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Züricher Novellen

Gottfried Keller: Züricher Novellen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleZüricher Novellen
authorGottfried Keller
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22643-8
titleZüricher Novellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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Da war vor allem Bischof Heinrich von Konstanz, ein schöner Mann mit dunklen Augen und Haar, mit ernsten, aber geistvollen Gesichtszügen; mit der beringten Hand hielt er die Hand der Fürstäbtissin von Zürich, die in weltlicher Damentracht neben ihm saß, eine still vorübergehende Erscheinung, die nur im Lichte jener Augen aufblühte. Zu seiner anderen Seite saß die Hausfrau des Ritters, von dem ebenfalls alt eingewohnten Stamme der Wolfleipsch, gleich neben ihr eine andere Konventualin der Abtei, Frau Elisabeth von Wetzikon, Muhme des Bischofs, die später die bedeutendste Äbtissin wurde, diese auch in weltlicher Tracht. Neben ihr saß der Toggenburger Graf Friedrich, Nachkomme des Minnesingers Kraft von Toggenburg, dann der Herr von Trostberg, Enkel des Singers gleichen Namens, dann Herr Jakob von Wart, endlich Herr Rüdiger selbst mit ergrauten Locken, aber blühendem Antlitz, in pelzverbrämtem Rocke. Einige Sitze waren leer, da die junge Fides aufgestanden war und mit zwei andern Frauen im Hintergrunde des Saales auf und nieder ging.

Auf dem Tische standen Blumen und Früchte, Gebäcke und silberne Schalen mit südlichem Weine, dazwischen aber kleine Pergamentbüchlein, größere Hefte und schmale, lange aufgerollte Streifen von gleichem Stoffe, alles dies mit Reimstrophen beschrieben, gedrängt und endlos wie Heerzüge der Völkerwanderung.

Der Hausherr erhob sich und empfing seinen Sohn samt dessen Begleiter.

»Hast du uns den jungen Spielmann mitgebracht?« fragte er. »Das ist gut, denn wir haben durch die Gunst dieser Herren einige neue Sachen erjagt und möchten dieses und jenes gerne singen hören; aber niemand singt, als der hochwürdigste Fürst Heinrich, und der will nicht mehr, seit er Bischof ist! Da hat uns Graf Friedrich noch einige Lieder seines Großvaters gebracht, die wir nicht besessen; Freund Trostberg nicht weniger als zwei Dutzend Gesänge seines würdigen Vorfahren und hier Baron Jakobus von der Wartburg, rate einmal! sein eigenes Jugendbüchlein, das er uns so lange hinterhalten, achtzehn Lieder, ich hab's schon gezählt! Aber auch er will nicht mehr singen!«

»Wenn ich nicht mehr singen darf,« nahm jetzt der Bischof das Wort, »so habe ich dafür Buße gebracht, nämlich die Lieder des edlen und ritterlichen Herzogen von Breslau, meines schönen und guten Heinrich! Leider zugleich mit der Nachricht, daß der Treffliche unverhofft und in jungen Jahren Todes verblichen ist, eine Kunde, die mich tief betrübt hat!«

Er zog eine kleine Liederrolle aus seinem Gewande, durchmusterte sie und fuhr fort:

»Hier ist eines der anmutvollsten Lieder, die wir von dem seligen Manne haben, könnte uns der wackere Knabe das wohl vortragen?«

Er winkte Johannes herbei, gab ihm das Lied zu lesen und unterrichtete ihn in halblauten Tönen rasch in der Weise, die jener bald begriff. Johannes legte hierauf die viersaitige Geige vor seine Brust und sang das Lied, indem er die Weise eine Terz tiefer dazu spielte und nur jeweilig mit den zwei vorletzten Noten einer Zeile harmonierend ausbog. Es war das Lied:

Dir klag' ich, Mai, ich klag' dir's, Sommerwonne,
Dir klag' ich, leuchtende Heide weit,
Ich klage dir's, o blühender Klee,
Ich klag' dir, Wald, ich klag' dir, Sonne,
Dir klag' ich, Venus, sehnendes Leid
Daß mir die Liebste tut so weh!

und so weiter, wie von den angerufenen Richtern jeder seine Strafe verheißt, der Ankläger aber schließlich seine Klage zurückzieht und lieber sterben will, als daß solches Ungemach die Schöne treffe.

