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Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling - Erster Teil

Joseph M. Hägele: Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling - Erster Teil - Kapitel 7
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authorJoseph M. Hägele
titleZuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling ? Erster Teil
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Fortsetzung und Schluß der Geschichte des alten Mannes

Als ich mein Todesurtheil vorlesen hörte, erschrak ich gar nicht, sondern behauptete meine Unschuld und forderte Untersuchung. Ich hatte wirklich gar nichts vom Vorhaben der 11 Italiener gewußt, verstand ja kein Italienisch und dies zog. Die Spitzbuben hatten mich sogar als Rädelsführer angegeben, doch der Zwölfte meiner Stubenkameraden, der die Andern verrathen hatte, weil sie nicht auf ihn warteten, bezeugte jetzt, daß ich von Allem gar Nichts wissen konnte, Andere bezeugten auch meine Unkenntniß der Sprache, die Leute auf dem Holzschiffe beschworen, ich sei nur auf das Schiff geklettert, weil man mir die Schaluppe genommen habe und das Ende vom Lied hieß, daß ich frei, der eigentliche Rädelsführer erschossen, die Andern auf das schwere travaux nach Straßburg gebracht wurden.

Im Anfange des Jahres 1807 wurde unser Regiment nach Spanien eingeschifft; wir landeten glücklich in Cadiz und hatten von dem heißen Lande und wüthenden Volke genug auszustehen; es ging blutig und barbarrisch her, mancher brave badische Offizier und Soldat könnte auch genug davon erzählen. Bei einem Treffen bekam ich Gelegenheit, meinem ehemaligen Kapitän vom 16. Regiment mit Hülfe eines Andern das Leben zu retten, ich wollte wieder zu diesem Regimente und brachte es dazu. Schon im Jahre 1808 kam das 16. Regiment aus Spanien zurück und blieb 10 Stunden von Paris in Garnison bis 1812, wo wir nach Rußland mußten.

Alles, was ich bis dahin ausgestanden hatte, selbst der Krieg in Spanien war Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich in Rußland erlebte. Die fürchterliche Schlacht bei Borodino, der Einzug in Moskau und vieles Andere, was ich sah und erlebte, gäbe ein dickes Buch. Leider kann ich keines schreiben, zudem bin ich der arme Paule stets geblieben und unsereins kann Alles ausstehen, es kräht kein Hahn darnach, während Alles die Ohren spitzt, wenn ein General oder anderer hoher Herr nur ein bischen Bauchgrimmen bekommt! ... Das Beste war, daß ich bei einem französischen Regimente diente, denn Napoleon schonte seine Franzosen, schickte die Deutschen und Andere am liebsten in den dichtesten Kugelregen und ins Elend! ... Die Deutschen sind von jeher das einfältigste Volk gewesen, schlugen für den Napoleon und meinten, es ginge um Gott und Vaterland, wir Franzosen nannten sie nur »Kanonenfutter,« lachten sie offen und heimlich für ihre Dummheit aus, aber in der Schlacht verloren auch wir genug Leute und auf dem Rückzuge nahm das 16. Regiment ebenfalls ein Ende wie das Hornberger Schießen!

Um es ganz kurz zu machen und nur von mir zu erzählen, berichte ich, daß ich nicht über die Beresina kam, sondern gefangen wurde, wie tausend Andere auch. Wir fielen wie die Mücken um Allerheiligen und es war uns fast Eins, was die Kosaken, diese wüsten, säuischen und doch gutmüthigen Leute mit uns anfingen, bis sie uns in den Klauen hatten und über die Schneefelder fortprügelten. Noch jetzt sehe ich oft im Traume die unabsehbaren Ebenen, die endlosen Tannenwälder und eingeschneiten Dörfer des Czaren im bleichen Mondlichte da liegen und mich und meine Kameraden, wie wir bei der grimmigen Kälte der sternenhellen Winternacht fast nackt und hungrig, verwundet und krank von russischen Soldaten fortgestoßen, auf elende Schlitten geschmissen und vom Volke mißhandelt, am Barte herumgerissen und umbrüllt wurden!

Ich war der Rüstigste von Allen, versuchte tief in Rußland den Kosaken durchzubrennen, doch ich kam nicht weit und dann gings nicht christlich, sondern auf gut russisch zu, man mißhandelte und schlug mich, daß ich für todt auf dem Platze liegen blieb.

Endlich marschirte ein Bataillon ins Dorf, ein Offizier sah mich daliegen und redete mich französisch an, aber mein Hals war so arg geschwollen, daß ich keine Silbe hervorzubringen vermochte.

Der Offizier ließ mich aufheben, in ein Feldspital bringen und ich wurde erträglich verpflegt, sah und hörte Alles, was um mich vorging, doch das Reden hatte ein Ende und ich befand mich kaum im Stande, ein wenig Brühe zu mir zu nehmen.

Neben mir lag ein badischer Unteroffizier Namens Ernst, der wunderte sich nur, weßhalb ich allmählig genas und hatte großes Mitleiden mit mir. Er lebt noch heute, mindestens ist er vor Kurzem noch Amtsdiener gewesen, ich dagegen hocke da bei Euch und warte auf meinen siebenzigsten Geburtstag! ... Im Feldspitale nahm sich ein russischer Bataillonsarzt meiner besonders an, es war ein geborner Baier, kannte viele Sprachen und freute sich, weil ich mir Mühe gab, russisch und polnisch zu erlernen. Von Hause aus war er blutarm, doch wegen seiner Sprachkenntnisse und sonstiger Tüchtigkeit ward er bald befördert, kam in ein großes Militärspital in Warschau und nahm mich als seinen Diener mit. Ohne diesen guten Mann wäre ich wohl als genesen entlassen und nach Asien hineintransportirt worden und es kommt sehr darauf an, ob der Paul auch einen Schneider von Pensa gefunden hätte, wie die badischen Offiziere und Soldaten, die unter dem Markgrafen Wilhelm nach Rußland zogen! ... In Warschau bekam ich es gut, erhielt viele Kleider, weil viele Soldaten starben, verkaufte dieselben in der Stadt in welche ich oft kam und besonders zu einem Wirthe, der mit Pelzwerk handelte und eine Wienerin zur Frau hatte.

Diese Leute waren reich und konnten mich bald sehr gut leiden. Die Frau konnte Wien und ihre dortigen Freunde nicht vergessen, plagte ihren Mann immer, er möge mit ihr in die Kaiserstadt gehen und weil sie versprach, mich mitzunehmen, half ich den Mann bearbeiten, sobald ich dessen Zutrauen recht gewonnen hatte.

Er reiste zuweilen mit Pelzwerk von Warschau nach Wien, ich schleppte ihm aus dem Spitale Kleider genug herbei, er versprach, mich das Nächstemal mitzunehmen, ich versteckte die Uniform eines russischen Jägeroffiziers und nöthige Kleider bei ihm im Keller unter alte Fässer.

Mein Herr merkte, was ich vorhatte, doch lachte er nur und sagte nichts, denn ich war noch immer russischer Kriegsgefangener und er ein pflichtgetreuer Mann, der keine Ursache zum Verlassen des Dienstes sah. Ganz in Pelzwerk gehüllt, kam ich glücklich aus Warschau und mit dem Pelzhändler nach Wien.

Auf dem Wege hatte ich mich außerordentlich gefreut, meine Marie vielleicht bei dem Bäcker zu finden, doch vor den Thoren der Kaiserstadt verlor ich allen Muth, denn das Regiment Deutschmeister sammt den Rosenrothen von Prag lagen in der Stadt, so hieß es wenigstens und wenn ich erkannt wurde, war die Kugel für mich dreifach gegossen.

Mein Herr in Warschau hatte mir Geld gegeben, der Pelzhändler mich zechfrei gehalten, mancher polnische Gulden kam durch die Kleider der Verdorbenen in meinen Sack und jetzt nahm ich Abschied von meinem Begleiter, fuhr auf der Donau herauf bis Ulm und ward nicht angehalten bis Tauberbischofsheim, wo mich der Amtmann fragte, woher meine baierische Montur sei. Er schickte mir einen Spionen ins Wirthshaus nach, ich mußte wieder zum Amtmann, wurde über meine Leute und andere Personen befragt und erhielt einen Laufpaß nach Heidelberg.

Am 27. September 1813 war ich nach langer, langer Abwesenheit wieder in der unvergeßlichen Heimath, übernachtete in Schlierbach und spazierte am nächsten Tage in der Uniform eines russischen Jägeroffiziers nach Heidelberg, wo mich kein Mensch erkannte. Freilich besaß ich auch in der Stadt und Heimath keine Seele, die sich über meine Errettung aus so vielen Drangsalen und über meine Rückkehr freute.

Ein Wirth war der Erste, der mich erkannte; er rieth mir, die Russenmontur abzulegen, man sehe die Russen nicht gern am Rhein, doch befolgte ich seinen Rath nicht, Alles redete von dem russischen Offizier und darin bestand meine einzige Freude.

Ein Offizier konnte sich nicht gut an einen Webstuhl setzen, noch weniger betteln, mein Geld schwand, weil ich standesgemäß leben mußte. Ich ging zu einem Bruder über den Rhein, machte eine Krankheit durch, die jedoch nicht lange dauerte, dann aber ging ich wieder nach Frankreich und meldete mich beim 16. Regimente.

Ich machte alle Gefechte und Schlachten der folgenden Zeit mit, insofern mein Regiment dabei war, kam auch immer glücklich davon bis zur Schlacht von Waterloo. In dieser Schlacht haben außer den Schotten nicht die Engländer, sondern die Braunschweiger, Hannoveraner und Andere uns das Fell am ärgsten gegerbt, die pfiffigen Preußen mit ihrem alten Blücher kamen sehr zur unrechten Zeit und dort verzweifelten wir am Glücke des großen Kaisers, der nicht von uns Soldaten, sondern von den Marschällen und Generalen um theures Geld an die fremden Potentaten verschachert worden war. Die Meisten derselben waren große Spitzbuben, das wußten wir Soldaten ganz gut, sonst wäre es bei Waterloo trotz aller Tapferkeit doch noch anders gegangen! ... Kaum bei Austerlitz oder Borodino habe ich ein so mörderischeres Kanoniren, Kleingewehrfeuer und Einhauen der Reiterei erlebt, wie bei Waterloo, wo auch mein Regiment im Angesicht der alten und jungen Kaisergarde tüchtig mitgenommen wurde! ... Diese Garden hättet Ihr je sehen sollen, wie sie ins Feuer gingen, als ob ein Schlachtfeld ein Tanzboden wäre und noch mit den Zähnen um sich bissen, wenn sie sterbend auf dem Boden lagen! ... Ja, einen Soldaten wie der alte Napoleon Einer war, gabs damals Keinen und wirds Keinen mehr geben, denn wo haben die Deutschen, außer dem Erzherzog Karl, dem Blücher und wenigen Generalen auch nur Einen gehabt, der dem Napoleon die Schuhriemen hätte auflösen dürfen? Keine Führer; lauter Anführer hatten sie und es scheint heute noch so zu sein. Keinen Knopf gebe ich um das ganze Deutschland, für den Napoleon wollte ich noch heute ins Feuer, habe auch bei den Franzosen nie ans Desertiren gedacht! – Die Schlacht bei Waterloo war beinahe vorüber, die Retirade begann, da wurde ich durch eine Kanone, die eine Wendung machte, zu Boden geschlagen und weiß heute noch nicht, wie es möglich war, daß ich nicht hundertmal von Kanonen oder Cavallerie zu einem Brei zerquetscht wurde.

Ich wurde auch nicht gefangen, sondern lag in einem französischen Spital, das Kreuz hatte viel gelitten und es ging mehrere Wochen, bis ich wieder an einer Krücke zu laufen vermochte und mehrere Monate, bis ich wieder hergestellt und beim 16. Regimente, damals einer der ältesten Soldaten war.

Ich habe mich bei den Franzosen nicht schlecht gehalten, doch das Glück wollte mir eben nirgends, ich hatte das Unglück, ein Deutscher zu sein und bekam im Jahre 1818 meinen Abschied ohne alle Auszeichnung, ohne jede Pension, ohne Hoffnung und Aussicht. Ich wollte mich von Neuem engagiren lassen, aber ich wurde bei mehrern Regimentern für zu alt und untauglich erklärt und wanderte zuletzt nothgedrungen von Lyon, wo ich mit meiner Weberei keine Arbeit fand, in meine Heimath zurück.

Im Herbst 1818 kam ich heim, spielte jedoch keinen Offizier mehr, sondern lebte einige Zeit bei Kameraden, welche mit mir in Spanien gewesen waren, bis ich Arbeit erhielt.

Als die fremden Truppen aus Frankreich marschirten, befolgte ich guten Rath und ging nach Mannheim, machte den Dolmetscher beim Verkaufen und Geldwechseln, verdiente damit in kurzer Zeit schweres Geld, verfiel aber auch in meine alte Dummheit und meinen alten Leichtsinn.

Während ich nämlich in einem Dorfe bei Mannheim lebte, wurde ich mit einer Weibsperson bekannt, die ich zu heirathen gedachte und der ich viel Geld anhing, zumal ich sonst keine Seele auf der Welt hatte. Einige Wochen ging es ganz gut, ich glaubte lauter Liebes und Gutes, da sagten mir rechte Leute, was Andere auch schon gesagt und es hieß, mein Schatz halte mich nur zum Besten, so lange ich Geld besitze, sei ein ziemlich verrufenes und liederliches Weibsstück.

Dies that mir in der Seele weh, ich konnte es fast gar nicht glauben und um mich mit eigenen Augen zu überzeugen, gehe ich Nachts mit einer ungeladenen Pistole in ihr Haus. Richtig finde ich zwei Bursche in der Kammer, bekomme Händel und wie sie meine Pistole sehen, rennt das Kleeblatt zum Hause und Dorfe hinaus in den Weinberg. Ich verfolgte das treulose Weib nicht lange, ging in die Kammer zurück, zerschlug, was ich zerschlagen konnte, zertrümmerte ihre Kiste, nahm die Geschenke heraus, die ich ihr gemacht hatte und war noch mit Einsacken beschäftiget, als sie mit den beiden Burschen zurückkehrten, andere Leute durch ihr Geschrei herbeiriefen und mich einen Räuber und Spitzbuben nannten.

Ich schlug darauf, daß sie Feuer vor die Augen bekamen, doch Andere eilten herbei, sie überwältigten und prügelten mich gottserbärmlich und am andern Tage lieferten sie mich in die Amtsstadt, wo der Amtmann mich gleich einlochen ließ, freilich in ein besseres Gefängniß, als diese Spelunke Eines ist. Übrigens kochte er es mir schlimm genug, denn ich hatte ihn mir zum Feinde gemacht, wie ich kurz erzählen will.

Ein armer Mensch, den er nicht leiden mochte, weil er keine Kappe vor ihm abzog, im Wirthshause schimpfte und ihm gegenüber auch kein Blatt vor das Maul nahm, war unschuldig in den Verdacht eines Diebstahles gekommen und blieb viele Monate sitzen.

Beim Vorübergehen rief mir der arme Kerl, nannte in der Geschwindigkeit alle Entlastungszeugen, klagte, wie er schon mondenlang sitze und niemals ins Verhör komme, so daß er und seine alte Mutter in großer Noth waren. Wir redeten, bis die Gefangenwärterin uns störte und mich nicht mit ihren Drohungen gegen mich, sondern mit denen gegen den Gefangenen fortjagte.

Ich besaß damals Geld, ging zu einem Advokaten, erzählte Alles, der Advokat redete mit den Entlastungszeugen, machte mir eine Schrift und mit dieser lief ich vor die rechte Schmiede, direct nach Karlsruhe zum Großherzog, der mich sehr freundlich und gütig anhörte, die Schrift nahm und das Beste versprach!

Ich habe in meinem langen Leben stets gesehen und erfahren, daß die vornehmsten und höchsten Personen gerade die herablassendsten und besten sind. Bei uns wird es oft dem Bürger und Bauer himmelangst, wenn er vor Amt muß, denn wir haben gar zu viele Amtskosaken und die dummen Leute meinen immer, die Amtskosaken könnten als studirte und angestellte Herren gegen den gemeinen Mann nicht so gar grob und brutal sein, wenn es nicht von Karlsruhe aus also angeordnet würde.

