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Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands

Clara Zetkin: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands - Kapitel 4
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authorClara Zetkin
titleZur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands
publisherVerlag Roter Stern
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Die deutschen Arbeiter in der Frühperiode ihres Klassenaufmarsches und die Frage der beruflichen Frauenarbeit

Langsam, im Verlauf von Jahrzehnten, hat sich in der deutschen Arbeiterklasse die Erkenntnis entwickelt, daß ihr kampfreicher Aufstieg zur Befreiung vom Elends- und Sklavenjoch des ausbeutenden Kapitalismus und die volle Verwirklichung menschlicher Freiheit in einer kommunistischen Gesellschaft unmöglich ist, wenn nicht auch die proletarischen, die werktätigen Frauenmassen verständnisklare, organisierte tätige Mitträgerinnen dieses Aufstiegs sind. Diese Erkenntnis reifte als ein wesentlicher Bestandteil der Erziehung durch den Marxismus. Am frühesten entfaltete sich die Einsicht für die nächstliegende praktische Notwendigkeit, die Arbeiterinnen, die erwerbstätigen Frauen aus Konkurrentinnen der Männer in Mitkämpferinnen gegen das ausbeutende kapitalistische Unternehmertum zu verwandeln. Es wurde den deutschen Proletariern allmählich durch die harte Logik der Tatsachen eingebleut, daß die rasch zunehmende Frauenarbeit in der Industrie sich sowenig zurückwerfen lasse wie die wirtschaftstechnischen Fortschritte, die eine ihrer wichtigsten Voraussetzungen sind. Das Verständnis dafür mußte sich in zähem Ringen mit einer hartnäckig festgehaltenen Einstellung durchsetzen, in der sich engbrüstiges Zünftlertum mit alten Vorurteilen von der natur- und gottgebotenen Stellung der Frau und des Mannes in Familie und Gesellschaft verquickten. Wie in Frankreich während der großen Revolution und später, wie in den Anfängen der Arbeiterbewegung Großbritanniens und noch über die Anfänge hinaus, so erhoben sich zur Zeit der deutschen Revolution aus den Kreisen der Arbeiter und Handwerker Stimmen, die das Verbot der gewerblichen Frauenarbeit forderten. Die Schneider und Zigarrenarbeiter taten sich besonders lebhaft dabei hervor. Die Schneider zum Beispiel hielten streng darauf, daß die von ihnen selbst ausgebildeten Näherinnen zwar in Familien zur Arbeit gehen, aber keine Arbeit in die eigene Wohnung nehmen durften. Solchen Frevel gegen die Zunft ließen sie durch hochnotpeinliche behördliche Haussuchungen bei den Verdächtigen feststellen, und er wurde mit der Beschlagnahme der Arbeitsstücke geahndet. Die Hetze der sonst sehr revolutionär auftretenden Schneider gegen die Frauenarbeit hat eine literarische Spur in einem bissigen Spottgedicht Chamissos hinterlassen, das mit dem Verse beginnt: »Und als die Schneider revoltiert – Courage!...« und diese zwei bezeichnenden Zeilen enthält:

»Schafft ab zum ersten die Schneidermamselln,
die das Brot verkürzt uns Schneidergeselln!«

Der 2. Kongreß des Nationalen Unterstützungsverbandes der Zigarren- und Tabakarbeiter, der 1849 in Leipzig tagte, beschloß nach Erörterung der Lohnfrage und der Möglichkeit, das Arbeitsangebot zu vermindern, das Verbot der Frauenarbeit in den Fabriken zu fordern. Am Kongreß nahmen Delegierte aus 77 Orten Deutschlands teil. Der Nationale Unterstützungsverband der Zigarren- und Tabakarbeiter war im Revolutionsjahr 1848 auf einer Tagung dieser Berufsgruppe gegründet worden, die im Anschluß an den großen allgemeinen Kongreß der deutschen Arbeiter in Berlin stattfand. Der Nationalverband hatte binnen kurzem einen so kräftigen Aufschwung genommen, daß in ungefähr 60 Orten Lokalvereine der Zigarren- und Tabakarbeiter entstanden und ihm angegliedert wurden. Der Beschluß der Leipziger Tagung ist kennzeichnend für die Auffassung, die sogar fortgeschrittene organisierte Arbeiterschichten in den Revolutionsjähren beherrschte, in denen von einer »sozialen Organisation der Arbeit« geträumt und gefabelt wurde.

Jedoch auch hinsichtlich des Problems der industriellen Frauenarbeit und der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts ging die Propaganda der sozialistischen und kommunistischen Minderheiten, die im »Kommunistischen Manifest« gipfelte, nicht spurlos an den revolutionär vorstoßenden Arbeitern vorüber. Sie ließ in deren Elite einen Niederschlag zurück, der sich praktisch auswirkte – soweit sichere Bekundungen vorliegen – in der Organisation der »Arbeiterverbrüderung«, die die Frucht des Arbeiterkongresses war, der am 23. August 1848 in Berlin eröffnet wurde und auf dem 3 Arbeiterkomitees und 35 Arbeitervereine aus allen Teilen Deutschlands vertreten waren. Die treibende und leitende Kraft des Kongresses und der »Arbeiterverbrüderung« war der hochbegabte Schriftsetzer Stephan Born, ein ausgezeichneter Organisator, der sich als Mitglied des Kommunistenbundes im Umgang mit Marx und Engels eine vertiefte sozialistische Erkenntnis erworben hatte und der die wirtschaftlichen und sozialen Probleme nicht bloß an der Oberfläche erfaßte.

Die »Arbeiterverbrüderung« wurde von einem Zentralkomitee geleitet, sie baute sich auf Lokalkomitees auf, die zu Bezirkskomitees zusammengefaßt wurden. Die Satzungen bestimmten, daß bei jedem Bezirkskomitee eine besondere Frauenabteilung bestehen solle. Die Organisation hatte einen proletarischen Charakter, sie verfolgte soziale, politische und gewerkschaftliche Ziele. Darüber hinaus erstrebte sie die Gründung von Konsum- und Produktivgenossenschaften und die gemeinschaftliche Bewirtschaftung von Land. Sie war von der Illusion erfüllt, auf diesem Wege »immer größere Teile des Proletariats von der Ausbeutung durch fremdes Kapital zu befreien«. Siegfried Nestriepke, »Die deutschen Gewerkschaften bis zum Ausbruch des Weltkrieges«; Stuttgart 1925, S. 28/29. Der »Arbeiterverbrüderung« waren 20 bis 25 Organisationen angeschlossen, Vereine von Arbeitern und Handwerkern, und sie hatte 1849 bereits einen Einkaufsverein für Bekleidungsgegenstände errichtet, einen gemeinschaftlichen Broteinkaufsverein, eine Schneider- und eine Schuhmacherwerkstätte, eine Genossenschaft der Seidenwirker und eine »Hemdenorganisation«, die bei den notleidenden Webern in Schlesien Leinen einkaufen und in eigenen Näherinnenwerkstätten auf genossenschaftlicher Grundlage verarbeiten lassen wollte. Die Frauenabteilungen der »Arbeiterverbrüderung« sollten also an der Durchführung wichtiger und vielseitiger Aufgaben mitwirken. Leider fehlt es an Dokumenten darüber, in welchem Umfange und mit welchem Erfolg die Frauen in der Organisation tätig gewesen sind. Immerhin bleibt die Tatsache beachtenswert, daß die Satzungen grundsätzlich ihr Recht anerkannten, für die weitgesteckten Ziele der »Arbeiterverbrüderung« zu wirken.

