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Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands

Clara Zetkin: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands - Kapitel 7
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authorClara Zetkin
titleZur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands
publisherVerlag Roter Stern
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Louise Otto-Peters

Louise Otto-Peters ist von ihren Nachfolgerinnen »die Lerche der deutschen Frauenbewegung« genannt worden. Sie verdient diese Bezeichnung, doch wird sie der Bedeutung ihres Lebenswerkes nicht voll gerecht. Wohl war Louise Otto-Peters die erste Frau, die in Deutschland in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die volle soziale Gleichberechtigung ihres Geschlechts nachdrücklich verfocht und namentlich die Betätigung im öffentlichen, im politischen Leben als Recht und Pflicht der Frau heischte. Allein, sie hat sich nicht mit diesem »Lerchenruf« begnügt. Sie hat ihr Leben lang, in bösen und guten Tagen, für die erhobenen Forderungen mit Rede und Schrift gekämpft und ihre ganze Kraft darangegeben, für ihre Verwirklichung in der bürgerlichen Frauenbewegung eine treibende und tragende Macht zu schaffen. Louise Otto-Peters war eine der hingebungsvollsten Bahnbrecherinnen und Organisatorinnen dieser Bewegung in Deutschland, und das in den Zeiten, in denen deren Losungen verhöhnt, verfemt, mit Schmutz beworfen wurden und Gesetzestexte wie auch die Praktiken der Behörden gegen sich hatten. Sie hat von Anfang an bis zuletzt die Rechtsforderungen für das weibliche Geschlecht mit dem Willen zur »Hilfe für die ärmeren Schwestern« verbunden.

Die Führerin der bürgerlichen Frauenbewegung hat mit dem allen den Idealen ihrer Jugendzeit die Treue gehalten. Jedoch ihre Entwicklung ist auch nicht darüber hinausgegangen. Louise Otto-Peters hat keine höhere Stufe der historischen Erkenntnis erklommen, auf der sie die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Tatsächlichkeit der bürgerlichen Eigentums- und Klassenordnung gesehen hätte und nicht in der verklärenden Abstraktion einer »sozialen Demokratie«, die papierne Formeln gleichwertet mit wirtschaftlicher, mit sozialer Macht. So haben die pietätvoll gehüteten Ideale ihrer Jugendzeit keine Vertiefung erfahren, geschweige denn die nötige Korrektur. Louise Otto-Peters ist mit ihrem Verstehen, Wollen und Tun die »Achtundvierzigerin« geblieben. Ihre Gedankengänge und Forderungen sind getreue Spiegelung der politischen und sozialen Anschauungen und Bestrebungen, die im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts in dem gebildeten wohlhabenden Mittelbürgertum Deutschlands gärten und brausten. Sie waren in der Hauptsache von hoffnungsseligen Schwärmereien von der wunderwirkenden Kraft einer demokratischen Republik getragen und wurzelten nicht in der klaren Erkenntnis der sozialen Klassen, die für und gegen eine solche Republik kämpfen würden, und der siegsichernden Kampfmittel.

Das wohlhabende, gebildete deutsche Mittelbürgertum haßte die absoluten Fürsten, den Adel, die Pfaffen, es wetterte und tobte in den stärksten Ausdrücken gegen die Gewalten und Einrichtungen der feudalen Gesellschaft. Es schwärmte freiheitlich, gelegentlich sogar revolutionär. Es begeisterte sich ehrlich für die nahende große Zeit der allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, fühlte warm mit der Not des »Volkes«, mit den Leiden der ungebärdig vorwärtsdrängenden Arbeiter, und redete mit ihnen lang und breit und schön von der »sozialen Organisation der Arbeit«. Die guten Mittelbürger blickten aber gleichzeitig ehrfürchtig und voller Bewunderung auf die Großbourgeoisie und ließen sich von ihr ins Schlepptau nehmen, statt sie unerbittlich vorwärtszupeitschen, und duckten sich schließlich mit ihr unter die Macht der Reaktion. Sie dichteten und sangen:

»Reißt die Konkubine aus der Fürsten Bett!
Schmiert die Guillotine mit der Pfaffen Fett!«

Nicht minder gesinnungstüchtig ergötzten sie sich an schalen Witzeleien gegen die Kommunisten und entrüsteten sich hochmoralisch über die »tiefe Verworfenheit der kommunistischen Ziele«:

»Wir wollen uns mit Schnaps berauschen,
Wir wollen unsere Weiber tauschen,
Und ausgelöscht sei Mein und Dein!«

Aus den Reihen des Mittelbürgertums gingen die schwätzenden Advokaten und Professoren der Paulskirche zu Frankfurt am Main hervor, deren parlamentarischer Kretinismus dazu beigetragen hat, daß, wie die Rede ging, das Vaterland verraten und verloren wurde. Daneben aber auch Robert Blüm und andere, die als aufrechte Demokraten fielen oder in Zuchthäusern dahinsiechten. Illusionen, Halbheit, Schwanken, große Worte und kleine Taten, Entschluß- und Aktionsunfähigkeit, Ohnmacht und Resignation kennzeichneten diese Klasse, als die Stürme der Revolution an dem vormärzlichen Deutschland rüttelten. Ihr zwiespältiges Wesen und ihre Feigheit trugen reichlich zum Siege der Reaktion bei.

Louise Otto-Peters gehörte durch Abstammung und Erziehung dem deutschen Mittelbürgertum an. Die entsprechende soziale Umwelt hat die Eindrücke der Kindheit gestaltet, und aus ihr empfing das junge Mädchen die freiheitlichen Ideale, die es als Kämpferin in die Öffentlichkeit führten. Sie hat die persönliche Eigenart der frauenrechtlerischen Führerin geprägt. In ihrer Lebensgestaltung und in ihren Anschauungen hat diese nie die dadurch gezogenen Grenzen überschritten. Ihr Leben war die wohlgeordnete bürgerliche Idylle, sogar in den Jahren, da ihre romantische Brautschaft mit einem Kämpfer aus dem Dresdener Maiaufstand von 1849 ihr Herzeleid und Sorgen brachte, aber keinen Konflikt, keine Katastrophe entfesselte. Soweit aus Louise Otto-Peters' Schriften auf äußeres und inneres Erleben geschlossen werden kann, sind weder die rauhen Unwetter des Kampfes ums Brot noch die Stürme heißer Leidenschaften aufwühlend über sie hinweggegangen. Ein faustisches Ringen um Erkenntnis, das vor dem Pakt mit dem Teufel nicht zurückschreckt, ist ihr ebenso fremd geblieben wie der herausfordernde trotzige Bruch mit den Gesetzen, Sitten und Konventionen der bürgerlichen Welt. Sie war allzeit nur eine Reformatorin, die diese Welt zugunsten des weiblichen Geschlechts und der Armen, Enterbten zu verbessern strebte. Nie wurde sie zur Rebellin oder gar zur klarblickenden unerschütterlichen Revolutionärin, die die herrschende Ordnung zertrümmern will, auf daß volles Menschentum für alle Unfreien und Unterdrückten erstehe. Ihrem Wesen und Wirken eignet die Physiognomie mittelbürgerlicher Bildung und Wohlanständigkeit.

