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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeessay
authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
year1879
firstpub1838
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senderwww.gaga.net
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IV. Wille, Charakter, Unentschlossenheit, Unaufgelegtheit, Zerstreutheit

Ein sittlich erhabener Charakter scheint in der That die Disposition zu typhösen, epidemischen Krankheiten zu vermindern.
            Sammlung medic. Beob.

Wenn ich vom Willen spreche, so verstehe ich darunter keineswegs das Begehrungsvermögen, weder ein niederes, noch ein höheres, – sondern jene innige, aus allen übrigen Kräften unserer Seele, wie die Blüte aus Blättern, sich entfaltende, in allen Richtungen unseres Wirkens thätige Energie des Daseins, die man leichter in sich zu fühlen und anzuerkennen, als zu definiren fähig ist, und die man am füglichsten das rein praktische Vermögen im Menschen nennen möchte. Jeder, auch der geistig Schwächste, hat die Erfahrung an sich gemacht, daß er diese Kraft, zu wollen, besitzt, die sich im Starken zum Charakter ausbildet. Diese Kraft, welche im tiefsten Grunde der individuelle Mensch selbst ist, welche Phantasie und Verstand erst in Bewegung setzt, welche die Wunder des geistigen Lebens zur Offenbarung bringt, – sie ist es, auf welche der Sittenlehrer, der Gesetzgeber, der Pädagog, der Arzt, und, den wir eben hier im Auge haben, der Diätetiker, zumal der Diätetiker seiner selbst, zu wirken suchen muß, wenn die Herrschaft des Geistes, von der wir so viel verheißen, zur Erscheinung kommen soll. Hier ist gleichsam die verklärte Seele Stahls, indem jene Kraft, von welcher dieser tiefe Denker so viele Wunder verkündet, während sie noch in die Nacht des Instinktes verhüllt ist, – als Wille an den Tag des Bewußtseins gelangt, und sollte sie da weniger vermögen? Der Verstand wird bei Irren vergebens aufzuklären versucht, die fixe Idee des Unglücklichen ihm vergebens in ihrer Nichtigkeit dargestellt; aber es gelingt, ihn zu heilen, wenn seine Thätigkeit angeregt, wenn die Kraft zu wollen, zu wirken in ihm aufgerufen wird. Und wie viel größere Wirkungen müßten geistig Schwache und Kränkliche an Seele und Leib erfahren, wenn sie einen solchen Balsam in ihrem Gemüthe zu bereiten verständen, – bereiten lernen wollten? Denn auch der Wille kann gebildet und in gewissem Sinne gelernt werden; und es that nie mehr Noth, das auszusprechen und zu wiederholen, als eben in unseren Tagen, wo Einbildungskraft und Verstand sich der üppigsten Cultur erfreuen, während die eigentliche Kraft zum Handeln und Leben meist traurig darniederliegt. Wenn Charakter (wie Hardenberg sagte) ein vollkommen gebildeter Wille ist, so kann kein Zweifel bleiben, worauf es bei der Charakterbildung eigentlich ankomme. Der Verstand, von den ersten Gründen bestimmt, wird durch die folgenden vielleicht umgestimmt; das Gefühl, durch den ersten Eindruck bewegt, unterliegt eben so leicht einem zweiten, ihm widersprechenden. Also Wille ohne oder gegen Verstand und Gefühl? Gewiß nicht; die Aufgabe bleibt eben, ihn biegsam ohne Schwäche, kräftig ohne Starrheit zu machen. Der innere Mensch ist doch zuletzt nur Einer, Eine Kraft. Diese Kraft dem Rechten zuzuwenden und zu stärken, – das ist es, was Noth thut. »Ueberlegung – möchte man mit Carlos einem Geschlechte, das ein Clavigo ist, zurufen – Ueberlegung ist eine Krankheit der Seele und hat stets nur kranke Thaten gethan. Du bist von allem Leid befreit, wenn Du willst; der allerelendste Zustand ist: Nichts wollen können. Fühle dich, und du bist Alles, was du warst, was du sein kannst!« Leib und Seele schmachten in hundert Banden, die unzerreißbar sind; aber auch in hundert andern, die ein einziger Entschluß zerreißt; Banden, die wir uns größtentheils selbst auferlegen, und mit den in der Gesellschaft hergebrachten Benennungen: Unentschlossenheit, Zerstreutheit, Unaufgelegtheit, Verdrießlichkeit, – entschuldigen. Es ist in der Diätetik der Seele gerade der Ort, diese Dämonen der Gesundheit beim rechten Namen zu nennen.

