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Zwei Jahre Ferien. Erster Band

Jules Verne: Zwei Jahre Ferien. Erster Band - Kapitel 13
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typefiction
authorJules Verne
titleZwei Jahre Ferien. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 54
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII.

Vergrößerung von French-den. – Ein verdächtiges Geräusch. – Phanns Verschwinden. – Phanns Wiedererscheinen. – Einrichtung des Vorsaales. Schlechtes Wetter. – Namengebung. – Die Insel Chairman. – Das Oberhaupt der Kolonie.

———

Während der letzten Ausflüge hatten die jugendlichen Jäger wiederholt das Steilufer untersucht, in der Hoffnung, darin eine zweite Aushöhlung zu entdecken. Hätten sie eine solche gefunden, so konnte diese als allgemeines Magazin, als Niederlage für das noch übrige, jetzt unter freiem Himmel aufgestellte Material dienen. Bei der Erfolglosigkeit dieser Nachforschungen mußte man jedoch auf den früheren Plan einer Erweiterung der jetzigen Wohnung zurückgreifen und einen oder mehrere mit der Höhle François Baudoin's zusammenhängende Räume herzustellen suchen.

Im Granitfels wäre diese Arbeit unausführbar gewesen; in dem hier anstehenden Kalkstein aber, den Axt und Spitzhaue leicht angriffen, konnte sie keine großen Schwierigkeiten bieten. Der Zeitaufwand kam ja nicht in Frage. Das war eine Gelegenheit, die langen Wintertage auszufüllen, und bis zum Wiedereintritt der schönen Jahreszeit konnte Alles vollendet sein, wenn kein Einsturz erfolgte oder etwa Wasser hindurchsickerte, was allerdings zu fürchten war.

Zu Sprengmitteln brauchte man übrigens nicht zu greifen. Die gewöhnlichen Werkzeuge mußten genügen, wie sie genügt hatten, als es sich darum handelte, ein Loch herzustellen, in welches das Ofenrohr geführt werden konnte. Außerdem hatte Baxter, freilich mit einiger Mühe, den Eingang von French-den soweit zu erweitern vermocht, daß er an demselben eine Thür aus dem »Sloughi« mit Schloß und Haspen anbringen konnte. Ferner waren links und rechts vom Eingange zwei schmale Fenster oder mehr eine Art Schießscharten durchgebrochen worden, was dem Tageslicht einen besseren Zutritt und der Luft eine leichtere Circulation gestattete.

Seit einer Woche hatte jetzt die schlechtere Witterung ihren Einzug gehalten. Heftige Sturmwinde brausten über die Insel hin, denen French-den jedoch, Dank seiner Lage nach Süden und Osten, nicht ausgesetzt war.

Regenschauer und tolles Schneegestöber zogen manchmal mit lautem Geräusch über den Kamm des Steilufers. Nur in der Nachbarschaft des Sees spürten die Jäger noch ihrer Beute nach, nämlich Enten, Bekassinen, Kiebitzen, Wiesenläufern, Wasserhühnern und zuweilen einzelnen jener »Pelzschnäbler«, welche man in den südpacifischen Gebieten unter dem Namen »weiße Tauben« kennt. Waren See und Rio auch noch nicht zum Stehen gekommen, so mußte doch eine klare Nacht hinreichen, sie mit Eis zu überkleiden, wenn nach der stürmischen Erregung der Atmosphäre trockene Kälte eintrat.

Meist auf ihre Wohnung beschränkt, konnten sich die Knaben ungehindert den Erweiterungsarbeiten widmen, und sie begannen mit diesen noch im Laufe des 27. Mai.

Die rechte Wand war es, welche Axt und Schaufel zuerst in Angriff nahmen.

»Dringen wir in schräger Richtung ein, hatte Briant gesagt, so gelingt es uns vielleicht, an der Seeseite durchzubrechen und damit einen zweiten Zugang nach French-den zu gewinnen. Das würde uns eine bessere Ueberwachung der Umgebung ermöglichen, und wenn schlechte Witterung uns an der einen Seite am Austreten hindert, so könnten wir immer noch an der andern herauskommen.«

Der Vortheil für die Allgemeinheit, den eine solche Anordnung versprach, lag zu sehr auf der Hand und die Erreichung desselben schien auch nicht unmöglich.

