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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeessay
authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
year1879
firstpub1838
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VIII. Oscillation

Ich hieß meinen Schmerz willkommen; er ward zum Sinnbilde des allgemeinen Lebens; ich glaubte die ewige Zwietracht zu fühlen und zu sehen, durch die Alles wird und existirt in dieser ungeheuren Welt von unendlicher Kraft und von unendlichem Kampf.
            Fr. v. Schlegel.

Das Leben des Menschen, wie das der ganzen Natur, besteht aus Gegensätzen, die einander folgen, begleiten, bedingen. Es herrscht im Weltall ein Gesetz des Gleichgewichtes, in welchem sich die Gegensätze lösen, indem sie sich aussprechen: ein ewiger Pulsschlag der Natur, der das Leben durch die Adern aller Welten treibt. Selbst bei der stillen, regelmäßigen Bildung der Gewächse, dieser zarten Kinder des Friedens und der Stille, geht die Natur nach diesem Gesetze zu Werke, und verbirgt einen tiefen, inneren Gegensatz. Sie gestaltet die Pflanzen von Knoten zu Knoten, wobei sie ihre schaffenden Kräfte durch Zusammenziehung immer gleichsam in sich sammelt, um sie sodann in der Ausdehnung wieder wirken lassen zu können. Und so herrscht dieser Typus durch alle Naturen. Es gibt im Reiche der Schöpfungen keinen Vorzug ohne Mangel, keinen Gewinn ohne Verlust, kein Steigen ohne Fall, keinen Zwiespalt ohne Versöhnung. So wechselt denn auch im Leben des Menschen, dieser kleinen Welt, beständig fort Spannung und Nachlaß, Schlaf und Wachen, Freude und Schmerz, wie das Ein- und Ausathmen des belebenden Elementes. Unser Dasein ist ein steter Kreislauf, von solchen Schwingungen bedingt. Je kräftiger der Eine dieser Momente ist, desto lebhafter drängt sich dann der entgegengesetzte vor, den er aufruft. Ein Naturforscher schildert diese Vorgänge so: »Wer zu schnell geht, muß auch alsbald ebenso langsam gehen. Wer sich unmäßig in Bewegung setzt, muß auch eben so sehr wieder ruhen. Wer sich in Einem Tage für zwei Tage anstrengt, in Handlung und Empfindung, muß dafür auch einen Tag länger Unthätigkeit und Stumpfheit erfahren. Je unmäßiger die Aufregung des Wachenden war, um so tiefer und länger wird der Schlaf. Je mehr der nothwendige Schlaf bekämpft und verachtet wird, um so tiefer und länger tritt er in alle Glieder als Mattigkeit und Unlust. Je lebhafter eine Empfindung ist, um so schneller erlischt sie. Je heftiger ein Wille, eine Begierde ist, um so leichter erkalten sie. Je höher der Zorn steigt, um so näher ist er seiner Lösung. Die wildesten Thiere sind auch die zähmbarsten, und die Löwennatur ist in gleichem Maße, wie sie zur höchsten Wuth entbrennt, auch der höchsten Milde fähig. Je freier und gewaltiger die Selbstheit sich behaupten kann, desto tiefer wird auch die Hingebung ans allgemeine Leben möglich und in ihr selbst gefordert.« – Folgen nun die lebendigen Gegensätze kräftig, folgen sie gesteigert, folgen sie schnell auf einander, so ist es wol begreiflich, daß das Leben sich aufreiben muß, und zwar um so früher, je auffallender die eben genannten Umstände eintreten. Neigt sich wieder das Leben dauernd nach einer Seite hin, so geht jenes Wechselspiel verloren, ohne welches es nicht bestehen kann, ja welches es selbst ist. Alles kommt also darauf an, daß man diese Gegensätze zu behandeln verstehe, und glücklich ist der Mensch zu preisen, der es dahin gebracht hat, da, wo die drohende Kirchhofsruhe des entschlummernden Lebens eintreten will, den verjüngenden Kampf in sich zu wecken, aber auch da, wo dieser Kampf die Kräfte seines Wesens zu zerstören droht, ihn zu beschwichtigen, und durch eine gewisse anhaltende Kraft und Stille des Gemüthes das Gleichgewicht und die Versöhnung in sich zu erschaffen. Es ist möglich, einen Moment durch den andern zu mäßigen, einen durch den andern zu erhöhen. Hierin liegt das Grundgesetz der ganzen Seelendiätetik. Aber Niemand ist im Stande es zu erfüllen, ja nur es zu verstehen, der nicht zuvörderst daran geht, sich kennen und beherrschen zu lernen. Es genügt nicht, auf Speisen und Getränke Acht zu haben, Ruhe und Bewegung gehörig abzumessen, den zweiten Theil von Hufelands Makrobiotik auswendig zu lernen, oder unsere Rhapsodien über die Einwirkungen des Fühlens, Wollens und Denkens auf das Wohlsein des Menschen zu lesen; wir fordern mehr, – wir fordern, daß man sich Gewalt anthue, daß man sich kennen lerne, daß man sich ausbilde, sittlich und intellectuell, und man wird erfahren, was das heiße: Gesundheit, Integrität des Menschen. Und Niemand sage: mir ist eine solche Anstrengung nicht möglich, mir sind solche Kräfte nicht verliehen! – Ein inneres Leben, auf dessen Voraussetzung alle unsere Forderungen beruhen, ein Geist, der fähig ist oder befähigt werden kann, den Körper zu beherrschen, sie sind Jedem verliehen, der im Stande ist diese Zeilen zu lesen, und sich gegen sie zu wehren; und Jeder kann, was er soll.

