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Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling - Erster Teil

Joseph M. Hägele: Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling - Erster Teil - Kapitel 6
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authorJoseph M. Hägele
titleZuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling ? Erster Teil
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Der Zuckerhannes kommt aus dem Turme

Unsere Gefangenen lagen seit einigen Stunden auf ihren Strohsäcken, der Grundbaß des Murmelthieres ward von der Fistelstimme des Schlosserlehrlings sekundirt, vom Seufzen und Fluchen Anderer zuweilen unterbrochen, die sich unruhig hin und herwälzten.

Jetzt schlugen die Uhren der Stadt und ihre langgedehnten Schläge zitterten dumpf und schwerfällig in die schwüle Behausung unserer Gesellschaft.

»Herrgottmillionen ...! flucht der Indianer, es muß anderes Wetter geben, die Flöhe, Wanzen, Spinnen thun wie besessen, ich kann nicht schlafen!«

»Der Teufel mag in dieser Folterkammer schlafen! ... Glückseliges Murmelthier, dein Speck ist dein Schild und deine Wehr! ... Ich habe noch kein Auge geschlossen! ... Gelt, Paule, im Badischen geht's oft ähnlich her, wie in Mantua!« riefen Einige.

»Hätten wir nur ein Stümpfchen Licht, dann wollten wir uns die Zeit mit Domino und Neunerstein abkürzen!« brummt der Spaniol.

»Wären wir Alle lieber im Zuchthaus, dann hätten wir Licht die ganze Nacht! ... Im Zuchthause ist's überall besser als im Untersuchungsarrest, ich war Alles in Allem 29 Jährlein gefangen und habe das erlebt! ... Im Zuchthause gehen Einem Lichter genug auf!« betheuert der Stoffel.

»Da hast Du Recht, Einäugiger! Zehnmal lieber in jeder Strafanstalt, selbst auf dem Spielberge als in dem Amtsgefängnisse! ... Ich will mich morgen gleich ins Zuchthaus melden, werde wohl wieder hineinkommen!« seufzt der alte Paule.

»Alterchen, Du könntest noch Etwas erzählen, damit wir uns müde hören!« meint der Spaniol.

»Mein Sir, wenn der Paule Ebbes erzählt, kriegt er den Wein, den ich unter dem Bette stehen habe und morgen früh Schochomajem; seine Geschicht' ist ebbes Rares!« versichert der Moses.

»So was läßt sich hören, Mauschel!« meint der Paule.

»Ich könnte von einem Juden nichts annehmen außer Geld; Alles ekelt mich an, was von einem Jud' kommt. Als kleiner Bub' hat mir ein sonst recht braves und gutes Judenweib oft Matzen gegeben, da sagt einmal Einer, in die Matzen, welche der Jud einem Gojim schenkt, kämen Speichel und alle abscheulichen Dinge, ich mußte damals dem Ulrich rufen und habe seitdem nie wieder etwas gegessen oder getrunken, was von einem Hebräer kam!« erzählte der Zuckerhannes.

»Moses schreit, dies verhalte sich nicht so, doch Alle schreien gegen ihn und der Paule versichert, er für seine Person nehme Alles von Juden an, doch habe er in ganz Europa gefunden, jeder Jude trage nebst dem Judenkopf noch besondere Mängel an sich und bei armen Juden sei der Haß gegen das Schweinefleisch begreiflich, weil nur Kannibalen Ihresgleichen fräßen!«

»Der Spaniol behauptet, ein Jude bleibe Jude, ob er emanzipirt werde oder nicht und die Renegaten unter ihnen seien gerade die miserabelsten Schufte, die mit Religion schacherten und sich zu Allem gebrauchen ließen nur zu nichts Gutem!«

Das peinliche Wortgefecht über die armen Hebräer dauert noch einige Minuten, dann wird der Paule angegangen, »Mauschels Wein zu saufen« und seine Geschichte fortzusetzen.

Nach einigem Bitten sagt der Alte:

»Nicht der Wein und nicht der Schochomajem des Moses, auch nicht Euer Bitten bringt mich zum Plaudern, sondern die unruhigen Flöhe und Wanzen und die Schlaflosigkeit. Ich bin alt, schlafe im besten Bette nur drei Stunden, wie ein Gaul und wenn ich so daliege in der stillen Mitternacht, kommen alle Personen und Vorfälle meines langen Lebens mir in den Sinn; ich glaube, die Todten und die Weitentfernten zu sehen und reden zu hören und oft fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, wenn ich daran denke, was ich ausgestanden habe! ... Es ist mehr als zehn oder tausend Andere in einem ebenso langen Leben zusammen aushielten und was ist jetzt mein Lohn? Spitalsuppen, Zuchthaussuppen, Verachtung und Lieblosigkeit! ... Nicht einmal ein Felddienstzeichen oder ein paar Kreuzer Pension habe ich je bekommen und der Einzige, der mir altem Manne ein ruhiges Plätzlein gönnen wollte, der Oberstlieutenant vom 16. Regiment, durfte es nicht thun!«

Von Neuen bitten die Mitgefangenen zu erzählen, der Moses steht auf und bringt den Wein, der Alte trinkt, selbst das Murmelthier wacht auf und will zuhören, weder das Affengesicht noch der Einäugige geben der rothen Liesli Gehör, die in Einem fort an die Wand klopft. Der Paul aber erzählt:

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