Louise Otto wurde 1819 als Tochter einer wohlhabenden Familie in Meißen an der Elbe geboren, das damals überwiegend den Charakter eines Landstädtchens trug, wo Garten- und Weinbau das Einkommen und die Lebensannehmlichkeiten der Bürger vermehrte und die träge Gemütlichkeit des Verlaufs der Dinge nicht durch scharfe Klassengegensätze und ihr heftiges politisches Aufeinanderplatzen gestört wurde. Ihr Vater war dort Gerichtsdirektor und Senator. Sie wuchs in der umfriedeten, behaglichen Atmosphäre eines Familienlebens auf, dessen Räderwerk der kluge, fürsorgliche Sinn und die sich rastlos regende Hand der Mutter in Gang hielt. Unterstützt von ihren vier Töchtern und von Dienstboten war diese – wie die Frauen ihrer sozialen Schicht und ihrer Zeit – die vielseitig produktiv Tätige, die in der Herstellung fast des gesamten Hausbedarfs bewandert sein mußte, von der Anfertigung der Wäsche und Kleidung, der Zubereitung und Konservierung von Nahrungsmitteln bis zum Kochen der Seife und dem Ziehen der Talgkerzen. Kisten und Kasten waren stets voll, Küche und Keller wohlbestellt – der Weinkeller inbegriffen – , die verschiedenen Gast- und Besuchszimmer standen kaum je leer.

In der Familie wurde mit lebhaftem Interesse verfolgt und besprochen, was draußen in der Welt vorging. Die Wogen der Zeitereignisse verebbten in den sanft plätschernden Wellen des Meinungsaustausches mit Nachbarn, mit Freunden und Verwandten auch von auswärts, die gern unter dem gastlichen Dach weilten und eine lebendige, anregende Verbindung mit den Zentren des geistigen und politischen Lebens herstellten. Der zeitgenössischen Sitte in begüterten Häusern gemäß waren Louises Lehrer meist junge Kandidaten, und diese waren von den freiheitlichen Ideen der studentischen Burschenschaften erfüllt.

Das kleine Mädchen hörte mit gespannter Aufmerksamkeit von den heldenhaften Kämpfen der Griechen gegen die Türken für die Befreiung ihres Landes; von der Julirevolution, in der die Pariser den Bourbonenkönig vom Thron geworfen und den Bürgerkönig Louis-Philippe daraufgesetzt hatten; von den politischen Stürmen im Glas Wasser mancher deutscher Bundesstaaten. Louise erfuhr durch Gespräche und durch die Mode, daß man in Deutschland vor der Farbenzusammenstellung schwarzrotgold als vor einer Demonstration aufrührerischer Gesinnung zurückschrecken mußte, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, in den Kasematten einer Festung zu verkümmern, daß man dagegen seine Freiheitsbegeisterung und seinen Tyrannenhaß durch das Tragen von Bändern, Schals und anderem mehr in den Farben der französischen Trikolore austoben konnte, die dank der Julirevolution wieder zu Ehren gekommen war. Ebenso lernte sie, daß deutsche Freiheitslieder nicht über die Lippen kommen durften, daß jedoch die hohen Obrigkeiten die Ordnung und Sicherheit der verschiedenen deutschen Vaterländer nicht für gefährdet hielten, wenn in Konzerten und auf der Straße die »Marseillaise« erschallte. Die Zeitungs-, Zeitschriften- und Buchlektüre der Familie war freiheitlicher Tendenz; der soziale Roman, wie er in Nachahmung von George Sand und Eugene Sue auch in Deutschland mehr wohlgemeinte als literarisch wertvolle Blüten zeitigte, parfümierte die Luft mit weichen, gefühlsseligen Regungen und Stimmungen.

Aus dem elterlichen Heim mußte der Weg des jungen, begabten, nach Betätigung dürstenden Mädchens geradlinig in die Welt des charaktervollen aber kleinbürgerlich beschränkten Demokraten Robert Blum führen, mit dessen standrechtlicher Erschießung – richtiger gesagt Ermordung – in Wien die erstarkende Reaktion die verdutzten schwarzrotgoldenen Schwärmer über den Unterschied von Paragraphenrecht und Waffenmacht belehrte.

