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Züricher Novellen

Gottfried Keller: Züricher Novellen - Kapitel 43
Quellenangabe
typenovelette
booktitleZüricher Novellen
authorGottfried Keller
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22643-8
titleZüricher Novellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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3.

Die Pfingstzeit des Jahres 1524 war für die in den Kirchen zu Stadt und Land versammelte Bilderwelt kein liebliches Fest geworden; denn infolge einer weiteren Disputation und daherigen Ratsbeschlusses wurde, unter Zustimmung des Volkes, alles Gemalte, Geschnitzte und Gemeißelte, Vergoldete oder Bunte von den Altären und Wänden, Pfeilern und Nischen genommen und zerstört, also daß der Kunstfleiß vieler Jahrhunderte, so bescheiden er auch in diesem Erdenwinkel war, vor der Logik des klanglosen Wortes erstarb; allein die eigentlichen Religionen dulden keine Surrogate; entweder gehen sie in denselben unter oder sie verzehren sie, wie das Feuer den Staub. Trotz allem Schonen und Zögern brach es los wie ein Gewitter, und unter dem Rufe: »Fort mit den Götzen!« ging es an ein Hämmern, Reißen, Abkratzen, Übertünchen, Zerschlagen und Zerspalten, daß in kurzer Frist die ganze kleine Farben- und Formenwelt vom Tageslicht hinweggeschwunden war gleich dem Hauch auf einer Fensterscheibe.

Ein Jahr später, an einem schönen Herbsttage, fand das Nachspiel statt, als im Chorherrenstift zu Zürich der Kirchenschatz ausgehoben und zu Handen des Staates genommen wurde. Von den in Silber und Gold gebildeten Heiligtümern trennten sich die geistlichen Hüter nicht so leicht, und sie wichen schließlich nur dem bestimmten Befehl, als die Abgeordneten des Rates in die Sakristei drangen. Hansli Gyr war zu Schutz und Wache beigegeben und wunderte sich, indem er das zudringende Volk in Schranken hielt, selber über die verjährte Kostbarkeit, die nun durch die verödeten Kirchenhallen in den hellen Sonnenschein getragen und zunächst in das gegenüberliegende Kaufhaus gebracht wurde, welches ein grauer alter Ritterturm war.

Voran schwankten die silbernen Bilder der Schutzheiligen Zürichs, der Märtyrer Felix, Regula und Exuperantius, welche trotz aller Reformation zur Stunde noch, die Häupter in den Händen, das Zürcher Staatssiegel bilden. Dann folgte ein sechzig Pfund schweres Muttergottesbild von purem Golde, dann eine Reihe goldener und silberner Kreuze, schwere gotische Monstranzen, gleich kleinen Münsterkirchen einherwandelnd, ein dichter Schwarm goldener Kelche und anderer Gefäße, von den ältesten byzantinischen, dann gotischen Formen bis zur neuesten Gestaltung im Stil der Renaissance; Rauchfässer und dergleichen begleiteten die Reliquienkasten, Plenarien und andere Behältnisse der Heiligtümer, das goldene Gebetbuch Karls des Kahlen und ähnliche Raritäten, alles mit Edelsteinen und Perlen mannigfach übersäet; das alles schimmerte auf dem kurzen Wege im letzten Sonnenblick, eh' es in den düstern Hallen des Turmes verschwand.

