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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 9
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authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
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V. Verstand, Bildung

Selbst physischen Schmerz halt' ich für Verwirrung, in die wir nicht einzudringen wissen.

... Klarheit im Geiste, reiner, wo möglich starker Wille, ist unsere Aufgabe. Zu dem Uebrigen können wir lachen, beten, weinen. Rahel Varnhagen.

Wir haben der Kraft des Willens eine Lobrede gehalten, und darauf gedrungen, daß man sich eine Richtung gebe, in welcher man beharrlich fortwirke; aber was soll man wollen? welche Richtung ergreifen? – Es ist die Erkenntniß, welche auf diese Lebensfrage Antwort ertheilt; die Erkenntniß, die höchste, ewige Frucht am Baume der Menschheit, gereift am Strahle der Vernunft. Verloren in Träume irrt die Phantasie, in ein wildes Nichts stürzt sich der Wille, – ertheilt ihnen nicht der Geist die Weihe, »der Chaosordner, Schicksalslenker«. Es ist das höchste Thema der Seelendiätetik: die Gewalt der Bildung über die dunkeln Kräfte der sinnlichen Natur zu erörtern; auszusprechen – was geistige Cultur zur Begründung der Gesundheit Einzelner, wie ganzer Gesammtheiten, ja der Menschheit im Großen vermag.

Es gibt vielleicht für den tiefer dringenden Forscher in das Wesen des Menschen kein merkwürdigeres Phänomen, als die Möglichkeit des Wirkens vom abstracten Gedanken aus auf den concreten, leiblichen Organismus, – durch jenes Mittelglied, welches man »Gedankengefühle« nennen kann. Das eben ist das Prärogativ des Menschen, daß Begriffe in ihm Gefühle erregen können, und daß durch diese der Geist den Körper gleichsam abwärts influenzirt, wie der Körper den Geist aufwärts durch die Gefühle, die man schlechthin so zu nennen pflegt. In dieser Möglichkeit eines intellectuellen Gefühles, wie das sittlich-religiöse, liegt die Wurzel der Humanität. Niedere Wesen denken nicht, was sie empfinden; reine Gedankenwesen haben keinen Bezug, der Gefühle wie die unsern möglich machte; nur in uns ist ein solcher Bezug gegeben, als Thatsache des Bewußtseins gegeben, – über die aber nicht weiter zu grübeln, sondern sie zur Thatsache der Anwendung zu machen, hier unsere Aufgabe ist. Genug, wer sich dazu gebildet hat, fühlt die Macht des Gedankens über sein ganzes Wesen, und gibt auch hierin dem Geiste die Ehre.

Wer bei psychologischen Forschungen sich angewöhnt hat, – wie es ein großer Herzenskenner fordert, – immer das Innere und Aeußere verflochten zu betrachten, als Ein- und Ausathmen des Einen lebendigen Wesens, – der wird die Aussicht, die wir hier eröffnen, leicht überschauen und fassen. Nicht so derjenige, welcher gewohnt ist, Geist und Körper als einen gewaltsam in sich verbundenen Widerspruch anzusehen, und die Meinung Vieler zu theilen: daß jeder Genuß der sinnlichen Natur ein Mord an der höheren sei, und daß man den Geist nur auf Kosten des Körpers zu bilden vermöge. Traurige Ansicht, nach welcher dem armen Sterblichen von jener schöpferischen Kraft, die jede Sehnsucht in seinen Busen legte, nur die Wahl zwischen einer oder der andern Art des Unterganges gelassen ward! – Und doch: scheinen nicht die häufigen Beispiele von siechen Gelehrten und fetten Unwissenden diese Meinung zu bestätigen? vom gesunden Landmanne und schwächlichen Städter? – Es kommt hier darauf an, daß man den rechten Begriff von Bildung habe. Jener Gelehrte hat vielleicht sein halbes Leben der Betrachtung geometrischer Figuren gewidmet, und die des Menschen darüber versäumt; er hat die Adern der Geschichte aufgewühlt, und das Gold der Gegenwart im Sande liegen gelassen; er hat den Kern der Dinge öffnen wollen, ohne die Schale zu berühren. Dieser Beleibte ist vielleicht nicht ganz so geistesarm, als es jenem Gelehrten scheinen mag; er hat die Kunst zu genießen zu seinem Studium gemacht. Jener Landmann weiß gerade so viel, als nöthig ist, seiner sittlichen und bürgerlichen Pflicht zu genügen, und das ist wahrlich! nicht zu wenig für Menschen; dieser Städter weiß es nicht, und geht seinem selbst verschuldeten Geschicke entgegen. Aechte Bildung ist harmonische Entwicklung unserer Kräfte. Sie nur macht uns glücklich, gut und gesund. Sie klärt uns über den Kreis auf, den wir, vermöge unserer Fähigkeiten, auszufüllen haben; sie lehrt uns unsere Kräfte erkennen, indem wir sie prüfend üben; sie läßt uns die Phantasie des Knabenalters und den raschen Willen der Jünglingsjahre dem klaren Lichte einer männlichen Vernunft unterordnen, ohne sie zu zerstören. Es ist also hier jener Theil der Seelen-Diätetik, dessen Bearbeitung an der eigenen Individualität vorzugsweise dem Alter der Reife, der Sonnenhöhe des Lebens zukommt.