Das Bedürfniß der Freude und Erholung nach Pausen ernster Thätigkeit und Duldung, und der Trieb es zu befriedigen, darf Niemandem bekannt gemacht werden. Es kündet sich von selbst an, wie die gütige Natur nach wiederholten Anstrengungen von selbst zum erquickenden Schlafe ladet, und ihn mit sanfter Unwiderstehlichkeit herbeiführt. Höchstens bedürfte der rastlos im Staube der Wissenschaft wühlende Gelehrte einer solchen Mahnung an die Gebote der Natur und des Lebens, die nie ungestraft übertreten wurden. Wenn Mephistopheles dem Dr. Faust keinen andern Dienst erwiesen hätte, als daß er ihm den gelehrten Mantel lüftete, so hätte der Doctor nicht zu verzweifeln gebraucht. – Aber mit dem Erwachen ist's nicht immer so wie mit dem Einschlafen. Hier wird oft die strengere Hand des Zwanges nöthig. Das Leben weiset Jedem mit einem eisernen Stabe seine Bahn. Wohl dem, der den Stab sieht, seiner Weisung mit ernstem Schritte folgt, und nicht wartet, bis er, schwer und nicht mehr abzuschütteln, auf seinem blutenden Rücken liegt! Es gehört schon ein hoher Grad von innerer Cultur, oder ein feiner, nur Wenigen gegebener Tact dazu, im Taumel oder doch im verweilenden Spiele des Genusses das Bedürfniß des Ernstes, ja des Schmerzes zu empfinden. Quelle est – fragte sich der geistvolle Salvandy, der sittlichste aller neueren Dichter – – quelle est cette mystérieuse puissance, qui fait toujours sortir une affliction du milieu des nos joies les plus vives, comme si, en les goûtant, l´homme était infidèle à sa mission? – Was hier ein zartes Gemüth sittlich anerkennt, das gilt auch diätetisch. Der Schmerz ist nicht blos die Würze, – er ist die Bedingung eines ächten, belebenden Vergnügens, – wie es Nacht werden und gewesen sein muß, damit der Tag sich entwickle, und seinen belebenden Kreislauf halte. Die Natur weiß immer, was sie thut, und gibt nie ohne Liebe; sie hat den Rosen Dornen beigesellt, – und wer uns von allem Schmerze befreien wollte, würde uns zugleich auch jede Freude genommen haben. Unlust ist der Sauerteig in der Gesammtmischung des Menschen, das Element der Bewegung, ohne dessen Reiz wir endlich verschimmeln würden. Ein kleiner Verdruß, aus zufälliger Ursache entstanden, befreit oft von einer schwermüthigen Stimmung, gegen welche lange Zeit hindurch kein Mittel verfangen wollte. Reiche, satte, unthätige Menschen sind es, die zuerst in die Folterarme der Hypochondrie fallen, – Menschen, welche, in aller Fülle des Genusses schwelgend, von Thoren glücklich gepriesen werden. Eine tief in ihnen versteckte Mahnung treibt sie unaufhörlich sich selbst zu quälen, weil doch eine Lücke in ihrem Dasein ist, welche der Genuß nicht auszufüllen vermag. Der Weise kommt diesen peinigenden Gefühlen zuvor, und sucht selbst den Schatten, der auf der schwülen Wallfahrt durch dieses Leben nun einmal nicht zu entbehren ist. Dämmerung ist Menschenloos – in jeder Beziehung. In der blendenden Schwüle des Glückes, wie in der Nacht des Unglückes lauert die Versuchung. Wer sie kennen gelernt hat, wird in tiefer Bewunderung der Vorsehung, statt über den Ursprung des Bösen fruchtlos zu grübeln, im Lärm der Freude gerne und entschlossen den geheimnißvollen Warnerton des Schmerzes nicht nur vernehmen, sondern selbst aus seinen Tiefen hervorrufen. Das ist der Höhepunkt der Kunst zu leben, der Gipfel der Seelendiätetik; am schwersten zu ersteigen, aber am lohnendsten, wenn man oben ist.

