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Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling - Erster Teil

Joseph M. Hägele: Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling - Erster Teil - Kapitel 10
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authorJoseph M. Hägele
titleZuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling ? Erster Teil
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Die letzten Jahre des Zuckerhannes

Wiederum sind wir im Schwarzwalde und zwar in demselben Thale, in welchem wir vor einer Reihe von Jahren dem Begräbnisse eines verachteten, unbekannten und längst vergebenen Weibes beiwohnten.

Damals wars ein schwermüthiger Regentag, doch heute steht die Sonne hoch und glänzend im tiefblauen Himmelsgewölbe über den dunkelgrünen Tannenwäldern und leuchtet freundlich in das Thal mit seinen zerstreuten Strohhütten, stattlichen neuen Häusern, wogenden Saatfeldern, blumigen Matten und silbern schimmernden Bächlein.

Tausend Vögel singen ihrem Schöpfer das Alleluja der Thierwelt, tausend Schmetterlinge und Käfer flattern und schwirren um die blühenden Obstbäume und jagen sich munter aus einem Blumenkelche in den andern, laue Lüfte säuseln und ziehen durch das Thal und um dem Frieden und die Freude der Natur die höchste Weihe zu geben, dringen Orgelton und Glockenklang und fromme Gesänge an unser Ohr.

Ists heute nicht Pfingstsonntag und gibts einen schönern Tag im ganzen Jahre als diesen? Stehen die Hütten und Häuser nicht deßhalb so einsam und verwaist da, weil die Thalbewohner in der Kirche dem feierlichen Hochamte beiwohnen?

Beiwohnten! müssen wir sagen, denn in diesem Augenblicke läutets mit allen Glocken, die Kirchgänger drängen zum Tempel hinaus, auf allen Wegen und Stegen wimmelt es von halbstädtisch gekleideten Männern und Burschen und unter dem Weibsvolke entdeckt man nur noch wenige schwefelgelbe Strohhüte, dunkelfarbige Leibchen, vielfaltige kurze »Juppen,« blaue Strümpfe, unförmliche Bauernschuhe, Gebetbücher mit Messingschlössern und altmodische Rosenkränze.

Offenbar hat der Geist der neuen Zeit auch in diesem Thale gewaltige Fortschritte gemacht und wenn man an den nagelneuen Häusern, neumodischen Trachten und an Vielem, was zu Brigittens Lebzeiten noch nicht dagewesen, wenig auszusetzen weiß, so thut Einem doch Manches wehe, weil es den Verdacht bestärkt, daß hinter all' dem Flitter, aufgeklärtem Gerede und lebhaftern Verkehr weit mehr Armuth, Herzlosigkeit und geistiger Tod stecke, als mit dem entschwundenen Geschlechte begraben wurde.

Greise, Weiber und Kinder begeben sich von der Kirche in ihre meist alleinstehenden, zerstreut liegenden Wohnungen, dagegen vermögen viele Männer und Bursche nicht an den Wirthshäusern vorbei zu kommen, ohne einzukehren und dem Hochamte des Pfarrers die »Eilfuhrmesse« des Bärenwirthes oder eines andern Wirthes folgen zu lassen.

Das Wirthshaus zum Bären an der Steig ist um ein Stockwerk höher, mit einer prächtigen Altane versehen und zum Range eines »Hotels« erhoben worden. Der ehemalige kleine Krautgarten daneben erinnert jetzt an einen englischen Park im Duodezformat, lustig plätschert ein Springbrunnen darin und von der bedeckten Kegelbahn herüber erschallt bereits Gelächter, Geschrei und das dumpfe Geräusch rollender Kugeln, das lustige fallender Kegel.

Die alte Nebenbuhlerin, die Sonne da drunten ist indessen auch eine vornehme Dame geworden und hinter den herabgelassenen grünen Jalousieladen des bedeutend verlängerten und schön angestrichenen Hauses geht es längst laut und lustig zu, denn die Zeitungen sind angekommen und da ihr gewöhnlicher Erklärer, der bebrillte und beschnurbartete Volksbildner nach der Kirche in den Pfarrhof hinübermußte, um eine Festtagsnase für sein gar zu munteres Orgeln während des Gottesdienstes einzustecken, so hat ein Handlungsreisender, dem das Motto seines himmelanstrebenden Berufes:

Ich mach' in Tuch und Seide, Politik und Religion! Und hab' von allen Vieren Die allerneuest' Facon!

im Gesichte geschrieben steht, das Amt des Volksbildners freiwillig verwaltet, die Politiker des Thales durch tiefe Einsichten und geheimnißvolle Kenntnisse in freudigen Aufruhr und durch die neuesten Witze in Entzücken versetzt.

Der dicke Wirth streckt sein Mastochsenantlitz zum Fenster hinaus und zupft mit der einen Hand an den Vatermördern des feingefältelten Hemdes, während die andere in den Taschen wühlt und Kronenthalermusik macht. Hinter ihm steht – die Elsbeth etwa? Gott bewahre, das Haus Elsbeth hat längst aufgehört, in der Sonne zu regieren, die neue Wirthin ist ein blutjunges Ding und trägt nicht nur an ihren dürren Fingern schwere Goldringe und einen Schawl, der beinahe den Boden fegt, sondern auch einen Pariserhut mit Lyonerblumen, Alles direct aus Freiburg verschrieben.

Außer dem Bärenhotel und dem Gasthof zur Sonne gibt es nunmehr auch einen »Anker« im Thale, der beide an Eleganz übertrifft und eine Bierbrauerei, welche an schönen Tagen die »Naturkneiper« der beiden nächsten Städte mit Allem versorgt, was ihnen Noth thut, endlich eine Weinwirthschaft, wo auch Kaffee und Liqueur zu haben und eine kleine Winkelschenke, welche wir als bescheidene Wanderer zunächst besuchen müssen.

Sitzt denn in dieser Winkelschenke nicht eine gute alte Bekannte, nämlich die Elsbeth? Hat sie sich nicht vor vier Jahren aus der prächtigen Sonne hieher zurückgezogen mit dem Reste ihrer Habe? Und sitzt nicht neben ihr ein guter Bursche, welcher bereits seit fünf Wochen mit ihr für die Sünden der Welt trinkt und sich mit dem baldigen Untergange derselben tröstet? Ist dieser Bursche nicht der Zuckerhannes, der den Schauplatz seiner Kinderjahre nicht nur begrüßen durfte, sondern heimsuchen mußte, nachdem er seine Strafe bis auf den Rest eines halben Jahres erstanden.

Ja, so ist's; der Hannesle, welcher als 15jähriger Bursche aus der Sonne Reißaus nahm, ist als 27jähriger wieder zurückgekehrt und dieselbe stolze Frau, die ihn um Gottes Barmherzigkeit willen aufnahm, als vermeintliches Werkzeug des göttlichen Zornes ihm einen Kropf wachsen ließ und ein Bein abschlug, sitzt nunmehr als die herablassende Wirthin einer Winkelschenke neben ihm und versichert ihn, er sei einer der ordentlichsten Menschen des Thales, weil er alte Unbilden vergesse und einer armen, bedrängten Wittib in dem Gomorrha und Sodoma des Schwarzwaldes einige Groschen zukommen lasse.

»Menschen werden mit den Zeiten anders!« hat schon vor bald 2000 Jahren ein heidnischer Dichter an den Ufern des kaspischen Meeres geklagt und genau dasselbe klagt unser Paar, obwohl es sich niemals sonderlich mit Büchern und am allerwenigsten mit Heiden befaßte.

Fünf volle Wochen bereits hat die Elsbeth ihren ehemaligen Pflegsohn davon erzählt, wie es ihr seit seiner Flucht ergangen und ist noch lange nicht am Ende, doch wir wollen uns kurz fassen, damit die Geschichte unseres Helden nicht allzulang gerathe.