Freilich ist gerade das Gegentheil der Fall; noch Jeder, den die Noth in die Residenz trieb, und mit dem ich redete, konnte sich nicht genug verwundern, wie gnädig und herablassend der Großherzog sammt den Herrn Ministern und andern hochgestellten Personen gegen arme und geringe Leute seien. Das thut den Leuten wohl und sie verschmerzen es leichter, wenn sie auch mit ihrer Bitte abfahren müssen, doch im Lande wissen und glauben es Viele nicht, meinen, es sei ganz in der Ordnung, wenn die Polizeidiener die Leute bei Feuersbrünsten zur Kurzweil prügelten, die Polizeicommissäre Handwerksbursche beim Visiren fast zerrissen, hohlköpfige Schreiber wie Pfauen und bissige Hunde zugleich sich geberdeten und mancher Amtskosak die größten Injurien und Schimpfreden Jedem ins Gesicht werfe, der keinen feinen Rock trägt. Sie getrauen nicht, sich zu beklagen, mögen den Pontius nicht beim vermeintlichen Pilatus anzeigen, schimpfen dafür heimlich und rächen sich, so gut sie es vermögen! ... Auch von denen in feinen Röcken darf Einer nur im Geruche stehen, ein Liberaler oder Radikaler zu sein, dann bekommt er Grobheiten und Verfolgungen genug auf den Hals, verliert vollends allen Glauben an das Wohlwollen der regierenden Herren und denkt: Kommt Zeit, kommt Rath!

Mein Gefangener hatte Licht im Apfel, ich alter Soldat stand frisch vor dem Großherzog; so ein Amtmännlein, das nach Oben kriecht und nach Unten kratzt, macht mir keine Angst und richtig, der Großherzog hielt redlich Wort, der Gefangene kam rasch ins Verhör, die Entlastungszeugen wurden gerufen und nach 14 Tagen ward der mondenlang Herumgezerrte als unschuldig erkannt und freigelassen.

Das war gut, allein mir trug es keine Rosen, denn der Amtmann vergaß mir den Streich nicht, den ich ihm gespielt hatte, jetzt bekam er mich selbst in die Klauen und sein erstes Wort hieß: »Warte, dich Lalle will ich zahm machen!«

Was ich zerschlagen, war ohne großen Werth und ich wollte es bezahlen, was ich genommen, war mein Eigenthum und ich erbot mich, dieses zu beweisen, wiewohl das Mädchen niemals ein Geschenk von mir empfangen zu haben versicherte. Im nächsten Verhöre wurde die Klägerin mir gegenüber gestellt, läugnete abermals, ich aber wollte beweisen, daß die Ohrenringe, in welchen sie gerade prunkte, ebenfalls mir gehörten, nannte den Goldarbeiter und zwei andere Zeugen, doch der Amtmann wollte nichts von ihnen hören.

Er spielte fortwährend mit einem Lineal um meine Nase herum, ich bat ihn drei und viermal, das Spiel aufzustecken, dafür trieb er es desto ärger und ruhte nicht, bis ich ihn bei der Gurgel nahm, zu Boden warf und ihm einige saftige Faustschläge ins Gesicht versetzte.

Ich bekam vier Wochen Dunkelarrest bei Wasser und Brod, doch noch heute freuet es mich, dem Kerl den Meister gezeigt zu haben. Damals wurde meine Freude getrübt, weil der Gefangenwärter sammt seiner Frau mich auf jede mögliche Weise fortwährend ärgerten, quälten und verfolgten.

Wie der Herr, so der Knecht, in meinem Falle waren beide boshafte, heimtückische Tyrannen.

Der Kerkermeister sollte durchaus Händel mit mir suchen, ich merkte es damals schon und dachte. Was Ihr wollt, könnt Ihr beim Paul bekommen!

Einmal verlangte ich Stroh, weil ich bereits auf den bloßen Brettern lag, mehrere Tage später kommt die Frau des Gefangenwärters und sagt. »Vor der Thür liegt Stroh, fülle Er seinen Sack!« – »Nein, fülle Sie ihn, Sie hat Ihr Wartgeld dafür!« – »Soll ich meinen Mann schellen?« – »Nur zugeschellt, ich fürchte Ihren Mann nicht!«

Das Weib rennt zornig fort, bringt den Mann und dieser kreischt. »Willst Du Deinen Sack füllen oder nicht?« »Nein, ich will nicht, Du bist dazu da!« Er wollte mich packen und mit einem Stocke prügeln, den er mitgebracht, doch ich kriege ihn an der Kravatte, brachte ihn zu Boden und zeigte ihm, wo Barthel Most holt. Seine Frau will mir geschwind ein Fußeisen anlegen, ich versetze ihr einen Tritt, daß sie heulend und schimpfend davon rennt und bearbeitete ihren Mann, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Das Weib kommt mit zwei Schaarwächtern; vor der Thüre liegen einige große Steine, ich nehme einen und gehe damit den Schaarwächtern entgegen, daß sie davonliefen. Der Gefangenwärter liegt in meinem Käfig und kann nicht mehr aufstehen, ich laufe auf dem Gange herum, bis der Amtmann mit 6 bis 8 Leuten kommt, von denen Jeder einen Bengel hat. Ich eile in meinen Käfig, der Amtmann kreischt. »Gehe heraus!« – »Nein, Du Mörder, ich habe nichts mit Dir!« – »Wendet Gewalt an!« brüllt er. – »Das werdet Ihr bleiben lassen, wenn Euch euer Hirnkasten lieb ist!« schrie ich. Doch Zwei packten mich und hätten mich beinahe erwürgt; der Zorn gab mir Riesenkräfte, ich schmiß beide zum Käfig hinaus, Keiner wollte mehr anbeißen und ich sage. »Ich gehe heraus, wenn der Bürgermeister da sein wird!«

Der Amtmann läßt den Kerkermeister wegtragen, den Bürgermeister holen, ich gehe ins Verhörzimmer, mehrere Herren kommen, der Amtmann fragt: »Weßhalb den Gefangenwärter mißhandeln?« – »Du Tyrann, wenn mich die Herren fragen, will ich eure schlechten Streiche an den Tag bringen, Du bist mir zu schlecht, als daß ich Dir antwortete!«

Den Herrn erzähle ich Alles; sie lassen den Prügel des Kerkermeisters holen, der noch auf dem Boden meines Gefängnisses lag und sage auch, weßhalb mich der Amtmann ins Unglück bringen wolle. Jetzt erfuhr ich, das Mädchen habe einen Eid geschworen, daß es Nichts von mir besitze. Ich bitte meine Zeugen vorzuladen, meine Mißhandlung dem Herrn Kreisdirector zu melden, der Bürgermeister räth mir, Alles beim Schlußverhör anzugeben, damit es das Hofgericht erfahre.

Ich kam jetzt in ein schweres Gefängniß, obwohl es noch immer besser war, als unser Loch hier, das an den Kesselthurm in Luzern mahnt.

Wie ich am Morgen mein Nachtgeschirr leere, springen mehrere Männer aus einem Verstecke, packen mich von hinten, werfen mich zu Boden, Hände und Füße werden festgehalten, der Schlosser legt mir zwei Ketten an und vernietet jede mit einem Nagel.

Am Sonntag kommen zwei Wächter mit Gewehren, bringen ein Hemd, das an der Seite ganz aufgetrennt und an den Aermeln mit Bändeln versehen war und Abends die Gefangenwärterin, welche seither die Thüre nicht mehr geöffnet hatte, so daß es unsauber genug bei mir aussah. Sie bringt den Schlosser mit und sagt: »Heraus, es wird eine Kette abgenommen, weil Ihr jetzt ordentlich seid!« – »Nein, wenn ich die Ketten verdient habe, will ich sie auch tragen!«

Mein Gefängniß lag einige Schuh unter dem Boden, wie dieses; aus den Reden einiger Leute vor demselben hatte ich entnommen, meine Geschichte sei der ganzen Stadt bekannt und Alles freue sich, weil der als Tyrann der Gefangenen bekannte und auf seine große Gestalt und Kraft vertrauende Kerkermeister doch einmal an den Unrechten gerathen und so »gezwiebelt« worden sei, daß er das Bett hütete.

Nicht lange hernach kommen Herren, um die Gefängnisse zu visitiren, ich wußte es von den Gefangenen und hörte die Thüren nacheinander aufmachen, endlich die Schritte der Besucher, welche näher und näher kommen.

Wie dieselben vor meiner Thüre sind, höre ich den Amtmann sagen: »Meine Herren, da drinnen ist's nicht sauber!« – »Du bist auch nicht sauber, Du Tyrann!« schrie ich aus Leibeskräften; die Thüre wird jetzt aufgemacht und ich klappere tüchtig mit meinen Ketten, denn Licht kam nur durch die offene Thüre herein.

Nach kurzer Einleitung halte ich eine Rede an die Herren, der Amtmann will mich unterbrechen, doch ein Herr sagt, daß er zuerst mich ausreden lassen sollte und ich erzählte Alles. Die Herren fragen, ob ich krank sei und ich antwortete: »Nein, Gottlob, trotz allem Elend bin ich bis jetzt gesund!« ... Sie sehen meinen Brodlaib, ich sage, das Brod sei bitter wie Galle, voll Sand und mache Bauchgrimmen, sie kosten Alle das Brod und sagen Nichts, Einer schüttelt aber den Kopf.

Die Gefangenwärterin meinte, die Gefangenen seien außer mir Alle mit dem Brode zufrieden, aber jetzt erzähle ich, wie verschieden hier Alle behandelt, gespeist und getränkt würden, wie wohl diejenigen daran seien, welche Geld brächten oder für die Gefangenwärtersleute arbeiteten und wie dieselben Alle abgerichtet hätten über das, was sie bei der Visitation reden sollten.

Richtig werden alle Gefangenen noch einmal einzeln verhört, mir werden die Ketten abgenommen, Alles geht besser, ich erhalte ein weit besseres Zimmer, nach einigen Wochen aber auch mein Urtheil, das auf 5 Jahre schweres Zuchthaus mit Willkomm und Abschied lautete.

Der Amtmann läßt mir den Willkomm mit 25 Stockprügeln gleich aufmessen, ich wurde streng bewacht und dann ins Zuchthaus abgeliefert.

Hier wollte ich nicht arbeiten, bis eine andere Untersuchung eingeleitet sei, der Verwalter meinte, er könne nichts machen, ich hätte den Rekurs ergreifen sollen, leider hatte ich von der Sache damals noch nicht viel los. Ich arbeitete erst, als ich zuerst 25 erhalten und im Zwangstuhle gesungen hatte. Bald kommt ein hochgestellter Herr von Karlsruhe, ich melde mich zu ihm, erzähle demselben Alles, der Verwalter unterstützt und verklagt mich gleichzeitig und der Herr verspricht das Mögliche zu thun.

Bald wurde ich aus dem schweren Zuchthaus in das Arbeitshaus nach Bruchsal gebracht, die fünfjährige Strafzeit blieb jedoch und das Ganze wurde als Gnadensache angesehen. Gnade hatte ich aber keine gewollt, machte jetzt einen Ausbruch, wurde erwischt, erhielt 40 Stockstreiche in 2 Portionen und 4 Wochen schweres Eisen.

Von da an blieb ich ruhig, machte meine 5 Jahre und wurde mit 25 Hieben beabschiedet. Das Erste, was ich that, war, daß ich mich als Dolmetscher in 2 großen Gasthöfen meldete und angenommen wurde.

Der Gefangenwärter, der alle Gefangenen so arg mißhandelte, war todt, der ungerechte Amtmann abgesetzt und verachtet, Gott ist gerecht!

Ich verdiente ordentlich Geld und wohnte in einem Hause, in welchem eine Krämerin, die hausirend im Lande herumzog, ihre Niederlage hatte. Diese machte mir die Zähne lang, that, als ob sie daheim ein eigenes Haus und Felder besäße und mich heirathen wolle. Sie beredete mich, meinen Posten aufzugeben, mit ihr auf den Jahrmärkten in der Pfalz, in Hessen und Baiern herumzuziehen und ich that es, obwohl gutmeinende Leute mich vor diesem Weibsbilde warnten und sagten, dasselbe sei schon mit mehr als Einem herumgezogen und kein Mensch wisse, wohin dieselben gekommen, sie rede immer davon, daß sie von ihr weggelaufen seien.

Einmal kamen wir nach Mannheim und logirten im »freien Leben« ... Sie gab vor, vorige Weihnachten Vieles in Mannheim gekauft, theilweise in der »goldenen Gans,« theilweise in Käferthal gelassen zu haben und bat mich, ihr die Bündel zu tragen, welche sie jetzt holen wolle.

Richtig gehen wir nach Käferthal und mit einem schweren Bündel in die Stadt zurück, dann in die »goldene Gans,« wo sie ihre Waarenniederlage hatte, gibt mir wieder einen Pack, geht fort und sagt, wenn sie nicht bald komme, so möge ich sie im »freien Leben« erwarten.

Lange will sie nicht mehr kommen, ich nehme den Pack und will aus der »goldenen Gans« fort, da fragt der Sohn des Hauses, was ich denn trage, ich sage es demselben, die Wirthin kommt, ich muß den Bündel öffnen und siehe da – es waren lauter Sachen, welche diesen Leuten gehörten. Ich wußte, es sei mit den Bündeln nicht ganz in Ordnung, doch daß Etwas den Leuten in der »goldenen Gans« gehöre, das habe ich nicht gewußt und nicht vermuthet.

Natürlich werde ich verhaftet, merke bald, daß ich die ganze Suppe ausessen müsse, weil die Krämerin sich aus dem Staube gemacht hat und ich nicht sauber gewesen bin, wie das erstemal. Mit Beihülfe meiner Mitgefangenen breche ich aus, werde jedoch erwischt und erhalte eine Kette an Hand und Fuß. Jetzt machen wir ein Loch in die Mauer und eines Abends, als die Lichter angezündet wurden, gehe ich sammt der Kette fort, schlage vor der Stadt das Schloß ab, werfe die Kette in einen Garten hinein und finde Zuflucht im Hause eines »guten Freundes.«

Dieser getraut sich nicht, mir andere Kleidung in meinem Wohnorte zu holen, mein Ausbruch hatte Lärm erregt, die Polizei war ins Haus gekommen und drohte mit Strafen, wenn man mich in irgend einer Weise unterstütze.

Am 6. Tage sagt die Hausfrau ganz erschrocken, das Haus sei umstellt; ich wollte zum Fenster hinaus, doch da stunden »bekannte Leute,« ich hatte kaum Zeit, mich hinter die Kammerthüre zu stellen, so tritt der Bürgermeister herein: »Hat Niemand hier übernachtet?« – »Nein!« – »Ei, dort schauen ja zwei Stiefelspitzen unter der Thüre hervor!« meint der Wachtmeister, macht die Thüre ganz auf und steht vor mir. »Ah, guten Morgen, Herr Paul, habt Ihr hier übernachtet?« – »Nein, ich kam so eben, forderte ein Stück Brod, ging in diese Kammer, als ich Euch sah; ich habe mich genirt, weil mich hier so viele Leute kennen!« – »Weßhalb geniren, wenn Ihr schuldlos seid?« – »Ja, ich bin schuldlos!« – »Das wird sich herausstellen, kommt nur mit!«

Jetzt wurde ich in einem Arreste des Zuchthauses verwahrt, das Verhör fing erst recht an, meine Flucht galt als Beweis meiner Schuld, ich sah, daß Alles schief ging, dachte an Flucht, nicht aber an die Unmöglichkeit derselben. Mit unsäglicher Mühe bohrte ich ein Loch in den Kamin neben dem Ofen, Abends nach der Suppe machte ich es groß genug, um hineinzukriechen, kroch im Kamine hinauf, saß auf dem Dache und wußte nicht wohin.

Ehe mich eine Schildwache bemerkt hatte, kroch ich wieder hinab in meinen Käfig, dachte bei mir selbst: »Kommen sie um 10 Uhr zur Visitation und sehen das Loch, dann bist Du des Todes Paule! ... Sie habens schon Mehrern so gemacht, jedenfalls wehrt sich ein alter Grenadier!«

Ich zog die Bettlade als Barrikade vor die Thüre, blieb angekleidet auf dem Bette sitzen, doch kam in dieser Nacht Niemand mehr zu mir.

Am andern Morgen bringt der Zuchtknecht Wasser und Brod, betrachtet das Loch, sagt nichts, kommt jedoch bald mit drei Andern zurück, sie bringen Farrenschwänze und hauen mich, daß ich keinen Tritt mehr zu gehen vermochte.

Blutend werde ich in einen unterirdischen, stockfinstern Kerker geschleppt, alles Melden zum Doctor blieb vergeblich, mein Schreien wurde höchstens von den im Hofe arbeitenden Gefangenen gehört und so blieb ich 11 Tage liegen.