Läßt sich überhaupt die Gesinnung, die Bildung des Willens, deren Einfluß wir schon erörterten, von der des Erkennens sondern? Wille und Gefühl, also auch Leid und Lust im Innern, sind ja nur Ergebnisse des Gesichtspunktes, von dem aus wir die Welt und uns anschauen, und dieser Gesichtspunkt ist Ergebniß unserer Bildung. In uns ist Trost und Verzagen, in uns ist Paradies und Wüste. Ist das Auge klar, so ist es auch die Welt; und wenn die Denkart, die Ueberzeugung den Grund zu unserer Stimmung legt, so legt sie auch den Grund zu unserem Wohlsein. So viel vermag ein System von Gedanken, wenn es selbstgedacht und mit unserm ganzen Wesen Eins geworden ist. Es wird zur Stütze für den Müden, zum Ruhekissen für den Leidenden, zum Palladium für den noch Gesunden. Spinoza hätte schwerlich so lange ausgedauert, ohne die folgerichtige Ueberzeugung in seiner Seele. Man denke die Welt in ihrem Zusammenhange, und der Blick wird sich erheitern. Man fasse die letzten Zwecke ins Auge, und die Uebel der Welt werden sich mindern. Man mache den Beifall der Menschen sich weniger zum Zwecke – und Zwecke kann man sich ja machen! – und sein Mangel wird uns weniger quälen. »Man denke das Gegentheil von dem, was Einen schmerzt, und man weiß sodann, was der Zusammenklang des Ganzen fordert. Wenn der Egoist die Uebel am meisten fühlt, weil sich die wenigsten Dinge zu seinem engen Zwecke vereinigen, so bestraft sich der Egoismus durch seinen Gesichtspunkt.« Man lerne diesen also erweitern, und große Gedanken haben! Man lerne einsehen, daß das Leben zwar eine Gabe, vor Allem aber ein Auftrag ist; eine Vollmacht zu Rechten, aber nur im geheiligten Namen der Pflicht!