Von innen aus gerechnet, trennten die Höhle höchstens vierzig bis fünfzig Fuß von der östlichen Außenwand der Kalkmasse. Nach Feststellung der Richtung mit Hilfe des Compasses kam es also nur darauf an, einen Gang durchzuschlagen, bei dieser Arbeit aber wohl darauf zu achten, daß kein Einsturz erfolgte. Ehe man der neuen Aushöhlung die für später in Aussicht genommene Breite und Höhe gäbe, schlug Baxter vor, erst eine Art Stollen durch das Gestein zu treiben, der erweitert werden sollte, wenn und wo sein Ende erst wieder zu Tage trat. Die beiden Räumlichkeiten von French-den wären dann durch eine Art Vorsaal verbunden, der an beiden Enden abgeschlossen werden könnte und an dessen Seiten zwei dunkle Kammern ausgebrochen werden sollten. Dieser Plan empfahl sich entschieden als der beste, da er gleichzeitig gestattete, die Gesteinsmasse sorgfältig zu untersuchen, und die Arbeit eingestellt werden konnte, wenn man auf durchsickerndes Wasser stieß.

Während der drei Tage vom 27. bis 30. Mai ging die Arbeit unter günstigen Umständen vorwärts. Die Kalkmolasse ließ sich fast mit dem Messer schneiden, deshalb wurde es auch nöthig, sie mit einer Auszimmerung zu versehen, was freilich ziemliche Schwierigkeiten machte. Der Abraum wurde stets sofort nach außen befördert, um denselben sich nicht anhäufen und hinderlich werden zu lassen. Wenn wegen Mangels an Raum nicht alle Arme gleichzeitig bei dieser Arbeit angestellt werden konnten, so feierten dieselben doch keineswegs. Hörte es einmal auf zu regnen oder zu schneien, so beschäftigte sich Gordon mit den Anderen damit, das Floß wieder zu zerlegen, um die Planken der Plattform und die Rundhölzer der Grundlage zur neuen Einrichtung verwenden zu können. Die Genannten behielten auch die am Winkel der Anhöhenschenkel niedergelegten Gegenstände im Auge, denn die getheerten Decken schützten diese nur unvollkommen gegen die Unbilden der Witterung.

Die Arbeit schritt, wenn auch nicht ohne peinliches Umhertappen, nach und nach voran und der Stollen war schon auf einer Länge von vier bis fünf Fuß ausgebrochen, als im Laufe des Nachmittags am 30. Mai sich etwas ganz Unerwartetes ereignete.

Auf dem Boden liegend, wie ein Mienengräber, der die Gallerie zu einer Sprengkammer ausschachtet, glaubte Briant im Innern der Gesteinsmasse einen dumpfen Laut zu vernehmen.

Er unterbrach seine Arbeit, um besser lauschen zu können. Von neuem traf dasselbe Geräusch sein Ohr.

Sich aus dem engen Gange zurückzuwinden, bis zu Gordon und Baxter, die sich an dessen Mündung befanden, zu gelangen und diesen seine Wahrnehmung mitzutheilen, das erforderte nur einige Augenblicke.

»Täuschung! meinte Gordon. Du hast nur etwas zu hören geglaubt ...

– Nimm Du meinen Platz ein, Gordon, antwortete Briant, lege das Ohr an die Wand und horche Du einmal.«

Gordon kroch in den engen Gang und kam sehr bald daraus wieder zurück.

»Du hast Dich nicht getäuscht! sagte er. Ich habe etwas wie entferntes Knurren gehört.«

Nun wiederholte auch Baxter dieselbe Probe und sagte, als er wieder herauskam:

»Was in aller Welt kann das sein?

– Ich kann es mir nicht erklären, antwortete Gordon. Wir werden Doniphan und die Anderen davon benachrichtigen müssen ...

– Nur die Kleinen nicht, setzte Briant hinzu; sie würden sich fürchten.«

Eben fanden sich Alle zum Mittagsmahl zusammen und die Kleinen erfuhren dabei doch von dem Vorfalle, was sie natürlich nicht wenig erschreckte.

Doniphan, Wilcox, Webb und Garnett begaben sich nach einander in den Stollen. Jetzt hatte das Geräusch aber aufgehört; sie hörten nichts und neigten deshalb dem Glauben zu, daß ihre Kameraden sich doch wohl geirrt haben könnten.

Jedenfalls wurde beschlossen, die Arbeit nicht zu unterbrechen, und nach dem Essen wurde diese auch wieder aufgenommen.