Die Jahre der schwärzesten Reaktion bekamen dem deutschen Kapitalismus ausgezeichnet. Sich an billigem Frauen- und Kinderfleisch mästend, ungestört durch »Meutereien unbescheidener Arbeiter«, wuchs er rasch empor. Die Bourgeoisie büßte für die kurze Maienblüte ihrer politischen Sünde in betriebsamer und erfolgreicher Geschäftstüchtigkeit. Das Fordern und Ringen des Proletariats schien erstorben. Die Reaktion ließ die Zügel etwas locker. Der »Fortschritt« entdeckte seine Mission, die Arbeiter geistig zu heben und zu führen. Der Nationalverein, diese saftlose Frucht am Baume des bürgerlichen Liberalismus, rief seit 1860 Arbeiterbildungsvereine ins Leben, die vielerorts mit Fach- und Fortbildungsschulen verbunden wurden.

Die kapitalistischen Unternehmer bedurften in ihren Betrieben neben einer Mehrzahl von Arbeitskräften, deren Profitwert in möglichster Billigkeit bestand, auch eines kleinen Stabes von Proletariern, deren Wissen und Können das Bildungsniveau der Armeleuteschule überschritt. Außerdem und vor allem kam es den »Vollen und Ganzen« des Liberalismus und der Demokratie darauf an zu verhindern, daß die Arbeiter als selbständig denkende und handelnde Klasse in die Arena politischer und sozialer Kämpfe traten. Wie nützlich konnten hingegen diese »Ungeschlachten« werden, wenn sie bürgerlich-liberal säuberlich gewaschen und gekämmt von den Fortschrittlern am Gängelband gehalten wurden. Dann würden sie »der besten aller Welten« nie Gefahr bringen, im Gegenteil, sie könnten unter Umständen vorkommandiert werden, um für den Liberalismus die Kastanien »maßvoller und vernünftiger Fortschritte« aus dem Feuer zu holen. Die Arbeiterbildungsvereine sollten einen Stab von »Feldwebeln der Bourgeoisie« Siehe Franz Mehring, »Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie«, Dritter Bd., Stuttgart 1919, S. 12. stellen, also faßt Franz Mehring in seiner glänzenden »Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie« treffend die edlen Absichten der Fortschrittler zusammen. Der Bürgermeister von Leipzig erklärte offiziell als Zweck dieser Organisation, »eine Aristokratie von Arbeitern zu züchten«. Als »Genossenschaften zur Erwerbung und Vermehrung des geistigen Kapitals ihrer Mitglieder« wurden die Arbeiterbildungsvereine von ihren Begründern und Gönnern vor der Bourgeoisie legitimiert; die Bezeichnung spiegelt den unverfälscht kapitalistischen Geist wider, der sie beherrschen und leiten sollte. Das »Soll« politischer und sozialer Spekulanten wurde jedoch nicht zum »Haben«.

Binnen kurzer Frist entwickelten sich in verschiedenen Teilen Deutschlands Arbeiterbildungsvereine. Sie waren nicht nur ein Operationsfeld für parteipolitische Falschmünzer, sie erfreuten sich auch der wertvollen Unterstützung und Mitarbeit ehrlich demokratischer Ideologen, darunter Naturwissenschaftler und andere Gelehrte von Rang, die wähnten, daß durch Bildung der Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat ausgeglichen, der Klassenkampf ausgeschaltet werden könne. Die Arbeiter drängten zu den Bildungsvereinen mit dem geistigen Heißhunger einer enterbten Klasse, die eine Pforte in das ihr verschlossene Monopolgebiet der Besitzenden geöffnet sieht. Außerdem zog es sie – bewußt oder mehr gefühlsmäßig – zu diesen Organisationen als zu den damals einzigen Stätten, wo sie sich vereinigen, in größerer Zahl Meinungen austauschen, die Tagesereignisse erörtern, sich über ihre Interessen verständigen konnten. Die Gesetzgebung des Deutschen Bundes und der meisten Einzelstaaten erschwerte die politische und gewerkschaftliche Organisierung der Proletarier auf das äußerste, wenn sie diese nicht ganz unmöglich machte, und die allgewaltige Polizeifaust konnte jederzeit das kümmerliche Mögliche zerdrücken.

In striktem Gegensatz zu dem Wünschen und Wollen der »fortschrittlichen« Hier und auf den folgenden Seiten wird »fortschrittlich« von Clara Zetkin mit Bezug auf die Deutsche Fortschrittspartei gebraucht. Drahtzieher entwickelten sich die Arbeiterbildungsvereine zu Diskutierklubs der Arbeiter über zeitgenössisches Geschehen, zu »Exerzierplätzen« für die sich sammelnde Vorhut des deutschen Proletariats. Hier wurden Rekruten des proletarischen Klassenkampfes zusammengeführt und geschult, junge aufstrebende Talente übten sich lernend und arbeitend für spätere Meisterschaft. Die großen, reichen Fähigkeiten August Bebels als überragender Führer des deutschen, des internationalen Proletariats haben sich zuerst in dem Arbeiterbildungsverein zu Leipzig ausgewirkt und entfaltet. Zusammengefaßt: Der Prometheus-Funke des proletarischen Klassenbewußtseins ließ sich nicht auslöschen, er flammte heller und heller auf. Die Arbeiterbildungsvereine wurden zu einer Vorstufe von größter Bedeutung für den Aufmarsch des deutschen Proletariats als Klasse, für die Entwicklung der Sozialdemokratie in ihrer Frühperiode. Darin ist begründet, daß ein Rückblick auf die Anfänge der klassenmäßigen proletarischen Frauenbewegung in Deutschland nicht an ihnen vorübergehen darf.

Lassalles unvergängliche Ruhmestat, die deutschen Arbeiter um das Banner des allgemeinen Wahlrechts zu sammeln, zum Kampfe Klasse gegen Klasse, wurde von den »fortschrittlichen« falschen Brüdern in der Leitung der Arbeiterbildungsvereine durchaus richtig als ein tödlicher Schlag für ihre politischen Betrugsmanöver und sozialen Possenreißereien empfunden. Die Bildungsorganisationen deuchten den Herren gerade gut genug, den Schlag zu parieren, der in seiner Auswirkung über die Deutsche Fortschrittspartei hinaus die Bourgeoisie, die bürgerliche Klassengesellschaft, treffen mußte. Die führenden Fortschrittsmannen in Frankfurt am Main wollten den starken Verband der Arbeiterbildungsvereine des Maingaus gegen die aufrüttelnde, zündende Wirkung des »Offnen Antwortschreibens« mobilisieren, das Lassalle Mitte März 1863 in die Öffentlichkeit geworfen hatte. Lassalle wurde eingeladen, vor einer Tagung des Verbandes zu Frankfurt am Main seine Ideen und Forderungen zu begründen und zu verteidigen. Er kam, sprach und siegte in einer großen Redeschlacht, in der sein hinreißendes Rednertalent und sein geistiges, politisches Gerüstetsein für den Kampf Triumphe feierten. Der »Arbeitstag« stellte sich mit 400 gegen 40 Stimmen auf die Seite Lassalles. Mit gewachsener Zuversicht steht Lassalle wenige Tage darauf vor der Arbeiterschaft in Leipzig, werbend, zusammenschmiedend. Am 23. Mai 1863 erfolgt dort die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der ersten sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Lassalle ist Präsident mit sehr weitreichenden Befugnissen.

