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Züricher Novellen

Gottfried Keller: Züricher Novellen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
booktitleZüricher Novellen
authorGottfried Keller
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22643-8
titleZüricher Novellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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Wenn Johannes ein Schneider hätte werden wollen, so wäre er jetzt wenigstens im Besitz einer Nadelbüchse gewesen; sonst verspürte er keinen weiteren Nutzen noch Fortschritt seiner Minnesachen seit dem glückseligen Jagdvergnügen. Es war, als ob Fides aus der Welt verschwunden wäre oder nie gelebt hätte; er sah sie nirgends und hörte sie nie mehr nennen; selbst als er nun einen großen Leich dichtete, erwähnte nicht einmal Herr Manesse desselben, und zwar aus dem Grunde, weil er ihn nicht einmal zu sehen bekam und Fides das betreffende Büchlein wie die andern Briefe, die sie von Johannes erhielt, jenem nicht mehr abgab und niemand mehr wußte, was sie damit machte. Auch als Hadlaub nun in die Fremde zog, erhielt er kein Lebenszeichen und niemand fragte, ob er nicht Abschied von ihr nehmen möchte; denn es war für gut befunden worden, daß er sich in der Welt umsehe, wozu verschiedene Besorgungen, die man ihm auftrug, Gelegenheit boten. Voraus war es nötig, an Ort und Stelle, wo man noch fehlende Teile für die Liedersammlung zu finden hoffte, selbst nachzugehen, und die vorhandenen Lücken wiesen in dieser Hinsicht nach dem Osten und dem Laufe des Donauflusses hin. Johannes war nun in der Angelegenheit hinlänglich bewandert und dazu angetan, das Werk zu fördern, welches er als seine eigene Sache betrachtete. Überdies sollte er bei der königlichen Kanzlei gewissen Geschäften nachgehen, so die Männer von Zürich anhängig hatten, auch die Sachen des Bischofs Heinrich besorgen, welcher als ehemaliger Kanzler des hingeschiedenen Rudolf zuweilen noch den Sohn Albrecht beriet, um die Kinder Rudolfs, soviel an ihm lag, in den glücklicheren Bahnen des klugen und menschenfreundlichen Vaters zu erhalten. Dergleichen Aufträge wußte Johannes mit Geschick und Bescheidenheit auszurichten und, ohne sich vorzudrängen, aufzumerken, wo die Dinge jeweilig blieben.

Der Bischof gab ihm ein Pferd, Herr Manesse schenkte ihm ein schönes Gewand und der Vater versah ihn mit Reisegeld, da er nicht wollte, daß Johannes ganz von den Herren abhänge. Er hatte auch gute Geleitsbriefe von Ort zu Ort, daß er überall wohl aufgenommen war, als er jetzt quer durch Schwaben und Bayern ritt und schließlich mit seinem Rößlein auf einem Donauschiffe unterstand, um vollends durch Österreich hinunter zu fahren. Überall in Städten, Schlössern und Hochstiften war er eifrig dabei, abzuschreiben und weitere Kunde zu erwerben, so daß er, ehe er nach Wien kam, von dem einzigen Walther von der Vogelweide gegen zweihundert neue Strophen beieinander hatte, die wenigstens auf dessen Namen umliefen und noch nicht im Buche zu Zürich standen.

Zu Wien hielt er sich fast ein Jahr auf; dort fand er hauptsächlich die breiten Spuren Neitharts von Reuental, der etwa siebzig Jahre früher am Hofe Friedrichs des Streitbaren sein Wesen getrieben hatte. Die Sehnsucht, mit welcher seine ungestillte Minne in der einsamen Ferne ihn erfüllte, wurde in seltsamer Weise zuweilen gemildert durch den Gegensatz der ländlichen Dichterei Neitharts, der Poesie der Dörper, der derben Tanzmägde, Dorfsprenzel und Dorfrüchel. In trotziger Stimmung verfiel er selbst in solchen pastoralen Ton, und in einem ersten Liede, das er zu Wien abfaßte, verglich er die Mühsal der ungetrösteten Minner mit der harten Arbeit der Waldköhler, welche hacken und reuten müssen, der Fuhrleute, die in Regen und Wind sich unaufhörlich abplagen, die versunkenen Karren aus dem Schlamme zu heben, in dem sie fluchend steckenbleiben; das Herz solcher Liebhaber, von der Liebe wie mit Zangen gekneipt, zapple unablässig in der Brust, wie ein sperriges schreiendes Ferkel in einem Sacke.