Im Laufe des Nachmittags ließ sich kein weiteres Geräusch vernehmen, bis endlich gegen neun Uhr Abends erneuertes Knurren deutlich durch die Wand drang.

Da stürzte Phann wüthend in den Schacht hinein und kam aus demselben mit emporgesträubtem Fell und bis über die Fangzähne zurückgezogenem Maule wieder hervor, während er in unverkennbarer Aufregung grimmig anschlug, als wollte er auf das aus dem Felseninnern heraustönende Knurren Antwort geben.

Was bei den Kleinen bisher nur ein mit Verwunderung gepaarter Schreck gewesen war, steigerte sich nun zur wahrhaft kläglichen Angst. Die Phantasie des englischen Knaben nährt sich stets mit den in den nordischen Ländern heimischen Sagen, nach welchen Gnomen, Kobolde, Luft- und Wassergeister, Sylphen und Gespenster jeder Art schon um seine Wiege kreisen. Dole, Costar und selbst Jenkins und Iverson verhehlten gar nicht ihre tödtliche Furcht. Nach vergeblicher Bemühung sie zu beruhigen, veranlaßte sie Briant doch, ihre Lagerstätten aufzusuchen, wo sie, wenn auch erst ziemlich spät, einschliefen. Aber auch da träumten sie noch von Geistern, Gespenstern und übernatürlichen Wesen, welche ihren Spuk in der Höhle trieben – kurz, sie litten am schönsten Alpdrücken.

Gordon und die Anderen unterhielten sich noch mit gedämpfter Stimme über die seltsame Erscheinung. Wiederholt konnten sie sich überzeugen, daß jenes Geräusch noch fortdauerte und daß Phann eine auffallende Gereiztheit erkennen ließ.

Endlich übermannte sie die Müdigkeit, und außer Moko und Briant legten sich Alle schlafen. Dann herrschte bis Tagesanbruch tiefes Schweigen im Innern von French-den.

Am folgenden Morgen war die ganze Gesellschaft sehr zeitig munter. Baxter und Doniphan krochen wieder in den Stollen ... Kein Geräusch ließ sich vernehmen. Der Hund lief umher, ohne irgend welche Unruhe zu zeigen und sprang auch nicht, wie am Tage vorher, gegen die Wand an.

»Gehen wir wieder ans Werk! sagte Briant.

– Ja, antwortete Baxter. Es wird immer Zeit sein, damit einzuhalten, wenn sich wieder ein verdächtiges Geräusch hören läßt.

– Wär' es nicht möglich, bemerkte da Doniphan, daß jenes Geräusch nur von einer Quelle herrührte, welche sich murmelnd durch die Felsmassen zwängt?

– Dann würde es stets hörbar sein, wandte Wilcox ein, und augenblicklich ist das nicht der Fall.

– Richtig, stimmte ihm Gordon zu; ich glaubte vielmehr, es vom Winde herleiten zu sollen, der sich vielleicht in einem Spalt am Kamme der Anhöhe fängt ...

– Steigen wir hinauf, sagte Service, und da entdecken wir wahrscheinlich ...«

Dieser Vorschlag wurde angenommen.

Gegen fünfzig Schritte am Ufergelände hingehend, fanden sie einen Pfad, der den Obertheil der Felsmasse zu erreichen gestattete. Binnen wenigen Augenblicke hatte Baxter nebst zwei bis drei Anderen denselben erklommen und gingen auf der Höhe bis gerade über French-den zurück. Aus der Oberfläche dieses Höhenrückens fand sich aber kein Spalt, durch den ein Luftstrom oder eine Wasserader hätte eindringen können, und als sie zurückkamen, wußten sie auch nicht mehr über jene merkwürdige Erscheinung, welche die Kleinen in ihrer Naivität für übernatürlich erklärten.

Die Arbeit wurde also wieder aufgenommen und bis zum Ende des Tages fortgesetzt. Das Geräusch vom Vortage hörte man nicht wieder, obwohl nach Baxter's Angabe die Wand, an welcher die Schläge bisher nur matt widerhallten, jetzt einen mehr klingenden Ton gab. Befand sich in dieser Richtung also eine natürliche Höhle, auf welche der Stollen zufällig treffen sollte, und entstand das vernommene Geräusch vielleicht in dieser selbst? Die Voraussetzung einer zweiten, an die Höhle grenzenden Aushöhlung erschien nicht unannehmbar; ja, es war sogar wünschenswerth, daß sich dieselbe bestätigte, weil dadurch die Arbeit bezüglich der Vergrößerung der Räumlichkeiten, wesentlich vermindert werden mußte.