Der Gesang war aus der frischen Kehle des frohen unschuldigen Jünglings so wohltönend hervorgequollen, daß alle davon ergriffen und gerührt waren, zumal die Nachricht von dem frühen Ende des Dichters die Gemüter schon weicher gestimmt hatte. Der Bischof aber bereinigte sofort mit dem Johannes und Herrn Rüdiger, der eifrig hinzutrat, den Text, in welchem sich durch den gesanglichen Vortrag einige offenbare Unrichtigkeiten in der Silbenzählung bemerklich gemacht hatten.

Jetzt sprang aber der von Wart auf, der sein eigenes Büchlein vom Tisch genommen hatte, und rief: »Nur das erste beste von meinen schwachen Gesätzlein möchte ich nochmals von dem Munde dieses Knaben hören.« Er zeigte ihm eines der Liedchen und Johannes spielte und sang:

Voll Schönheit wie der Morgenstern
Ist meine Fraue, der ich gern
Für jetzt und immer dienen will!
Wie wenig sie mir Trost gewähre:
Ich wünsche, daß sie Glück und Ehre
Begleiten an der Freuden Ziel!
Ihre Güte und Bescheidenheit
Sind leider gegen mich entschlafen;
Doch muß ich sie drum tadelnd strafen,
Ist eben dies mein schweres Herzeleid!

Indessen hatte der Bischof die Lieder des älteren Trostberg durchgangen, erhob sich unversehens, nahm von dem jungen Spielmann die Fiedel an sich und sang und spielte mit schönen korrekten Tönen:

Rosenblühend ist das Lachen
Der viel lieben Frauen mein,
Wie konnt' er solch Wunder machen,
Der ihr gab so lichten Schein?
Sie ist meines Herzens Osterspiel,
Des Herzens, das sie niemals lassen will!

»Verzeiht, edle Freunde,« sagte er dann, »daß ich mich habe hinreißen lassen! Aber das ist die erste frohe Stunde, die ich genieße, seit ich armer und getreuer Kanzler meinen Herrn Rudolf in der Kaisergruft zu Speier begraben habe!«

Er warf dabei ein blitzendes Auge auf die errötende Äbtissin Kunigunde, und alle bezeugten ihre wohlwollende Teilnahme, obschon jeder wußte, daß der Sangesgruß des Kirchenfürsten der Fürstäbtissin gegolten, welche er heute nach längerem Zeitraume wiedersah.

Schon hatte jetzt Jakob von Wart aber eine kleine Harfe, die ihm geschickter war, von der Wand genommen, und angefeuert von dem Beispiel des Bischofs sowohl als durch den edlen Wein, sang der nicht mehr junge Herr das schöne Tagelied, das am Schlusse der von ihm uns erhaltenen Sammlung steht und sich mit den vorzüglichsten Gedichten dieser Art aus der Staufenzeit vergleichen lassen kann.

»Nun habt Ihr mir die größte Freude und Ehre gewährt!« sagte Herr Rüdiger, »ja ich bin froh, dieses Lied und die anderen von Euch zu besitzen! Wer möchte uns aber jetzt eine Probe von des Toggenburgs Liedern singen, daß wir von allem etwas hören?«

Graf Friedrich dagegen meinte, er sei für seine Person nicht besonders erpicht auf das eigene Hausgewächs und wäre eher begierig, von dem jungen Spielmann ein paar altbekannte gute Stücke zu hören.

»Nun,« rief der Bischof, »so soll er uns einiges von dem alten Vogelweider zum besten geben; der steht immer noch über allen an Wohlklang und Geist!«

Walthers gangbarste Weisen waren allerdings dem Jüngling geläufig und er spielte sogleich das sechsstrophige Lied:

Wollt ihr schauen, was im Maien
Wunders ist beschert:
Seht die Pfaffen, seht die Laien,
Wie sich's kehrt und fährt!
Groß ist sein' Gewalt!
Bringt er Zauberstab und Krone?
Wo er naht mit seiner Wonne
So ist niemand alt!

Dann folgte das Lied:

Immer nimmt mich wunder, was ein Weib
An mir hab' ersehen, usw.