Trotz der skrupellosesten »fortschrittlichen« Gegenagitation, trotz der Unsicherheit, den Wirrnissen und Splitterungen, die nach Lassalles frühem, tragischem Tode den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein erschüttern, reißt die junge sozialdemokratische Bewegung wachsende Arbeitermassen mit sich fort. Namentlich in Rheinland-Westfalen, in Berlin und in Hamburg – der Hamburger Arbeiterbildungsverein stammte noch aus dem Jahre 1845 und hatte revolutionäre Traditionen bewahrt – faßte sie festen Fuß, wurde sie zum organisatorischen Sammlungspunkt der Klasse und zerstörte damit das von den Fortschrittlern erträumte Idyll. Allerdings, die Tätigkeit des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war in den Augen vieler von einem Schatten begleitet, den Lassalle selbst heraufbeschworen hatte. Es war eine vermutete Preußenfreundlichkeit der Organisation, anders gesagt: die Befürchtung, diese könne in Beziehungen treten zum preußischen Staat, der preußischen Monarchie, zu Bismarck, dem Lenker der preußischen Junkerpolitik; die Organisation könne mit diesen erzreaktionären Mächten kompromisseln und die Arbeiter vor ihren Wagen spannen. Dieser Argwohn ist zum Teil als begründet bestätigt worden durch den vor kurzem veröffentlichten, bisher unbekannten Briefwechsel Lassalles mit Bismarck. Lassalle wähnte, durch Vermittlung des Junkers den preußischen Absolutismus gegen die Bourgeoisie ausspielen, den Teufel durch Beelzebub austreiben zu können. Auch seine große persönliche Eitelkeit hat bei dem gewagten Spiel mitgeredet. Ungeschichtlich war und ist es dagegen unserer Meinung nach, die gesamte lassalleanische Richtung der Neigung zum Paktieren mit dem preußischen Absolutismus zu beschuldigen. Der »preußenfreundliche« Schatten auf der lassalleanischen Bewegung schreckte zumal in Sachsen wie in Süddeutschland. Hier war der »Preußenhaß« eine Tradition der Kleinbürger und Proletarier. Er besagte unter anderem: Erinnerung an die Henkersrolle des preußischen Staates und seines Militärs unter der Führung des »Kartätschenprinzen« in den revolutionären Erhebungen von 1848 und 1849; nach dem Krieg von 1866: Furcht vor einer Entwicklung unter der Herrschaft der Pickelhaube und des Korporalstocks. Sehr bald erwies sich, daß die Ablehnung der »preußenfreundlichen« Agitation der Lassalleaner keineswegs einen Verzicht auf proletarische Klassensammlung und Klassenpolitik bedeutete, auch nicht in den Teilen Deutschlands, wo die »Gemeinden« des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins selten und schwach waren.

Kaum daß Lassalle in Frankfurt am Main seine entscheidenden Siege erstritten hatte, gingen die geschäftseifrigen Bildungsagenten der Fortschrittspartei an den Versuch, mittels einer strafferen Zusammenfassung der noch nicht »agitatorisch verführten« Bildungsvereine zu retten, was sie vermeinten, retten zu können. Sie beriefen für den Juni 1863 einen Vereinstag nach Frankfurt am Main, der die Gründung eines Verbandes Deutscher Arbeitervereine beschloß. Er zeigte, daß die große Mehrzahl der Arbeiterbildungsvereine noch im Kielwasser des bürgerlichen Fortschritts schwamm. Bezeichnend war, daß der Vereinstag die Wahl des Drechslers Bebel in den Ausschuß des Verbandes ablehnte, obgleich Bebel der politischen Agitation der beiden Lassalleaner Fritzsche und Vahlteich im Leipziger Arbeiterbildungsverein fernstand und sein Interesse bis dahin nur Bildungszwecken zugewandt hatte. Jedoch die Revolutionierung der Arbeiterbildungsvereine ließ sich nicht aufhalten. Die vom Kapitalismus in den gesellschaftlichen Zuständen geschaffenen Voraussetzungen für den geschlossenen Vormarsch der Proletarier als kämpfende Klasse mußten in das Bewußtsein treten, Wille und Tat werden. Arbeiter, die das Werben der Lassalleaner zurückwiesen, wurden von den Ideen der Internationalen Arbeiterassoziation gepackt, überzeugt.

Das Wehen des revolutionären Geistes der I. Internationale blies die ideologischen Kartenhäuser der Fortschrittler in den Arbeiterbildungsvereinen über den Haufen. Gerade die fähigsten und tatkräftigsten Mitglieder erlebten ihr Damaskus, und nicht wenige der Bekehrten saßen in dem Vorstand der Organisationen. Typisch für die Entwicklung war der Arbeiterbildungsverein Leipzig, wo Bebel und Motteler eine ebenso kluge wie energische Tätigkeit entfalteten, die sich über ganz Sachsen erstreckte, und wo Wilhelm Liebknecht seit seiner Ausweisung aus Preußen 1865 als Lehrer wirkte. Von einem Vereinstag zum anderen bekundete sich der zunehmende Einfluß der I. Internationale. Die fortschreitende reinliche Scheidung der Geister konzentrierte sich auf zwei Fragen: klassenbewußte Selbständigkeit der Arbeiter in der Leitung des Verbandes oder Bevormundung der Arbeiter durch die Geschäftemacher der Fortschrittspartei? Proletarische Klassenforderungen und Klassenziele oder soziale Harmoniespielereien? Der Vereinstag zu Gera 1867 war ein siegverheißendes Vorgefecht der nahenden Entscheidungsschlacht. Er wählte August Bebel gegen Max Hirsch zum Vorsitzenden des Verbandes und brach ungeachtet der sozialen Anlockungsmanöver der Bürgerlichen mit der manchesterlichen Theorie des Liberalismus von der Nichteinmischung des Staates in die menschenvernichtenden Ausbeutungspraktiken der kapitalistischen Profitwirtschaft. Nach einem aufpeitschenden Bericht des Drechslers Bebel über die kurz vorher erfolgte entsetzliche Katastrophe im Lugauer Kohlenbergbau, nach einem ergreifenden Bericht des Tuchmachers Motteler über die Verbrechen der Kinderausbeutung in den Fabriken forderte der Vereinstag schärfstes, rücksichtsloses Einschreiten der staatlichen Gewalten gegen das ausbeutende Kapital.

Der Vereinstag zu Gera hatte dem Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat die verhüllenden Phrasenschleier abgerissen, er hatte damit den unversöhnlichen Gegensatz zwischen Liberalismus und Sozialismus in den Bildungsvereinen gezeigt. Dieser Gegensatz konnte nicht mehr vertuscht, er mußte ausgetragen werden. Das geschah auf der nächsten Tagung des Verbandes der Arbeiterbildungsvereine im September 1863 zu Nürnberg. Das für die Tagesordnung vorgeschlagene Programm des Verbandes war ein offenes Pronunziamento gegen den Liberalismus. Das Programm sollte die Hauptsätze des Statuts der Internationalen Arbeiterassoziation enthalten. Der Vereinstag stimmte dem mit großer Mehrheit zu und beschloß unter anderem die Gründung zentralisierter internationaler Gewerkschaftsgenossenschaften, eine Entscheidung, die ebenfalls im Zeichen der Internationale stand. Über den Verband und die Grenzen Deutschlands hinaus wurde die Bedeutung des Nürnberger Vereinstages gewertet. Einige Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wohnten ihm bei und bekannten sich zu dem vorgeschlagenen Programm. Die Tagung war von den österreichischen und schweizerischen Arbeitervereinen beschickt, und Eccarius, ein tapferer proletarischer Vorkämpfer des Kommunismus, nahm als Vertreter des Generalrats der Internationale an ihr teil.

Die Mehrheit des Verbandes Deutscher Arbeitervereine hatte sich für politisch mündig erklärt. Nun mußten die praktischen Konsequenzen aus der sachlich klipp und klaren Entscheidung gezogen werden. Das war die Gründung einer sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Im Juli 1869 erschien im Verbandsorgan ein Aufruf »an die deutschen Sozialdemokraten«, der für den 7. bis 9. August 1869 einen Allgemeinen Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterkongreß nach Eisenach einberief. Dieses geschichtliche Dokument war unterzeichnet von 63 ehemaligen Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins; von drei Parteigängern der lassalleanischen Splitterorganisation der Gräfin Hatzfeldt; von einem Ausschuß österreichischer Arbeiter; von dem Zentralkomitee der deutschen Arbeitervereine in der Schweiz; von der deutschen Sektion der Internationale in Genf; von dem deutschrepublikanischen Verein in Zürich. Für den Verband Deutscher Arbeitervereine hatten gegen 100 Mitglieder unterschrieben, darunter Bebel, Liebknecht, Motteler, Stolle und andere. Der Kongreß zu Eisenach beschloß die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands. Er gab ihr als grundsätzliches Programm die in Nürnberg angenommenen Sätze aus dem Statut der Internationale, als »nächste Forderungen« fügte er dem prinzipiellen Teil die politischen Reformen hinzu, die 1866 eine Landesversammlung der sächsischen Demokratie geheischt hatte, deren Mehrheit aus Delegierten der sächsischen Arbeiterbildungsvereine bestand, auf der aber auch die »Gemeinden« der Lassalleaner in Sachsen vertreten waren. Zu den nächsten Forderungen gehörten allgemeines Wahlrecht, Volkswehr, Vereins-, Versammlungs- und Pressefreiheit, Trennung der Schule von der Kirche, der Kirche vom Staat und anderes mehr.

