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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeessay
authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
year1879
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190627
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Vorwort zur zweiten Auflage.

Je n'enseigne pas, je raconte.
                            Montaigne.

»Ob durch diese Blätter Ein Hypochondrist geheilt oder erheitert werden wird? Ich zweifle. Genug, wenn sie den Heitern nicht hypochondrisch machen.« . . . Die Resignation in diesen Worten, womit die Einleitung des vorliegenden Büchleins schließt, hat, wie jede Resignation, ihren Lohn gefunden. Die Wirkung, welche die wohlgemeinten Betrachtungen auf so manches leidende Gemüth ausübten, war dem Verfasser die liebste Recension, und ein neuer Beweis, daß das Erlebte nie verfehlt, wieder lebendig zu wirken. Dabei konnte er sich freilich nicht verhehlen, daß die Theilnahme, die er fand, einen tiefern und allgemeinern Grund hatte, als der im Buche selbst liegt. Ich sehe ihn in dem Bedürfnisse des menschlichen Zustandes überhaupt, und unserer Zeit insbesondere. Hundert Namen, die wir diesem Zustande gegeben haben, beweisen hinlänglich sein Dasein. Wir sind müde, blasirt, zerfallen, incomplet, – wir nennen uns Epigonen, leiden am Desenganno, am Weltschmerz, an – Gott weiß was sonst noch allem! und wer uns tröstet, ist unser Mann. Wir brauchen Stärkung, bittre Mittel, – und wer sie uns am süßesten einwickeln kann, ist unser Mann.

Dem sei, wie ihm wolle; genug, ich glaube den Dank für die Theilnahme des Publikums am besten durch Umarbeitung einiger Stellen, zumal des Anfangs, die mir nicht genug ins Helle gebracht schienen, und durch Zusätze, wie sie das bittersüße Leben täglich bringt, zu bethätigen. Allein auch gegen Recensenten gibt es Pflichten; gerade desto mehr, je seltener Recensionen wahrhaft förderlich zu sein pflegen. Ein denkender Freund der Sache gab in den »Blättern für literarische Unterhaltung 1839,« Nr. 83 und 84 eine sehr einsichtsvolle Beurtheilung unsres Büchleins, die ich am besten zu verstehen glaube, wo er mit mir nicht übereinstimmen kann. Ich hoffe, daß auch Er mich versteht, wenn ich hier, als Dank für die freundliche Aufmerksamkeit, einiges Allgemeine beibringe, das nebstbei Bezug auf seine Bemerkungen hat.

Ich darf wol hoffen, ja begehren, daß man die Aufgabe nicht höher und weiter stelle, als ich sie mir gesetzt; daß man die drei Buchstaben »zur« auf dem Titelblatte, die nicht umsonst da stehen, berücksichtigen werde. Ich hatte vor, und bildete mir ein, nichts zu sagen, was nicht als eigentümlich, als dem Stoffe, wie er jetzt vorliegt, hinzugefügt, – wenn nicht als neu an sich, betrachtet werden konnte. Es wäre leicht gewesen, den Vorwurf in seiner ganzen Breite abzuhandeln, und die scheinbaren Lücken, die nur da sind, um das von Andern Gesagte nicht wieder zu sagen, durch Wiederholung auszufüllen;Z. B. in dem Kapitel von den Leidenschaften die einzelnen Leidenschaften in ihren Wirkungen besonders durchzugehen, in das Gebiet der Psychiatrik hinüberzuschweifen, und, was Aerzte für Aerzte schon vielfach gesammelt und niedergelegt haben (woran namentlich Ideler ein so edles und kräftiges Streben wendet), unsern Lesern wieder aufzutischen. es wäre leicht gewesen, jene systematische Anordnung zu befolgen, die nur zu oft hinter dem Scheine von Wissenschaftlichkeit Mangel an wahrem Gehalte versteckt, während die andeutende, aphoristische Darstellung hinter bescheidenen Winken oft tiefere Wahrheit, wie der heitere, oft leichtfertig gescholt'ne Mensch, hinter fröhlichem Scherze den innigsten Ernst, verbirgt. »Aus dem Leben, – zum Leben!« Dies war mein Wahlspruch, – hier, wie bei meinen übrigen Schriften. Dem Leben, nicht der Schule, gehört auch diese an. Sie soll nicht Lehrer bilden, sie soll Tröstung geben. Nur was dem Einzelnen das Leben selbst gebracht hat, darf er dem Ganzen wiederbringen; und so liegen denn auch diesem Büchlein, – Gott weiß es! gar manche bittre Selbsterfahrungen zum Grunde; und so hat es denn auch seine Früchte am Baume des Lebens getragen, von denen eine, – besonders eine, – dem Pflanzer mehr gelten darf, als alle Recensionen.