Wenn der Hauptgrund des Kränkelns in der ängstlich übertriebenen Aufmerksamkeit auf die Angelegenheiten des lieben Körpers zu suchen ist, – wie ein erfahrner Blick auf das Geschlecht unserer Mitgebornen überzeugt, – was kann dem Uebel sicherer begegnen, als jenes höhere, geistige Streben, welches uns von einem niedrigen erhebend abzieht? Es ist erbärmlich, jene kleinen Geister zu beobachten, wie sie mit der unaufhörlichen Sorge für ihr unschätzbares materielles Dasein dieses selbst leise zu untergraben jämmerlich beflissen sind! Der Arzt selbst, den sie ewig consultiren, muß sie verachten. Sie sterben an der Sehnsucht nach dem Leben. Und warum? weil ihnen die Cultur des Geistes gebricht, welche allein fähig ist, den Menschen aus dieser Misere herauszureißen, indem sie seinen besseren Theil entfesselt und ihm Gewalt über den irdischen ertheilt. Ich will von den ehrfurchtwirkenden Erscheinungen des Stoizismus nichts sagen; wir haben sie mehr dem Willen als dessen Gründen zugeschrieben; aber wer sind sie, die das äußerste, dem Sterblichen gegönnte Maß seines irdischen Bleibens mit gesunder Freudigkeit gemessen haben, als die ernsten, den höchsten Ideen innig zugewendeten Geister, von Pythagoras an bis auf Goethe? – Nur ein heiterer Blick ins Ganze gewährt Gesundheit, und nur Einsicht gewährt diesen heitern Blick. Der scharfsinnigste Denker, der sich am tiefsten in den wunderbaren Abgrund der Geistigkeit versenkt, und durch ruhige Beschauung ein von der Parze für den baldigen Schnitt bereitetes Leben zu verlängern gewußt hat, – der Denker, der stets für den grübelndsten und vielleicht finstersten von allen gehalten wurde, that den merkwürdigen Ausspruch, den er, nach seiner Weise, in geometrischen Formeln bewies: »Die Heiterkeit kann kein Uebermaß haben, sondern ist immer vom Guten; dagegen die Traurigkeit ist immer vom Uebel. Je mehr aber unser Geist versteht, desto seliger sind wir.« Das ist die stille, hohe Gewalt der ächten Philosophie, daß ihr gegeben ist, dem Menschen einen Standpunkt anzuweisen, von welchem er, nicht ohne Theilnahme, aber ohne Kampf, aus unangefochtener Höhe herabsieht auf den wechselvollen Strom der Erscheinungen, auf welchem in der reichen, aber zur Einheit durchgebildeten Fülle seines Gemüthes, ihm die Vergangenheit als heiliges Vermächtniß, die Zukunft als hoffnungsvolles Ziel einer erkannten Bestimmung, die Gegenwart als ein anvertrautes Gut erscheint, dessen wahren Werth er allein gehörig zu schätzen, dessen Zinsen er allein zurückzulegen, und mit fröhlichem, immer gleichem Jugendsinne zu genießen versteht. Das ist die Macht der Philosophie, aber nur jener, bei der nicht die Köpfe glühen und die Herzen frieren, – die aus dem Innern des Denkenden selbst hervorgeht und sein ganzes Wesen ergreift, die nicht gelernt, sondern gelebt sein will, die damit anfängt und endet, sich selbst zu prüfen und zu begreifen. Thörichtes Preisen und Beneiden unbewußten Glückes! nur im Geiste kann das Glück gefunden werden, da es selbst nur ein Begriff ist. Wer je den dumpfen Zustand rein sinnlichen Behagens mit dem Gefühle geistiger Klarheit in der Erfahrung vergleichen lernte, weiß, daß es sich hier nicht um ein Wortspiel handelt. Jenes Beneiden trifft eigentlich nur das Nicht-Bewußtsein des Unglücks, welches letztere ja auch nur ein Begriff ist. Klarheit im Geiste bleibe denn das Schutz- und Heilmittel unseres Daseins!