Die fromme Sonnenwirthin führte ihre Wirthschaft in altgewohnter Weise fort, nachdem die Hoffnung, im Zuckerhannes einen arbeitsamen und wohlfeilen Knecht zu bekommen, verschwunden.

Im dritten Jahre darauf verlor sie ihren getreuesten Lobredner, nämlich das 265 pfündige Dekanat, welches an einem Schlagflusse plötzlich verschied und von allen Vieh- und Weinhändlern, Amtsleuten und Wirthen schmerzlich vermißt wurde.

Weil die fromme Elsbeth Niemanden mehr besaß, mit dem sie sich von den theologischen Tugenden, von der Erbsünde und andern gottseligen Dingen unterhalten konnte, verlegte sie sich auf das Weltliche und wählte sich unter den Weltkindern Eines heraus, um dasselbe den Klauen des Satanas zu entreißen und für den Himmel einzunehmen.

Dieses Weltkind hieß Wendel und war der stattliche Sohn eines Bäckers des Amtsstädtleins, welcher eine Stubenwirthschaft führte und die Sonne seit vielen Jahren mit Brod versah, nämlich mit seinem Weißbrod, Fastenbretzeln, Butterwecken, Schildbrod, Milchbrod, Ringen, gebackenen Männern mit Zibebenaugen und andern Herrlichkeiten, die der Hannesle schwer verfluchte, bevor er zum Zuckerhannes geworden und dies aus triftigen Gründen. Mußte er nicht jeden andern Morgen Sommers und Winters mit Tagesanbruch in das Städtchen hinab laufen, um den Brodkorb füllen zu lassen, und wiederum daheim sein, wenn es Zeit war, den Schulsack vom Nagel hinter der Wanduhr herabzulangen? War der Wendel nicht schon damals ein großer und muthwilliger Bursche, der seine Freude daran fand, den eingeschüchterten, linkischen Buben auf alle Weisen zu quälen? Und als der heranwachsende Hannes sich nicht mehr Alles gefallen ließ und herzhaft redete, spielte da der Wendel nicht den Stolzen und Vornehmen gegen ihn und pflegte jedesmal, wenn der Bäcker oder die Bäckerin nicht in der Stube standen, in die Küche hinauszurufen. »Vater oder Mutter, kommt, der »Zuckerhannes« will seinen Theil haben und notirt alles gut auf?«

Besagter Wendel zog dann einige Zeit auf die Wanderschaft, stand in Paris hinter einem Backofen und brachte ungemein viel Anstand und Bildung aus diesem Mittelpunkte der Civilisation nach Hause. Als ein wahres Chamäleon wußte er sich in Jedes zu fügen und zu schicken, mit dem er anbinden wollte und der Elsbeth, mit welcher er monatlich einmal abrechnete, so viel Erbauliches von den prächtigen Kirchen, frommen Häusern und gottseligen Personen der Weltstadt zu erzählen, daß sie ihm nicht genug zuhören konnte. Sie wußte recht gut, der Wendel mache den Eltern schweres Kreuz, habe von der Obrigkeit, Sittlichkeit, Weibern und andern Dingen nagelneue Ansichten, welche den bisherigen schnurstraks zuwiderliefen und sprach zu sich:

»Wär' es nicht Jammerschade, wenn ein Mensch, der auf Erden so schön und geputzt wie ein Offizier einherschreitet, ewig im Höllenschlamme versenkt würde? Ist er nicht jung und weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, daß die Jugend erst mit den Jahren nach mancherlei Fällen und Unfällen zur Tugend gelangt? Darf Einer nicht täglich siebenmal fallen und bleibt dennoch ein Gerechter? Ist der Wendel nicht gleichsam ein geborner Wirth, der sich in Alles und gewiß also auch in Treue und Frommheit zu finden weiß? Besitzt derselbe nicht ein ordentliches Vermögen? Und, wenns schlecht geht, hat mich der Herr nicht aus fünf Trübsalen errettet und wird Er Seine Dienerin schon in der sechsten stecken lassen? Gibt es im Himmel nicht sieben Stufen der Seligen, habe ich nicht bereits Anspruch auf die fünfte und kann mich zur sechsten und siebenten emporschwingen? Kurz und gut, wenn ich will, wird der Wendel nicht Nein sagen und Gott kann nicht anders als Ja sagen und uns segnen, weil er mich genau kennt und weiß, daß ich zunächst den Leib haben muß, um meine Seele retten zu können. Lebte nur der Herr Dekan noch, der brächte Alles ins Geleise; einen bessern Heirathsstifter hats im Walde nicht gegeben und der neue ist ein Holzbock im Vergleich zu ihm. In Gottes Namen, das Weib ist zum Jochtragen auf der Welt, ich nehme den Wendel, die Gottlosen mögen darob heulen und mit den Zähnen knirschen!« –

Der Wendel hatte auch Augen und Gedanken, ließ sich herab, das ehemalige Brodträgeramt des entlaufenen Zuckerhannes zu verwalten, feierte seine Sonntage allgemach in der Sonne und es dauerte nicht lange, so ereignete sich das Wunder, daß die Elsbeth eines Sonntages aus der Kirche wegblieb, wie dies Gebrauch bei Leuten ist, welche als Brautleute ausgerufen werden und nicht drei Wochen später stolzirte der Wendel als Sonnenwirth durch das Thal und die Zahl der Freunde, die aus dem Städtlein herüberkamen, um sein Glück in der Nähe zu betrachten, wuchs mit jedem Tage.

Vor der Hochzeit hatte es die ersten schweren Händel abgesetzt, weil es sich schwarz auf weiß herausstellte, daß Wendels Vater zwar kein ruinirter, aber doch keineswegs ein reicher, der Bräutigam vollends ein armer Mann sei, dessen Capitalbriefe nirgends mehr aufgetrieben wurden.

Freilich besaß er einen Onkel, der ein Triberger Packer und tief in Amerika drinnen ein steinreicher Mann geworden war, zur Zeit noch keine Kinder und dabei die Absicht haben sollte, die Verwandten in Europa sammt und sonders zu kleinen Rothschilden zu machen, doch Elsbeth war in Geldsachen erfahren und genau, donnerte und blitzte einige Tage lang und die Leute munkelten, der Pariser sei an die Unrechte gekommen.

Dennoch ward die Hochzeit abgehalten, kein Mensch erfuhr jemals aus Elsbethens Mund, weßhalb diese so nachgiebig gewesen, dafür redete der Wendel desto unverblümter und prophezeite, sein Weib habe überhaupt den Rechten an ihn gefunden, er wisse, was in der großen Welt Mode sei und wie man mit Weibern fertig werde.

Ein Verschwender, Schlemmer, Prozeßkrämer, Spieler, Faullenzer und Anderes mehr, wurde er rasch mit dem Vermögen der Sonnenwirthin fertig, doch mit ihr selbst ist er keineswegs fertig geworden, denn sie hatte die Freude, ihm nach zehn Jahren die Augen zuzudrücken und ließ als »tiefbetrübte, im Thale der Zähren allein stehende Wittib« dem »innig geliebten, sanft und selig dieser mangelhaften Welt entrückten Gatten, dem ehrenfesten, hochachtbaren Herren Wendel« einen Grabstein setzen der noch heute vom Kirchhofe herab ins Thal schaut.

Länger als jeder frühere Mann hat der Pariser mit der Elsbeth gehaust und diese unerhörte Thatsache erklärt sich lediglich daraus, daß er sich weder von ihr bekehren ließ noch darnach trachtete, sie für sich zu gewinnen, sondern mit musterhafter Gleichgültigkeit gegen sie seine Tage verlebte.