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands hatte sich zwar an den Ideen von Marx und Engels inspiriert und bekannte sich zu den Grundsätzen der Internationale, aber dennoch wurde auch sie gleich der älteren lassalleanischen Bruderpartei von einem Schatten begleitet. Es war dies bei ihr eine unklare, ungeschichtliche Einschätzung der »Demokratie«, eine Einschätzung, die in Illusionen über eine Abstraktion schwelgte, statt mit nüchternem Sinn die Wirklichkeit der bürgerlichen Klassengesellschaft zu erfassen. Diese nach Ursprung und Wesen durchaus kleinbürgerliche Ideologie kam im Namen und im Inhalt des Parteiorgans »Der Volksstaat« zum Ausdruck und lebte in Widerspruch zu der scharfen Kritik von Marx und Engels am Gothaer Einigungsprogramm von 1875 weiter. Es schien, daß annähernd ein Jahrhundert theoretischer Schulung im revolutionären Marxismus und praktischer Erfahrung im proletarischen Klassenkampf nötig war, um die Illusionen über Demokratie, Volksstaat und Verwandtes absterben zu machen und zu begraben. Doch siehe da! Sie haben in der Theorie und Praxis der deutschen Sozialdemokratie seit 1918 eine fröhliche Urständ gefeiert, zusammen mit Illusionen über den Staatskapitalismus in einer bürgerlichen Gesellschaft und den übelsten politischen und persönlichen Spekulationen opportunistischer Streberei, deren Lassalle und seine Getreuen seinerzeit beschuldigt wurden.

Es war unvermeidlich, daß die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands und der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, daß Eisenacher und Lassalleaner leidenschaftlich und hartnäckig miteinander um die Gefolgschaft der Proletarier rangen. Das 1871 neugegründete Deutsche Reich bewies der Bourgeoisie seine Vertrauenswürdigkeit als ihr Klassenstaat, indem es beide sozialdemokratischen Parteien die Schärfe seiner Machtmittel fühlen ließ. In der berüchtigten Ära Tessendorf wurden gegen sie alle gerichtlichen und polizeilichen Teufel losgelassen. Dazu zerfleischte die große Wirtschaftskrise, die dem Schwindel der Gründerzeit auf dem Fuße folgte, das Proletariat. Die Situation stumpfte Gegensätze der Auffassung ab, milderte Feindseligkeiten der Praxis, zwang zu gemeinschaftlichem Zusammengehen – zumal bei wirtschaftlichen Kämpfen – und bereitete die Einigung von Eisenachern und Lassalleanern vor. Sie erfolgte 1875 auf dem Kongreß zu Gotha.

Die Anfänge der klassenbewußten organisierten proletarischen Frauenbewegung in Deutschland sind unlöslich mit dem Werden und Reifen der sozialistischen Gesellschaftsauffassung im Proletariat verknüpft, mit seiner Zusammenschweißung als Klasse, seiner politischen und sozialen Vertretung durch eine ideologisch und organisatorisch festgefügte Klassenpartei. Sie sind ein Teil, und zwar ein sehr kennzeichnender Teil dieses gesamten Entwicklungsganges, dessen zunehmende Vertiefung kündend. Die ersten Bestrebungen, Proletarierinnen auf dem Boden des proletarischen Klassenkampfes zu sammeln, erfolgen insbesondere in engem Zusammenhange mit der aufkommenden Gewerkschaftsbewegung. Sie sind mithin sozialdemokratischen Wesens, denn im Gegensatz zu anderen Ländern, zumal zu Großbritannien, wurden in Deutschland die Gewerkschaften von politischen Parteien ins Leben gerufen. Kaum hatte im September 1868 der Nürnberger Vereinstag der Arbeiterbildungsvereine die Vereinigung der Arbeiter in »zentralisierten Gewerksgenossenschaften« und der Allgemeine Deutsche Arbeiterkongreß zu Berlin unter Führung des Lassalleaners J. B. von Schweitzer die Bildung von »Arbeiterschaften« beschlossen, so suchten sich auf bürgerlicher Seite die Fortschrittler eine gewerkschaftliche Schutztruppe in der Arbeiterschaft zu schaffen. Die harmoniebeseligten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine haben jedoch sowenig wie in der Gewerkschaftsbewegung im allgemeinen für die wirtschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen im besonderen Bedeutung erlangt. Die wichtigsten, zum größten Teil auf konfessionellem Boden stehenden christlichen Gewerkschaften aber treten erst später auf den Plan. Ende der sechziger Jahre begründeten die beiden sozialdemokratischen Parteien – damals getrennt – Gewerkschaften, die von der Erkenntnis des Klassengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit durchtränkt waren und kämpfend dem Unternehmertum entgegentreten wollten. Fast zur gleichen Zeit gingen sowohl die Lassalleaner wie die Eisenacher an die Organisierung der Gewerkschaften und begannen damit auch das Werben weiblicher Mitglieder. Es ist selbstverständlich, daß dabei das furchtbare Arbeiterinnenelend und seine Auswirkung auf die Lage der Arbeiter, des gesamten Proletariats ein gewichtiges, bestimmendes Wort mitsprachen. Das Verlangen nach dem gesetzlichen Verbot der Erwerbsarbeit der Frauen hat sehr lange den Klärungsprozeß des proletarischen Klassenbewußtseins begleitet. Allein, mit fortschreitender Bestimmtheit lautete nun die Antwort auf dieses Verlangen: kein Verbot der erwerbenden Frauenarbeit, gemeinsamer Zusammenschluß und Kampf der Arbeiterinnen und Arbeiter gegen das auswuchernde Kapital! Die vordringenden sozialistischen Ideen bewirkten, daß in der Antwort mehr zum Ausdruck kam als die Erkenntnis der Bedingungen erfolgreicher Abwehr der kapitalistischen Vampirgelüste. Nämlich auch die Sympathie, das Verständnis für die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts und ihre weittragende Bedeutung.

