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Zur Diätetik der Seele

Ernst von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele - Kapitel 10
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authorErnst von Feuchtersleben
titleZur Diätetik der Seele
publisherPhilipp Reclam jun.
year1879
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VI. Temperament, Leidenschaft

Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte.
Goethe.

Man würde diese Aufsätze doch für gar zu willkürlich und unvollständig halten, wenn darin der Temperamente und Leidenschaften nicht wenigstens mit Einigem gedacht würde. Freilich ist an den Temperamenten wenig mehr zu temperiren, und also für die Seelendiätetik wenig zu gewinnen; freilich ist über die Leidenschaften, mit und ohne Leidenschaft, schon so viel geredet worden, und sie beherrschen uns noch immer; freilich hätte ich gehofft, daß sich das für unseren Zweck Wesentliche darüber aus dem Gesagten von selbst entwickle; – aber wie es Leser gibt, denen man Freude macht, wenn man ihnen Vieles verschweigt, so gibt es mehrere, denen man Alles sagen muß. Mögen daher Jene zu Gute halten, was ich, Diesen zu Liebe, noch beizufügen im Begriffe bin. Es sind nur zerstreute Bemerkungen. Die Kapitel der Psychologie und Lebens-Philosophie, wo sie hingehören, mag sich Jeder hinzudenken, wenn wir nicht ein ganzes Lehrbuch hier einschalten sollen.

Es gibt im Grunde nur zwei Temperamente, – von welchen die allbekannten vier und die wenig bekannten Millionen nur Modificationen, und wieder Combinationen dieser Modificationen sind, – nämlich, ein thätiges und ein leidendes. In diese zwei Hauptformen werden sich die einzelnen Glieder der großen Kette des menschlichen Geschlechtes bequem unterscheiden lassen. Glieder, welche andere umklammern, und Glieder, welche sich von andern umklammern lassen. Lavater, Zimmermann, von Hildenbrandt, sind in ihren Werken derselben Ansicht. Der ehrwürdige Verfasser des uralten unter den hippokratischen Schriften befindlichen Buches »von der Diät« bekannte sich zu ihr. Die Brown'sche Schule, den Gegensatz von Sthenie und Asthenie festhaltend, war ihr geneigt.