Als dieses Büchlein zuerst erschien, war es dieser Abschnitt, der selbst von Solchen, welchen der Inhalt des Ganzen wohlthat, welche auf dessen Absicht eingingen, manchen Widerspruch erfuhr. »Was ist am Süden so schön und gesund – fragte mich eine geist- und lebensvolle Frau – als daß er das annähernde Bild eines ewigen Frühlings gibt? und wie denken wir uns ein besseres Dasein als eben in diesem Bilde der Dauer und Ungetrübtheit? ist das nicht eine traurige, eine mönchische Ansicht, die den Schmerz und das Böse mit zum Leben rechnet, als sei die Menschheit zu ewiger Betrübniß verdammt? Nein, nein! uns zu freuen, uns zu beglücken sind wir da, und – das Schöne, das Gute über die ganze Erde zu verbreiten, und allmählich allein herrschend und für immer dauernd auf ihr zu machen, – das ist die Bestimmung der ganzen Menschheit, wenn sie kein Traum sein soll; und alle zarten Wünsche schönerer Seelen, sie müssen dereinst in Erfüllung gehen, wenn sie nicht der Spott höhnender Dämonen, wenn sie Verheißungen einer liebenden Gottheit gewesen sind.« – Wie gerne hörte ich dem schmeichelnden Widerspruche zu, der aus einer wirklich schönen Seele kam; und wer träumte sie nicht gerne mit, die Träume, ohne welche das Leben nur eine farblose Fläche darstellt? allein wir erwachen, und nun gilt es, zu sein und zu wirken in der Welt, die ist, – und des schönen Traumes auf eine Weile zu vergessen – damit er um so schöner und wahrer bleibe und immer wiederkehre. Denn die Sehnsucht und die Ahnung sind dem Menschen gegeben, um ihn zum Höheren hinauszuheben, nicht um das Höhere in die irdische Wirklichkeit herabzuziehen! Sie sollen nur hindeuten: nicht durch Erfüllung vernichten, wie die Alles aussprechenden Griechen durch den Mythos von Semele und dem Gotte, den sie zu schauen begehrte, lehrten. Wenn der Cultus des Höhern die heiligste Pflicht des Menschen ist, so ist es eine Pflicht dieser Pflicht, sie nicht durch Gewöhnung zu mißbrauchen und zu verflachen, – nur Einen Sonntag in der Woche zu haben. Schauen wir einmal ruhig unser Dasein an, mit der Betrachtung, nicht mit den Wünschen, . . . . so werden wir uns resigniren, es zu nehmen wie es ist, und das Gemälde des orientalischen Freudenhimmels Jenem zu überlassen, der im Stande ist, mit purem Lichte, ohne Schatten zu malen. Nehmen uns vollkommenere Welten in ihren Schooß, so werden wir anders organisirt sein; in unserer jetzigen Organisation ist einmal Lust durch Leid bedingt, und Schmerz die tiefe Wurzel des Lebens und Thätigseins. Und die ausgesprochenen Wünsche der Verbesserung, – wer wird sie eher verwirklichen, der Mensch mit dem unbefriedigten Wunsche im Herzen, oder der mit dem Bewußtsein des Wirklichen im Kopfe? und – was eigentlich den Zweck der Diätetik der Seele berührt – wer wird zufriedener genießen, – der, welcher eine andere Welt fordert, oder der, welcher die vorhandene mit Ergebung auffaßt? Es bleibt also wol bis auf Weiteres bei der alten Wahrheit und den berühmten Sätzen des Grafen Veri:

Unser Leben besteht in Thätigkeit. Das Gefühl von Hemmung dieser Thätigkeit ist der Schmerz; das Gefühl von Beförderung der Thätigkeit ist das Vergnügen. Es kann aber keine Beförderung erfolgen, wenn nicht – sei es in noch so geringem Grade – eine Hemmung vorhanden war. Das Vergnügen setzt also den Schmerz voraus. Wenn wir unsere Lebensthätigkeit über das Maß steigern wollen, so bringt das Uebermaß eine Hemmung hervor. Das Maß ist Gesundheit. Wenn wir uns aufmerksam beobachten, so werden wir in uns einen steten Trieb gewahr, aus unserem Zustande herauszugehen. Vergnügen an der Gegenwart kann dieser Trieb nicht sein; der Mensch befindet sich also in einem immerwährenden Schmerze, und dieser Schmerz des Lebens ist der Sporn zur Thätigkeit in der menschlichen Natur. In unserm Loose ist nichts dauerhafter, als der Schmerz, und das Vergnügen ist nichts Positives, sondern nur seine Linderung.

Scheine diese Ansicht düster, – sie ist es nicht; sie ist das treue Spiegelbild unseres Zustandes und ein wundervoller Lichtstrahl unserer Bestimmung. Die tiefen Gedanken, die sie eröffnet, verdienen nach allen Richtungen hin verfolgt zu werden, und sie offenbaren dem, der sich ihrer Betrachtung hingibt, die Geheimnisse des sittlichen, wie des Naturlebens. Die Natur selbst durch ihre Gesetze deutet an, daß diese Gesetze einem Höhern untergeordnet sind. Das Gemenge von Lust und Schmerz im Labyrinthe des menschlichen Lebens ist – menschlich zu sprechen – ein Symbol der göttlichen Absicht. Ohne Leiden bildet sich kein Charakter, ohne Vergnügen kein Geist. Der Mensch soll also wol an beiden reifen. So auch die Menschheit. Nicht das Behagen des Menschen, sondern seine Pflicht ist der Zweck, wohin Alles tendirt – in welchem auch das Behagen erst seine Gewähr findet. Das schale Einerlei des Genusses lehrt durch Sättigung – den Gedankenlosen zu spät – den Werth der Arbeit, und die Begierde, für welche Himmel und Erde nicht genug haben, führt den Thoren zur Verzweiflung – den Besonnenen zur Genügsamkeit. Langeweile ist das ganze Dasein des Menschen, – ein leeres Blatt, ein inhaltloser Begriff, – wenn ihn der rastlose Stachel im tiefsten Innern nicht treibt, im Schweiße seines Angesichtes die Geschichte hinzuschreiben: daß er litt, – das ist, daß er lebte. Und daß er sie hinschreibt, darin besteht sein Glück: schreibe er mit Thaten, Freuden oder Worten – es sind die Zwischenräume seiner Leiden. Wir haben keinen anderen Begriff vom Glücke; genug, wenn wir glücklich in diesem Begriffe sind! Hat das Leben durch diese Betrachtung – die freilich der Jüngling, an Illusionen reich, nicht machen wird, und der enttäuschte Mann schon ohne uns gemacht hat! – scheinbar seinen Werth verloren, so hat es an Bedeutung – und das ist sein wahrer Werth – gewonnen. Ungewiß und vergänglich ist das Glück; gewiß und ewig bleibt die Pflicht. Die Vorsehung schuf den Schmerz nur, um auch den Trost erschaffen zu können, und gerade der schmerzliche Widerspruch in unserer Natur ist das Siegel ihrer höheren Bestimmung. Schöner ist kein Lächeln, als das, welches mit der noch nicht versiegten Thräne im Auge kämpft; höher und dauernder ist keine Sehnsucht, als die nie zu befriedigende; reiner und wahrer genießt Niemand, als der freiwillig Entbehrende, und so mag und wird das Kreuz, mit Rosen umschlungen, das tiefste Symbol unseres Lebens bleiben.

