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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeessay
authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
year1879
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190627
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IX. Hypochondrie

Das Kleinliche macht den Fluch des Lebens aus. Die ärmlichen Sorgen des Tages, des Körpers reiben uns auf. Darum nährt den göttlichen Theil eurer Natur: den Trieb der Bewunderung!
            Bulwer.

Erörterungen über Diätetik der Seele sind ganz der Art, der thörichtsten und zugleich traurigsten der Menschenplagen: der Hypochondrie, eine besondere Betrachtung zu widmen. Vernunft, Sittlichkeit, Witz, und selbst Religion haben freilich, und mit Recht, diesem Dämon schon auf alle Arten, in Schweinsleder und Broschüren, auf dem Kothurn und mit der Jokusmaske, von der Kanzel und von der Bühne herab, beizukommen gesucht, – aber er, ein Milchbruder der Sorge, die bekanntlich durchs Schlüsselloch dringt, hat sich in den Schleier seiner Nichte, der Klugheit gewickelt, da will Keiner so dumm sein, ihn abzuweisen, und warum sollten nicht auch wir es versuchen, ihm diesen Schleier zu entreißen, da er leider! auch an uns seine blutigen Krallen bewährt hat. Wir haben ihn Egoismus gescholten; aber das rührt ihn nicht, er ist modern geworden, und weiß, daß Egoismus für Geist und freie Denkungsart gilt. Am besten wäre es, ihm zu zeigen, daß er Nichts ist, und das ist es, was wir, ohne scherzende Miene, völlig catonenmäßig versuchen wollen.

»Wenn der Mensch – sprach eine ehrwürdige Stimme, als Wieland gestorben war, an seinem Sarge – wenn der Mensch über sein Körperliches und Sittliches nachdenkt, findet er sich gewöhnlich krank. Wir leiden Alle am Leben.« Das ist der wahre Begriff von jener Hypochondrie, die ich meine, und die in die Seelendiätetik gehört. Es gibt eine andere, welche der Arzt zu behandeln hat. Von jener aber, die wir im Auge haben, ist es durchaus nicht genug gesagt, wenn sie für Krankheitseinbildung erklärt wird. Man braucht sich nichts einzubilden; man hat im Wirklichen genug. Wir Alle, die wir unter dem Monde leben, sind nur relativ gesund; Jedem ist der Weg, auf welchem gerade Er sterben wird, in sein Wesen gezeichnet, und er darf nur in sein Inneres schauen, allenfalls noch die Brille halben Wissens vor den Seelenaugen, so wird er ihn finden, – um ihn schneller zu gehen. So lange wir gesund genug sind, unser Tagewerk zu verrichten, und nach gethaner Arbeit das Behagen der Ruhe zu schmecken, – so ist es unsere Pflicht, – ich sage Pflicht, bürgerliche und diätetische, uns um unser Leibliches nicht weiter zu kümmern. Der Schmerz ist ein anmaßendes Nichts, das zum Etwas wird, wenn wir es anerkennen. Wir sollten uns schämen, ihm so viel Ehre anzuthun, mit ihm zu liebeln, ihn zu hätscheln und groß zu ziehen, bis er uns über den Kopf wächst. Er wird nur groß, so lange wir klein sind. Wer kann sich einen Themistokles, einen Regulus denken, der seine Zunge im Spiegel besehe und sich den Puls fühlte? Ja, ich gehe weiter; ich rufe die Furcht selbst auf, die Quelle dieses Uebels, um es durch sie zu heilen. Macht sie es besser? oder nicht vielmehr schlimmer? Nichts in der Welt macht früher alt, als die beständige Furcht, es zu werden. Fünf Dinge erklärte schon vor Jahrhunderten der weise Perser Attar für die Verkürzungsmittel des Lebens, lange ehe noch der Plan zu Hufelands Makrobiotik im Gehirne seines Ur-ur-ahns vorgebildet ward:

Eins ist: zu darben als ein alter Mann;
Dann lange Krankheit; lange Wand'rung dann;
Viertens der stete Hinblick auf das Grab.
Er zieht dich leise vor der Zeit hinab;
Und wird dir erst im tiefsten Herzen bang –
Dies Fünfte ist des Todesengels Gang!