Erklärlicher Weise mühten sich nun Alle mit größtem Eifer ab, und dieser Tag gehörte zu den anstrengendsten, die sie bisher verlebten. Nichtsdestoweniger verlief er ohne nennenswerthen Zwischenfall, wenn wir davon absehen, daß Gordon am Abend das Verschwinden seines Hundes meldete.

Zur Essenszeit stellte sich Phann sonst regelmäßig neben dem Sessel seines Herrn ein; heute blieb der Platz des Hundes leer.

Man rief nach ihm ... Phann antwortete nicht.

Gordon trat auf die Thürschwelle und rief von neuem ... Alles still!

Doniphan und Wilcox liefen der Eine nach dem Gelände des Rio, der Andere nach dem Ufer des Sees ... Keine Spur vom Hunde.

Vergebens wurden die Nachsuchungen in der Umgebung von French-den noch auf einige hundert Schritt weit ausgedehnt ... Phann war nirgends zu finden.

Offenbar war der Hund jetzt nicht in Hörweite, denn auf Gordon's Stimme hätte er zweifellos geantwortet. Daß er sich nur verirrt hätte, erschien doch kaum glaublich; eher konnte er dem Zahne eines Raubthieres zum Opfer gefallen sein, wenigstens erklärte das am besten sein plötzliches Verschwinden.

Es war jetzt um neun Uhr abends. Tiefe Dunkelheit hüllte das Steilufer und den See ein, und so mußten sich die jungen Leute wohl oder übel entschließen, ihre Nachsuchungen aufzugeben und nach French-den zurückzukehren.

Alle gingen also sehr beunruhigt zurück; nein, nicht beunruhigt allein, sondern wirklich entmuthigt bei dem Gedanken, daß das intelligente Thier vielleicht für immer verschwunden sein könne.

Die Einen streckten sich auf ihre Lagerstätten aus, die Anderen setzten sich, ohne an Schlaf zu denken, um den Tisch. Es erschien ihnen, als wären sie jetzt weit einsamer und verlassener und noch entfernter von der Heimat und ihren Familien.

Plötzlich hörten sie durch die sonst herrschende Stille neue dumpfe Laute. Diesmal ähnelten diese mehr einem mit Schmerzensschreien untermischtem Geheul, das wohl eine Minute lang währte.

»Das ist dort ... das kam von dort her!« rief Briant, auf den Stollen zueilend.

Alle hatten sich erhoben, als erwarteten sie irgend welche Erscheinung. Von Entsetzen gepackt, wickelten sich die Kleinen fester in ihre Decken.

Briant kam wieder aus dem engen Gange hervor.

»Dort muß noch eine Höhle sein, sagte er, deren Eingang sich jedenfalls am Fuße der Gesteinsmasse befindet ...

– Und welche wahrscheinlich Thiere benützen, um die Nacht geschützter zu verbringen, setzte Gordon hinzu.

– Das muß wohl so sein, antwortete Doniphan. Morgen schon suchen wir uns Aufklärung zu verschaffen ...»

Da schlug ein lautes Gebell an ihre Ohren, das ebenso wie das Geheul aus dem Innern des Felsens heraustönte.

»Sollte Phann da drin und vielleicht mit einem Thier im Kampfe sein?« rief Wilcox.

Briant, der wieder in den Stollen geschlüpft war, lauschte mit an die Wand gelegtem Ohre ... Vergeblich! Ob nun aber Phann an dem vermutheten Orte war oder nicht, unzweifelhaft befand sich hier und ihnen ganz nahe eine zweite Aushöhlung, welche mit der Außenwelt wahrscheinlich durch ein, von dem Strauchgewirr am Fuße des Steilufers verdecktes Loch in Verbindung stand.

Die Nacht verging, ohne daß ein Geheul oder Gebell sich nochmals vernehmen ließ.

Das mit Tagesanbruch untersuchte Gestrüpp lieferte, an der Seite des Sees wie an der des Rio, kein besseres Resultat als die gestrigen Nachsuchungen auf dem Kamm des Felsberges.

Phann hatte, obwohl man ihn in der Nachbarschaft von French-den suchte und anrief, keine Antwort gegeben.

Briant und Baxter gingen nun abwechselnd wieder an die Arbeit, bei der Spitzhaue und Schaufel nicht feierten. Während des Vormittags nahm der Stollen um etwa zwei Fuß an Tiefe zu. Von Zeit zu Zeit hielten sie an, um zu horchen – nichts war mehr zu erlauschen.

