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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 6
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authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
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II. Auf Schönheit, als Reflex der Gesundheit

Weihe dich selbst ein, und verkündige: daß die Natur allein ehrwürdig und die Gesundheit allein liebenswürdig ist.
Fr. v. Schlegel.

In dem ersten dieser Fragmente zur Seelendiätetik war ich bemüht, dem Geiste des Menschen eine Kraft des Widerstandes gegen die Welt äußerer Einflüsse zuzusprechen. Es war meine Absicht weiter zu gehen; von einer Kraft des Widerstandes auf eine Kraft der Einwirkung. Geistreiche Mystiker haben von geheimnißvollen Wirkungen des gottergebenen Willens wie der Sünde auf die mütterliche Erde gesprochen; sie wagten den Schluß: da unser Leib das Werkzeug zur Bildung und Umgestaltung der Welt sei, so sei Beherrschung seiner, eine Beherrschung der Welt. Allein den Vorwurf allzugewagter Folgerungen befürchtend, brach ich ab. Der Zufall aber führt gerade ein geistvolles Buch in meine Hände, in welchem ich nichts weniger zu finden erwartete als Reflexionen über jene Grillen, die wir eben zu fangen beschäftigt sind. Hier nun lese ich mich ausgesprochen, ja mehr ausgesprochen, als ich gewagt hätte und – doch was hindert mich die supplirenden Worte ganz herzusetzen: »Ist es so ungereimt, anzunehmen, daß die Wirkung zwischen Geist und Körper, wie jede vollkommene, eine Wechselwirkung sei? daß auch die Seele ihrerseits, als höchst durchdringendes Fluidum (? – Agens) auf die Außenwelt Einfluß übe, und in ihren stärksten Aeußerungen, den Boden, diesen gemäß und analog, zu imprägniren vermöge? Ja, wenn man consequent denken, nicht bei Halbheiten stehen bleiben will, so kann man eigentlich nichts Anderes annehmen. Freilich dürfte man jetzt nur erst als Hypothese hinwerfen, daß der gute Mensch den Boden und die Luft gesund mache, der Böse und die böse That hingegen die Stelle verpeste, so daß den Tugendhaften daselbst ein Schauder, den Schwachen ein Gelüst zum Unerlaubten anwandle. Noch klingt dies barok und aberwitzig; nach hundert Jahren gehört es vielleicht zu den trivial gewordenen Sätzen. Man denke an den Volksglauben von den Orten, wo ein Mord verübt ward. Der Volksglaube ist aber für die Erkenntniß der natürlichen Dinge eine sehr ergiebige, wichtige Quelle, denn er ist das Unisono derjenigen Menschen, welche Augen und Ohren für sie haben, und nicht mit Reflexionen ihnen beikommen wollen. Es ist Schade, daß man nicht weiß, ob der vortreffliche Berliner Arzt Heim, der als Diagnostiker so berühmt war, und die Hautausschläge durch den Geruch aufs Feinste unterschied, nicht auch durch dasselbe Organ etwa moralische Individualitäten herausgewittert?« – Indem ich dieses merkwürdige Bruchstück dem Leser zurechtzulegen und zu beschränken oder zu erweitern überlasse, suche ich wieder gebahnte Wege. Das Wahrscheinliche wird zur Gewißheit, wenn man das Unglaubliche der Wahrscheinlichkeit genähert bat. Ich habe es vielleicht auch mit Leserinnen zu thun: ihnen ist der folgende Absatz gewidmet. »Sogar gesund werden – schrieb eine geistreiche Frau – können Personen wie wir nur, wenn sie den höchsten Ekel vor Kranksein fassen, wenn sie davon durchdrungen sind, daß Gesundheit schön und höchst liebenswürdig ist.« – Wir wollen uns denn davon durchdringen, indem wir bedenken; daß die Gestalt des Menschen der Ausdruck seines Wohlseins ist.