Ungern reiße ich den Faden dieser Betrachtungen ab, der ununterbrochen verfolgt, durch manche düstere, aber für den ernsten Weltbetrachter erkenntnißreiche Irrgänge unseres vielverflochtenen Geschickes führen würde, – um, dem praktischen Zwecke dieser Blätter gemäß, das Handeln zu berathen.

In der Betrachtung wäre also jener Gegensatz festgestellt. Nun heißt es, dem Wechsel in allen Kreisen unseres Wirkens und Leidens, dem Gleichgewichte in allem Wechsel nachspüren, damit allenthalben das erkannte Gesetz sich heilsam bethätige. Freude und Schmerz sind Aeußerungen der zartesten Sphäre des Menschen, der empfindenden. Auch in einer gröberen gilt dasselbe von Ruhe und Bewegung. Thätigkeit bedingt das Leben des Menschen; ja das Leben ist nichts Anderes, als Thätigkeit; aber auch eine allzugroße Thätigkeit, sei sie es der Intension oder Dauer nach, kann der Harmonie des Lebens tödtlich werden und ist zu beschränken. Endlich, auch in der materiellsten Sphäre des menschlichen Organismus, macht sich die gleiche Regel geltend: der Wechsel zwischen Nahrung und Kräfteaufwand wird durch Genügsamkeit, durch Mäßigkeit balancirt. Und wieder: selbst in den höchsten Bezirken des menschlichen Webens und Wirkens, in denen des Gedankens, wird eine erhaltende Oscillation nöthig; die feinsten Denker, welche über das Denken hinauszudenken fruchtlos bemüht sind, kommen endlich zu solchen Ergebnissen und müssen, was eine scharfblickende Frau von den Dichtern sagt, zuletzt vom Menschen gelten lassen: daß sein Heil auf einem Wechsel von Bewußtsein und Nichtbewußtsein beruhe.