Sogleich folgte aber ein noch farbenreicheres Schauspiel, das mehr von einem fröhlichen Geräusch begleitet war, als die unabsehbare Menge der Meßgewänder und Paramente, der Kirchenfahnen, Altartücher, Teppiche und Buntgewebe aller Art erschien, von Schülerknaben und anderer Jugend getragen und geschwenkt. Dieser Zug ging aber nicht in den Kaufhausturm, sondern bewegte sich wie ein Katarakt von Seide, Gold und Silberfäden, Leinwand und weißen Spitzengeflechten die Münstertreppe hinunter auf das im Flusse stehende Helmhaus, ein offener Estrich, wo die Trödler und Krämer saßen und allerhand Schacher getrieben wurde. Dort hielt man nun einen Markt über alle die Stoffe und Gewebe von zum Teil sehr alter Abkunft und kunstreicher Arbeit; ein Haufe eitler oder leichtsinniger Weiber und Dirnen eilte aus seinen Schlupfwinkeln herbei, worin die alte Zeit noch ihr Wesen trieb, ehe sie völlig überwunden war, und es begann ein Feilschen und Bieten um die schimmernden und glitzernden Stoffe. Nicht nur Frauensleute wühlten und zupften darin herum und suchten möglichst bunte Zeugstücke für ihres Leibes Putz heraus, um sie für wenig Geld zu erstehen, sondern auch hie und da ein unverbesserlicher Kriegsgeck zog eine Decke oder ein Gewand von vielleicht sarazenischer Wirkerei hervor, das er zu einer stattlichen Jacke zuzuschneiden gedachte.

Hans Gyr betrachtete das unruhige und ungewohnte Schauspiel mit Verwunderung und entdeckte sogar den Schneck von Agasul, den Winkelpropheten, wie derselbe an einer uralten Dalmatika zerrte, welche von Löwen und Adlern in roter und gelber Seide bedeckt war und sich zur Umwandlung in ein Offizierskleid des neuen Jerusalems zu eignen schien. Dabei bemerkte Hansli, wie jener in der Hast einen schön gewirkten länglichen Teppich zur Seite warf; er hob ihn auf, breitete das Tuch auseinander und sah eine anmutige Schilderei sich entwickeln. In einem Walde, der durch einige auf bläulichem Grunde stehende Ebereschenbäume angedeutet war, haschte eine Drossel, auf dem Aste sitzend, nach dem blutroten Beerenbüschel, sich daran zu letzen. Ein Fuchs lauerte gierig auf den arglosen Vogel, nicht ahnend, daß hinter ihm ein junger Jäger den Bogen nach ihm spannte, während dem Jäger schon der Tod nach dem Genicke griff, zuletzt aber der Heiland durch den Wald kam und den Tod an dem Reste des Haarschopfes packte, der ihm hinten am kahlen Schädel saß. Da diese Decke oder Tapete für keinerlei Gewandstück zu brauchen war, so achtete niemand weiter darauf, und Hansli Gyr, dem sie gefiel, kaufte dieselbe und faltete sie sorgfältig zusammen. Beim Anblicke des Schnecken war ihm nämlich unversehens die Ursula durch den Sinn gefahren und sodann der Wunsch erwacht, ihr den Teppich für den Haushalt zu schenken, den er immer noch mit ihr zu führen hoffte; schon ging es nun ins dritte Jahr, daß er aus dem Kriege heimgekehrt war, ohne doch zu Hause zu sein, wo der Wahnwitz ihn fernhielt.

Gerade in diesen Tagen sollte auf einer Bergmatte, welche ihm gehörte, eine Versammlung der jetzt zur Wiedertäuferei offen gewendeten Schwärmer jener Gegend stattfinden. Ursula hatte im Sommer das Gras gemäht und mit Mühe auf einen Haufen gebracht, da sich sonst niemand darum kümmerte und bei aller Verfinsterung der Seele sie doch unbewußt nicht lassen konnte, was dem Hansli nützte. Denn obgleich ihr Vater zunächst den Nutzen bezog, so gewährte es ihm doch ein boshaftes Vergnügen, Hanslis Sache verderben zu lassen, abgesehen davon, daß ihn das schwärmerische Treiben und Spekulieren schon vielfach von der nötigen Arbeit abzog. Knechte aber konnte er schon seit einem Jahre nicht mehr finden, weil jeder ihm gleich sein und keiner ihm gehorchen wollte.

Ursula fürchtete, daß der Heuschober, den sie mit so viel Arbeit in jener Matte errichtet, von dem versammelten Volke zerstört und zertreten werden könnte; sie ging daher am frühen Morgen des betreffenden Tages mit Rechen und Gabel hinauf, um das Heu möglichst auf die Seite zu schaffen, und tat ihr Vorhaben niemandem kund. Die Wiese war so gelegen, daß sie von drei Seiten mit Wald umgeben und nach der vierten Seite hin offen, aber nur in der Ferne sichtbar war, von wo man etwa mit Fernröhren hätte erkennen können, was darauf vorging, wenn es damals solche gegeben.

