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Zwei Nächte zu Valladolid

Joseph Christian von Zedlitz: Zwei Nächte zu Valladolid - Kapitel 5
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authorJoseph Christian von Zedlitz
titleZwei Nächte zu Valladolid
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Vierter Aufzug.

Gartensaal wie im vorigen Aufzuge.

Erste Scene.

Estela.

(tritt aus der Blende und zieht den Vorhang zu).

Wie er schlummert so süß! –
Es schwebt ein Lächeln spielend um den Mund,
Als thät' es holde Träume kund!
O, Seliger, sprich!
Ist's drüben, wo du wohnst, so gut,
Daß jedes herbe Leiden ruht?
Wird drüben die Perle zur Thräne nicht? –
Hier ist es finster, trüb, gewitterschwer,
Und wilde Stürme brausen her;
Ich sehne mich der Ruh' und Stille zu,
Bin todesmüd und matt, wie du.
Ein ewiger Schmerz,
Eine Wunde das Herz!
Wo ist der Trank, der Balsam, wo? – Wo weilt
Der Arzt, der Schmerz und Wunde heilt? –
Horch! Dort – es rauscht! –
Nein, nein! 's ist nichts, – Du nur hast mich belauscht,
Vertraute Nacht! siehst, wie mich frevelnd Sehnen
Hinzieht zu ihm, ich schwelg' in Thränen;
Wie ich an's Herz des Leichnams mich geschmiegt,
Und Todesschauer sich in meiner Brust
In grause Wonnen wandeln und in Lust.

Zweite Scene.

Estela. Lisarda.

Mit guter Botschaft komm' ich, fasset Muth!
Bald könnt Ihr Eurer Angst entledigt seyn;
Gleich ist Don Nuñez hier,

Estela.

Nuñez? – O Gott!

Lisarda.

Ihr bebt mit Recht; nichts Gutes kommt von ihm.
Doch, wie verzweifelt auch die Hülfe sey,
Nach der wir greifen, noch verzweifelter
Ist unsre Lage. – Nur mit Mühe hielt
Ich die Geschäftigkeit der Diener fern
Von dieser Thür, und ohne Argwohn nicht
Sind sie geblieben, daß vor ihrem Blick
Man hier Geheimes zu verbergen strebe.
Bald, mein' ich, kehrt Don Garcia zurück.
Mit jedem Augenblick, der ungenutzt
Verrinnt, entschwebt die Hoffnung des Gelingens,
Entflieht die Rettungszeit, wächst die Gefahr.

Estela.

Nicht so, Lisarda, nichts von Heimlichkeit,
Nichts mehr von schlau ersonnenem Betruge!
Was auch geschehen mag, beschlossen ist's:
Die Wahrheit red' ich, wenn mein Gatte kehrt.

Lisarda.

Wo denkt Ihr hin? Besinnt Euch doch und wagt
Nicht so vermessen Euer letztes Heil!
Verheimlicht, weil Ihr könnt! Setzt Alles dran,
Daß das Geheimniß in der Erde ruhe,
Das Euch verrathen kann. Laßt Euch beschwören,
Und über Eure Lippe trete nie
Ein übereilt Geständniß.

Estela.

Nichts von dem!
Mich kennen muß mein Gatte. Was an Schuld,
Was ich an Unglück trage, wiss' er ganz.

Lisarda.

Da sey Gott vor, daß Ihr Euch selbst verderbet!

Estela.

Auch nicht vermöcht' ich's, mit der ehrnen Stirne
Mich vor ihn hin zu stellen; Aug' in Aug'
Gesenket, schuldbewußt, den scheuen Blick
In kecke Unbefangenheit zu zwingen! –
Wenn ich so sitz' in meiner Todesangst,
Mich kalt und immer kälter Schauer faßt,
Die Sinne schwinden, unnennbares Weh
Zugleich das Leben festhält und bedroht,
Wenn, von Entsetzen überwältigt, dann
Verzweiflung auf zum tauben Himmel schreit:
»Erbarmen, o Erbarmer! rette mich!« –
Und nichts mir Antwort gibt in meiner Noth:
Glaubst du, daß ich's vermöchte zu ertragen?

Lisarda.

Ich höre kommen! Nuñez ist's! – Folgt mir,
Weis't unklug seine Hülfe nicht zurück.

Estela.

Fern bleibe mir sein Dienst.

Lisarda.

Bedenkt! –

Estela.

Was zu bedenken war, es ist bedacht!

Dritte Scene.

Vorige. Nuñez.

Nuñez.

Geht, Lisarda, wahrt des Eingangs!

(Lisarda geht ab.)

Estela.

Weh, ein Schauer faßt mich an!

Nuñez.

Spät erschein' ich, edle Frau,
Doch zu so geheimnißvollem
Unternehmen braucht's der Nacht.
Knüpfen doch, so wie man sagt,
Stets die zarten Bande fester
Sich im Dunkeln, und, wie gern
Blüthen ihre Kelche schließen
Vor dem hellen Strahl der Sonne,
Und dem Schatten nur sie öffnen,
Oeffnet des Vertrauens Blüthe
Sich des Nachts mit mindrer Scheue.