Um aber doch gegen diese, wo sie es wohl gemeint, dankbar zu sein, bekenne ich, daß auch mir die Behandlung des Einganges ganz unstatthaft schien. Der französische und englische Schriftsteller steht darin in großem Vortheile, daß er sich bewußt ist, für ein Publikum zu schreiben, wo der Gelehrte nicht Pedant, der Ungelehrte nicht ungebildet ist; der Deutsche weiß nicht recht, wem er es recht machen soll, – und hieraus entstand im Eingangskapitel jene fatale Mitte zwischen Popularität und Strenge, die, aus Furcht, die Geduld des nicht gelehrten Lesers zu ermüden, und bei der unausweichbaren Tiefe des Gegenstandes, zum Unklaren und Unbestimmten führte. Diesem Uebelstande suchte ich durch gegenwärtige Umarbeitung einigermaßen abzuhelfen.

Was das Mystische der Stelle Immermann's betrifft, – wem könnte mehr »vor den Illusionen bangen, zu denen solche Sätze verleiten könnten,« als mir? aber ich habe stets dafür gehalten, daß man Gespenstern nicht aus dem Wege gehen, und Probleme nicht verschweigen, sondern jenen ins Antlitz schauen, und diese, wo nicht lösen, doch aussprechen soll. Ich liebe mir Leser, die lieber angeregt, als geschulmeistert sein wollen; das Zweifelhafte scheint mir interessanter als das Ausgemachte; schreite jeder mit eigenen Füßen durch die Gefilde, wohin ich deute!

Daß alle Tugend Selbstbeherrschung – wiewol nicht alle Selbstbeherrschung Tugend – sei, scheint mir allerdings gewiß. Da es aber hier nicht Zweck ist, Moral zu lehren, und ich überdieß, wie erwähnt, nicht gern etwas gut Gesagtes wiederhole, verweise ich hierüber auf das Gespräch in Goethe's Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (Bd. 15, S. 173), welches diesen Gegenstand für unsern Lesekreis so gut behandelt, als Kant's Metaphysik der Tugendlehre für den Philosophen vom Fache.

Das Kapitel VII ist, wie sich der Kenner leicht überzeugt, keine Uebersetzung, sondern eine, wie ich mir schmeichle, zeit- und sachgemäße Bearbeitung, wodurch die große Denkart eines, öfter genannten als gekannten Weisen, dem Leben hoffentlich näher gebracht werden soll, als es bisher geschah.

Was den Unterschied zwischen Leidenschaften und Affecten betrifft, so darf man es einem Arzte und Schriftsteller wol zutrauen, darüber gedacht zu haben. Mir scheint der Schriftsteller, wie der Mensch überhaupt, auf rechter Bahn, der über dem letzten Ziele das nächste nicht vergißt. Was Besonnenheit und Seelenkraft über Stürme des Begehrens und Gefühles vermögen, wünsche ich ans Herz gelegt zu haben; es freut mich, daß ich den, der Definitionen verlangt, auf die gründlichen Werke deutscher Psychologen verweisen kann, in welchen diese erschöpfend gegeben sind.

