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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 15
Quellenangabe
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typeessay
authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
year1879
firstpub1838
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190627
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XI. Resumé

Sei Herr deiner selbst, und bleibe guten Muthes,
in gesunden wie in bösen Tagen!
            Marc Aurel. I. 15.

Betrachtungen über das, was wir in der Dämmerung unseres Selbstanschauens den Zusammenhang zwischen Leib und Seele nennen, sind eitel, ja sind bedenklich, wenn sie nicht schon von vorne herein in der Absicht angestellt werden, zu praktischen Ergebnissen zu gelangen; wenn sie nicht am Schlusse wirklich solche Ergebnisse liefern. In diesem Sinne wird es unseren Lesern nicht unwillkommen, wenigstens nicht unförderlich sein, wenn wir die Stationen des zurückgelegten Weges mit Einem Rückblicke überschauen, und, was wir bisher als Untersuchungen vorgetragen, schließlich als Maximen zusammenfassen.

Dabei sei es erlaubt, Einiges nachzubringen, was am Anfange nicht gut einzuschalten war.

Das erste Unerläßliche, was dem Menschen nöthig ist, damit sein Geist eine Herrschaft über den Körper erringe, kraft welcher dieser durch jenen in seiner Integrität und Lebens-Energie erhalten werde, ist: daß man an die Möglichkeit einer solchen Herrschaft glaube. Mag der Theoretiker die Möglichkeit zu demonstriren suchen, indem er nachzuweisen strebt, wie solche Geheimnisse sich erklären ließen; – uns schien es praktischer, die Möglichkeit durch die Wirklichkeit zu beweisen, indem wir geschichtlich darthaten, daß solche Wunder des Lebens sich vor unseren Augen begeben. Wir hätten nebst den angeführten noch gar manche Beispiele beibringen können, und wollen zur schließlichen Bekräftigung noch welche anführen. Mead erzählt von einem Frauenzimmer, das nach langwierigem Leiden von einer mit einem Marasmus der Glieder verbundenen Bauchwassersucht – also keinem imaginären, sondern einem sehr materiellen Uebel – durch die entschiedene Richtung ihrer Gedanken auf Einen Gegenstand wieder gesundete. Er berichtet von einer andern, die in dem betrübendsten Stadium der Auszehrung durch einen erschütternden Rückblick ihrer Seele auf ein Dasein, welches ihr nur der Stoff zu ewiger Reue zu sein schien, von den traurigsten Symptomen befreit ward. Ein eigentlicher Triumph der Gelehrsamkeit, der uns praktischern Menschen wol schwerlich gelingen möchte, war es freilich, daß Conring durch das Vergnügen, sich mit Meibom zu unterreden, von einem dreitägigen Fieber geheilt wurde. Sind solche Ereignisse meist die Frucht des Zufalls, das heißt nicht durch die menschliche Voraussicht herbeigeführt, so finden sich in dem unschätzbaren Werke von M. Herz über den Schwindel noch mehrere Beispiele von solchen Fällen aufbewahrt, in welchen ein ähnlicher Erfolg die Absicht des weisen Arztes krönte. Ja, wenn ich im Anfange meiner Betrachtungen so weit ging, dem Geiste ein wenigstens mittelbares Spruchrecht über Leben und Tod zuzuerkennen, so kommt mir ein Fall zu statten, der sich den abenteuerlichsten Vorstellungen nähert, und der in den medicinischen Jahrbüchern des österreichischen Staates (XIV. 4) nach Dr. Cheyne erzählt wird. Colonel Townshend legte sich, wenn es ihm beliebte, auf den Rücken und gab kein Zeichen von sich. Dr. Cheyne faßte seine Hand, fühlte den Puls allmählich sinken, und ein vor den Mund gehaltener Spiegel ward nicht durch den leisesten Hauch getrübt, – so daß der Arzt erschreckt besorgte, der Spaß sei Ernst geworden. Nach einer halben Stunde kehrte etwas Bewegung zurück, Puls und Herzschlag hoben sich allmählich, und der Obrist unterhielt sich wie sonst mit seinen Aerzten. – Doch wir wollen nicht fort beweisen, wir wollen recapituliren.

