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Züricher Novellen

Gottfried Keller: Züricher Novellen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitleZüricher Novellen
authorGottfried Keller
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22643-8
titleZüricher Novellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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Die Jagd förderte sich rasch durch die Waldungen hinauf, es wurde ein einziger Hirsch verfolgt, mehr um in bewegter, freudiger Art auf die oberste Bergeshöhe zu gelangen, als der Beute wegen. In der Schnabelburg, weit über alles Land hinwegsehend, begrüßte Walter von Eschenbach als Hausherr die Gäste, als Nachfolger jener uralten ausgestorbenen Freien von Senableborc; denn schon vor sechshundert Jahren hat es für jene Menschen schon alte, unvordenkliche Zeiten gegeben. Von hier aus übersah man dies- und jenseits des Berges bis über den Reußfluß weg die Burgen und Dörfer des Eschenbacher Freiherrn, und der blühende junge Mann fühlte sich so recht im Glücke, als die Herren und Frauen aus allen Fenstern seines Saales in die Lande schauten und seinen Besitz lobten. Die Seen von Zürich und Zug schienen nur als Spiegel dieses Glückes aus den großen Tälern herüber zu schimmern, und die damals verschlossene Gebirgswelt in ihrem silbernen Schweigen, von den Hörnern des nachmaligen Bernerlandes bis zum Säntis, schien nur als Zeuge einer ewig seligen Gegenwart herum zu stehen.

Nach kurzem Aufenthalte stieg alles wieder zu Pferde, um auf dem Rücken des langgestreckten Berges davonzufliegen. Es wurden jetzt Falken gebracht, da in solcher Höhe die Lüfte frei waren, und in heller Freude ließen die »seldenvollen« Frauen die Federspiele steigen. Insbesondere die junge Gattin des Eschenbachers, ihm nicht lange vermählt, die sich dem Zuge angeschlossen, tat sich in Freude hervor, und mit ihr wetteiferte die Braut des jungen Wart, die auf der Schnabelburg zu Gast war, Gertrud von Balm, eine holde Nachbarin aus der Gegend der Lenzburg her. Wie Zwillinge der Freude, in lieblichem Übermut, sprengten sie, die Neuvermählte und die Verlobte, mit wallenden Schleiern allen voran und warfen ihre Falken in die Luft, jauchzend, als sie sahen, wie beide Vögel auf denselben Reiher stießen, der sich vom Türlersee erhoben hatte und ostwärts nach dem Glattal hinüber steuerte. Vor der Kompanie, die in der Richtung nach Norden zog, breitete sich ins Blaue hinaus über Zürich-, Thur- und Aargau hin bis zu den schwäbischen Höhen und den Gebirgen des Jura das Land, und von allen Punkten schimmerten die Türme der herrschenden Geschlechter oder die Gotteshäuser und Kirchen. Einem Zuge von Göttern gleich eilten sie auf dem Berggrate dahin, Lust und Stolz auf allen Gesichtern; von den hohen Spitzhüten der Herren flatterten die Bindeschnüre, an den Enden zierlich verknüpft, modisch in der Luft und verkündeten den von jedem Drucke freien Sinn des Augenblickes. Einzig die schöne Fides ritt mit ernstem Gesicht, auf welchem Trauer und hoher Mut, Gefühl der Heimatlosigkeit und niedergehaltene Lebenslust sich mischten, geheimnisvoll wie die Dämmerungen der Tiefe, in welcher unsichtbares Volk wartete, dem die Zukunft gehörte.

Endlich tauchte der Jagdzug wieder in den Wald hinab, um auf die Burg Manegg zu gelangen, über welcher man angekommen war und wo die Manessin mit ihren Mägden soeben alle verhaßten Zurüstungen tadellos vollendet hatte und inmitten der bereits anwesenden Gäste die Jäger freundlich und höflich empfing. Selbst der Hadlaubische Johannes, der bescheiden zuletzt eintrat, erhielt keinen ungnädigen Blick von ihr, da sie dachte, das Spiel mit ihm werde jetzt wohl sein Ende nehmen, nachdem man ihm die Lieder entlockt.