Ihren Predigten setzte er Spott und Hohn, ihrem Zorn lautes Gelächter und ihren Todsünden meist die entgegengesetzten Laster entgegen. Der schlaue Mann hatte nicht blos die Geldliebe der Sonnenwirthin vor der Hochzeit überflügelt, sondern auch durch die gefährliche Drohung, der Welt ohne alle Rücksicht auf seine und andere Personen mancherlei Geheimnisse einer für fromm geltenden Seele zu enthüllen, einen Ehevertrag zu Stande gebracht, welcher Gütergemeinschaft und für den Fall einer Trennung für ihn die günstigsten Bedingungen festsetzte.

Es läßt sich leicht denken, wie die Elsbeth sich geberdete, nachdem sie vor dem Ende des ersten Jahres die letzte Hoffnung aufgegeben, den Wendel für sich zu erziehen. Bei etwas weniger Leichtsinn und etwas mehr Ehrgefühl würde er ein Höllenleben geführt haben, allein er fragte nach Allem nichts, was nicht die Befriedigung seiner Leidenschaften betraf und brachte es zu Stande, daß sein Weib, welches er niemals mißhandelte, keinen erheblichen Vorwand oder Beweise zu finden vermochte, die eine Trennung gerechtfertiget hätten.

So kam es auch, daß die Elsbeth keinen sonderlichen Antheil an seinem frühen Tode hatte. Er war nicht ihr Sklave, sondern lebte in der Knechtschaft der eigenen Sünden und Laster, welche sich ihre zweideutigen Freuden mit Wucherzinsen heimzahlen lassen und richtete sich selbst in der Blüthe seiner Jahre zu Grunde.

Dem Leichenbegängnisse folgte eine Zwangsversteigerung, die Sonnenwirthin mußte aus dem ererbten Hause ihrer Väter abziehen und trug außer den stark ins Graue gerathenen Haaren nur wenig Geld mit sich fort, mit welchem sie die kleine Wirtschaft pachtete und einrichtete, wo wir den Zuckerhannes bei ihr gefunden.

Wendels glorreicher Grabstein erklärt sich namentlich durch den Umstand, daß die Elsbeth auf die Ankunft des Vetters aus Amerika hoffte, der jährlich geschrieben, er werde kommen und mehr Eagles und Dollars bringen, als Kirschensteine im Thale gefunden werden könnten. Geschrieben hat dieser Crösus, doch gesandt hat er niemals auch nur einen Penny und ist bis heute ausgeblieben, so daß er den prächtigen Grabstein des Neffen niemals mit eigenen Augen betrachten konnte. Die Elsbeth aber hofft und hofft in Einem fort und weil das Hoffen nicht satt macht, eine Wirthin aber um so toleranter werden muß, je weniger sie besitzt und je kleiner und armseliger die Wirtschaft ist, hat sie allgemach ihr Häuslein zu einer Zufluchtsstätte aller Elenden und Verfolgten gemacht, insofern dieselben noch Einen Kreuzer auszugeben hatten und ist bereits so weit gekommen, offen zu predigen, wir alle glauben an Einen und denselben Gott und ein braver Evangelischer sei ihr tausendmal lieber denn ein zahlungsunfähiger Katholischer. Nicht der Glaube, sondern das Rechtthun sei die Hauptsache, man komme zwar auf der Welt schlecht damit fort, aber man lege sich dadurch viele Pfunde im Himmel an und das irdische Leben sei ja nur ein Augenblick.

Bei der ehemaligen Pflegmutter haust der Zuckerhannes, dieselbe versichert ihn eben, in der Kirche auch für ihn gebetet zu haben und er meint etwas grob, das sei ihm ganz Eins, denn ob er bete oder fluche oder Andere es für ihn thäten, darob kümmere sich weder Gott noch Teufel. Dieses sei ihm im Zuchthause und besonders seit den letzten 5 Wochen klar geworden.

Eine derartige unwirsche Rede an einem so wunderlieblichen Pfingstmorgen tönt nicht gut, zeugt für arg verstimmte Herzenssaiten und bedarf einer Erklärung.

Am letzten Tage, den unser Held im Schlafsaale der Strafanstalt aufdämmern sah, ward er auf die Kanzlei gerufen und erhielt seine Freiheit.

Die Sehnsucht nach der Freiheit war lebhafter als je in ihm geworden, die Erfüllung kam früher, als er gehofft und ein Stich ging ihm durchs Herz, denn die Trennung vom Duckmäuser erschien ihm plötzlich schwerer als das Zuchthausleben und er sah sich vom einzigen Freunde, den er auf der Welt kannte, im Nu durch eine fast unübersteigliche Kluft getrennt.

Ohne den Benedikt noch einmal gesehen und Abschied von demselben genommen zu haben, mußte er nagelneue, ungewohnte Kleider anziehen, welche ihm großentheils von der Regierung geschenkt wurden und das Gutmachgeld betrug ein ganz ordentliches Sümmchen, obwohl er täglich nur 2 Kreuzer erhobelt und Manches für Schnupftaback und Butter ausgegeben, auch ein Gebetbuch und Schreibbücher gekauft und einiges Porto bezahlt hatte.

Gleich einem Träumenden nahm er Abschied von den geistlichen und weltlichen Beamten, sah die Thüre, welche manches liebe Jahr ihm verschlossen geblieben, durch einen ganz leichten Druck auf die Schnalle aufspringen und folgte dem Aufseher, der ihn zur Polizei führte.

Lange hatte er geglaubt, er werde nach der Befreiung kein Jota mehr nach der Welt und den Leuten fragen, doch schon auf der ersten Canzlei, welche er ohne grauen Kittel betrat, fühlte er, daß dieser Glaube auf einer Täuschung beruhe. Manche Anwesenden betrachteten ihn scheel, ein dickköpfiger Jüngling, den das blinde Glück aus einem verdorbenen Lyzeistlein erst vor Kurzem zu einer handwerksburschenquälenden Schreibmaschine umgemodelt, lachte ihm verächtlich und höhnisch in's Gesicht, daß er purpurroth wurde von der Stirne bis zum Halse hinab und die Augen ganz verwirrt zu Boden schlug.

Der Zuckerhannes erhielt seinen Laufpaß und las mit Entsetzen, er müße geradewegs dahin, wo er wenig Gutes zu erwarten und viel Schlimmes zu befürchten, nämlich in die Heimath. Dies war ein Donnerschlag für ihn, er nahm sich das Herz heraus, den Beamten zu bitten, ihm doch einen Laufpaß nach dem Bodensee oder sonst wohin zu schreiben.

Das kleine, spindeldürre Männlein machte Augen, als ob der verwegene Bittsteller auf den Umsturz aller Staaten und Dintenfässer sinne und näselte giftig, er möge sich zum Teufel scheeren, das sei Gesetz im Lande, Geschriebenes sei hier stets unfehlbar und unabänderlich und wenn er Einen Zoll von der Route abweiche, so werde es nicht gut gehen!

»Aber ich bekomme keine Arbeit, ist das Gutmachgeld weg, was anfangen, lieber Herr? Ich muß doch leben!«

»Euer Leben ist nach meiner Einsicht durchaus unnöthig, macht, was Ihr wollt, Marsch!« Der unbesonnene Zuckerhannes sagte noch Etwas und hätte es wahrscheinlich arg bereuen müssen, wenn nicht ein ordentlicher Beamter eingetreten wäre, bei dessen Eintritt Jener gar süß lächelte und einem Diener winkte.

Ein Polizeidiener führte unsern Helden zum Thore hinaus, dann nahm dieser den Weg in den Schwarzwald unter die Füße und dachte unterwegs ungemein viel an die »große Zukunft« des Spaniolen und an die Reden des Exfouriers.