Unentschlossenheit, ein unseliger Krampf der Seele, der nur zu leicht – mit Lähmung endet! Nicht der Tod ist grausam gegen den Menschen; nur der Mensch ist es gegen sich selber, der ihn blinzelnd ansieht, und, das unsichere Bild im halbgeschlossenen Auge, bald ihm entgegen, bald von ihm ab, die zögernden Schritte wendet. Es gibt kaum ein sprechenderes Beispiel von der verzehrenden Macht der Ungewißheit, und von der siegenden des Entschiedenseins, als jenen Kranken, von dem M. Herz erzählt. Er lag im letzten Stadium eines Zehrfiebers. Die Hoffnung, die ihm der Arzt machen zu müssen glaubte, mit seinem eigenen Gefühle eines trostlosen Zustandes beständig kämpfend, nährte und verdoppelte das Fieber. Da entschloß sich Herz zu einem letzten, gewagten Schritte. Er kündigte dem Unglücklichen an, daß er verloren sei. Es erfolgte eine natürliche, ungestüme Aufregung – sodann dumpfe traurige Stille. Des Abends war der Puls regelmäßig, die Nacht ruhiger, als eine der vorigen. Das Fieber besserte sich von Tag zu Tage; nach drei Wochen war der Kranke hergestellt. Freilich muß Herz seinen Mann gekannt haben, um das Experiment mit ihm zu wagen.Dieser Mann war K. P. Moritz, der bekannte Verfasser der auch in der U.-B. erschienenen Mythologie. S. Varnhagen von Ense: Deutsche Erzählungen. Stuttgart 1879. S. 181. A. d. H. Der Grund aber, auf den er es wagte, ruht tief und fest in der menschlichen Natur. Ein nur zu häufiger Grund der Unentschlossenheit liegt in dem unseligen Gedanken: »es ist zu spät: es lohnt nicht mehr der Mühe!«

Gerade diese Ueberlegung sollte entschlossen machen. Ist es wirklich zu spät, so wird der Entschluß leicht, weil nothwendig; ist es nicht zu spät, so entschließe dich schleunig, weil das Gelingen jede Mühe lohnt! Es ist ein schöner Sinn in den alten Sagen, daß der Ritter, der den Schatz gewinnen wollte, sich nicht umsehen durfte.

