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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 14
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typeessay
authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
year1879
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X. Natur, Wahrheit

Maudits polirons! pourquoi n'avez-vous pas le courage d'être vous-mêmes? vous seriez mille fois mieux. Point de graces, point d'onction, sans le naturel! rien de ferme aussi, rien d'imposant.
Neker.

Die ersten Heilmittel gegen alle Uebel, denen das menschliche Geschlecht unterworfen ist, – also auch die eigentlichsten Mittel, allen diesen Uebeln zuvorzukommen, sind – nun seht zu, wie ihr das Ei auf die Spitze bringt! – sind: Wahrheit und Natur.

Wir können, auch wenn wir wollten, eines freien, reinen Daseins nicht genießen; denn eine einzige, große, allgemeine, unausweichliche Lüge umgibt uns, die Lüge des gesellschaftlichen Umganges. Es ist ein Zwang, der uns von außen kommt, – dem wir nicht wehren können, ja der uns mitunter Achtung abnöthigt. Aber ihm noch einen andern, selbst auferlegten Zwang, von innen heraus, hinzuzufügen, – das ist eine Thorheit, die uns Niemand zumuthen sollte, – die unsere innere und äußere Gesundheit allmählich, aber unüberwindlich untergraben muß, und der wir uns mehr oder weniger Alle schuldig machen. Es gibt nur eine Sittlichkeit, und das ist die Wahrheit; es gibt nur Ein Verderben, und das ist die Lüge. Dort ist Leben und Gesundheit, hier ist Verwesung. Wie ein heimliches Gift nagt und frißt die beständige Lüge, der peinliche Selbstzwang an den innigsten Kräften unseres Daseins, und mit krankhaftem Behagen füttern wir den Wurm, der uns verzehrt. Nie war diese Kunst so weit gediehen, als in unseren Tagen, und wie wir überhaupt auf unsere Kränklichkeit, wie thörichte Städterinnen auf ihre blassen Wangen, uns etwas zu Gute thun, so sehen wir in dem Raffinement, zu welchem wir die Verwicklung unwahrer Verhältnisse gebracht haben, die Höhe der Bildung, auf welcher wir uns zu stehen rühmen. So rühmt der unheilbare Kranke, der rettungslos Verlorne, die Abnahme seiner Schmerzen; er glaubt, das Uebel schwinde, weil er es nicht mehr fühlt; Hoffnung und Genügen lächeln auf seinem Angesichte, und schärfen nur durch bittere Ironie den Schmerz seiner Lieben und seines Arztes, welche besser wissen, wie es um ihn steht. Das ist das Bild unserer Welt. Niemand hat den Muth, Er selbst zu sein; und doch beruht alle Gesundheit nur auf der Behauptung des ächten Selbst gegen Alles, was das Individuum in die Enge treiben will. Denker verkennen das Uebel nicht. »Euer Heil – rufen sie den Zeitgenossen zu – liegt in der Wahrheit. Seid wahr in jedem Athemzuge!« – Und was sie dem Geschlechte zurufen, das legt der Arzt dem Einzelnen ans Herz. Durchs ganze Leben hin eine Rolle zu spielen, und könnte man in der Schlußscene mit demselben Rechte als August sagen: plaudite! – muß vor der Zeit ermüden. Hufeland vergleicht diesen Zustand einem beständigen Krampf der Seele, einem schleichenden Nervenfieber. Und warum unterwerfen wir uns ihm? ist es nicht weit bequemer, wahr zu sein? braucht es so viel Anstrengung, uns darzustellen, wie es uns der tiefste, eingeborne Trieb gebietet? Den Männern sag' ich dies: es gibt keine Kraft ohne Wahrheit, und den Frauen sei es gesagt: ohne Wahrheit gibt es keine Anmuth. Und soll ich ein Geheimniß ausplaudern, welches eben so nahe liegt, und eben so schwer gefunden wird, als die Kunst mit dem Ei des Columbus, so wisset, daß das, was ihr als Genie bewundert, nichts ist als – Wahrheit. Jeder erscheint originell, der, ehe er sich ans Schreibpult setzt, statt Bücher zu berathschlagen, sich selber fragt und redlich antwortet. Er bringt Dinge aufs Papier, von denen die Studirtesten mit neidischem Staunen nicht wissen, woher er sie hat. Er bringt sie mit einer Frische und Unmittelbarkeit, um welche ihn jeder Dichter beneidet. Gewiß, wir würden bessere Schriftsteller sein, wenn wir wahrer wären. Wir sind Nichts, weil wir krank, weil wir falsch sind. Scham und Reue sind die entnervenden, die lähmenden Nachübel, die uns auf diesen Wegen erwarten. Wir können aber unserem Tode von dieser Seite entgehen, wenn wir nur Muth fassen; Muth, Andere und uns selbst nicht zu belügen, – Muth, zu sein, was wir sind. Seine Seligkeit in sich zu haben! immer und überall sein Glück in sich! .... gibt es ein anderes Glück? Ueberall und immer gibt der Gedanke Stoff zum Selbstgespräch, die Dichtungskraft Bilder, das Dasein Raum für Gefühle, für ein reines Wollen!

