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Züricher Novellen

Gottfried Keller: Züricher Novellen - Kapitel 46
Quellenangabe
typenovelette
booktitleZüricher Novellen
authorGottfried Keller
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22643-8
titleZüricher Novellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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Besagter Stephan Zeller war nämlich ein gar frommer, wachsamer und reformatorischer Mann, welcher sich vornahm, die gute Ordnung des Kappeler Lagers hier einzuführen, nachdem er zu seiner Betrübnis bemerkt hatte, daß auf dem jetzigen Kriegszuge von jener christlichen Zucht nicht viel zu sehen gewesen, teils weil viele Kriegsleute von der alten Observanz dabei, teils weil man außer Landes war und es einen fremden Feind zu schlagen gab. Statt der gottesfürchtigen Liedlein, die Zwingli in seinem alten Toggenburger Dialekt gedichtet und in Noten gesetzt hatte, sangen die Knechte wieder. »Nun schürz dich, Gretlein, schürz dich« und »Frisch auf, gut G'sell, laß ume gan!« und ließen den Worten häufig die Tat folgen, was dem würdigen Hauptmann keineswegs gefiel; und eben zu einer Unterstützung und Mittelsperson gegen die Verwilderung, gewissermaßen als einen Mustersoldaten, behielt er den Hansli bei sich. Der entsprach dieser Anforderung mit großem Eifer; er suchte mit unveränderlichem Ernste Zucht und Ordnung aufrechtzuhalten, ging in Mäßigkeit und Sitte mit gutem Beispiele voran und war dem Hauptmann, der bei Tag und Nacht alle Posten und Wachen selbst beging und untersuchte, behilflich in seiner Arbeit.

Denn der eingeschlossene Raubtyrann war mit allem Rüstzeug und mit Leuten wohl versehen und sein Nest außerordentlich fest; und so streng ihn die Schweizer mit Hilfe eines trefflichen Geschützmeisters, welchen Landgraf Philipp von Hessen der Stadt Zürich gesandt, beschossen, so ergiebig erwiderte jener das Feuer, und es bedurfte aller Vorsicht, dem Schaden desselben in den offenen Stellungen auszuweichen.

Inzwischen aber nahmen die Knechte, von alten Söldnern angestiftet, Ärgernis an der strengen Ordnung, in welcher sie gehalten werden wollten, und spielten dem Hauptmann einen Schabernack, wo sie konnten. Bald artete dies Wesen in eigentliche Anfeindungen und Anschwärzungen aus, die einige nach Zürich zu fördern wußten, also daß Bericht hierüber verlangt und der Hauptmann seinerseits wiederum geärgert und gekränkt wurde.

Der üble Wille mancher schlimmen Gesellen kehrte sich natürlich auch gegen den Hansli, der es treulich mit dem Hauptmann hielt und von ihnen der tugendreiche Feldküster genannt wurde; und wo sie ihm eine Falle zu stellen verhofften, unterließen sie es ungern. Nicht ohne einen Anhauch von Selbstgerechtigkeit ertrug er solche Unbill, seine Wege um so unbestechlicher mit feierlichem Wesen verfolgend.

An einem schönen Septembertage, als das Schießen ruhte, überschritt er den Lagerkreis und wandelte unter dem paradiesischen Himmel dahin, der sich über dem dunkelblauen See von Como wölbte. Er gelangte endlich vor ein Haus, in welchem ein mailändischer Wirt, die Kriegsläufe und Anwesenheit der verschiedenen Heerhaufen benutzend, sich festgesetzt hatte und neben gutem Wein allerhand Kramsachen verkaufte, wie sie von den Soldaten im Felde gesucht werden. Ein paar wohlgestaltete Nichten unterstützten das Geschäft und lockten ebenso stark, als das Getränke, die mailändischen wie die schweizerischen Soldaten herbei.

Unter einer steinernen Bogenhalle, zu welcher eine lange, halbverfallene Treppe hinauf führte, saßen auch jetzt zehn oder zwölf wackere Eidgenossen und zechten. »Da geht der tugendsam Küster!« sagte einer, als er den Hansli unten vorbeischreiten sah. »Lockt ihn herauf!« rief ein anderer, »wir wollen ihn einmachen!«

Sogleich rief der erste hinunter: »Rottmeister! Hie gute Gesellen und guter Wein, auf einen Schluck!«

Hansli Gyr bedachte, daß sich vielleicht eine Unordnung verhüten und eine rechtzeitige Rückkehr ins Lager betreiben lasse, wenn er auf ein Stündchen teilnehme, und er kletterte in die Burg der Fröhlichkeit hinauf und setzte sich zu den Zechbrüdern.