Der Zuchthauspfarrer mußte Wind bekommen haben, daß ich im »schwarzen Block« sei, dessen Wände schwarz angestrichen waren und worin der Todtenkasten lag. Er kam zu mir, ließ sich Alles erzählen, betrachtete mich vor der Thüre, wohin ich kroch, meinte unwillig. »Auf diese Weise kann man Menschen behandeln? Nimmt dies immer noch kein Ende?« und schon Mittags kam auch der Doctor. Als dieser mich sah, drohte er mit Karlsruhe und lärmte, daß Alle zitterten. Er sprach mich sogleich ins Krankenzimmer, wo Mehrere lagen seit Jahr und Tag in Folge unmenschlicher Behandlungen, bis der Tod sie erlöste oder die Gemeinde als Krüppel zurückhielt. Gottlob und Dank, diese Mißhandlungen sind seit den Dreißigerjahren unmöglich geworden, ein Sträfling der heutzutage klagt, verdient in den meisten Fällen 50 aus dem Salz! ... Die Herren in Karlsruhe und die Gerichte wollten freilich niemals solche Abscheulichkeiten, doch glaubten sie damals, Jeder sei gut genug, Zuchthausbeamter zu werden und wenn dieser ein Vieh zum Zuchtknecht machte, wurde dessen Grausamkeit den höhern Behörden als Diensteifer angewiesen! ... Während ich im Krankenzimmer lag und in Folge der Mißhandlung Blut spie und trotz aller Sorgfalt des Arztes arbeitsunfähig wurde, machten zwei Sträflinge der Mißhandlung ein Ende, indem sie ihr Leben aufs Spiel setzten.

Beide saßen im »schwarzen Block« und paßten, bis der Schlimmste unter den Aufsehern zum Visitiren kam. Wie er die Thüre öffnet, sticht ihm Einer ein geschliffenes Spuleisen in den Leib, der Zweite nimmt ihm den Säbel und beide verwunden und verfolgen den zweiten Aufseher, der ein guter Mann war, worauf die Sträflinge in ihrer Raserei nicht achten. Derselbe entwischt ihnen, die beiden Sträflinge rennen mit dem Säbel und Spuleisen in den Gängen herum und fordern die eingesperrten Gefangenen auf, alle Beamten und Aufseher todt zu schlagen und allgemein auszubrechen, thun jedoch guten Aufsehern, die ihnen begegnen, nichts und löschen alle Lichter aus.

Wie sie zum Fensterlein des Meisterzimmers hineinschauen, siehe da, da steht der Schlimmste von Allen, den sie erstochen zu haben glaubten, die Thüre ist zu, im Gange liegen Gewichtsteine von 25 und 50 Pfund, sie werfen diese Steine gegen die Thüre und durch das Fenster des Meisterzimmers, ein Stein trifft den Gestochenen mitten auf die Brust und er fällt wie ein Sack.

Andere Gefangene ergreifen Hämmer zum Kettenanschlagen, schlagen Thüren ein und suchen in den Hof zu kommen, die halbe Stadt steht jedoch schon vor dem Zuchthaus, die Soldaten können nicht gleich hereindringen, weil das Schloß des eisernen Gitterthores verstopft wurde, endlich kommen sie doch herein, schaffen Ordnung und bringen die beiden Sträflinge in den Block zurück.

Der schlimme Aufseher starb bald an seinen Wunden; schon das Spuleisen würde ihn getödtet haben, wenn seine Sackuhr den Stich nicht aufgehalten und abgeleitet hätte. Der bessere Aufseher war durch die Säbelhiebe auf den Kopf halb wahnsinnig geworden, lag lange krank, wurde alsdann Pförtner, jagte sich jedoch bald nachher eine Kugel durch den Kopf. Er war ein guter Mann, trug das silberne Medaillon für einen Feldzug und hinterließ einen achtjährigen Buben als Waise. Vielleicht hat es ihn gekränkt, weil die Sträflinge ihn ungerecht mißhandelten und die Stadtleute als einen Haupttyrannen der Gefangenen verachteten, was er doch nie gewesen. So oft ich an den guten, unglücklichen Mann zurückdenke, schießen mir die Thränen in die Augen, er war auch eines bessern Schicksales würdig!

Ich genas allmählig, ging auf einen Webstuhl, um mir einige Kreuzer gutschreiben zu lassen, dann kam mein Urtheil und lautete schlimm genug. Die fünf Jahre, welche ich schon gemacht, sollte ich wieder machen und noch zwei dazu, also sieben volle Jahre, zum Willkomm 25 Stockprügel, nach Erstehung der halben Strafzeit 25 Repetirstreiche und zum Abschied noch 25 empfangen.

Den Willkomm erhielt ich gleich baar ausbezahlt und während ich sie erhielt, beschloß ich, die sieben Jahre um keinen Preis zu bleiben. Die Weber zettelten ein Complott ein, wir wollten beim Gang aus dem Schlafsaal ins Freie, doch als der Tag da war, wurden wir viel später als die Andern herausgelassen, wagten nichts, weil Alles in der Stadt schon lebendig war, fanden doppelte Aufsicht, wurden aus dem Webersaale bald wieder abgeführt, dann kam der Verwalter und hatte alle Verschworenen auf einem Zettel mit Ausnahme eines Franzosen, der uns verrathen hatte. Wir Alle wurden verhört, einzeln in Arrest gesetzt oder paarweise, ich mit Zweien, die nichts von der Geschichte wußten, mir Strafzulage prophezeiten. Sie waren auch zur Flucht bereit und hatten bereits dafür gesorgt, daß sie in der Stadt ihre Montur mit Civilkleidern vertauschen konnten. Wir brachen aus, gelangten jedoch nicht ins Freie, weil die Ausgänge ganz verändert und fester verrammelt worden waren. Einer von uns war ein junger Mensch, wir wollten nicht, daß er mit uns gestraft werde, er mußte Lärm machen, wir redeten in unserm Verhöre für seine Schuldlosigkeit, doch uns selbst konnten wir nicht weiß waschen, denn abgesehen davon, daß wir aus dem Arreste gebrochen, hatte ich allzuvoreilig meine Schuhe, mein Kamerad seine Kette ins Freie hinausgeworfen.

Die Verschwornen erhielten Einer nach dem Andern 25 und mußten singen d. h. in den Zwangstuhl, ich erhielt 50 und mußte auch doppelt singen.

Von nun an blieb ich ruhig, bis ich meinte, die sieben Jahre seien abgelaufen. Da nahm ich meine Sachen, brachte dieselben dem Obermeister und sagte, ich wolle fort, meine Zeit sei aus. Er wollte davon nichts wissen, ging zum Rapport, kam zurück und berichtete, ich müsse noch 7 Monat und 23 Tage bleiben.

Nun wollte ich nicht mehr arbeiten, hörte nicht auf die Ermahnungen des sehr braven Obermeisters, sondern ging lieber in den schwarzen Block und hungerte. Täglich wurde ich ermahnt, vernünftig zu sein und zu arbeiten, ich hörte nicht darauf und kam endlich in den untersten Block, hatte jeden andern Tag einen Hungertag und hielt es 33 Tage aus, entschlossen, mich eher tödten zu lassen, als zu arbeiten.

Am 34. Tage werde ich zu den Geistlichen gerufen, diese setzen mir den Kopf zurecht, ich wurde gar schwach und verworren im Kopfe, fühlte schon, ich sei nicht mehr der junge Paul, sondern es gehe allmählig abwärts mit mir. Ich versprach zu arbeiten, wenn ich ein besonderes Zimmerlein erhielte, weil ich nicht mehr zu den Sträflingen gehöre, erhielt auch Eines und arbeitete.

Doch ein solches Leben, wie ich es seit meinen Feldzügen geführt, war mir entleidet; ich spürte, daß ich der Grenadier von Anno 1805 und 1815 nicht mehr sei und der Gedanke, was noch aus mir werden sollte, wenn ich noch schwächer, dümmer, furchtsamer oder gar kränker würde, machte mich schwermüthig, zumal auch gar kein Mensch auf der weiten Welt sich um mich kümmerte. Gott möge es mir verzeihen, daß ich es gethan – ich hing mich einmal in der Nacht an meinem Webestuhle auf, nachdem ich eine Zeitlang bittere Thränen über mein Unglück vergossen hatte. Die Nachtwache entdeckte es jedoch, ich wurde zeitig abgeschnitten, kam ins Krankenzimmer und die Geistlichen sprachen mir armen Teufel Trost, Ermuthigung und Gottesvertrauen ein.

Fortan war ich so schüchtern, daß ich erschrack, wenn mich Jemand nur scharf ansah und ohne Freude sah ich meiner Freilassung entgegen.

Es war Winter, als ich in einer elenden Montur in meinem Heimathsort ankam, doch gute Leute schenkten mir Kleider und verschafften mir Arbeit bei einem Weber. Bald bekam ich mein altes Blutspeien wieder, der Herr Medizinalrath Z. erklärte, ich müsse das Weben aufgeben, wenn mir mein Leben lieb sei. Den Tod scheute ich nicht, desto ärger lange Krankheit, machte wieder den Dolmetscher, diesmal in Heidelberg und bediente einige Herren.

Ich weiß recht gut, daß ich mit mehr Fehlern behaftet bin als ein alter Judengaul und einer derselben besteht darin, daß ich Niemanden leicht eine Bitte abzuschlagen vermag. Ein hoher Beamter, den ich bediente, besaß lange Reihen von Büchern und wie mich eines Tages Einer ersucht, ihm ein Buch zu verschaffen, dessen Aufschrift er mir nannte und welches er in drei Tagen zurückzugeben versprach, suchte, fand und nahm ich dieses Buch bei dem Beamten und trug es zu dem Herrn, welcher es lesen wollte. Nach drei Tagen erhielt ich das Buch richtig zurück, wollte es auch gleich wieder an Ort und Stelle bringen, doch auf dem Wege begegnet mir ein guter Bekannter aus einem nahen Dorfe, ich muß mit ihm gehen, schleppe das verdammte Buch mit und vergesse, dasselbe auf dem Rückwege mitzunehmen, zumal es wegen seiner Größe in keinen Sack gesteckt werden konnte.

Am andern Tag stehe ich vor dem Prinz Carl, sinne darauf, wie ich Etwas verdienen könnte, da fahren zwei Kutschen heran, aus einer derselben steigt ein ältlicher Herr und wer ists? Mein alter Kapitän vom 16. Regiment, welchem ich in Spanien das Leben retten half und der später bei Waterloo auch einen Fuß verlor.

Er erkennt mich alten Kunden ebenfalls bald, freut sich sehr, mich hier zu finden und wie ich ihm kurz mein Schicksal oder besser mein Elend erzähle, so sagt er, er sei als Oberstlieutant pensionirt worden, von Hause aus reich, habe ein Gut in Oestreich gekauft, wolle mich mitnehmen und versorgen, so lange ich lebe oder so lang es mir bei ihm gefallen würde.

Eilends gehe ich vors Amt und verlange meine Schriften, doch da heißt es: »Eure Schriften kann ich Euch nicht geben, Ihr würdet nur wieder in der Welt herumzigeunern, auf dem Schube wieder heimkommen und Unkosten verursachen!« ... »Bin ich je in meinem Leben per Schub heimgekommen?« – »Nun, wenns auch nicht so ist, so müßt Ihr Euch doch an höhere Behörden wenden!«

Auch gut! denke ich und gehe nach Mannheim zum Herrn Kreisdirector, sage diesem guten Herrn mein Anliegen und daß ich wegen meiner Armuth nichts Schriftliches mitbrächte. Er läßt ein Protokoll aufnehmen und verspricht, sogleich für Herausgabe meiner Schriften zu sorgen.

In Heidelberg erzähle ich Alles meinem Oberstlieutant, dieser kann nicht lange warten, gibt mir ein schönes Geschenk sammt seiner Adresse, heißt mich bald nachkommen und reist weiter.

Nach einigen Tagen gehe ich zu dem Beamten und frage, ob nichts von der Kreisregierung an mich gekommen sei? Allerdings! sagt er; doch ich habe Gegenbericht eingesandt, Ihr dürft nicht fort!

Flugs eile ich zu einem Advokaten, ich hatte ja Geld, lasse eine schöne Schrift an die Regierung aufsetzen und trage sie selbst auf die Post.

Am andern Tage finde ich den hohen Beamten, den ich bediente, sehr zornig; es sind Leute bei ihm, er heißt mich später kommen und ich gehe in den schwarzen Bären, um das Morgenessen einzunehmen.

Während ich dies thue, kommt der Wachtmeister und bringt mich zu dem Herrn zurück, der mich gleich fragt: »Wo habt Ihr mein Buch?« – »Ich habe kein Buch mitgenommen.« – »Gesteht oder Ihr werdet eingesperrt!« – »Ich weiß von keinem Buche nichts!« – »Fort, in den Brückenthurm!«

Auf dem Wege sagt der Wachtmeister: »Ohrfeigen hätt' ich Euch geben mögen, weil Ihr so unnöthig läugnetet; es geschähe Euch ja Nichts, höchstens würdet Ihr 2 bis 3 Täglein im Schatten gesetzt von wegen der Freiheit!« – »Ist die wahr?« – »Mein Seel!« – »Ich wills gestehen, ich habe das Buch genommen, jedoch nicht gestohlen, sondern nur für einen Herrn geliehen!« – »Gut, da Ihr gescheid seid, wollen wir gleich zu dem Herrn zurück!«

Es geschah, ich erzählte Alles der Wahrheit gemäß, doch wurde ich nicht frei und komme ins Verhör.

Mit Hülfe anderer Gefangener steige ich um Mitternacht auf das Dach des Thurmes, will mich an zerschnittenen Leintüchern herablassen, doch die Sache geht nicht gut, ich muß mich am Schieferdeckershaken halten, bleibe dort hängen, werde bemerkt, mit großen zusammengebundenen Leitern herabgeholt, komme in ein schwereres Gefängniß, werde krank und bald wieder in ein besseres Zimmer gesetzt.

Ich würde lügen, wenn ich über meine Behandlung während der Untersuchung klagte; der Amtmann war kein Tyrann, sondern ein humaner, gerechter und sehr gescheidter Herr, der den Kerkermeistern scharf auf die Klauen sah, damit sie dieselben nicht allzuweit gegen die Gefangenen herausstreckten.

Dagegen lautete mein Urtheil schlimm genug, zumal das unglückselige Buch nicht mehr aufgetrieben wurde und mein guter Bekannter nichts mehr davon wußte.

Sieben volle Jahre hatte ich das vorigemal gemacht, ich sollte dieselben wieder machen und zwei neue dazu, folglich neun geschlagene Jahre.

Ihr könnt Euch denken, wie mir zu Muthe war bei Verlesung des Urtheils, doch mein Reden half wenig, ich dachte auf dem Wege ins Zuchthaus immer an den frommen Gottesmann Bernhardus, der mir auch dieses Unglück wie die meisten andern prophezeit hat. Wenn ich daran denke, daß ich schon bei der Geburt zu 70 Strafjahren verurtheilt wurde, so bin ich Gott dankbar, weil Er mir doch auch lustige Tage schenkte und die Kraft gab, mehr als zehn Andere auszuhalten und wenn ich bedenke, daß die 70 Jahre bald überstanden und dann noch 20 gute kommen werden, so lebe ich manchmal von Neuem auf, wenn ich nicht gerade Blutspeien habe!

Ich war diesmal nicht lange in der Strafanstalt, da gab es eine Revolution wegen der Kost, mein einäugiger Spezel da weiß auch davon zu erzählen, denn er spielte eine weit größere Rolle dabei als ich. Wir schlugen um Mitternacht alle Fenster zusammen, verrammelten uns in unsern Sälen, schlossen dieselben fest und öffneten sie nur dem Kreisdirector, nachdem die ganze Garnison gegen uns ausgerückt war. Uebrigens machte ich selbst sehr wenig dabei; ich bin nicht mehr der Alte, mein Muth und meine Kräfte sind sehr geschwunden und es ist eine leichte Sache geworden mich einzuschüchtern. Mache einer meine Feldzüge und Strapatzen durch, halte dann dazu 15 Jahre Gefängniß der schwersten Art aus und bleibe jung und stark und herzhaft, wenn er es vermag! ... Was sage ich 15 Jahre? Wartet einmal, fünf und sieben sind zwölf, zwei und ein halbes thut vierzehn und ein halbes, dann drei dazu und noch eins, macht Alles in Allem achtzehn und ein halbes Jahr in Strafhäusern seit meiner Rückkehr in die Heimath, abgerechnet, daß ich jetzt wieder einige Monate sitze und trotz meiner Schuldlosigkeit einige Jahre auf den Buckel bekommen kann. Freilich kenne ich Sträflinge, welche abwechselnd 20, 25, ja 30 und mehr Jahre in Zuchthäusern lebten und auch einen Beweis lieferten, daß der Mensch zehnmal mehr aushält als der größte und stärkste Elephant!

Nach der Kostrevolution bat ich, mich alternden Mann allein zu setzen und es geschah auch, ich erhielt ein ordentliches Zimmerchen und man plagte mich nicht sehr mit dem Arbeiten, weil ich mein Blutspeien wieder bekommen hatte.

