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Zwei zarte Lämmchen - weiß wie Schnee

Hans Fallada: Zwei zarte Lämmchen - weiß wie Schnee - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleZwei zarte Lämmchen - weiß wie Schnee
publisherVerlag Günter Richter
year1948
printrun1. - 5. Tausend
firstpub1948
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180411
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Der zornige Vater

Träumt ein Träumer, genügt ihm oft schon der Traum zu seinem Glück; er denkt nicht daran, daß andere noch etwas mehr von ihm erwarten, faßbareres als Träume. Der kleine Herr Grote, der seine Rosa Täfelein auf allgemeines Verlangen vor der ganzen Firma Brummer & Co. hatte küssen müssen, war so zufrieden mit seinem Heldenstück, daß er an irgendwelche weiteren Taten überhaupt nicht mehr dachte.

Was Rosa Täfelein dachte, erwartete, hoffte, war ihr nicht anzusehen: in unveränderter elfenbeinfarbener Lieblichkeit schaltete und waltete sie auf ihrem Samtlager und empfing Herrn Grote dort mit der gleichen sanften Freundlichkeit wie jeden und jede andere.

Viel beachtet wurde wohl, daß noch immer nichts Gedrucktes von dieser Verlobung in den Zeitungen erschienen war, aber wenn ein Bund erst einmal so öffentlich-mündlich besiegelt ist wie dieser, schicken sich auch die ärgsten Zweifler in Geduld.

So war da keiner, der den kleinen Grote ein bißchen antrieb, denn man wird doch nicht etwa glauben, daß Rosa Täfelein zu so etwas im Stande war –? Sie sagte: »Ja, Herr Grote!« – »Nein, Herr Grote!« – »Danke schön, Herr Grote!« – »Auf Wiedersehen, Herr Grote!« –, was alles in ihrem Munde sehr hübsch klang, aber mehr sagte sie nicht.

Die Tage gingen und wurden zu Wochen, und das Jahr entfaltete sich mit Laub und Blüten immer voller in den Sommer hinein, doch Herr Grote entfaltete sich nicht weiter. Rosa Täfelein blieb scheu und lieblich, und aus der Knospe ihrer beider Liebe schien keine Blüte werden zu sollen.

Da geschah es, daß eines Vormittags Herr Marbach von seinem Kontokorrent den Blick hob, ihn recht zwingend auf seinem Pult-Gegenüber Grote ruhen ließ und – als ihm das andere Auge begegnete, harmlos sanft fragte: »Was ist denn eigentlich mit deiner Braut los, Grote –?«

Sofort war Grote verwirrt.

»Was soll denn los mit ihr sein, Marbach?« fragte er. »Ich weiß nichts!«

Marbach betrachtete ihn mit ernst prüfendem Auge. »Also wirklich nichts los –?« fragte er noch einmal.

»Wirklich nicht!« beteuerte Grote.

»Komisch!« sagte Marbach und kehrte nach einem letzten ernsten Blick in sein Kontokorrent zurück.

Beinahe fünf Minuten hielt es Gerhard Grote aus. Dann sagte er schüchtern: »Du, Marbach ...«

»Fünfundsechzig, dreiundsiebzig, siebenund... vierundachtzig – einen Augenblick, bitte, Grote – einundneunzig –« er addierte immer weiter – »zweihundertsiebzehn ... Ja, bitte, Grote –?«

»Warum hast du mich denn eben gefragt? Was soll denn los sein mit Fräulein Täfelein?«

»Und du weißt es wirklich nicht?«

»Ich weiß es wirklich nicht, was du meinst!«

»Komisch!« sagte Marbach mißbilligend.