Wie der Charakter das Ganze des gebildeten Wollens umfaßt, so ist das Temperament nichts Anderes, als das Ganze der angebornen Neigungen. Die Neigung aber ist nur der Stoff des Willens, und wird, von ihm beherrscht, zum Charakter, – ihn beherrschend, zur Leidenschaft. – Das Temperament ist also die Wurzel der Leidenschaften, und es gibt auch nur zwei große Gruppen von Leidenschaften, wie es zwei von Temperamenten gibt. Einsichtsvolle Psychologen und denkende Aerzte haben das immer gefühlt, und jene haben die Temperamente in thätige und leidende, diese die Leidenschaften (sagen wir nur zugleich: auch die Affecte, um auszudrücken, daß von Gemüthsbewegungen die Rede ist, unter welchen Begriff sich ohne Wiederholung Alles auf beide Bezügliche zusammenfassen läßt) in erregende und niederschlagende unterschieden. Die gewöhnlich als sanguinisch und cholerisch bezeichneten bilden unser thätiges, die als phlegmatisch und melancholisch bekannten unser leidendes Temperament. Es ist nicht wahr, wie man denken möchte und hin und wieder wol auch äußern hört, daß die trägen Temperamente bei der praktischen Philosophie des Lebens ein leichtes Spiel haben. Die Trägheit ist die stärkste Kraft in der Natur, und am Menschen weit schwerer zu überwinden, als die Lebhaftigkeit. Auf Ueberwindung aber beruht die Diätetik der Seele, – und ächte Lebensweisheit ist der Bewegung hold, nicht dem Stillstande. Hier heißt es wieder: das eigene Maß erkennen, zu welchem jeder Einzelne gebildet, in welchem er gesund ist, – und demgemäß sich beruhigen oder anregen. – Gleichgiltigkeit ist der eigentliche Tod. Hiermit ist das Vorurtheil, welches die Leidenschaften in ihrer Quelle austrocknen möchte, bekämpft. Diese Quelle ist die Neigung. Ohne Neigung kein Interesse, ohne Interesse kein Leben. Die Alten haben gedichtet, daß die Musen die Töchter der Erinnerung sind: die Mutter der Erinnerung aber ist die Liebe. Die Neigung muß erst vorhanden sein, ehe die Weisheit ihr eine Richtung vorzeichnen kann. Gleichgiltigkeit beherrscht das öde Gefilde, wo Neigung mangelt. Die Schwester der Gleichgiltigkeit ist die entsetzliche Langeweile, – ihr Bruder der Müßiggang: eine furchtbare Sippschaft. »Wer mich verwundet – klagt ein lebhafter, beweglicher Autor – hat nur meinen Körper verletzt; wer mich aber langweilt, ermordet meine Seele.« Und wer sich selbst langweilt? fragt die Diätetik der Seele weiter. Liebe und Haß, das sind die tiefsten Gründe unseres Lebens. Es nützt uns hier wenig, zu wissen, daß auch der Haß nur eine verborgene Liebe, wie der Tod ein geheimes Leben ist. Genug, daß beide Aeußerungen des Einen Lebens: Anziehen und Abstoßen, zu dessen Gesundheit gehören. Auch Unmuth ist ein Element lebendigen Wirkens, und der Mensch des Gemüthes kann dessen so wenig entbehren, als der leibliche der Galle. Ueberhaupt: Leidenschaften sind Kräfte, – so gut wie andere, geistige oder körperliche. Muth kann sich Niemand aufdemonstriren; ein leichter Grad des Unwillens wird ihn erregen und waffnen. Kräfte muß man nie vernachlässigen oder gar ertödten: man muß sie studiren, zu bändigen, zu steigern, zu ordnen, zu beherrschen suchen. Das ist Alles. Spricht nicht der besonnene Lessing von einer Leidenschaft fürs Wahre? Ist nicht Begeisterung ein Affect? und ist sie nicht die Flamme, die das Leben des Menschen, das geistige, wie das irdische, nährt und erhält? Sie hebt über hundert Klippen, an welchen kalte Berechnung zerschellt; sie füllt mit einer Wärme, in welcher ungeahnte, mächtige Kräfte der Erhaltung wie der Heilung sich entfalten. Wer sich beobachtet, fühlt, wie heilsam ihm die frische Bewegung der Seele ist. Tüchtige Menschen vor Anderen lieben sich einen Schauplatz der Uebung, – eine Erregung im Innern oder in der Außenwelt. Cato, der ältere, – erzählt sein griechischer Biograph – war nur recht glücklich, wenn Jupiter donnerte. – »Aber – wendet ihr mir ein – bewahrt ein leidenschaftloses Leben nicht vor der Selbstaufreibung? erhält man nicht Insecten durch Jahre unter der Hülle ihrer Verpuppung? Pflanzen im Keller versperrt, bleiben sie nicht länger am Leben, als die in der freien Atmosphäre, deren Säfte durch die mütterliche Wärme der Erde in steter Bewegung erhalten werden? Was sagst du vom Murmelthiere, von in Steinen verschlossenen Kröten?« – Ich sage, daß ein langes Leben deshalb nicht ein gesundes ist, und daß Menschen keine Kröten sind. Und wenn die Leidenschaften – die gesteigerten Neigungen – zu gar nichts gut wären, so sind sie es dazu, um die Leidenschaften zu bekämpfen. Reflexion allein wird nie im Stande sein, einen Affect zu vernichten, – kaum, ihn zu beschwichtigen; aber wol kann durch eine heftige Neigung eine andere balancirt, ein Affect durch den andern gedämpft werden, die Liebe durch den Stolz, und umgekehrt; der Unwille durch die Freundschaft, der Zorn durch das Lachen u.s.w. Die Natur selbst, die weiseste und sicherste Erzieherin, leitet den Menschen durch Neigungen; sie aber weiß am besten, wo er zu fassen ist. Schnelle Freude erregt, und erschöpft durch Erregung. Anhaltende Heiterkeit unterhält den plastischen Lebensprozeß. Jene wirkt wie ein reizendes, diese wie ein stärkendes und nährendes Heilmittel. Eben so verhält sich brausender Zorn wie jene, edler Unwille wie diese. Auch greifen Ethik und Diätetik wundersam in einander. Verderblich wirkt die Flamme des Zornes auf den Bau des Organismus, wohlthätig oft das stille Feuer der Indignation; und hängen nicht diese Grade zumeist von den Gegenständen und Charakteren, also von sittlichen Momenten ab? Der Zorn ist eine gemeine Erregung über Gemeines, und zieht zum Gegenstande herab: wenn wir zürnen, hat unser Gegner seinen Zweck erreicht, wir sind in seiner Gewalt. Indignation ist eine sittliche Bewegung, eine edle Leidenschaft, die uns über das Gemeine erhebt und, indem sie es uns verächtlich macht, uns davor bewahrt. Es ist das leise, hohe Zürnen, das, wie ein unabsichtliches Zeichen der Göttlichkeit, um die Lippen des belvederischen Apoll spielt. Plato nannte Leidenschaften »die Fieber der Seele, – « weil sie Krisen darstellen, welche, wie jene körperlichen, oft die eingewurzeltsten Uebel der Seele heilen, – durch Reinigung, durch einen läuternden Prozeß. Was nun von den anerkannt schlimmen gilt, das braucht von den bessern gar nicht erst bewiesen zu werden. Nur das will ich anführen: daß von allen Affecten Hoffnung der belebendste, also für die Diätetik der Seele der wichtigste ist. Diese himmlische Vorempfinduug ist nichts Anderes, als ein zarter Theil unseres Selbst, ein holdes Ich, das sich nie vernichten lassen will.

