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Züricher Novellen

Gottfried Keller: Züricher Novellen - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
booktitleZüricher Novellen
authorGottfried Keller
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22643-8
titleZüricher Novellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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»Freudelos lebte er nun dahin und sah sein Wohl mehr und mehr schwinden. Als etwa ein Jahr vergangen und der Sommer wieder da war, schritt er eines Tages von der Manegg, wo er einsam hauste, herunter und in die Stadt hinüber. In der Nähe derselben begegnete er lustwandelnden Frauen, unter welchen er mit jäher Überraschung die thurgauische Dame erblickte. Sie gab keiner kalten Förmlichkeit Raum, sondern kam seinem Gruße mit offenbarer Huld entgegen, da sie keine Zeit auf gefährliche Weise verlieren mochte. Ital Manesse lag ihr einmal im Sinn, und sie war nur seinetwegen wieder nach Zürich gekommen, während sie andern Bewerbungen von bester Hand aus dem Wege ging. Die Freundinnen, die mit ihr waren, ahnten wohl ihre Gesinnung, und um ihr zu helfen, zwangen sie den flüchtigen Menschen, eine Stunde bei ihnen zu bleiben und mit ihnen zu gehen. Dann suchten sie auf geschickte Art weiteres zu verabreden und ihn zu künftigem Besuche zu verpflichten. Die eilige Schöne unterbrach jedoch diese Unterhandlungen und erklärte, sie gedenke, in den kommenden Tagen den Herrn auf seinem Burgsitze selbst aufzusuchen, den zu sehen es sie gelüste, und sie vertraue, daß er ihr für eine Viertelstunde Einlaß bewilligen werde. Natürlich erfüllte er gerne die Pflicht, sie bei solch günstiger Verheißung zu behaften, verabschiedete sich alsbald von den Frauen und eilte hocherfreut vollends in die Stadt, um zierliches Geschirr, Teppiche und anderes Geräte, was dort von den Vätern her noch im Hause lag, nach der Manegg zu schaffen.

»Den nächsten Tag verwendete er, den Burgsitz so gut als möglich zu schmücken, wobei ihm der bejahrte Diener behilflich war, der ihm einzig übriggeblieben und sein Marschalk, Mundschenk und Küchenmeister zugleich war. Derselbe hielt auch den nötigen Vorrat bereit, um den anmutigen Besuch anständig bewirten zu können, und rüstete sich, im rechten Augenblicke schnell frische Kuchen zu backen, was er wohl verstand.

»Am dritten Tage war alles bereit und die schönste Sonne am Himmel; der Alte ging noch auf den Meierhof hinunter, der am Fuße der Burg lag, um sich zu versichern, daß dort junge Tauben vorrätig seien oder ein paar junge Hähne, auch um anzuordnen, daß auf den ersten Wink eine oder zwei Weibspersonen in gutem Gewande auf die Burg kämen, ihm zu helfen. Unversehens kam der Alte in großer Hast und mit dem Berichte zurückgelaufen, es sei aus den großen Forsten ein Stück Schwarzwild auf die Ackergüter des Meierhofes gebrochen. Sogleich nahm Herr Ital Jagdzeug und Hunde und begab sich mit dem Diener hinunter, das Wild zu suchen und zu erlegen. Unter dem Tor besann er sich, eh' er den Fuß hinausstellte, noch einen Augenblick, ob es nicht besser getan wäre, dazubleiben, weil die schöne Heimsuchung gerade heute eintreffen könnte. Allein es schien ihm doch nicht wahrscheinlich, daß sie es für schicklich befinden würde, so bald zu kommen, als ob sie große Eile hätte, und so schritt er ohne weiteres vorwärts; die eifrigen Jäger schlossen das Burgtor sorgfältig zu, nahmen den Schlüssel mit und jagten das Wild weit in die Forste hinauf, bis die Abendschatten sanken, wo sie dann mit ziemlicher Beute heimkehrten, also daß sie zu den übrigen Vorräten noch schöne Bratenstücke gewonnen hatten.