Estela.

Ihr habt Recht, so denk' auch ich;
Und es hat der Nacht geheime
Kraft zu besserem Erkennen,
Seele mir und Sinn geöffnet.

Nuñez.

Laßt mich Euch ein Beispiel geben,
Euch vorangehn im Vertraun;
Leichter, mein' ich, folgt dann Ihr. –
Laßt die Larve fallen, Donna,
Wie die meine fällt vor Euch.

Estela.
Jede Großmuth ist Euch fremd,
Oder nicht in dieser Stunde
Würdet Ihr –

Nuñez.

Jetzt, ober nie!
Dieser Augenblick entscheidet,
Ob des langen Strebens Preis
Mich beglücke – mir entschwinde.

Estela.

Frevelt nicht! im Haus des Unglücks
Werden leicht die Furien wach.

Nuñez.

Lange lieb' ich Euch – Ihr wißt es,
Denn wo wär' ein Weib geboren,
Der ein Sieg verborgen bliebe
Ihrer Reize – ?

Estela.

Herr!

Nuñez.

Ich warb,
Ob auch abgeneigt der Ehe,
Ernstlich doch um Eure Hand.
Mir nicht war dieß Glück beschieden,
Nennt's gekränkten Stolz, nennt's Liebe,
Gluth des ungestillten Sehnens –
Wie Ihr wollt – weiß ich doch selbst
Keinen Namen für die Flamme,
Die mich immer neu durchglüht.

Estela.

Herr, ich bitt' Euch! –

Nuñez.

Hört mich ruhig.
Näher bringt dem Ziele plötzlich
Mich, was weiter Euch entfernte
Von dem Euren. Urtheilt selbst,
Ob nach dem, was hier geschehen,
Euer Weigern ferner noch
Mich vermöchte zu bethören?

Estela.

Wie, Ihr wagt es? –

Nuñez.

Sonst bedeckt, Mitleidsvoll, der Tod gewöhnlich
Vor der Welt geheime Schwächen;
Eure hat er offenbart.

Estela.

Euch, nicht mich schmäht dieser Argwohn.

Nuñez.

Nicht gefühllos, schöne Donna,
Hat sich süßem Liebeswerben
Euer Herz gezeigt. Nicht jedem
War't Ihr abgeneigt, nur meinem.

Estela.

O, entsetzlich!

Nuñez.

Scheltet nicht,
Wenn ich, was der Zufall mir
Freundlich in die Hand gegeben,
Nütze.

Estela.

Unerhört! Ihr wolltet? –

Nuñez.

Mein um jeden Preis Euch nennen!
Ob ich Mann sey, meinem Willen
Wort zu halten, heute noch
Sollt Ihr's wissen.

Estela.

Seyd Ihr rasend?

Nuñez.

Nennt Ihr den Entschloss'nen rasend,
Bin ich's.

Estela.

Ehr- und Schamvergess'ner!

Nuñez.

Haben Künste, süße Worte,
List und Bitten nicht vermocht,
Eure Gunst mir zu gewinnen,
Mag's versuchen die Gewalt.

Estela.

Eitles Drohen! – mich nicht schreckt es!

Nuñez.

Mittel hab' ich, Euch zu zwingen.

Estela.

So versucht sie.

Nuñez.

Nicht begehrt es!

Estela.

Des Geschickes Hand vermochte
Mich zu treffen, Eure nicht.

Nuñez.

Wenn die Schrecken dieses Saales
Ich enthülle, ist's zu spät;
Wie zur Flucht, so zur Vermittlung.

Estela.

Diese sey wie jene fern!
Flucht nicht sinn' ich. Was auch mir
Böses von des Schicksals Grimme
Mag geschehn – ich bleibe hier.

Nuñez.

Nicht vom Platz trag' ich die Leiche.

Estela.

Woll' es Gott verhüten, daß
So verruchte Hände rührten
An das Haupt des edlen Todten!

Nuñez.

Ihr vergeßt, daß Euer Gatte –

Estela.

Zittert, wenn er wiederkehrt!
Wie vermöchtet Ihr, bewehrt
Mit zehn Schwertern, ihm zu stehen?
Blitzte Euch sein Rächerdegen
In der tapfern Hand entgegen,
Würd' ich bald Euch fliehen sehen.
Weil er fern, seyd Ihr verwegen.

Nuñez.

Donna, reizt nicht meinen Grimm,
Leicht möcht' sich in blut'ge Rache
Kehren mein entflammt Verlangen.

Estela.

Mir gilt's gleich; denn ich verlache
Euren Haß wie Eure Liebe.

Nuñez.

Anders schien's Euch diesen Morgen.

Estela.