Mit Nr. 5 meint der Weise die Furcht überhaupt; und gibt es eine Hypochondrie ohne Furcht? Stirbt der Hypochondrist nicht täglich aus Furcht zu sterben? Das sind jene kleinlichen Unglücklichen, von welchen ich in einem früheren Absatze sagte, daß sie der Arzt selbst verachten müsse, den sie ewig consultiren; das sind jene freiwilligen Candidaten der Medizin, die sich in die ganze Krankheitslehre hineinlesen, die sich aus Büchern Recepte verschreiben, zu deren Einem Marcus Herz, der berühmt gewordene Feind alles Schwindels, eines Tages sagte: Lieber Freund! Sie werden noch einmal an einem Druckfehler sterben!

Das sind jene Nieten von Menschen, die der göttliche Platon aus seiner Republik verwies, die der göttliche Platon – also auch schon kannte; und wie sollte sie Athen, das Paris und London des Alterthums zugleich, nicht gekannt haben? »Zur Heilkunst seine Zuflucht nehmen müssen – läßt er seinen Sokrates-Silenos sagen – weil man sich, nicht der Wunden und unausweichlicher Krankheiten wegen, sondern um des Müßigganges und der Ueppigkeit willen Zustände zugezogen, für welche die klugen Nachkommen des Aeskulap erst Namen erfinden müssen – ist das nicht schändlich? Wenn ein Zimmermeister krank wird, so läßt er sich vom Arzt, sei es durch ekelhafte Reinigungen, sei es durch Schneiden, sei es durch Brennen, seines Uebels entledigen. Wollte der ihm eine langweilige Lebensordnung verschreiben, ihm tausenderlei kleine Vorsichten empfehlen, gleich würde er sagen, daß er keine Zeit habe, krank zu sein, daß es ihm wenig frommen würde, seine Gedanken immer mit der Krankheit zu beschäftigen, und die Beschäftigung, die ihm zukomme, liegen zu lassen. Lebe wohl! würde er einem solchen Arzte zurufen, zu seiner gewohnten Lebensweise zurückkehren, gesund werden, leben und arbeiten. Sind aber seine Kräfte zu schwach, sich emporzuraffen, so wird er Abschied nehmen und eines jämmerlichen Zustandes los werden. So der Zimmermann. Wer aber einen höheren Beruf zu wirken hat, soll der kleinlicher denken? Beim Zeus! nichts in der Welt hindert so sehr, einen würdigen Anspruch ans Leben machen zu dürfen, als diese übertriebene Sorgfalt für seinen Leib. Sie erschwert die Führung häuslicher Geschäfte, die Wirksamkeit des Kriegers, die Obliegenheiten des Bürgers im Staate. Sie macht unfähig zu allen Künsten und Wissenschaften, von welcher Art sie auch seien; unfähig zum Begreifen und Ueberdenken, da ihr immer von Leiden träumt, die sie selbst ersinnt; finde sie sich daher wo sie wolle – sie hindert, daß man ein guter, ein bewährter Mensch werde. Helden waren es, die Aeskulap von ihren Wunden befreite; das findet sich nirgends, daß er gesucht habe, solchen Menschen, die ewig über Kränklichkeiten klagten, durch langwierige Heilungen ein langes und unglückliches Dasein hinzudehnen, und sie so zu veranlassen, ein zweites Geschlecht von Nachkommen zu zeugen, elend und jammervoll wie sie. Von einem schwachgebornen und durch Unmäßigkeit zu Grunde gerichteten Menschen glaubte er, daß es weder ihm noch seinen Mitbürgern fromme, wenn er lebe; daß diese Kunst für einen solchen nicht gegeben sei, und wenn er reicher wäre als Midas.«