Die Zeiten sind für die Gefangenen in Manchem anders und besser geworden, andere Herren sind überall ans Ruder getreten, auch die Stockprügel sind abgeschafft worden und ich bin ganz dafür, obwohl es Menschen und Fälle genug in Strafhäusern gibt, wo ein gerechter Sträfling meint, er müsse selbst den Stock zur Hand nehmen und Mitgefangene prügeln. Wer Ehrgefühl besitzt, dem wird es durch Stockprügel gar leicht aus dem Leibe herausgeschlagen, ich habe das bei den Oestreichern und Russen genug erlebt; aber wo einmal das Ehrgefühl fehlt, da bleiben Prügel und Zwangstuhl das einzig wirksame Mittel; alles Schonen macht unverschämte und freche Menschen nur ärger und weil sie sich durch das Gesetz geschützt wissen, geberden sich manche Sträflinge heutzutage, als ob Aufseher, Beamte und Geistliche ihre Schuhlumpen wären!

Etwas über 2 Jahre saß ich wegen dem Buch in meinen Stüblein, da kam ein hoher Herr von Carlsruhe in die Anstalt, um dieselbe zu visitiren. Ich sah ihn durch den Hof gehen, rief seinen Namen, bat ihn, mich ein bischen zu besuchen; er kam auch richtig gleich zu mir, ich erzählte Alles, der Verwalter und der Doctor redeten auch gut für mich und der Herr sagte, er wolle meiner gedenken und schrieb Mehreres in seine Brieftasche.

Es dauerte gar nicht lange, so wurde ich begnadiget, sechs und ein halbes Jahr sind mir an der Strafzeit geschenkt worden; so oft ich an den guten Herrn und an den Großherzog Leopold denke, der so Vieles für die Aermsten aller Armen, für Gefangene gethan hat, fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, ich weine wie ein Kind und kann nur beten, daß Gott den Großherzog Leopold noch lange beim Leben erhalte, denn dieser Herr ist die Güte selbst. Hätte Er nur tausend Augen, tausend Ohren und zehntausend Arme, ein edleres Herz brauchte er nicht, dann könnte er die Spitzbuben und Heuchler sammt den Volksverführern an der Cravatte kriegen und auch einmal manchen feinen Rock ins Zuchthaus abliefern! ... Schon in frühern Zeiten hatten viele Leute um meiner Abentheuer und Ausbrüche willen geglaubt, ich sei eine Art Hexenmeister und könnte recht glücklich und reich sein, wenn ich nur wollte. Lustig blieb ich bei allem Elend immer, kann noch heute recht lustig sein und werde es wohl, wenn einmal die 70 Strafjahre vorüber sind! ... Nach meiner Entlassung behaupteten die Leute, ich könne machen, daß Einer in der Lotterie gewinne, mein Widerreden half nichts, die Leute blieben so abergläubisch auf ihrer Meinung, als ob sie die ärgsten Katholiken und keine Zwinglianer wären, am Ende dachte ich: wenn Ihr durchaus betrogen sein wollt, so kanns der alte Paul ja thun, es wird ihm nicht schaden und Ihr werdet bald an Euerm Verlust merken, daß ich kein Hexenmeister bin!

Viele glaubten, ich wolle mit meiner Wissenschaft nur nicht herausrücken, steckten sich heimlich hinter mich und gaben mir, was ich gerade brauchte, versprachen goldene Berge dazu und ich sagte ihnen das Mittel, welches mir ein Jude einmal anvertraut hat und das ich niemals selbst probirte, weil mir das viele Geld dazu mangelte. Ich selbst hielt anfangs nicht wenig darauf, doch nachdem es Einige angewendet und in der Lotterie dennoch keinen Knopf gewonnen hatten, schwand mein Zutrauen, bei Andern war dies auch der Fall, sie behaupteten, ich führe die Leute betrügerisch am Narrenseil herum. Solches that mir wehe, weil es nicht wahr gewesen.

Dagegen kamen Andere noch immer heimlich zu mir, sagten, ich habe Andern wahrscheinlich das rechte Mittel nicht gesagt, weil sie zu knauserig gewesen und wollten um jeden Preis dasselbe aus mir herausbringen.

Ich lebte in einem Dorfwirthshause, weil ich da am wohlfeilsten schlief und um 6 Kreuzer täglich zu essen bekam. Das Essen war wenig und elend, Durst habe ich auch oft gehabt und so freute ich mich, daß die Schwester der Wirthin, eine wüste alte Jungfer, die immer noch gerne geheirathet und deßhalb in der Lotterie gewonnen hätte, sich hinter mich steckte und mir Vieles gab, damit ich das wahre Mittel sage. Den Wirthsleuten sagte sie nichts davon, um nicht ausgelacht zu werden und wir hielten Alles heimlich.

Einmal trete ich in die Stube, da sitzen einige Juden am Tische und ich setze mich neben sie. Ich hatte einem Studenten eine Kommission gemacht, ein gutes Trinkgeld erhalten, war etwas angetrunken und lasse von Zeit zu Zeit ein Stück Speck unter dem Rocke hervorschauen, um die Juden zu utzen und sage, ich sei nicht mager, wie die Leute meinten, sondern fett, man möge mich nur näher betrachten.

»Woher habt Ihr den Speck?« fährt mich der Wirth an. – »Käthchen hat ihn mir draußen gegeben in der Küche, als ich meine Pfeife anzündete!« sage ich erschrocken. – »Käthchen, hast du dem Paul von meinem Speck gegeben?« fragt der Wirth. – »Mein Herz hat nie daran gedacht, der Paul lügt!«

Jetzt beginnt der Wirth zu fluchen und zu schänden, ich gebe auch nicht nach, weil ich Etwas im Kopf hatte, zahle meine Sache und gehe fort.

Am andern Tage werde ich vor Amt geladen und eingesteckt. Käthchen beichtete die ganze Lotteriesache, dagegen legte sie einen Eid ab, mir niemals Speck gegeben zu haben, Zeugen hatte ich keine und war verloren.

Der Verhörrichter ließ mich frei, weil ich alt und kränklich sei, bis der Bescheid vom Hofgericht kam. Dieser lautete auf 3 Jahre Zuchthaus, mein Widerreden half nichts, weil ich schon oft im Zuchthause gewesen und ich machte meine Zeit.

Kaum bin ich einige Wochen frei, so passirt mir ein neues Unglück.

Ich wohnte wieder in einem Dorfe, blieb bald da bald dort über Nacht. Eines Morgens sehe ich beim Fortgehen vor der Speicherthüre schwarze Wäsche liegen, nehme zwei alte, elende Hemden, von denen keines 24 Kreuzer werth war und will fort. Ein kleines Kind schaute mir zu, wie ich die Hemden in mein Sacktuch band, rennt in die Stube und sagt es der Mutter, diese eilt heraus, stellt mich zur Rede, ich gestehe Alles gleich, während die Frau noch schimpft, tritt der Gemeindediener herein, doch läßt man mich in Frieden ziehen.

Eine halbe Stunde vom Dorfe holt mich jedoch der Polizeidiener ein, führt mich zum Bürgermeister des Dorfes zurück, dieser sagt, er würde mir eine leichte Strafe geben, wenn ich in die Gemeinde gehörte, weil dieses jedoch nicht der Fall sei, müsse er mich dem Amte einliefern.

Vor Amt läugnete ich gar nicht, wurde abermals frei, vom Hofgerichte abermals zu 3 Jahren verurtheilt, diesmal ergriff ich gar keinen Rekurs und machte abermals meine Zeit. Apropos, daß ichs nicht vergesse, meine Rechnung von vorhin leidet an einer kleinen Unrichtigkeit, ich habe die 3 Jahre, in welchen ich für die zwei elenden Hemden büßen mußte, nicht gezählt und bin also nicht 18½, sondern 21½ Jahr in Strafanstalten gewesen. Vielleicht feiere ich bald mein Zuchthausjubiläum!

Elender, schwächer und ärmer als je kam ich heim und kein Mensch wollte sich jetzt mehr meiner annehmen, ich vermeinte, die guten Leute seien auf der Welt Alle ausgestorben! ... Voriges Jahr wird Einer Präsident der Armencommission, welcher allen Armen Abzüge machte. Seit mehreren Jahren bekam ich vom Spitale ganze Kost und Brod oder Kostgeld, weil ich jährlich Zeugnisse vom Physikus brachte, daß ich arbeitsunfähig sei.

Jetzt muß ich zum Präsidenten und da heißt es: »Er erhält gar nichts mehr vom Spitale, arbeitet!« – »Kann ich denn weben? Ich darf ja nicht!« – »Verrichtet leichte Arbeit!« – »Geben Sie mir; ich bekomme nirgends mehr eine Gelegenheit zum Verdienen!« – »Suche Er nur eine solche!« – »Ja, was soll ich jetzt anfangen?« – »Betteln oder Stehlen, mir ist es gleichgültig!«

Einige vornehme Bürger, von denen ich wußte, daß sie den Präsidenten als einen Aristokraten nicht leiden mochten, ermahnten mich, die Sache bei den Behörden anzuzeigen und Einer setzte mir eine Schrift auf.

Diese Schrift gab ich am rechten Orte ab, erhielt 4 Wochen keinen Bericht, hatte manchen Tag nichts zu essen und verhungerte beinahe.

Endlich gehe ich auf das Oberamt, klage mein Elend, die Thränen fließen stromweise über meine alten Wangen, die Herren aber verwundern sich, weßhalb ich noch nichts erhalten, denn sie hatten das Nöthige sogleich gethan. Es dauerte wieder 14 Tage, ohne daß ich etwas erfuhr, ich ging wieder zu den Bürgern und klagte, diese gaben mir Geld, Einer machte mir wieder eine Schrift, worin der Präsident der Armencommission sammt dem Oberamte verklagt war und ich wanderte zum Herrn Kreisdirector.

Dieser gute Herr las meine Schrift und sprach mir Trost ein.

Das Oberamt verübelte mir, daß ich es ungerecht verklagt habe, doch ich hatte dies ja nicht gewußt, die Bürger sagten alle, das Oberamt spiele mit dem Präsidenten unter Einer Decke und beide seien gleich schlecht und volksfeindlich.

Endlich nach 3 weiteren Wochen ist Sitzung der Commission, dieselbe spricht mir für jeden Tag einen Schoppen Suppe und einen Schoppen Gemüse und für jeden fünften Tag 4 Pfund Brod zu. Als alter Mann wollte ich auch Fleisch, ging deßhalb zu einigen Herrn der Commission, doch nicht zum Präsidenten und erhielt dann alle Sonntage ein Stücklein Fleisch.

Weil ich auch unter der Woche Fleisch will, gehe ich endlich wieder zum Präsidenten, erhalte aber nichts, bis er von seiner Stelle abdanken muß, alsdann gibt mir sein Nachfolger Alles, was ich früher genossen. So oft ich an diesen guten Mann denke, laufen mir die Thränen stromweise über meine alten Wangen und der Gottesmann Bernhardus kommt mir in den Sinn! ... Im vorigen Spätjahre hatte ich keine Winterkleider und lief in elenden Sommerhosen herum, obwohl der Winter diesmal früh angefangen hatte; dies sahen einige Herren und es dauerte nicht lange, so trug ich eine ganz schöne, warme Montur. Gott verläßt den alten Paul nicht, wenn Er ihn auch aus einem Kreuz ins andere schickt!

Daß ich jetzt in Untersuchung bin, weil Eine, welche Lotterielose sammelt, mir mein Geheimniß abschwatzte, Manches gab, in der Lotterie Alles verlor und mich aus Rachsucht nachträglich anklagte, ich hätte ihr Vieles gestohlen, was auf meinem Speicher in der Kiste unter der Bettlade doch ganz schön geordnet gefunden wurde, dies wißt Ihr Alle! ... Der Hauptfehler ist, daß ich eine kleine Winterreise machte und hier herauf gerieth, wo ich arretirt wurde und jetzt schon so lange sitze, ehe ich in die Heimath geliefert werde. Wie wird es mir noch ergehen! ... Gottlob, daß das Jahr 1852 jetzt nahe ist!


»Die Geschicht' vom Paul is ebbes Rares, meiner Schumme! Ich glaab' aber, wenn wär' Gott gewest mit ihm, hätt' er nicht so viel' leichtsinnige Streich' gemacht!« meint der Moses.

»Oh, diese Geschichte ist fürchterlich schön, was hat der Mensch ausgestanden! ... Man sollte es kaum glauben! ... Morgen zeigt Ihr mir Euern Rücken Paul, nicht wahr?« ... sagt der Zuckerhannes ganz begeistert.

»Mich wunderts nur, wie es dir nach dem 70sten Jahre ergeht! Siehst nicht darnach aus, als ob du noch 20 Jahre gut zu leben vermöchtest oder schlimm; so oft du Geld hattest, hast du jedesmal dummes Zeug gemacht!« bemerkt der Indianer.

»Ach die Weibsleut', von denen hättest du doch mehr erzählen sollen. Jedenfalls hast du mehr mitgemacht, als wir alle zusammen! Ich wollte, ich hätte die Marie, die Margreth und meinethalben noch Eine jetzt neben mir!« grinst das Affengesicht.

Der alte Paul schluchzt, die Mitgefangenen hören es und fragen.

»Ach Gott! ... o Marie, du Längstverfaulte! ... Ach, auch! ... ich war in Akazien geboren! ... Und die Tirolerin! ... Nein, der Mensch liebt nur einmal recht, dann hat er kein Herz mehr dazu! ... So oft ich an den Mohren zu Jägerndorf zurückdenke, fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen! ... Ach, Alle, die ich kannte und liebte, sind todt, lauter neue Gesichter, neue Einrichtungen! ... Für mich ist die Welt ein Kirchhof und was soll ich auf diesem Kirchhofe noch 20 Jahre und mehr thun? ... Das Leben ist nur in der Jugend schön, später wird Einem der Tod lieb, Nichtsterbenkönnen wäre wohl die härteste aller Strafen! ... Hast noch einen Tropfen Wein, Mauschel? ... Nicht? o weh!« jammert der Alte, »deine Geschichte ist nicht ohne Interesse, das Beste daran bleibt, daß sie nicht erdichtet ist!« meint der Spaniol und setzt bei: »Was du von der Zeit deiner Rückkehr aus Frankreich an erzähltest, ist im Ganzen eine gewöhnliche Zuchthausgeschichte, wie wir sie von vielen Rückfälligen vernehmen können!«

»Heutzutage gibts doch keine rechten Zuchthausgeschichten mehr!« schreit der Stoffel. »Was der Paule von den alten Zuchthäusern erzählte, habe ich großenteils nicht nur mit angesehen, sondern mitgemacht. In meinen jüngern Jahren war ich auch keiner von den Letzten, aber jetzt bin ich froh, daß die Herren in Carlsruhe, die Beamten und Meister in den Strafanstalten ganz andere und bessere sind. Kost und Brod ist gut, die Behandlung menschlich und das hält Einen eher vom Stehlen ab, denn alle Strenge und Grausamkeit!«

»Dich hat es doch noch nie vom Zuchthaus abgehalten!« lacht der Indianer.

»Weßhalb? Hatte ich zu leben, dann würde ich nicht »rapsen.« Ich bin arm, ohne Heimath und Freunde, verstehe kein Gewerbe, kann nicht schwer arbeiten, da wäre ich doch ein Narr, wenn ich nicht lieber ins Zuchthaus ginge, als draußen mich müde und hungrig herumschleppen, von Jedem schief ansehen und verachten lassen möchte! Gehe in die Strafanstalten und Wen findest du unter den Stammgästen? Lauter Arme und Verarmte Buben ohne Väter, Waisenkinder, kurz Leute, die vom Schicksal verfolgt wurden! Die Zeiten werden schlecht, bald ist es im Zuchthause besser als draußen!« belehrt der Stoffel.

»Oho, oho! Wollen sie nicht bald das Zellengefängniß in Bruchsal bauen? Kann man dort nicht mit Jedem anfangen, was den Beamten oder Aufsehern beliebt? Heißt es nicht in den Zeitungen, die Gefangenen würden alle zu Narren oder Selbstmördern? Hat man nicht schon Zellenbewohner in andern Ländern gefunden, welche vergessen wurden, sich bei lebendigem Leibe die Arme und Beine anfraßen und den Hungertod starben? He?« schreit der Indianer.

»Hu, das ist grausig! – gräßlich! – Lieber todt als in der Zelle! – Man sollte das neue Käfig in Bruchsal niederbrennen, ehe es gebaut ist!« rufen die Gefangenen im Chorus.

»Ach, die Sache ist nicht halb so arg, ich weiß dies von Frankreich und der Schweiz her!« sagt der Spaniol. »Zellengefängnisse sind zwar keine Marterhöhlen und Folterkammern, aber Volksverdummungsanstalten, in denen der Mensch mit Religion angesteckt wird, eine kleine Schlappe, welche bei uns Preußen und Baden der Armee der großen Zukunft versetzen!«

»Was verstehst du unter der Armee der großen Zukunft? he?« fragt der Zuckerhannes.