»Was ist denn so komisch?« bat Gerhard Grote flehend, denn er sah, daß es Marbach gar nicht komisch fand. »Sage es mir doch bitte, Marbach!«

»Daß ihr so komische Leute seid, das finde ich komisch!« antwortete Marbach mit düsterem Kopfschütteln. »So ein Brautpaar wie euch gibt's nur einmal.«

»Aber Marbach, ich bitte dich, quäle mich nicht länger! Sag mir doch, was los ist mit Rosa!«

»Und du sitzt hier über deinem Journal«, sagte Marbach fast drohend, »und weißt nicht, daß Rosa Täfelein seit gestern früh fehlt –?! Du, der Bräutigam, weißt nicht, daß sie krank gemeldet ist –?! Vermutlich Grippe! – Siehst du, Grote, das ist es, was ich komisch finde!«

Mit einem niederschmetternden Blick kehrte Marbach zu seiner Addition zurück.

Diesmal brauchte Gerhard Grote nicht den kleinsten Vorwand, in Fräulein Mieders Samtlager hinaufzufahren – was er allerdings besser schon gestern getan hätte, aber aus Träumerei wie Diskretion ließ er sich dort nur selten sehen.

Im Samtlager war es still und leer, aber durch die angelehnte Tür hörte er Stimmen aus Fräulein Pech I Haarhutlager. Kühn vor Angst drang er ohne Verweilen dort ein. Es waren dort in eifriger Unterhandlung über die kommende Damenhut-Herbstmode (ob Stroh oder Filz bevorzugt) versammelt die Pech I, Fräulein Mieder, Herr Edmund Brummer und drei oder vier Kunden ...

Nichts hielt den Grote, ohne Scheu drang er ein in den Kreis. »Ach bitte, Fräulein Mieder, was ist denn mit Rosa? Haben Sie Nachrichten?«

Er atmete hastig, als hätte er einen langen Lauf hinter sich.

»Sie stören, Herr Grote!« rief Fräulein Mieder in ehrlicher Entrüstung. »Sehen Sie denn nicht, daß wir geschäftlich beansprucht sind –?! Ich bitte Sie, sofort das Haarhutlager zu verlassen!«

Alle Blicke lagen auf ihm. Er wollte noch rebellieren, aber sein Mut verließ ihn, mit gesenktem Kopf schlich er zur Tür.

Sie sahen ihm nach.

Dann bewegte ein menschliches Rühren die Brust des Junior-Chefs, er ging dem Unseligen nach und sagte leise: »Gehen Sie zu Herrn Pohle – der hat mit dem Vater telefoniert!«

Fräulein Mieder räusperte sich stark. Herr Brummer eilte in die Gruppe der Verhandelnden zurück, nicht weniger schnell suchte Gerhard Grote Herrn Pohle auf.

»Ja, eine Grippe«, berichtete der ganz willig. »Viel war aus dem Vater nicht herauszukriegen. Ein etwas komischer Herr, ohne Ihren Schwiegervater in spe kränken zu wollen – nun, Sie kennen ihn gewiß auch von der Seite?«

Und er sah Gerhard Grote über seine Brille fort listig an.

»Er macht Entfettungs-Tees«, murmelte der verlegen.

»Richtig, seine Tees!« sagte Herr Pohle zufrieden, denn nun konnte er der Firma berichten, daß der kleine Grote wirklich den Vater seiner Rosa zu kennen scheine, daß die Verlobung also auch ohne Ringe offiziell sei. »Ja, seine Tees ... Er scheint ja die Tochter allein mit Tee kurieren zu wollen und weigerte sich beharrlich, einen Arzt zuzuziehen. Und wir brauchen doch einen Krankenschein! Wo kommen wir hin, wenn jeder nach seinem Kopf gesund werden wollte, ohne Arzt und Schein. Wir brauchen ihn doch als Beleg!«

Er sah Gerhard Grote traurig an.

»Wenn Sie Ihren Einfluß gebrauchen wollten, Herr Grote?«

»Ich will sehen«, sagte der Kleine verloren und entwich dem Oberbuchhalter.

Den Rest des Tages verbrachte er in schweren Gedanken, und wenn er sich aus ihnen aufraffte unter Marbachs verwundertem Blick und eine Buchung machte, so war sie bestimmt falsch. Noch heute findet sich in den Büchern der Firma Brummer & Co. (blau durchstrichen und mit rotem Ausrufungszeichen versehen) folgende Eintragung:

 

Per Unkostenkonto
An Lagerkonto
17 Entfettungstees 17.– RM. !

