Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Clara Zetkin >

Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands

Clara Zetkin: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/zetkin/prolfrau/prolfrau.xml
typetractate
authorClara Zetkin
titleZur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands
publisherVerlag Roter Stern
year1971
isbn3878770081
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120306
projectid747d3afb
Schließen

Navigation:

Die sozialdemokratische Frauenbewegung

Auf einer bedeutsamen, auf der besten Strecke ihrer Geschichte konnte die sozialdemokratische Frauenbewegung als proletarische Frauenbewegung der bürgerlichen entgegengestellt werden. In Theorie und Praxis war sie während dieser Periode, was jene scheinen wollte: Vorkämpferin für die volle soziale und menschliche Befreiung und Gleichberechtigung des gesamten weiblichen Geschlechts. Sie erfaßte die Frauenfrage im Lichte des historischen Materialismus als wesentlichen Teil der allgemeinen sozialen Frage. Sie erkannte daher, daß der Klassengegensatz und der Klassenkampf von Ausgebeuteten und Ausbeutern in der bürgerlichen Gesellschaft von ausschlaggebender Bedeutung für die volle Frauenemanzipation ist. Ihr Handeln wurde von der Auffassung geleitet, daß nur der revolutionäre Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft und die Verwirklichung des Sozialismus als Tat des sich kämpfend befreienden Proletariats der Gesamtheit der Frauen voll erblühendes und sich auswirkendes Menschentum bringen werde und nicht die formale Gleichstellung der Geschlechter im Gesetz.

Im Gegensatz zu der bürgerlichen Frauenrechtlerei rief die proletarische Frauenbewegung zufolge ihrer grundsätzlichen Einstellung nicht die Frauen aller Klassen und Schichten zum gemeinsamen Kampfe von Geschlecht zu Geschlecht für eine Reform der Gesellschaft, die die Vorrechte des Mannes aufhebt. Sie sammelte, organisierte und schulte vielmehr vor allem die Proletarierinnen für den Kampf in Reih und Glied ihrer Brüder. Sie rief aber auch die unterdrückten und ausgebeuteten Frauen aller Schichten, zusammen mit dem Proletariat den Kampf von Klasse zu Klasse zu führen für die Revolution der bürgerlichen Ordnung mittels Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln.

Die sozialdemokratische Frauenbewegung hat die Ehre verwirkt, in Lehre und Tat proletarische Frauenbewegung zu sein. Sie ist heute ihrem Ziel und Inhalt nach bloße Reformbewegung, eine besondere Spielart bürgerlicher Frauenrechtlerei, bürgerlicher Demokratie. Sie hatte ihren Aufschwung im Zusammenhang mit der II. Internationale, und gemeinsam mit dieser und deren Verrat am Proletariat ist sie seit dem Ausbruch des imperialistischen Weltkriegs 1914 von Stufe zu Stufe gesunken.

Die Bewegung der Frauen des Proletariats und des Bürgertums für ihre Emanzipation hat die gleiche Grundlage: die Vernichtung der alten hausgewerblichen Tätigkeit der Frau in der Familie durch die kapitalistische Produktionsweise. Jedoch darüber hinaus macht sich in der bürgerlichen Gesellschaft der Klassengegensatz der Frauen geltend. Die Besitzlosigkeit macht produktive, erwerbende Arbeit zur Existenzfrage für die Proletarierin, ja für die Proletarierfamilie. Die wirtschaftliche Umwälzung schafft dank der modernen Produktionsmittel und Produktionsbedingungen mit der Fabrikindustrie ein weites und wachsendes Gebiet solcher Arbeit in der Gesellschaft. Der Drang nach Mehrwert, nach Profit, der die Seele des Kapitalismus ist, peitscht mit dem Zwange der Not Scharen von Proletarierinnen in die Fabrik. Die ausgiebige Verwendung billiger und durch Lohndruck verbilligender, williger Frauenarbeit ist nicht lediglich eine Folgeerscheinung der Ausbreitung des Kapitalismus, sie ist gleichzeitig eine Voraussetzung seines Aufblühens.