»Leider war alles dies nicht mehr nötig, weil das edle Fräulein an ebendiesem Tage dagewesen war. Von nur einer Ehrendienerin und einem Klosterknechtlein begleitet, hatte sie vor der verschlossenen Pforte gestanden und keinen Einlaß gefunden. Nachdem sie vergeblich das Knechtlein hatte klopfen und rufen lassen und über eine halbe Stunde ausruhend auf einem Steine gesessen und gewartet, hielt sie sich für genarrt und verschmäht und machte sich beschämt und schweigend, aber entschlossen und unaufhaltsam auf den Rückweg. Sie blickte, bald von tiefem Rot übergossen, bald erbleichend, nicht vom Boden weg, auf dem sie wandelte, und bereitete sich, kaum in der Stadt angekommen, zur Abreise, die sie noch am gleichen Tage antrat. So war sie für Ital, der nie zu Hause war, schon verloren, als er endlich vor seiner Haustüre anlangte und nicht ahnte, daß jene vergeblich vor der stummen Pforte gewartet habe.

»Ebenso vergeblich harrte er noch mehrere Tage und hielt sich seinerseits für gefoppt, als niemand sich zeigte. Traurig ließ er alles Zubereitete wegräumen und den Dingen ihren Lauf.

»Auf seinen unruhigen Streifzügen stieß er zwar noch auf eine magere Adelstochter aus dem Aargau und ehelichte dieselbe in aller Hast. Allein es ging um so schneller mit ihm berghinunter, und er sah sich bald genötigt, seine Wohnung in der Stadt und das Gut mit der Manegg an einen Juden zu veräußern, dessen Witwe später das letztere den Zisterzienserfrauen in der Seldenau oder Selnau, wie wir jetzt sagen, verkaufte. Im Besitze jener Nonnen ist um das Jahr 1409 die Burg durch Schuld eines Narren abgebrannt, der über dem Laster, immer etwas anderes vorstellen und sein zu wollen, als man ist, verrückt geworden war.

»Dieser Unglückliche galt auch für eine Art Abkömmling der manessischen Herren; einer der Söhne des liedersammelnden Ritters Rüdiger, der ebenfalls ein geistlicher Stiftsherr in Zürich gewesen, hatte von drei Nachtfrauen, wie die alten Schriften sich ausdrücken, vier uneheliche Töchter hinterlassen. Was es mit solchen Nachtfrauen für eine Bewandtnis hatte, kann nicht näher beschrieben werden, da nichts Schönes dabei herauskäme; genug, einer jener unehelichen Töchter entsproß wiederum ein Sohn, welchem sie durch Gunst die Pfründe an der St. Egidien-Kapelle hier dicht hinter der Manegg zu verschaffen wußte, eine Pfründe, welche von den Manessen gestiftet worden ist. Dieser kleine Pfaffe in der Einöde tat sich nicht minder mit nächtlichem Volk zusammen und zeugte an dem wilden Geschlechte weiter, welches so durch ein volles Jahrhundert an der Sonne herum briet und immer wieder an der Berghalde dort hängen blieb. Sie hatten von dem Blut, das zu einem Teile in ihnen floß, verworrene Kunde und kehrten daher stets dahin zurück, wo ihre dunklen Ahnfrauen geweilt hatten.

»Ein letzter Sprößling der Sippschaft war also der Narr auf Manegg oder der Falätscher, wie er genannt wurde, Buz Falätscher, weil er in einer alten Lehmhütte unten an der Falätsche hauste, der tiefen Kluft, die einst ein Bergrutsch zurückgelassen hat, wie wir sie da mit ihrem unheimlichen kahlen Wesen vor uns sehen. Da bisweilen jetzt noch Gerölle, Steine und Sandmassen die steile Wand herunterkommen, so würde jene Hütte ein unsicherer Aufenthalt gewesen sein, wenn nicht ein struppiges Buschwerk hinter ihr gestanden hätte, welches mit der Hütte zusammen eine kleine Insel in dem Schuttwerke bildete.