Die durch das Mittagsessen unterbrochene Arbeit wurde nach Verlauf einer Stunde wieder aufgenommen. Unter Beachtung aller Vorsichtsmaßregeln sah man dem durch einen letzten Hieb zu erwartenden Durchbruche der Scheidewand entgegen, aus welcher vielleicht ein gefährliches Thier hervorstürzen konnte. Die Kleinen waren nach dem Ufergelände geführt worden. Gewehre und Revolver in den Händen, hielten sich Doniphan, Wilcox und Webb für jede Möglichkeit bereit.

Gegen zwei Uhr stieß Briant einen lauten Ruf aus. Seine Spitzhaue hatte die gleich weiter nachstürzende Kalkwand durchschlagen, welche nun eine ziemlich große Oeffnung zeigte.

Briant schloß sich seinen Kameraden, welche ganz unschlüssig dastanden, wieder an ...

Doch bevor sie den Mund aufthun konnten, hörten sie etwas an der Wand des Stollens hinstreifen und mit gewaltigem Satze sprang ein Thier in die Höhe ...

Das war Phann!

Ja, Phann, der sofort auf einen mit Wasser gefüllten Napf zueilte und gierig trank. Dann kehrte er mit wedelndem Schweife und ohne jedes Zeichen von Unruhe zu Gordon zurück; ein Beweis, daß vorläufig nichts zu fürchten war.

Briant ergriff nun eine Laterne und kroch damit in den Stollen. Gordon, Doniphan, Wilcox, Baxter und Moko folgten ihm nach. Bald darauf und nachdem sie durch die von dem Einsturze herrührende Oeffnung gelangt, befanden sich Alle in einer dunklen Aushöhlung, in welche kein Strahl des Tageslichtes eindringen konnte.

Es war eine zweite Höhle, die an Höhe und Breite die Größenverhältnisse von French-den zeigte, aber viel tiefer war, und deren Boden im Umfange von etwa fünfzig Quadrat-Yards ein feiner Sand bedeckte.

Da diese Höhle nach außen kaum eine Verbindung zu besitzen schien, konnte man befürchten, daß die Luft darin nicht athembar wäre. Die hell brennende Flamme der Laterne bewies jedoch, daß die Luft irgendwo Zutritt finden mußte. Wie hätte auch Phann sonst hineingelangen können?

Da stieß Wilcox mit dem Fuße an einen schweren, kalten Körper, was er daran erkannte, daß er diesen betastete.

Briant kam mit der Laterne näher heran.

»Der Körper eines Schakals! rief Baxter.

– Ja, eines Schakals, dem unser braver Phann den Garaus gemacht hat, antwortete Briant.

– Da haben wir die Erklärung für das, was wir nicht zu erklären vermochten!« setzte Gordon hinzu.

Doch ob nun ein oder mehrere Schakals ihr gewohntes Lager in dieser Höhle haben mochten, blieb noch immer die Frage übrig, durch welchen Eingang sie dahin gelangten.

Nachdem er nach French-den zurückgekehrt, unterwarf Briant das Steilufer an der Seeseite einer genauen Untersuchung. Gleichzeitig gab er laute Rufe von sich, auf welche endlich andere Rufe aus dem Innern antworteten. Hierdurch gelang es ihm, zwischen dem Gestrüpp und dicht am Erdboden eine enge Oeffnung zu entdecken, durch welche die Schakals eindringen mochten. Nachdem Phann diesen aber nachgefolgt war, hatte, wie sich bald herausstellte, ein theilweiser Nachsturz von Geröll stattgefunden, der jene Oeffnung fast ganz verschloß.

Nun war also Alles erklärt, das Geheul des Schakals, wie das Gebell des Hundes, dem es vierundzwanzig Stunden unmöglich gewesen war, wieder herauszukommen.

Das gewährte aber eine Befriedigung! Nicht allein Phann war seinem Herrn wiedergegeben, sondern auch eine schwierige Arbeit erspart worden. Da lag »fix und fertig«, wie Dole sich ausdrückte, eine weite Höhle, deren Vorhandensein der schiffbrüchige Baudoin gar nicht geahnt hatte. Durch Erweiterung ihrer Mündung gewann man noch eine zweite, nach der Seite des Sees zu offene Thür. Das erleichterte wesentlich die Befriedigung so mancher Bedürfnisse. Die Knaben riefen denn auch, als sie in der neuen Höhle versammelt waren, ein lautes Hurrah nach dem anderen, das Phann noch mit freudigem Gebell begleitete.

