in die Tasche seines Jacketts, brachte die beiden messingnen Portierenringe hervor und hielt sie gegen die ländlichen Trauringe. Die sahen sofort ganz klein, ja, fast zierlich dagegen aus. »Die möchte ich doch lieber nehmen ...« sagte er, und wieder versuchte er sich zu erinnern, wo er solche Ringe schon gesehen hatte ...

»Aber Sie haben doch kleine zierliche Hände?« meinte der Goldschmied wieder. »Wie sehen denn darauf so plumpe Ringe aus –?! Wenn Sie einmal versuchen wollen ...«

Und er schob ihm den Ring auf den Finger, und sofort sah der Ring wieder viel zu breit und plump aus. Aber Gerhard Grote sah ganz zufrieden darauf, und plötzlich fiel ihm ein, wo er solchen Ring schon gesehen hatte. »Sehr schön ...« flüsterte er. Und gleich fiel ihm noch etwas ein, noch etwas hatte er ganz vergessen.

»Nein! Nein!« rief er plötzlich ganz aufgeregt, streifte den Ring vom Finger und legte ihn sanft auf das Samttablett zurück. »Nein! Nein! Ich brauche ja gar keine Ringe! Entschuldigen Sie vielmals die Mühe, die ich Ihnen gemacht habe! Entschuldige bitte auch du, Marbach, es war ein Irrtum mit den Ringen!«

Damit hatte Gerhard Grote mit unbegreiflicher Schnelligkeit seinen Hut ergriffen und war aus dem Laden verschwunden, die beiden hatten nicht einmal ›Halt!‹ sagen können.

Der Goldschmied sah den Marbach ernst an, dann tippte er sich gegen die Stirn. »Stimmt –?« fragte er.

»Jetzt glaube ich es fast selber!« sagte Marbach zustimmend. »Heiliger Kanonikus, so schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt, Schäfer zu sein!«

Mit derselben unbegreiflichen Geschwindigkeit war der kleine Grote nach Haus gestürzt, hatte nicht auf den mahnenden Ruf der Witt-Frau gehört, die ihn zu Kartoffel-Pfannkuchen rief, die sonst verbrutzelten, hatte in seinem Schreibtisch gewühlt und aus seiner hintersten Ecke einen mit Marmorpapier beklebten Karton hervorgezogen ...

Denn als er den breiten Goldreif an seinem Finger gesehen hatte, da war ihm eine zierliche, aber vollere weiße Hand eingefallen, die auch solchen Ring getragen hatte. Und es war die Hand seiner Mutter gewesen, an die er so plötzlich hatte denken müssen, diese Hand, die ihm wie ein freundlicher Gruß aus Kindertagen zuwinkte.

Als er aber an diese Mutterhand gedacht hatte, war ihm wieder eingefallen, daß er ja gar keine Ringe kaufen mußte, sondern daß die Ringe seiner Eltern bei ihm daheim in einem Kästchen verwahrt lagen, diese Ringe, die seine Eltern in einer glücklichen Ehe getragen hatten.

Nun hielt er das Kästchen, hob den Deckel ab, und zwischen dem vertrockneten Myrtenkranz der Mutter, in den Falten ihres Brautschleiers lagen in einem noch kleineren Kästchen die beiden Ringe.

Er nahm sich gar keine Zeit, sie länger anzusehen. Er klemmte sich den marmorierten Kasten mit Myrte, Schleier und Ring unter den Arm und lief von der Witt, von den Kartoffelpuffern fort – Trab, Trab zur Bahn ...

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