 

– wobei die Siebzehn das von Grote geschätzte Alter Rosas darstellen sollte – alles ein Zeichen dafür, wie weit Liebeswahnsinn auch das sanfteste Herz verblenden kann.

Der frühe Sommerabend sah dann den Bräutigam in der Bahn, wieder trug er etwas in der Hand, diesmal einen Strauß echter roter Rosen – nicht ganz so purpurn wie jene auf eine Schachtel gedruckten, die als Heiligtum seine Kommode zierten.

Doch er war sich gar nicht sicher, ob denn diese Rosen ihre Bestimmung erreichen würden. Mit den Krabben war es gescheitert, mit dem Konfekt mißlungen, und nun sollte er, ein Wildfremder, vor die gefürchteten Eltern treten und Rosa zu sehen verlangen –? Es schien ihm, trotz aller innerlich memorierten Ansprachen, ganz unmöglich! Und vor allem: würde es denn ihr auch recht sein –?

So ging er langsam vom Bahnhof zu jener stillen Straße, er nahm sich sogar die Zeit, in Erinnerung an sie vor den Standfotos des Kinos stehen zu bleiben. Freilich sah er sie nicht.

Aber die stille Straße war an diesem Abend gar nicht still. In fast allen Gärten wurde noch gewerkt, auf den Hausbänken saßen die Alten und Frauen und sahen scharf auf den fremden jungen Mann, und in der Straße selbst wirbelte es von lachenden, schreienden, tobenden Kindern.

Still und unauffällig ging Gerhard Grote bis zu der alten guten Krabbenbank, auf der er eine so schöne Nachtstunde mit ihr verlebt hatte. Er setzte sich und sah auf das Häuschen, das als einziges in der Reihe ohne Laut dalag, nicht einmal die Kräuterbündel regten sich in der stillen Sommerluft.

Nun war er am Ziel, oder fast am Ziel, aber ebensogut hätte er in der Buchhalterei bei Brummer & Co. oder in der Küche bei Mutter Witt sitzen können, so unmöglich schien es ihm, dort zu klingeln und sich den Eltern zu erklären. Er haderte mit sich, er beschimpfte sich, aber beinahe war er sich klar darüber, daß er unverrichteter Sache wieder nach Hause fahren würde. Nicht einmal den Strauß Rosen würde er auf der Türschwelle niederzulegen wagen – das konnte ihr Unannehmlichkeiten machen!

Oh, diese elende Schüchternheit! Ach, dieser ewige mangelnde Glaube an sich selbst! Es wäre ihm ja viel leichter geworden, abseits in der Stille sein Leben für sie hinzugeben, als einem fremden und wahrscheinlich bösen Vater auseinanderzusetzen, wieso er eigentlich der Bräutigam seiner Tochter war! Es war verrucht, aber es fehlte ihm alle Kraft, dies zu ändern.

So blieb ihm nur, auf der Bank zu sitzen, jenes Giebelfenster anzustarren, das er zu dem ihren ernannt hatte, und zu wünschen: ›Ach, komm doch einmal ans Fenster und sieh zu mir her! Bitte, bitte! Nur ein einziges Mal!‹

Aber sie war sehr krank. Sie lag im Bett und wurde mit Tees kuriert!

›Ach, nur ein einziges Mal sieh doch her zu mir!‹

Eine lange Zeit verging so, unter diesem Hinstarren, da verknäulte sich eine Schar spielender Kinder in seiner Nähe. Sie schrien sehr, jedes schien gegen jedes zu streiten, die Kleinen wie die Mittelgroßen, und ähnlich wie vor einem Ameisenhaufen war es unmöglich auszumachen, um was sie sich so mühten.

Plötzlich brachen alle in ein Geschrei aus: »Männe, der Leutenant! – Männe is Leutenant!«, und sie stoben davon in allen Richtungen, bis auf einen kleinen Jungen, der stehen geblieben war, eine viel zu weite Feldmütze auf den Ohren.