Hat sich der Mensch im tiefsten Innern zum Glauben an die Gewalt des Geistes gebildet und gewöhnt, so kommt es darauf an, sich objectiv zu werden. Und dies ist eine weit schwerere Aufgabe, als man wol denken möchte. Wer sich in seinen Gesundheitszuständen fortwährend selbst auf der Lauer ist, wird zum Selbstquäler, wenn nicht zum Narren, – wer sich außer Acht läßt, wird nie zum Selbstbeherrscher werden. Hier wird jener heitere Blick auf sich selbst gefordert, welcher, als gesunde, humoristische Selbstironie, die Seele der künstlerischen Hervorbringung, der eigentliche Inhalt aller wahren Philosophie und das schöne Ergebniß eines ächt sittlichen Daseins ist.

Indem wir uns nun unbefangen beschauen, nicht in müßiger Grillenfängerei, die wir etwa System oder Wissenschaft nennen, sondern nach den Antrieben unserer Wirksamkeit – unterscheiden wir an uns Etwas, das Bilder und Gefühle auffaßt, – Etwas, das will, – und Etwas, das denkt. Diesen Spuren sind wir nachgegangen, und es haben sich uns bedeutende Grundsätze ergeben: man wende die Phantasie dem Schönen, dem Erfreulichen zu; man nähre das Gefühl mit dem Großen und Heitern: man bilde Beides durch Theilnahme an der Kunst. Man stärke, reinige, veredle den Willen, und gebe ihm eine Richtung auf das eigene Ich; man bilde ihn durch eine ächte, gesunde Moral. Selbstbeherrschung, das ist die ewige, große Lehre, die dem Menschen das Leben, die Pflicht – und die Diätetik der Seele predigt. Ihr Haupthebel ist: das Wort, das man im geheimsten Innern sich selber gibt – im Rechten und klar Erkannten zu beharren. Wer geistig und dadurch leiblich gesund bleiben will, muß in einer ernsten Stunde sich fest vorgesetzt haben, sich zu bewältigen, und – diesem Vorsatze fürs Leben treu zu bleiben; kommen auch anfangs noch Rückfälle (und sie kommen gewiß), – der feste Vorsatz, immer wieder erneut, übt und stärkt das Vermögen zu wollen, und erlangt endlich den gewissen Sieg. Man fordere sich also diese Ehren-Parole des sittlichen Werths, ohne Zögerung, ohne Appellation, kategorisch ab. Der Unentschlossenheit stelle man dieses neue, selbsterschaffene Ich entgegen. Der Zerstreutheit, dem unglücklichen Getheiltsein der Seele, werde die Sammlung, der Unaufgelegtheit, der Mutter innerlichen Erkrankens, ein fester Entschluß entgegengesetzt. Wer ein Kind der Gewohnheit ist, reiße sich los von dieser »gemeinen Amme Aller;« und wer ein Spiel der Augenblicke ist, lerne, sich zum Rechten zu gewöhnen. Man sei bestrebt, die Kraft des Gedankens in sich zu entwickeln; man gebe auch dem Verstande eine Richtung auf das Ich; was beim Willen Selbstbeherrschung war, wird hier Selbsterkenntniß; man bilde auch diese Seite des Menschlichen durch die ächte, lebendige Wissenschaft, und lerne so an den Früchten das Göttliche der Erkenntniß, der harmonischen Bildung, fassen. Die höchste Erkenntniß, indem sie uns den Begriff unseres Selbst in die Idee eines Ganzen versenken lehrt, führt uns der Religion in die Arme, an deren Busen wir jener Empfindung einer allgemeinen und vollkommenen Entsagung theilhaft werden, woraus allein eine dauernde innerliche Heiterkeit, so wie aus dieser ein gesunder Zustand hervorgeht. Nur wer vor sich selbst klein geworden ist, kann das Große empfinden und erreichen. Dann wiederhole Jeder das schöne Gebet: »um ein reines Herz und große Gedanken!