Dann trat wohl das Heimweh hinzu und er sah das frohe Landleben auf der väterlichen Berghöhe und pries es in den neuen Tönen. In Ernteliedern, die er sang, hieß es nun urplötzlich: »Nun bindet eure Zöpfe und setzt Kränzel drauf, feste Dirnen, die Ernte ist da! Da gibt es Freuden genug und fröhliche Spiele mit den Knechten auf dem Stroh, dies- und jenseits des Baches, die man kann, ohne sie gelernt zu haben. Käme mir jetzt ein Lieb gelaufen, wahrhaftig, ich machte mich mit ihr in die Scheuer und wäre aller Sorgen los!«

Wiederum in neuem Tone sang er das Wohlleben des Herbstes, als ob er der üppigste Fresser wäre: »Ho ho! schüret nun das Feuer gut, laßt den Hafen überwallen von Fett, das weiße Brot zu tunken! Würste, Schinken, süßes Hirn, gut Gekröse, Därme, Bletze, feisten Schweinebraten her, daß in der heißen Stube den Knappen und den stolzen Mägden die glühenden Stirnen glosten! Dann neuen Wein genug darauf und wieder Kragen, Magen, Haupt und Füße, siedend brodelnd! Wer trauern will, der bleibe von uns Essern fern, die voll von Freuden und allem Guten sind; wer sich aber mästen will, der komme her, gute Tracht macht das Gesinde fett! Wirt, mach die Stube heißer, sende Gänse und gefüllte Hühner, gesottene Kapaunen, auch lasse Tauben schlagen und Fasanen schießen, daß dem Herbst seine Ehre geschieht! Laß den Hafen wallen, recht Salz hinein, daß wir baß dürsten und die Köpfe glühen, als hätte man sie angezündet!«

Freilich schloß er diese Üppigkeiten gewöhnlich mit einer zarten Wendung nach der feineren Seite hin, indem er bedauerte, daß der nahende Winter bald den Vöglein wehe tun und die Schönheit der geliebten Frauen verhüllen werde mit warmen Kappen, Pelz und Tüchern, kaum die Nasenspitze noch frei lassend, so daß ihre schmachtenden Liebhaber doppelt sehnsüchtig den Frühling erharren müßten, wo die Holden wieder auf dem Anger sichtbar würden. Allein dergleichen Abgesang schien nur anstandshalber den Schweinebraten, den Schafmägen und Klobwürsten lose angehängt zu sein und konnte kaum über die Vergröberung des Hadlaubschen Liedergeistes täuschen.

Um die neue Kunstweise recht akademisch und epigonenhaft zu studieren, ging er sowohl in der Stadt als in den schönen Landschaften von Wien den Vergnügungen des Volkes nach und stand überall hinzu, wo gefiedelt, getanzt und gezecht wurde. Ein uralter Spielmann, der das Land an der Donau durchfuhr und in Wien mit Johannes in der gleichen Herberge wohnte, war dabei sein Führer. Dieser alte Spielmann hatte die sonderbare Eigenschaft, daß er seine Herkunft und seinen Namen gänzlich vergessen, wie er sagte seit einem Sturz, den er vor mehr als fünfzig Jahren getan, und es haftete in seinem Gedächtnisse auch kein neuer Name, den man ihm gegeben oder um den er gebeten hatte. Einen solchen wiederholte er einige Male, um ihn sich einzuprägen; sobald aber die kleinste Frist vorüber, hatte er ihn verloren und nannte den Namen dessen, der ihn gegeben. Alles war ihm bekannt, nur nicht die Namen seiner Eltern, seiner Heimat und sein eigenes Schicksal vor jenem Fall. Er konnte lesen, aber nicht mehr schreiben, und besaß ein ledernes Ränzchen voll verblichener und abgegriffener Liederbüchlein, die alle vor langen Jahren schon geschrieben sein mußten, sein einziges Eigentum außer einer kleinen Harfe, deren Holz von urlangem Gebrauche so dünn wie Papier geworden und vielfach geflickt war mittels aufgeleimter Leinwandstreifchen. Sein Gewand war verschossen und farblos, sein langer Bart, der silberweiß gewesen, fing stellenweise an gelb zu werden. Der Kopf war vollständig kahl, aber von zierlichster Form und glänzend wie eine kleine Kuppel von Elfenbein, freilich selten sichtbar; denn sein Haupt war unausgesetzt von einem breiten, abgeschabten Pelzhute bedeckt, in dessen Schatten der Alte wie unter dem Dache des vergessenen Vaterhauses zu wohnen schien; die tiefliegenden Äuglein schimmerten wenigstens so wohnlich unter dem dunklen Rande, wie die Fensterchen unter einem Strohdach. Aus diesem verwitterten Wesen heraus klangen aber mit hellem Tone eine Menge Lieder, und das kleine baufällige Saitenspiel begleitete den Gesang mit auffallender Kraft.