»Der Buz Falätscher sah nicht weniger einöd aus, als seine Behausung. Eine dürre Gestalt, trug er Gewand, das von ihm selbst aus lauter Fischotterfellen zusammengenäht war; dazu trug er im Sommer ein von Binsen geflochtenes Hütchen, im Winter eine Kapuzenkappe aus der Haut eines abgestandenen Wolfshundes. Aus seinem Gesicht konnte man nicht klug werden, ob er alt oder jung sei; doch gab es viele kleine Flächen darin, die immerwährend zitterten, wie ein von der Luft bewegter Wassertümpel, und unablässig schienen Unverschämtheit und Bekümmernis sich darin zu bekämpfen, während die Augen mit lauerndem Funkeln auf dem Zuschauer hafteten, auf den Erfolg begierig, welchen er bei ihm hervorbrachte. Denn, ob es Tag oder Nacht, ob er satt oder hungrig war, sobald er auf ein menschliches Wesen stieß, redete er auf dasselbe ein und wollte ihm etwas aufbinden, es zu einem Glauben zwingen und ihm einen Beifall abnötigen.

»Er hatte seinerzeit geschult werden sollen, aber notdürftig etwas weniges lesen und schreiben und einige lateinische Worte gelernt, da es ihm bei aller Zungenfertigkeit an wirklichem Verstande gebrach. Als ein unwissender Frühmesser oder Kaplan hausierte er im Lande herum und plagte die Bauern mit der unaufhörlichen Vorstellung, daß er gleich seinen Vorfahren als Stiftsherr an ein großes Münster gehöre, wohl gar zu einem Prälaten bestimmt sei, bis er plötzlich den Vorsatz faßte, ein Feldhauptmann zu werden. Er verwandelte sich demgemäß in einen Soldaten und lief bei allen Händeln hinzu, wo ein kleinerer oder größerer Haufen auszog, sei es in den inneren Fehden damaliger Zeit oder gegen Savoyen oder im ersten Mailänder Kriege und so weiter. Hierbei fühlte er einen unbezwinglichen Drang, sich auszuzeichnen und überall die Gefahr aufzusuchen und im vordersten Gliede zu stehen; wie aber die Gefahr dicht vor ihm stand, schloß er ebenso unwillkürlich jedesmal unten durch, um nachher mit grimmigen Blicken seinen bewiesenen Mut zu rühmen, was er wohl durfte, da er den Mut wirklich empfunden hatte. Das belustigte die wackeren Kriegsgesellen, die sonst keine Feigheit duldeten, dermaßen, daß sie den Buz als eine Art Narren gern mit sich führten und redlich verpflegten. Nur mußte er sich, wenn der Tag ernstlich wurde, allmählich mehr im Hintertreffen aufhalten, trotz seines Sträubens; er entnahm hieraus, daß sie für ihn die größte Gefahr und Not sichtbarlich aufsparen wollten.

»Einst litt es ihn aber nicht mehr in der Untätigkeit. Er lag mit einer eidgenössischen Schar im lombardischen Feld, unweit eines Heerhaufens von welschen Söldnern. Da eben Verhandlungen zwischen den Herren Visconti und den Schweizern obschwebten, so ruhte der Streit eine Weile, und diesen Augenblick benutzte Buz, sich endlich hervorzutun. Er ging hin und forderte einen Haupthahn des welschen Trupps zum besondern Zweikampfe heraus, mit so kühnen Worten, daß jener die Herausforderung annahm. Weil aber der Welsche seinerseits ein dicker großer Prahler war, so ließen die Schweizer, um ihn zu foppen, das Abenteuer vor sich gehen. Beide Parteien lagerten einander gegenüber. Der feindliche Führer, ein gerüsteter Goliath, trat mit seinem Spieße hervor und stellte sich furchtbar auf. Mit männlichen Schritten ging auch Buz ihm entgegen, von seinen Gesellen gewappnet, wie ein Vorgesetzter, mit Helm, Schild, Schwert und Lanze beladen; schnaufend und aufgeregt, aber ohne Zögern, stampfte er unter seinen klirrenden Waffen vorwärts, bis er zwei Schritte vor dem dräuenden Löwen stand und das Weiße in dessen Augen sah. Martialisch setzte er die Beine in Positur und senkte den Speer, dem Gegner ängstlich ins Gesicht starrend; sowie der aber seinen Spieß ebenfalls hob, drehte Buz sich im Kreuz seines Rückens so glatt wie eine Tür in der Angel, und lief mit der Schnelligkeit einer Spinne über das Feld weg, in weitem Bogen, bis er hinter der Wand seiner Landsleute geborgen war.