Wie sie nun in der Morgensonne und in der Bergeinsamkeit schaffte und sich mühte, wurde das blasse und freudelose Gesicht sanft gerötet und von frohem Mute belebt. Während der Herbstnebel die Täler deckte, war es hier oben so warm wie im Mai oder Brachmonat; sie warf daher im holden Eifer Kopf- und Halstuch zur Seite und blühte jetzt wie eine junge Rose, während sie für Hansli Gyr sich regte und sein Goldreif an ihrer Hand schimmerte. Denn so oft sie sich des Nachts schlafen legte oder des Tages allein war, steckte sie sogleich den Ring an den Finger. Manchmal sah sie sich mit leuchtenden Augen um, bald in die duftige Ferne, in welcher die Gebirgshäupter gleich bläulichen Schatten sich reihten, bald in die nahen Waldsäume, die mit purpurner und goldener Farbe sie umgaben, so geheimnisvoll, als ab jeden Augenblick der geliebte Mann aus den Bäumen hervortreten sollte.

Da schien plötzlich ein Teil des Laubes, ein rotgelber Busch selber lebendig zu werden und heranzuwandeln; es war der Schneck von Agasul, der die Dalmatika in eine Art Talar verwandelt, mit Ärmeln versehen und angezogen hatte, um darin vor dem zu erwartenden Volke aufzutreten und eine hohe Stellung einzunehmen. Auf dem Kopfe trug er einen alten Hut von blauem Sammet, den er mit Goldschnüren in die Höhe gebunden und zu etwas Undeutlichem geformt hatte, und alle seine Finger waren mit gläsernen Juwelen besteckt, welche in der Oktobersonne schwächlich glänzten wie falsche Redensarten.

Mit angenehmer Überraschung bemerkte er die einsame Ursula und beschleunigte seine Schritte, bis er sie erreichte, deren unbewachter Liebreiz seine Augen blendete.

»Ich finde dich zu guter Stunde, Töchterlein Zions!« rief er; »es ist Zeit, daß man dich zu Ehren zieht, und längst habe ich dich ausersehen, an meiner Seite zu sitzen auf den Stühlen des Gerichts und zu liegen an meiner Seite auf der Liegerstatt der ewigen Herrlichkeit! Heut ist ein großer Tag, und ehe die Sonne wieder aufgeht, muß vieles vollendet sein!«

Ohne Zögern wollte er sie packen und an sich ziehen; doch die aus süßen Träumen Aufgeschreckte wehrte den Andringenden mit ihrer Heugabel ab und stieß mit derselben so heftig nach ihm, daß die Zinken sich in dem Mummenschanz verfingen und der übel zusammengesetzte Talar, als der Prophet sich befreien wollte, in verschiedenen getrennten Stücken ihm vom Leibe fiel und er in schäbigen und beschmutzten Unterkleidern dastand. Da zugleich fremde Schritte nahten, las er fluchend die Fetzen zusammen und lief in das Gehölze zurück, um seine Blöße zu decken und das Herrschergewand wiederherzustellen, so gut es ging.

Auf ihre Waffe gestützt blickte ihm Ursula aufatmend und erschrocken nach, wie einem unholden Gespenst, das uns aus einem Traume geweckt hat; aber schon schrie sie noch erschreckter auf, als sie sich von zwei Armen umfaßt fühlte. Sich umdrehend ersah sie den Mann der Gelassenheit, Jakob Rosenstil, den Unbeweglichen, der aber jetzt ganz rührig war, ein Glücklein zu erhaschen. Er griff mit beiden Händen fortwährend nach der Abwehrenden und mit großer Schnelligkeit, wodurch er das Aussehen eines Hundes gewann, der im Wasser schwimmt; Ursula wies ihn jedoch mit ebenso großer Sicherheit mit nur einer Hand ab, indem sie aufs neue erstaunt den merkwürdigen Mann betrachtete, den sie nicht für so gefährlich gehalten hatte.