Anders, Herr, scheint es mir jetzt.
Tief erröth' ich, wenn ich denke,
Daß ich bei dem Laster Schirm
Kam zu suchen, und, die Tugend
Fürchtend, seinen Beistand rief
Gegen Edelmuth und Güte. –
Eure Hülfe bleibe fern;
Nicht bedarf ich sie! – Es kehrt
Bald mein Gatte heim: dann werde
Ihm aus meinem eignen Munde
Von dem Vorfall dieser Nacht
Reine, unverfälschte Kunde.
Er sey Richter meiner Schuld!
Doch, so wahr ein Auge wacht
Ueber uns! – der Todte dort
Soll nicht Gottes Antlitz sehen,
Wenn Don Garcia nicht erfährt,
Wer an seine Ehre sich
Hat gewagt mit frechem Muthe!

Nuñez.

Erst bedroht, droht Ihr schon selbst?
In der That. Ihr führt die Waffen
Mit Geschick.

Estela.

Elender Spötter!

Nuñez.

Wohl verdientet Ihr, zu siegen.

Estela.

Schlecht verbirgt sich Euer Unmuth
Unter dem erzwungnen Scherze;
Ihn verrathen Eure Züge.

Nuñez.

Seht Ihr Grimm in meinen Zügen,
Nun, so sorgt, ihn nicht zu wecken;
Nährt ihn nicht! Bei meinem Haupt!
Euch entseelen seine Schrecken!

Estela.

Feiger Prahler! der nur droht,
Wo er meint, daß man ihm glaubt.
Flieht, weil Euch noch Flucht erlaubt;
Denn bald dürfte Euch den Weg
Meines Gatten Schwert verschließen,

Nuñez.

Nun, wohlan! weil Ihr, so sicher
Eurer Kraft, mich in die Schranken
Ruft: so sey es! Ich erscheine.

(Näher tretend.)

Euch verlangt, mich anzuklagen.
Nun, so klagt denn! Laßt uns sehen,
Ob an mir es sey, zu zagen.

(Er geht schnell in die mit dem Vorhang geschlossene Blende.)

Estela (allein).

O Gott! gib mir Besinnung! laß mich nicht
Im Wahnsinn untergehn, erlöschen nicht
In düst'rem Irren meines Geistes Licht!

(Nuñez tritt aus der Halle.)

Estela.

Was habt Ihr vor? welch' eine neue Unthat
Habt Ihr begonnen? Sprecht! dieß Antlitz zeigt
Den schadenfrohen Hohn gelung'nen Frevels.

Nuñez.

Ihr war't so muthvoll erst, so voll Vertrauen
Auf Eures Gatten richterlichen Ausspruch?
Nun denn! so ruft mich hin vor sein Gericht:
Stellt mich Euch gegenüber, klagt mich an.
Doch wahrt Euch wohl, hört Ihr, daß, wenn ich spreche,
Euch nicht vielleicht die Antwort dann gebreche.

Estela.

Arglist'ger Teufel! mich bethörst du nicht!

(Nuñez öffnet das Fenster und gibt ein Zeichen mit der Pfeife.)

Estela.

Ihr seyd entsetzlich!

Nuñez.

Bin ich's? Fühlt Ihr das?

Estela.

Es schwinden meine Sinne! – ich erliege!

Vierte Scene.

Vorige. Lisarda.

Lisarda.

Was habt Ihr vor, Don Nuñez? was geschieht?
Es dringen fremde Männer in das Haus –
Sie öffnen leicht die fest verschloss'nen Pforten –?
Sie nah'n!

Estela.

Ihr wolltet –? Nein, nein, nimmermehr!
Ihr werdet nicht von hier mich mit Gewalt –!
Hier stürz' ich mich hinab, und ich bin frei!

(Sie eilt an das Fenster, Don Nuñez stößt sie zurück, sie sinkt ohnmächtig in Lisarda's Arme.)

Fünfte Scene.

Vorige. Achmet mit mehreren Maurensklaven.

Achmet.

(heimlich zu Don Nuñez).

Nicht länger zaudre, Herr, sonst ist's zu spät.
Was du vollbringen willst, vollbring' es schnell;
Schon naht Don Garcia. Vorausgeeilt
Sind unsre Späher, seine Ankunft meldend.

Nuñez.

Ha, eben recht! Er kommt erwünscht.

Achmet.

Wohlan,
Wo ist die Dame? übergib sie uns.

Nuñez.

Das hat sich nun geändert. Hier herein!

(Er lüftet den Vorhang der Blende.)

Dort jenen Leichnam nehmt, tragt ihn hinweg,
Und legt ihn auf die Schwelle dieses Hauses
Hin auf die Marmorstufen, wohl verhüllt.

(Achmet und seine Begleiter treten mit Nuñez in die Blende.)

Lisarda.

O, schließe deine Augen nicht mehr auf,
Unseligste der Frauen! Scheide hin,
Für dich ist Leben Last, der Tod Gewinn!

(Der Vorhang fällt.)

Ende des vierten Aufzugs.

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