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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeessay
authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
year1879
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190627
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Zur Einleitung.

Wir werden populär, indem wir affectiren,
    ärmer an Geist zu sein, als wir sind.
            Bulwer.

Unsere Zeit ist rasch, stürmisch und leichtsinnig. Man erweiset sich selbst und dem lesenden Publikum eine ächte, geistige Wohlthat, wenn man den Blick von dem entmuthigenden Leben einer vulkanischen Gegenwart, von dem noch entmuthigenderen Schwanken einer in tausend nichtige Richtungen zerfallenen Literatur ab-, und den stillen Regionen der Naturforschung des inneren Menschen, der Betrachtung unseres Selbst zuwendet. Hier wird uns unser Zusammenhang mit den Dingen, unser Zweck, unsere Pflicht klar; und, indem wir mit der Welt, die uns nichts zu gewähren im Stande ist, heiter abschließen, fühlen wir, daß der verloren geglaubte Friede wieder bei uns einkehrt, und daß eine zweite Unschuld ihr klares, beruhigendes Licht über unser Dasein verbreitet. Mag, so lange wir Knaben sind, das Knabenspiel der Reime, das nur in der Hand des Genies zum inhaltschweren Symbole wird, auch uns Unbegabte beschäftigen; den Mann erquicke das Denken über sein tiefstes, heiligstes Verhältnis; hier übt er nur ein Geschäft aus, wozu Jeder auf Erden fähig ist, weil es Jedem aufgegeben ward. »Unsere Schriftsteller – heißt es in einem geistreichen Aufsatze des Freiherrn von Sternberg – schreiben auf dem offenen Markte, nicht mehr in der einsamen Stube. Darum findet sich so viel Lärm, so viel Staub, so viel Landstraßenwirklichkeit in ihren Werken; aber es verschwindet daraus immer mehr die geheimnißvolle Tiefe und Klarheit, die, ein schönes Wunder, in den Büchern unserer Alten lebt. Dazu kommt die Hast, zu der wir heutzutage Alle getrieben werden; um nur nicht nachzubleiben, wirft der Philosoph seine Ideen dem Staate zu, der Dichter seine Gefühle der Gesellschaft; und Beide sind zufrieden, wenn sie eine heftige, augenblickliche Wirkung sehen. Wer hat jetzt Zeit alt zu werden, und Bücher zu schreiben, welche nicht veralten?« – Solchen gerechten Klagen zu begegnen, solchen Tendenzen entgegen zu wirken, sind diese Blätter geschrieben. Sie sind im Sinne des Ausruhens abgefaßt worden, zu eigener Erholung und Sammlung; in diesem Sinne müssen sie auch gelesen werden, wenn sie dem Leser etwas sein sollen.

Durch ein vielleicht seltsam scheinendes Gewebe von Ethik und Diätetik, habe ich die Macht des menschlichen Geistes über den Leib zu praktischer Anschaulichkeit zu bringen versucht. »Die Aerzte« – pflegt das Publikum zu sagen – »erklären sich heftig gegen alles Populärmachen ihrer Kunst, gegen alles medicinische Selbststudium; sie fürchten, wie es scheint, daß wir das Zweifelhafte, das Unzulängliche ihrer Erkenntnisse, ihres Verfahrens, gewahr werden, und so das Vertrauen verlieren möchten; es ist ihr Vortheil, uns in der Täuschung zu erhalten.« So raisonnirt das Publikum; ja ein ärztlicher Schriftsteller der jüngsten Tage vereinigt sich mit ihm. – Gesetzt, Alles das wäre so, – ist es nur unser Vortheil? ist es nicht auch der Eure? Wenn euch das Vertrauen heilt, seid ihr dann weniger geheilt, als wenn euch Eisen oder China geheilt hätte? ist das Vertrauen nicht auch eine wirkliche Kraft? ist es Täuschung, wenn man sich ihrer so gut als einer physischen bedient? Sollte man nicht wünschen, sie in sich selbst erwecken zu können? die Kunst der Selbsttäuschung zu eigenem Wohle zu besitzen – wenn sie so schöne Wunder wirkt? Was nun von ihr etwa lehrbar wäre, andeutend mitzutheilen, dazu eben wollen die folgenden Blätter beitragen. Ich sage »andeutend« – denn bei Allem, was der Mensch auf sich selbst beziehen, was in ihm praktisch werden soll, muß das Beste ihm selbst überlassen bleiben.