»Was spielt ihr denn, Männe?« fragte Gerhard Grote, dem das Herz angesichts ihres Brüderchens heftiger zu schlagen anfing.

»Urlaub auf Ehrenwort doch!« sagte der Junge, erstaunt über die Unwissenheit des Großen. »Was hast du denn in dem Papier? Doch keine Schokolade –?«

»Nein, diesmal nur Rosen.«

»Rosen haben wir selber im Garten«, sagte der Junge mißachtend.

»Das nächste Mal bringe ich dir wieder Schokolade mit. Du darfst aber nicht alle auf einmal aufessen!«

»Das macht mir gar nichts!« behauptete Männe stolz. »Weißt du noch, wie ich Euch den ganzen Kasten leer gefuttert habe –? Das war fein!«

»Aber du wurdest sehr krank davon und sagtest olle Schokolade!«

»Das war nur ein Augenblick, gleich war ich wieder gesund!«

»Und jetzt ist deine Schwester krank –?«

»Das Röschen –? Willst du zu ihr? Komm, ich bring dich. Sie langweilt sich immer so, aber ich mag auch nicht immer bei ihr sitzen.«

»Ist sie ganz allein?«

»Natürlich! Komm, mach schnell! Ich bin Leutenant, und wenn die Soldaten wiederkommen, muß ich sie alle einfangen und mächtig verhauen, weil sie zu spät kommen.«

Gerhard Grote zögerte noch immer. »Wo ist denn dein Vater?« fragte er dann.

»Och –!« sagte Männe nur und lief zum Haus hinüber.

Halb wider Willen folgte ihm der kleine Grote.

Es ging um das Haus herum auf das Höfchen, alles war still und leer. Eine Treppe führte hinter einer Tür in den Giebel des Hauses, ganz wie er es sich gedacht hatte, und diese Treppe polterte der Junge eilig hinauf.

Grote war sie erst halb hoch, da riß Männe eine Tür auf, schrie: »Röschen, da kommt er!«, und schon war er wieder treppab.

Grote klopfte gegen die halboffene Tür, ein sanftes ›Herein‹ ertönte, und er trat über die Schwelle, ihr mit einer Hand die Rosen entgegenstreckend, während die andere Hand sachte die Tür zuzog.

»Guten Abend, Fräulein Täfelein!« sagte er leise, ehe er sie noch recht gesehen hatte.

Doch nun sah er sie. Der letzte Abendglanz fiel durch das Fenster auf ihr Gesicht, aber vielleicht war es nicht nur dieser Glanz, der ihre Wangen mit ein wenig Rot gefärbt hatte.

»Sie sind es!« flüsterte sie, nicht einmal sehr erstaunt. »Nein, was ist doch der Männe für ein Junge! Sie einfach hier herauf zu schleppen!«

»Hoffentlich sind Sie mir nicht böse ...« sagte der kleine Grote. »Ich meine, wegen Ihrer Eltern ...«

»Sie werden fortgegangen sein«, erklärte Fräulein Täfelein. »Ich liege hier den ganzen Tag allein. Es ist schrecklich langweilig.«

»Ich habe es erst heute erfahren, ich meine, daß Sie krank sind.«

»Es ist nicht so schlimm. Vater meint, in einer Woche bin ich wieder auf den Beinen. Was sagen sie denn bei Brummer –?«

»Gar nichts! Ich habe nichts gehört!«, log Gerhard Grote, der nicht von dem fehlenden Krankenschein anfangen mochte. »Ich habe hier ein paar Blumen für Sie, Fräulein Täfelein ...«

»Oh wie schön! Kommen Sie, legen Sie sie auf meine Bettdecke, daß ich sie sehen kann. Wie schön sie duften; Wissen Sie noch, die Rosen auf der Konfektschachtel – die waren auch so schön! Ich habe die Schachtel nachher überall gesucht, aber sie war ganz verschwunden!«

»Sie steht daheim bei mir auf der Kommode«, gestand Gerhard Grote schuldbewußt. »Ich habe sie ganz in Gedanken mitgenommen. Jeden Tag sehe ich sie an. – Wie ist es denn bei Ihnen ausgegangen an dem Sonntag?«

»Ich habe Mutter alles erzählt«, meinte sie vorsichtig.