Es wäre Pedanterie, mittelst des Verstandes ein solches Gleichgewicht in sich erzwingen zu wollen, diese oder andere diätetische Schriften in der Hand jedem flüchtigen Augenblicke dieses wandelvollen Lebens mit lächerlich ernsthafter Amtsmiene zuzurufen: Bis hieher und weiter nicht! – und sich selbst wie den Compaß seiner Taschenuhr zu behandeln, den man nach Belieben auf Avance oder Retard richtet. Man kann durch keinen Act des Bewußtseins dem Bewußtsein entgehen; wol aber kann man eine Stimmung in sich hervorrufen, und sich ihr hingeben. Es ist jener besonnene und doch halb unwillkürliche Zustand einer behaglichen Lebensanschauung, was dem Gedeihen der Zufriedenheit und Gesundheit am günstigsten ist; ein Zustand, der, zwischen angespannter Aufmerksamkeit und nachlässiger Zerstreuung eine heilsame Mitte haltend, uns immerfort zugleich beschäftigt und beruhigt, der unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst nie zur Grillenfängerei werden läßt, indem er sie stets mit jener auf die äußere Welt verbindet und versöhnt; ein Zustand, dessen nur der Gebildete, dem es zugleich an Gefühl für die Sprache der zarteren Lebenserscheinungen nicht gebricht, fähig ist; ein Zustand, der sich nur schwer mit Worten einigermaßen deutlich machen läßt, weil er, wie alle Zustände, etwas Mystisches hat; den der sinnende Schelver den heiligen Instinct des Lebens nennt, und nach seiner poetischen Weise so schildert: »Frage doch der Mensch nur seine eigene Erfahrung, wo und wann er die Fülle der Seligkeit genossen habe. Doch wol da, wo er thätig, vom Rade des Lebens unsichtbar fortgerissen, im beständigen Werden schwebt. Da gehört er sich selbst kaum an, denn er ist in der Seligkeit des Lebens verloren! er genießt sie und weiß nicht, was er genießt, und das einzige Gefühl, welches sich löset, ist die stille Rührung des sich selbst unbegreiflichen Herzens. Seine Werke gehen aus seinem Gemüthe hervor, wie Blumen und Früchte aus dem herben harten Holze; sie sind ihm nicht Absicht und Künstelei, wie sie den Anderen erscheinen mögen, sondern natürlich, leicht, einfältig und alltäglich! er war darin nur glückselig. Wissen wir nicht, daß der, welcher mit hastiger Begier die Gegenstände ergreift und halten will, in demselben Momente auch schon das vorher Gefundene verliert? Er ist irrig, da er greifen will, wo er empfangen soll. Es ist ja Alles schon da, und es fehlt nur, daß es für ihn da sei. So nehme er es ruhig auf und die Pforten der Welt werden sich vor ihm öffnen. Darum hat das Kind ein so weites Gedächtniß, das an der Welt ohne Eingriff vorübergeht. Darum tritt im höheren Alter, wo der heftige Wille gemäßigter wird, Erinnerung und Behagen wieder ans Herz. Aus dem Zwiespalte des Begehrens und Mangelns kehrt der Mensch in diesen heiligen Instinct des Lebens zurück: ihn zu bewahren, kann allein seine Sorge sein.«

Gewiß, es bleibt die höchste Aufgabe der Kunst zu leben überhaupt, und also auch der Seelendiätetik: sich immer klar zu sein, ohne ängstlich auf sich Acht zu geben; – für alle Erscheinungen um und in sich eine heitere Objectivität zu bewahren; Alles auf sich wirken zu lassen, und doch alle Wirkung zu assimiliren, und durch alle Verwandlungen stets man selbst zu bleiben. Sagen wir es nur immerhin, wer das erreicht hat, der ist sich selbst Alles, – Lehrer, Freund, Gegner, Beschützer, – Arzt. Alles Leben wirkt in Pulsen. So auch das unsere. Wie unser Gehen ein beständiges Fallen ist, von der Rechten zur Linken, und wieder zurück, so besteht der harmonische Fortschritt unsers Daseins im schönen Gleichgewicht wechselnder Gegensätze, welches für jeden Einzelnen ein Anderes ist, das aber Jeder durch Uebung seiner Kräfte sicherer als durch Nachsinnen finden wird. Wenn er dann den Augenblick erfährt, wo er kein Organ seines Wirkens als besonderes, sondern nur die Freiheit dieses Wirkens als den gemeinsamen Ausdruck seines Selbst herausfühlt – dann ist er ganz und gesund. Seinen Magen empfinden heißt: ihn verdorben haben; keinen Theil seines Organismus vor dem andern herausfühlen heißt: gesund sein.

Das nächste Kapitel wird uns Anlaß geben, diese Erfahrung an einer traurigen Erscheinung genauer zu prüfen.


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