Für Johannes Hadlaub ergab sich indessen keine große Ernte; denn die Lieder, welche der Alte sang, waren fast alles Volkslieder, die schon vor der Zeit des höfischen Kunstgesanges entstanden oder während dieser Zeit in den Niederungen der Gesellschaft geboren waren und niemals einen Namen trugen. Auch in der Form erschienen sie so altertümlich und einfach, daß Johannes sie für seine Zwecke nicht brauchen konnte und es aufgab, den grauen Spielmann für die Sammlung auszubeuten. Dennoch folgte er ihm gerne, wenn er über Feld zog und ihm mitzukommen winkte; er liebte den seltsamen Alten, und dieser war ihm hinwieder zugetan wegen seines gutmütigen und sittsamen Wesens, das von der Wildheit der Menschen vorteilhaft abstach, bei denen er seinen Erwerb suchte.

Das uralte Singmännlein war nämlich erst sehr spät erwerbslustig geworden, als die lebenslange Armut endlich an ihm die Kraft verloren und das Spiel aufgegeben hatte. Einst, in besonders vertraulicher Laune, zeigte er dem jungen Freunde im größten Geheimnis ein Beutelchen voll Gold und Silber, das er unter seinem Gewande verborgen trug, und bekannte ihm, er sei von der Fortuna, die ihn so lang verfolgt, glücklich vergessen worden und sammle nun, unbeachtet von ihr, nicht faul, was ihm reichlich zufalle, und halte sich ganz still dabei, damit die Vettel nicht doch wieder aufmerksam werde. In der Tat wurde ihm auch allenthalben, wo er sang und aufspielte, seines Alters wegen reichliche Gabe zuteil. Fragte Johannes den Alten, für wen er denn so eifrig sammle und spare, so erwiderte er, es könne ihm noch einmal einfallen, wie er heiße und woher er sei, und dann wolle er heimgehen und habe den Seinigen doch etwas mitzubringen.

Eines Tages gingen sie auf das Tulner Feld hinaus, wo eine große Kirchweih mit Messe und Spektakel aller Art stattfand. Kriegsleute, Bauern, Bürger aus der Stadt, Frauen, Dirnen trieben sich da bunt durcheinander; an allen Ecken war Musik, Spiel und Tanz und dampften die Kessel und Backpfannen. Der Alte bat den Johannes, ihn nun allein zu lassen bis zum Abend, weil er ihm mit seinem schönen Gewande die Freigebigkeit verscheuche; Hadlaub sah daher nur ab und zu nach ihm und wurde im übrigen nicht müde, sich unter dem Volke herumzutreiben, was nicht ohne Gefährde blieb. Viele der Bauern waren übermütig und närrisch herausgeputzt mit bunten Wämsern und Bändern; sie trugen große Schnurrbärte und vorn und zu jeder Seite des Gesichtes eine lange, rothaarige oder pechschwarze Locke, die bis zum Gürtel herunterhing; dazu waren sie mit mächtigen Schwertern, Dolchen und anderen Waffen behangen, um zu prahlen und der Soldaten zu trotzen, wenn diese ihnen die ebenso bunten Dirnen abjagen wollten. Ihre prunkende Grobheit und Händelsucht kehrten sie dann gegen jeden heraus, der sie nur betrachtete.