Louise Otto-Peters polemisiert in ihrer Broschüre von 1866 »Das Recht der Frauen auf Erwerb« gegen die lassalleanische Sozialdemokratie. Sie behauptet: »... es ist – von den Lassalleanern – der Grundsatz aufgestellt worden: ›Die Lage der Frau kann nur verbessert werden durch die Lage des Mannes.‹ Dies ist der aller Gesittung und Humanität hohnsprechende Grundsatz, den unsere ganze Anschauung und diese Schrift bekämpft. Gerade die Partei, die von ›Staatshilfe‹ sich so viel verspricht, die das allgemeine Stimmrecht fordert, schließt von allen ihren Bestrebungen die Frauen aus – dadurch beweist sie, daß sie ihr Reich der Freiheit, d. h. ›die Herrschaft des vierten Standes‹ gründen will auf die Sklaverei der Frauen – denn wer nicht frei für sich erwerben darf, ist Sklave.« Louise Otto, »Das Recht der Frauen auf Erwerb«, S. 103 Dieser heftige Ausfall gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein erklärt sich höchstwahrscheinlich als eine Frucht des Mißbrauches, der in den Kreisen der Lassalleaner mit dem sogenannten ehernen Lohngesetz betrieben wurde. Das »eherne Lohngesetz« war eine Keule, mit der Lassalle manchen bürgerlichen Gegner um so leichter erlegen konnte, als zum Teil seine Gültigkeit von bürgerlicher Seite nicht angezweifelt wurde. Marx hingegen hat es weder als »ehern« noch als »Gesetz« anerkannt. Für die junge lassalleanische Bewegung bildete das »eherne Lohngesetz« eher einen Knüppel, über den sie stolperte, als eine Stütze. Lassalle hatte mittels dieses mehr biologisch als historisch-ökonomisch begründeten »Gesetzes« den Nachweis zu erbringen versucht, daß eine dauernde Erhöhung des Einkommens des Proletariats über das zum nackten Leben Notwendige hinaus unter der Herrschaft des Lohnsystems unmöglich sei. So mag auch der oder jener seiner Anhänger die Behauptung aufgestellt haben, der Lohnerwerb der Frau bedeute keine dauernde Verbesserung der Lage der Arbeiterfamilie, vermehre nur die Konkurrenz um den »Lohnfonds« durch an sich schon für den Kapitalisten billige Arbeitskräfte. Die Lage der Frauen könne nur verbessert werden durch die Verbesserung der Lage der Arbeiter, das heißt nur durch die Aufhebung des Lohnsystems. Diese Behauptung gründet sich auf eine richtig gefühlte, aber falsch bewiesene geschichtliche Wahrheit: daß, wie die Befreiung des Proletariats nur durch die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, so auch die Emanzipation der Frau nur durch die Abschaffung des Privateigentums möglich ist. Jedoch von dieser Wahrheit ist es ein weiter Weg bis zum grundsätzlichen Ausschluß der Frauen von jeder politischen und wirtschaftlichen Bewegung. Von einer solchen Proklamierung des angeführten angeblichen Grundsatzes der ganzen Richtung und der ihm von Louise Otto-Peters gegebenen Ausdeutung konnten wir nirgends eine Spur entdecken. Möglicherweise hat die frauenrechtlerische Führerin bei ihrem Verdammungsurteil ihrem Groll darüber Luft gemacht, daß Lassalle und seine Partei das allgemeine Wahlrecht lediglich für die Männer gefordert haben. Allein, diese Beschränkung der Parole entsprang nicht einer grundsätzlichen Ablehnung der Gleichberechtigung der Frau. Sie entsprach Lassalles Taktik, die ganze Kraft in einer Faust für einen Schlag zusammenzuballen, eine Schwächung des Schlages durch Zersplitterung zu vermeiden. Die »volle und ganze« frauenrechtlerische Prinzipienfestigkeit gegenüber taktischen Zweckmäßigkeitsrücksichten müßte eigentümlich berühren angesichts der Tatsache, daß die bürgerlichen Vorkämpferinnen der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts sich zu jener Zeit auf die wirtschaftliche Emanzipation beschränkten und damals wie auch später noch um die Forderung des Frauenwahlrechts herumgegangen sind wie das Kätzchen um den heißen Brei. Hatte aber nicht Louise Otto-Peters selbst in ihrer »Adresse eines Mädchens« treffend geschrieben und es in dem »Programm« ihrer »Frauen-Zeitung« wiederholt, »daß diejenigen, welche selbst an ihre Rechte zu denken vergaßen, auch vergessen wurden«?

Die Werke über die Frühperiode der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Deutschlands und der Gewerkschaftsentwicklung im besonderen enthalten nur sehr spärliche Mitteilungen über die Einstellung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zur Frage der Erwerbsarbeit der Frauen und zur gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen. Soweit Material darüber vorliegt, scheint diese Einstellung Mitte der sechziger Jahre keine einheitliche und sichere gewesen zu sein. Eduard Bernstein berichtet im ersten Band seiner »Geschichte der Berliner Arbeiter-Bewegung«, daß am 15. Januar 1866 im Lokal des Vorstädtischen Handwerkervereins Berlin eine sozialdemokratische Parteiversammlung stattfand, in der ein Vortrag des Buchhändlers Schlingmann auf der Tagesordnung stand: »Frauenarbeit und Arbeiterfrauen«. Der damaligen Parteikonstellation in Berlin entsprechend, handelte es sich um eine Versammlung der Lassalleaner. Eduard Bernstein schreibt darüber: »Der Vortrag sowohl wie seine Debattierung zeigen, daß man sich in sozialistischen Kreisen damals ziemlich unsicher darüber war, welche Stellung man zur Frage der Frauenarbeit einnehmen sollte. Indes war die Unklarheit hier durchaus nicht größer als wie in der bürgerlichen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Berlin, die sich vier Wochen vorher ebenfalls mit der Frage beschäftigt hatte. Im Gegenteil, während in der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft allen Ernstes noch die Heimarbeit als die beste Lösung des Problems der Frauenarbeit hingestellt werden konnte, wurde diese Art Lösung in der Arbeiterversammlung ziemlich heftig perhorresziert. Im übrigen half man sich damit aus der theoretischen Verlegenheit, daß man die Emanzipation der Frau auf den sozialistischen Zukunftsstaat vertagte und die Bestrebungen auf Ausdehnung der gewerblichen Frauenarbeit als ein Rezept brandmarkte, den Kapitalisten billigere Arbeitskräfte zu verschaffen.« Eduard Bernstein, »Die Geschichte der Berliner Arbeiter-Bewegung«, Erster Teil, Berlin 1907, S. 144.

Es ist offensichtlich, daß eine Brandmarkung dem vielgestaltigen Problem der industriellen Frauenarbeit keineswegs gerecht wurde. Sie ist theoretisch unzulänglich, praktisch naiv. Sie faßt lediglich eine besonders stark hervorstechende Teilerscheinung der gewerblichen Frauenarbeit ins Auge, eine Teilerscheinung, die diese in der bürgerlichen Ordnung begleitet. Wenn es jedoch noch einer besonderen Bestätigung bedurft hätte, wie durchaus gerechtfertigt die Brandmarkung der kapitalistischen Ausbeutung der Proletarierinnen als billiger Arbeitskräfte war, so wurde sie etwa zwei Jahre später gerade für Berlin in vollster Öffentlichkeit erbracht. 1868 fand dort eine Gerichtsverhandlung statt, die die Elendshölle zeigte, in die gemeinverbrecherische Ausbeuterkniffe die Konfektionsarbeiterinnen stießen. Was vor dem Tribunal unwiderleglich festgestellt wurde, bekräftigte, daß Eugène Pottier, der Dichter der »Internationale«, nicht übertrieb, da er die kapitalistische Gesellschaft als die Verkörperung der »großen Menschenfresserin« der alten Sage schilderte. Tatsachen über Tatsachen illustrierten zugleich die tiefe bürgerliche »Weisheit«, die Heimarbeit mit als eine »beste Lösung« der Konflikte anzupreisen, die auf dem Boden der kapitalistischen Wirtschaft im Zusammenhang mit der industriellen, der beruflichen Frauenarbeit entstehen.

Franz Mehrings Schilderung dieser wichtigen Episode aus der Berliner Arbeiterbewegung kann geschichtliches wie auch aktuelles Interesse beanspruchen. Noch immer ist in Deutschland das Heimarbeiterinnenelend sprichwörtlich, und die reißende Bestie Kapitalismus nährt sich auch heute nicht von Gras. Im dritten Band der »Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie« lesen wir:

»... zum erstenmale lüftete sich ein wenig der Schleier von den entsetzlichen Geheimnissen der Konfektionsindustrie, die in Berlin einen großen Aufschwung genommen hatte und schon damit prahlte, hier die erste der Welt zu sein.