Der dunkle Wein war wirklich so frisch und gut, daß er sein kühles Herz erwärmte und Hansli den zutrinkenden Gesellen mehr nachgab, als ihm nützlich war, zumal das goldene Wetter und der scheinbar harmlose Frohsinn der Gesellschaft ihre Rechte geltend machten und ihn seine ernsthaften Grillen vergessen ließen. Einzig die hübschen Aufwärterinnen hielten einiges Bedenken wach. Doch würdigte er sie nicht manchen Blickes, sondern hielt sich als einer, dem dergleichen fremd ist.

Da brachte unversehens einen Krug Wein, den er selbst zum besten gab, die schönste Weibsgestalt herbei, die er je gesehen, hoch und fein, mit dunklen Haarflechten, noch dunkleren Augen, und reich in grüne Seide gekleidet, Brust und Arme in faltiges, weißes Nesseltuch gehüllt. »Das ist die lange Freska von Bergamo!« hieß es unter den Soldaten (zu deutsch Fränzchen oder Franzi), was aber Hans überhörte, weil er nur auf die auserwählte Erscheinung sehen mußte, die sich keineswegs unbescheiden, aber mit lächelnder Sicherheit bewegte und ohne weiteres an seiner Seite Platz nahm, als er sein gut gefülltes Geldbeutelchen hervorzog, nur um für den Augenblick sich mit ihr zu schaffen zu machen; denn die Worte versagten ihm trotz der ungewohnten Weinlaune, in die er unbewußt geraten war. Immer wieder mußte er das edel geformte Gesicht, die schlanke Gestalt, die im Knochengerüste hoch gewölbte breite Brust anschauen, was alles eher für einen Fürsten gemacht schien, als für arme Kriegsgesellen; und so viel schöne Weiber er in Italien auch schon gesehen hatte, so war ihm dergleichen eine doch noch nie vorgekommen.

So oft sie aufstand und wegging, kam sie doch immer wieder zu ihm zurück und gab sich, ohne unhöflich zu sein, mit den anderen nicht ab. Der gestrenge Rottmeister sah und hörte nichts mehr, als die schöne Person, die sich ruhig und traut mit ihm unterhielt und ihm dabei nicht wie eine verdächtige Gesellin, sondern wie eine wackere gute Freundin in die Augen sah, indem sie nach seiner Heimat und seinen Schicksalen, nach seinen Gewohnheiten und dem, was er gern habe, fragte.

Der Abend rückte vor, es wurde Nacht, die Sterne funkelten am Himmel und aus dem Seespiegel, und Hansli bemerkte nicht, daß einer der Gesellen nach dem andern sich weggedrückt hatte und selbst der Wirt mit seinen Leuten verschwunden war, bis die lange Freska mit ihrer wohllautenden Stimme sagte: »Hier wird's zu kühl, wir müssen hineingehen, wenn Ihr noch einen Becher trinken wollt!«

Sie gingen in das anstoßende Gemach, welches, ebenfalls leer und still, von einer Lampe schwach erhellt wurde, die am Gewölbe hing. Er war nun ganz verliebt, sein Herz klopfte in der Fülle seiner Lebenslust, die plötzlich aus dem langen Schlaf erwachte, und da der zu reichlich genossene Wein zugleich seinen Verstand umnebelt hatte und er doch wiederum ein redlicher Mensch war, so tauchte, wie sie jetzt ernst und schweigend in seinen Armen lag, das Projekt in ihm auf, das herrliche Wesen, das an sich ein Glück und ein großes Vermögen wert zu sein schien, mit sich zu nehmen und zu heiraten, wenn sie ihn möchte. Das schien ihm indessen keineswegs unzweifelhaft sicher; auf der anderen Seite war es aber wohl des Versuches wert, die Seele eines solchen Körpers zu erretten und dem Papsttum zu entreißen.

Wie er derartige Gedanken in seinem heißen Kopfe erwog, spielte er mit der weißen Hand des Weibes und lüftete einen Goldreif, den sie an einem ihrer Finger trug. Plötzlich bemerkte er, daß der Ring ganz genau demjenigen glich, welchen er einst der Ursula geschenkt hatte, und ein Zwillingsbruder desselben vom gleichen Schmiede verfertigt sein mußte.

Hansli erblaßte; denn das bleiche liebe Antlitz der armen Ursula stieg vor seinem Geiste empor und warf seinen Widerschein auf sein Gesicht.

»Was ist das für ein Ring?« fragte er mit gepreßter Stimme.

»Das ist der Ring von meinem Geliebten, der mich heiraten wird!« antwortete die schöne Freska gelassen.

