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Zwei Nächte zu Valladolid

Joseph Christian von Zedlitz: Zwei Nächte zu Valladolid - Kapitel 6
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authorJoseph Christian von Zedlitz
titleZwei Nächte zu Valladolid
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Fünfter Aufzug.

Platz vor dem Gartenhause, wie im ersten Akt. Fugaçe's Leichnam liegt verhüllt auf den Stufen des Einganges. Es ist mondhelle Nacht.

Erste Scene.

Don Garcia.

(in einen Mantel gehüllt, von der Reise kommend).

Ihr Himmelsmächte, schirmt mich vor mir selbst!
Gebt meinem Herzen Ruh', dem Geiste Licht,
Und die Besonnenheit, die sieht, was ist;
Indeß der Argwohn, wie ein Traum der Nacht,
Der Seele Dunkel mit Gestalten füllt,
Halb wahr und lebend, Luftgebilde halb,
Gezeugt aus gift'gen Dünsten des Gemüths,
Die, wie die Lichter auf des Sumpfes Moor,
Den späten Wandrer locken in die Irren,
Der Seele Rathschluß wissen zu verwirren.
Nein, nein, 's ist nichts! – Und doch! –
Warum, von Grau'n getrieben, jagt' ich her?
Und nun ich komm' an meines Hauses Pforte,
Faßt mich im tiefsten Marke kalte Angst?
Nicht vorwärts wag' ich mich, und gleich dem Diebe,
Der furchtsam, zagend fremder Wohnung naht,
Beb' ich zurück vor meinem eignen Hause!
Mich schreckt die Schwelle, die ich oft betrat,
Als wäre sie gebannt durch Zauberspruch,
Und böse Geister lagerten an ihr,
Den Eingang wehrend dem Gebieter selbst. –
Thor, der ich bin! belachenswerther Thor!
Nein, nein, 's ist nichts! – Und doch! –
Was sich in des Busens Grund
Tief verbirgt als scheues Ahnen,
Eine Stimme, Geistermund,
Der sich anthut, mich zu mahnen
An ein Weh, unnennbar schwer,
Die Gestalt, die vor mir steht?
Wie die Säule fest, nicht geht,
Nicht wandelt! – Nimmermehr!
Nein, das ist kein Trug, kein Wahn;
Nicht des Argwohns Stimme bloß! –
Nuñez! – Ha, faßt mich nicht an!
Nieder, nieder, Scorpionen,
Schlafet ein, gebt Ruh' – laßt los!

(Er eilt gegen das Haus und erblickt den Leichnam.)

Wer liegt am Eingang hier? Erhebt Euch! auf!
Wie? kalt und starr! – Bei Gott! ein Leichnam ist's!
Bin ich bei Sinnen? Aefft die Hölle mich?
Den Todten kenn' ich! – war es nicht – ? Verflucht!
Fugaçe ist's! Er, den mein Weib geliebt!
Welch neu Geheimniß ruhet hier verhüllt? Jagt' ich dem Schatten meines Argwohns nach,
Indeß – ? O Erd' und Himmel! Trug, Trug überall! –
Mir wirbelt's im Gehirn, mein Haupt wird wüst! –
Was zaudr' ich länger? Fort! hinein zu ihr!

(Geht in das Haus.)

Zweite Scene.

Don Nuñez (tritt hervor).

Er ist ins Haus! – Verderben über ihn!
Verderben über ihn und über sie!
Tob' immer her in deiner blinden Wuth;
Dich hetz' ich, daß du rasest! – Ja, beim Teufel!
Geworfen ist das Loos! – Auch ist's zu spät!
Schon beichtet ihm Estela, klagt mich an.
Damit sie weiß erscheine, werd' ich schwarz;
Dann folgen Seufzer, Schwüre, Händeringen –
Der rauhe Panzer schmilzt von Weiberthränen,
Wird weich – und ich! – Nein, nein! – Was kümmert's mich! –
Was auch geschieht – mein Leben ist mir feil
Um eine taube Nuß! was kümmert's mich! –
Wär' er an meiner Statt, er thät' das Gleiche.

(Zieht sich zurück).

Dritte Scene.

Don Garcia, eine Fackel in der Hand, die er beim Heraustreten an eine Säule steckt. Donna Estela.

Estela.

Bei jenem Todten, der von diesem Leib
Schuldlose Ursach' ist, das mich betroffen,
Beim ew'gen Heil, aus das wir alle hoffen!
Kein Wort der Wahrheit, Herr, verhehlt' ich Euch.

Garcia.

O, Lüge! Lüge! bodenlose Lüge!

