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Züricher Novellen

Gottfried Keller: Züricher Novellen - Kapitel 45
Quellenangabe
typenovelette
booktitleZüricher Novellen
authorGottfried Keller
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22643-8
titleZüricher Novellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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4.

So sah und hörte er lange nichts mehr von dem Nachbarvölklein und vergaß dasselbe beinahe über all den Ereignissen, deren Zeuge und eifriger Mithelfer er an seinem bescheidenen Orte war. Zwinglis und seiner Freunde Werk hatte sich in der Zeit siegreich über die ganze offene Schweiz verbreitet und mit den deutschen Reformationsverhältnissen berührt; das mächtige Bern war hinzugetreten, welches ein verschiedenes Temperament und eine anders geartete politische Auffassung mitbrachte; mannigfache weitere Träger, Gegensätze und Ansprüche wirkten mit, so daß eine größere Masse in Bewegung ging, hier vorwärtsdrängend, dort schwerfälliger an sich haltend, und dazwischen schwankende, vermittelnde Teile schwebten, alles das um den festen Kern der katholischen Orte her flutend, welche unveränderlich, listig und entschlossen wie eine Insel inmitten der Flut widerstanden, auf altbewährte Kraft bauend und von den auswärts waltenden Mächten der Vergangenheit angefeuert.

Auf dieser stürmisch hin und wider wogenden See fuhr das Schifflein der Zürcher mit seinem Zwinglischen Steuermann ohne Aufenthalt weit voran. Mit vollkommener Einfalt in seinem Vertrauen auf die unmittelbare persönliche Vorsehung Gottes und ebenso großer Wachsamkeit und Kenntnis der Dinge und Menschen kämpfte er unermüdlich gegen List und Gewalt der gegnerischen Welt; er war die Seele des geheimen und des offenen Rates, Lehrer und Prediger, Staatsmann und Diplomat, und schrieb mit der gleichen Feder theologische Abhandlungen, Sittengesetze, Staatsschriften und Kriegspläne.

Denn endlich war die Sache zum kriegerischen Austrage gediehen; der Reformator lebte des heiligen Glaubens, daß diese Welt des Widerstandes nur gezwungen zu werden brauche, das Wort Gottes zu hören, um sich zu ergeben, und statt der völkerrechtlichen Verträge führte er lediglich das Evangelium in der Hand, während das alles den Widersachern unleidlich war und jener nicht wußte, daß ein Volk aus dem gleichen Grunde eine Religions- oder Staatsänderung abweisen kann, aus welchem eine Weibsperson ein für allemal einen Freier verwirft.

Aber unerschütterlich standen jetzt Regiment und Volk hinter dem Meister, wobei freilich die Eintracht und das gute Einvernehmen mit eine Frucht steten Berichtens und Anfragens bei den Gemeinden waren. Auch dem Hans Gyr, der eine Versinnlichung des Volksgeistes vorstellen konnte, wie dieser jetzt lebte, waren die Dinge geläufig, und er wurde in brauchbarer Tätigkeit zur Hand gefunden, als jetzt zu den Waffen gegriffen wurde.

Die beiden Lager des ersten Kappeler-Krieges standen sich jenseits des Albisgebirges gegenüber in der Weise, daß die Katholischen nicht genügend vorbereitet und zahlreich, die Zürcher aber im Vorteil waren an Macht sowohl, als in der politischen Stellung überhaupt. Ihre Verbündeten waren zum großen Teil ebenfalls aufgebrochen und im Felde, während der österreichische König Ferdinand, mit welchem die fünf Orte ein Bündnis geschlossen, keine Anstalten traf, ihnen tatsächlich beizuspringen.

Da die fünf Orte unter diesen Umständen etwas kleinlaut und eine gute Zahl Vermittler und Schiedsleute mit im Felde waren, kam es zu jenem Frieden, der nur von kurzer Dauer sein sollte und die Zürcher, sowie das von ihnen geführte Werk um den Vorteil brachte. Indessen bot das zürcherische Lager während der Zeit der Unterhandlungen das neuartige Bild eines reformierten Kriegslagers, wie es später vielleicht nur unter dem Schwedenkönig oder bei den englischen Puritanern eine Wiederholung fand, und in diesem Musterlager stellte der Hansli Gyr einen wahren Mustersoldaten vor.