Es ist einer der schönsten Abschnitte der physiognomischen Fragmente, in welchem Lavater darzuthun versucht, daß eine sichtbare Harmonie zwischen moralischer und körperlicher Schönheit, und zwischen moralischer und körperlicher Häßlichkeit bestehe; so gewiß als die ewige Weisheit jedem Wesen seine bestimmte Form zu erschaffen habe. Es kommt hier nun freilich darauf an, daß man unter Schönheit nicht das flüchtig Reizende, sondern den überall durchbrechenden Geist begreife, und daß die Verwüstungen, welche eingeimpfte Thorheiten und Leidenschaften unwiderruflich aufprägen, hinweggedacht werden. Ist es aber die Sache des Physiognomisten, zu erweisen, was man ihm schwerlich wird wegbeweisen dürfen, daß in der Organisation bereits die Entwicklungsformen bedingt und vorgebildet sind, und daß die Consequenz, mit welcher die Natur verfährt, mit jener, welche das Gesetz unseres Denkens ausmacht, Eine sei, – so schließen wir nur zu unseren Zwecken weiter, daß, wenn der Geist eine leiblich bildende Gewalt besitzt, diese sich eben so wol als Schönheit wie als Gesundheit offenbaren werde. Nach der Gewohnheit zu empfinden und zu wollen, welche den Charakter erzeugt, bilden sich die Bewegungsweisen der willkürlichen Muskeln, also auch die sogenannten Gesichtszüge, welche eigentlich den Ausschlag geben, ob ein Mensch schön sei oder nicht. Jeder oft wiederholte Zug im Antlitz, Lächeln, Zucken, Höhnen, Weinen, Zürnen, hinterläßt gleichsam eine Fährte in dessen weichen Theilen, ein Gedächtniß seiner selbst, eine Leichtigkeit zu reproduciren, welche endlich bleibend und gestaltend auf Muskeln und Zellgewebe wirkt. Die Kraftäußerungen der ersten aber werden wieder ihrerseits nicht lange Statt haben können, ohne in den unterliegenden festern Gebilden Spuren zu hinterlassen. In wiefern das knöcherne Cranium selbst, wo sich Muskeln anheften, in Folge der fortgesetzten Action derselben, plastische Veränderungen erleiden möchte? ist eine Frage, welche der Cranioscopie, die vielleicht bisher zu sehr nur die Wirkung von Innen berücksichtigt hat, von Bedeutung sein kann. Leidenschaftliche Menschen haben im Alter viel mehr Gesichtsrunzeln als ruhige; sie haben die Gesichtshaut weit öfter durch Geberden contrahirt und expandirt, – es bleiben nun für immer die Falten zurück. Was aber in den zarten Theilen, die zur Physiognomie des Gesichtes mitwirken, vorgeht, das geschieht auch in allen übrigen Organen und Systemen. Niemand wird, von beklemmender Sorge frei, durch einen längeren Zeitraum leicht und frisch aus voller Brust athmen, ohne daß sein Brustkorb sich wirklich, zum Besten der darin enthaltenen wichtigen Organe, erweitern wird; Niemand im Gegentheile, dessen Blutumlauf, gehemmt durch niederdrückende Gemüthsleiden, languescirt, wird den Folgen eines anhaltenden Zustandes solcher Art, gestörten Ab- und Aussonderungen, zurückbleibender Ernährungsthätigkeit u.s.w. entgehen. Je früher in den Perioden des Lebens, je gewaltsamer und eingreifender, je übereinstimmender mit dem ursprünglichen Naturelle des Individuums, je wiederholter solche Eindrücke auf dasselbe wirken, desto unausbleiblicher, desto augenscheinlicher wird dieses das organische Gepräge derselben, in Form und Verrichtung, mit sich durchs Leben tragen. Alle Partieen der menschlichen Organisation, welche einen lebendigen Kreis darstellt, greifen wechselwirksam in einander; was das bleiche, faltenvolle Antlitz zur Schau trägt, werden die leise Stimme, der schwankende Schritt, die unsichern Schriftzüge, die unschlüssige Stimmung, die Empfänglichkeit für den Wechsel der Witterung, die sich allmählich aber gründlich einschleichende Krankheit, auf andere Weise verrathen. Der Leib wird von Früchten, deren Samen der Geist gesäet hat, vergiftet werden, – oder auch bewahrt und geheilt. Schönheit selbst ist in gewissem Sinne nur die Erscheinung der Gesundheit; das Ebenmaß in den Functionen wird ein Ebenmaß in den Producten, in den Formen nach sich ziehen. Wenn also Tugend verschönert, Laster verhäßlicht – wer möchte läugnen, daß Tugend gesund erhalte, Laster krank mache?