Zerstreutheit, welche man eine Unentschlossenheit des Aufmerkens nennen kann, ist im Seelenleben derselbe Zustand, wie das Zittern der Muskeln im körperlichen: eine Oscillation,d. h. ein Schwanken, Schwingen. welche ausdrückt, daß die Kraft der Seele nicht hinreicht in Einer Richtung mit Stätigkeit zu wirken, so, daß ein Ausruhen, ein Nachlassen, ein Wechsel jeden Augenblick sich nöthig macht. Lehrt nun die Erfahrung, schon bei körperlichen Zuständen, daß durch einen kräftigen Impuls jene Schwäche für eine Zeit lang, und nach und nach auch für die Dauer gehoben werden kann, so dürfen wir dem Antriebe des Willens, des tiefsten und individuellsten Impulses, gewiß das Unerwartetste zutrauen. Ich habe an meinem Auge selbst die Beobachtung gemacht, daß jene flüchtigen Erscheinungen, welche unter dem Namen der Mouches volantes bekannt sind, so wie ein Zittern der Buchstaben auf dem Papiere, verschwinden, sobald ich den Blick mit Festigkeit auf die schwankenden Gegenstände hefte. So gibt ein fester Entschluß auch dem Inneren Richtung, Halt und Kraft. Ich habe daher stets die vielgerühmte Zerstreuung für ein sehr zweideutiges Heil- und Vorbauungsmittel gegen Krankheiten des Gemüthes wie des Körpers gehalten, und geglaubt, daß im Gegentheile Sammlung (der auf Selbsttätigkeit fixirte Wille) dasjenige sei, wovon in solchen Lagen Rettung oder Schutz zu erwarten wäre: denn das Leben wirkt von innen nach außen; der Tod, wie die Krankheit, wirkt von außen nach innen. Wendet Jemand ein, ihm gebreche durchaus die Kraft, sich eine Richtung zu geben, – gut, so stürze er sich in eine Situation, wo er muß; das kann Jeder. Es handelt sich um den Anfang, das Weitere gibt sich von selbst. Gesetzt, ich habe keine bestimmte Beschäftigung, auch keine Lust, eine zu ergreifen; so kann ich mich doch zu meinem Heile entschließen, mich dem Staate oder irgend Jemanden dergestalt darzubieten, daß ich nach eingegangenen Bedingungen gezwungen bin, zu arbeiten. Und so bezwinge ich das Schwanken der Entschlüsse, indem ich das erste Beste ergreife, und das Wählen abkürze; so vernichte ich das melancholische Gewühl peinigender Gedanken, indem ich mich, auch gegen meine Neigung, in das eines bewegten, geselligen Lebens tauche, wo mir dann die Pflicht der Geselligkeit, indem sie mich von der Grillenjagd abruft und in den Kreis der Versammlung bannt, eine frohe Stimmung erst oberflächlich anhaucht, endlich wirklich in mir erzeugt. »Zur Heilung von Gemüthsleiden – schrieb ein tiefer Kenner – vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig, die Zeit viel, Resignation und Thätigkeit Alles.« Es gründet sich eine solche vorbauende oder wirklich heilende Behandlung auf das Gesetz: ein stärkerer Reiz verdrängt einen geringeren. Wenn ich der Seele und durch sie dem Körper, den, ich möchte sagen, diffusibelsten und potenzirtesten aller Reize, den des Willens einflöße, so werden alle die anderen, stumpferen, wenig Schaden thun. Ein immerwährendes sich Abwenden von allem Schädlichen, Verletzenden, Aufreibenden in der Körper-, wie in der Gedankenwelt ist nicht möglich; aber ein Hinwenden nach einer bestimmten Richtung schließt schon das Abwenden von allem Uebrigen in sich, besonders wenn es eine thätige, keine beschauliche Richtung ist. Aber selbst die beschauliche wirkt solche Wunder, wenn die Seele sich ganz in ihre Tiefe versenkt; wenn Zeit und Raum für sie aufhören zu sein, und Unendlichkeiten in Augenblicken durchlebt werden; wenn Semler den Brand seines Hauses nicht wahrnimmt, oder Archimedes zum Krieger, der das Schwert über seinem Haupt schwingt, sagt: »Störe mir diese Zirkel nicht!«