»Und –?« drängte er. »Und –?«

»Ach, Mutter ist so herzensgut – sie hat mich nur angesehen, mit großen Augen und hat gesagt: hoffentlich bringt es dir Glück ...«

»Und –« fragte er hastig weiter, »dein Vater, was hat dein Vater gesagt –«

Er merkte in seinem Eifer gar nicht, daß er sie mit dem vertraulichen Du angeredet hatte. Rosa wurde ein bißchen rot. Aber dann sagte sie, als habe auch sie nichts gemerkt? »Vater weiß nichts – von Ihrem Besuch.«

Sie dachte einen Augenblick nach, dann meinte sie noch: »Aber genau weiß man bei Vater nie, was er gesehen und was er nicht gesehen hat.«

»Aber du meinst, er hat nichts gemerkt? Das wäre sehr gut!« Er unterbrach sich. »Oh Gott, Fräulein Täfelein, nun habe ich zu Ihnen Du gesagt, ich bitte tausendmal um Verzeihung. Ich weiß gar nicht, wie ich dazu komme! Es muß mir direkt so rausgerutscht sein!«

Er hatte ihre Hand gefaßt und schüttelte sie in seiner Aufregung immer kräftiger. Denn er war aufgeregt. In ihm sprach es: jetzt ist der Augenblick, wo du mit ihr über die ›richtige‹ Verlobung reden kannst, dieses Du schlägt die Brücke ...

Aber sie schüttelte den Kopf. Sie hatte sich lauschend im Bett aufgesetzt, sie flüsterte: »Ich glaube, draußen ist jemand ...«

Er ließ eilig ihre Hand los, auch er lauschte. »Ich höre nichts!« meinte er dann.

Aber sie sagte ungeduldig: »Pssst!« und lauschte wieder. Es wurde hörbar ein silbernes Klingeln, ein porzellanes Klappern. »Setzen Sie sich dort auf den Stuhl!« hauchte sie hastig. »Sagen Sie irgendetwas – Vater ist so leicht mißtrauisch.«

Auf ging die Tür und herein kam ein kleiner gelblicher Mann mit einer großen blau gepunkteten Kanne auf einem Tablett. »Da bringe ich dir deinen Tee, Rosa!« sagte Herr Reinhold Täfelein sanft. »Ich habe diesmal noch Schafgarbe zugesetzt, Schafgarbe wird dir besonders gut tun, Röschen!« Er unterbrach sich. Er hatte den Besucher erschaut und verwirrte sich. »Besuch!« flüsterte er. »Besuch in der Abendstunde! Ich will nicht stören. Ich bitte um Entschuldigung ...«

Und er machte Anstalten, sich samt dem Tee überstürzt zu entfernen.

»Bitte, Vater, bleib doch!« rief Rosa. »Es ist doch Herr Grote – vom Geschäft! Herr Grote will sich nur erkundigen ...«

»Ja, ich will mich nur erkundigen ...« bestätigte Gerhard Grote, der immerzu über das ›Irgendetwas‹ gegrübelt hatte, das er sagen sollte.

»Ich störe bloß ...« sagte der Vater und bewegte sich gegen die Tür.

»Erkundigen, wie es mir geht«, fuhr Rosa Täfelein fort.

»Wie es Ihrer Tochter geht ...« kam Grotes Echo.

»Stören ...« flüsterte der Vater und hatte die Klinke in der Hand.

»Und wegen des Krankenscheins«, sagte erleuchtet Gerhard Grote, der endlich das ›Irgendetwas‹ entdeckt hatte.