Die Ausbeutung in dieser Industrie hatte einen so hohen Grad erreicht, daß die übermütig gewordenen Kapitalisten nicht einmal mehr davor zurückscheuten, ihre gaunerischen Praktiken selbst ans Tageslicht zu ziehen. Sie pflegten ihren Hausarbeiterinnen feuchte Wolle zu liefern, die bei der Verarbeitung eintrocknete, und dann beim Abliefern der fertigen Ware das Gewichtsmanko zu Lohnabzügen oder Einbehaltung der gestellten Kautionen zu benützen. Eine Firma Schulz und Siebenmark ging so weit, eines ihrer Opfer, das sich nicht geduldig betrügen lassen wollte, wegen Unterschlagung beim Staatsanwalt zu denunzieren. Jedoch wurde die angeklagte Arbeiterin vom Gerichte glänzend freigesprochen, da die Beweisaufnahme ergab, daß die Firma Schulz und Siebenmark das Betrügen ihrer bis aufs Blut ausgebeuteten Arbeiterinnen systematisch betrieben hatte. Das Aufsehen, das diese Gerichtsverhandlung machte, lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Zustände in der Berliner Konfektionsindustrie, und es ergab sich, daß ihre Blüte einzig und allein auf dem moralischen und physischen Ruin beruhte, durch den sie Zehntausende und aber Zehntausende von jungen Arbeiterinnen hinschlachtete ...

Mit all dieser Qual verdienten sie beim Düffel- und Tuchnähen höchstens zehn, beim Weißwarennähen etwa acht, bei Tapisseriearbeiten etwa drei, höchstens fünf Silbergroschen täglich. Aus diesem grauenvollen Elend gab es für die Arbeiterinnen nur den einen Ausweg in die Prostitution, der sie unter die polizeiliche Kontrolle, ins Arbeitshaus, ins Gefängnis, in einen Tod der Schande führte.

Es ist anzuerkennen, daß durch die bürgerlichen Kreise ein Schauer des Entsetzens flog, als diese Zustände offenbar wurden. Sogar die unverfälschtesten Manchesterleute schwangen sich wenigstens zu einem Tadel der betrügerischen Praktiken auf, wodurch die Arbeiterinnen der Konfektionsindustrie noch um die paar elenden Pfennige ihrer Hungerlöhne gebracht werden sollten. Nur die preußische Polizei stand ganz auf der Höhe der kapitalistisch-kriminalistischen Plünderungsmethoden. Sie löste die Arbeiterversammlungen auf, in denen die Lage der Konfektionsarbeiterinnen besprochen werden sollte, weil diese Arbeiterinnen selbst daran teilnahmen. Ein Recht dazu hatte sie nicht einmal nach dem preußischen Vereinsgesetze; ihre einzige Triebfeder war die reine Wollust am Weißbluten der ›Ärmsten der Armen‹; das ›soziale Königtum‹ offenbarte sich so, wie es sich nicht anders offenbaren konnte.« Franz Mehring, »Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie«, Dritter Bd., S. 320/321.

Die Berliner Polizei wußte, was ihres Amtes war. Sie wertete den Schauer des Entsetzens in den bürgerlichen Kreisen wie den von eingefleischtesten Manchesterleuten ausgesprochenen Tadel der betrügerischen Praktiken als Lufterschütterungen, die das Wesen des Kapitalismus und seines Staates nicht um ein Jota besserten. Dagegen nahm sie die öffentlichen Arbeiterversammlungen mit Beteiligung der Konfektionsarbeiterinnen mit Recht sehr ernst. Es war ein bedeutsames Zeichen, daß diese Ausgebeutetsten und Gedrücktesten der Ausgebeuteten und Gedrückten aus ihrer Nacht und Not hervor an die Öffentlichkeit treten und ihre Sache selbst führen wollten. Es kündete nicht bloß die Unerträglichkeit ihres Elends, vielmehr die beginnende Rebellion dagegen, die Ausstrahlung der weckenden sozialistischen Ideen bis in die trostlosen Winkel, darinnen die Heimarbeiterinnen an Leib und Geist verkümmerten.

In dem gleichen Jahre, in dem die kapitalistische Ausbeutung der industriellen Frauenarbeit eine erbarmungslose Beleuchtung erfuhr, erfolgte eine einheitliche Stellungnahme einflußreichster Lassalleaner und der von ihnen geführten Arbeiter zu der einschlägigen Zeit- und Streitfrage. Am 27. September 1868 trat in Berlin – wie bereits vermerkt – ein Allgemeiner Deutscher Arbeiterkongreß zusammen, der von Fritzsche und J. B. von Schweitzer einberufen worden war. Er löste seine Hauptaufgabe: die Gründung von Gewerkschaften zu beschließen – sie wurden von den Lassalleanern »Arbeiterschaften« getauft – , wie auch die Zusammenfassung dieser »Arbeiterschaften« zu einem Verband. In Verbindung damit wurde auch die Frage der industriellen Berufstätigkeit der Frauen erörtert und ihre Aufnahme als Mitglieder in die »Arbeiterschaften«.

Es fehlte nicht an Delegierten, die sich gegen die berufliche Frauenarbeit erklärten wie auch gegen die Zulassung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaften. Sie waren jedoch eine Minderheit. Der Schneider Schob und andere traten ihnen entschieden entgegen. Diese Delegierten betonten besonders nachdrücklich, daß die Organisierung der Arbeiterinnen das wirksamste Mittel sei, ihre Konkurrenz als billige Arbeitskräfte und andere üble Folgen ihres Vordringens in die kapitalistisch ausgebeutete Industrie zu bekämpfen. Der Kongreß forderte kein Verbot der gewerblichen Frauenarbeit. In den »Arbeiterschaften«, die in Übereinstimmung mit seinem Beschluß ins Leben gerufen wurden, konnten Mitglieder sein: Arbeiter und Arbeiterinnen, Kleinmeister und Kleinmeisterinnen. Der Kongreß war aus 110 Orten mit 200 Delegierten beschickt, die 142 008 Arbeiter vertraten. Seine Einstellung zur Berufsarbeit und zur gewerkschaftlichen Organisierung der Frauen kennzeichnet den Umschwung, der sich in der Auffassung größerer proletarischer Kreise durchzusetzen begann.

Allerdings: Die Organisierung der Arbeiterinnen in den lassalleanischen »Arbeiterschaften« scheint mehr schöne Theorie geblieben, statt zur vorwärtstreibenden Praxis geworden zu sein. Kein Hervortreten weiblicher Mitglieder in der Entwicklung dieser Gewerkschaften wird gemeldet, keine planmäßige Agitation für sie unter den Arbeiterinnen und Kleinmeisterinnen; auch Angaben über den weiblichen Mitgliederstand liegen nicht vor. So hat die Sozialdemokratie lassalleanischer Richtung unmittelbar nur wenig zu den Anfängen der klassenmäßigen proletarischen Frauenbewegung beigesteuert. Allein, meines Erachtens liegt der letzte entscheidende Grund dafür nicht etwa in der Abweisung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Er ist gegeben in der engen, sektenhaften Einstellung der Lassalleaner strenger Observanz, Herkommen, Herkunft. nach der das allgemeine Wahlrecht das A und O der Arbeiterbewegung war, das Ziel und Kampfmittel, auf das einzig und ausschließlich alle Kräfte unmittelbar konzentriert werden mußten. Diese Einstellung in Verbindung mit dem Glauben an die Wirkung des »ehernen Lohngesetzes« verhinderten die richtige Wertung der Gewerkschaften und der besonderen eigenen Aufgaben, die sie im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaft zu erfüllen haben.