Estela.

Glaubt, mein Gemahl, wie hart mich auch der Schein
Verletzter Pflicht bezüchte, daß er trüge,
Wie laut er spricht, er ist ein Geist der Lüge,
Und Eure Ehre, Herr, ist makelrein.

Garcia.

Ein Mann bei ihr des Nachts, bei Garcia's Weibe!
Der sey verflucht, der noch an Treue glaubt!
Die Welt betrog mich all mein Lebenlang,
Falschheit und Tücke wurde mir zum Lohn,
Wenn ich ein überwallend Herz voll Huld
Gezeigt dem menschlichen Gezücht! – Darob
Ergrimmt' ich, und Verachtung, Haß
Gab ich dafür zurück, ein volles Maß.

Estela.

O mein Gemahl!

Garcia.

So that ich klug. Da kam
Die Gleißnerin: die Stimme Flötenlaut,
Der Athem Duft, die rührende Gestalt
Gleich Engelsbildern, und im Antlitz ihr
Ein ganzer Himmel! – Und ich blöder Thor,
Von Gott verlassen, schmolz dahin; und weit,
Weit weg von mir die Lehren der Erfahrung
Ließ ich, und gab Vertrauen ohne Maß
Der einzigen! Mit Andern war ich rauh;
Mild, wie die Sommerluft, war ich mit ihr! –

Estela.

O, mein Gemahl! verdammt nicht ungehört.

Garcia.

Ja, wer dich anhört, buhlende Sirene,
Wer unbedachtsam deinen Schmeichelworten
Hinneigt das Ohr, den süßen Wohllaut trinkt,
Einschlügt das Gift der seelenvollen Töne –

Estela.

Vom Herzen kommen sie, laßt sie zum Herzen
Euch dringen, mein Gemahl.

Garcia.

Fluch deinem Zaubersang!
Zum Abgrund lockt dein buhlerisches Lied!

Estela.

O, seyd barmherzig! denkt zurück, o Herr!
Könnt Ihr mich zeihen des geringsten Fehls?

Garcia.

Spart Eure Worte, schnöde Heuchlerin,
Sie tauschen nicht zum zweitenmal mein Herz!
Kein Mährchen gnügt zum Mantel Eurer Schuld.

Estela.

O, sende einen Zeugen, ew'ge Macht,
Der, Wahrheit kündend, für die Unschuld spricht!
Send' einen Boten aus, der mit dem Licht
Des Rechts einhertritt in die dunkle Nacht!

Vierte Scene.

Vorige. Don Nuñez.

Nuñez.

Mein Bruder, glaubt Ihr nicht! Hört mich; sie lügt.

Estela.

Ha, Geist des Abgrunds, was versuchst du mich?

Garcia.

Seyd Ihr noch wach, Don Nuñez? Eben recht;
Ihr durftet hier nicht fehlen.

Nuñez.

Glaubt ihr nicht!

Was sie Euch auch gesagt, 's ist eitel Trug.
Ihr Kläger tret' ich auf, Stirn gegen Stirn;
Sie mag's versuchen, sich zu reinigen.

Garcia.

Sprecht, sprecht! Ich habe Gründe, wenn Ihr klagt,
Euch zu vertraun.

Estela.

Ihr kennt –

Nuñez.

Spart Eure Mühe!
Was Ihr enthüllen wollt, gesteh' ich selbst.
Ja, Garcia, ich läugn' es nicht: mit Neid
Sah ich die Hand, um die ich einst geworben,
Gefügt in Eure.

Garcia.

Laßt das; schweigt davon!
Nur um der Sache Wahrheit handelt sich's,
Nicht, was Euch eben treibt, sie zu entdecken.

Nuñez.

Auch muß ich bekennen – und nicht weigr' ich mich
Deß, wenn Ihr's fordert, Euch genug zu thun –
Daß ich gewagt, in unbewachten Stunden,
Der Dame zu gestehn, was ich empfunden.
Auch bin der Donna ich das Zeugniß schuldig,
Daß sie mit strengem Zorn mein Wort bestraft.
So stand sie vor mir da in hoher Tugend,
Bis ich in vor'ger Nacht es selbst erprobt,
Ein leerer Schimmer habe mich getäuscht;
Was mir gegolten, gelte nicht für Alle.

Estela.

Verleumder!

Garcia.

O verflucht!

Nuñez.