»Du hast recht,« sagte er schnaufend, »daß du den, der dort wegflieht, nicht willst! Er ist zu scharf und zu hitzig für dein sanftes Gemüt, trotz deiner Heugabel! Teile mit mir meinen lieblichen Seelenstillstand, die Ruhe unter den Palmen; da ist volles Genügen und stille Zeit, bis der Herr kommt und sagen wird: ›Aha! die zwei sind nicht dumm gewesen, die haben das Paradies schon zum voraus gehabt!‹«

»Geh, ich will dich nicht,« rief Ursula, »ich weiß schon meinen Engel und Herren, auf den ich warten muß; der ist schlank und schön, hell und sauber von Angesicht, und nicht so schlumpig, wie du! Pfui Teufel, mach dich fort, du Aschensack! Schäm dich, es kommen ja Leute!«

In der Tat näherten sich mehrere Gruppen von Männern und Frauen und begannen sich zu sammeln. Gleichzeitig kam aber der alte Enoch herzugelaufen und schrie: »Fort, fort! Der Landvogt von Grüningen ist auf dem Weg mit Spieß und Schwert! Wir sind verraten!«

Alle flohen waldeinwärts und verloren sich so geschwind wie ein Luftzug; die Bergmatte war still und leer, nur Ursula kehrte von der Seite, wohin sie schon vorher unbemerkt entwichen, zurück, um unbekümmert ihre Arbeit fortzusetzen, da sie das Heu erst zur Hälfte an eine geschütztere Stelle gebracht hatte. Ihre Gedanken irrten aber, von dem Abenteuer und der eingetretenen Stille gedrängt, vom Ziele ab; ohne es zu wissen, setzte sie sich auf den halb abgetragenen Heuschober, stützte den Kopf in beide Hände und versank in tiefes Sinnen.

Indessen war der Landvogt von Grüningen, welchen Enoch von weitem gesehen und der von dem Vorhaben der Täufer nichts wußte, sondern einfach mit seinem Gefolge auf die Jagd ritt, eine andere Straße gefahren und aus der Gegend wieder verschwunden. Was seinem kleinen Zuge das Ansehen einer amtlichen oder militärischen Unternehmung gegeben hatte, war das zufällige Voranschreiten des Hansli Gyr gewesen. Wie es in Zeit und Umständen lag, ging er bewaffnet als Soldat auch auf diesen friedlichen Wegen, auf denen er mit der erworbenen Tapezerei die Ursula suchte, und er hatte so einer spähenden Vorhut allerdings nicht ungleich geschienen, als er die Höfe von Menschen verlassen gefunden und in die Höhe gestiegen war, nach ihnen zu sehen. So gelangte er, während die Baptisten im Walde herumhuschten, auf seine Matte und ging langsam über dieselbe weg, die er jetzt seit Jahren nie mehr betreten hatte. So wird man fremd auf seiner eigenen Scholle, dachte er, und weiß selbst kaum, warum!

Aber wer macht sich denn hier noch mit Heu zu schaffen? fuhr er in seinen Gedanken fort, als er den Schober bemerkte, die Person, die auf demselben saß, und den Rechen nebst der Gabel. Er schritt ungehört auf die unerwartete Erscheinung zu und stand nun in seiner ganzen Länge vor der in sich zusammengesunkenen Ursula, welche eingeschlummert war. Da er vor der Sonne stand, so bedeckte er sie mit seinem Schatten, so daß ein leichter Schauer über ihre bloßen Schultern flog. Aber erst, als er sie beim Namen rief, wachte sie auf und sah seine hohe Gestalt, die sich dunkel von der leuchtenden Fernsicht abhob und nur auf den Achseln vom beglänzten Eisen schimmerte. Aber so stattlich er anzusehen war, so verblaßte doch seine soldatische Pracht und Herrlichkeit vor dem seltsamen Schönheitsstrahle, der ihr Gesicht verklärte, als sie ihn plötzlich erkannte. Und zwar entstand diese Schönheit sozusagen in Abwesenheit des Geistes wie der Sonnenblick, der über ein stilles Wasser läuft. Zitternd stand das arme Mädchen auf und streckte dem Manne lächelnd die Hände entgegen; doch wankten ihr die Knie und sie sank wieder zurück, und zugleich ward sie jetzt ihrer halb entblößten Brust gewahr, bedeckte sie mit den Händen und schlug schamrot die Augen nieder.