Allerdings hatte er heute noch eine nicht geringe Vorstellung zu tun; denn als man zu Tische saß, frug Bischof Heinrich nach dem Minnekanzler und ruhte nicht, bis er ihn unter den Gästen sitzen sah. Fides errötete und blickte mit unruhigem, ja unwilligem Wesen um sich; Johannes errötete noch viel mehr und wagte nicht aufzusehen. Nichtsdestoweniger wurde er mit Wohlwollen betrachtet und auch ohne Stolz, da er als freier Abkömmling vom Berge zu dem bürgerlichen Gemeinwesen gehörte, dessen Schutz und guten Willen bereits mancher Herr wohl brauchen konnte.

Nach eingenommenem Mahle aber führte der Hausherr die ganze Gesellschaft in einen Lustsaal, den er auf der Burg neu gebaut hatte. Längs Fenstern und Wänden waren Sitze bereitet, auf welchen man Platz nahm; in der Mitte des Saales stand ein Tisch und auf diesem lagen aufgeschichtet die Bücher der Minnesinger, welche Johannes geschrieben, jedes vorläufig zwischen zwei dünne Holzdeckel gelegt, die mit Seidenzeug bezogen waren, und wo schon Gemälde vorhanden, diese besonders mit einem Vorhange von roter, blauer oder anderer Seide geschützt. Diese Bücher wurden nun in der Art vorgewiesen, daß Johannes eines um das andere herumbieten mußte, nachdem er den Namen des Singers ausgerufen. Herr Manesse selbst nahm ihm die Bücher ab und gab sie den Frauen, Prälaten und Rittern in die Hände, so daß die schönen weißen Pergamentblätter bald rings im Saale glänzten und die Bilder in Gold und Farben von allen Seiten schimmerten und durch ihren Inhalt rührten oder fröhlich machten.

Nach Kaiser Heinrich VI. im vollen Ornat, nach einem älteren Vorbilde überlieferungsweise gemacht, kam das letzte Staufenkind Konradin der Junge, auf der Falkenjagd, ein feiner Knabe mit goldener Krone, langem, grünem Rock und weißen Jagdhandschuhen, auf einem Grauschimmel ansprengend, in den frohen Tagen gedacht, bevor er nach dem Throne der Väter zog und das junge Leben verlor. In den wenigen Liedern, die diesem Bilde folgten, zwitscherte das halbe Kind:

Weiß kaum, was Frau'n und Minnen sind,
Mich läßt die Liebe stark entgelten,
Daß ich an Jahren noch ein Kind.

Eine Erfindung Johannes' war auch das Bild zu den Liedern König Wenzels von Böhmen. Der saß ebenfalls in allem Pomp, umgeben von seinen Hofämtern, auf dem Throne, zu seinen Füßen zwei Spielleute, ein Fiedler dabei, in welchem Hadlaub sich selbst dargestellt. Ein Pfalzgraf gab einem knienden Ritter den Schwertgurt, und dieser Pfalzgraf, von jugendlicher Gestalt, zeigte ein so zartes und adeliges Gesicht, daß es fast überanmutig schien für einen Mann, bis man entdeckte, daß es eigentlich nichts anderes als das Gesicht der Dame Fides sei. Diese Entdeckung fand jedoch nicht sogleich statt, sondern erst, als einige weitere Bilder die gleiche Erscheinung zeigten und man zu untersuchen begann, warum die edlen Gestalten einem denn so bekannt vorkämen. Denn gleich der nächste Singer, Herzog Heinrich von Breslau, der umgeben von seinem Turniergefolge gewaffnet zu Pferde saß und von den Frauen den Kranz empfing, zeigte wieder das nämliche anmutvolle Gesicht, ebenso Markgraf Heinrich von Meißen, der mit vier Falken jagt, und so weiter andere Ritter mehr, während nirgends eine der vielen Frauengestalten die Gesichtszüge der Fides zeigte.