Abends spät gelangte er in der Heimath an. Vom Kirchhofe herüber wehte eine kalte Frühlingsluft, er erkannte keinen Menschen, der ihm begegnete, wollte in kein Wirthshaus, sondern bei den Hausleuten der Katzenlene übernachten. Er fand das alte Haus und auch die alten Bewohner, wie sich nach einigen Minuten herausstellte, aber die Katzenlene fand er nicht mehr, weil diese den Glauben Mancher an ihre irdische Unsterblichkeit durch einen sanften, obwohl raschen Tod schon vor mehreren Jahren widerlegt hatte. Die Leute boten ihm von selbst ein Nachtlager an, nachdem sie jedoch herausgebracht, woher ihr Gast geraden Weges komme, da gab es so seltsame Gesichter und zweideutige Reden, daß der Zuckerhannes auf seinem Stroh, welches man ihm statt des versprochenen Bettes auf den ungedielten Boden der Wohnstube geworfen, bittere Thränen weinte und bei Tagesanbruch mit seinem Bündelein abzog.

Er hatte gehofft, es sei Gras über seine Jugendgeschichte gewachsen und der Name »Zuckerhannes« den Landsleuten nicht mehr geläufig, wurde jedoch früh genug vom Gegentheil überzeugt. Der Vogt, bei welchem er sich melden mußte und gar nicht übel aufgenommen wurde, stellte ihn seinen Buben als ihren alten Schulkameraden den »Zuckerhannesle, welchen die Brigitte selig ledig gehabt« vor und dieser hinkte keine 6 Stunden im Thale herum, so hörte er oft genug hinter sich sagen: »Der Zuckerhannes ist wieder gekommen, dort der große hinkende Mann. Er hat Einen umgebracht und ist grausam lange im Zuchthause gehockt!«

Der Gestellmacher war längst gestorben, die Leute, bei denen er später einige Zeit zugebracht, lebten auch nicht mehr, die alte Welt moderte meist auf dem Kirchhofe, die junge war groß geworden und nahm jetzt deren Stelle ein, der Nachwuchs, der noch in der Wiege schrie, als der Zuckerhannes aus der Sonne entlief, wuchs bereits der Conscription entgegen, gar manches Haus hatte andere Bewohner, die alten hölzernen Hütten mit ihren Dächern von Stroh und Schindeln waren vielfach durch neue steinerne mit großen Fensterscheiben und bunten Ziegeldächern ersetzt, der alten Tracht hatte eine neue und stets wechselnde Platz gemacht.

Kurz, Vieles war anders geworden und selbst die Natur vielfach verändert, mancher Wald ausgeholzt und manche öde Trift in Ackerland verwandelt. Manches gefiel dem Hannes, namentlich die Nachsicht und Gleichgültigkeit, welche jüngere Leute gegen entlassene Zuchthäusler vielfach übten und er freute sich heimlich, weil Brigitte fast ein Dutzend Nachfolgerinnen zählte, die mit vaterlosen Kindern auf den Armen an sonnenhellen Tagen ganz ungescheut umherliefen und selten daran dachten, auf Unterstützung der Gemeinde zu verzichten.

Freilich gab es noch Viele, welche dergleichen Weiber verachteten und verlästerten und nicht gerne mit einem zu thun hatten, der Zuchthaussuppen gegessen, doch viele Andere, besonders unter den Jüngern und Aufgeklärten, waren duldsam und lachten, wo ihre Väter zornig die Fäuste geballt hätten.

Es geschah mehr als einmal, daß im Wirthshause manche Gäste verstummten, die Nase rümpften und wohl vom Tische wegrückten, an welchem sich der Zuckerhannes gesetzt, manchmal auch ein peinliches Gespräch vom Zuchthause anspannen, was ihm sehr wehe that, dagegen fehlte es ihm nicht an Kameraden und sogar an Freunden. Worüber er sich am meisten wunderte, war die Einladung, welche er von der alten Sonnenwirthin erhielt, deren Schwelle er niemals zu übertreten hoffte.

Am ersten Tage schon vernahm er auch, daß sie noch immer eine sehr fleißige Kirchengängerin sei und namentlich durch den Wendel Grund genug bekommen habe, der argen Welt spinnenfeind zu werden, dagegen aber für die Sünden der Welt unmenschlich trinke und beide Augen freudig zudrücke, wenn ein kleiner Profit vor ihr zu stehen schien.

Die Elsbeth lud ihn ein, weil er nicht von selbst kam, überhäufte ihn mit rührenden und zärtlichen Vorwürfen, redete wie die Güte und Liebe selbst, wollte nichts davon hören, daß sie ihm zu einem Kropfe und hinkenden Bein verholfen und ruhte nicht, bis er zu ihr zog gegen ein sehr gering scheinendes Kostgeld, das er für einige Wochen voraus bezahlte.

Elsbeth wußte was sie that. Der Hannes brachte Gutmachgeld und von Bibianens Hinterlassenschaft ward ihm durch die Sorge des braven Zuchthausverwalters noch ein Sümmchen gerettet, welches der Vogt als Pfleger in Händen hatte und womit sich in diesem Thale Etwas anfangen ließ.

Der Vogt und die Elsbeth aber verstanden sich miteinander und hatten ihr Plänchen fertig. Zwei Wochen wollte der Zuckerhannes von seinen langjährigen Strapazen ausruhen und gemächlich thun, dann im Thale oder noch lieber in der Ferne schauen, was zu machen sei. Zunächst mußte ihm die Elsbeth an den Adlerwirth in Hegau schreiben, damit er erfahre, was denn aus der Emmerenz geworden sei.

Der Benedict, ein gewaltiger Verehrer der bessern und schönern Hälfte des menschlichen Geschlechtes, redete am längsten und liebsten von seinen ehemaligen Freundinnen, sorgte auch dafür, daß der Zuckerhannes die Emmerenz nicht vergaß und war es, der ihm beim längeren Schweigen derselben anrieth, Alles wo möglich im Ungewissen zu lassen, nachdem sie selbst nicht geantwortet.

»Ist sie für Dich verloren, dann erfährst Du es noch immer früh genug und sie hat Dich nie recht gerne gehabt; findest Du sie noch ledig, dann weiß man nicht was kommen kann, Du hast bis dahin dir doch das Glück mit ihr recht ausmalen und mit mir hoffnungsvoll davon plaudern können. Sei gescheidt Hannes und denke: Unverhofft kommt oft!« pflegte der pfiffige Benedict zu sagen, und der Freund, der sich in Allem gerne von ihm gängeln ließ, befolgte auch diesen wohlmeinenden Rath.

Nach der Freilassung besaß der Zuckerhannes wiederum Keinen, der sich seiner aufrichtig annahm und ihn liebte, die Hoffnung, sein »Duckmäuserle« jemals auf Erden wieder zu sehen, war gering und er erfuhr, das Leben eines Menschen, der ganz allein auf der Welt dastehe und in Allem für sich sorgen müsse, sei in vielen Dingen leidenreicher und mühevoller als das eines Zuchthäuslers.

Zudem stand er bereits tief in dem Alter, in welchem sich das Herz des Mannes nach einer festen Existenz und bleibenden Stätte, nach einem Weib und Kindern sehnt, an denen er den Freund machen kann und bis zum Tode nicht von ihnen verlassen wird. Die Meisten, welche mit ihm auf der Schulbank gesessen, hatten längst ein eigenes Heimwesen und waren verheirathet, Viele schienen recht glücklich zu leben und Manche hausten wirklich gut, nur er stand noch immer allein und unbeachtet in der Welt da, an seinen Freuden und Leiden nahm Niemand jenen herzlichen Antheil, welchen er wünschte und dies that ihm wehe.