Lassalle selbst lehnte die Gewerkschaften mit einer Handbewegung ab; sein klügster, kenntnisreichster Nachfolger, J. B. von Schweitzer, ließ sie nur als Vorbereitungs- und Hilfsorganisationen für die politischen Kämpfe gelten. Für die Rechtgläubigen des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war das schon Ketzerei und Verrat. Die Hamburger Generalversammlung der Partei im August 1868 hatte der Einberufung des obenerwähnten Allgemeinen Arbeiterkongresses zu Berlin nicht zugestimmt. Fritzsche, der Barrikadenkämpfer aus den blutigen Dresdener Maitagen 1849, und von Schweitzer waren gezwungen gewesen, jene Tagung persönlich einzuberufen. Wiederholt haben auch nach dem Kongreß Generalversammlungen der Lassalleaner die Förderung der Gewerkschaften als Verräterei in Acht und Bann erklärt. Wunder da, daß die »Arbeiterschaften« nicht die stolze Zahl der auf dem Berliner Kongreß vertretenen Proletarier organisatorisch erfaßten und zusammenhielten, daß ihr Mitgliederstand vielmehr rasch sank. Es hieße Feigen von den Dornen pflücken wollen, erwartete man angesichts solcher Umstände eine kraftvolle agitatorische und organisatorische Betätigung der Lassalleaner unter den ausgebeuteten erwerbenden Frauen.

Wertvolle Vorarbeit für die Anfänge der klassenbewußten proletarischen Frauenbewegung haben zweifellos die Arbeiterbildungsvereine geleistet. Dafür sprechen die jährlichen Vereinstage des Verbandes Deutscher Arbeitervereine seit Mitte der sechziger Jahre. Nicht daß sich hier bereits eine voll ausgereifte sozialistische Erkenntnis des vielverschlungenen, weittragenden Fragenkomplexes bekundet, der sich mit der Industrialisierung der Frauenarbeit herausbildet und diese Umwälzung zu einem revolutionären Faktor ersten Ranges werden läßt. Die noch in der Entwicklung begriffene, unfertige theoretische Erkenntnis macht es unter anderem auch begreiflich, weshalb damals die Bedeutung des Klassengegensatzes in der Frauenwelt nicht voll erfaßt und gewertet wurde, so daß echt bürgerlich frauenrechtlerische Gedankengänge keinen Widerspruch und keine Korrektur erfuhren. Jedoch wichtige Wesenselemente der marxistischen Erkenntnis treten bereits bestimmt hervor. Und das ist auf den wachsenden Einfluß der I. Internationale zurückzuführen. Es zeigt sich Verständnis dafür, daß die Berufsarbeit der Frau die breite tragende Grundlage für die soziale Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts bildet, weil ohne wirtschaftliche Unabhängigkeit des Weibes vom Manne, von der Familie die Emanzipation unmöglich wird. Es zeigt sich Verständnis dafür, daß nicht die industrielle Frauenarbeit selbst, daß vielmehr ihre kapitalistische Ausbeutung die Quelle ihrer vielerlei furchtbaren Begleiterscheinungen ist. Die Mehrheit der Vertreter der Arbeiterbildungsvereine zieht die praktischen Schlußfolgerungen aus diesem Verständnis. Kein Verbot der gewerblichen Frauenarbeit, aber gesetzliche Eindämmung der kapitalistischen Übermacht zu rücksichtsloser Ausbeutung; Unterstützung der Bestrebungen zur Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Es liegt auf der Hand, daß die entsprechende Stellungnahme sich nicht ohne Widerstände und Reibungen durchsetzte. Allein, das gab Anstoß zu eifriger Aufklärungsarbeit unter den Mitgliedern der Vereine und in deren Einflußsphäre. In dieser Beziehung haben nicht nur einige wenige bürgerliche Ideologen in den Bildungsorganisationen ihr Bestes getan, sondern die einfachen Proletarier in Reih und Glied selbst.

Auf dem 3. Vereinstag des Verbandes Deutscher Arbeitervereine, der Anfang September 1865 in Stuttgart stattfand, wurde der Berufsarbeit und der Gleichberechtigung der Frau kräftig das Wort geredet. Die Tagung begrüßte herzlich die im Oktober in Leipzig bevorstehende erste deutsche Frauenkonferenz. Doch mehr noch. Der Vereinstag beschäftigte sich mit der Frauenfrage. Bericht darüber erstattete Moritz Müller-Pforzheim; wie Bebel in seinen Lebenserinnerungen sagt: »... ein etwas eigentümlicher, aber eifriger und in seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat über die Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialität behandelte. In seinem schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau mit dem Manne, die Gründung von Fortbildungsanstalten für Arbeiterinnen und die Gründung von Arbeiterinnenvereinen.« August Bebel, »Aus meinem Leben«, Erster Teil, Dietz Verlag, Berlin 1953, S. 113/114. Der Vereinstag widmete der Diskussion über die Frauenfrage viel Zeit. Professor Eckhard erklärte ausdrücklich, daß die soziale Befreiung der Frau auch die Gewährung des Stimmrechtes an die Frauen, wie solches der Vereinstag für die Männer fordere, einschließe. Mit dieser Auslegung wurde die Müllersche Resolution mit erheblicher Mehrheit angenommen.

Das Sitzungslokal des Vereinstages in Stuttgart war die Liederhalle. Hier tagte 42 Jahre später, im August 1907, der erste internationale Arbeiterkongreß, der in Deutschland stattfand, jener denkwürdige Kongreß der II. Internationale, der feierlich eine Resolution annahm, die die sozialdemokratischen Parteien aller Länder verpflichtete, im Falle eines Krieges die Situation zum Sturze des Kapitalismus auszunutzen. Der nämliche Kongreß machte es ferner allen sozialistischen Parteien zur Pflicht, ihre Kämpfe für das Wahlrecht auch als Kämpfe für das Frauenwahlrecht zu führen, als Kämpfe für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht aller Großjährigen ohne Unterschied des Geschlechts. Das aber mit scharfer Ablehnung aller opportunistischen Zugeständnisse sowohl an liberale Parteien, die das Frauenwahlrecht fürchten, wie an frauenrechtlerische Strömungen, die sich mit irgendwelchem »Damenwahlrecht« begnügen. Der Kongreß der II. Internationale übernahm damit den Beschluß der I. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz, die ihm unmittelbar vorausgegangen war und die erste ideologische und organisatorische Zusammenfassung der sozialistischen Frauenbewegung in den verschiedenen Ländern ergeben hatte. Auch diese Konferenz tagte in der Liederhalle. Das Nachwort zu beiden Tagungen und ihren Beschlüssen hat der Weltkrieg geschrieben, der Verrat der internationalen proletarischen Solidarität, die Preisgabe des Frauenwahlrechts durch die französischen und belgischen Sozialisten in der Nachkriegszeit. Welcher Fortschritt seit 1865 und welcher Rückschritt seit 1914!

Der 4. Vereinstag des Verbandes am 7. Oktober 1867 zu Gera hieb in die gleiche Kerbe wie sein Vorgänger. Auf seiner Tagesordnung stand die Frage der Frauenarbeit und Frauenbewegung. Berichterstatter darüber war abermals Moritz Müller. Er schlug folgende Sätze zur Annahme vor:

»Die vereinigten deutschen Arbeitervereine am heutigen Arbeitertag erklären: Die Frauen sind zu jeder Arbeit berechtigt, zu welcher sie fähig sind. Die Vorurteile und die gesetzlichen Hindernisse, welche den Rechten der Frauen noch entgegenstehen, sind zu beseitigen. Es ist die Pflicht der Familie, der Gemeinden und des Staates, für gute weibliche Bildungsanstalten zu sorgen, welche denen des männlichen Geschlechts in keiner Beziehung nachstehen. Es ist Sache der Arbeitervereine, die in den bestehenden Gesetzen, Gewohnheiten, Sitten und Vorurteilen liegenden Hindernisse, welche der Vollziehung dieser Beschlüsse entgegenstehen, nach besten Kräften beseitigen zu helfen.«

Diese Sätze scheinen trotz ihres bürgerlich-frauenrechtlerischen Charakters keinen Widerspruch gefunden zu haben. Man könnte fast spotten, daß der Vereinstag päpstlicher war als der Papst selbst, die volle Gleichberechtigung der Frauen bestimmter forderte, als das damals recht viele Frauenrechtlerinnen taten. Die Zuschrift des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, die gewerbliche Frauenarbeit betreffend, ward mit Beifall aufgenommen.