Die Bewegung aus der Tür hörte plötzlich auf. Reinhold Täfelein zeigte nicht mehr den Rücken, er bot dem Feind die Stirn, er dachte an keine Störung mehr. »Der Krankenschein!« sagte er. »Das habe ich mir doch gedacht! Der Krankenschein!« Seine Stimme wurde immer fester und streitlustiger. »Sie sind der Herr Pohle, mit dem ich telefoniert habe, wegen des Krankenscheins!«

»Aber nein, Vater!« rief Rosa Täfelein beruhigend. »Dies ist Herr Grote. Herr Oberbuchhalter Pohle ist mindestens dreißig Jahre älter. – Und einen Bauch hat er auch!« setzte sie mit einem fast zärtlichen Blick auf den kleinen Grote hinzu.

Doch der Vater hörte gar nicht die Stimme der Tochter. Stärker erklirrte das Teetablett in der Hand des sich Erregenden. »Sie werden keinen Krankenschein bekommen!« rief er drohend. »Ich lasse meine Tochter weder allopathisch noch homöopathisch vergiften – nicht für alle Scheine der Welt! Ich gebe ihr Tee! Aus den Wurzeln, aus den Blättern, aus den Stielen, aus den Blüten, aus den Früchten ziehe ich die heilende Kraft mit dem reinen Wasser, durch reines Feuer zum Sieden gebracht!«

»Er ist ja gar nicht wegen des Scheines gekommen, Vater!« rief Rosa Täfelein. »Sieh doch nur, er hat mir Rosen mitgebracht!«

Aber Gerhard Grote verdarb wieder alles. »Der Schein ist doch nur eine Formsache, Herr Täfelein!« sagte er erklärend. »Wir brauchen ihn auf der Buchhaltung als Beleg. Sie können doch einen Arzt rufen und Ihrer Tochter doch weiter Tee geben!«

»Kein Doktor betritt dieses Haus!« rief Herr Täfelein dagegen. »Keines dieser – Rezepte wird hier geschrieben! Ein Beleg! Ein Giftschein! Lieber soll Rosa nie wieder Ihr Geschäft betreten, ehe ich ihre Gesundheit für einen solchen Schein gefährde!«

»Vater, bitte, sieh dir doch die Rosen an!« bat Rosa noch einmal. »Herr Grote, sagen Sie doch bitte Vater, warum Sie wirklich gekommen sind.«

»Wirklich, ich wollte mich nur erkundigen ... Weil ich nämlich mit Fräulein Täfelein befreundet bin, ich meine, weil ich sie sozusagen kenne, vom Samtlager her ...«

»Rosen!« sagte Herr Täfelein. »Befreundet! Samtlager! In der Abendstunde! Nein, ich verstehe schon, Sie sind doch der Herr Pohle ...«

»Aber, Vater, Herr Pohle hat einen Bauch!«

»Bauch!« sagte Herr Täfelein, sah dem armen Grote auf die Weste und schloß fest den Mund. Dann: »Sie haben von dem Krankenschein angefangen, Sie wollen Rosa überreden – wahrscheinlich haben Sie schon einen Doktor heimlich in Bereitschaft ...!

»Aber wirklich nicht! Ich bin wirklich nur ...«

»Haben Sie von einem Krankenschein geredet oder nicht?«

»Ja – aber ...«

»Genug! Sie gehen, mein Herr! Es tut mir leid, ich bin ungern unhöflich, aber es muß sein! Sie gehen diese Treppe hinunter – nein, Sie brauchen sich nicht von meiner Tochter zu verabschieden, vielleicht wollen Sie ihr nur etwas zuflüstern ...«

»Aber ich bitte Sie, Herr Täfelein ...« Gerhard Grote warf einen flehenden Blick durch die Tür, er stand schon vertrieben auf dem Vorplatz.