War er doch auch ein Mensch und weßhalb sollte er noch immer als Ausnahme unter den Leuten ruhelos und ziellos gleich Ahasverus herumstolpern?

Es läßt sich denken, wie gewaltig dem Zuckerhannes das Herz klopfte, als er Elsbethens wohlgesetzten und siebenfach versiegelten Brief an den Adlerwirth im Hegau ins nächste Posthaus trug und wie die Vermuthungen über die Antwort den einzigen Stoff seiner vertraulichen Gespräche mit der Pflegemutter blieben. Diese sprach dem Zagenden Trost und Muth ein und weil er fortwährend ein bischen zweifelte und den Kopf schüttelte, bewies sie ihm aus Karten und Kaffeesatz, ein großes Glück stünde ihm bevor, Alles laufe auf eine Heirath hinaus und so sicher sie für ihre Person sei, daß der Kutscher Sepp einmal an ihrem Häuslein halte und den steinreichen Vetter aus Amerika ablade, so zuversichtlich dürfe er hoffen, daß es ihm bald prächtig ergehe. Die Kreuzkönigin wolle nicht wanken und weichen, bei jedem Spiel liege sie obenauf und das sei eine bedeutsame Person.

Etwa 14 Tage nach der Absendung des Schreibens kam ein großer Pack mit Kleidern, worin trotz der langen Zeit die Schaben wenig Unheil angerichtet. In der Seitentasche des fast noch nagelneuen Manchesterkittels steckten zwei Briefe statt eines und weil der vor banger Erwartung zitternde Zuckerhannes nicht wußte, welchen er zuerst erbrechen sollte, so griff die Elsbeth nach demjenigen, der mit einigem Geld belastet war, setzte den Nasenklemmer auf und las ihn zuerst allein in der Küche, dann aber laut dem nebenstehenden Empfänger. Der Brief kam vom Adlerwirth, doch nicht vom Alten, der das Zeitliche auch bereits gesegnet sammt seinem Weibe, sondern vom Jungen, welcher seitdem die Wirtschaft führte und den Zuckerhannes als einen treuen, geschickten und fleißigen Stallknecht kennen gelernt hatte.

Er schrieb, der Zuckerhannes werde wohl nicht gerne drunten im Walde und noch ohne Arbeit sein, deßhalb möge er, falls er wolle, nur herzhaft hinauf an den Untersee wandern und vorläufig im Adler sich als Knecht einstellen lassen. Arbeit gäbe es genug und obwohl die Trinkgelder der Fuhrleute jährlich sparsamer ausfielen, so mache dieses wenig, weil der Sternenwirth an der Straße »ausgelumpt« habe und die alten Gäste desselben jetzt alle im Adler einsprächen. Er sende ihm die Kleider, die »rothe Fritzin« habe dieselben die vielen Jahre hindurch in ihrem eigenen Kasten und Getüchtrog aufbewahrt, Kienholz dazu gelegt, fleißig an die Bohnenstangen ihres Gartens gehängt, ausgeklopft und ausgebürstet, wenn ihr Rother just nicht daheim gewesen.

In der Erwartung, der Schwarzwälder werde kommen und weil er kommen könne, obwohl das Ziel erst am Jörgentag ausgelaufen, sende er zwei große Thaler, welche Dinggeld sein sollten, wenn er komme und als Präsent wenn er nicht komme. Neues wisse er weiter nichts zu schreiben, der Klee sei droben sehr gerathen, die Weinstöcke hätten fast ausgeblüht und die Felchen könne man vor ihrer Unzahl schier mit Händen fangen, was Alles ein ungemein fruchtbares Jahr bedeute. Ein Fuhrmann aus der Baar habe ihm erst voriges Jahr erzählt, der Fesenmichel habe sich zur Ruhe gesetzt und führe ein betrübtes Leben, obwohl sein schlimmes Weib gestorben; die älteste Tochter, Marianne, habe bereits zweimal taufen lassen und sei bisher noch niemals copulirt worden, der jüngste Sohn, der lange Jörg, hause auf dem Hofe und sei dem Aushausen nahe, so daß es ihm ergehen werde, wie dem ältern Bruder, der als Knecht bei ihm diene.

Der Fesenmichel selbst lache ob dem Unglück seiner Kinder, habe noch eine große Erbschaft zu erwarten, welche ihn wiederum zum reichen Manne umwandle und schwöre täglich hundertmal, eher vor seinem Tode Alles dem Narrenhause zu vermachen, als dem Jörg oder einem Geschwister desselben einen Heller zukommen zu lassen. Vielleicht gehe der Fesenmichel doch in sich und werde das Unrecht gutmachen, welches er dem Zuckerhannes angethan.

So schrieb der junge Adlerwirth und so las die Elsbeth, aber der Zuhörer bekam genug an dem Ausdruck »rothe Fritzin« und hörte von allem Andern nichts mehr. Eine Zeitlang stand er ganz versteinert da und schnappte nach Luft, dann schlug er mit der Faust auf den Küchentisch, daß dieser in die Höhe sprang und wackelte, endlich fing er an zu fluchen, fluchte immer lauter, hinkte wüthend zur Thüre hinaus und hätte ihn in diesem Augenblicke Keiner schief anschauen oder gar foppen dürfen, der gerade Glieder liebte.

Im Zuchthause sitzen manche Bursche dieser Art, der Zuckerhannes war keiner der Letzten derselben und ist solches Gebahren weder vernünftig noch christlich, so entspricht es doch der Bildungsstufe der Stiere, Elephanten, Nashörner, der Bergbewohner von Java, in welche der »Amok« fahrt und der vielgepriesenen Berserker.

Die Elsbeth schaute dem davonhinkenden Zuckerhannes verwundert nach, sah denselben über die Wiesen dem Walde zueilen und wäre ihm um ein Haar nachgesprungen, weil sie sich im ersten Augenblicke vor dem Gedanken fürchtete, er könnte sich selber ein Leid anthun. Doch rasch besann sie sich eines Bessern und nach einigen Stunden kehrte der Flüchtling wieder ganz ruhig und still zurück.

Man sah an seinen Augen, daß er erbärmlich geweint haben mußte, Thränen schwemmten den ersten wilden Schmerz fort und ließen die scheinbare Gleichgültigkeit einer stillen Verzweiflung zurück. Er wußte nie, wie leidenschaftlich er die Emmerenz geliebt und erfuhr es erst, nachdem er sie verloren.

Abends las er den zweiten Brief, derselbe rührte von der Emmerenz selbst her und nachdem er sich durch viele Hahnenfüße und Schreibfehler durchgearbeitet hatte, brachte er Folgendes heraus:

»Lieber Hans! Daß ich den rothen Fritz ein Jahr nach Deinem Unfall heirathete, wirst Du wohl wissen und daß ich jetzt recht ordentlich und glücklich mit ihm lebe, dafür danke ich Gott alle Tage. Rothhaarige Leute sind entweder recht gut oder recht schlimm und ich habe Vieles durchmachen müssen und oft bereut, nicht ledig geblieben zu sein, bis ich meinen Mann recht im Geschirre hatte. Jetzt ist das Aergste längst überstanden und ich wünsche nur, daß auch Du es recht gut bekommen mögest, es wäre endlich Zeit und würde damit manches Vaterunser erhört, welches ich für Dich betete, während Du eigentlich um meinetwillen, ohne daß ich Etwas dafür konnte, am bösen Orte schmachtetest. Die Kleider habe ich dem jungen Adlerwirth hinübergetragen, er ist ein braver Mann, in Vielem besser als sein Vater und wenn Du gescheidt bist, kommst Du aus Deiner Heimath zu uns herauf.«

»Bevor ich den Fritz heirathete, habe ich mir ausbedungen, für Dich einen Antheil von dem zurückzubehalten, was die alte gute Ursula (Gott hab' sie selig und erlöse die arme Seele!) im Grunde nicht nur mir, sondern uns Beiden zurück ließ.«

»Deßhalb komme und sei ohne Sorgen; so Gott will, stirbst Du nicht als ein alter Knecht und wenn's auch so käme, dürftest Du in deinen alten Tagen doch keine Noth leiden. Bei mir könntest Du freilich jetzt noch nicht wohnen, der Fritz ist in Manchem gar wunderlich aber später kann Alles anders werden und einstweilen hast Du ja ein Obdach im Adler.«

»Wie sehr es mich freut, weil Gott Dich endlich vom langen Elend erlöste, sollst Du sehen, wenn Du kommst und bis dahin grüßt Dich Deine alte Freundin

Emmerenz

»Was gedenkst Du anzustellen?« fragt die Elsbeth.