Unaufgelegtheit heißt der abscheuliche Dämon, der unter dem ästhetischen Titel »Stimmung« sich Platz und Stimme in der Gesellschaft zu erschleichen gewußt hat. Man hat allerdings Stimmungen, aber wehe dem, den die Stimmungen haben! Wenn eine geistreiche Schriftstellerin dem Dichter anbefiehlt, daß er seine Stimmungen brauche, wie der Bildhauer seinen Marmor, – warum soll, was vom Dichter gilt, nicht vom Menschen überhaupt gelten? ist ächte Diät nicht auch ein Kunstwerk des Lebens? wir sollten wenigstens den Versuch wagen, sie dazu zu erheben. KallobiotikDie Kunst gut zu leben. A. d. H. wird dann vielleicht, wie bei den heiteren und gesunden Griechen, zur Macrobiotik werden. Lavater hat eine sittliche Predigt gegen die üble Laune geschrieben; man wäre versucht, eine ärztliche zu schreiben. Der Traurigkeit kann sich kein Mensch erwehren, der Verdrießlichkeit Jeder. In der Traurigkeit liegt noch ein gewisser Zauber, eine Poesie; die Verdrießlichkeit ist alles Zaubers bar; sie ist die eigentliche Prosa des Lebens, die Schwester der langen Weile und der Trägheit, dieser langsam tödtenden Giftmischerinnen. Man darf sie mit Recht eine Sünde wider den heiligen Geist im Menschen nennen. Fragen wir nach der Quelle dieses Giftes, so deutet die Beobachtung des täglichen Lebens zuerst auf die Gewohnheit, »die Amme des Menschen« und seiner Laster hin. Wären wir von Kindheit an gewohnt, nie zu rasten, sondern jede Stunde, die nach ernsteren Tätigkeiten übrig bleibt, auf heitere zu verwenden, bis uns der sanfte, dringende Schlaf zu gesunden Träumen nöthigt, – wir würden nie unaufgelegt sein. Wären wir von Kindheit an gewohnt, die holden Morgenstunden nicht zu verschlafen, – wir würden jene mürrische Indolenz nicht kennen, die meistens die Folge der unangenehmen Empfindung ist, mit der wir beim Erwachen darüber erschrecken, – daß es schon so spät ist. Wären wir von Kindheit an gewohnt, unsere Umgebung zu einer freundlichen Ordnung zu gestalten, so würde auch unser Inneres diese Ordnung durch eine harmonische Stimmung der Seele abspiegeln. In einem aufgeräumten Zimmer ist auch die Seele aufgeräumt. Die Hauptsache aber in der Kunst, sich vor übler Laune zu wahren, liegt in der Erkenntniß und richtigen Behandlung der Momente. Der Mensch kann nicht immer zu Allem aufgelegt sein, aber er ist immer zu Etwas aufgelegt. Dieses thue er, und begnüge sich mit der Einsicht, daß der Wechsel nun einmal unter dem Monde Gesetz ist.

»Hast in der bösen Stund geruht,
Ist dir die gute doppelt gut;«

sagt der Dichter. Einsamkeit macht verdrossen, und, nach Plato, eigensinnig. Umgang mit der Welt macht auch verdrossen, mag auch wol eigensinnig machen; ein angemessener Wechsel von beiden wird unverdrossen, heiter und innerlich gesund machen. Religion aber, wahre Erkenntniß der Liebe, die uns auf jedem Schritte begleitet und trägt, wird uns am gewissesten vor übler Laune bewahren. Ein für alles Gute dankbar offenes Gemüth wird auch das Schlimme leichter tragen. Und wenn ein Sterblicher so unselig wäre, die üble Laune als Mitgift eines verstimmten Organismus auf diese dunkle Erde gebracht zu haben, so betrachte er sich nicht, wie es meist der Fall ist, als weise, – sondern als krank. Er thue Alles, um seiner herben Qual ledig zu werden, und verschmähe die bittersten Arzneien nicht.