Der sehnliche Schreiber und Maler erzielte durch diesen Kunstgriff wohl zwei Vorteile: einmal konnte er das geliebte Gesicht zum öfteren anbringen, ohne die Inhaberin desselben bloßzustellen, und dann erhielten die betreffenden Helden dadurch einen geheimnisvoll idealen Charakter, der sie über die ebenfalls meistens zarten und jugendlichen Gestalten der vielen Nebenfiguren emporhob. Denn es ist merkwürdig, wie diese ganze Bildwelt, gleich archaistischen Werken des früheren Altertums, ein ewig heiteres, lächelndes Wesen zeigt und man manchmal die Männer, wo sie nicht in den Eisenhüllen stecken, nur an den kürzeren Haaren von den weiblichen Personen zu unterscheiden vermag, ein Zeugnis, daß das Schöne schöner sein sollte, als das wirkliche Leben.

Ungefüge verworrene Kampfszenen erinnerten jedoch an das eiserne Zeitalter in den Schildereien von den Herzogen von Anhalt und Johann von Brabant; auch waren da die vielen Pferde, die durcheinander toben, nicht die starke Seite des fleißigen Malers, und nur an den energisch geschwungenen Schwertarmen erkennt man einige Kunstgerechtigkeit, sowie an der stets korrekten Zügelhaltung. Friedlich ging es wiederum zu bei Herrn Otto von Brandenburg mit dem Pfeile, der jetzt noch mit seiner Dame am Schachbrett sitzt bei der Musik von vier Spielleuten, zwei Posaunenbläsern, einem Sumberschläger und einem Sackpfeifer.

Auf solche Fürstlichkeiten folgten indessen bald die singerlichen Grafen, Ritter und bürgerlichen Meister, und vorzüglich die Singer des Landes waren zuerst mit Bildern bedacht. Graf Kraft von Toggenburg steigt in hochrotem, schönfaltigem Gewand auf einer Leiter zum Söller der Geliebten empor; der Kopf zeigt prächtiges, edel geordnetes Haar und schönste Gesichtsform. Die Frau reicht ihm einen reichen Blumenkranz, auf einen Goldreif geflochten, entgegen und trägt selbst einen Rosenkranz auf dem Haupte. Als das Buch mit diesem Bilde dem anwesenden Grafen Friedrich in die Hand kam, gab er es mit überschattetem Antlitz sogleich weiter; denn weil die dargestellte Liebesszene an die Zeit erinnerte, wo ein Brudermord das Grafenhaus verfinstert hatte, vermochte sie ihn keineswegs zu erheitern, und er liebte nicht, davon zu sprechen.

Herr Konrad von Altstetten aus dem Rheintale lag mit seiner Geminnten unter einem weitverzweigten Rosenbaum, mit dem Haupt in ihrem Schoße, den Falken auf der Hand; sie beugt sich über ihn und legt ihre Wange auf seine Wange, ihn mit beiden Armen umfassend. Diesem Paare folgte Wernher von Teufen, der ebenfalls mit der Seinen auf der Falkenjagd ist, aber noch zu Pferde sitzt und im Reiten, während sie den Falken hält, sich zu ihr hinüberneigt und ihr zärtlich den Arm um die Schulter legt; alles gar anmutvolle Darstellungen.

Nun erschien aber einer der Anwesenden selbst, als Herr Jakob von Wart ausgerufen wurde. Johannes Hadlaub lächelte schalkhaft, als er seinen Namen rief, weil er ihm das schmeichelhafteste Gemälde gewidmet hatte. In einem Baumgarten, auf blumenbewachsener Erde, sitzt der alte Herr, und zwar in einer Badekufe und entkleidet, so jedoch, daß das Wasser ganz mit Rosen bedeckt ist. Über ihm verbreiteten sich Lindenäste, in welchen Vögel singen, und um ihn stehen vier Fräulein, die ihn bedienen. Eine setzt ihm einen Kranz auf das graue, aber blühende und lachende Haupt, eine reicht ihm einen goldenen Becher zum Trinken, und die dritte reibt oder streichelt ihm gar annehmbar Schulter und Arm; diese trägt auf dem Kopfe einen prächtigen Modehut von Netz- und Perlenwerk, die anderen tragen Blumenkränze auf den Locken. Die vierte aber kniet in weißem Gewande und mit verhülltem Kopf, also wohl eine Dienerin, vor einem Feuer, über welchem ein Kessel hängt, und handhabt eifrig den Blasebalg, um stets warmes Wasser für das Bad bereit zu halten.