»Mon Dieu, du Dummkopf gehörst ja selbst dazu!«

»Ich?«

»Ja du!«

»Setze es dem Simpel noch einmal auseinander, s'ist ein Kerl, mit dem man Riegelwände einstoßen könnte, ohne daß sein Hirn beschädigt würde!« lacht der Indianer.

»Oh, ich bin nicht halb so dumm wie ich aussehe! ... Ihr könnt Einen schon gescheidt machen! ... Hab' ich doch in diesen paar Wochen von den Weibern, Pfaffen und »Großköpfen« hier Dinge gehört, die ich draußen nicht sagen möchte! ... Der Einäugige hat Recht, im Arrest ist Freiheit, es lebe der Arrest!« ... ruft der Gefoppte. »Halt' jetzt deine Gosche, der Spaniol will wieder eine Rede loslegen, er räuspert sich schon und wir wollen den Takt dazu kratzen, während die Flöhe tanzen und das Murmelthier den Contrebaß brummt!« lacht der Stoffel.

»Noch Ein Wort!« bittet der Paul und sagt: »Der Indianer hat vorhin von Zeitungen geredet, die einem vor Zellengefängnissen bange machten.«

Darauf ist wenig zu geben, denn Zeitungen lügen und Zeitungsschreiber verstehen sicher oft kein Maaß, wenn von Gefängnissen die Sprache ist und schmieren in den Tag hinein, damit das Blatt voll wird. Jedenfalls habe ich, der alte Paul, im Zuchthause Vier gekannt, die sich innerhalb weniger Jahre erhängten, ich selbst habe mich aufgehängt, war weder der Erste noch der Letzte und Narren habe ich auch genug unter den Sträflingen gesehen. Es kommt eben sehr viel auf die Behandlung an! Was die Narren betrifft, so hat mir ein Herr Student in Heidelberg einmal gesagt, der berühmte Doktor Roller habe ausgerechnet, daß auf je 1000 Menschen 3 Narren kämen, das heißt anerkannte Narren, denn wenn man Viele dazu rechnete, welche für gescheidte Leute gelten, gäbe es unter 1000 Menschen mindestens 800 Narren! ... Das hat mir auch ein Heidelberger Student gesagt und es ist so, je nachdem man die Sache betrachtet! ... Ich selbst bin oft ein rechter Narr gewesen!«

»Nach dem Jahr 1852 wirst du gescheidt, hast dann bald das doppelt Schwabenalter!« lachte der Stoffel.

»Silence, je vous prie!« brummt der Spaniol, räuspert sich noch einmal und spricht mit steigender Aufgeregtheit.

»Ihr wißt, Brüder, daß alle Menschen von Geburt gleich sind und daß wir im Leben doch überall Ungleichheit des Besitzes, Genusses, der Arbeit, Bildung, kurz aller Dinge sehen. Schlaue Betrüger haben die Menschheit mit eitlen Phantasiegebilden von Gott, Ewigkeit, Vergeltung und dergleichen Träumereien des beweglichen Herzens in Furcht, Angst, Verwirrung und Noth gejagt. Der Starke unterdrückte den Schwächern und nahm mit Hülfe betrügerischer Priester seine Berechtigung von einem Himmel, der nirgends existirt, betrog die Mehrzahl um alle Freuden und Güter des Erdenlebens und stellt ihr fortwährend Wechsel aus, welche der Unverstand acceptirt und der Tod mit Nichts honorirt. Millionenfach haben die Interessen der Menschen sich verschlungen, die Armen opferten das wahre Interesse ihrem scheinbaren, die absolute Unordnung wurde zur Ordnung, zum Gesetze.«

»Zerstäubte Millionen wurden um ihr Glück betrogen, unterdrückte Millionen seufzen nach Erlösung aus den Banden des Aberglaubens und des Despotismus, Millionen sehen noch nicht, wo sie eigentlich der Schuh drückt, senden heimlich verspottete Gebete zum ewigstummen Himmel und schlachten ihre natürlichsten, schönsten Gefühle auf dem Altare des Wahnes und der Knechtschaft, welche ihre Herrschaft in ein endloses Jenseits ausdehnten, um der Herrschaft über das Diesseits desto gewisser zu sein.«

»Es läßt sich berechnen, Brüder, daß, wenn Louis Philipp fortwucherte, in einigen Jahrzehnten die Geldmasse des europäischen Festlandes in seine usurpatorischen Hände käme! – Ihr wißt selbst, daß die Weiber in einer Art Sklaverei auch bei uns leben, daß Jeder nur Ein Weib nehmen darf und Hunderttausende nicht im Stande sind, ein Weib zu ernähren oder ihre Familie also zu unterhalten, daß sie frohe Stunden erlebt. Schwelgen und Befehlen ist das Vorrecht Weniger, Hungern und Unterdrücktwerden das Loos der ungeheuern Mehrzahl. Ihr wißt ferner, von wem und wie die sogenannten Gesetze gezimmert und aufrecht erhalten werden, Ihr Alle seid ja gegenwärtig Opfer derselben und in dieser Stunde seufzen Hunderttausende in Kerkern, die Angehörigen verfluchen ihre Dränger.«

»Dies sind nur einige kleine Belege für die unermeßliche Summe des Elendes, welches ob der freigebornen, gleichberechtigten Menschheit lastet. Flössen alle Thränen zusammen, welche nur seit 2000 Jahren auf dem weiten Erdenrunde von der gepeinigten Natur und vom gequälten Herzen geweint wurden, es gäbe ein Thränenmeer, gegen welches das mittelländische in der That nur ein französischer See sein würde.«

»Brüder, es wird anders werden und muß anders werden!« –

»Ich habe die Jahrbücher der Menschheit aufgeschlagen und trotz aller Verfälschung derselben gefunden, daß ein tiefes, unauslöschliches Sehnen nach Urfreiheit und Erdenglück durch die Völkerherzen aller Zeiten und Welttheile zieht und daß diese Sehnsucht in fortwährenden Kampf gegen Knechtung und Elend trieb.«

»Ich habe die gebildeten Völker besucht und allenthalben gefunden, daß die unbestimmte Sehnsucht der Völker zum Bewußtsein der eigentlichen Zwecke des Erdenlebens und der rechten Mittel für Erfüllung dieser Zwecke sich steigert.«

»Ich habe auch gefunden, daß in der Entwicklung der Völker eine gewisse Gesetzmäßigkeit liegt und aus all diesem den herzerfreuenden Schluß gezogen, die Morgendämmerung der großen Zukunft sei angebrochen, die vielen Culte der Völker wichen dem einzigen Culte des reinen Menschenthumes und die Zeit schärfe die Schwerdter des letzten, furchtbaren Krieges, in welchem die unterdrückte Mehrzahl die bisher triumphirende Minderheit unterjochen oder vernichten wird.«

»Seit 300 Jahren wurde der Kampf der Freiheit gegen die Lügen der Weltgeschichte ernsthafter und immer ernsthafter. Aus den Flammen der Bastille zuckten die ersten Strahlen des Maimorgens der Menschheit in das gegenwärtige Jahrhundert herüber. Große Resultate sind im Gebiete des Wissens und Lebens erzielt worden, die Ironie des Schicksals verurtheilte immer zahlreicher die bewußten Feinde des reinen Menschenthumes wider ihren Willen, gleichviel ob durch zagendes Nachgeben und Ansichselbstverzweifeln oder durch trotziges Weiterkämpfen und angstvolles Verbarrikadiren, den Völkern die Augen zu öffnen und im Interesse der großen Zukunft zu wirken.

»Am Ende dieses Jahrhunderts wird das seitherige Geplänkel zur offenen, blutigen Feldschlacht sich entfalten und mag tausendstimmiger Kanonendonner auch noch in ein anderes Jahrtausend hinüberdröhnen, mag in der Neujahrsnacht des Jahres 2000 der Mond ganze Hügel von Gebeinen sehen und sein trübes Bild in einem Blutmeer baden, was ist dies im Vergleiche zu den ewigen Segnungen, welche der endliche Sieg der unendlichen Menschheit, den zahllosen Millionen der Zukunft bringen wird?

»Wie in der Bibel gejubelt wird: Saul hat Tausende erschlagen, David aber Zehntausende, so werden unsere Enkel im künftigen Jahrtausend jubeln: Die Feinde der Menschheit haben Millionen Dulder und Kämpfer des reinen Menschenthums erwürgt, die Helden desselben dagegen haben den alten Menschen überhaupt erwürgt und den Muth besessen, auf den Schädelbergen vernichteter Feinde und gefallener Brüder die Fahne der ewigen, unbedingten, schrankenlosen Freiheit aufzurichten! Alle politischen und religiösen Partheien arbeiten dem nächsten großen Ziele: der permanenten Revolution in die Hände; je blinder sie sich befehden und je schroffer sie sich gegenüberstehen, desto freudiger und hoffnungsvoller schlägt mein Herz!«

»Laßt die gegenwärtigen Machthaber nur das Volk aussaugen und mißhandeln, jeden Schein von Freiheit todesfeindlich bekämpfen, ihre Armeeen von Jahr zu Jahr vermehren, möglichst viele Proletarier in zweifarbige Röcklein stecken und in die heillose Regiererei hineinschauen, die Pfaffen sollen das Tedeum dazu plärren und der Pabst den Hokuspokus darüber sprechen – im Hintergrunde steht lachend die Revolution und wartet, schweigt und duldet, doch täglich vermehrt sich ihr Heer und wenn die Zeit gekommen, dann entfaltet sie ihr blutigrothes Riesenbanner und hält donnernd Gericht über alle Henkersknechte der Völker!« –

»Wenn der Bauer nur noch Heu und der Arbeiter nur noch Hobelspäne zu fressen hat und wenn man die liederlichen Bourgeois sammt ihren Bücherwürmern in ihrem Treiben belästiget, dann werden die Erstern gescheidt, die Letztern vollends blind und alle Drei treten einig als Rekruten in die Reihen der Armee der großen Zukunft!«

»Diese Armee, Brüder, ist keine Täuschung, kein Wahn, die große Zukunft hat längst ihre Männer, Helden und Märtyrer – wir selbst gehören dazu, wir Alle, wie wir da sitzen, sind Soldaten und Veteranen der permanenten Revolution, obwohl Ihr als unstudirte Leute wohl noch nie bedacht habt, was eigentlich in Euch steckt.«

»Ich, der Spaniol, will es Euch sagen, Ihr werdet es niemals wieder vergessen, es soll Euch ermuthigen zu furchtloser, männlicher That und Euern Brüdern sollt Ihr es verkündigen!«

»Sind wir nicht gefangen? – Gewiß! – Weßhalb? – Weil jeder Bewohner dieses Hauses im Verdachte steht, die bestehenden Gesetze in dieser oder jener Weise übertreten zu haben! – Wer hat diese Gesetze fabrizirt? Das Volk etwa? Jamais, nur ein paar Dutzend Bourgeois, welche zum Zeitvertreib dem armen Volke Sand in die Augen streuen helfen. Unsere Gesetze stammen von Gewalt und Betrug! – Was ist ihr Zweck? – Aufrechthaltung der grundverderbten bestehenden Zustände. Warum sind diese Zustände grundverderbt? – Weil sie in der Dummheit der ungeheuern Mehrzahl wurzeln, die allseitige Unterdrückung derselben beabsichtigen und einer sehr kleinen Minderheit auf Unkosten aller Uebrigen fortwährend den Himmel auf Erden bereiten sollen.«

»Jeder, der in irgend einer Weise die gesellschaftlichen Zustände angreift, zu verwirren und zu zerstören strebt, ist ein Feind des Bestehenden, ein thatsächlicher Revolutionär, in den Augen der Nutznießer der gegenwärtigen Unordnung aller Dinge, ein schlechter Kerl, unruhiger Kopf oder ein strafwürdiger Verbrecher, in meinen und meiner Brüder Augen dagegen ein bewußtloser oder bewußter Streiter, Märtyrer und Held der großen Zukunft, der nicht blos für sich handelt, sondern zugleich für die Idee des reinen, freien, vollen Menschenthums, für das Menschengeschlecht überhaupt!«

»Wenn die Interessen des Einzelnen mit den Interessen Aller im rechten Einklange ständen, wie Solches im Reiche des reinen Menschenthumes wirklich der Fall ist, wüßte man nichts mehr von Verbrechen, weder von gemeinen noch von politischen, man wüßte nichts von Fürsten, Soldaten, Polizeidienern, Juristen, Gesetzen, Privilegien und Gefängnissen und eine Revolution wäre unmöglich, weil kein Grund für sie vorhanden läge.«

»Das Paradies, das goldene Zeitalter, diese tiefsinnigen Wiegenträume der Religionen aller Völker, würde auf Erden herrschen und eine neue Erde eine andere bessere Menschheit beglücken, welche lebt, um zu leben und so spät als möglich, gesättigt von holden Genüssen den Einzelnen dem Todesschlafe übergibt.«

»Ihr verwundert Euch, Ihr staunt, Euer tiefes Stillschweigen ist beredt, aber ich spreche meine volle innige Ueberzeugung aus und glaube so fest an die große Zukunft, als ein Ultramontaner an den Papst, ein Mucker an seine himmlische Erleuchtung, ein Sehender an Farben!«

»Der Spaniol schwieg erschöpft still und ging heftig zwischen dem Ofen und Nachtstuhl hin und wieder, das Beifallgeklatsche und die Lobsprüche einiger Mitgefangenen schmeichelten ihm gewaltig, er empfand Etwas von jener Seligkeit sogar, welche das Bewußtsein gewährt, eine gute That vollbracht zu haben.

»S'ist doch ein Elend, wenn man so dumm ist, wie unser Eins und auch gar nicht weiß, wozu man in der Welt da ist!« seufzt der Zuckerhannes.

»Nun, der Spaniol hat schier jeden Tag eine Rede gehalten, seitdem er bei uns ist; du könntest ihn alsgemach so gut wie ich verstehen, wenn du kein dummer Schwarzwälder und einfältiger Roßbube wärest!« bemerkt Martin, der Schlosserlehrling.

»Der Spaniol ist eben ein G'studirter, der alle Schulen durchgemacht und alle Bücher verlesen hat, aber ich, was bin ich? Wer hat mich etwas lernen lassen? Du, Martin, hast gut reden, bist ein Wirthssohn, der brave Eltern hat, hast eine Stadtschule, Sonntagsschule, Gewerbsschule und weiß Gott was besuchen und mit gescheidten Leuten umgehen dürfen. Bei mir ist dies anders, ich bin in meinem Leben noch wenig in die Stadt gekommen und zudem jünger als du, denn du hast dein Schlosserhandwerk ja bis Ostern ausgelernt und wirst freigesprochen!« entschuldigte sich der Zuckerhannes.

»Wenn der Spaniol kein Narr ist (und das ist er nicht), so muß man ihn Musje Genie taufen! ... Nur Schade, daß ein solcher Mann auch den Husten bekommt und von den Flöhen gebissen wird wie Andere! ... Er hätte wohl bis Morgen an seiner Volksrede fortgemacht, denn wenn er einmal anfängt, hört er nicht mehr auf und wir spüren weder Flöhe, Wanzen noch Schlaf!«

»Meine Reden wirken Wunder, wie Orpheus Leier, sie bändigen Bestien und machen Bileams Esel gesprächig; ich habe das in Algier, Frankreich, Genf, Lausanne, Biel und hier erlebt! versicherte der Spaniol ernsthaft.«

»Viel hab' ich nicht von der heutigen Rede verstanden, sie war mir wieder zu hoch, aber schön ist sie gewesen, das muß ich unserm Zimmercommandanten lassen!« sagt der alte Paul.

»Verstanden? Nicht verstanden? O ihr dummen Gojims! Du wirst doch wohl verstehn, daß Beschummle ist keine Sünde und unverlorne Sache finden, kein Verbrechen? Auf Deutsch: Betrügen ist eine Tugend und lange Finger sind ein Verdienst, weil der Mensch nicht nur für sich, sondern auch für die Menschheit betrügt und stiehlt, indem dadurch die ehrliche, volksfeindliche Mehrzahl beschädiget und für die große Zukunft gearbeitet wird!« belehrt der Mauschel den Paule.

»Es geht doch nichts über einen Juden, der dümmste ist gescheidter als zehn Christen!« lacht der Spaniol.

»Wenn man in der »großen Zukunft« sich mit Jeder einen Spaß machen darf, die Einem gefällt, dann gehöre ich der reinen Menschenzunft des Spaniolen mit Leib und Seele an!« versichert das Affengesicht.