Die Natur übt ein heimliches Gericht; leise und langmüthig aber unentrinnbar; sie kennt auch jene Fehltritte, welche das Auge der Menschen fliehen und ihrem Gesetze nicht erreichbar sind; ihre Wirkungen, ewig, wie Alles, was als Strom dem Quell der Urkraft entfließt, verbreiten sich über Generationen, und der Enkel, der verzweifelnd über das Geheimniß seiner Leiden brütet, kann die Lösung in den Sünden der Väter finden. Das alte tragische Wort: »Wer that, muß leiden,« gilt nicht blos sittlich und rechtlich, es gilt auch physisch. Was jene vorhin erwähnten Mystiker von der Entstehung von Mißgeburten, von der Regeneration des Geschlechtes überhaupt gesagt haben, verdient die Zurechtlegung von Seiten eines menschenfreundlichen Naturforschers, und es wird immer mehr anerkannt werden, daß der schwächliche Zustand, ja die Krankheiten selbst unserer Mitgebornen mehr im Sittlichen, als Leiblichen ihre Wurzel haben, und weder durch das kalte Waschen, noch die entblößten Hälse, noch sonstige Rousseau-Salzmannische Abhärtungs-Experimente an Kindern, sondern durch eine höhere Cultur ganz anderer Art, deren Anfang in uns selbst gemacht werden muß, verhütet und, so Gott will, vertilgt werden können. Man hat uns Aerzten oft genug – vielleicht nicht immer mit Unrecht – einen ausschließlichen Sensualismus vorgeworfen, welchem der Mensch als ein vom Sauerstoffe der Luft durchs Blut in Bewegung gesetzter Knäuel von Knochen, Knorpeln, Muskeln, Eingeweiden und Häuten erscheint. Hier thut sich nun eine Sphäre auf, wo wir diesen Vorwurf widerlegen können. Der Arzt sieht und verkündet seinerseits das Heil von eben dorther, wohin der Moralist und der Priester deuten. »Wer begreift nicht, – schrieb der Liebling unserer Nation, den man den tugendhaften Künstler, genannt hat, in seiner Jugend, – daß jene Verfassung der Seele, die aus jeder Begebenheit Vergnügen zu schöpfen, jeden Schmerz in die Vollkommenheit des Universums aufzulösen weiß, auch den Verrichtungen der Maschine am zuträglichsten sein muß? Und diese Verfassung ist die Tugend.« – Da, wo die gütige Natur dem sittlichen Bestreben auf halbem Wege entgegen kam, dadurch, daß sie mittelst einer glücklichen Organisation die höheren Entwicklungen erleichterte (und ist es nicht lange anerkannt, daß es sittliche Genies so gut wie künstlerische gibt? z.B. Mark Aurel, Sokrates, Howard, Penn), wird die Erscheinung eines harmonischen Daseins freilich offenbarer und lieblicher sein, als da, wo nur das schmerzliche Ringen des Geistes dem rauhen Boden der Leiblichkeit spärliche Blüten der Freiheit abtrotzt; aber desto herrlicher werden solche verlorne Strahlen eines höheren Lichtes, wie Blitze aus Nächten hervorbrechen und die Hülle verklären, wie einst in der Physiognomie des Sokrates; und das Wort, das von Apollonius gesagt worden ist: »Es gibt eine Blüte auch bei Runzeln« – wird sich immer wieder erfüllen. Was ist denn eigentlich Schönheit, als der die Hülle verklärende Geist, und was ist Gesundheit, als Schönheit in den Functionen? Wo die Seele ein gestimmtes Instrument findet, da wird man über der Leichtigkeit, mit welcher sie die Tugend übt, ihre Herrlichkeit nicht wahrnehmen; es wird scheinen, als könne es eben nicht anders sein. Wo sie aber den Dissonanzen einen Akkord zu entringen hat, da wird man ihre Wirkungen Wunder nennen. Und wie oft in Einem großen feierlichen Momente die verschlossene Schönheit aus dem Antlitze eines Guten erblüht, so wird auch das schöne Gut der Gesundheit oft durch einen einzigen kühnen, tiefen Vorsatz errungen.

»Denket nicht – ruft der begeisterte, prophetische Physiognomist – den Menschen zu verschönern, ohne ihn zu verbessern!« – Und denket nicht – setzen wir aus innigster Ueberzeugung hinzu – ihn gesund zu erhalten, ohne ihn zu verbessern!


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