Die Einstellung der Arbeiterbildungsvereine zu den aufgerollten Fragen war unstreitig ein wichtiger Schritt über die Auffassung hinaus, die bis dahin unter den sich sammelnden und organisierenden Proletariern herrschte. Diese betrachteten die mit dem Vordringen der weiblichen Berufstätigkeit zusammenhängenden Erscheinungen in der Hauptsache unter dem Gesichtswinkel der Konkurrenz zwischen Männer- und Frauenarbeit und ihren Folgen. Ihre Losung war daher: Zurückdämmung und möglichst Aufhebung der Neuerung. Es war die vom Kapitalismus untrennbare reaktionäre Seite der Frauenarbeit, die sie schreckte und blind machte für deren revolutionäre Seite und die dadurch bestimmten Forderungen auf Frauenrechte. Kaum daß sie begannen, die soziale Schutzbedürftigkeit, namentlich aber auch die Bündnis- und Kampffähigkeit der Arbeiterinnen zu begreifen. Die Arbeiterbildungsvereine hingegen erblickten und würdigten in den frauenrechtlerischen Bestrebungen in erster Linie das geschichtlich vorwärtstreibende Moment, das Regen und Bewegen sozialer Kräfte, die – jahrhundertelang gebunden, durch schwere Ketten am Boden gehalten – nun nach freier Auswirkung drängten, nach Mittätigkeit an der Gestaltung der gesellschaftlichen Zustände, die das persönliche Schicksal der Frau in ihre eigene Hand legen würden. Die Frauenbewegung deuchte der Mehrheit in den Bildungsorganisationen eine soziale Freiheitsbewegung, wesensgleich jener, die das Proletariat emportrug. Welche untilgbaren Wesensunterschiede der Klassengegensatz unter den Frauen in dieser Bewegung zeitigte, das wurde von den Arbeiterbildungsvereinen der sechziger Jahre noch nicht erkannt. Sie begrüßten und förderten die Ausstrahlung der bürgerlichen Frauenbewegung in das weibliche Proletariat als einen Umstand, der dazu beitrug, die ausgebeuteten, von Lasten und Pflichten erdrückten Proletarierinnen mit Selbstbewußtsein, Kampfwillen und Kampfbegeisterung für neue soziale Verhältnisse zu erfüllen. Die Arbeiterbildungsvereine schufen damit psychologische Vorbedingungen für die Anfänge der proletarischen Frauenbewegung.

Die klassenmäßige Orientierung und die organisatorische Verbindung dieser Anfänge erfolgte erst allmählich, zusammen mit der Entwicklung der Gewerkschaften der Eisenacher, aber zusammen mit dieser Entwicklung mußte sie auch erfolgen, denn Gewerkschaft besagt Klassenkampf, wenn das Wort nicht seinen geschichtlichen Sinn verlieren soll. Der 5. Vereinstag der Arbeitervereine 1868 in Nürnberg wagte den entscheidenden Schritt vorwärts, der die Arbeiter praktisch von ihren bürgerlichen Bildungsgönnern trennte. Die von ihm durch die Annahme der Resolution Vahlteich-Greulich beschlossene Gründung zentralisierter internationaler Gewerksgenossenschaften atmete den Geist der I. Internationale, den Geist des proletarischen Klassenkampfes. Für die Vorkämpfer des internationalen Sozialismus in Deutschland waren die Richtlinien des Generalrates der Internationale über die Gewerkschaften ausschlaggebend, die der erste Allgemeine Kongreß der Internationalen Arbeiterassoziation zu Genf, Anfang September 1866, angenommen hatte. Sie stammen von Karl Marx, und ihre wichtigsten Sätze lauten:

»Die Gewerkschaften entstanden zuerst aus spontanen Versuchen von Arbeitern zur Beseitigung oder mindestens Einengung dieser Konkurrenz (untereinander. C. Z.), um Vertragsbedingungen zu erringen, die sie wenigstens über die Stellung bloßer Sklaven erhoben.

Das unmittelbare Ziel der Gewerkschaften beschränkte sich daher auf die Erfordernisse des Tages, auf Mittel der Abwehr gegen die unaufhörlichen Übergriffe des Kapitals, mit einem Worte auf Fragen des Lohnes und der Arbeitszeit. Diese Tätigkeit der Gewerkschaften ist nicht bloß gerechtfertigt, sie ist notwendig. Man kann ihrer nicht entraten, solange die heutige Produktionsweise fortbesteht. Im Gegenteil, sie muß verallgemeinert werden durch die Gründung und die Zusammenfassung von Gewerkschaften in allen Ländern.

Auf der anderen Seite sind die Gewerkschaften, ohne daß sie sich dessen bewußt wurden, zu Brennpunkten der Organisation der Arbeiterklasse geworden, wie die mittelalterlichen Munizipalitäten und Gemeinden es für die Bourgeoisie geworden waren. Wenn die Gewerkschaften unumgänglich sind für den täglichen Guerillakrieg zwischen Kapital und Arbeit, so sind sie noch weit wichtiger als organisierte Förderungsmittel der Aufhebung des Systems der Lohnarbeit selbst ...

Abgesehen von ihren ursprünglichen Zwecken müssen die Gewerkschaften nunmehr lernen, bewußterweise als Brennpunkte der Organisation der Arbeiterklasse zu handeln, im großen Interesse ihrer vollständigen Emanzipation. Sie müssen jede soziale und politische Bewegung unterstützen, die auf dieses Ziel lossteuert. Indem sie sich selbst als die Vorkämpfer und Vertreter der ganzen Klasse betrachten und danach handeln ... Sie müssen die ganze Welt zur Überzeugung bringen, daß ihre Bestrebungen, weit entfernt, engherzig und selbstsüchtig zu sein, vielmehr die Emanzipation der niedergetretenen Massen zum Ziele haben. »Karl Marx und die Gewerkschaften«, Berlin o. J., S. 139/140.

Man vergleiche den weiten revolutionären Horizont dieser Leitsätze mit der »realpolitischen« Froschperspektive der Lassalleaner über die Gewerkschaften. Der prinzipielle Gegensatz bedarf keines Kommentars. Nach dem unzweideutigen Sinn der Genfer Beschlüsse, dem Wesen, dem Beispiel der Internationalen Arbeiterassoziation war es eine Selbstverständlichkeit, daß den Frauen – Arbeiterinnen wie Kleinmeisterinnen – die Mitgliedschaft in den Internationalen Gewerksgenossenschaften zustand. Das theoretisch grundsätzlich Richtige ward praktisches Ziel, Streben, Betätigung. Nach der Internationalen Gewerksgenossenschaft der Berg- und Hüttenarbeiter entstand 1869 als zweite Organisation die Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter. In ihr vollzog sich der erste größere organisierte Aufmarsch proletarischer Frauen als gleichberechtigter Mitkämpferinnen der Männer zum Ringen mit dem Kapital, zum Ringen für ihre volle Emanzipation. In ihr gewannen die Anfänge der klassenbewußten proletarischen Frauenbewegung erste organisatorische Zusammenfassung und ideologische Klärung. Was das in jener Zeit bedeutete, bemißt sich nicht nur nach einer Gegenüberstellung mit der Unklarheit, dem Schwanken, dem engbrüstigen Vorurteil sogar bei großen Teilen des organisierten Proletariats. Es ist zu messen an der Dumpfheit und Passivität, der geistigen Gebundenheit der breitesten proletarischen Frauenmassen. Die Anfänge der organisierten Klassenbewegung der Proletarierinnen 1869 und in den folgenden Jahren gleichen der Schwalbe, die nach dem Sprichwort noch keinen Sommer macht, deren Erscheinen aber dennoch das Herz mit Freude und Zuversicht erfüllt, weil es den nahenden Frühling kündet.

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