« Ruhe, innere wie äußere, ist das erste, unerläßliche Heilmittel in allen menschlichen Uebeln, inneren wie äußeren; in den meisten Fällen zur Heilung allein ausreichend, in den übrigen zur Unterstützung der anderen Mittel nöthig, in allen als Vorbauungsmittel unschätzbar; diese Ruhe aber ist eine Tochter des Geistes. Von allen Studien und Wissenschaften wird sie durch das Studium der Natur am sichersten hervorgebracht – welches von unserem diätetischen Standpunkte aus weit rathsamer ist, als das einem zarten Naturell oft Feindliche und Gefährliche der Geschichte, deren Betrachtung so manchen Schmerz, so manche leidenschaftliche Regung in uns aufruft. Dem, was man in sich als Temperament gewahr wird, suche man durch eine zum Gegensatze bestimmte Thätigkeit die Wage zu halten: dem thätigen durch eine intellectuelle, dem leidenden durch eine praktische. Die Leidenschaften wolle man nicht ertödten, wodurch die geheimnißvollen Keime und Triebkräfte des Lebens und der Gesundheit getödtet würden; man wisse sie nur gegenseitig zu balanciren, zu mäßigen, zu beherrschen. Die thätigen lasse man vorwalten, die niederdrückenden halte man hintan. Muth, Freudigkeit und Hoffnung sei das Dreigestirn, das man nicht aus den Augen lasse. Man erziehe sich selbst durch Stimmung und Richtung der Neigungen, denn durch Neigungen erzieht uns die Gottheit; und die Seelendiätetik, was ist sie sonst als eine Erziehung des Leibes durch die Seele? Jene Stimmung wird durch den Wechsel der Zustände bezweckt, der dem Oscillationsgesetze unseres Daseins entspricht und das Grundprincip der Seelendiätetik ist. – Freude und Leid, Spannung und Nachlaß, Denken und Thorheit (dulce est desipere in loco) weiß der Weise aneinander zu dämpfen und zu erfrischen, wie der Maler seine Farben; und den wird schwerlich das Gift innerer Erkrankung anhauchen, der es in der prophylaktischen Behandlung seiner selbst so weit gebracht hat, in gewissen Stunden die Eumenide des Ernstes, der schmerzlichen Erinnerung, der Sorge selbst über sich herauf zu rufen. Hier wäre es am Orte, jener Schwingungen zu gedenken, denen das leibliche Dasein durch unseren Zusammenhang mit dem Weltganzen, durch den Wechsel der Tage und Stunden hingegeben ist: man nehme denn wohl in Acht, was der Morgen, der Mittag, der Abend für Stimmungen erzeugen, für Stimmungen erfordern. Das allgemein Hingeworfene genüge hier und hinterlasse dem Leser eine gedeihliche Anregung zum weiteren Selbstentwickeln. Wer endlich schon dem furchtbaren Dämon der Hypochondrie verfallen ist, dem konnten wir nur einen Rath ertheilen, welchen wir nun wiederholen: den umflorten Blick von der dumpfen Enge des kümmerlichen, gequälten Selbst hinauszuwenden auf das unendliche Schauspiel der leidenden und jubelnden Menschheit, – und in der Theilnahme am Ganzen, die am eigenen Jammer zu verschmerzen, oder doch wenigstens die Anderer zu verdienen. Eine Aufgabe, welchen die großen Entwicklungsbewegungen der Gegenwart ohnehin Jedem nahe legen, und wenn er der Zeit würdig sein will, zur heiligen Pflicht machen. Eine Aufgabe, leichter, als sie dem in Gewohnheit untergegangenen blasirten Selbstling scheinen mag. Denn ist es nicht – nach dem Ausdrucke eines liebenswürdigen Dichters und Arztes – unser eigener Zustand, wenn wir einen fremden empfinden? – Und vollends: In der Herrlichkeit der ewig sich neugebärenden, alllebendigen Natur, da lerne der Unselige den Balsam finden und bereiten, der allen Creaturen gegönnt und gegeben ist; in dem ungeheuren Zusammenspiel menschlicher Charaktere und Geschicke, da lerne er das Maß finden, zu welchem er selber geboren ist; und wenn er dieses einmal erkannt hat, so strebe er nach nichts Weiterem als: Er selbst zu sein und zu bleiben – rein und wahrhaftig, wie ein unverfälscht ausgesprochenes Wort Gottes. Denn Gesundheit ist nichts Anderes als Schönheit, Sittlichkeit und Wahrheit.

Und so sind wir denn wieder, wo wir ausgingen und wo wir endeten; so haben wir auch auf diesem Felde den Kreislauf menschlicher Betrachtungsweise durchgemessen; und wir dürfen die belebende Empfindung innerer Zuversicht und Klarheit, womit wir diese Blätter schrieben, ihnen als Segen zu fröhlichem Wirken und Gedeihen mitgeben!

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