»Hier kommt der Lohn der Tugend und Frömmigkeit!« rief Herr Manesse, als er das Buch dem alten Herrn von Wart übergab, und alle, die das Bild mitsahen, wünschten ihm mit heiterem Gelächter Glück und Heil und klatschten in die Hände.

»Ei, ei! wenn ich solches doch nur erlebt hätte!« rief der Alte, gleichmäßig lachend; »aber was hilft mir dies gemalte Scheinbild des Glückes? Herr Ulrich von Liechtenstein will dergleichen zwar genossen haben auf seinen Minnefahrten, auch in Herrn Wolframs Parzival lesen wir von solcher Sitte, ich aber habe leider nichts davon verspürt!«

»Ich will Euch gleich das Bad rüsten lassen, wenn Ihr Euch hineinsetzen wollt, edler Herr!« sagte Frau Manesse, die jetzt über die bestandene Mühe aufgeräumt und fröhlich war.

»Gewiß, tut das,« rief der Ritter, »wir wollen auch unverweilt die vier Damen auswählen, die uns den Rücken reiben! Wie wohl wird uns das tun!«

Während alles über die Fröhlichkeit des ältlichen Ritters noch lächelte, hörte man plötzlich ein helleres Lachen, das von Fides herrührte. Sie schien endlich auch zu heiterem Sinn erwacht, und zwar durch ein seltsames Vogelungetüm, das auf einem Bilde dahergeritten kam. Dasselbe sollte Hartmann von Westerspühl, den Dienstmann der reichen Aue vorstellen, welcher mutmaßlich den armen Heinrich, Erec und Iwein gesungen hat. Es mochte eine von den ersten Schildereien Hadlaubs und ohne guten Rat unternommen sein; denn man sah fast nichts als einen großen, unförmlichen Helm auf einem kleinen Rößlein einherreiten, überragt von einem ungeheuerlichen Vogelkopf. Ferner war das unsichtbare Männlein noch gedeckt von dem Schilde mit den drei Hahnenköpfen der Westerspühler und über ihm flatterte das Banner mit den gleichen drei Gockeln; allein die sechs Köpfe sowohl wie der große Hahn der Helmzierde waren oder sind noch so übel getroffen, daß niemand die Natur des Vogels deutlich erkennen kann und einige denselben für einen Adler halten.

»Was ist das für ein Reitervogel oder Vogelreiter?« rief die Fides; »er sieht aus wie eine Henne mit sechs Küchlein zu Pferde!«

Das Bild ging zur Belustigung der Gesellschaft herum, weil sie vergaß, daß der Urheber sich vielleicht etwas zugute tat auf dasselbe; der ältere Wart aber bemerkte, daß der wunderliche Reitersmann wirklich der Großvater seines Nachbars von der Thur, des jüngeren Herrn Hans von Westerspühl, sei und daß auch dieser sich noch einen Dienstmann der Reichenau nenne. »Der führt aber jetzt die drei Hifthörner im Schilde statt der Hahnenköpfe,« setzte jene hinzu.

Inzwischen hatte Fides schon einen neuen Gegenstand ihrer kritischen Laune gefunden in dem Gemälde vom Sängerkriege, das nun herumging. Auf demselben saßen oben in ihrer Herrlichkeit Landgraf Hermann und die Landgräfin Sophie als Richter, unten aber auf einer Bank dicht ineinander gedrängt die sieben Sänger. Klingsohr von Ungerland in der Mitte und links und rechts von ihm Heinrich von Ofterdingen, Walther von der Vogelweide, Heinrich von Rißach, der tugendhafte Schreiber, Biterolf, Reinmar der Alte und Wolfram von Eschenbach. In der Tat war es höchst drollig anzusehen, wie die sieben Streitbaren, von Leidenschaft bewegt, so eng zusammengedrückt sich auf dem armseligen Bänklein behelfen mußten, während die Fürsten oben in himmlischer Ruhe sich breitmachten.