Die Verdienstarbeit in der Gesellschaft löst für die Proletarierin die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Manne und macht sie als Selbsterwerbende diesem gleich. Doch ihre Geschlechtssklaverei als Weib kettet sie rechtlich, gesetzlich weiter an ihn. Sie muß außerdem ihre wirtschaftliche Selbständigkeit mit teurem Preis bezahlen, mit den erbarmungslosesten Auswirkungen der proletarischen Klassensklaverei. Und nicht nur sie allein muß ihn zahlen. Auch der Proletarier in Gestalt sinkenden Lohnes und Verdrängung aus der Fabrik; das proletarische Kind mit mangelnder Pflege und Fürsorge, mit Verderben und Sterben; die gesamte Arbeiterklasse mit steigender Verelendung. Die Arbeiter, die noch nicht durch die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus klarsehend geworden sind, verwechseln Wirkung und Ursache. Für die verschärfte Not machen sie die Arbeit der am härtesten Ausgebeuteten verantwortlich, statt des gesellschaftlichen Regimes der kapitalistischen Ausbeutung. Sie bekämpfen die industrielle, die erwerbende Frauenarbeit und heischen ihr gesetzliches Verbot. Der Kampf der Geschlechter entbrennt auch in der Welt des Proletariats um eine Forderung, deren Verwirklichung die Frauen in die altersgraue Abhängigkeit vom Manne zurückwerfen würde. Geschlechtsunfreiheit und Klassensklaverei gestalten in enger Verschlingung das leidbeschwerte Dasein der Proletarierinnen.

Die Ideen der utopischen Sozialisten Owen, Saint-Simon, Fourier und ihrer Schüler entzünden das Licht der Hoffnung in diesem Dunkel. Die zum Bewußtsein ihres Menschentums und zum Freiheitssehnen erwachenden Proletarierinnen erwarten ihre Befreiung von allen Übeln in einem neuen, idealen Gesellschaftsbau der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Sie finden sich allmählich in Gruppen zusammen – auch mit bürgerlichen Frauen – , die sich gegen das Verbot der Frauenarbeit wehren und eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterinnen verlangen. Sie vereinigen sich mit Gleichgesinnten – Männern wie Frauen – , um gemeinschaftlich für den Aufbau der utopischen, erträumten Gesellschaft zu werben, zu wirken. Sie sind jedoch noch sehr weit von der Erkenntnis entfernt, daß der Kapitalismus im Schöße der bürgerlichen Gesellschaft die objektiven Voraussetzungen der neuen, frauen- und menschheitsbefreienden Ordnung erzeugt und daß diese durch den gemeinsamen revolutionären Klassenkampf der Männer und Frauen des Proletariats verwirklicht werden muß.

Die ersten Anfänge der Emanzipationsbestrebungen proletarischer Frauen waren so nichts weniger als grundsätzlich, klar sozialistisch, sozialdemokratisch. Sie stellten ein Miteinander und Durcheinander frauenrechtlerischer, utopischer, sozialrevolutionärer, sozialreformlerischer Tendenzen und Forderungen dar. Sie entbehrten national und erst recht international eines festen organisatorischen Gefüges. In England, Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten von Nordamerika und anderwärts traten bald die einen, bald die anderen Charakterzüge mehr hervor, bald mehr ökonomische, bald politische Losungen. Allgemein bestimmend dafür war unter den gegebenen geschichtlichen Verhältnissen der einzelnen Länder die fortschreitende Entwicklung der kapitalistischen Produktion und ihre Auswirkung auf den Klassengegensatz von Bourgeoisie und Proletariat, auf das Rückwärts der bürgerlichen Demokratie, das Vorwärts des Proletariats an Erkenntnis, Organisation, Kampfkraft als revolutionäre Klasse. Im Verlaufe dieses geschichtlichen Reifeprozesses traten bei den Freiheit und Gleichberechtigung verlangenden Proletarierinnen frauenrechtlerische Stimmungen und Strömungen hinter die Anforderungen des Klassenkampfes zurück, rangen sich die Proletarierinnen zu der Auffassung durch, daß der Befreiungskampf der Klasse ohne die bewußte und hingebungsvolle Beteiligung gleichberechtigter, gleichgewerteter Frauen nicht siegreich geführt werden könne.