Sollte schließlich doch die Reinheit des deutschen Ausdruckes einer Erwähnung bedürfen? Es ist für sie geschehen, was ohne Lähmung des Geistes und der Kraft im Sinne, ohne Ziererei und klein-geistigen Zwang in der Form, geschehen konnte und durfte.

So viel, – vielleicht schon zu viel – von mir selbst. Ist doch alles Vorreden ein Reden von sich selbst, und mag als Defensive entschuldigt werden. Wie ich aber in diesem Werkchen die allzusorgliche Beschäftigung mit sich selbst als Sünde gegen das eigene Wohl verbot, wie sie die Gesellschaft als Sünde gegen den guten Ton betrachtet, so ist sie dem Schriftsteller Sünde gegen den höhern Zweck seiner Sendung. Eingedenk des alten Sprüchleins: habent sua fata libelli, – sage er zu dem Kinde seiner Muße: Gehe hinaus zu dulden und zu wirken!

1841

F.


Vorwort zur fünften Auflage.

Es war beschlossen, um nicht Vorwort an Vorwort zu häufen, dieser fünften Auflage keines beizugeben. Allein, es ward ihr das Loos, zu einer Zeit erscheinen zu sollen, welcher gegenüber zu schweigen, unverantwortlich wäre. Unser Vaterland hat seinen größten Tag erlebt, und entfesselt tönt nun auch das Wort des stillen Denkers unter den freien Stimmen des Volkes.

Der Inhalt der folgenden Blätter scheint, oberflächlich betrachtet, keinen Bezug auf die großen Fragen des Tages zu bieten. Er betrifft die inneren Heimlichkeiten des leidenden Gemüthes. Genauer betrachtet, – dürfte sich dennoch ein tieferer Bezug zwischen beiden herausstellen. Wann fühlen zarte, leidende Naturen das Bedürfniß der Beruhigung, der Kräftigung tiefer, inniger, als in den Tagen allgemeiner Bewegung? und welche Quelle der Heilung kann ihnen geboten werden, an der sie sicherer und gründlicher Rettung und Genesung fänden, – als: die große Bewegung der Zeit selbst, deren Bedeutung aufzufassen, der sich wirkend anzuschließen, – sie allein und gewiß aus dem tiefen Jammer ohnmächtiger Selbstsucht emporrütteln wird, dem sie zu verfallen im Begriffe sind! Weg den egoistischen Blick von dem kleinlichen Zustande deiner Einzelheit! – hinaus, – mit Kopf, Herz und Hand, den großen, heiligen Angelegenheiten des Volkes, der Staaten, der Menschheit, zugewendet! und die Kraft des Geistes über die Misere des Stoffes wird siegreicher und segenreicher offenbar werden, als ich es in schwachen Worten verkünden konnte. Das ist das Ergebniß mannichfacher Erörterungen in diesen Blättern, – an manchen Orten, zumal im Schluß-Abschnitte (XI) bereits früher ausgesprochen, – welches aber jetzt erst seine rechte Zeit, seine rechte Stelle zu lebendiger Wirkung gefunden hat. Möchte es sich bewähren, – zum Besten der Einzelnen, zum Heile des Ganzen!

Wem ich von der Macht des Gemüthes etwa zu viel gesagt zu haben scheine, der mag bedenken, daß es sich hier nicht darum handelte, zu untersuchen, sondern zur That anzuregen. Der Mensch muß das Höchste glauben, um Hohes zu erringen, – ja um es nur zu versuchen!

Ich plaidire die Sache des Geistes, und sammle, was für sie spricht. Desselben Glaubens sind Viele, sind die Besten gewesen. »Gebet dem Geiste seine Kraft – ruft Einer von ihnen (Meyern's Nachlaß. II. 249.) – und tausend Krankheiten sind gelöscht!« Amen!

1848

F.


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