»Das ist ja«, rief Fides, »genau jenes Spiel der Schulkinder, welches man ein Käsdrücken nennt, wo die Äußersten der Bank nach der Mitte hin pressen, um die dortigen hinauszudrängen, die Mittleren aber sich gewaltsam ausdehnen, um die Äußersten von der Bank abzusprengen.«

Johannes Hadlaub hatte Fides noch nie so viel sprechen gehört, und nun geschah es nur, um seine wohlgemeinten Taten herabzusetzen und lächerlich zu machen, wie es ihm wenigstens schien; denn daß mancher der Neckerei, die ja nur von erwachendem Frohsinn zeugte, sich eher gefreut hätte, vermochte er nicht zu wissen. Er stand daher trübselig und verdutzt vor der lachenden Gesellschaft auf und rief tonlos den Meister Gottfried von Straßburg aus, gab das Buch hin und wollte eben das nächste, das Konrad von Würzburg enthielt, ergreifen, als Herr Rüdiger Manesse herzutrat mit einem neuen Buch und laut von der Spitze desselben herunterlas und ausrief: »Meister Johans Hadlaub!« Er hatte die Lieder Hadlaubs im geheimen zusammengestellt und mit dem Vergnügen eines sammlerischen Beschützers eigenhändig abgeschrieben. Alles wurde aufmerksam, als er nun die Erscheinung eines neuen Minnesingers im eigenen Kreise verkündigte und wie die würdigen Fürsten, Bischof Heinrich und die Äbtissin, mit Beistimmung des Rates von Zürich, den werten Mann in den Stand der Meister zu erheben beschlossen hätten. Die tugendreiche Frau Fides von Wasserstelz aber sei ausersehen, ihm den Kranz aufzusetzen und verdiente Huld zu erweisen.

Gleichzeitig bewegte sich der Bischof, der die Äbtin Kunigunde führte, gegen die Fides hin, um ihr einen vollen Rosenkranz, auf silbernen Reif geflochten, zu übergeben. Fides jedoch erhob sich hastig, von Rot übergossen, und wollte entfliehen. Aber schon standen Eschenbach und der junge Wart, die Gemahlin des ersteren und die Braut des andern hinter ihrem Stuhle, und die beiden Paare hielten sie auf dem Sessel fest und drückten ihr den Kranz in die Hand. Indessen führten Manesse und Toggenburg, gefolgt von den Äbten und anderen Herren, den ganz bleich gewordenen und schwankenden Johannes vor den Sitz der Fides. Der zaghafte Meister, der vor einigen Tagen dem bösen Kaiser ins Gesicht gelacht, tat jetzt, als wenn er zum Tode geführt würde, da er vor seiner reinen, süßen, seldenreichen, minniglichen Frau knien sollte, von der bereits in den vorliegenden Liedern zu lesen war, wie er mit ihr ringen und sie auf ein Bett von Blumen hinwerfen würde, wenn er sie nur dort hätte!

Es gab nichts Schöneres zu sehen, als die sitzende Fides in ihrer Bedrängnis, festgehalten von den zwei blühenden jungen Paaren, aber auch nichts Erschütternderes, wenn einer die Zukunft hätte sehen und wissen können, wie in einer kurzen Spanne Zeit der jetzt so frohe Wart wegen König Albrechts Ermordung auf das Rad geflochten sein und eben dieses fröhliche Bräutlein, alsdann seine Gattin, drei Tage und Nächte hindurch betend auf der Erde unter dem Rade liegen würde, bis er den Geist aufgegeben; wie dieser selbe Eschenbacher Freiherr, landesflüchtig, in der Fremde als Hirtenknecht sein Leben fünfunddreißig Jahre lang fristen sollte, verborgen, verschollen in einer Hütte sterbend; wie die Geschlechter vertilgt, der hundertjährige Besitz genommen und die Burgen zerstört wurden, daß die Flamme zum Himmel und das Blut von der Erde rauchte vor den grimmigen Bluträchern. Diese Wolke schwarzen Schicksals, die über dem sonnigen Lebensbilde hing, barg den Blitz einer unbesonnenen, ungeheuern Tat, wie sie, erzeugt durch den Druck ungerechter Gewalt, ungeahnt und plötzlich einmal entsteht und den Täter mit dem Bedrücker vernichtet.