Wie nun der hübsche Knabe weiter sang:

Hat sie keine Augen im Gesicht?
Aller Männer schönster bin ich nicht,
Das ist nicht zu leugnen.
— — — —
Schaut nur, wie der Kopf mir steht,
Der ist gar nicht wohlgetan!

und dabei den feierlichsten Ernst bewahrte, brach die ganze Gesellschaft in ein fröhliches Gelächter aus.

Zuletzt sang er das »Unter der Linde auf der Heide« mit dem Tandaradei-Refrain mit so naiver Unschuld, daß er alle sich geneigt machte und der Bischof ihn umarmte und küßte.

Herr Johannes, der Küster, freute sich der guten Aufnahme, welche sein Schützling gefunden, und stellte denselben erst jetzt genauer vor. »Er ist guter Leute Kind,« fügte er hinzu, »sein Vater war anno 78 mit Rudolf auf dem Marchfelde und einer der wenigen Züricher, die von dort zurückgekommen sind.«

»Dann würde ich ihn wohl wiedererkennen, wenn ich ihn sähe,« antwortete Herr Heinrich von Klingenberg; »denn ich sah sie alle, als sie in dem Völkerstreit standhaft vordrangen mit denen von Schwyz und Uri und der König auf ihre Tapferkeit hinwies.«

»Er ist auch ein Kenner alter Bräuche und weiß stets ohne Schrift, was Rechtens ist,« sagte der ältere Maneß; »mehr als einmal habe ich Gelegenheit gefunden, das zu erproben.«

Johannes Hadlaub mischte sich bescheiden in die Rede, indem er bemerkte, sein Vater habe, seit er, der Sohn, schreiben könne, ihn an stillen Winterabenden schon manches aufzeichnen lassen von dem, was ihm als auf den Höfen weit herum von alters her üblich bekannt sei und nicht in den Rechtsbüchern stehe.

Begierig rief sogleich der Ritter: »Mein Sohn! von allem, was der Vater dich solchergestalt niederschreiben läßt, solltest du mir Copia geben, das heißt, wenn er es gestatten will! Denn ich fürchte, er gehört zu denen, welche glauben, das Alleinwissen verleihe Macht im Rechtsleben, oder die gar den Aberglauben hegen, solche Kunde sei als etwas Übermenschliches und Gefährliches zu hüten!«

»Das tut er nicht,« antwortete Johannes, »denn er hält es für ein Gemeingut und hält es für ein Übel, daß alles nur in den Gotteshäusern aufgeschrieben und bewahrt werde, wenigstens hier.«

»Sieh, mein Sohn, schon manches hab' ich hier, was dir auch zugute kommen kann und was du mir wiederum kannst vermehren helfen!« fuhr der Ritter fort und führte ihn zu einem offen stehenden, in die dicke Mauer des Saales eingelassenen Schranke, aus welchem ein Teil der auf dem Tische liegenden Handschriften entnommen war, in welchem aber noch viele Bücher und Pergamentrollen geschichtet lagen.

Da waren neben dem Parzival, dem Erec, Iwein und armen Heinrich, dem Tristan, dem Wartburgstreit und anderen poetischen Werken auch verschiedene Bücher beschreibender und historischer Natur, wie sie damals geschrieben und, gelesen wurden, vornehmlich aber sah man da Abschriften wichtiger Rechtsdenkmäler und Urkunden, wie sie nur ein einflußreicher und hochstehender Mann zu sammeln in der Lage war. Herr Rüdiger holte ein besonders eingewickeltes Buch hervor und zeigte es dem Jüngling. Es war die Handschrift des Schwabenspiegels.

»Vorzüglich das Buch hier möchte ich besitzen, denn diese Schrift gehört nicht mir, sondern den Herren am Münster,« sagte er; »wolltest du zuweilen herkommen, so könntest du es hier abschreiben, indem wir es gleicherzeit zusammen lesen; denn es wird etwas schwierig sein, da manches gar alter und eigentümlicher Art ist. Haben wir die Schrift fertig, so wollen wir auch den Spruch an den Schluß setzen, den dieser Schreiber hier am Ende des Lehensrechtes angebracht hat und der auch mir wohlgesagt scheint:

»Es ist niemand so ungerecht, den es nicht unbillig dünkt, wenn man ihm unrecht tut. Darum bedarf man weiser Rede und guter Künste, sie in den Rechten zu verwenden. Wer zu allen Zeiten nach dem Rechte spricht, der macht sich manchen Feind. Dem soll sich der Biedermann gern unterziehen, um Gottes und seiner Ehre willen und zum Heil seiner Seele. Der gütige Gott verleihe uns, daß wir das Recht also lieben in dieser Welt und das Unrecht schwächen in dieser Welt, daß wir dessen genießen dort, wo Leib und Seele scheiden!«