Das wichtigste Resultat aller Bildung ist die Selbsterkenntnis. Jedem Menschen ist von der Gottheit ein bestimmtes Maß zugeordnet, – ein bestimmtes Verhältniß der Kräfte, welche sich in einem abgegrenzten Kreise bewegen. Dieses Maß, nicht überschritten und nicht lückenhaft, bestimmt die Integrität, die Gesundheit des Individuums, als eines solchen, denn eben durch dieses Verhältniß ist Jeder er selbst. Es richtig gemessen zu haben, ist die Krone menschlicher Weisheit; weiter bringt es doch Keiner, und mehr hat die Aufschrift des delphischen Tempels nicht verlangt. Wer dieses Maß seines individuellen Daseins mit jener ächten Bildung, die selbst ein Sein und kein bloßer Besitz ist, auszufüllen weiß, der wird sein Leben und seine Gesundheit bewahren. Er wird in einem freien, zwanglosen Zustande leben, nur sich selbst angehören, und mit Egmont der Natur gebieten können, jeden fremden, kranken Tropfen aus seinem Blute wegzuspülen. »Das höchste Gut, was Gott allen Geschöpfen geben konnte, war und bleibt eigenes Dasein.« Wenn dieses Wort Herders wahr ist, so ist die Bildung der Schlüssel zum höchsten Schatze; denn, wie uns die Natur die Dauer der eigenen Existenz ihrerseits durch eine uns angeborne Kraft des Widerstandes und der Selbsterneuerung gesichert hat, so können wir unsererseits diese Gabe durch die selbsterrungene Macht des Geistes noch übertreffen. Der Leichtsinn, diese fröhliche Aeußerung der natürlichen Elasticität des Charakters, hat schon eine wunderbar erhaltende Kraft, und durchdringt, wie der Balsam eines feinen Aethers, unser ganzes Wesen mit Leben, und sollte der leichte Sinn, der daraus entspringt, daß wir ganz, klar und wir selbst sind, nicht tiefer und anhaltender wirken, als jener unbewußte, vergängliche Rausch?

Hat der Gebildete den Kranz der Selbst-Erkenntniß errungen, so geschah dies nur, indem er sich als Theil eines Ganzen fassen lernte und mit andern Theilen desselben Ganzen zusammenhielt. Ja, man kann sagen, daß mit diesem Begriffe, sobald er lebendig wird, eigentlich die wahrhaft menschliche Bildung anfängt und mit ihr auch ein zufriedener, geistig-leiblicher Zustand. Man beobachte unbefangen und scharf den Hypochondristen, – und man wird mit Bedauern gewahr werden, daß sein Uebel eigentlich in einem dumpfen, traurigen Egoismus besteht. Nur für das jämmerliche, von tausend Feinden bedrohte, kleine Ich lebt, denkt und leidet er; abgewendet von allem Schönen und Großen, das die Natur und die Menschenwelt einem offenen Herzen bieten, theilnahmlos für die Freuden, – und, was noch fürchterlicher ist! – für die Leiden seiner Brüder, lauert er mit qualvoller Beharrlichkeit auf jede leiseste Empfindung in den düsteren Winkeln seines bangen Selbst, und stirbt, gefoltert, ein ganzes Leben lang. Andere sind ihm ein Gegenstand des Neides; er selbst ist sich ein Quell von Bangigkeiten, der nur mit dem Dasein zugleich versiegt. Das Leben, das er stets erhaschen will und stets verjagt, wird ihm endlich gleichgültig, und er versinkt in einen dumpfen, thierischen Zustand. Er kann nicht mehr mit dem reinen, gesunden Menschen sagen: »Nichts Menschliches ist mir fremd«; ihm ist alles Menschliche fremd; er klammert sich mit der unbewußten Verzweiflung eines Orestes, dem die rächenden Gottheiten sein Höchstes, die Selbstbesinnung, allmählich rauben, an das elende Stück der Erde an, das er sein Ich nennt, und sinkt mit ihm zur Scholle hin, die er sich aufgewühlt hat. Was ist ihm Welt, Natur, Menschheit, Bildung? Hypochondrie ist Egoismus, und Egoismus ist Rohheit. Gebt dem Geiste dieses Unglücklichen, wenn es noch Zeit ist, eine Richtung gegen das Ganze, öffnet sein Herz und seinen umnebelten Blick dem Schicksale seines Geschlechtes, – mit einem Worte: bildet ihn! – und der Dämon, der keinem Nerven- und Magen-stärkenden Tränkchen wich, wird vor dem Lichte des geistigen Tages sich verbergen. Und wäre Heilung unmöglich, so liegt doch Tröstung darin, mit dem unglücklichen Dichter zu sagen:

»Alles leidet! ich allein
Soll erhaben über Schmerzen,
Unter Gräbern glücklich sein?«