In sorgloser Heiterkeit wurde Meister Hadlaub vor die sitzende Fides gebracht und auf ein Knie niedergelassen, was sich von selbst machte, da er sogar ganz umfallen wollte und rückwärts gesunken wäre, wenn ihn die Herren nicht gehalten und gestützt hätten. Er wendete die Blicke furchtsam zur Seite, als ihm Fides, gedrängt von den Freunden, den Kranz auf den Kopf setzte. Als aber seine Hand genommen und in die ihre gelegt wurde und sie auf allgemeines Zureden endlich halb unwillig, halb lachend zu ihm sagte: »Gott grüße meinen Gesellen!« da regte er sich, wie ein Tierlein, das sich in der Angst totgestellt hat und nun allmählich wieder bewegt und munter wird. Er sah zu ihr auf, hielt ihre Hand mit beiden Händen fest und blickte ihr ins Antlitz, ganz nahe, wie noch nie. Da sah er nun, was er doch schon so oft beschrieben, zum erstenmal so recht deutlich, ihren Mund, ihre Wängel rosenfarb, ihre Augen klar, die Kehle weiß, ihre weibliche Zucht und die Hände weißer als Schnee. Ja, alles war so und tausendmal schöner, ein Wunder neben dem andern! In diesem Gesichte gab es keine unklaren topographischen Verhältnisse, keine unbestimmten oder überflüssigen Räume, Flächen und Linien, alle Züge waren bestimmt, wenn auch noch so zart geprägt, wie in einem wohlvollendeten Metallguß, und alles beseelt von der eigensten, süßesten Persönlichkeit. Die Schönheit war hier von innen heraus ernsthaft, wahr und untrüglich, obgleich ein Zug ehrlicher Schalkhaftigkeit darin schlummerte, der des Glückes zu harren schien, um zu erwachen.

Alles um sich her vergessend, schaute Johannes, dieweil seine beiden Arme auf ihrem Schoß lagen, sie so selig und ganz verklärt an, daß unwiderstehlich ein Hauch des Glückes in ihre Seele hinüberzog und ein liebliches Lächeln auf ihre Lippen trat. Hingerissen von dem anmutigen, wahrhaft rührenden Schauspiele, das die beiden in diesem Augenblicke gewährten, gaben alle Umstehenden ihre Freude und ihren Beifall laut zu erkennen; der Höhepunkt des artigen Spieles war für sie erreicht, und sie genossen dankbar das gelungene Kunstwerklein.

Durch das beifällige Geräusch wurde jedoch Fides aus ihrer Vergessenheit geweckt; sie zuckte zusammen und wollte ihre Hand aus Hadlaubs Händen zurückziehen. Der war aber seinerseits keineswegs erwacht und hielt nur um so fester, bis Fides höchst erregt und mit Tränen in den Augen sich niederbeugte und ihn tüchtig in die Hand biß. Obgleich ihm das nicht im mindesten weh tat, wie er später versicherte, kam er doch nun auch wieder zum Bewußtsein; er ließ ihre Hand sänftlich fahren, und sie erhob sich rasch, um aus dem Kreise der Umstehenden hinauszukommen. Da trat aber ihr Herr Vater, der Bischof, ihr entgegen und bat sie, dem so löblichen Gesellen nun auch irgend etwas zu schenken, zum Gedächtnis dieses Tages, als einen kleinen Minnelohn; das sei gute Sitte. Sie suchte in einer Tasche, die ihr zur Seite hing und worin sie die Handschuhe und anderes stecken hatte, und fand eine Nadelbüchse von Elfenbein, in griechischer Arbeit kunstreich geschnitten, zwei miteinander kämpfende geschuppte Drachen vorstellend; das warf sie hin, um nun endlich frei zu werden.

»Nicht so unfreundlich!« mahnte nun die Mutter Fürstäbtin, welche das Nadelbein aufhob und es ihr wieder gab; »in guten Treuen gib es ihm hin, daß er auch Freude daran haben kann!«

Diese Ermahnung wurde von allen Anwesenden unterstützt und wiederholt. Fides gab ihm das Büchslein in die Hand und floh dann aber schleunigst aus dem Saale.

Johannes hielt das Elfenbein so fest in der Faust, als ob er ein Knöchlein des heiligen Petrus selbst erwischt hätte, und machte sich damit beiseite, während die Fürstin sagte: »Es nimmt mich wunder, daß sie es ihm gegeben hat; denn ein Vorfahr hat es übers Meer gebracht und sie trägt es von Kindesbeinen auf in der Tasche herum.«

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