Doch zurück von der üblen Laune zu den Mitteln, welche sie heilen, zu der Kraft des Willens über Zustände, die mit ihren Wurzeln sich an die Nerven des leiblichen Organismus klammern. Es lassen sich Beispiele dafür die Menge anführen. Ich las, ich weiß nicht wo, von einem Menschen, der, sobald er lebhaft wollte, an jedem Theile seines Körpers eine rothblaufarbige Entzündung hervorbringen konnte. Auf die Phänomene des Gesichtsinnes hat der Wille eine merkwürdige Gewalt. Es gibt Menschen, bei denen das Herz, dieser unwillkürliche Muskel, zum willkürlichen geworden ist. Die Wilden eines amerikanischen Stammes, wenn sie glauben, sie hätten ihr Tagewerk sattsam vollbracht, seien sie auch noch in der Blüte ihrer Jahre, legen sich hin, drücken die Augen zu, nehmen sich vor zu sterben, – und sterben. Die siegreichen Bemühungen des unbegabten Demosthenes über sich selbst sind bekannt genug. In den nachgelassenen Schriften des Amerikaners Brown erzählt der Bauchredner Carvin, wie er seine Kunst gelernt habe; der ganze Gang der Sache ist merkwürdig, physiologisch, psychologisch und ethisch, als ein Sinnbild jeder menschlichen Bestrebung. Erst eine Ahnung, durch den Zufall geweckt, – ein leiser Versuch, – scheinbares Gelingen, – Enttäuschung; – Streben nach Wiedererringung des glücklichen Momentes, – zweites,zweitens, wirkliches Gelingen; – (so in der 5. Aufl.). wirkliches Gelingen! rastlose, freudige Uebung; – Fertigkeit, – Gewohnheit. Solche an sich selbst gemachte Erfahrungen nöthigen dem denkenden Manne folgende Reflexionen ab: »Betrachten wir, wie vielen Modificationen die Muskelbewegung unterworfen ist, wie wenig diese in unseren Tagen meistens geübt wird, und daß der Bereich des Willens unbegrenzt ist, so ist kein Wunder mehr darin. Es gibt ja Menschen, welche ihre Zunge so verbergen, daß selbst ein Anatom sie nicht findet; das geschieht durch Muskelbewegungen, die fast kein Mensch kennt, die doch aber jeder in sich entwickeln könnte, wenn er wollte. Als ich einmal die seltsame Anlage in mir entdeckte, beobachtete ich sorgfältig alle die neue Erscheinung begleitenden Umstände, unterwarf sie meiner Muskelkraft, und was mir anfangs sehr schwer fiel, wurde mir durch Uebung und Gewohnheit endlich zum Spiel.« – Gewiß, es schlummern ungeahnte Kräfte im wunderbaren Organismus des Menschen; eiserner und beharrlicher Wille kann sie erwecken und offenbaren. Der ächte Stoizismus, gewiß von den vorchristlichen Lehren die reinste, erhabenste, wirksamste, und die sich die größte Anzahl praktischer Schüler erworben hat, – er hat uns thatsächlich bewiesen, was ein starker Wille vermag. Denn Niemand wähne, daß die kalten Syllogismen der Schule den Schüler der Stoa gestählt haben; es war die Kraft des Wollens, welche die sittlichste aller heidnischen Lehren in ihm hervorrief, – was jene Wunder wirkte, die nun ein willenloses Geschlecht mit den Märchen der müßigen Scheherazade zugleich bewundert. Das Raisonniren kommt immer erst nach dem Erfahren; noch nie ist eine Erfahrung durch Raisonnement erzeugt worden, wenn man nicht ein todtgeborenes, krüppeliges Experiment Erfahrung nennen will. Wenn jener stoische Philosoph, von dem Cicero erzählt in Gegenwart des großen Pompejus, als er den Satz zu beweisen suchte, »daß der Schmerz nichts Böses sei,« dadurch an seinem eigenen Körper einen heftigen Gichtanfall überwältigte und sich diesen gleichsam an die Füße herabdemonstrirte, – war es da die nüchterne Demonstration – war es nicht vielmehr das lebendige Gefühl ihrer Bedeutung, das jenes Wunder wirkte? Erst lehrte die Stoa durch große Beispiele ihre Jünger wollen, dann sahen diese, daß es ging, machten Betrachtungen darüber, und hinterließen uns endlich den einfach großen Ausspruch: »Der Geist will, der Körper muß.« Nicht Lehre oder Betrachtung, nicht Begeisterung allein kann den Menschen, wie ein Licht von oben herein, durchwärmen, beleben und beseligen; er selbst, von innen heraus, muß sich emporarbeiten. Die Raupe wird nicht zum Schmetterling, weil sie den Nektar der Blumen gekostet hat; sondern sie nährt sich vom Safte des Honigs, weil sie Schmetterling geworden ist. Es kommt nur darauf an, ob wir die schönen Reflexionen, die wir so eben niederschrieben, wie wir sie großen Vorbildern abgelernt, durch festen, ausharrenden Vorsatz wieder in Fleisch und Blut zu verwandeln im Stande sind. Gott gebe es!

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