Führend, beispielgebend ging die I. Internationale dem Proletariat im Kampf für die volle Emanzipation des gesamten weiblichen Geschlechts voran. Ihr Kongreß zu Genf 1866 schlug die Vorstöße für das gesetzliche Verbot der industriellen Frauenarbeit zurück, das zünftlerische englische Gewerkschafter von rechts her, Anarchisten, Proudhonisten und Gesinnungsverwandte von links her forderten. Ausschlaggebend dafür war eine Darstellung des Problems – eine persönliche Arbeit von Marx – , die entsprechend dem dialektischen Materialismus die weitreichende revolutionäre Bedeutung der industriellen Frauenarbeit erhellte und gegen ihre reaktionären, die Klassenlage des Proletariats verschlechternden Auswirkungen in der Gesellschaftsordnung des Kapitalismus durchgreifenden gesetzlichen Schutz wider Ausbeutung und Unterdrückung heischte. Wie die Resolution über die Gewerkschaften zeigte sie die Notwendigkeit des gemeinsamen Klassenkampfes der Proletarier und Proletarierinnen zum Sturze des knechtenden und ausbeutenden Kapitalismus. Im Generalrat der I. Internationale saß eine Frau, berufliche Arbeiterinnenorganisationen gehörten ihr an: der Verband der Schuharbeiterinnen in England, der Seidenwirkerinnen von Lyon, und mit großer Energie und gutem Erfolg unterstützte die Internationale Arbeiterassoziation einen Streik der letztgenannten. Die Ideen dieser Weltorganisation der kämpfenden Arbeiterklasse befeuerten und leiteten viele Proletarierinnen und Kleinbürgerinnen, die bei der Verteidigung der Pariser Kommune als Heldinnen und Märtyrerinnen ihren Anspruch auf Gleichwertung und Gleichberechtigung mit dem Manne bewiesen hatten. In Deutschland war noch vor dem großen, international aufwühlenden und lehrenden Ereignis der Machteroberung des Proletariats der erste gemeinsame, organisierte Aufmarsch von Proletarierinnen und Proletariern im Zeichen des Sozialismus gegen den Kapitalismus erfolgt. Die Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter zu Crimmitschau wurde gegründet, eine Vorläuferin des Textilarbeiterverbandes, die sich zu den Grundsätzen der Internationalen Arbeiterassoziation bekannte.

Die I. Internationale fiel als Organisationsform auseinander, ihr reicher geschichtlicher Inhalt lebte im Proletariat auch in der revolutionären Auffassung der Frauenfrage weiter und gewann immer mehr Anhänger und Anhängerinnen. Der Gründungskongreß der II. Internationale zu Paris 1889 bewies es. Eine der beiden Vertreterinnen deutscher Arbeiterinnenvereine Die Vertreterinnen der deutschen Arbeiterinnenvereine waren Clara Zetkin und Emma Ihrer. Das Referat »Für die Befreiung der Frau!« hielt Clara Zetkin; siehe Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. I, Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 3– 11. wandte sich im Auftrage der deutschen Delegation gegen ein Verbot der Frauenarbeit, wies die Frauenrechtlerei ab und forderte die Eingliederung der Proletarierinnen in die Kampfreihen der Arbeiterklasse. Der Kongreß solidarisierte sich durch stürmischen Beifall mit der Auffassung, faßte jedoch keinen die Parteien und Gewerkschaften verpflichtenden Beschluß in der aufgerollten Frage. Das ist kennzeichnend für das Verhalten der II. Internationale zu ihr. Die II. Internationale verzichtete auf Initiative und Führung, das Ringen der proletarischen, der werktätigen Frauen für ihre Befreiung und Gleichberechtigung ideologisch und organisatorisch mit dem Klassenkampf des Proletariats zu verbinden und zu einer nicht zu missenden tragenden und treibenden Kraft der sozialen Revolution zu machen. Sie überließ es den Bekennerinnen des Sozialismus selbst, diese bedeutsame Aufgabe zu lösen.