Wer aber rettet uns aus der Lüge, die uns von außen umgibt? Die Freude an der Natur. Ihr Genuß und Studium liefern uns den Aether, aus welchem unser tiefstes, feinstes Wesen geboren und genährt wird. Wenn die zarte Pflanze, die wir unseren Geist nennen, schon im Treibhaus der Societät verdorren und absterben will, so versetzt sie, die Ihr sie retten wollt, in eine einsame Wildniß, und sie lebt wieder auf. Der genußliebendste Epikuräer, der vielleicht je bekannt geworden, ist nach durchgenossenen Freuden aller Art doch zuletzt auf das Ergebniß gekommen: »daß die höchsten Genüsse diejenigen sind, welche den Frieden der Seele nicht trüben.« Wenn ich bedachte, von wem dieser Ausspruch kam, so war er mir immer bedeutend. Und was sind das für Genüsse? Ich kenne nur zwei: die Betrachtung des Geistes und der Natur. Es ist gewiß herrlich und merkwürdig, und erregt den ernsteren Denker zu Ahnungen geheimnißvoller Tiefen: daß die Schönheit und Größe der Natur sich seinen erquickten Sinnen nicht entfalten könne, ohne daß zugleich sein Geist sich in sich erweitere und erhöhe. Sagt was Ihr wollt zu Gunsten der Gesellschaft; sie lehrt den Menschen seine Pflicht, und das ist das Höchste, was man überhaupt aussprechen kann; aber sein Glück erschafft ihm nur die Einsamkeit. Der Blick, in das unendliche Blau des Aethers verloren, oder über die reiche, mannichfache Schönheit der bunten Erde hingleitend, wendet sich ab von den Armseligkeiten, die ihn im Gewühle des Marktes trüben und verwirren. Die Natur denkt lauter große Gedanken, und die des Menschen, indem er ihnen nachsinnt, lernen sich ausdehnen und werden den ihrigen ähnlich. Das kleine Ich lernt sich als Atom begreifen, und wird doch, mitten im Anschauen der Unendlichkeit, seines Daseins froh, da es die Harmonie des Ganzen gewahr wird. Gerechtigkeit lernt sich an den unerschütterlichen Gesetzen der Natur; sie liebt, auch wenn sie vernichtet; nur in ihr ist Wahrheit, Ruhe und Gesundheit. »Der Aufenthalt im Freien – schrieb eine geistreiche Frau – habe für sie etwas Zauberisches: die Geliebten stünden ihr hier näher, und die Beschwerlichen entfernter.« – Alle gesunden Geister, die der Menschheit die Früchte einer schönen Einsamkeit zu genießen gaben, gediehen im Schooße solcher Gefühle, und werden, wie jener bekannte Arzt, das Wort Natur immer mit einer gewissen Ehrfurcht aussprechen, »wie man im Tempel sich vor dem Namen des Allerhöchsten beugt.« – Daß Lessing kein Gefühl für Natur gehabt habe, ist eine Fabel, die aus einem muthwilligen Paradoxon entsprang, wie man es dann und wann wol einem lästigen Narren hinwirft, um ihn los zu werden. Naturforscher sind es, unter denen man die meisten jener Gelehrten nennt, die das höchste, das heiterste Alter erlebten. Wie das ächte, innige Studium der Natur, wenn es tiefe Offenbarungen gewähren soll, kindliche Gemüther verlangt, dergleichen Howard und Novalis waren, – so erzeugt es auch wieder in denen, die sich ihm weihen, eine eigene Kindlichkeit, und gibt ihnen ihre Jugend wieder. Im Grunde ist jedes Streben des Geistes Naturforschung, und nur wer Alles um und in ihm naturgeschichtlich zu behandeln die Kraft und Einsicht erlangt, wird seinen Geist gesund und selig erhalten. Mit dem steten, unhörbaren Schritte der immer wandelbaren und immer treuen Tage und Nächte wird auch sein inneres Leben den stillen Kreislauf einer gewohnten Gesetzlichkeit gehen, und er wird im Entzücken inne werden, daß sein Gefühl für diese Harmonie nichts Anderes ist, als eben die Harmonie selbst, von der ja sein Geist, der sie denkt, ein Theil ist. Dieses inne zu werden, – dazu hat die Natur dem Wilden und dem Kinde das Gefühl ihrer Schönheit in den Busen gelegt; – dazu und weiter nicht führt den sinnenden Newton die Betrachtung des Weltgebäudes, und so erreicht sich der erste und nächste Zweck der Schöpfung, daß das Geschöpf seinem Standpunkte genügen lerne, und in diesem Genügen glückselig werde. Es ist wunderbar, welcher Balsam aus diesen Ansichten auf unser Wesen niederträufelt, – wie aus ihnen ein geheimer Quell heiliger Lebenskraft in alle Adern unseres Wesens sich ergießt. Wer es nicht erfahren hat, wird das Alles für Phrasen halten; aber wer es zu erfahren versuchen will, wird bald einsehen, warum wir solche Andeutungen an den Gipfel unserer seelendiätetischen Ermahnungen gestellt haben. Jeder Mensch ist ein Antäus; jeden stärkt und belebt bis zur Unüberwindlichkeit die mütterliche Erde, wenn er an ihr liebend festhält. Die Natur bestätigt und bejaht Jeden in seiner Eigenheit, auf welcher ja seine Gesundheit zuletzt beruht; sie erregt keine Leidenschaft, – ja vor ihr brechen sich vielmehr alle Leidenschaften und werden lächerlich, – auf denen doch zuletzt alle Krankheit des menschlichen Geistes beruht. Sie erzieht allmählich und gelinde, – aber sicher, unentrinnbar; und was ist alle Diätetik der Seele als eine zweite Erziehung?