Louises, literarischem Erstling, der 1844 in Robert Blums »Sächsischen Vaterlands-Blättern« für die Frauen das Recht zur Mitgestaltung des staatlichen Lebens forderte, folgte eine rege und freudige Mitarbeit an der demokratischen Presse. Außer weiteren Beiträgen für das genannte Organ schrieb Louise Otto für Robert Blums Volkstaschenbuch »Vorwärts« und für den »Wandelstern«, den Ernst Keil redigierte, der spätere Herausgeber der »Gartenlaube«. Zielrichtung und Ideengehalt ihrer Veröffentlichungen sind identisch mit der Einsteilung, die aus der »Adresse eines Mädchens« und der »Frauen-Zeitung« spricht. Der Stärke inneren Erlebens und dem Drang, wirksam gestaltend in das Zeitgeschehen einzugreifen, genügten Artikel allein nicht. Unter dem Pseudonym Otto Stern verfaßte Louise Otto soziale Romane; ihre »Lieder eines Mädchens« fanden Beachtung und Lob.

Die Ideale der jungen Kämpferin waren unzweifelhaft mit sozialem Öl gesalbt, in Übereinstimmung mit der geistigen Atmosphäre der Revolutionszeit, in der sie aufkeimten und sich verwurzelten, aber sie sind niemals durch eine klare soziale Erkenntnis zur Reife entfaltet worden. Es ist bezeichnend, daß Louise Otto zwar Fühlung mit fortgeschrittenen Arbeitern gewann und für deren Blatt schrieb, doch nichts in ihren Veröffentlichungen läßt darauf schließen, daß sie entscheidenden Verkehr mit geschulten, kämpfenden Vertretern sozialistischer und kommunistischer Lehren unterhalten oder sich in das Studium dieser Lehren vertieft hätte. Ihre Kenntnis des Sozialismus war eine nur oberflächliche und ist eine nur oberflächliche geblieben.

Sicherlich war ihr Mitgefühl mit den Bürden- und Notträgern der bürgerlichen Gesellschaft und insbesondere mit den Arbeiterinnen tief und echt. Die schier unübersehbaren verhängnisschweren Auswirkungen des Gegensatzes von arm und reich peinigten ihr Herz und ihren Gerechtigkeitssinn, stachelten ihren Willen an, bessere Zustände schaffen zu helfen. Jedoch sie war blind dafür, daß dieser so schmerzhaft empfundene Gegensatz seine höchste geschichtliche Form erhalten hat in dem Klassengegensatz von Bourgeoisie und Proletariat, daß er sich auf der Grundlage des Privateigentums an den Produktionsmitteln in der Wirtschaft wie in dem politischen und rechtlichen, kurz, ideologischen Überbau der Gesellschaft auswirkt.

Typisch für Louise Ottos soziales Mitgefühl, aber auch für die Schranken ihrer bürgerlichen Auffassung der gesellschaftlichen Dinge ist ihr ergreifendes Gedicht »Klöpplerinnen«. In Empfindung und Tendenz erinnert es an Thomas Hoods berühmtes »Lied vom Hemd«, ohne dessen künstlerischen Wert zu erreichen. Doch das Unterscheidende im sozialen Gehalt ist bemerkenswert. In der Dichtung des Engländers zuckt bereits das Wetterleuchten der Auflehnung der Ausgebeuteten wider die Ausbeuter auf. Die ausgeplünderte, ausgemergelte Heimarbeiterin selbst erhebt Anklage gegen ihr furchtbares Geschick. Louise Otto läßt ein empfindsames, einsichtsvolles Herz für die Klöpplerinnen um Mitleid und Beistand rufen, in ihren Versen grollt nicht der leiseste Unterton einer beginnenden Klassenrevolte gegen Ausbeutung und Elend.