In allen kapitalistischen Ländern gingen diese mit reifender theoretischer Erkenntnis und größtem hingebungsvollem Eifer daran, die Wirrnis frauenrechtlerischer, sozialreformlerischer, sozialistischer Gedanken zu klären, die Zersplitterung der vielerlei von Organisationsformen zu überwinden und die in Fluß befindliche Bewegung der Proletarierinnen zu einer grundsätzlich richtigen, praktisch wirksamen, ausgesprochen sozialistischen Frauenbewegung zu machen. Die Sozialdemokratinnen Deutschlands gingen bei diesem Werk wegweisend und beispielgebend voran. Die sozialdemokratische Frauenbewegung erhärtete ihre Gleichwertigkeit als Teil des revolutionären proletarischen Befreiungskampfes durch ihre reinliche Scheidung in Theorie und Praxis von der Frauenrechtlerei und dem bürgerlichen Reformismus. Die dafür nötigen Auseinandersetzungen erfolgten auf der ganzen Front der Frauenfrage als sozialer Frage, die nur durch die proletarische Revolution und Diktatur als Wegbereiter des Sozialismus gelöst werden kann.

Sie konzentrierten sich zunächst auf die grundsätzliche und praktische Einstellung zum gesetzlichen Arbeiterinnenschutz. Der Kongreß der II. Internationale zu Zürich 1893 entschied entgegen starken frauenrechtlerischen Tendenzen im Sinne der marxistischen Auffassung. Wichtiger und weittragender noch war der Kampf um die grundsätzliche und taktische Stellungnahme zum Frauenwahlrecht. Sollte das Eintreten für ein »Damenwahlrecht« gestattet sein, der Verzicht auf die Forderung des allgemeinen Frauenwahlrechts in proletarischen Wahlrechtskämpfen, die frauenrechtlerische Gleichsetzung des politischen Frauenwahlrechts mit der vollen sozialen Befreiung des weiblichen Geschlechts? Die Klärung dieser Streitfragen wurde zu einem leidenschaftlichen Kampf gegen den Reformismus, den Opportunismus auf der ganzen Linie. Die Initiative und Zähigkeit der fortgeschrittensten Trägerinnen der sozialdemokratischen Frauenbewegung setzten es durch, daß dieser Kampf auf dem Kongreß der II. Internationale zu Stuttgart 1907 mit dem Sieg des revolutionären Marxismus endete. Die sozialdemokratische Frauenbewegung war in ihren besten Zeiten eine wertvolle Kraft des »linken Flügels« der sozialistischen Parteien der II. Internationale im Ringen mit dem Opportunismus und Revisionismus.

Ihrer Auffassung von der einheitlichen Organisation der Ausgebeuteten ohne Unterschied des Geschlechts getreu, führte sie die Arbeiterinnen den Gewerkschaften ihrer Berufsgenossen zu, die proletarischen Frauen jeder Schicht der sozialistischen Partei ihres Landes. Auf der geschaffenen Grundlage nahm die sozialdemokratische Frauenbewegung ihren internationalen Zusammenschluß im Rahmen und in engstem Zusammenhang mit der II. Internationale in Angriff. Die erste internationale Konferenz sozialistischer Frauen zu Stuttgart 1907 bestimmte die »Gleichheit«, das Frauenblatt der deutschen Sozialdemokratie, zum internationalen Organ und wählte eine Internationale Sekretärin. Diese Funktion übte von 1907 bis 1917 Clara Zetkin aus. Die zweite internationale Konferenz sozialistischer Frauen zu Kopenhagen 1910 beschloß als einheitliche internationale Aktion den alljährlichen Frauentag. In Anknüpfung an aktuelle Forderungen der Proletarierinnen, so des Frauenwahlrechts, sollte er revolutionärer Klassenvormarsch der proletarischen Frauen und Männer gegen die bürgerliche Gesellschaft sein.

Das imperialistische Völkermorden brachte zum Ausdruck, daß der Wurm des Reformismus auch die so hoffnungsreich scheinende sozialdemokratische Frauenbewegung zerfressen hatte. Sie zeitigte noch eine kraftvolle revolutionäre Lebensäußerung: die internationale sozialistische Frauenkonferenz zu Bern 1915. Vom proletarischen Klassenstandpunkt aus rief sie die Frauen auf zum Kampf gegen den Verrat der internationalen Solidarität der Proletarier aller Länder durch die Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften, zum Kampf für den Frieden der Völker als Voraussetzung zur Entfesselung des schärfsten revolutionären Vorstoßes der proletarischen Massen zum Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft. Die Konferenz war Aktion einer Minderheit der Bewegung, Vorbotin ihrer unerläßlichen Spaltung. Der weitaus größte Teil der organisierten sozialdemokratischen Frauen sank unter Führung der II. Internationale herab zu Verteidigerinnen der nationalen »Vaterländer« der imperialistischen Bourgeoisie. Sie wetteiferten an chauvinistischer Gesinnung und Aktivität mit den bürgerlichen Damen. Sie täuschten und beschwindelten die Proletarierinnen über Ziel und Charakter des imperialistischen Machtringens und trieben damit diese in die Schützengräben der Wirtschaft und aller Gebiete des sozialen Lebens. Unbelehrt durch das gewaltige Weltgewitter der proletarischen Revolution im Zarenreich, standen die Sozialdemokratinnen weiterhin der Bourgeoisie bei, ihre Klassenherrschaft gegen den Ansturm der revolutionär vordringenden Ausgebeuteten zu schützen.