Damit es aber nicht scheine, als nähmen wir die Leidenschaften in unsern Schutz, so wollen wir nur gleich hinzufügen, daß alles Günstige, was wir ihnen zugeschrieben, nur zu erwarten sei, so lange sie unter einem gewissen Grade erhalten werden, das heißt, so lange sie activ sind. Denn die activen Leidenschaften, wenn sie die Linie der Mäßigung überschreiten, werden passiv. Activ ist Alles, was sich der vernünftigen Seite des Menschen anschließt, weil er nur in dieser Sphäre als Mensch thätig zu sein vermag; passiv ist Alles, was der Sinnlichkeit unterliegt, indem hier der Mensch rohen Naturkräften leidend anheim fällt. Diese Richtung vorzuzeichnen liegt an uns. Rührung ist belebend, so lange sie Bewunderung ist; wenn sie zum Mitleid wird, zieht sie uns herunter und wird schwächend. Heftiger Zorn ist nicht, wie man wähnen möchte, activ. Der von ihm wie von einem Dämon Ergriffene leidet seinem bessern Theile nach, und der heftigste Zorn wird selbst in seinen Aeußerungen passiv. »Es war nicht Ruhe – sagt Plutarch vom Stillschweigen des Coriolanus – es war Stärke des Zornes, welches Unwissende – setzt er hinzu – für keine Betrübniß halten.« Heftige Leidenschaften – so paradox es auf den ersten Blick scheinen mag – kommen mehr der Schwäche zu. Das Unglück erregt sie zumeist, das unsere eigentlichste, innigste Stärke, das den Geist in uns niederdrückt. Der Knabe weint, wüthet, und will sich den Kopf einrennen, wo der Mann mit ernster Fassung der Zukunft entgegen wirkt. Sanfte Leidenschaften erheitern den Horizont des Daseins; bewegen, ohne zu ermüden; erwärmen ohne zu verzehren, und verklären allmählich die Flamme, die in jedem Busen brennt, zum stillen, befruchtenden Segenslichte. Sie sind die Insignien wahrer Stärke, welche das Scepter der Geistesherrschaft nie aus den Händen läßt.