»Das ist wohl ein schöner Spruch,« sagte unversehens eine jugendliche Frauenstimme dicht hinter Johannes. Rasch kehrte er sich um und stand einem sechzehnjährigen Fräulein gegenüber von einer ganz seltenen und eigentümlichen Schönheit und überaus schlanker Gestalt. Die Anmut ihrer Gesichtszüge war fast etwas verdüstert durch einen tiefen Ernst und doch durch denselben wieder beseelt. Es war Fides, die bisher sich von der Gesellschaft entfernt gehalten.

Johannes hatte alle die Jahre her das Mädchen nie wieder erblickt, obschon er nach Jugendart dasselbe im Gedächtnis bewahrt und heute sofort der Meinung gewesen war, er werde das ehemalige Kind ohne Zweifel endlich finden. Allein eben weil sie nicht mehr ein Kind, sondern eine ganz andere Person und Gestalt war, und dann von der glänzenden Versammlung überrascht und durch das Singen beschäftigt, hatte er sie nicht gesehen und waren seine Gedanken sogar ganz von ihr abgekommen.

Wie sie seine Überraschung bemerkte, betrachtete sie ihn genauer und schien sich zu besinnen, wo sie ihn wohl schon gesehen habe, bis ihr einfiel, daß der hier stehende Schüler des seligen Kantors ja kein anderer als jener Knabe sei, der sie einst durch den Bach getragen und sie dann eine Strecke weit den Berg hinunter verfolgt hatte. Sie nickte ihm mit flüchtigem Lächeln ein weniges zu und ging dann wieder mit ihren Gespielinnen auf und nieder, zuletzt aber aus dem Saal.

»Unser junger Spielmann hat nun aber auch einen Trunk verdient,« sagte jetzt die Hausfrau, »setzet Euch ein Weilchen nieder und erquickt Euch; denn gewiß habt Ihr Euch die Kehle trocken gesungen!«

Sie wies Johannes einen der ledigen Sitze an, auf welchem er sich still und schüchtern verhielt.

Herr Rüdiger aber trat plötzlich, nachdem er inzwischen nachdenklich einigemal auf und nieder gegangen war, hinter den Bischof Heinrich und legte ihm die Hand auf die Schulter, so daß die übrigen Anwesenden ihre Gespräche unterbrachen.

»Weißt du, trauter alter Freund! welch ein Gedanke mir eben gekommen ist, als ich mich dort mit dem Bücherwesen unterhielt? Seit mehr als hundert Jahren, so dachte ich, wird in deutschen Landen die Minne gesungen und sonst so mancher weise und tapfere Spruch ersonnen; von Hand zu Hand gehen die Lieder, und noch vermehren sie sich täglich, aber niemand weiß und kennt sie alle, und je mehr der Jahre fliehen, je mehr der Lieder gehen mit den sterbenden Menschen zu Grabe! Wie mancher edle Sänger liegt seit sechzig, siebzig Jahren wohl in seiner Ruhe, noch haben wir seine Lieder, aber schon nur noch wenige seiner Weisen; in abermals siebzig Jahren, was wird noch vorhanden sein von seinen Tönen und von seinem Namen? Vielleicht ein Märchen, wie vom Orpheus, wenn's gut geht!«

»Ich verstehe dich, lieber Herr und Freund!« erwiderte der Bischof, seine Hand erfassend, »du willst die Lieder gründlich sammeln und retten, was zu retten ist, und ich muß solchen Vorsatz nur loben, soviel ich loben kann! Einen guten Anfang habt Ihr ja schon gemacht, du und dein würdiger Sohn, von dem ich wiederholt erfahren und vernommen, wie er in allen Burgen und Klöstern nach Geschriebenem bohrt! Aber wir müssen nun ins Breite und Weite gehen und eine gewisse Ordnung in die Sache bringen!«