»Wo ist er und was ist er?«

»Er ist eigentlich ein Bäcker und Wirt, in den letzten Jahren aber ein Bandit gewesen, da es ihm schlecht ging. Jetzt ist er flüchtig und sitzt in Neapel, weil er im Solde eines großen Herren einen Grafen erschlagen hat und entdeckt worden ist. Sobald ich mir genug Geldes erworben habe, gehe ich zu ihm und wir errichten irgendwo im Süden eine Locanda und Bäckerei. Nächstens gehe ich nach Rom, wo ich eine Schwester habe, die bei einem Kardinale lebt.«

»Und willst du wirklich an jenem Verlobten hängen, der ein Totschläger und Verworfener ist?«

»Warum nicht? Ein Verworfener ist er nicht, sondern nur ein armer wilder Mensch, der nötig hat, daß man ihm hilft und für ihn sorgt. Wir sind von Kindesbeinen an füreinander gewesen und lassen nicht voneinander!«

Also diese verlorene Seele bleibt einem verbannten Mörder getreu und hält an ihm fest, dachte Hansli bei sich selbst, und du elender Mensch hast die unschuldige Seele der Ursel verlassen und jetzt verraten wollen!

Er war bereits wieder nüchtern geworden; der Schweiß stand ihm auf der Stirne, auch hatte er schon die seltsame Person fahren lassen und empfand einen Abscheu vor dem unbegreiflichen Gemische ruhigen, praktischen Wesens, gemeiner Zweckmäßigkeit, Liebe, Selbsttreue und Schamlosigkeit, welches in der edlen Gestalt zum Vorschein kam.

»Gute Nacht!« sagte er; »leuchtet mir ein wenig!«

»Wo wollt Ihr hin?« erwiderte sie verwundert, aber ruhig; »geht hier durch die Küche, da kommt Ihr auf den bessern Weg.«

Allein er hörte nicht darauf, ging nach der Vorlaube, durch die er gekommen, und begann im Dunkeln die gefährliche Treppe hinabzusteigen; denn die Schöne hatte schweigend die Türe hinter ihm zugeschlagen, statt ihm zu leuchten. Er glitt auch bald aus auf den verwitterten Steinstufen und stürzte in ein dichtes Lorbeergebüsch hinunter, das ihn zum Glücke vor hartem Schaden bewahrte. Doch hatte er einige Mühe, sich zurechtzufinden und auf festen Fuß zu kommen und sein Quartier zu suchen.

»Ist es möglich! Ist es möglich!« sagte er wiederholt vor sich her, ohne sich in seiner Verwirrung klar bewußt zu sein, ob er die lange Freska oder sich selber meine. Denn er war ja noch länger als das Weibsbild und von festerem Stoffe, und war gefallen.

Am nächsten Tage machte er kein heiteres Gesicht, als er die Zechbrüder traf, die ihn mit verschmitzten Augen beguckten und mit halblauten Spottworten verfolgten.

»Ihr habt recht und habt nicht recht!« sagte er sich umwendend zu ihnen, »doch habt ihr mir mehr Gutes als Übles getan!«

»Ei, das haben wir auch bezweckt, Herr Rottmeister!« riefen sie mit Gelächter, »wer wollte Euch etwas Schlimmes wünschen? Heut ist auch ein Tag und da könnet Ihr ruhig mit den Tugendwerken fortfahren!«

Eine Botschaft und Verrichtung, mit welcher er von den Befehlshabern unerwartet nach Zürich gesandt wurde, kam ihm soeben erwünscht, und er machte sich zur selben Stunde auf den Weg.

In der Heimat hatten sich die Dinge wieder zum innern Kriege angelassen und drängten nach jener Entscheidung hin, welche durch die unglückliche Kappeler Schlacht zuungunsten Zürichs ausfiel und die Reformation auf dem Punkte festhielt, auf dem sie gerade stand.

Die Stadt Zürich war jetzt mit Gelehrten und Theologen wohl besetzt, ein Geist der Klugheit und Überlegenheit erfüllte sie; jedermann hatte die Heilige Schrift und die Traktate in der Hand, und die allgemeine Wohlweisheit beleidigte und reizte nicht nur die katholischen Gegner, sondern selbst die Freunde; das starke Bern, wo die weltliche Staatsklugheit die Oberhand über die geistliche behielt, empfand den schulmeisterlichen Ton ebenso unangenehm, so daß, als Zürich durch gewaltsame Rechtsverletzungen und einseitiges Vorgehen sich in seinem Eifer in gefahrvolle Lage gebracht, ein Berner Regent einem zürcherischen, der zu Tathandlungen mahnte, zu verstehen gab, die Zürcher werden sich wohl allein zu helfen wissen, da sie so gescheit seien.

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