Der Umgang mit der Natur leistet Alles, was wir in allen unseren vorangegangenen Bemerkungen von der Kraft des Menschen gefordert haben. Die Natur wirkt auf den gesammten Menschen, indem sie an alle seine Organe spricht; sie füllt seine Einbildungskraft mit bedeutenden, großen, erfrischenden Gebilden aus; sie schreibt seinem Wollen feste, eiserne Grenzen vor, während sie es innerlich befestigt und härtet; ihr anhaltsvolles Schweigen bildet; ihre großen, einfachen, aber gesetzlichen und ins Unendliche greifenden Wirkungen wecken tüchtige, belebende Gedanken in uns; der stete Kreislauf ihrer unabänderlichen Ereignisse erhält uns in einem gedeihlichen Gleichgewichte; ihre Schönheit, die sie auf allen Wegen, in Blüten und Sternen, mit verschwenderischer Liebe in den Wandel belebter Welten streut, scheucht die Falten der kleinlichen Sorge, der engherzigen Hypochondrie aus unserem Antlitz; ihre Größe führt uns über uns selbst hinaus, und all unser Fühlen, Denken und Begehren verliert sich zuletzt in eine allgemeine Anschauung, die uns der Ergebung in das höchste Waltende, – der Religion, in die Arme führt, welche, tief verstanden und lebendig erfühlt, das Höchste, das Letzte ist, wozu der Mensch gelangen kann.

Hier, wo die Betrachtung sich selbst aufhebt, ist der Ort, sie zu schließen, damit der angeschlagene Ton im empfänglichen Gemüthe leise anhaltend nachklinge, und verwandte Töne im Innern erwecke, daß sie sich wechselweise begleiten, erwiedern, und das klanglose Leben verschönern und heiligen.

Aber dieses wird uns auch hier wieder klar: daß alle Bestrebungen, sittliche wie intellectuelle, Philosophie, Kunst, Moral, sociale Bildung und Diätetik der Seele, zuletzt doch nur das Eine, wollend oder nicht wollend, bezwecken, in Eins zusammenstießen. Als Schlußempfindung mag uns das immer bedeutend genug vorschweben; sie soll uns aber nicht abhalten, im Leben wie in der Wissenschaft, uns stets dem Besonderen zuzuwenden, stets den kleinen, abgeschlossenen Kreis der Einzelnheit liebevoll zu pflegen, und wie der Landmann sein schmales und doch segenreiches Erbe immer wieder von neuem durchzupflügen, weil doch Jeder nur den seinen auszufüllen im Stande ist, und am Ende alle die kleinen Sphären von selbst zu jener allgemeinen Bewegung und Harmonie zusammenklingen, welche das Bild und den Begriff einer Welt darstellt. In singulis et minimis salus mundi. Im Einzelnsten und Kleinsten ruht das Heil der Welt. A. d. H.

Ich müßte mich, wie der Lauf dieser Kreise, ewig wiederholen, wenn ich meine Betrachtungen in alle Bezirke hinüberspielen lassen wollte. Ich ziehe es vor, dem Leser etwas zur Entwicklung übrig zu lassen, und, zur Commentirung dieses Abschnittes, ihn auf jenes Buch zu weisen, welches die Religion, die Wahrheit und die Natur selbst geschrieben zu haben scheinen; ich meine: Marc Aurel's Selbstbetrachtungen. Universal-Bibliothek Nr. 1241, 1212.] Wir wollen nur noch im Folgenden das Praktische unserer Ergebnisse in wenige Maximen zusammenfassen, an deren Hälfte der Leser wie der Verfasser fürs Leben genug zu thun haben. Vielleicht zu viel!

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