Johannes gesellte sich zu einer Truppe lustiger Schüler, welche die guten Weine aufsuchten. Ein Kloster ließ einen solchen ausschenken, der dem jungen Manne bald in den Kopf stieg. Durch die Aufregung wachte seine alte Liebeskümmernis auf und zugleich eine verwegene Lebenslust, die mit jener im Streite lag. Er überbot womöglich die Schüler in Keckheit und Mutwillen. Singend zogen sie umher und fanden ihre Lust vorzüglich darin, den schönen Städterinnen, welche nach dortiger Mode eine Art überbreiter Hüte trugen und damit umherspazierten, unter diese Hüte zu gucken, um des Anblicks ihrer Gesichter teilhaftig zu werden, was sonst unmöglich war. Bekanntlich hat er in einem Liedchen diese österreichischen Frauenhüte besungen und gewünscht, daß sie alle die Donau hinunterschwimmen möchten. Es gab nun manchen freundlichen Scherz, und manchen lieblichen Blick bekam Johannes, was dem Ungetreuen höchlich gefiel, so daß er immer kecker unter die Hüte schaute, um den traulichen Glanz zu suchen. Zuletzt aber entstanden Händel. Junge Handwerker traten den Schülern entgegen, der Lärm und die Kriegslust verbreiteten sich, Soldaten gerieten hinter die Bürger, und die Bauern hinter jene, und mit der eintretenden Dunkelheit war die Kirchweih in eine Schlacht verwandelt und das Feld voll Staub, Geschrei und Blutvergießen.

Johannes hatte seine Gesellen längst verloren. Ganz ernüchtert, aber mit zerrissenem Rock und blutendem Gesicht entzog er sich dem Getümmel, dessen bavarische Rauheit ihm ungewohnt und erschreckend war. Besorgt suchte er in der nächtlichen Verwirrung den alten Spielmann; er fand ihn an der Straße nach Wien mit blutigem Kopfe bewußtlos liegen; seine Kleider waren ihm vom Leibe gerissen und das hübsche weiße Schädelrund zerstört, zerschlagen, wie auch die alte kleine Harfe, mit welcher er sich gewehrt haben mochte; denn er war beraubt, sein Schatzbeutel ihm von dem Riemen geschnitten.

Johannes brachte den armen Alten mit Sorge und Mühe nach der Herberge. Dort kam er nochmals zum Bewußtsein; er schien über seinen verlorenen Namen nachzugrübeln, schüttelte seufzend den Kopf, indem er stammelte: »Ich bring's nicht mehr heraus!« und bat Johannes, daß er seine Ledertasche mit den Liedern an sich nehmen und behalten möchte, worauf er den Geist aufgab.

Am anderen Morgen untersuchte Johannes das Häufchen beschriebenen Pergamentes genauer, das vor ihm lag. Heutzutage würde man für jedes der verblichenen Büchlein und Röllchen, Stück für Stück, hundert rheinische Gulden bezahlen; Johannes dagegen wußte nicht viel damit anzufangen, da er ein einziges Heftchen fand, das einen Namen trug. Es war das Dutzend kleiner Lieder des von Kürenberg, die wir kennen in ihrer altertümlichen Gestalt, Erzeugnisse eines wirklichen und ganzen Dichters, deren Ursprünglichkeit und Schönheit Hadlaub empfand. Erstaunt ahnte er in diesen kleinen Proben einen von hundert anderen Singern unterschiedenen Geist, der in unbekannter Einsamkeit waltete, und der tote Spielmann, der diesen Namen allein aufzubewahren für würdig gehalten hatte, erschien ihm erst jetzt in einem geheimnisvoll ehrwürdigen Lichte. Er kehrte zu größerem Ernste zurück, und da seine Zeit überdies vorüber war, so packte er seine Erwerbungen zusammen und wanderte wieder der Heimat zu.

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