Die rühmliche Vergangenheit wirft helles Licht darauf, wie tief die sozialdemokratische Frauenbewegung gefallen ist. Sie ist zu einer Nichts-als-Reformbewegung entartet, die die bürgerliche Ordnung nicht stürzen, sondern stützen will. Sie trägt dazu bei, die Klassensklaverei der Proletarierinnen zu befestigen, zu erhalten. Gewiß, in der sozialdemokratischen Frauenbewegung wird noch vom Sozialismus geredet, aber nur zu dem Zwecke, werktätige Frauen vom revolutionären Kampfe ihrer Klasse abzuhalten. Sie führt die Proletarierinnen nicht auf den einzigen Weg zum Sozialismus, zur kommunistischen Weltordnung: zur Revolution zur Eroberung der Staatsmacht. Sie lullt diese zwiefach Geopferten des Kapitalismus mit dem Traum ein vom »friedlichen Hineinwachsen in den Sozialismus« durch soziale Reformen und bürgerliche Demokratie. Sogar was Reformen und die Demokratie anbelangt, so narrt sie die werktätigen Frauen mit der Illusion, daß diese »Errungenschaften« Früchte des Zusammenwirkens der Klassen, des Burgfriedens zwischen ihnen sind und nicht Ergebnisse des erbitterten, hartnäckigen proletarischen Klassenkampfes. Indem sie das grundsätzliche Ziel preisgibt – die proletarische Revolution – , macht sie sich selbst unfähig, auch die Gegenwartsforderungen der Proletarierinnen zu vertreten.

Besonders charakteristisch für das alles sind die internationalen sozialdemokratischen Frauenkonferenzen, die in Marseille 1925 und in Brüssel 1926 und 1928 in der Gnadensonne der wieder zusammengeflickten II. Internationale stattgefunden hatten. In den Fragen des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, des Schutzes und der sozialen Fürsorge für Mutter und Kind, für Hilfsbedürftige jeder Art zogen sich diese Tagungen auf die winzigen Forderungen der Washingtoner Konferenz 1919 zurück. Sie sind bis heute nicht von den gepriesenen Koalitionsregierungen großer kapitalistischer Staaten und der Arbeiterregierung in England ratifiziert, und ihre Verwirklichung als »humanitäres Menschenrecht« wird von den Sozialdemokratinnen sanft erbeten. Den Wert solcher Einstellung zeigt Frau Bondfield, Arbeitsminister der englischen Arbeiterregierung, durch deren Gesetzentwürfe und Vorschläge zur Regelung der Arbeitslosenfürsorge, der Arbeitsverhältnisse im Bergbau; durch die Stellungnahme zu dem großen Kampf in der Wollindustrie, in der viele Zehntausende Arbeiterinnen ausgebeutet und geknechtet werden.