»Was hat der Spaniol von Zukunft oder Kuhzunft oder Vernunft und Recht, Polizeistaat und Budget geredet?« gähnt das schlaftrunkene Murmelthier. Alle lachen laut auf, der Stoffel will schier ersticken, der Indianer aber schreit:

»Spaniol, das Murmelthier ist ein Politischer, ein Wunderthier, ein Invalide der großen Armee, von der du gesprochen; seine Frage ist einer neuen Rede werth, hast du keine mehr im Sack?«

»Scherz bei Seite, Indianer, ich habe noch etwas Wichtiges vergessen. Soll ich es jetzt oder morgen nachholen? Es dauert nicht lange!« läßt sich der redselige Spaniol vernehmen.

»Jetzt! – Gleich! – Wir hören! – En avant! – Stille!« schreien die Gefangenen, der Spaniol räuspert sich wiederum und spricht nach kurzem Besinnen:

»Vor Allem verwahre ich mich dagegen, daß unser Murmelthier etwas Besseres oder Schlechteres sei als wir, weil er im Verdachte steht, kein gemeines, sondern ein politisches Vergehen begangen zu haben. Das Reich des reinen Menschenthums kennt gar keine Verbrechen, die Vernunft des reinen Menschenthumes macht keinen wesentlichen Unterschied zwischen gemeinen und politischen Verbrechern. Ein politischer Verbrecher greift das Staatsoberhaupt oder den Staat als Ganzes an, der gemeine dagegen einzelne Mitglieder des Staates und damit ebenfalls den Staat und beide Arten von Verbrechern kämpfen für Eine große Sache lediglich auf verschiedene Weisen.«

»Was sehr Viele thun, gilt als kein Verbrechen mehr, ist allgemeine Gewohnheit, wird Sitte, Gesetz und weil sehr Viele den Muth besitzen, politische Körper zerstören zu helfen, dagegen verhältnißmäßig Wenige den Muth, auf eigene Faust die Menschheit an einzelnen Mitgliedern des verkehrten Staatswesens zu rächen, lassen sich die kleinen Unterschiede zwischen politischen und gemeinen Verbrechern nur so lange halten, bis die Vielen in den Wenigen ihre gleichberechtigten Brüder erkennen und die Verdoppelung der Waffen im Kampfe gegen den alten Staat und die alte Menschheit als Notwendigkeit erkennen.

Bisher hat der Staat gemeine Verbrechen gegen Einzelne begangen und dieses Verfahren Gesetzmäßigkeit getauft, im Wachsen der revolutionären Bewegung werden die Einzelnen gemeine Verbrechen gegen den Staat begehen, gemeine Verbrecher bei Ausübung ihrer Thaten die politische Farbe des Anzugreifenden mehr und mehr berücksichtigen.«

»Gerade weil erkannt werden wird, der Staat oder die politischen Gegner seien in Einzelnen ihrer Anhänger auch angegriffen, wird ein constitutioneller Spitzbube keinen liberalen Bourgeois bestehlen, ein demokratischer Straßenräuber vor Allem Leib, Leben und Eigenthum der Aristokraten beschädigen und mit jeder für ihn vortheilhaften Unternehmung zugleich der aristokratischen Parthei einen Schlag zu versetzen suchen!«

»Derartige Erscheinungen sind die Morgenstrahlen der großen Zukunft!«

»Ihr werdet nun einsehen, daß kein Bewohner dieses Hauses schlechter sei als unser dicker Trompeter, dieser ist nicht besser als wir, sondern uns Allen gleich.«

»Ein Betrüger, welcher unter der Firma des Gesetzes seine Geschäftchen macht, das Gebildetere vor Allem verstehen, ein Wilderer, der nichts davon weiß, daß wilde Thiere Zettel auf die Welt bringen, auf denen der Name ihres Eigentümers steht, ein Falschmünzer, welcher nicht absieht, weßhalb nur die Reichsten Geld schlagen dürfen, diese Leute bilden bis zur Stunde die Mittler zwischen politischen und gemeinen Verbrechern.«

»Gemeine Verbrecher, welch unsinniger Ausdruck! ... Hieße man sie Privatverbrecher, dann wäre der Ausdruck sachgemäßer, obwohl noch immer unsinnig, weil es keine Privatmenschen gibt, welche nicht auch zugleich Staatsmenschen wären. Jeder lebt und handelt im Allgemeinen und für oder gegen den Vortheil des Allgemeinen, wenn er sich auch lediglich um seine eigene Person bekümmert.«

»Die Verbrecher aller Zeiten und Arten bildeten die unverwüstliche Armee der großen Zukunft, sind Streiter, Helden und bisher meist die Märtyrer der geknechteten Menschheit.«

»Wer in Noth geräth, fordert sein Ureigenthum zurück und begeht gegenwärtig Verbrechen gegen das Eigenthum. Wer von einem andern angegriffen und in seinen heiligsten Rechten gekränkt wird, weist den Angriff ab, so gut er kann und spazirt wegen Mord, Todtschlag und dergleichen Früchten der elenden gesellschaftlichen Zustände ins Zuchthaus. Wer sein Grundrecht als Gattungsmensch etwa so gerne ausübt, wie unser Affengesicht, kann wegen Nothzucht ins Unglück hinein gerathen. Wer kein Geld hat, um ein Feuerwerk abbrennen zu sehen, zündet seine Hütte oder die eines Andern an und erhält die schreckliche Strafe eines Brandstifters oder Mordbrenners!« –

»Brüder, das Herz blutet mir, wenn ich die zahllosen Opfer bedenke, die jährlich für Aufrechthalten der Knechtschaft des Volkes leiden und bluten müssen, aber das Herz hüpft mir vor Wonne, wenn ich sehe, wie alle Gesetze und alle Strenge die Armee der großen Zukunft eher reicher an Rekruten, als ärmer an Soldaten gemacht haben und täglich mehr machen.«

»Sie führt einen tausendjährigen Krieg gegen Unordnung und Verkehrtheit unserer Zustände, der Friede auf Erden ist bisher stets ein Scheinfriede gewesen, niemals haben die Unterdrückten aufgehört gegen ihre Unterdrücker zu kämpfen und wie unverwüstlich, wie wunderbar ist diese Armee!«

»Sie ist überall und nirgends, jeder einzelne Soldat schleudert der verderbten Gesellschaft seine Kriegserklärung entgegen, kämpft auf eigene Faust oder mit wenigen Andern; gegen jeden Einzelnen muß die Gesellschaft einen langweiligen, formenreichen, kostspieligen Krieg mit Feder und Stock, Gefängniß und Schwerdt führen! Die Streiter der großen Zukunft beschädigten und zerfleischten bisher oft genug sich selbst, wurden für lange Zeit oder für immer entwaffnet und dennoch wächst ihre Zahl, als ob aus jedem Blutstropfen eines Gerichteten ein neuer Streiter erstünde!«

»In diesem Hause leben durchschnittlich 30 Gefangene, jede Woche gehen mehrere ab und zu, gar Mancher setzt den Krieg gegen die Gesellschaft auf erlaubte oder unerlaubte Weise fort und so ist dieses Haus für diese Gegend die Kaserne und das Werbdepot der großen Zukunft.«

»Im kleinen Baden gibt es über 60 solcher Häuser, die großen Kasernen, nämlich die Strafanstalten, ungerechnet. In einer Strafanstalt mögen einige Hunderte Tag für Tag sitzen, Tag für Tag gehen Leute ab und zu und im Ganzen mag die Zahl der stehenden und rührigen Heeresabtheilung, welche dieses Ländchen der Armee der großen Zukunft liefert, wohl einige Tausende betragen, abgerechnet jene zahlreichen Streiter, welche die Gesellschaft mit nicht strafbaren Waffen angreifen.«

»Wie bei uns, also ist's überall und große Länder, wie Preußen, Oesterreich, Frankreich, England und Rußland mögen wohl Tag für Tag eine ansehnliche Armee von 20,000 bis 100,000 Mann in Gefängnissen beherbergen und mit einer noch zahlreichern im unaufhörlichen, ermüdenden Kampfe sein!«

»Die Gesellschaft bietet die Arbeit vieler Menschen und ungeheure Summen zum Kampfe gegen die Verbrecher auf, zu einem ruhelosen und sieglosen Kampfe; was viele Staatsmänner im Straf- und Gefängnißwesen leisteten, hat bisher beim Volke noch wenig Anerkennung gefunden, es hat nur den Milderungen grausamer Gesetze und Verbesserungen der Lage der Gefangenen Beifall genickt, gleichsam als ob es fühle, der Krieg gegen Verbrecher sei ein Krieg gegen das Volk!« –

»Nur zwei Mittel gibt es, welche die Armee der großen Zukunft sichtbar schwächten, entnervten und verminderten: Vernichtung oder Verdummung der Verbrecher. Vernichten ist ein gewagtes Mittel und widerspricht dem Geiste des Jahrhunderts, Verdummung der Verbrecher, so daß dieselben für die alte Gesellschaft und deren Religion geködert werden, findet nur in Zellengefängnissen statt, doch glücklicherweise blind gegen den eigenen Vortheil erheben sich tausend gewichtige Stimmen und hundert schwere Anklagen gegen diese Strafart und wo sie noch aufkam, wurden Mißgriffe und Fehler der Vollstrecker sichtbar, die einsame Haft verpfuscht oder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet!« –

»Denkt, daß von tausend Millionen Bewohnern dieser runden Maschine, welche Keinem und Jedem angehört, nur fünf Millionen in dieser Stunde mit uns durch Kerkergitter zum dunkeln Nachthimmel emporschauen und ihren Drängern fluchen oder im Kampfe mit der alten Gesellschaft begriffen sind und nun frage ich Euch, Brüder: Muß Einem das Herz nicht höher schlagen, wenn er dieser zerstreuten, aber furchtbaren Armee angehört? ... Muß nicht ewiger, unversöhnlicher Haß die Brust eines freien Mannes erfüllen beim Anblicke der zahllosen Opfer, welche täglich und zwar seit Jahrtausenden täglich dem Götzen Gesetz und dem großen Betrüger Wahn geopfert und geschlachtet werden? ... Thränen, Seufzer, Weheklagen und Blutbäche unterdrückter Millionen schreien vergeblich zum Himmel um Gerechtigkeit gegen eine Handvoll schlauer Unterdrücker, es gibt bisher noch keine Gerechtigkeit auf Erden, aber es soll und wird und muß Eine geben und ihr Spruch heißt: Tod den Unterdrückern, die noch leben, Haß und Fluch denen, die mit ihren Opfern Staub geworden! – Wäre Gott kein leerer Name und der Himmel kein Mährchen schlauer Bonzen, welche denselben von der Erde hinwegdekretirten, so müßte Gott ein Aristokrat und Tyrann erster Größe und sein Himmel nicht für das Volk eingerichtet sein, deßhalb Haß und Hohn Gott und Himmel!« –

»Brüder, Ihr hört, daß ich mich in Begeiferung hineinredete. Was ich in solchen Stunden schon oft gethan, thue ich jetzt wiederum und Ihr, meine Leidensgefährten, ihr verkannten und mißhandelten Söhne des Volkes, Ihr werdet meinem Beispiele folgen, und mit mir schwören, feierlich schwören heißen, unversöhnlichen Haß aller – .«

Der Einäugige lacht in diesem Augenblicke unbändig auf.

»Weßhalb lachen, Du altes Märzenkalb?« fragt der Zuckerhannes mit einer Stimme, welche verräth, daß er vor Rührung dem Weinen sehr nahe gestanden.

»Ho s' ist auch zum Lachen!« brummt der Indianer und lacht dann ebenfalls.

»Die Millionenkränk sollst Du kriegen, Spaniol!« schreit der alte Paul und lacht von ganzem Herzen, der Indianer folgt dem Beispiele desselben.

»Mon Dieu, was ist denn zu lachen? ... Hat der Schlosser wiederum einen Streich gemacht? ... Bin ich Schuld? Ich wüßte nicht!« sagt der Spaniol kleinlaut und ärgerlich.

»Ja, Du bist Schuld mit Deiner Fopperei! ... Wie kann denn Einer einen Eid ablegen, der weder an Gott noch an den Teufel glaubt? ... Meinst Du, wir seien so vernagelt, um schon wieder vergessen zu haben, wie oft Du sagtest, jeder Eid sei ein Unsinn, weil es keine ewige Strafe und keine Hölle gebe? – Was soll denn Einen vom Meineid abhalten, wenn der Meineid ihm Vortheil bringt und keine Strafe weder da noch dort?« fragt der Indianer.

»Ich glaube an keinen andern Gott als an die Menschheit, welche durch ihr Denken die Gottesbegriffe ja erst allmählig hervorbrachte und finde Himmel oder Hölle allein in der Brust der Menschen. Doch schwören kann ich so gut als ein Anderer, blos daß ich statt bei Gott bei meiner Ehre schwöre!« ruft der Spaniol unwillig.

»Mußt zuerst beweisen, daß Du Ehre im Leib hast!« schreit der Stoffel.

»Jedenfalls mehr als Du, einäugiger Spitzbube!« erwiedert der empörte Zimmerkommandant.

»So? Spitzbube? Kurz vorher war ich doch ein Streiter der großen Kuhzunft, hast noch gestern gesagt, ich verdiente »General der Menschheit« zu heißen und mit einer großen Pension bedacht zu werden! ... Die Ehre haben sie mir freilich genommen, es war auch nie viel daran, was thut ein armer Teufel mit Ehren? Ein Stück Brod ist mir lieber, als ein Compliment oder die Schererei, Kammerherrn machen zu helfen. Aber Ehre hat der Stoffel doch, er hat noch in Allem Wort gehalten und Wahrheit geredet außer vor Amt, wo man nach deiner Lehre ja lügen soll, daß sich die Balken biegen!« ereifert sich der Einäugige.

»Mir hat es jedesmal Grauen gemacht, wenn der Spaniol sagte, es gäbe weder Gott noch Teufel, weder Himmel noch Hölle. Bisweilen zweifelte ich auch, aber so oft ich an den Bruder Bernhardus denke, haben meine Zweifel ein Ende. Freilich weiß ich nicht, weßhalb es mir 70 Jahre schlecht und nur 20 recht gut gehen soll, aber ich habe in meinem langen Leben doch auch viele gute Stunden gehabt und immer gesehen, daß fromme Leute gutherziger sind als unfromme und wenn es mir nach 1852 in einem fort schlecht gehen sollte, bin ich doch 70 Jahre daran gewöhnt und hoffe, daß es mir im Himmel besser gehe und zwar nicht 90 Jahre, sondern die ganze Ewigkeit hindurch!« läßt sich der Paule vernehmen.

»Himmel, Ewigkeit, dummes Waldbrudergeschwätz!« brummt der Spaniol.

»Ei, wenn es keinen Gott und keinen Himmel gäbe, so würde der Glaube daran doch mehr nützen als schaden. Der Gedanke, im Himmel gebe es Vergeltung, ist für alle Armen und Unterdrückten trostreich und die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits bleibt freudenreich für alle Leidenden. Gäbe es auch keinen himmlischen Vater, der's mit Königen und Zuchthäuslern gleich gut meint und fiele die Hoffnung auf den Himmel nach dem Tode auch ins Wasser, so hat man doch tröstliche Gedanken und freudevolle Hoffnungen auf Erden gehabt, welche Einem manches Bittere versüßten!« eifert der Indianer.

»Ja und was nach dem Tode kommt, weiß eben doch kein Mensch ganz bestimmt. Ich habe noch nie viel darüber nachgedacht, am Spaniolen und Andern herausgekriegt, daß dieselben behaupten, es gebe keinen Gott und Himmel und die Seele sei nach dem Tode ein ausgelöschtes Lichtlein, aber wo sind die Beweise?« bemerkt das Affengesicht.

»Beweise mir, daß ein Gott sei, ich beweise Dir alsdann, daß keiner sei und wir stehen wieder – .«

»Als Ochsen am Berge!« unterbricht der Zuckerhannes den Spaniolen.

»Der Spaniol kann Gott läugnen, so lange er mag, ich läugne Ihn nicht. Ein Gott muß doch sein, der Mensch ist nicht das höchste Wesen, wie der da meint. Ein sauberer Gott, der in Spitälern und Kerkern herumliegt und vom nächsten besten Wolf gefressen werden kann. Ein vom Berge rollender Stein, der Sturz eines unvernünftigen Baumstammes, der Schlag eines Mitgottes macht der Gottheit des Menschen ein Ende. Nein, das ist nichts! – Es gibt einen Gott, der alte Paul hat Recht und ich kenne viele, viele Geschichten, wo die Menschen gerade das leiden und thun mußten, was sie nicht leiden und thun wollten und ihnen von Andern gar nicht oder doch nicht wissentlich angethan wurde!« predigt der Indianer.