Mag uns Enkeln einer allmählich ganz anders gearteten Welt eine solche Art, die Sache anzugreifen, gar zu antik vorkommen, – es bleibt noch immer, auch für uns, genug aus ihr zu lernen übrig. Die hellen, verständigen Menschen erklären die Hypochondrie, von welcher wir hier nicht sprechen, für eine Krankheit, um derentwillen sich an den Arzt zu wenden sei; die Hypochondrie aber, von welcher wir sprechen, so wie wir, für Nichts. Einer der hellsten und verständigsten, der noch dazu selbst von diesem Nichts genarrt wurde, – Kant, verfährt als ächter deutscher Philosoph, annihilirt, was ihm im Wege steht, und erklärt alle Menschen für unvernünftig, die eine solche Hypochondrie statuiren, als ein Wirkliches nämlich. »Wenn ihn Grillen anwandeln, so fragt er sich, ob ein Object derselben da sei. Findet er keines, oder sieht er ein, daß, wenn auch gegründete Ursache zur Beängstigung da wäre, doch dabei nichts zu thun möglich sei, die Wirkung abzuwenden, so geht er mit diesem Ausspruch seines innern Gefühles zur Tagesordnung, d. h. er läßt seine Beklommenheit an ihrer Stelle liegen, als ob sie ihn nichts anginge, und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Geschäfte, mit denen er zu thun hat.« Wir geben ihm zu diesem Entschlusse unsern völligen Beifall; ja wir wissen, daß es ihm damit gelungen ist; denn der Aristoteles von Königsberg ist, trotz des Nichts, das ihn zur Bejahung zwingen wollte, und eigentlich in einer flachen Brust bestand, die seinen Lungen nicht sattsam Platz machte, alt genug geworden. Der geistvollste aller Grillenfänger, und der grillenvollste aller Geistreichen: Lichtenberg, dachte von solchen Gespenstern auch nicht anders. »Es gibt, sagte er, große Krankheiten, an welchen man sterben kann; es gibt ferner welche, die sich, ob man gleich nicht daran stirbt, doch ohne vieles Studium bemerken und fühlen lassen; endlich gibt es aber auch solche, die man ohne Mikroskop kaum erkennt. Dadurch nehmen sie sich aber ganz abscheulich aus; – und dieses Mikroskop ist – Hypochondrie. Wenn sich die Menschen recht darauf legen wollten, die Krankheiten mikroskopisch zu studiren, sie würden die Satisfaction haben, alle Tage krank zu sein.« – Besonders häufig ist die hypochondrische Vorstellung, an der Schwindsucht zu leiden, die durch die sentimentalen Schilderungen oberflächlicher Beobachter in Romanen und Novellen nicht wenig unterhalten wird. Schon Weikard fand es vor fünfzig Jahren angemessen, eine eigene Species von Gemüthsleiden unter dem Namen »eingebildete Abzehrung« aufzustellen. Der Schwindsüchtige hustet, aber nicht Jeder, der hustet, ist schwindsüchtig; und so ist es mit allen übrigen vereinzelten Symptomen des Krankseins. Ueberlasse man doch dem Arzte die Beurtheilung ihres Complexes, ihrer Bedeutung! Für den Nichtkenner sind sie Nichts.

Von dem Nichts aber kann man sich nur dadurch retten, daß man es ewig verneint; ein verneintes Nichts ist ein Dasein, und es gibt kein anderes Dasein, als Thätigkeit, welche zugleich der reinste, eigentlich der einzige Genuß lebendiger Wesen ist. Da die Hypochondrie, von welcher wir jetzt reden, auch nicht einmal Krankheit ist, so wird sie selbst durch Krankheit verneint, und der Geistesbruder des kurz vorher Genannten hat Recht, wenn er behauptet: »Man mache den Hypochondristen krank, damit er einsehe, was krank sein heiße, und er wird gesund werden. Probatum est. Man lasse den Hypochondristen hypochondrisch sein; denn er weiß sonst Nichts mit sich anzufangen. Auch probatum est.« – Betrachtet diesen leidigen Zustand als was Ihr wollt: als Schwäche, Einbildung, Faulheit, Dummheit, Egoismus, Krankheit, anfangenden Wahnsinn, – denn er ist das Alles und mehr; sein Name ist Legion, und er kommt vom Obersten der Bösen; – immer bleibt Thätigkeit der Engel mit dem Flammenschwerte, der ihm den Eintritt ins Paradies verwehrt, welches Menschen bewohnen, die der Natur und Pflicht getreu geblieben sind. Ruhe gebührt nicht eher, und Ruhe bekömmt nicht eher, als bis man ihrer bedarf. Da eigentlich solche Hypochondristen, denen Nichts fehlt (oder die das Nichts plagt), gar kein Mitleid erregen oder verdienen, so sehe ich nicht ein, warum man sie nicht lieber für unhöflich erklärt, was sie doch wahrlich sind, und, indem man sie mit diesem gesellschaftlichen Brandmal bezeichnet, zu ihrer Beschämung von der Societät ausschließt. Das würde vielleicht, zu ihrem eigenen Heile, der Sache schneller ein Ende machen, als alle meine und andere philosophische Discussionen darüber. Ja, man plage sie zu ihrem Heile; wenn die Gesellschaft in irgend einem Falle das Recht hat, zu peinigen, so ist es hier; sagt doch des Dichters erprobtes Wort:

Der Hypochonder ist bald curirt,
Wenn dich das Leben recht cujonirt.