Die Trommel rief täglich zu Predigt und Gebet; jeder war gut genährt und getränkt, aber es wurde keine Betrunkenheit gelitten, noch Fluchen oder lästerliches Schwatzen. Keiner durfte eine Pflanze im Acker schädigen oder einen Zaunstecken entwenden, und freundliches Benehmen unter sich und gegen jedermann, selbst gegen die Feinde im Felde, war allgemeine Übung. Die Jüngeren verbrachten ihre Zeit mit fröhlichen Liedern oder mit solchen Spielen, welche die Glieder schmeidigten, mit Leibesübungen, wie Steinstoßen und gewaltiges Springen; alle landläufigen Dirnen wurden ferngehalten oder verjagt, wenn sich eine sehen ließ.

Hansli Gyr war einer der eifrigsten, solche Ordnung zu halten. Für einen jungen Krieger (freilich jetzt bald nicht mehr ganz jung) betete er fast etwas zu gern und zu laut und mit zu feierlichem Gesichte, wie wenn er sich selbst wohlgefällig belauschen würde, obgleich dies wenigstens jetzt noch nicht der Fall war, wohl aber kommen konnte, wenn es lange so fort ging. Immerhin hörte er sich nicht ungern sprechen, während er früher einsilbiger gewesen war. Das lag aber in den Zeitläufen und in der aufgeregten Teilnahme, in welcher der einzelne bei den gemeinsamen Angelegenheiten festgehalten wurde.

Sah er aber einen Burschen von fern mit einer Landmagd reden oder gar schäkern, so sandte er sofort eine Wache hin, zu betrachten, was dort vorgehe, und ließ sich gar eine kurzgeschürzte Kriegsdirne blicken, so hätte er am liebsten den Merkur oder die Venus auf sie gerichtet und abgeschossen, welche unter dem Zürcher Feldgeschütze standen, und der Vogel tat wohl, zu dem Lager der Katholischen zurückzufliegen, von woher er gekommen. Denn dort gab es Weiber die Menge nebst Karten- und Würfelspiel, obgleich Speise und Trank teuer waren.

Nachdem nun die im Felde anwesenden Vermittler und Schiedsleute die Stimmung auf beiden Seiten so weit gebracht hatten, daß ein Frieden verhandelt werden konnte, wurde beschlossen, denselben vor offene Kriegsgemeinden zu bringen. Zuerst stellte sich das zürcherische Heer auf freiem Felde auf im weiten Ringe um eine hohe Bühne, auf welche das Banner, umgeben von den übrigen Fahnen, gepflanzt war, nach dem Ausspruche: wo das Banner weht, da ist Zürich. Dabei standen die Hauptleute und Fahnenträger, die Rottmeister aber vor ihren Leuten auf freiem Platze und unter ihnen Hans Gyr; ihnen lag ob, vor anderen aufmerksam zu hören, was gesprochen wurde, und Hans stand in der Tat so ernst und schweigend da wie eine Bildsäule, sobald die dreißig Abgeordneten des katholischen Heeres, von einem Trompeter eingeführt, zu Pferde erschienen waren und vor der Tribüne hielten.

Zuerst stiegen die Schiedsmänner hinauf und hielten ihre zum Frieden mahnenden Reden, worauf die Katholiken ihre Redner absitzen, die Tribüne besteigen und ihre Klagepunkte vorbringen ließen, worauf sie wegritten und die zürcherischen Führer wieder auftraten, Zwingli an der Spitze, um über das Gehörte weiter zu sprechen und zu beraten.

Mit dem Ergebnis dieser Beratung ritten am dritten Tage die reformierten Abgeordneten, an sechzig Mann stark, in das Lager der fünf Orte hinüber. Dort stand in gleicher Weise die Heergemeinde versammelt, und es kam die Reihe nun an die Zürcher, vor dem katholischen Volke ihre Beredsamkeit zu entwickeln.

Leider waren sie in diesem Punkte nicht gut bestellt. Der Reformator selbst hätte bei dem gegen ihn obwaltenden Hasse in keinem Falle mitgehen können; die ersten Hauptleute aber waren dem Reformationswerke nie grün gewesen und dem Frieden allzu günstig gestimmt, so daß von ihrer Vertretung keine große Wirkung erhofft wurde. Es blieb nichts anderes übrig, als einen Advokaten von Beruf zum Sprecher zu wählen, welcher vor dem aufmerksamen Heer der Waldstätte, das an Landsgemeinden regelmäßig gewöhnt war, seine Aufgabe nur dürftig löste.

Es waltete daher eine kühle und ungewisse dünne Stimmung über der Szene; da trat zuerst Hansli Gyr den Herren zur Seite und erhob das Wort, indem er aus seinem Volksgemüte heraus zu demjenigen der Gegner sprach, wie es der Meister Ulrich nicht besser hätte wünschen können. Frischweg und verständlich ließ er jene hören, was dem reformierten Volke das Herz bewege und wie es auf seine Wege geraten; was es für recht und billig halte und wie es zu seinen Führern stehen werde bis in den Tod, einem gerechten Frieden aber nicht entgegen sei, sondern mit Freuden zu seinen alten Eidgenossen zurückzukehren sich sehne, sobald diese zu gerechten und notwendigen Friedensartikeln die Hand bieten.