Hört, dann entscheidet!
Ein Maurensklave, lang in meinem Dienst,
Erzählt mir gestern Nachts, daß sich ein Mann
Vermummt in Euer Haus geschlichen. Ich,
Erstaunt, will es nicht glauben, widerspreche;
Allein der Mann besteht auf seinem Wort,
Und schwört, er rede Wahrheit. So beginn'
Auch endlich ich dem Zweifel Raum zu geben,
Und mich zu überzeugen, eil' ich fort;
Doch wie ich Eurem Hause nahe bin,
Erkannt' ich Euch, mein Bruder: unvermuthet
War't Ihr zurückgekehrt.

Garcia.

Dieß Zeichen trifft;
So war's.

Nuñez.

Einmal dem Schlaf entflohen, ging
Ich, in Gedanken wandelnd, lang' umher
Und gegen Morgen erst kehrt' ich zurück.
Dem Diener sag' ich seinen Irrthum; doch
Er schwört auf's Neue, daß er recht gesehn.
Nicht Ihr, den er ja kennt, ein andrer Mann
Sey eingelassen worden. Sein Betheuern
Ruft auch in mir den Argwohn wieder wach
Und noch einmal kehr' ich hierher zurück.
Ich öffne Thor und Gitter, trete ein –
Da trifft mein staunend Auge Euer Weib
In eines Mannes Armen!

Garcia.

Weh!

Estela.

Ihr lügt!

Garcia.

Beim Heile meiner Seele! er spricht wahr.

Nuñez.

Da brach der Eifersucht empörter Sturm
Die Schranken der Besinnung! Wuthentbrannt
Glaub' ich mich selbst beleidigt – meine Ehre,
Mein Herz verrathen – ziehe meinen Dolch –

Estela.

Seyd Ihr von Sinnen?

Nuñez.

Ziehe meinen Dolch,
Und nieder in den Armen seiner Buhlin
Stoß' ich den Schurken!

Estela.

Unverschämte Lüge!

Garcia.

Er redet wahr! Bei Gott, so ist's geschehn.

Estela.

Bei meiner Seligkeit, Don Nuñez lügt!

Garcia.

Ihr habt sie auch geliebt; ich sehe klar!
War't Ihr auch nicht ihr Gatte, habt Ihr doch
Um sie gefreit wie ich, und wolltet's werden.
Der Schande Mitgenoß war't Ihr wie ich.

Estela.

Unsel'ger Irrthum, der Euch überfällt!

Garcia.

Ich sollte glauben, was nicht glaublich ist,
Ein Mährchen, schnell erfunden in der Angst?
Nein, nein! Hell liegt die Wahrheit vor dem Blick!
Beim ew'gen Gott! gekränkter Liebe Arm
Hat hier Gericht gehalten.

Estela.

Das ja ist
Der Hölle feinster, listigster Betrug,
Daß, wenn den Geist sie, sinnverwirrend, blendet,
Die Lüge Wahrheit scheint, und Wahrheit Lüge!
Laßt Euer edles Herz nicht Wahn bethören;
Blickt jenen Leichnam an! – Betrachtet ihn!
Kein Dolch hat ihn verletzt, und keine Wunde:
Die Hand des Himmels gab ihm milden Tod.

Nuñez.

Nun, so blickt her und straft den Todten Lüge!

(Er hebt den Mantel von Fugaçes Leichnam, ein Dolch steckt in seiner Brust.)

Estela.

Heiland der Welt! so ist er nicht gestorben.

Garcia.

O, all' ihr Geister, die ihr Sünde straft,
Rauscht nieder um mich her! seyd mir zu Dienst,
Wenn ich auf neue Martern sinnen muß,
Für solche Frevel! – Ob die Augen ich
Ihr blend' auf ewig, die, der Lüsternheit
Voreil'ge Diener, weckten die Begier – ?

Estela.

Gönnt mir ein Wort –!

Garcia.

Die Zung' entreiß' dem Munde,
Der, Liebe stammelnd, süßen Hauch geflüstert
Dem Buhlen – ?

Estela.

Hört mich an! Laßt Euch beschwören!

Garcia.

Der Athen, Eures Mundes schon ist Lüge! –
War dieser Mann bei Euch des Nachts verborgen,
Bei Euch, als ich, drei Schritte nur entfernt
Von meiner Schande, sorgenlos entschlief?

Estela.

Er war bei mir, mein Mund hat es bekannt.

Garcia.

Und warum jetzt erst, warum damals nicht?
Was hieß Euch schweigen? Tod und Teufel! was?

Estela.

Die Angst – mein bös Geschick!

Garcia.

Dein bös Gewissen!
Er war bei dir des Nachts, was braucht es mehr?
Folg' ihm zur Hölle! Dorthin send' ich dich!
(Durchsticht Estela.)