»Schier hätt' ich Lust hinaufzugehen, der falschen, treulosen Emmerenz und ihrem rothen Sidian das Leben recht bitter zu machen. Aber im Grunde ist es nicht der Mühe werth, ich habe die Alte nie recht mögen!«

»Brav und christlich heiß ich das gesprochen, man muß seinen Feinden eher Gutes als Böses anthun, aber das, was die Urschel vermacht hat, würde ich ihnen doch nicht schenken!«

»Aber ich! Ich mag nichts haben, jeder Bissen würde mir zu Gift und wenn ich denken müßte, von der Gnade und Barmherzigkeit eines schlechten Weibes zu zehren, würde ich mich vorher aufhängen.«

»Nun, mit diesen Dingen ist's noch Zeit. Einstweilen bleibst Du bei mir, bei Deiner Pflegmutter. Ich will gut machen, was ich aus gutem Herzen an Dir fehlte. – Apropos, der Bettelvogt hat ausgeschellt, die Grund- und Häusersteuer müsse schon wieder bezahlt werden. Bei mir macht es just 4 Gulden 31 Kreuzer. S'ist ein Elend mit dem Zahlen, jedes Jahr wirds ärger und nicht die mindeste Rücksicht auf Wittwen genommen. Ich bin nur froh, daß ich außer Dir keine Kinder habe! ... Brauchst Du die zwei großen Thaler, welche der Adlerwirth geschickt hat?«

»Zum Kukuk damit, will sie gar nicht mehr sehen! ... s'thut mir freilich leid, wenn die Herren sie bekommen, möchte sie fast eher auf die Straße werfen, aber das Zahlen hat auch sein Gutes! ... Wenn der Bauer Heu frißt und dem Handwerker die Haut abgezogen wird, dann kommt es anders! sagt der Spaniol.«

»Bravo, Ihr seid ein gescheidter Mensch und, soweit ich vernommen, auch droben am Bodensee gewesen?« sagt ein Fremder und trinkt mit pfiffigem Lächeln sein Braunbier.

»Seht, fuhr der Fremde fort, während er den Mund abwischte, seht, ich bin ein Konstanzer und weiß, wie's mit dem Zahlen steht. Wir gehen zu Grund vor lauter Zahlen und Beeinträchtigen, werden als aufrüherische Köpfe verschrieen und fragt aber kein Herr, wo uns eigentlich der Schuh drücke, so wenig man uns seiner Zeit fragte, ob wir badisch werden wollten oder nicht! ... An das Erzhaus Oesterreich hat die Stadt Konstanz in den letzten Zeiten jährlich 7000 Gulden bezahlt und seit der Regierung des Kaisers Joseph 7 oder 10 Mann jährlich ins Feld stellen müssen und blühten damals Handel und Gewerbe, und saßen in der Stadt viele vorderösterreichische Regierungsherren, welche viel Geld ausgaben. Jetzt aber muß die Stadt jährlich 70,000 allein an den Staat zahlen, Soldaten stellen, soviel Andere wollen. Jährlich wird Alles höher hinaufgetrieben, während der Verdienst jährlich mehr abnimmt und könnte Einer weinen, wenn er weiß, was die alte Stadt noch vor 25 Jahren war und heutzutage ist! ... Wäre Vorderösterreich ewig Vorderösterreich geblieben, dann versänken wir nicht jährlich tiefer ins Elend und das Steuerbüchlein machte uns schwerlich zu Radicalen!«

»Das kommt Alles vom Luther her; dieser brachte Empörung gegen Kaiser und Reich ins Land und wo gute Katholiken lutherisch regiert werden, müssen sie wohl dem Teufel in den Rachen fahren!« seufzt die Elsbeth und blickt andächtig nach dem Kruzifix in der Ecke.

»Da seid ihr ganz auf dem Holzweg, Frau Wirthin. Der Luther war der Schwan, von welchem der Huß prophezeite, als ihn das Conzil verbrennen ließ. Wir Konstanzer haben auch eine alte Prophezeiung aus jener Zeit und ist gar merkwürdig bisher in Erfüllung gegangen. Die Stadt Konstanz (soll nämlich der Huß selbst prophezeit haben), die Stadt Konstanz, sage ich, wird so lange abnehmen und zerfallen, bis mir an derselben Stelle, wo ich verbrannt werde, von ihr ein Denkmal gestiftet wird! ... S'ist so gekommen, man hat auch ein Denkmal errichten wollen, aber nicht dürfen, Gott sei's geklagt. Was bin ich schuldig?«

Der Fremde wollte aufbrechen, doch jetzt machte sich der Zuckerhannes hinter ihn und fand, derselbe kenne die ganze Seegegend, den jungen Adlerwirth, den rothen Fritz und auch die Emmerenz, sogar den Mooshof.

Die Bauersleute im Mooshofe lebten noch, der Fremde erzählte Vieles dem Zuckerhannes und dieser wurde über Alles, was er vorbrachte, so entzückt, daß er demselben antrug, ihn über die Steig hinauf zu begleiten.

Gesagt, gethan! Auf dem Wege ward Mancherlei geredet, der Fremde sagte auch, daß er einen treuen und geschickten Knecht wohl brauchen könnte, der Hannes säumte nicht, sich als solchen anzutragen und die Unterhandlung begann.

»Schaut, wer geht denn mit dem liederlichen Zuckerhannes?« ließen sich Zwei ganz laut vernehmen, welche auf der Staffel des Bären standen.

Der Fremde hörte es, schielte nach dem Begleiter hinüber, bemerkte, daß dieser erbleichte und zitterte, schwieg jedoch und ging weiter.

»Hat der wieder Einen umzubringen? Wahrscheinlich wird er ihn droben im Walde abthun wollen, man sollte den Fremden warnen!« flüsterte später ein Weibsbild, welches mit einem Bauern an den Beiden vorüberzog. Der Fremde machte ein ernsthafteres Gesicht und blickte nach der Höhe, von wo der Tannenwald finster und schweigend herabstarrte.

»Jokele, sei brav oder der Zuckerhannes muß Dich holen!« rief ein Kind dem kleinen Brüderlein zu, welches auf einem Holzstamme vor dem Hause saß und ins Blaue hinausschrie, beim Anblicke der beiden Wanderer aber erschrocken im vollen Laufe ins Haus hineinrannte.

Dem Zuckerhannes standen Thränen der Wuth und des Schmerzes in den Augen, er vermochte keine Silbe mehr hervorzubringen.