»Das sah sich so possierlich an, ein brausendes Lachen rollte durch beide Lager, und die welschen Heerknechte, welche den Auftritt als einen ihnen zum besten gegebenen Spaß betrachteten, schickten den Schweizern ein Faß Wein, worauf diese ein fettes Schwein zurücksandten.

»Aus der Lustbarkeit, die hierauf folgte, wurde dem Buz Falätscher endlich klar, welche Meinung es mit seinem Kriegerstand hatte; er entlief stracks dem kleinen Wehrkörper und machte sich über die Berge heimwärts.

»Als er das Reußtal hinunterwanderte, waren die Felswände mit Wolken behangen und es regnete so verdrießlich, daß ihm das Wasser oben in den Nacken und unten aus den Schuhen lief. Da weinte er bitterlich über die Verkennung und schlechte Behandlung, die ihm überall zuteil wurde; je stärker es regnete, desto heftiger greinte und schluchzte der mißliche Kriegsmann, bis er von einem Weiblein eingeholt wurde, das in roten Strümpfen rüstig daherwanderte, eine zerknitterte weiße Haube am Arme und ein Bündel Habseligkeiten schwebend auf dem Kopfe trug, gar geschickt, ohne es mit der Hand zu stützen. Dieses Weiblein oder Dirnlein, als es einige Schritte an ihm vorüber gegangen war, wendete sich um und fragte ihn, wer er sei und warum er denn so greine, da er doch einen so langen Spieß habe, die Unbill abzuwehren? Und er antwortete, er sei ein Mensch, mit dem es niemand gut meine und welchem keiner glauben wolle, was er sage.

»Da sagte das Weiblein voll Mitleid, es würde es schon gut mit ihm meinen und ihm alles glauben, was ihn freue; denn es war ein törichtes Mensch, das, wie jener nach Anerkennung dürstete, sich nach einem Manne sehnte und nach einem solchen umherpilgerte. Buz aber, dem das Wesen keineswegs häßlich schien, ließ seine Tränen trocknen, soweit es in der feuchten Luft möglich war, und kehrte das Gesicht und seine Gedanken der neuen Sachlage zu. Sofort leuchtete ihm ein, daß wer nur erst das Haupt einer Familie sei, auch das Haupt von mehreren werden könne. Wie mancher, dachte er, ist durch den Rat einer klugen Frau ein Mann bei der Chorpflege, wohl gar Bürgermeister geworden, und obschon ich immerhin klüger bin, als jegliches Weib, so ist diese hier gewiß sehr gescheit, sonst hätte sie nicht auf den ersten Blick erkannt, wer ich bin!

»Sie zogen also einträchtig miteinander dahin, und Buz brachte statt des Hauptmannstitels eine für ihn ganz artige Frau nach Hause, das heißt in die erwähnte Lehmhütte, welche halb verfallen war. ›Ist das nicht ein schöner Hof?‹ fragte er die Frau mit ernster Stimme, und sie versicherte, es sei ein so herrliches Heimwesen, wie sie es nur wünschen könne. Ungesäumt begann sie, die Wände und das Strohdach auszubessern und das Häuschen wohnlich zu machen; denn sie war geschickt und rüstig in mancherlei Arbeit und ernährte ihren Mann jahrelang damit. Der tat nämlich gar nichts, als herumstreichen, sich in alles einmischen und die Leute hintereinander hetzen, um sich wichtig zu machen, bis er weggejagt wurde. Dann ging er heim, verlangte sein Essen und das Lob seiner Verrichtungen, die er unaufhörlich schilderte und pries, und wenn das Weiblein nicht alles glaubte und rühmte, so schlug er dasselbe und behandelte es auf das übelste. Für jedes verweigerte Lob erhielt die arme Frau Beulen und blaue Flecke, so daß sie, wenn sie ihn nur von weitem kommen sah, vor die Hütte lief und voll Furcht die Hände erhob und seine Taten besang, ehe sie dieselben kannte.

»So erging es der guten Frau nicht zum besten, bis das Glück, einen Mann zu besitzen, durch das Mißvergnügen, das er ihr bereitete, überwogen wurde und, da sie keine Kinder von ihm bekam, welche ihr die Zeit vertrieben und das Herz, erfreut hätten, verlor sie die Geduld und wurde zuweilen störrisch in den Lobpreisungen.

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