Das Frauenwahlrecht werteten die internationalen Konferenzen der Sozialdemokratinnen echt feministisch als vollendetes Menschenrecht der Frauen. Trotzdem waren die Tagenden bereit, sich mit einem »Damenwahlrecht« zu begnügen, und drückten sich feige darum herum, die reformistische Arbeiterpartei Belgiens auch nur zur Ordnung dafür zu rufen, daß ihre Vertreter in der Kammer zufolge ihres Bündnisses mit den Liberalen gegen das von den Klerikalen beantragte Frauenwahlrecht gestimmt haben. Im höchsten Maße schamlos ist das Verhalten der Sozialdemokratinnen gegenüber der drohenden Gefahr imperialistischer Kriege. Sie verzichteten in Marseille auf die geforderte Brandmarkung des greuelreichen Marokkokrieges der französischen Imperialisten, weil dieser von den reformistischen Sozialisten Frankreichs nicht bekämpft worden ist. Sie hetzten dafür gegen den angeblichen »roten Imperialismus« der Sowjetunion und vertrösteten die friedenssehnsüchtigen Proletarierinnen mit der Hoffnung auf den »Stimmzettel der Mütter«. Die sozialdemokratische Frauenbewegung ist eine Pflegestätte der Illusionen über die friedenstiftende Macht des Völkerbundes, der internationalen Abrüstungskonferenzen der kapitalistischen Regierungen und jeder damit zusammenhängenden Massenbeschwindelung. Sie ist ebenso eine Pflegestätte aller Lügen und Verlästerungen gegen den ersten Staat der proletarischen Diktatur und seinen sozialistischen Aufbau. Sie schweigt hingegen in allen Sprachen von der ernsten Friedenspolitik dieses Staates, von seinem vorbildlichen Werk zur vollen menschlichen Befreiung der Frau durch die Sowjetverfassung und die Gestaltung wirtschaftlicher und sozialer Lebensformen, die die Gleichberechtigung zur Wahrheit und Tat erheben. Sie hat auch keine Tat internationaler Solidarität aufzuweisen für die Befreiungskämpfe der Kolonial- und Halbkolonialvölker gegen den Imperialismus; Kämpfe, an denen Arbeiterinnen, Bäuerinnen, Kleinbürgerinnen, weibliche Intellektuelle einen hervorragend opferfreudigen Anteil nehmen. Die sozialdemokratische Frauenbewegung ist verbürgerlicht. Sie unterscheidet sich vom Feminismus in der Konkurrenz um gläubige Gefolgschaft lediglich durch die Phraseologie, nicht durch ihr Wesen. Sie geht den politischen Parteien und Gewerkschaften, mit denen sie verbunden ist, nicht mehr Probleme der Frauenfrage klärend, die Praxis anregend und bereichernd voran. Sie ist die gefügige Magd dieser Organisationen im Dienste der Großbourgeoisie. Keine arbeiterfeindliche Schandtat der Koalitionspolitik, des Industriefriedens, mit deren Duldung sie nicht im Namen des »Staatsgedankens« und der »Volkswirtschaft« das Klassenbewußtsein der Proletarierinnen trübt, ihre Kampfenergie einschläfert. Die sozialdemokratische Frauenbewegung hat trotz ihres innerlichen Verfalls eine starke und aufsteigende äußere Entwicklung. Nach dem Bericht an den Brüsseler Kongreß der Sozialistischen Arbeiterinternationale 1928 waren in den dieser angeschlossenen Parteien 915 000 Frauen organisiert, die reformistische. Gewerkschaften zählten 1 687 000 weibliche Mitglieder. Diese Zahlen sind seither bei weitem überholt. Die sozialdemokratische Frauenbewegung wird nicht mehr wie einst von der »öffentlichen Meinung« verhöhnt, von den Behörden verfolgt, sie erfreut sich von beiden Seiten kräftiger Unterstützung. In den Ländern mit Koalitionsregierungen – und namentlich dort, wo das Frauenwahlrecht besteht – verwurzelt sie sich mittels starker Positionen im Staatsapparat in den Gemeindeverwaltungen, in der Sozialversicherung, der Wohlfahrtspflege unter den Massen der Proletarierinnen. Für sie wirken erfahrene, geschickte Propagandistinnen und Organisatorinnen, die das früher erworbene Vertrauen wie ihre ganze Kenntnis der Lage und Psychologie der werktätigen Frauen mißbrauchen, um diese zu täuschen und zu gängeln, indem sie ihren antirevolutionären Kleinmut, ihre Furcht vor der Revolution nähren und bestärken. Das in der Zeit, wo sie die erbarmungslose Herrschaft des Monopolkapitals, des beutegierenden Imperialismus, die begonnene proletarische Revolution, das unsterbliche Beispiel der revolutionär kämpfenden und sozialistisch aufbauenden Frauen in der Sowjetunion vor Augen haben. Auf daß die frauenbefreiende proletarische Revolution den Kapitalismus niederwirft, muß sie den Reformismus in der Arbeiterklasse vernichten ...

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.