Vielleicht hat Kant ähnliche Betrachtungen im Sinne gehabt, als er seine »rüstigen und schmelzenden Affecte« unterschieden wissen wollte. Er macht bei einem solchen Anlaß eine Bemerkung, die zu schön gedacht ist, um sie zu übergehen. Ein Ausdruck Saussüre's: »es herrsche in den Gebirgen von Bonhomme eine gewisse abgeschmackte Traurigkeit«, regt sie ihm an. Saussüre – sagt er sich – kennt also auch eine andere, eine interessante Traurigkeit, welche vielleicht der Anblick einer Einsamkeit einflößt, welcher der Mensch durch seines Wesens Kraft ein Leben abgewonnen; es gibt also auch eine Traurigkeit, die zu den rüstigen Affecten gehört, und die zu der schmelzenden wie etwa das Erhabene zum Schönen sich verhält. – Wie tief greift diese Bemerkung, wie weit führt sie den Blick über das Leben hinaus! – Der Schmerz einer großen Seele, sei es um Verlust

»Den Blitzstrahl,
Der verklärt, was er uns raubt,«

sei es über das Kleinliche dieses im steten Kreislaufe um das ewige »Vergebens« sich müde drehenden Daseins, – er ist kein niederdrückendes, er ist ein wack'res, ein erhebendes Gefühl. Er ist eine Art von leidendem Stolze, der allein die Gewalt des Schicksals überwindet.

Und so hat die Natur ihren Willen auch in der Trennung der Geschlechter ausgesprochen. Sanfte Bewegungen des Gemüthes hat sie dem zarteren, kräftige dem männlichen als heilsam zugeordnet. In dieser Activität oder Passivität (Leidenheit?) des Empfindens liegt jede Differenz, die in Bezug auf das Verhältniß der Geschlechter einen Grund zu Verschiedenheiten in den Verhältnissen des inneren Lebens beider geben darf: der Gedanke und seine Welt sind nur Eines für jedes Geschlecht.

Es sei genug an diesen hingeworfenen Winken. Ich bin absichtlich in diesem Abschnitte kurz, weil ihn ausführen weit über unsere Grenzen hinaus führen würde.

Und soll ich über die leiblichen Wirkungen der Gemüthsbewegungen noch ein Wort verlieren? Sind wir je im Stande, durch besonnene Willkür den organischen Bau in solche Erschütterungen zu versetzen, als es die stürmische Gewalt des Affectes nur zu oft, ohne uns zu fragen, thut? Wem fielen hier nicht merkwürdige Thatsachen aus der Geschichte, aus dem Leben bei? Der stumme Sohn des Crösus, der als er das Schwert des Feindes über dem Haupte seines Vaters gezückt sah, plötzlich ausrief: »Mensch! tödte den Crösus nicht!« – Der gleichfalls stumme Jäger, der sich von einem Weibe verhext wähnte, und bei ihrem Anblick vor Zorn die Sprache wiederfand; Effecte, von Dichtern weit öfter, von Aerzten weit seltener, als beide sollten, benützt. Wie oft werden die psychologischen Experimente jenes orientalischen Leibarztes nachgeahmt, der durch Erregung des Schamgefühls eine Lähmung – Boerhave's, der durch Furcht die Fallsucht im Armenhause zu Harlem, ja des kühnen M. Herz, der durch Todesfurcht, wie ich oben erzählte, eine wirklich den Tod drohende, abzehrende Krankheit heilte? Ich führe hier nur, unserm Zwecke gemäß, Beispiele heilsamer Wirkungen an. Die von verderblichen sind noch häufiger. Man denke an die Vergiftung animalischer Säfte durch den Zorn, an die Todesfälle durch plötzliches Leid oder Freude; man lese die zahllosen Geschichten, welche Zimmermann in seinem reichen Buche von der Erfahrung (XI. Kapitel) aufzubewahren der Mühe werth gehalten hat. Ist Jemand, der sie nicht erfahren – nicht beschrieben hat? Wer kennt nicht das klare, glänzende Auge, den größeren, schnelleren Puls, das freiere Athmen, das blühende Gesicht, die glatte Stirne des Freudigen? Wer nicht das Zittern, Stammeln, die Kälte, den Hautkrampf, das sich sträubende Haar, das Herzklopfen, die Angst, das beengte Athmen, die Blässe, den gesunkenen Puls, die Uebelkeiten des Furchtsamen? das langsame, oft schwere, stets zum Weinen bereite Athmen, die kalte, bleiche, gerunzelte Haut, den zusammenknickenden, zögernden Schritt, den schwachen, langsamen Puls des Hoffnungslosen? das leise oder wallende Erröthen der Scham, das Erbleichen des verächtlichen Neides? das schwellende Antlitz der beglückten, das schmachtende der unerwiederten Liebe? den gepreßten, zusammenschnürenden Schmerz der Eifersucht um die Brust, vom Zwergfell hinauf bis an die Kehle? das Toben in den Adern des Zürnenden? sein blutrothes Antlitz, den sichtbar schlagenden Puls, das keuchende Athmen, die wilden Blicke und alle Vorboten des Schlagflusses? –