Louise Otto verlobte sich mit dem demokratischen Schriftsteller August Peters, dem Sohn einer schlichten Weberfamilie, der unter dem klingenden Decknamen Elfried von Taura soziale Romane verfaßte und wegen seines aktiven Hervortretens im Maiaufstand zu Dresden als Revolutionär ins Zuchthaus zu Waldheim kam. Durch das Gitter im Sprechzimmer dort versprach sie ihm, als Braut auf seine Rückkehr zu harren und bis dahin mit verdoppeltem Eifer für die gemeinsamen Ideale zu wirken. Die Verlobten durften einander nur ein einziges Mal im Jahre, durch Gitterstäbe getrennt, sehen und sprechen, und dem brieflichen Verkehr waren engste, drückende Schranken gesetzt. Die Reaktion nahm mit kleinlichsten, tückischen Schikanen ihre Rache, die Dresdener Barrikadenkämpfer sollten lebendig begraben sein. Der Musikdirektor Röckel – ein Freund Richard Wagners, ehe diesem die Sonne des Ruhmes leuchtete – , der zu den Aufständischen gehört hatte, hat die körperlichen und moralischen Martern im Zuchthaus zu Waldheim geschildert. Als sich 1858 für August Peters die Kerkertore öffneten, war seine Gesundheit gebrochen. Louise Otto vermählte sich einem an Schwindsucht rasch Dahinsiechenden. Eine vollständige Harmonie der Anschauungen, des Wollens und Strebens hatte die beiden in den Prüfungsjähren unlöslich zusammengehalten und sicherte das Glück ihrer Vereinigung bei gemeinsamer Arbeit. Das Ehepaar ließ sich in Leipzig nieder, wo es ein demokratisches Organ herausgab: »Die Mitteldeutsche Volkszeitung«. Louises flüssige Beiträge waren beliebt und führten dem Blatte viele Leserinnen zu. Ihre Brautschaft, ihre Ehe, ihr politisches und soziales Zusammenwirken mit August Peters waren nicht nur Ausdruck ihres hochgerichteten persönlichen Verhältnisses zu dem geliebten Manne, sie müssen auch als Ausfluß und Symbol ihrer Treue für die Ideale ihrer Jugendzeit gewürdigt werden.

Nach August Peters frühem Tode widmete Louise ihre volle Kraft ausschließlich der Frauenbewegung. In ihr und durch sie wollte sie zur Wirklichkeit werden lassen, was ihr Traum in den vierziger Jahren gewesen: volles, gleiches Recht für ihr Geschlecht; volles, gleiches Recht für die Arbeiter. Erziehung, Bildung und Organisation dünkten ihr die erfolgverbürgenden Mittel dazu.

Die Entwicklung der Zustände im Reich der deutschen Einheit – ohne Österreich – vollzog sich nicht ohne harte Schläge der Enttäuschung für sie. Sie aber pflanzte am Grabe ihrer Illusionen immer wieder die Hoffnung auf deren sozial gestaltende Kraft auf. Die »Demokratie« marschierte, sie mußte siegen. Louise Otto-Peters erfaßte nicht die Unvermeidlichkeit und den geschichtlichen Sinn des feindlichen Aufmarsches der Klassen gegeneinander. Die Frauenbewegung mußte sich ihrer Überzeugung nach außerhalb seiner, fern von ihm halten, denn die »Achtundvierzigerin« wähnte, daß die Frauen zufolge der gleichen gesetzlichen Rechtlosigkeit als Geschlecht über den Klassen und Parteien stünden, zu einer großen einheitlichen Gemeinschaft verbunden. Ihr Auge sah nicht die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Widersprüche, kraft deren das Ziel, das der Polarstern ihres Wirkens war, nur durch den revolutionären Klassenkampf des Proletariats erreicht werden kann. Trotz ihres hochfliegenden Idealismus war ihre Persönlichkeit nicht stark genug, im Geiste die sozialen Grenzen zu überschreiten, die sie vom Proletariat trennten. Sie blieb ideologisch die Gefangene ihrer Klasse. So Wertvolles sie für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts und die bürgerliche Frauenbewegung insbesondere geleistet hat, die höchste, wertvollste Leistung war ihr versagt: als in Wahrheit und Tat geistig Freie im Lager des Proletariats dessen Kämpfe zu teilen für die volle soziale Befreiung aller Ausgebeuteten und Geknechteten. Louise Otto-Peters starb nach einem reich ausgefüllten Leben der Arbeit und des Kampfes 1895.

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