Nach einer kleinen Weile blieb der Fremde stehen und meinte:

»Hört, guter Freund, Ihr könnt es mir nicht verübeln, wenn ich mich für Eure Begleitung bedanke und dieselbe etwas verdächtig finde. Als Handelsmann muß ich in gute und schlechte Wirthshäuser, die Wirthin da drunten hat mir gar nicht recht gefallen und Ihr gefallt mir auch nicht. Wer ist denn der Zuckerhannes, der sich nicht unter ehrlichen Leuten sehen lassen darf? Seid Ihr's, dann laßt Euch nur nicht träumen, daß ich Euch als Knecht brauchen kann! Wie steht es, redet ehrlich und aufrichtig!«

Große Thränen quollen dem Armen über die Wangen, krampfhaft gab er dem Fremden die Hand, sagte mit zitternder Stimme:

»Nichts für ungut! ... Herr! ... ja ich bins!« und ersparte sich eine weitere Beichte durch rasches Umkehren.

Kopfschüttelnd blickte ihm der Konstanzer nach, murmelte in den Bart. »Ja, es gibt doch kuriose Menschen auf der Welt, man kann die Nase anrennen!« und zog rüstig seine einsame Straße weiter.

Der Tag, an welchem der Hannes Gewißheit erhielt, die Emmerenz sei für ihn verloren und es werde schwer halten, einen zweiten Adlerwirth zu finden, welcher ihn in Dienst nehme, endete mit einem gewaltigen Rausche, welchen er sich bei der Pflegemutter antrank.

Aller Muth und alle Lust und Liebe Etwas zu unternehmen, schien ihm vergangen, er faßte den Vorsatz, sich mit Essen und Trinken für alles Andere zu entschädigen und sein Gutmachgeld sammt dem Reste der Erbschaft durchzubringen.

Diesem Vorsatze blieb er getreu und die Elsbeth hütete sich sammt dem Vogte, eine ernsthafte Einwendung dagegen zu manchen.

Völliger Müßiggang widersprach der Natur des Unglücklichen, er verrichtete Hausgeschäfte für die Wirthin, blieb fast immer daheim und ihr bester Gast. Hatte er Etwas im Kopfe, dann wurde der einsilbige, düstere Mensch lebhaft, zärtlich, freigebig, das Gegentheil von dem, was er im nüchternen Zustande zu sein schien. Wo er saß, mußte es lustig zugehen, wollten die Gäste nicht aufthauen, so ließ er eine Flasche nach der andern aufstellen und so konnte es nicht fehlen, daß er bald unter den Lumpen des Thales unzertrennliche Freunde fand, welche er im Rausche für die vortrefflichsten und verkanntesten Seelen hielt und dieser Meinung gemäß bewirthete.

Das Gutmachgeld befand sich bald in fremden Beuteln, jetzt wies er die Pflegmutter an den Vogt und ließ sich selbst anfangs wenig auszahlen, weil er selten in ein fremdes Wirthshaus ging, am allerwenigsten ins Bärenhotel.

Jeden Morgen rechnete die Elsbeth mit ihm ab, er mochte wollen oder nicht, er staunte zuweilen über die Rechnung und faßte gute Vorsätze.

»Hannes, beim Vogt liegen nur noch drei große Thaler, welche Dir gehören. Was soll jetzt geschehen? fragt die Elsbeth nach einem halben Jahr.

»Zunächst müssen die drei Thaler fort, damit ich weiß, daß ich Nichts mehr habe!«

»Ho, Närrle, wirst doch der Emmerenz nichts schenken wollen?«

»Nein! ... Schreibt hinauf!« sagt der Zuckerhannes bestimmt und fest nach längerem Besinnen.

Richtig gibt die Emmerenz bestimmte Versprechungen, doch soll Alles in kleinen Terminen abgemacht werden und sie will wissen, wozu das Geld nöthig sei und verwendet werde.

»Schreibt, daß ich Euch heirathe und ein Wirth werde. Ists auch ein Lug, so ärgert er sie doch und schadet nicht. Die Termine reichen auch lange Zeit, wahrscheinlich kommt indessen der Vetter aus Amerika, habe ich nichts, so gebt mir Credit oder verschafft Geld. Man lebt nur einmal und ich habe noch nie gelebt!«

Die fromme Elsbeth lachte heimlich, that, was der Zuckerhannes wollte, die alte Wirtschaft dauerte fort, der Bursche fand, man gewöhne sich doch weit leichter und rascher ans Nichtsthun als an Arbeit.

Ein Jahr später war unser Held durchaus nicht mehr demüthig und menschenscheu, sondern ging mit Jedem und bald auch mit Jeder um, die nicht gut bei den »Großköpfen« angeschrieben stand.

Ein eigentlicher Säufer wurde er nicht, obwohl es mehr als einmal in der Woche sich ereignete, daß er nicht mehr wußte, was er redete. Dagegen liebte er die Weiber mit wüthender Leidenschaft; je weniger er sich früher mit denselben befaßt hatte und zu befassen vermochte, desto ärger trieb ers jetzt. Elsbeth war geizig und that sehr Vieles, um das Geld des Pflegsohnes in ihren Kasten zu bringen, doch einen Einzug von zweideutigen Weibern duldete sie durchaus nicht in ihrem Hause, der Pflegsohn mußte anderswo suchen, wornach er gelüstete.

Ein Kropf und hinkender Fuß empfehlen weder bei Schönen der Stadt noch des Landes. Der Inhaber dieser Mängel war nicht wählerisch und hielt sich fast mehr an die Alten als an die Jungen, dennoch mußte er mehr als Ein Halstüchlein oder Stück Zeug zwischen seine Gestalt und die Augen der Erkornen hängen, wenn er gern gesehen sein wollte. Manche derselben befand sich jahraus jahrein in der fatalen Lage, mehrere Anbeter zugleich zu besitzen, so daß sie eine schwere Wahl anzustellen hatte, aber dennoch mit dem Wählen und Vorziehen nicht fertig zu werden vermochte. Darauf ergaben sich manchmal Mißhelligkeiten zwischen Nebenbuhlern und weil Prügel besser ziehen als alle Worte, die Nebenbuhler in der Führung des Prügels als Thalmenschen wohlbewandert und oft arge Hitzköpfe waren, setzte es auch Schlägereien ab. Nahm die Obrigkeit von einer derselben Kenntniß, so vergalt sie zwar nicht Gleiches mit Gleichem, nämlich Prügel mit Prügel, strafte jedoch mit Gefängniß und nahm dabei auf den Zuckerhannes besonders Bedacht, wodurch der Groll und Ingrimm desselben gegen geistliche und weltliche Obrigkeit nicht sonderlich verhindert wurde.

Die Weisheit des Spaniolen, des Exfouriers und ähnlicher Leute wurde in diesem einst so stillen und frommen Thale allmählig verbreitet, der Zuckerhannes ein Träger der Cultur der »großen Zukunft.« Von ihm selbst nahmen nur Seinesgleichen etwas an, aber jeder besaß wiederum eine Zunge, dazu Verwandte, Bekannte und Freunde und eine ausgesprochene Ansicht mag Einem recht gut gefallen, ohne daß der Mensch gefällt, der sie ausspricht.

Es sah überhaupt im Thale nicht mehr aus, wie zur Zeit des 265 pfündigen Dekanats. Viele trugen Pech auf den Köpfen, so daß sie die Hüte nicht mehr gut herabbrachten, Haare auf den Zähnen trotz dem feurigsten Grünsesselbrutus und einen souveränen Stolz im Herzen, der die Leute berghoch machte, so daß sie weit über ihr Thal hinaussahen in den heilbringenden Westen.

Wozu ein wüstes, liederliches Leben genauer schildern?