»Nichts!« sagte Herr Täfelein entschieden. »Nichts mehr! Ich begleite Sie! Ich will mich überzeugen, daß Sie auch richtig aus dem Haus kommen. Noch ist Rosa meine Tochter, ich dulde keine fremden Einflüsse ...«

Über die Treppe klirrte das Tablett. »Und ich verbiete Ihnen«, fuhr Herr Täfelein mit immer stärkerer Stimme fort, »ich verbiete Ihnen für heute und immer, mein Haus zu betreten! Meine Tochter wird auf meine Art gesund!«

»Ich flehe Sie an«, bat Gerhard Grote, der wieder einmal all seine Hoffnungen entfliehen sah, »hören Sie mich nur einen Augenblick an! Es liegt wahrhaftig ein Irrtum zu Grunde! Ich bin nicht wegen des Krankenscheins gekommen ...«

»Lügen Sie nicht auch noch, junger Mann!« sagte Herr Täfelein traurig. »Die Lüge schändet jeden Menschen, am meisten aber die Jugend!« Er drängte stärker gegen Gerhard Grote an, der sich mit einer Hand am Treppengeländer festhielt. Auf dem Tablett kam der Tee zum Wanken. »Sie selbst haben von dem Krankenschein gesprochen ...«

»Ich habe damals gelogen«, sagte der kleine Grote hastig. »Oder vielmehr: ich habe nur einen Teil der Wahrheit gesagt. Ich bin auch wegen des Krankenscheins gekommen ...«

»Da sehen Sie es!« frohlockte Herr Täfelein. »Und jetzt gehen Sie!« Der Kleine drängte stärker gegen den Kleinen. Die letzten Treppenstufen lagen vor ihnen.

»Ich bin befreundet mit Ihrer Tochter!« rief Gerhard Grote mit dem Mute der Verzweiflung. »Hören Sie mich an, ich bin doch Rosas Freund! – Das heißt –« »Die nackte Deutlichkeit des Satzes eben erschreckte ihn. »Das heißt, ich meine damit ...«

»Nun, was meinen Sie damit, Herr Pohle?« fragte der Vater und hatte den Besucher jetzt auf dem Hinterhöfchen. »Wie soll ich das verstehen, daß Sie Rosas Freund sind –?!«

»Aber gar nicht!« beeilte sich bestürzt Gerhard Grote. »Nicht so, wie Sie denken, Herr Täfelein! Ich verehre Ihre Tochter, ich ...«

»Pssst! Pssst!« klang es sanft aus dem Küchenfenster. Eine freundliche Frau lehnte daraus. In ihrem runden Gesicht erkannte Gerhard Grote ferne die zarte Lieblichkeit der Tochter.

»Pssst! Pssst! Nicht jetzt! Das ist der junge Herr Grote, nicht wahr?«

»Ja!« sagte Gerhard Grote kläglich.

»Rosa hat mir schon von Ihnen erzählt, Herr Grote. – Das ist ein Kollege von Rosa, Vater«, fuhr sie zu ihrem Mann gewandt fort. »Er hilft Rosa oft hei den schweren Kartons. – Aber du stehst hier ja wirklich auf dem Hof, Vater, mit dem Teetablett! Der Tee muß längst kalt sein! Gib ihn mir, Vater!«

Der Vater Täfelein tat nichts dergleichen. »Tee!« sagte er. »Guter gesunder Tee, jede Pflanze von mir gesammelt, kein Massendreck!« Ein zärtlicher Blick ging von der blaugepunkteten Kanne zu den Kräuterbündeln, die sich leise raschelnd an ihren Stricken im Maienwind bewegten. »Tee, der Rosa, der jeden gesund macht! Schafgarbe, Lindenblüte, Zitronenmelisse, Holunder ... Und er will einen Krankenschein von mir! Mutter, ich soll einen Arzt zu Rosa holen!«

»Nun«, sagte Frau Täfelein, gar nicht niedergeschmettert von dieser Eröffnung, die ihren Mann so erregte. »Er wird tun müssen, was sie ihm im Geschäft aufgetragen haben! Nicht wahr, Herr Grote?«

Grote nickte kläglich mit dem Kopf.

»Aber er hat gelogen, Mutter!« rief Herr Täfelein. »Er hat selbst zugegeben, daß er gelogen hat! Einmal sagt er, er ist wegen des Scheins gekommen, und dann wieder, weil er ein Freund von Rosa ist!«

»Ist er das nicht auch, Vater?« fragte Frau Täfelein sanft. »Wo er ihr doch die schweren Kartons von den Regalen hilft?«

Einen Augenblick standen die beiden Männer stumm, plötzlich ordnete sich ihnen unter dem sanften Frauenwort die verwirrte Welt. »Aber ...« fing dann Herr Täfelein wieder an, doch nur schwach ...