»Versteh mich recht!« versetzte der Manesse, »ich meine ein einziges großes Buch zu stiften, in welchem alles geordnet beisammen ist, was jeder an seinem Orte singt. Ja, soeben schaue ich,« fuhr er in edler Erregung fort, »schon sehe ich das Buch in schönster Gestalt vor mir, groß, köstlich und geschmückt, wie, ohne Blasphemia zu reden, das Meßbuch des Papstes!«

»Ebenso mein' ich es auch,« antwortete der Klingenberger, »und weißt du warum? Weil ich bereits einen Anlauf und Vorgang solchen Unternehmens kenne. In der Bücherei unseres Domsitzes zu Konstanz gibt's ein Buch, worin an die fünfundzwanzig Singer schon beieinander stehen, wenige davon vielleicht vollständig, aber kundig geordnet und begleitet von ihren Bildnissen. Das alles kannst du größer, schöner, reicher anlegen, vorzüglich müssen wir die Namen vervollständigen. Nach meinem Dafürhalten werden wir statt fünfundzwanzig an die hundert Namen bekommen.«

»Es wird gegen die hundertundfünfzig gehen,« rief Johannes Maneß, der Chorherr, »wie viele haben wir nur in unseren Gauen zu suchen vom Bodensee bis ins Üchtland und in die Berge des Oberlandes; dann denkt an die Donau, an Bayern, Franken, Sachsen, den Rhein, Niederland und die Nord- und Ostmarken!«

»Um so eher müssen wir beginnen,« sprach wieder Herr Rüdiger, »daher fragen wir Euch, den Herrn Fürsten und Bischof zu Konstanz, hiermit förmlich an, ob wir bemeldeten Liederschatz lehensweise benutzen dürfen zur Vergleichung und Umschau?«

»Mit Freuden wird Euch das Werk zur Verfügung gestellt,« antwortete der Bischof mit scherzhaftem Ernste, »wofern unsere hochgelobte gnädigste Fürstin, die große Frau zu St. Felix und Regula in Zürich, für die unbeschwerte Rückkehr des Schatzes gute Bürgschaft leisten will!«

»Sie will es,« sagte Frau Kunigunde, die Äbtissin, lächelnd, »insofern der Ersatz für so leichte Ware, wie jene Lieder sind, falls sie verlorengehen oder veruntreut werden, in ebenso leichtem Wert geleistet werden kann, etwa in einem Korb Rosen oder Feldblumen, so alljährlich an Kaiser Heinrichs Tag, welches der Namenstag des Herrn Fürsten, meines Oberherrn, ist, nach Konstanz zu schicken wäre, wohlgemerkt unter Gegenverpflichtung, den Boten und sein Roß gehörig zu pflegen und der Tributpflichtigen jedesmal ein Paar neue Handschuhe zurückzusenden!«

»Eine echt weibliche Großmut, die wir in Demut über uns ergehen lassen!« rief der Bischof.

Herr Jakob von Wart aber erhob sich und zugleich seine Trinkschale und rief: »Herren! laßt uns der schönen Frauen nicht spotten, zu deren Preis und Hochhaltung das Werk hauptsächlich dienen soll! Denn wird es nicht, recht durchgeführt, vor allem auch ein Denkmal und Zeugnis werden von der Ehre, welche wir den guten Engeln erwiesen haben und erweisen, wie noch nie vordem in der Welt erhört worden ist, aber wie es bleiben soll, solange die Herzen ritterlicher Männer schlagen?«

»Recht so,« fiel Manesse ein, »solche Worte sind glückverheißend für unser Unternehmen, und glückverheißend ist die Anwesenheit des Herrn, der sie sprach, eines echten Ritters und Minnesingers. Lassen wir die Becherlein füllen, bitten wir die edlen Frauen, sie uns zu kredenzen, und trinken wir darin auf das unvergängliche Heil der blühenden Weibesseele, auf das Heil unseres Freundes Wart, der heut hier sein eigenes Lied gesungen hat, und auf das Gelingen unseres Vorsatzes!«

Alle standen von ihren Sitzen auf, die Frauen hielten der Reihe nach alle Becher an ihre Lippen und boten sie den Herren, welche sie wohlgemut leerten.

Maneß umarmte und küßte den Herrn von Wart, welcher freudig bewegt, in der Weise älterer Leute, sich diese Nachblüte seiner Kunst gefallen ließ und nicht ahnte, daß in weniger als zwanzig Jahren seine Burgen zerstört und sein Geschlecht von der Erde hinweggetilgt sein würden.

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