»Ursula, was schaffst du hier?« sagte Hans Gyr, »komm, gib mir die Hand und deck dich nicht so ängstlich!«

»Nein, das schickt sich nicht!« flüsterte sie, »ich bin nicht so liederlich!«

Hansli sah ihre Tücher liegen, holte sie und ließ sich bei ihr nieder, indem er ihr half, dieselben umzulegen. Dann nahm er sie in den Arm und küßte sie.

»Und was tust du hier im Heu?« fragte er sie wieder.

Sie schaute ziemlich lange zu ihm auf, das Haupt auf seinem Arme zurücklegend, eh' sie antwortete. Doch dann besann sie sich.

»Ei, was wollt' ich tun? Euer Heu besorge ich, wie es meine Pflicht ist, o schönster Herr Engel Gabriel! Wißt Ihr denn nicht, daß Ihr hier eine Matte habt, und keine von den schlechtesten?«

»Was sagst du mir? Gabriel?«

»Herr Gabriel, freilich! Herr, Herr, Herr, sag' ich, nicht so grobweg Gabriel!«

»Kennst du den Hansli Gyr nicht mehr?«

»Den Hansli? Wo ist er? Ach, ach! den hab' ich ja ganz vergessen! Wie traurig ist doch die Welt! Und hab' ich ihn doch so liebgehabt! Aber das kann ihm nun nichts mehr helfen und mir auch nicht; jetzt bin ich die Braut eines englischen Herrn und himmlischen Barons, da hat Hansli das Nachsehen, der Ärmste! Freilich dauert er mich, wenn ich das Unglück recht betrachte! Drum küsse mich, Herr Gabriel, aber leise, daß er es nicht hören kann!«

Sie sagte diese Sachen so anmutig, daß Hansli sich nicht enthalten konnte, sie wieder zu küssen, und er sah ihr dabei tief und prüfend in die Augen; denn er wußte nicht, ob sie scherzte oder irre redete, und zwar über das Maß hinaus, das ihm bekannt gewesen. Er konnte aber nichts entdecken, als eine unergründliche Flut von Liebe, Traurigkeit, Freude und Sorglosigkeit, was alles er eben nicht auseinanderzuhalten vermochte. Und doch war es ihm zumute, als ob er allein da wäre, der bei sich selbst sei, und keine zweite Person in der Nähe. Und doch lag sie warm genug in seinem Arme; auch fand er, als er mit ihrer Hand spielte; den Ring, den er als den seinigen erkannte.

»Woher hast du denn das Ringlein?« fragte er jetzt, »hast du es vom Engel Gabriel?«

»Wie kannst du so töricht fragen,« erwiderte sie, »du hast es mir ja selbst gegeben! Aber was ist das für ein Bündelein, das du da bei dir trägst?«

»Das ist ein gewirktes Tuch, das ich dir mitgebracht habe für deinen Haushalt. Schau, was zierliche Bilder drauf sind!«

Er breitete den Teppich auseinander, so gut er es vermochte; denn sie wollte ihm durchaus nicht so viel Freiheit geben und hielt sich fest an ihm. Sie betrachtete, ohne sich zu rühren, die Schilderei, jedoch aufmerksam und mit Verstand, und sagte nachdenklich:

»Das ist gar ein schönes Tuch, wie ich noch keines gesehen; man sieht wohl, daß es im Himmel gewoben ist, und du hast es mir gebracht wie einen Brief. Der ganze Lauf der Welt ist drauf zu lesen, eines jagt dem anderen nach und zuletzt kommt der Heiland und überwindet den Tod und alle Übel. Das gibt eine schickliche und feine Wiegendecke für unsern Haushalt! Bst! Schweig nur, du wilder Vogel mit deinen Rauscheflügeln, mit deinen klingenden Federn! Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du es sehen, wozu das Tuch bestimmt ist!«

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