Ich habe mich bemüht, im besten Sinne des Wortes »populär« zu sein. Durch ächte Popularität sinkt der Schriftsteller nicht zum Gemeinen herab; er zieht das Gemeine empor, indem er dem Geiste des Bildungslustigen überhaupt, ohne Rücksicht auf Gelehrsamkeit, das Höhere und Höchste näher bringt, faßlicher und anziehender macht; indem er das gewöhnliche, stoffartige Wissen durch fruchtbare Behandlung, durch lebendige Bezüge, zur ächten Bildung adelt. Er arbeitet mit am großen Werke der Menschheit, am Plane der Vorsehung, welche, wie es die Geschichte lehren zu wollen scheint, die Intelligenz zuerst in einzelnen Geistern zur Reife bringt, und dann, von ihnen aus, über die Erde weiter verbreitet; wie der Strahl des Tages von den Gipfeln aus allmählich die Thäler und Ebenen erhellt.

Die häufigen Anführungen bedeutender Worte von bedeutenden Menschen wünschen darzulegen, wie sehr die Einsichtsvollen, die Erfahrensten von jeher in diesen Dingen Einer Ueberzeugung waren – wie sehr die mannichfachsten Ergebnisse zum Glauben drängen – und: daß ich nichts sage, was nicht vor mir schon gedacht, schon gesagt worden wäre. Leider! ist es so Vielen noch neu; und man darf wol behaupten, daß von allen Künsten keine so selten das Geschäft eines menschlichen Lebens ausmacht, als die Kunst, die ich hier predige, die Kunst: sich zu beherrschen. Und doch ist sie das Erste und das Letzte.

Nichts wird zur Fleischwerdung der Gesetze, deren Geist wir hier aufzufassen streben, förderlicher sein, als die redliche Führung eines Tagebuchs, das aus kurzen, aber wahren, fruchtbaren, individuellen Notizen bestehen mag: eben so treu und fein, nur etwas weniger hypochondrisch als das Lichtenbergs. Hippel meint, daß das, was man gewöhnlich für Genie halte, nichts sei, als unausgesetzte Beschäftigung mit sich selbst. Die als Anhang beigegebenen Blätter sind einem solchen Tagebuche entnommen.Nur freilich mußte hier, mit Rücksicht auf Veröffentlichung gerade das Individuelle wegbleiben, und nur, was sich als Maxime aussprechen ließ, gegeben werden.

Das Namenregister verdanke ich der Gefälligkeit eines Freundes. Unsere Zeit legt auf den Namen einen besondern Werth. Jede Ansicht, jeder Ausspruch soll gestempelt sein, soll eine berühmte Firma vorzuweisen haben; Album's mit angesehenen Unterschriften werden errichtet, Autogramme bekannter Personen werden gesammelt. Citate dürfen nicht fehlen, wenn ein docirendes Buch für anziehend gelten soll. Nun gut, hier gibt es Citate. Und damit ja die Neugierde nicht unbefriedigt bleibe, gibt jenes Verzeichnis auch über solche Stellen Aufschluß, deren Eigener im Texte, um diesen nicht zu bunt und unterbrochen zu machen, nicht genannt wurden.

Ob durch diese wohlgemeinten Reflexionen auch nur Ein Hypochondrist geheilt oder erheitert werden wird? Ich zweifle. Genug, wenn sie den Heitern nicht hypochondrisch machen.


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