Mit welchem Eifer ging es nun daran, den engen Stollen zu einem brauchbaren Gang zu erweitern! Die zweite Höhle, der der Name »die Halle« beigelegt worden war, rechtfertigte denselben vollkommen durch den Umfang. Bis die Behälter dieser Seite des Verbindungsganges ausgebrochen waren, wurde das ganze Material noch in die Halle geschafft. Sie sollte daneben als Schlaf- und Arbeitsraum dienen, während das erste Zimmer zur Küche, Speisekammer und zum Speisesaal bestimmt wurde. Da dasselbe vorläufig auch als allgemeines Magazin galt, schlug Gordon vor, es Store-room zu nennen, was Alle gern annahmen.

Zunächst beschäftigte man sich jetzt damit, die Lagerstätten überzuführen, welche symmetrisch auf dem Sande der Halle angeordnet wurden, wo es an Platz nicht fehlte. Dann brachte man das Mobiliar aus dem »Sloughi«, die Sophas, Lehnstühle, Tische, Schränke u. s. w. dorthin, und – was von besonderer Wichtigkeit war – auch die Oefen aus dem Zimmer und dem Salon der Yacht, welche sofort in Stand gesetzt wurden, um diesen ganzen Raum heizen zu können. Gleichzeitig erweiterte man den Eingang von der Seeseite, um daselbst eine der Thüren des Schooners anzubringen – eine Aufgabe, deren sich Baxter nicht ohne Mühe entledigte; nachdem endlich zwei neue Schießscharten auf jeder Seite der genannten Thür durchgebrochen worden waren, drang auch hinreichendes Licht in die Halle, welche des Abends durch eine an der Wölbung hängende Signallaterne erleuchtet werden sollte.

Diese Einrichtungen erforderten fast vierzehn Tage. Es war hohe Zeit, daß sie vollendet wurden, denn das bisher ziemlich ruhig gebliebene Wetter zeigte Neigung umzuschlagen. Herrschte auch noch keine besondere Kälte, so wehten doch oft so stürmische Winde, daß sich jeder Ausflug ins Freie von selbst verbot.

Die Gewalt des Sturmes wurde gelegentlich so groß, daß er die Gewässer des Sees, trotz des Schutzes, den die Uferwand gewährte, wie ein Meer aufwühlte. Wild schäumend stürzten die Wellen übereinander hin, und jedes Fahrzeug, der Fischerkahn wie die Pirogue der Wilden, wäre unrettbar zu Grunde gegangen. Zuweilen bedeckten die gegen seine Strömung emporwirbelnden Wellen des Rio sogar die Uferlande bis zur daneben verlaufenden Anhöhe. Zum Glück waren weder Store-room noch die Halle dem directen Angriffe des Unwetters ausgesetzt, da der Wind von Westen her wehte.

Die mit dürrem Holz beschickten Oefen des Zimmers und der Küche erlitten auch keinerlei Störung.

Zu wie gelegener Zeit hatte jetzt alles, was vom »Sloughi« gerettet werden konnte, unter sicherem Obdach aufgestapelt werden können! Die Mundvorräthe hatten nun nichts mehr von der Unbill der Witterung zu fürchten. Für die Dauer der schlechten Jahreszeit eingeschlossen, fanden Gordon und seine Kameraden Muße genug, sich bequem einzurichten. Sie hatten den Gang erweitert und zwei tiefe Kammern neben demselben ausgebrochen, von denen die eine mit einer Thür verschlossen und zur Aufbewahrung des Schießbedarfs erwählt wurde, um jede etwaige Explosion zu verhüten. Obwohl endlich sich die Jäger nicht weit von French-den wegwagen konnten, fehlte es doch nie an Wasservögeln, deren unangenehmen Geschmack Moko nicht immer zu beseitigen vermochte – was manche Proteste und Grimassen veranlaßte – doch war damit die tägliche Ernährung gesichert. Es versteht sich von selbst, daß endlich dem Nandu in einem Winkel des Store-room ein Plätzchen eingeräumt wurde, bis für ihn im Freien ein Gehege errichtet werden konnte.