Wenn dem Kranken die Aufgeschlossenheit für das Ganze so viel frommt, wie viel mehr wird sie dem Entstehen des Uebels vorbeugen! Aus solchen Gesinnungen und Erkenntnissen gehen die höchsten praktischen Resultate hervor, zu denen der Mensch gelangen kann, und welche allein die Gesundheit, insofern sie sein eigenes Werk ist, bedingen: Selbstüberwindung und Entsagung; in ihrem Gefolge die Mäßigung, an welcher beide gleich viel Antheil haben. Ist es ein Großes, die Energie eines kräftigen Willens zu rechter Stunde zu bethätigen, so ist es ein noch Größeres, sie zu rechter Stunde aufzugeben; ein Entschluß, den nur die Bildung zu reifen vermag, indem sie den Geist zur Idee der Gesetzmäßigkeit erhebt, vor welcher alle Willkür zur Thorheit wird. Der Wille wirkt, lebhaft angeregt, am deutlichsten in vorübergehenden Zuständen, die Vernunft in chronischen Seelenleiden – so wie die Freude den Lebensprozeß augenblicklich erhöht, und, oft wiederholt, erschöpft, während die Heiterkeit ihn gelinde, aber stetig aufrecht hält, und, man möchte sagen, einen nährenden Einfluß ausübt. »Erhebung – hat irgend ein geistreicher Mann gesagt – ist das beste Mittel, aus allen Collisionen zu kommen, gesellschaftlichen wie natürlichen.« Zu erheben aber vermag den Menschen nur die Betrachtung, die Tochter der Vernunft. Gedanken Gottes beseelen dieses unermeßliche All, und der Mensch, der die seinen entwickelt, vermählt sich mit ihnen und nimmt Theil an dem quellenden Leben, das die unendliche Schöpfung durchströmt. In das Meer der Beschauung versenkt, untertauchend, den Selbstwillen den Wogen des Ewigen hingegeben, mäßig und zufrieden, durchlebt der Bramine in heiterer Gesundheit einen Zeitraum, den kein rastlos mit Nichts beschäftigter Europäer erlebt. Stiefmütterlich von der Natur bedacht, gründet sich Kant, aus großen Gedanken Kraft und Fülle saugend, eine dauernde Gesundheit, und liefert einen Beleg den Hypothesen der Forscher, welche schon lange die Verwandtschaft der Indostaner und der Deutschen nachzuweisen sich bemühen. Man kann nicht sagen, daß Wieland dieses Musterbild eines harmonischen Lebens, wiewol er ein Dichter war, durch Phantasie oder heftige Intention das liebliche Wunder seines schönen Daseins geleistet habe: es war die gleichmäßige Ausbildung seiner geistigen Kräfte, die Richtung seines hellen Verstandes auf das Gesetzliche im Gange der Natur, was ihm, freilich nebst einer glücklichen Organisation, das frohe, gesunde Alter verschaffte, das in der deutschen Literatorengeschichte wie ein freundlicher Mythos dasteht. Ist doch das Denken an und für sich eine wahrhaft menschengemäße, wohlthätige, beglückende Beschäftigung, die zwischen Zerstreuung und Fixirung eine gedeihliche Mitte hält, und den Menschen seiner höheren Bestimmung gelinde zulenkt, indem sie seiner irdischen entspricht! Wie wohl thut dieser Blick in die große Verkettung der Weltkräfte, welche alle irgendwo in einander greifen und auf eine letzte, beseligende Einheit hindeuten! Wie wohl thut es, auf jene leuchtenden Naturen mit Ehrfurcht hinweisen zu können, die, als Zeichen der Macht des Geistes über das Verneinende irdischer Hinfälligkeit, wie greisenhafte Götterbilder im Tempel der Geschichte stehen! Platon lehrte und lernte noch in seinem achtzigsten Lebensjahre; als Greis dichtete Sophokles den Oedipus in Kolonos; Cato fühlte im gleichen Alter keinen Lebensüberdruß; Isokrates glänzte als Redner im vierundneunzigsten, Fleury als Staatsmann im neunzigsten Jahre; Loudon's Scharfblick – sagt sein Biograph – traf noch bei Belgrad so entschieden als dreißig Jahre früher bei Dommstädtl; und Gedanken, die das Geheimniß der bildenden Natur im Urtypus ihrer Geschöpfe belauschen, begleiten Goethe, weitüber der gewöhnlichen Grenze des Menschenlebens, in ein höheres hinüber.