Estela.

Ich bin des Todes! – Gott!

Garcia.

Er sey Euch gnädig!

Fünfte Scene.

Vorige. Der Corregidor. Gefolge mit Fackeln. Lisarda. Achmet gefangen.

Corregidor.

Don Garcia! haltet ein!

Garcia.

Zu spät.

Lisarda.

Weh mir!

Corregidor.

Unseliger!

Lisarda.

Sie ist getödtet – stirbt!

Garcia.

In Euer Amt, o Herr, Hab' ich gegriffen.
Ob furchtbar scheint die That, sie ist gerecht.
Schmach, Herr, ist mir geschehn: ich gab den Tod,
Den Tod für Schmach – mein Urtheil ist gerecht,

Corregidor.

Wahnwitz'ger Thor! von blinder Wuth bethört!
Ein Richter Ihr? – Ein Henker war't Ihr nur!

Estela.

An Eurer Ehre seyd Ihr ungekränkt;
Ich sterbe schuldlos.

Garcia.

Nein! nein, sag' ich, nein!
Ihr seyd deß Zeuge, Nuñez!

Corregidor.

Armer Mann!

Garcia

Sprecht, Nuñez! redet Ihr! – Verflucht! Ihr schweigt?
O ew'ger Gott! – Wenn Ihr – Weh mir! wenn's wäre!

Corregidor.

Zu spät zur Rettung rief Lisarda mich,
Doch meines Amts zu walten nicht zu spät!
(Zur Wache, auf Nuñez deutend.)
Führt ihn zur Haft.

Nuñez.

Mich, hoher Herr? Warum?

Corredigor.

Hier, diesen Maurensklaven, der das Haus,
Verdächtig böser Absicht, Nachts umschlich,
Ergriff die Wache. Vom Gericht befragt,
Bedroht mit harter Strafe, hat sein Mund
Bekannt die Frevel Eures bösen Sinns.
Und so, noch einmal, in des Königs Namen
Verhaft' ich Euch.

Nuñez.

Reicht solches Zeugniß hin,
Mich zu verdammen?

Corregidor.

Unerwiesen – nein!
Doch einen zweiten Zeugen seht vor Euch:
Des Hauses Dienerin.

Lisarda.

Was ich bekannt,
Mit meinem Leben will ich es verbürgen,
Deß sey der Himmel Zeuge mir!

Corregidor.

Verhält sich's so–
Und daß sich's so verhält, wer zweifelt noch? –
Seyd Ihr verbannt aus dieses Reiches Grenzen
Auf ew'ge Tage; zu gelindes Loos
Für so beflecktes Leben! – Geht, Alkalde,
Nehmt seinen Degen und begleitet ihn.

Nuñez.

Ich bin in Eurer Hand; thut, wie Ihr dürft.

Corregidor.

Ich weiß genug! hinweg!

(Nuñez wird abgeführt.)

Garcia.

Ich Thier! ich Thier!
O rettet, helft!

Lisarda.

Umsonst! Sie ist dahin!

Garcia.

Bohrt mir ins Herz! reißt meine Adern aus!
Mein Blut laßt fließen! Weh! staunt mich nicht an!
Ich habe sie geliebt! beim höchsten Gott!
Ich habe sie geliebt wie meine Seele!

Estela.

Ihr gabt mir Friede! Dank sey Euch dafür!

Garcia.

Die Hölle lockte mich zu böser That!

Estela.

Die Reue sühnt! –

Garcia.

Gabst du den Degen selbst mir in die Hand,
Daß ich ihn färben sollt' in deinem Blut?
Brich, ehrlos Schwert – du bist befleckt auf immer!

Lisarda.

O ew'ge Vorsicht!

Estela (zu Garcia).

Reicht mir Eure Hand –
Und wie ich Euch verzeihe – richt' euch Gott! –

(Sie sinkt sterbend neben Fugaçes Leichnam hin.)

Garcia.

Estela! – Herr! – sie stirbt!

Lisarda.

Sie ist dahin!

Corregidor.

Dem müdgehetzten Unglück gab der Tod
Die letzte Freistatt, wo es niemand stört.

Garcia.

Ja, all' ihr mühsam Leid, es ist gewesen,
Und ihre Schmerzen haben aufgehört;
Doch meiner Schuld macht Tod mich nicht genesen!
O, daß ihr nie erfahren möget, nie:
Um wie viel schwerer oft zu leben sey,
Als auszuscheiden aus der Welt voll Qual!

(Der Vorhang fällt.)

Ende des Trauerspiels.

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