Zu dieser Zeit kam Gordon der Gedanke, eine Art Programm zu entwerfen, dem sich Jeder zu fügen hätte, nachdem es von Allen gebilligt worden wäre. Außer an das materielle hatten sie doch auch an das geistige Leben zu denken, da ja Keiner wußte, wie lange sich der Aufenthalt auf dieser Insel ausdehnen würde. Glückte es dereinst, sie zu verlassen, welche Befriedigung mußte es ihnen dann gewähren, die Zeit verständig ausgenützt zu haben. Mit den wenigen Büchern aus der Bibliothek des Schooners konnten die Großen ebenso ihre eigenen Kenntnisse vermehren, wie als Lehrer für die Jüngsten auftreten.

Ein vortrefflicher Vorsatz, der die langen Winterstunden nützlich und angenehm zu verkürzen versprach.

Bevor dieses Programm jedoch aufgesetzt wurde, schritt man noch zu einer anderen, durch die Verhältnisse selbst sich empfehlenden Maßnahme.

Als am Abend des 10. Juni nach dem Nachtessen Alle in der Halle um die knisternden Oefen versammelt waren, lenkte sich das Gespräch auf die Vortheile, die es haben würde, wenn man den geographisch wichtigsten Punkten der Insel eigene Namen gäbe.

»Das wäre sehr nützlich und sehr praktisch, sagte Briant.

– Ja, ja, Namen, rief Iverson, und wir wollen auch recht hübsche Namen wählen!

– Wie es die wirklichen und erfundenen Robinsons stets thun, fügte Webb ein.

– Und wir, liebe Freunde, sagte Gordon, sind in der That nichts Anderes.

– Ein großes Pensionat von Robinsons! rief Service.

– Uebrigens werden wir, fuhr Gordon fort, wenn die Bai, die Rios, Wälder, der See und das Steilufer besondere Namen bekommen, uns immer leichter zurecht finden.

– Wir haben schon die Sloughi-Bai, an der unsere Yacht scheiterte, sagte Doniphan, und ich denke, wir behalten diesen Namen bei, da wir ihn einmal gewöhnt sind.

– Gewiß, erklärte Croß.

– Ebenso wie wir den Namen French-den für unsere Wohnung nicht ändern, fügte Briant hinzu, schon zum Andenken an den Schiffbrüchigen, dessen Stelle wir nun eingenommen haben.«

Hiergegen erhob sich kein Widerspruch, nicht einmal seitens Doniphan's, obwohl diese Bemerkung von Briant ausging.

»Und wie nennen wir nun, ließ Wilcox sich vernehmen, den Rio, der sich in die Sloughi-Bai ergießt?

– Den Rio Sealand, schlug Baxter vor. Dieser Name wird uns immer an die Heimat erinnern.

– Angenommen! ... Einverstanden! tönte es von allen Seiten.

– Und den See? fragte Garnett.

– Da der Rio den Namen unseres Neuseeland erhalten hat, meinte Doniphan, so geben wir dem See einen Namen, der an unsere Angehörigen erinnert und nennen ihn Family-lake (Familien-See).«

Auch das fand freudige Zustimmung.

Es herrschte, wie man sieht, vollständige Einmütigkeit, und unter dem Einflusse ähnlicher Empfindungen taufte man das Steilufer mit dem Namen Auckland-hill (Auckland-Hügel). Das Cap, welches jenes abschloß – dasselbe, von dessen Gipfel aus Briant im Osten das Meer erkannt zu haben glaubte – nannte man auf seinen Vorschlag False-Sea-Point (Spitze des falschen Meeres).

Die anderen Benennungen, welche nach und nach angenommen wurden, waren folgende:

Traps-woods (Trappenwald) nannte man den Theil des Waldes, wo die Trappen angetroffen worden waren; Bog-woods (Schlammwald) den anderen Theil zwischen der Sloughi-Bai und dem Steilufer; Southmoores (südlicher Morast) den Sumpf, der den ganzen südlichen Theil der Insel bedeckte; Dike-creek (Chausséebach), über den der kleine Weg aus flachen Steinen gelegt war; Wrack-coast (Wrackküste) die Küste der Insel, an der die Yacht strandete, Sport-terrace (Sportterrasse) endlich den von den Ufern des Rio und des Sees eingeschlossenen Platz, der vor der Halle einen Rasengrund bildete, welcher zu den im Programme vorzunehmenden Leibesübungen dienen sollte.

Was die übrigen Punkte der Insel betraf, so sollten diese, je nach dem sie näher bekannt wurden, oder nach den Vorfällen, die sich daselbst etwa abspielten, getauft werden.