Ihm folgten ohne Zögern andere Kriegsleute aus den zürcherischen Landgemeinden und verteidigten in kräftiger Rede ihre und ihrer Herren Sache. Das katholische Heervolk erhielt durch dieses Auftreten den bestimmten Eindruck, daß die reformierte Bevölkerung mit sich einig sei und wisse, wohin sie wolle, und die Gemeinde ging nachdenklich über das Gehörte auseinander.

Die Schiedsleute, Männer von Straßburg, Konstanz, Basel, Bern usw., eifrig und ängstlich, den Krieg und die offenbare Spaltung der Eidgenossenschaft zu hindern, setzten sich nun in der Mitte zwischen den beiden Lagern, in dem Dorfe Steinhausen, zusammen und minderten oder mehrten die Artikel, wie dieselben dann beiden Teilen vorgelegt und nach abermaliger Beratung und Zögerung schließlich angenommen wurden.

Kein Teil war recht zufrieden; immerhin war eine Hauptsache für die Reformierten erreicht, nämlich daß die fünf Orte der Ferdinandischen Vereinigung absagten und den Bündnisbrief herausgaben. Der Landammann von Glarus, welcher mit nassen Augen erst den Ausbruch der Tätlichkeiten verhindert und die Verhandlungen ermöglicht hatte, zerschnitt das Pergament mit seinem Dolche vor allem Volke und mit jener Genugtuung, welche wohlmeinende, aber nicht weitgehende Friedensstifter in solchen Augenblicken empfinden.

Das Heer der fünf Orte kehrte mißmutig und in gedrückter Stimmung nach seinen Bergen zurück, die Zürcher aber als eine Art Sieger mit fliegenden Fahnen und beim Schalle der Musik in ihre Stadt.

Die Auslegung und Durchführung des Friedenstraktates verursachte bald genug neue Schwierigkeiten und Anstöße an allen Enden, so gutmeinend und vorzüglich in an sich rechtlicher und eidgenössischer Hinsicht das Instrument abgefaßt war, trotzdem es im Feldlager entstanden. Denn wo die Zeiten ineinander strömen und die Leidenschaften, die reinen und die unreinen, darauf einherfahren, sind die Rechtsleute schwache Dammwächter. Als Zeichen der wieder eintretenden Verschlimmerung zeigte sich die wider den Frieden neuerdings erwachende Neigung der fünf Orte, mit dem Österreicher abermals anzubinden, und die stets wache Bereitschaft des Bruders Karl V., mit seinen hinterlistigen Einwirkungen die Schweizer auseinander zu bringen, ohne tatsächlich einen Mann daran zu wagen. Eine derartige Hinterlist veranlaßte den sogenannten Müsserkrieg, durch welchen Hansli Gyr wieder ins Feld kam. Der berüchtigte Kondottiere Jakob Medicis, der von Karl V. zum Markgrafen und Kastellan von Musso, einem festen Schloß am Comersee, gemacht worden war, fiel in die den Graubündnern gehörigen Täler von Kläven und Veltlin, nachdem er ähnliche Überfälle schon früher gewagt und bündnerische Gesandte nach Mailand mit Assassinat hatte anfallen und aufheben lassen. Sein Verwandter, Markus Sittich von Hohenems, machte Miene, ihm mit österreichischen Völkern beizuspringen, und es gelang der Plan insoweit, als die Aufmerksamkeit der evangelischen Orte auf diesen Punkt gezogen wurde. Zürich mahnte Bern und die übrigen zur Hilfe für Bünden, und es zog eine hinreichende Macht an Ort und Stelle, warf den Eindringling unverweilt aus dem Lande, veranlaßte die Regierung zu Innsbruck zu einer höflichen Entschuldigung wegen des unliebsamen Vorfalls und übertrug dann mit den Bündnern die Fortsetzung des Krieges gegen den von Musso dem Herzog von Mailand, sowie das eroberte Gebiet des erstern. Etwa zweitausend Mann blieben behufs der Belagerung des Schlosses zurück, dessen Zerstörung die Schweizer selbst besorgen wollten. Diese Mannschaft wurde unter den Befehl des Herrn Stephan Zeller von Zürich gestellt, welcher den Hansli Gyr bewog, bei ihm zu bleiben, statt mit den Heimkehrenden zu ziehen.

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