Sage Niemand, daß unsere Zeit ein trauriges Gegenbeispiel liefere, wenn von der Wirkung der intellectuellen Ausbildung auf die leibliche die Rede sei; daß es scheine, als nehme mit der Verfeinerung des Verstandes, mit der Aufklärung vielmehr die Schwächlichkeit und Kränklichkeit der Generation zu! – Ist Verfeinerung ächte Bildung? Hat ächte Bildung da, wo unser Jahrhundert sie wirklich ins Leben rief, nicht die erfreulichsten Früchte gezeitigt? Und wo vielleicht vorzeitige, überspannte Anregung des intellectuellen Lebens auf das physische wirklich störend eingewirkt haben mag, – hat da nicht jenes selbst wieder den Balsam für die Wunden mitgebracht, welche es diesem schlug? Sind nicht durch Lectüre, Gespräch und eigenes Denken die herrlichsten Quellen eröffnet, an denen wir uns wieder zu erneuen, zu erfrischen gewiß sind? Es ist nicht die Rede von der Umwandlung eines dürftigen Organismus; Wunder wirkt eher Phantasie oder Glaube; des Verstandes Sache sind sie nicht; aber man beobachte wahrhaft gescheidte, klare Menschen, und man wird sie weit weniger über Verstimmungen und Uebelsein klagen hören, als beschränkte, denen ihr Unterleib das Sinnbild der ganzen Erdkugel ist; die, wenn sie das blinde Loos auf den Richterstuhl setzt, in Einem Augenblicke das Geschick ihres zitternden Bruders zum Leben oder Tode entscheiden, – je nachdem ihre leiblichen Functionen nach Wunsche von statten gingen oder nicht.

Haben wir durch Kunst unsere Einbildungskraft erquickt, durch Sittlichkeit unseren Charakter gestählt, und durch Bildung unser Dasein erweitert und begnügt, so werden wir den Gewalten mit Leichtigkeit widerstehen, welche die rohen Elemente täglich aus allen Winkeln des Universums feindlich aussenden, uns zu verwandeln, zu zerstören. Wir gewahren mit inniger Befriedigung, daß die geistigen und leiblichen Bestrebungen und Tätigkeiten jeder Art zu Einem Ziele hinwirken – uns zu vollenden, zu beglücken; daß Leben, Kunst, Wissen, Strahlen Einer Sonne sind, an deren Lächeln alles Dasein gedeiht. Und indem wir unsere bisherigen rhapsodischen Betrachtungen überblicken, bemerken wir, daß wir eigentlich ein einziges Thema dreimal variirt haben, oder eine Melodie auf drei Instrumenten gespielt, – indem wir den Menschen, der ewig Einer ist, wenigstens für die Beobachtung zu trennen versuchten. Es ist eine Selbstwiederholung, und ist auch keine; denn wie das Verhältniß der Kräfte und Richtungen in jedem Einzelnen verschieden ist, so wird Jeder, der unsere Erörterungen seiner Aufmerksamkeit werth hält, nach seiner Weise damit zu verfahren wissen, und die träumende, wollende, oder denkende Richtung in sich aufrufen oder beschränken, – oder jene Methode versuchen, die wir im Folgenden, zur Begründung eines gesund-frohen Zustandes, in Vorschlag bringen. Wie sehr unsere vorschreitende Zeit den Werth der Intelligenz auch in Bezug auf das leibliche Wohl des Geschlechtes begreifen und schätzen lernt, zeigen die neuesten dem Leben abgewonnenen Erörterungen Brighams. Er sucht in denselben nachzuweisen, daß Gelehrte meist ein hohes Alter erreichen, daß die Sterblichkeit in allen Ländern im Verhältniß zu den Fortschritten der Civilisation sich vermindert habe, wobei er einen großen Werth auf die Mäßigkeitsvereine legt, – und daß zumal in der Veredelung der Vergnügungen das vorzüglichste Mittel zu suchen sei, durch welches die Bildung ihr Heil über das körperliche Wohlsein verbreite.

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