Inzwischen schien es rathsam, noch den hauptsächlichsten auf der Karte François Baudoin's eingezeichneten Vorgebirgen gewisse Namen zu ertheilen; so entschied man sich für North-cape im Norden der Insel und für South-cape im Süden derselben. Endlich stimmten Alle darin überein, den drei Spitzen, welche im Westen nach dem Stillen Ocean hineinragten, die Namen French-cape, British-cape und American-cape zu geben, zu Ehren der drei in der kleinen Colonie vertretenen Nationen, der französischen, englischen und amerikanischen.

Colonie! Ja, dieses Wort wurde beliebt um anzudeuten, daß die Ansiedlung hier nicht als eine kurz vorübergehende aufzufassen sei. Natürlich geschah das auf Anregung Gordon's, der stets mehr daran dachte, das Leben in diesem neuem Gebiete zu organisiren, als daran, das letztere wieder zu verlassen. Die Knaben waren eben nicht mehr Schiffbrüchige vom »Sloughi«, sondern Colonisten der Insel ...

Doch welcher Insel? Jetzt mußte auch diese noch getauft werden.

»Ei ... Ich weiß, wie man sie nennen sollte, meldete sich Costar.

– Du weißt das ... Du? erwiderte Doniphan.

– Ohne Zweifel will er sie Insel Baby nennen, scherzte Service.

– Nun, laß nur Deine Witze, Service, und hören wir seine Idee?«

Trotz dieser Aufforderung schwieg jetzt das verdutzte Kind.

»Sprich nur, Costar, fuhr Briant fort, indem er diesen mit einer Handbewegung ermunterte. Ich bin überzeugt, daß Dein Vorschlag gut ist.

– Nun denn, sagte Costar, da wir alle Zöglinge der Pension Chairman sind, so sollten wir sie Insel Chairman nennen!«

In der That konnte ein besserer Name kaum gefunden werden und er wurde denn auch unter dem Beifall Aller angenommen – worüber sich Costar nicht wenig stolz zeigte.

Die Insel Chairman! Wahrhaftig, der Name hatte eine Art geographischen Anklang, und er konnte füglich in den Atlanten der Zukunft aufgenommen werden.

Nachdem diese Feierlichkeit zur allgemeinen Zufriedenheit beendet war, war auch die Zeit herangekommen der Ruhe zu pflegen, als Briant noch einmal das Wort verlangte.

»Liebe Freunde, begann er, wäre es jetzt, wo wir unserer Insel einen Namen gegeben haben, nicht auch gerathen, ein Oberhaupt zu ernennen, um dieselbe zu regieren?

– Ein Oberhaupt? warf Doniphan lebhaft ein.

– Ja, mir scheint, es müsse alles besser gehen, wenn Einer von uns Autorität über die Andern besäße. Sollte sich das, was in jedem Lande geschieht, nicht auch für die Insel Chairman eignen?

– Ja wohl! ... Ein Oberhaupt! ... Wählen wir ein Oberhaupt! riefen die Großen und die Kleinen wie aus einem Munde.

– Gut, ernennen wir ein Oberhaupt, sagte da Doniphan, doch nur für eine gewisse Zeit ... Etwa für ein Jahr ...

– Das aber dann wieder wählbar wäre, setzte Briant hinzu.

– Zugestanden! ... Wen wählen wir dazu? fragte Doniphan etwas befangen.

Der eifersüchtige Knabe schien nur die eine Furcht zu haben, daß seine Kameraden, wenn nicht ihn selbst, wahrscheinlich Briant erwählen könnten.

Er sollte sich in dieser Beziehung jedoch getäuscht haben.

»Wen wir wählen sollen, hatte Briant geantwortet, natürlich den Weisesten von Allen, unseren Kameraden Gordon!«

– Ja! ... Ja! ... Hurrah für Gordon!«

Gordon wollte erst die ihm zugedachte Ehre ablehnen, da er sich mehr zum Organisiren, als zum Regieren berufen fühlte. Als er jedoch an die Störungen dachte, welche die m diesen Knaben fast ebenso hell wie bei Erwachsenen auflodernden Leidenschaften in Zukunft noch herbeiführen könnten, sagte er sich, daß seine Autorität nicht unnütz sein würde.

So wurde denn Gordon zum Oberhaupte der kleinen Kolonie der Insel Chairman ausgerufen.

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