»Aber er kann ja aus beiden Gründen gekommen sein«, fuhr die sanfte Frau Täfelein fort. »Wegen des Scheins, weil sie's ihm im Geschäft aufgetragen haben, und sonst eben aus Freundschaft ...«

»Er hat ihr Rosen mitgebracht ...« gab Herr Täfelein zu.

»Ja!« sagte Gerhard Grote, plötzlich ganz begeistert. »Wegen des Scheins, der ist mir ja so egal! Um den mache ich mir keine Sorgen! Rosa soll nur soviel Tee trinken, wie sie will! Sie soll nie einen Doktor brauchen! Aber ich hatte soviel Angst, sie könnte wirklich krank sein, sehr krank ...«

Sie sahen ihn jetzt beide wohlwollend an, sogar der böse Herr Täfelein. Der kleine Grote war glührot und grenzenlos verlegen und selig aufgeregt. Die Worte verwirrten sich in seinem Mund, die Sätze schossen wie Kometen durch sein Hirn – gleich, gleich würde er so weit sein, ihren Eltern zu sagen, daß er sie grenzenlos liebte, mehr als alles in der Welt! Und bebte doch zurück vor dem Aussprechen des kleinen Wörtchens ›Liebe‹ –, hatte er es doch noch nicht einmal zu ihr zu sagen gewagt!

»Ich ...« sagte er. »Ich bin wirklich ihr Freund ...« Er verwirrte sich. »Die Kartons sind wirklich manchmal sehr schwer. Und wenn ich nur klein bin, Muskeln habe ich! Ich hantele jeden Morgen! Und wie das damals mit der Ratte war ...«

»Ich weiß, Herr Grote«, sagte Frau Täfelein sanft.

In dem offenen Giebelfenster über ihnen erschien eine kleine, elfenbein getönte Hand, von niemand gesehen. Aber was aus der Hand auf den Hof hinabschwebte, Gerhard Grote, leicht an der Nase streifte und zu seinen Füßen liegen blieb, das sahen sie alle ... Eine dunkelrote Rose war es, die der kleine Mann langsam und andächtig aufnahm und betrachtete – wie ein Rosenwunder!

»Gib mir den Tee, Vater!« sagte Frau Täfelein aus dem Küchenfenster. »Ich brühe gleich frischen. Und vielleicht bringt ihn dann Herr Grote der Rosa hinauf?«

Gerhard Grote erwachte aus seiner Verzückung. »Nein! Nein!« rief er fast angstvoll. »Bitte nicht! Bitte, bitte nicht! Es ist zuviel auf einmal! Ich bin sowas nicht gewöhnt!«

Er sah von der Mutter zum Vater, er sah zu dem Fenster hinauf.

»Ich habe doch die Rose!« flüsterte er. »Die Rose ist genug für heute abend!«

Und ganz unvermittelt: »Gute Nacht!«

Die dunkelrote Rose in der Hand entfloh er, unter den raschelnden Kräuterbündeln fort, durch die weiße Gartenpforte mit der Inschrift:.

 

›Reinhold Täfelein –
Entfettungstees‹

 

hindurch, in den weiten bergenden Mantel der Dämmerung hinein.

In dieser Nacht sahen viele Berliner einen närrischen kleinen Menschen, in der Schnellbahn, auf Straße und Plätzen, der eine einzelne Rose aufrecht vor sich in der Hand trug, wie eine Fahne. Manchmal roch er an ihr, dann stolperte er leicht oder stieß an andere – aber er merkte nichts! Er ging daher im Traum – er träumte davon, daß er nicht mehr allein war im Leben, daß er nie wieder allein sein würde. Diese Rose war das Unterpfand dafür, diese Rose von Rosa Täfelein!

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