»Mein Gott, wie oft habe ichs erlebt, daß Kameraden, welche in der Kaserne und im Lager über Gott und Ewigkeit spotteten, ärger als das älteste Weib beteten, wenn es in die Schlacht ging und die Kanonenkugeln zu brummen anfingen! ... Fast nur Einen hab' ich gesehen, der auch in der Schlacht der Alte blieb. Es war ein Pariser, ein Schneider, der immer von einem Musje Baboeuf als dem französischen Christus redete. In Spanien traf den »schönen Jean« wie er bei unserer Kompagnie hieß, kein Kügelchen und nach jedem Gefechte kam er zu mir her und sagte. »Gelt, deutsches Vieh, ich habe doch nicht gebetet? ... In der grausamen Schlacht bei Borodino in Rußland aber stand unser Bataillon auf dem linken Flügel, wir mußten ein Quarré formiren, weil ein Regiment russischer Kuirassiere gegen uns herdonnerte, um die Kanonen zu nehmen, von denen außer uns alle Kanonire und Bedeckung weggelaufen waren. Der schöne Jean stand dicht neben mir, zitterte diesmal und wie ich ihm ins Gesicht schiele, sehe ich, daß er todtenbleich ist und mit den Zähnen klappert.«

»Was ist's, Jean, ich meine schier, das Beten wolle Dir kommen? frage ich, aber der Jean gibt keine Antwort und wie die Russen, lauter leibhaftige, in Stahl und Eisen gepanzerte Riesen sich nähern, betet der Jean laut aus allen Kräften und will mein Seel mitten im dritten Glied auf die Knie fallen, so daß der Sergeant ihm fluchend den Gewehrkolben in den Rücken stößt. Wir bekamen keine Zeit mehr uns zu amüsiren, die Russen wurden zurückgeworfen, weil unsere Cavallerie auch nicht faul blieb, aber wie wir ein bischen abgelößt wurden und ausruhten, unsere Verlornen musterten, richtig, da fehlt der schöne Jean. Ich habe ihn in meinem Leben nicht mehr gesehen, der Ort, wo mein Bataillon im Feuer gestanden, war von den Pferden so zugerichtet, daß die Gefallenen wie in den Boden hinein zerstampft dalagen!« – erzählt der alte Paul.

»Aber die große Zukunft mit ihrer Armee ist eben doch etwas Schönes und keine leere Erfindung der Gelehrten!« fällt der Stoffel ein.

»Allerdings, wenn das Fressen, Saufen, Spielen, Lieben und Schlafen das einzige und größte Glück des Menschen ist. Aber der Appetit verschwindet, der Katzenjammer kommt, man langweilt sich bei Würfeln und Weibern am Ende doch auch und den Schlaf nimmt Einem Niemand.« –

»Außer Wanzen, Flöhen, Schnarchern, Sorgen!« unterbricht der Schlosserlehrling den Indianer.

»Was mich betrifft, so weiß ich nicht recht, was das Geschrei von Aristokraten, Liberalen, Radikalen, Ultramontanen und dergleichen bedeuten soll, ich verstehe es nicht mehr, denn die Welt ist anders geworden, als sie zu meiner Zeit war. Daß aber auch ein Kaiser, König, Herzog und Millionär schwere Sorgen haben und recht unglücklich sein kann, obgleich er die köstlichsten Speisen und Weine hat, mit Dukatenrollen spielt, wie ein Kind mit Bohnen und nur den Finger auszustrecken braucht, um ein Dutzend der schönsten Fräuleins daran hängen zu haben, das Alles weiß ich aus meiner Erfahrung.«

»Denkt nur an den Napoleon, den ich so viele hundertmal gesehen und auch oft reden gehört habe, wie ist's Dem ergangen? Am Ende schlimmer als mir, weil er nie an's Elend gewöhnt war! ... Von all' den Millionen Menschen, welche ihm zujubelten, blieb ihm am Ende kaum ein Dutzend treu und hat er denn schlechtere Sachen gemacht, als Andere, die ich vor ihm gar oft herumwedeln und betteln sah? ... Mein Gott, der Mensch ist nun einmal zum Elend da und der Spaniol wird so wenig daran ändern, als ich!« meint der Paul.

»Oh alte Krähe, Du begreifst eben die heutige Geisterbewegung nicht und hast eigentlich nie gewußt, weßhalb Du auf der Welt bist. Wohl weiß ich's, daß ich meine Perlen den Säuen hier vorwerfe, denn in Einen Augenblick seid Ihr wie umgekehrte Handschuhe, aber ich halte Reden, damit ich nicht aus der Uebung komme und morgen wird Eine über die »Bornirtheit des heutigen Volkes« gehalten!« ruft der Spaniol etwas stark verstimmt.

»Erzähle Du wieder eine Geschichte, Indianer, dann wollen wir das Schlafen versuchen!« bittet der Zuckerhannes, Andere stimmen bei und der Indianer erzählt die bekannte Geschichte des beurlaubten Soldaten, welcher dem leiblichen Vater ohne Wissen und Willen die diebische Hand abgehauen hat.

Ein Soldat geht nach dem Herbstmanöver in die Heimath. Nahe dem Ziele der Wanderung überfällt ihn ein heftiges Unwetter, er sucht Schutz dagegen in einer Mühle, deren Bewohner ihm sehr bekannt sind. Diese lassen den Soldaten nicht mehr fort, zumal es bereits Abend und eine pechschwarze Sturmnacht zu erwarten ist, er nimmt die Einladung zum Nachtessen gerne an und der verwittwete Müller, der sehr viel zu mahlen hatte und deßhalb bis gegen Morgen in der Mühle bleiben will, weist ihm ein Schlafgemach neben dem seinigen an. Der Soldat kann keinen Schlaf finden, ist zu müde und denkt an sein Elternhaus, wo er nicht viel Angenehmes und Gutes zu erwarten hat, weil die Eltern unzufrieden und die Schwestern liederlich dazu leben und häufig genug wenig zu beißen und zu nagen haben.

Ein Geräusch an der Thüre macht ihn aufmerken, er steht auf, überzeugt sich, daß ein Dieb herein will und erinnert sich, daß der Müller am Tage zuvor vieles Geld eingenommen und ihm das Bett neben dem eigenen Schlafgemach angewiesen habe.

Der Dieb befindet sich offenbar vor der unrechten Thüre, der ebenso kluge als muthige Soldat stellt sich mit seinem Säbel hinter dieselbe und wartet, bis das Loch, welches der Räuber in die Thüre macht, groß genug ist, um eine Hand hereinzustecken und das Schloß von innen ohne besonderes Geräusch zu öffnen. Das Loch wird größer und größer, endlich kommt die Hand ganz herein, der Soldat packt dieselbe, reißt sie sammt dem Unterarme herein, erhebt den Säbel und – die Hand zuckt blutend am Boden, der Räuber springt mit einem Schrei des Schmerzes und Entsetzens davon, der muthige Soldat ihm nach, macht Lärm, die Leute kommen herbei, Alles wird durchsucht, das Geld ist da, doch der Dieb ist glücklich entronnen.

Am Morgen in aller Frühe eilt der Soldat heim, die Mutter erschreckt gewaltig ob seiner Ankunft, eine furchtbare Ahnung wird zur Gewißheit – der Vater liegt in einem blutigen Bette und der rechte Arm desselben hat voreiligen Abschied von dieser Welt genommen.

Der Soldat hat das Amt des Henkers am eigenen Vater verrichtet, denselben auch den Gerichten überliefert und schöne Belohnung angeboten erhalten, allein er nahm nichts und hat seit der schauerlichen Nacht nicht wieder fröhlich sein können. –

Diese Geschichte des Indianers, welcher Ort, Zeit und Personen nannte und gekannt haben wollte, macht einen tiefen Eindruck auf alle Mitgefangenen, die Einen sehen mit dem Zuckerhannes in ihr ein schreckliches Strafgericht Gottes, die Andern bleiben ungläubig, weil sie nicht dabei gewesen, der Spaniol sucht auf alle Weisen den wohlthätigen Eindruck der Erzählung zu verwischen und bringt den Indianer und den alten Paul richtig zum Schweigen durch die Frage:

»Angenommen, Gott sei gegen den Dieb gerecht gewesen, war derselbe Gott nicht sehr ungerecht gegen den Soldaten? Das unerbetene Rächeramt hat diesem das Leben verbittert und er war doch sicher schuldlos an der That des Vaters? Ein Gott, welcher derartige Komödien im Würtembergischen aufführt und nach Laune den Unschuldigen mit dem Schuldigen trifft, was ist dies für ein Gott? Wo der leidige Zufall sein Spiel treibt und die Menschen sich Etwas nicht zu erklären wissen, muß Gottes Wille, Gottes Finger und dergleichen erträumtes Zeug ihren Nothanker abgeben!«

Den meisten Gefangenen war der Spaniol ein unheimlicher Gast, den sie nicht liebten, aber er wußte sie Alle einzuschüchtern, zu gängeln und zu beherrschen und wenn sie der Sophistik des Verstandes, welcher bei demselben vorherrschte, ihr Herz und ihre Erfahrungen hätten nicht mehr oder minder entgegensetzen können, so würde er die Bessern unter ihnen noch mehr verschlechtert und mit dem Fanatismus des Unglaubens erfüllt, und in ihrem Fühlen und Denken irre gemacht haben.

Der Einäugige sucht das Gespräch von der Verwerflichkeit des Diebstahls abzulenken und weil ihn der Indianer mit seiner Geschichte unangenehm berührte, derselbe wegen lebensgefährlicher Verwundung in Untersuchungshaft sitzt, so rächt er sich an ihm durch ein kleines Zuchthausgeschichtchen, dessen Held vor noch gar nicht langer Zeit gestorben.

»Ja, ich glaub's, die Geschichte von dem Soldaten ist richtig und steckt in ihr ein Lob für mich!« beginnt der graue Dieb und erzählt:

»Im Zuchthause in F. hatte ich einen Schlafkameraden, der war ein kurioses Thier und während sonst die ärgsten Mörder ganz ruhig schlafen und trotz dem Dicken neben mir schnarchen, hat dieser in der Nacht die Augendeckel niemals lange geschlossen und wer ihm einen großen Gefallen erweisen wollte, mußte ihn wecken, wenn er träumte. Er träumte zwar auch mit offenen Augen wie die Hasen und war dann still, aber wenn er schlief und träumte, dann geberdete sich der Kerl oft wie ein Unsinniger. Warum?

»Er hat gedient als Knecht im Breisgau drunten bei einer grundreichen Wittwe, ist bei derselben gar wohl daran gewesen, denn er war ein starker, großer, schöner, ein bildschöner Mensch und ist oft mit Frucht oder Wein nach Basel hinaufgefahren. Einmal steht er auf der Brücke zwischen Großbasel und Kleinbasel, es soll ein sehr nebelhafter Tag gewesen und der Abend schon stark hereingebrochen sein. Neben ihm aber steht ein Kind, betrachtet ihn und lächelt ihm freundlich ins Gesicht.«

»Ich bin niemals daraus gekommen, ob der Knecht plötzlich vom Teufel besessen wurde oder ob er besondere Ursachen dazu hatte, kurz und gut, das freundliche Kind hat ihn mit seinem Anschauen und Anlachen geärgert, er hat es ergriffen, auf den Arm gehoben und – in den tiefen Rhein hinein geworfen und zugeschaut, wie es sein Grab in den kalten, grünen Wellen fand!« –

»Bald darauf ist er um einer ganz andern Ursache willen für sieben Jahre ins Zuchtbaus gekommen, wo ich ihn kennen lernte und so wenig er sich aus dem Zuchthause und Dem, was ihn hineingebracht, machte, so arg quälte ihn der unbewiesen gebliebene Kindesmord und wäre er nicht im dritten Jahre der Gefangenschaft rasch weggestorben, so würde er am Ende den dummen Streich gemacht und den Gerichten die Geschichte von Basel angezeigt haben, wie sich dieselbe begeben.«

»Tag und Nacht sah er das Kind und behauptete, es schaue bald aus dieser bald aus jener Ecke beständig nach ihm und lachte ihn an, daß es ihm durch Mark und Bein gehe. Ein Kind mochte er gar nicht sehen, ich glaube, er wäre von Herzen gern ein zweiter Herodes geworden. Auf der Schanz und beim Essen, in der Kirche und im Schlafsaale sah er bereits immer das lächelnde Kind und im Traume kam es ihm vor, als ob es die Aermchen nach ihm ausstrecke und mit dem Finger in den Rhein hinunter weise. Gestöhnt, geächzt, geflucht und gebrüllt hat er im Schlafe und oft sind während desselben mitten im harten Winter große Angsttropfen auf seiner Stirne sichtbar geworden, obwohl die Sträflinge in hundskalten Sälen liegen und der Teppich ihre leeren, kalten Bäuche fast eingefrieren läßt.

Als der Kerl in den Krankensaal kam und flugs wegstarb, that er mir recht leid, denn so aufbrausend und hitzig er nach Art der Todschläger und Rothhaarigen sein konnte und so sehr er auch in der ersten Zeit mit dem Gespensterkind langweilte, so hatte ich mich doch an ihn gewöhnt und er hat mir gar manchen Schick, manche Fleischportion und andere gute Bissen verschafft, denn seine Wittfrau hat ihn nicht verlassen und stets gehofft, ihn gesund und ganz wieder zu bekommen. Die Wittfrauen sind eben gute Schäflein!«

Auch die »Geschichte vom lachenden Kinde« fand großen Beifall und selbst der Spaniol meinte, er sei zwar gegen die Todesstrafe sehr eingenommen, doch diesen Knecht aus dem Breisgau würde er dazu verurtheilt haben, von vier Pferden lebendig zerrissen oder durch Herabtröpfeln von Wasser auf den geschorenen Schädel nach jahrelanger Marter getödtet zu werden. An diesem Subjecte habe sich die ganze Macht des bösen Bewußtseins offenbart. –

Bereits hat die »Lumpenglocke« die ehrsamen und nicht ehrsamen Bürger des Städtleins von den Wein-, Bier- und Branntweinbänken hinweggezaubert oder doch zum Stillschweigen gebracht, keine Fremdengesänge erschallen in die Kerker hinein, um diese mit Mißmuth, Trauer und Melancholie zu verproviantiren, die Gefangenen ringen mit dem Schlafgotte, würden sich gerne von demselben überwältigen lassen, wenn Kummer und Sorgen, Flöhe und Wanzen, harte Bretter und unruhige Kameraden kein Veto einlegten.

Lange hat in der uns bekannten Folterkammer der Spaniol sich noch mit dem Zuckerhannes leise unterhalten, das Schelten der übrigen zweibeinigen Bewohner brachte sie endlich zum Schweigen und dann vernahm man nichts mehr als den ersten Schlag der Stadtuhren, das Brausen des Windes, das Krächzen einiger Wetterfahnen in ihren rostigen Angeln, das ferne Rauschen der Gewässer, das Klappern einiger Mühlen, den Schrei eines Nachtvogels, den eintönigen Gang der Wachen oder den eiligen Schritt eines Nachtschwärmers, das Pfeifen und Nagen der Mäuse, ein ohrenzerreißendes Katzenduett, das Schnarchen des Murmelthieres, die schweren Athemzüge des Zuckerhannes, die tiefen des Einäugigen und den Lärm des Indianers, dessen Traum die Gestalten der Geschichten der blutigen Hand und des lachenden Kindes wirr durchzogen.

Die Morgenglocken läuteten dumpf und verstimmt die liebe Langweile eines trüben Regentages in den Kerker ein und die Magd des Kerkermeisters meinte beim Abholen des Wasserkruges, der Thermometer oder Barometer, wie das Ding auf Deutsch heiße, habe ihr schon gestern Abend prophezeit, daß sie heute von den Gefangenen wenig freundliche Gesichter bekommen würde.

Als es hell genug war, gingen der Indianer und der alte Paul wiederum an ihre Arbeit, der Schlosserlehrling malte eine abscheuliche Fratze an die Wand und behauptete, der Moses sei zum Sprechen ähnlich getroffen, der Sohn Israels bekam Händel mit mehrern, die ärgsten mit dem Murmelthiere, welches sich auf ein Gespräch über Judenemancipation einließ und behauptete, es wäre zehnmal gescheidter das Christenvolk von den Juden als diese vom Staate zu emancipiren.

Um dem Lärme ein Ende zu machen, springt der Einäugige vom Strohsacke auf, reibt mit den Fingern den Grundbaß zur »deutschen Marseillaise,« welche der Indianer zu singen vorschlägt und sofort beginnt:

Freund, ich bin zufrieden geh' es wie es will, Unter diesem Dache leb' ich froh und still u.s.w.

Allmählig fallen Alle mit gedämpfter Stimme ein, das rothe Liesli im Nebenkäfig mit einem thurmhohen Diskant, die Gemüther beruhigen sich und nachdem das alte Lied oft genug wiederholt worden, meint der Schlosserlehrling:

»Hört Ihr läuten? Jetzt ist es neun Uhr, meine Mutter kniet im Kirchenstuhle und betet für mich! ... Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn ich nur ein einzigesmal wieder das Inwendige einer Kirche sähe und einem Gottesdienste beiwohnen könnte!«

»Mir ist es gerade so, es ist nicht Recht, daß Untersuchungsgefangene nicht einmal einen Betsaal haben und allem Gottesdienste entfremdet werden!« meint der Paule.