Es ist ja keine Erfindung der deutschen Poeten, daß auf »Schmerz« gerade »Herz« reimt. Da klopft die Leidenschaft sinnlich an, da drückt und ängstiget ihre Hand, und Störung des Kreislaufes ist immer das erste Zeichen ihrer physischen Gewalt. Was fehlgeschlagene Hoffnung auf den Körper vermag, haben viele denkende Aerzte in ihren Schriften auseinander gesetzt; Ramadge, in seinem so bekannt gewordenen Buche über die Auszehrung, leitet einen großen Theil der in England so häufigen Lungensuchten von den zerstörten Plänen und Hoffnungen her, die dort vielleicht öfter als sonst wo auf der Erde vorkommen. Es ist auch begreiflich, daß die aus chronischer Traurigkeit entstehenden Congestionen nach der Brust allmählich die Anlage oder Entwicklung so trauriger Uebel bedingen. Wie sehr die Reue, dieses bitterste unfruchtbarste Gefühl, den Unglücklichen herabbringt, den es foltert – sollte Jeder gesehen haben, um sich davor zu bewahren.

Temperamenten und Leidenschaften wird, wie wir schon angedeutet, auf dreierlei Weise entgegen gewirkt; durch Gewohnheit, Vernunft und Leidenschaften.

Das Vermögen, sich etwas anzugewöhnen, ist die liebevollste Anstalt der gütigen Vorsehung, den Geschöpfen Dauer zuzusichern. Es ist die Kraft der Lebendigkeit, sich zu behaupten, und das Fremde leise in sich selbst zu verwandeln. Sich zum Rechten gewöhnen, ist der Inbegriff der ganzen Moral und zugleich der Seelen-Diätetik.

Die Vernunft wirkt nie im Augenblicke des Affectes. Sie wirkt aber dadurch, daß sie, indem sie den Menschen bildet, das Eintreten solcher Augenblicke in Voraus verhütet; dadurch, daß sie die werdenden Neigungen, die zarten Keime der Leidenschaften allmählich einer gebildeten Gewohnheit unterwirft. Wahre Ruhe ist nicht Mangel an Bewegung, sie ist Gleichgewicht der Bewegungen.

Wie sich die Leidenschaften einander dämpfen, haben wir gesagt. Aber sie erregen sich auch wechselseitig: active die übrigen activen, passive die passiven. Man braucht also vorerst in einem bestimmten Individuum nur Eine, welche eben diesem Naturell in seiner jetzigen Stimmung am meisten zusagt, anzuklingen, so tönen nach und nach schon auch die Saiten der übrigen mit, bis das ganze Instrument in die Stimmung kommt, die ihm das rechte Lied seines Lebens abzuspielen gestattet. Denn nicht Schweigen, sondern Harmonie wird von ihm gefordert. Und wenn es erlaubt ist, sich selbst zu citiren, so schließe ich mit den Worten, die ich zu einer anderen Zeit niederschrieb: Göttliche Apathie und thierische Indifferenz werden nur zu oft verwechselt. Diese ist der Zustand der Larve, jene der des Schmetterlings.

Nun aber glaube ich dem Leser einen großen Gefallen zu erweisen, indem ich, ehe wir weiter schreiten, meine wenigen Andeutungen über die Leidenschaften durch das Folgende ergänze, welches die Bearbeitung einer alten Abhandlung über denselben Gegenstand ist, die wenigen unserer Leser zugänglich sein möchte.

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