Er kann eigentlich gar nicht entstehen, wo die diätetischen Seelenanstalten getroffen worden sind, die den Inhalt unserer vorigen Aufsätze ausgemacht haben. Ich möchte den Menschen sehen, der, von freundlichen Phantasien umgaukelt, mit ruhig sicherem Wollen die Bahn des Lebens schreitet, das Auge mit Klarheit auf die breite Welt geheftet, in schöner Harmonie aller seiner Kräfte, Thätigkeit und Genuß verschmilzt, – ich möchte den Menschen sehen, der so innerlich fest und gebildet, und dabei hypochondrisch wäre. Ich müßte mich also wiederholen, wenn ich hier ausführlicher sein wollte; und doch bot sich das viel besprochene Nichts, diese Malcontentheit mit allem Etwas, – das eigentliche Sinn- oder Unsinnbild unserer Zeit, mir mit so viel Anmaßung als wichtig dar, daß ich mich genöthigt fühlte, es nicht zu verschonen.

Es sind besonders drei Gemüthslagen, die zu jener Hypochondrie disponiren, von welcher wir hier sprechen, die wol auch den Arzt – wenn er ein Seelenarzt ist – aber nicht den Apotheker, angeht. Sie heißen: Egoismus, Müßiggang, Pedantismus. Von den ersten beiden ist in diesen Blättern oft genug die Rede, aber der letzte wird nur zu häufig im Lebensverkehr irrig gedeutet; wird dem angeschuldigt, der frei von ihm ist, wird dort am wenigsten gesucht, wo er am völligsten zu finden ist. Nicht Ordnung und Pünktlichkeit, von der sich nicht leicht eine Uebertreibung denken läßt, ist Pedantismus; der Geist der Kleinlichkeit, der den Zweck über den Mitteln verläßt, der ein Sklave selbstgemachter oder conventioneller Götzen ist, – er, und er allein verdient diesen Namen. Nicht der stille Gelehrte, der über der besseren Gesellschaft seiner Bücher die schlechtere der Welt vernachlässigt, und vielleicht wirklich ihre Convenienzen schon gelernt hat, ist der Pedant, sondern nur der Gelehrte, dem die Convenienzen der Bücherwelt höher als die Welt des Geistes gelten, die durch den Buchstaben nur vertreten, nicht verdrängt werden soll; dem nur die Ausgaben des Aristoteles, nicht was Aristoteles dachte und wollte, wichtig sind; nur die Urkunden verflossener Jahrhunderte, nicht der Sinn, den sie ausdrücken, nicht der Zweck, dem sie absichtslos dienten. Und der sich's am wenigsten träumen läßt, der Geck im Salon, dessen Lebenslust Ton, Formen, Mode, alle jene Kleinlichkeiten sind, welche der Mißverstand der Angewöhnung aus Mitteln eines nothwendigen oder angenehmen socialen Verkehrs zu selbstständigen Zwecken erhoben hat, – er ist der lächerlichste, der eigentliche Pedant. Das Spiel ist ihm zum Ernste geworden, und er hält nun das Ernsteste für Spiel. Und nun darf ich wol den Blick auf das Motto lenken, das ich diesem Abschnitte vorsetzte, um die Beziehung, in welche ich den Pedantismus hier bringe, zu verstehen. Was gibt es Kleinlicheres, als die körperlichen Unbequemlichkeiten, an deren ewig wiederkäuende Betrachtung der Hypochondrist sein besseres Selbst vergeudet? Man könnte die Hypochondrie die Eitelkeit des Befindens nennen. Und diese thörichte, grillenhafte Selbstbespiegelung, – sie führt zum geistigen Tode in dem Maße, als sie mit knabenhafter Angst das ihr unablässig vorschwebende Schreckbild des körperlichen Todes zu fliehen bemüht ist. Aber sie gefällt sich in ihrer Schwäche, und hat sich sogar in unserem Jahrhunderte nichtiger Verfeinerung ein Idol erfunden, in welchem sie sich beschönigen, ja verehren kann. Wir wollen es näher ins Auge fassen.