»Ich ginge auch gerne in die Kirche, wenn mich Niemand sähe!« seufzt der Zuckerhannes.

»Oho, Ihr Betbrüder, warnet nur, bis Ihr Zuchthaussuppen bekommt, dann könnt Ihr den Pfaffen am Altare wieder genugsam betrachten!« versichert der Einäugige.

»Mit dem Zuchthaus wirds so geschwind nicht gehen!« meint der Zuckerhannes.

»Du kommst jedenfalls noch hinein, ich sehe es Dir an der Nase ab!« prophezeit Jener.

»Wenn ich draußen wäre, würde ich als aufgeklärter Mann an Sonntagen auch wieder in die Messe gehen, nämlich in den Adler oder Hirschen in die »Eilfuhrmesse,« wo mit Tabakspfeifen und Cigarren geräuchert, mit Gläsern geklingelt und mit Messern der Segen gegeben wird!« spottet der Indianer.

»Ja, ja, das Kirchenrennen, das ist eine verfluchte Gewohnheit und steckt noch immer viel zu tief im Volke, besonders in den Weibsleuten. Diese halten das Handwerk der »Pfaffen« allein noch aufrecht!« ereifert sich der Spaniol.

»Der Spaniol hat doch einen wahren Höllenhaß gegen Alles was Religion heißt. Ich bin calvinisch, lutherisch, evangelisch, kurz, ich weiß es selbst nicht recht und er ein geborner Katholik, dazu ein Schulmeister, ein Studirter, aber so weit wie er möchte ich es nicht treiben. Der wird den Zuchthäuslern gefallen!« brummt der alte Soldat in den Bart.

»Oho, alte Krähe, hab' Dich wohl verstanden!« sagt der Spaniol und fährt fort:

»Ich habe den »Pfaffen« tief in die Karten geguckt, zuerst Ekel vor ihnen und allgemach vor ihrem Geschwätz bekommen und weiß weßhalb, ein alter Lehrer muß es wissen, wenn er auch keine Grütze im Kopf hat! ... Denkt nur auch ein bischen nach und ich frage: Wenn der Gottesdienst eine so nothwendige Sache ist, weßhalb braucht man keinen an diesem Orte? ... Wenn es den »Pfaffen« wirklicher Ernst mit ihrem Glauben wäre, weshalb leben sie nicht darnach und thun offen oder heimlich wie andere Leute auch? ... Sagt Christus nicht, man müsse Gefangene besuchen und erlösen und rechnet die Kirche das Besuchen der Gefangenen nicht zu den Werken der Barmherzigkeit? Einige von Euch sitzen jetzt sieben volle Monate, die Untersuchung ist geschlossen, sie erwarten das Urtheil und wann habt Ihr je auch nur Einen Schwarzrock hier gesehen? ... Nicht Einer kommt, wenn er nicht bezahlt wird, ein Untersuchungsgefangener kann krank werden, sterben und verderben, es kräht selten ein geistlicher Hahn darnach, Ihr dürft nur den alten Kerkermeister fragen!«

»Bravo! ... der Spaniol hat Recht! ... Die Schwarzröcke können uns vom Leibe bleiben! ... Christus hat Vieles gesagt, woran seine Nachfolger niemals oder selten denken!« – schreien die Gefangenen.

»Die protestantischen Geistlichen sind hierin besser!« versichert der alte Paul.

»Ist der Rabbiner nicht schon dreimal bei mir gewesen? ... Verläßt er je einen gefangenen Israeliten? ... Wo ist Liebe und Treue, bei Euch übermüthigen Christen oder bei uns verachteten Juden?« triumphirt der Moses.

»Wahr ist's, überall halten die Juden zusammen wie Pech!« bemerkt der Spaniol.

»Heute ist Schabbes, wollen wir nicht Eins jaunern wie in einer Judenschule?« fragt der Schlosserlehrling, geht mit gutem Beispiel voran, Einige folgen nach, Andere lachen und freuen sich über das böse Gesicht des armen Moses, der wenig auf seine Religion, dagegen desto mehr auf sein Volk hält und dieses verspottet sieht.

Auch diese rohe, elende Unterhaltung ist bald wieder verbraucht, das Affengesicht lärmt noch fort, Andere gähnen und der Indianer meint:

»Wenn wir nur auch mehr Bücher bekämen, man könnte in der Nähe des Fensters doch ein paar Stunden täglich lesen!«

»Ein Stümpchen Licht wäre besser, wir könnten dann mit Domino, Neunerstein, Würfeln und Karten die Zeit todtschlagen!« wünscht das Affengesicht.

»Man kann Alles bekommen, wenn Amtmann und Kerkermeister es erlauben und bringen, aber der Himmel ist hoch und der Rechte in Karlsruhe drunten; mit uns macht man, was man will!« klagt der Paul.

»Habe ich einmal recht Geld, dann will ich mich der verlassenen Gefangenen annehmen. Draußen denkt man eben nicht gerne an sie, ich habe es ebenfalls so gehabt, allein jetzt weiß ich, was es heißt, ein Gefangener zu sein!« sagt der Zuckerhannes.

»Ich glaube gar, unser Roßhannes da will verrückt werden. Woher soll denn Geld kommen, wenn Du es nicht stiehlst? Reiche Spitzbuben habe ich noch keine getroffen, mindestens nicht im Zuchthause!« versichert der Einäugige.

»Ich bin kein Narr und auch kein Spitzbube, mag keines von Beiden werden, aber Geld muß her, Geld regiert die Welt und ich weiß, daß ich noch Geld wie Heu bekomme!« lächelt der Zuckerhannes bedeutungsvoll.

»Ja, wenn Du deinen Kropf bis zum Bauche herab wachsen läßt, Dich dann in einen Kasten stellst und dem Publikum um Geld zeigst, dann kannst Du noch reich werden!« spottet der Indianer.

»Unser Zuckerhannes bekommt Geld, viel Geld und vielleicht in kurzer Zeit, das ist gewiß!« versichert der Spaniol sehr bestimmt.

»Hat jemand für ihn in die Lotterie gesetzt? fragt der Schlosserlehrling.

»Nein, noch nicht, aber ich habe ihm mein Geheimniß anvertraut und er wird jetzt in die Lotterie setzen, falls er frei ausgeht. Das ist sein sicherer Reichthum Numero Eins. Ferner hat der Spaniol noch ein Plänlein ausgeheckt, welches ich zwar nicht kenne, aber er ist der Musje Genie und darin liegt des Zuckerhansen Reichthum Numero Zwei. Das halbe Loos wird ihn schon zum gemachten Manne machen, er wird noch weiter hineinsetzen und dann fragen können, wie theuer der Schwarzwald sei!« versichert der Paul.

»Ach, Deine Lotterie hat Dir noch nicht einmal einen guten Rock, höchstens einen Zuchthauskittel verschafft, der Zuckerhans wird hübsch blau anlaufen!« lacht der Indianer.

»Ich muß arm bleiben bis zum 70. Jahre und vielleicht die andern 20 hindurch ebenfalls, das ist und bleibt mein Schicksal!« sagt der Paul sehr ernst.

»Werde ich reich, dann nehme ich den alten Paul zu mir. Er hat mir diesen Morgen seinen Rücken gezeigt und ich weiß, was ich zu thun habe. Wäre ich nur wieder frei!« meint der Zuckerhannes.

»Jetzt, da so große Dinge im Werke sind, wundert es mich nicht mehr, daß Du mit dem Paule und dem Spaniolen so gar viel Heimliches in der Nacht zu wispern hattest!« sagt der Schlosserlehrling zum Zuckerhannes.

In diesem Augenblicke nähern sich draußen auf dem Gange die Schritte eines Mannes, das Schlüsselbund klirrt, die Thüre geht auf und der Kerkermeister steht auf der Schwelle:

»Zuckerhannes, zieht euch an und kommt mit mir!«

»Haben die zwei gefangenen Freunde, welche sich vorgestern die Zähne in den Hals schlugen, das Versöhnungsfest gefeiert, he?« fragt der Spaniol.

»Hat man den »Schwanenhals« wieder erwischt? He, der ist Euch schön durchgebrannt trotz Eurer Vorsicht?« grinst das Affengesicht.

»Bringen Sie doch dem Juden da zwei Zentner Knoblauch, er riecht dann erträglicher!« spottet der Einäugige.

Der Kerkermeister gibt kurze Antworten, der Zuckerhannes legt Schuhe und Wammes an, bespiegelt sich in den blanken Westenknöpfen des Zimmercommandanten, fährt mit dem »Gesellschaftskamm« des Schlosserlehrlings ein paarmal durch die Haare und trabt alsdann neben dem Kerkermeister mit klopfendem Herzen fort.

Schlau lächelt der Paul, spöttisch der Spaniol, Beide schauen sich an und lachen alsdann laut.

Verhöre hat der Zuckerhannes genug bestanden.

Stundenlang vor einem Aktentische stehen, eine Menge Fragen beantworten, welche die Unschuld empören, die Schuld verzweifeln machen und oft Beide verwirren, geliebten, gehaßten oder unbekannten Zeugen gegenüber gestellt werden, viele Monden als Gefangener allen Entbehrungen, allen Qualen der Ungewißheit, allen zeitlichen Nachtheilen ausgesetzt sein – dieses sind Dinge, welche Jeden, auch den Unschuldigen treffen können, niemals vergütet werden und sich großentheils gar nicht beseitigen lassen, so wenig als die Pein eines Untersuchungsrichters, der sich gar oft wöchentlich einige Stunden mit dummen oder schlechten Leuten herumbalgen muß, bei denen Lügen und Läugnen, Rohheit und Unverschämtheit gemeiniglich der Fünftelsaft ihrer Tugenden zu sein pflegen.

Vor der Thüre der Amtsstube schöpft unser Held noch einigemal Athem aus tiefster Brust, dann folgt er dem anmeldenden Begleiter.

Der Verhörrichter, ein braver, kenntnißreicher Herr, der ordentliche Gefangene niemals grob behandelte, nutzlos quälte, ihren Prozeß in bequeme Länge zog und selbst bedauerte, daß die Sache des Zuckerhannes langsam entschieden wurde, steht jetzt am verhängnißvollen Tische, schaut aber dem Eintretenden weit freundlicher als sonst entgegen und ruft sogleich:

»Hans, Ihr seid frei!«

Frei! – dieses Wörtlein trifft den Hans wie ein Donnerschlag, der die Wetterwolken gewaltig zertheilt und die Sonne hineinblitzen läßt in die liebliche Frühlingslandschaft seiner Heimath.

Frei! – Er mag es kaum glauben, starrt den Beamten mit halbgeöffnetem Munde wortlos an und fährt mit der Hand über die Stirne, um sich zu versichern, von keinem Traume geäfft zu werden.

Das Erkenntniß des Gerichtshofes wird ihm vorgelesen, der Beamte redet einige Worte freundlicher Ermahnung und macht eine entlassende Handbewegung, Hans ist vor Rührung nicht im Stande zu reden und während er dem Kerkermeister wieder hinaus folgt, stürzen Thränen der Freude über seine verblichenen Wangen.

»Habt Ihr Etwas im Arrest liegen lassen?«

»Nein!«

»Gut, dann kehren wir nicht dahin zurück; kommt, ich will das Thor aufmachen, dann geht Ihr, wohin Ihr wollt!«

Hans hätte gerne von den Mitgefangenen Abschied genommen, doch besaß er nicht den Muth, diesen Wunsch zu äußern, er hatte ja kein Geld bei sich und Geldmangel ist im Kerker oft schlimmer, als in der Freiheit.

Wir wollen damit nichts weiter sagen als daß Alles, was der Hofpont des Augustus im heidnischen Rom von der Macht des Reichthumes gesungen, bis zur Stunde auch im Kerker gültig sei.

Ein großer Dichter des Alterthums nennt das Geld die schnödeste aller Erfindungen, der größte deutsche Dichter, nämlich Göthe, behauptet, ein gesunder Mensch ohne Geld sei halbkrank und wie sehr beide Dichter Recht haben, lehrt die alltägliche Erfahrung zur Genüge.

Unser Held weinte bei seiner Freilassung Freudenthränen. Wäre es ihm vergönnt gewesen, einen Blick in seine Zukunft zu werfen, so würde er Thränen des Schmerzes, der Trauer und Angst vergossen haben.

Schon auf dem Wege zum Hofe seines alten Meisters wurde seine Freude durch die Wahrnehmung vermindert, daß Niemand dieselbe theile. Er hätte allen Leuten, welche ihm begegneten um den Hals fallen und denselben sagen mögen, er sei zwar ein armer Tropf und elender Krüppel, jetzt aber doch wiederum ein freier und deßhalb glücklicher Mensch. Die Leute gingen gleichgültig an ihm vorüber, in den Blicken manches Bekannten las er die alte Verachtung, Mehrere redeten ihn zwar an, doch ihre Fragen und Reden schienen nur darauf berechnet, ihn zu verwunden und zu kränken. Sie bezweifelten seine Schuldlosigkeit und verwunderten sich, »weßhalb er diesmal dem Zuchthause entronnen sei!« Aergerlich und verstimmt verließ er das Wirthshaus, in welchem er einen Schoppen getrunken, eilte hinter der Stadtmauer des Städtleins zwischen den Gärten dem Feldwege zu, der ihn zum Hofe des Moosbauern führte, dachte auf dem Wege über Vieles nach, was er von seinen Mitgefangenen gehört hatte, ballte zuweilen die Fäuste und lachte dann wieder vor sich hin.

Ein lautes Wiehern schreckt ihn aus dem Gedankensturme auf; er wendet den Kopf und erblickt auf einem nahen, abgemähten Kleeacker den Lieblingsgaul, seinen Bleß, welcher ihm mit glänzenden Augen und gespitzten Ohren zuwiehert und eine Bewegung macht, als ob er dem Kommenden entgegengehen wolle. Den Bleß sehen, zu demselben hineilen, ihn liebkosend anreden, küssen und streicheln ist beim Zuckerhannes das Werk eines Augenblickes.

Während er dem Gaul auf der flachen Hand ein Stück Gefängnißbrod hinstreckt, kommt der Oberknecht, der Bläsi, mit der Sense den Acker herauf, zieht sein Gesicht in spöttische Falten und fragt hämisch:

»Hoho, bist wieder da? Das hat kein Mensch geglaubt, denn Jeder meint, Du habest die Uhr gestohlen! ... Ich meine es auch, aber Du bist ein pfiffiger Bursche, hast's dick hinter den Ohren, so dumm und tappig Du aussiehst! ... Bist recht vornehm geworden im Loche, he? ...«

Der Zuckerhannes verbeißt Zorn und Schmerz, versetzt dem Bleß einen Schlag, daß dieser erschrocken auffährt, wendet sich um und geht, ohne dem Bläsi eine Silbe erwiedert zu haben.

»Zuckerhannesle, s'pressirt nicht so, ich muß Dir ja Etwas sagen!« ruft der Knecht ihm nach.

Er hört nicht darauf.

»Der Moosbauer braucht Dich nicht mehr, er hat am Georgentag einen Andern eingestellt! ... Gehe nur und schaue, ob Du nicht den Bündel schnüren mußt!« schreit der Schadenfrohe und geht wieder ans Mähen, während er von Bankerten, Spitzbuben und ehrlichen Meisterknechten brummt, welche mit diesem unter Einem Dache leben müßten.

Im Mooshofe findet der Hans die Ehehalten nicht daheim, die Mägde sind freundlicher als der rohe Bläsi und freuen sich seiner Rückkehr.

Er geht in die Bodenkammer hinauf, öffnet seine Kiste, nimmt einen zehnfach von Leinwand umwundenen Geldbeutel heraus, zählt das Geld und nach wenigen Minuten befindet er sich auf dem Rückwege zum Amtsstädtlein und zum Gefängniß.

Hier übergibt er die meisten Sparpfenninge dem höchlich verwunderten Amtsdiener und bittet denselben, sie dem Spaniolen einzuhändigen.

» Diesem soll ich das Geld geben?« fragt der Gefangenwärter und schüttelt den Kopf.

»Ja, seid so gut und thut es je eher, je lieber, ich bin dem Spaniolen das Geld schuldig! ... Behüte Gott!« sagt der Zuckerhannes und eilt zum halbgeöffneten Thore hinaus.

»S'ist mir noch alleweil schwindlig! ... Ich meine, ich ginge auf den Welken des Seees statt auf festem Grund und Boden! ... Das macht das mondenlange Sitzen und die Augen schmerzen mich auch!« murmelt er und biegt in das Gäßchen ein, das hinter die Stadtmauer führt.

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