Es ist manchmal von der Melancholie berühmter Männer die Rede. Der Ausspruch des Stagiriten: daß erhabene und tiefblickende Menschen meist zur Traurigkeit hinneigen, legitimirt sie gleichsam. Camoens, Tasso, Young, Lord Byron schweben uns in idealer Düsterheit vor; die beiden ersten haben wir zur Verherrlichuug der Hypochondrie aufs Theater gebracht; an ihren Leiden erbauen wir uns, die der letztern affectiren wir zu theilen. Alles dies gehört auf ein anderes Blatt. Wie es großen Männern zu Muthe ist, mögen sie selbst ausdrücken und ins Reine bringen; aber von der modernen Poesie laßt uns hier ein Wort einschalten. Bei ihr ist nicht die Rede von großen Männern, – wol aber von krankhaften Zuständen. Sagen wir's nur immer gerade heraus: Hypochondrie, entgeistete, grämliche, affadirende Hypochondrie ist die Amme der modernen Literatur, und man wird nächstens, zur richtigen Beurtheilung unserer jüngsten Dichter, des Arztes statt des Recensenten bedürfen. Ein junger Mensch, im mütterlichen Hause er- oder vielmehr verzogen, ohne Erfahrung, ohne Studium, ohne bestimmte Richtung, ohne Kraft zu arbeiten oder wahrhaft zu genießen, wird sich seines elenden Schwebens zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Nichtgewesensein und Nichtwerden, inne. Er liest Novellen und geht ins Theater, vergleicht sich mit Dichtern und Helden und macht Verse. Nun wird es ihm auf einmal klar, daß sein erbärmlicher Zustand von Langeweile eigentlich eine unausgefüllte Tiefe, eine unbefriedigte Sehnsucht ist. Er greift in das Meer melancholischer Phrasen, womit die poetischen Ströme von Jahrzehnten uns überschwemmt haben; er badet sich in diesen Wässern und spiegelt sich in ihnen; Camoens und Byron sind seine Leidensgenossen; nur daß sein Jammer, weil seitdem die Zeit vorgeschritten ist, viel interessanter wird, und nächstens eine zweite Auflage zu erleben hofft. So bringt der Unglückliche seine Jugend hin, – und greift ihm nun das Leben, das er versäumt hat, wirklich an die Kehle, steigt ihm ein anderes Wasser, als sein poetisches, an den Hals, – dann ist sein Elend fertig. Er, der weder die Welt noch sich selber kennen gelernt hat, schnappt nun vergebens nach seinen poetischen Bildern; er kann sie nicht brauchen, sie können ihn nicht trösten; er geht mit sammt seinen dichterischen Herrlichkeiten kläglich zu Grunde. So geht es dem Unbegabten; aber auch dem eigentlich Talentvollen, der zum Dichter berufen wäre, wird es nicht besser, – ja schlimmer. Der verliert sich erst recht in die schauerlichen Abgründe seines kleingroßen Ich: glaubt zu dichten, indem er hypochondrisch grübelt, – und ladet sich jene größte Lebenskrankheit des innerlichen Zwiespaltes wirklich auf den Hals, welche Jener nur heuchelt. Solche Dichter ziehen dann natürlich ihr Publikum nach, – und da jetzt fast Alles Publikum ist, Alles von Literatur singen und reden will, – so begreift sich, wie nöthig es ist, diese literarischen Interessen in einer diätetischen Schrift zu besprechen, wenn man noch einen Theil des Publikums vor dem Gräuel der Hypochondrie retten will. Es gehört also zur Diätetik der Seele, daß wir, weil wir die soi disants Youngs und Byrons unserer Tage doch nun einmal kaum überzeugen werden, daß sie vorerst was Rechtes lernen sollten, – es gehört, sage ich, zur Seelendiätetik, daß wir sie jammern lassen. Mögen sie des traurigen Gefühls ihrer Unzulänglichkeit in behaglichem Wiederkäuen selbst genießen! Wir wollen am Leben halten, und uns Muth statt Verzweiflung zu verschaffen suchen; Hippel aber sagt: »Nichts ist gewisser, als daß ein Kerl, der lesen kann, schon ein Maß Muth weniger habe; singt er, so fehlen ihm zwei Maß.« – Haben wir gleich selbst Lectüre unter die Mittel gezählt, unser inneres und dadurch auch das äußere Leben frisch und gesund zu erhalten, – so gibt es doch solcher Mittel noch ein Paar, die nebst der Thätigkeit, welche das Alpha und Omega ist, wenigstens für die erwähnten Candidaten der Hypochondrie wichtiger sind, als Alles, was in Büchern zu finden ist.

Ich will sie im nächsten Abschnitte nennen, damit der Leser inzwischen Zeit habe, zu versuchen, wie sich das Ei auf die Spitze stellen ließe.


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