Die Gesellschaft hatte den Zuckerhannes auf die Hochschule des Lasters und der Verbrechen geschickt und das Heimaththal desselben keinen triftigen Grund, ihn deßhalb anzuklagen, weil er Schlechtes sah und hörte, Schlechtes endlich selbst ausübte und hierin mit jener Raschheit fortschritt, welche seinem ursprünglich heftigen Temperamente und der Natur des Bösen entsprach.

Sein Leben nach der Entlassung drängt zu wenigen Bemerkungen.

Erstens nämlich halten wir jenes Gesetz, welches entlassene Sträflinge in ihre Heimath treibt, deßhalb für unzweckmäßig, weil es in den meisten Fällen bei weitem mehr schadet als nützt und die Quelle manches Rückfalles wird.

Zweitens möchte man Entlassene auch ferner polizeilich überwachen, weil dadurch manche Verbrechen vorgebeugt wird. Aber die Polizei ist die allerletzte Macht, welche auf Gesinnungsänderung und Besserung der Menschen einigen Einfluß übt oder es einem Entlassenen erleichtert, sein Fortkommen als ehrlicher Mensch zu finden. Hier sollten angesehene und menschenfreundliche Leute, Geistliche und Laien, sich ein bischen aus ihrer Bequemlichkeit aufraffen und die an vielen Orten in ruhigern Zeiten aufgetauchten, doch bald wiederum entschlafenen Vereine für Entlassene von Neuem begründen.

Kleider und Geld besitzt mindestens bei uns wohl jeder Entlassene zur Nothdurft, dagegen braucht er eine moralische Macht, welche sich seine Hochachtung und Liebe zu erwerben und damit Einfluß auf seine Gesinnungen und Handlungen zu gewinnen versteht. Heutzutage, wo viele Arme gerne arbeiteten, wenn sie nur Beschäftigung immer fänden, ist es ferner eine Hauptsache, Entlassenen Gelegenheit für Arbeit anzuweisen oder dieselben wo möglich nach Amerika zu spediren, wo sie Erwerb und je nach Umständen auch einen Galgen finden.

Weßhalb aber soll man sich um Entlassene mehr bekümmern, denn um ehrliche Arme? Weil Entlassene gefährlich gewordene Arme sind, die weit leichter als andere Menschen sich zu Verbrechen hinreißen lassen, insbesondere wenn sie des Glückes der Gesellschaft anderer Verbrecher längere Zeit theilhaftig geworden.

Drittens endlich hat der Stifter der Gesellenbunde den besten Weg gezeigt, auf welchem den Grundübeln der Zeit zu Leibe gegangen werden mag.

Wer ist den Hetzereien und Wühlereien gewissenloser Demagogen und politischer Fanatiker zumeist ausgesetzt als der Stand der Handwerker? Der kleine Handwerker, der Mittelstand überhaupt, scheint zum Opfer des gewaltigen Aufschwunges der Industrie, des Welthandels und neuer Erfindungen bestimmt zu sein und im Fabrikproletariat gänzlich verschwinden zu wollen. Handwerk hat heutzutage keinen goldenen Boden mehr, das Kapital arbeitet sich zum eigentlichen Herrn und König einer neuen Zeit empor; den Kleingewerben vermag der edelste Fürst, die wohlwollendste Regierung nicht mehr auf die Beine zu helfen oder das Anwachsen und die Gefahren des Proletariats zu verhindern.

Hier kann zumeist nur Gott und können nur die Einzelnen selbst sich retten, indem die Religion die Unzufriedenheit und Trostlosigkeit des Gemüthes durch ihren Frieden, die steigende Genußwuth und Verdienstlosigkeit durch Genügsamkeit und Sparsamkeit der Armen, durch großartige Maßregeln christlicher Liebe und politischer Vorsicht von Seite der Reichen ersetzt.

Ein Mensch ohne Religion ist ein unglückliches Geschöpf, wird zum unseligen Spielball der eigenen und zum willenlosen Werkzeuge fremder Leidenschaften und das um so eher, je mehr der Druck äußerer Verhältnisse auf ihm lastet und je unselbstständiger er in Folge des Mangels an sonstiger Bildung dasteht.

Zeigt den Armen Menschlichkeit und Liebe, zeigt ihnen handelnde Christen, Ihr Mächtigen und Reichen der Erde, dann habt Ihr nicht nöthig, für Eigenthum, Freiheit und Leben zu zittern, wenn es einer Handvoll Flüchtlinge beifällt, Euch die Zweifelhaftigkeit des dauernden Schutzes furchtbarer Armeen und rücksichtsloser Handhabung der Gesetze zu beweisen, Ihr habt alsdann auch nicht nöthig mit banger Hoffnungslosigkeit Euerer Enkel Zukunft zu bedenken.

Setzt den unmoralischen Waffen Eurer Todfeinde moralische, den Verschwörungsplanen derselben offene Gesellschaften der Söhne des Volkes entgegen, in welcher ein religiöser Geist auflebt und in diesem Falle einzig und allein entwaffnet Ihr Eure Feinde, deren Religionslosigkeit vielfach zur Verteuflung fortgeschritten und besiegt einzig und allein die Revolution, diese Ausgeburt der Hölle! –

Pflege eines religiösen Sinnes unter den Heeren, Stiftung von Gesellenbunden und Vereine für Christianisirung des Proletariats sind allerdings Anfänge zum Bessern, aber auch nur Anfänge, zu welchen bittere Erfahrungen hindrängten.

Sammelt die Dienstboten beiderlei Geschlechtes in Städten und auf dem Lande in ähnlichen Vereinen, sorgt für angenehme und nützliche Unterhaltung derselben in ihren arbeitsfreien Stunden, kommt ihnen mit Rath und That entgegen, dann werdet Ihr zahllose Sünden, Laster und Verbrechen, welche unter den Dächern der Dienstgeber, in Wirthshäusern und Tanzsälen, in Feld und Wald begangen werden und in ihren Folgen stets auch auf die Gesellschaft zurückfallen, verhindern. Die kleinen Opfer und große Mühe sind des heilbringenden Zweckes würdig, Ihr befestiget dadurch das zeitliche und ewige Glück der eigenen Person und der Nebenmenschen! –

Wer aus dem Munde der Leute aus der Hefe des Volkes und alter Verbrecher gründlich erfahren, wie es mit unsern sittlichen und religiösen Zuständen aussieht, wie weit die Fäulniß der Gesellschaft um sich gegriffen, wird die Reden des Spaniolen und des Exfouriers gewiß nicht für Eingebungen der Gespensterfurcht und die auf lauter Thatsachen sich stützende Schilderung des Lebens, Denkens und Fühlens der Gefangenen für keine Uebertreibung halten.

Kennt doch ein ehemaliger Revolutionär die Revolution und ein ehemaliger Gefangener seine Leidensgefährten wohl genauer als mancher Andere! –

Der Zuckerhannes lebte leichtsinnig und müßig in den Tag hinein, versank im freud- und friedlosen Wandel eines Liederlichen so tief, daß einige Briefe, welche der Duckmäuser an ihn schrieb, ihn anwiderten, weil aus denselben kein vollkommen verwildertes Gemüth und einiger Sinn für ein ehrbares, sittliches und religiöses Leben heraussprach.

Er beantwortete den ersten, zerriß den zweiten und ließ den dritten bereits ungelesen. Endlich wurden die Folgen seines Lebens sichtbar, als Emmerenz zuletzt erfuhr, auf welche Weise der alte Liebhaber das Seinige vergeude und aufhörte, demselben Etwas zu senden.

Die Elsbeth wußte stets woran sie war, fand es allgemach räthlich, andere Saiten aufzuziehen und dem Pflegsohn in der verschollenen Tonart seiner Jugend aufzuspielen. Gerade an demselben Tage, an welchem er den letzten Gulden in der Tasche und einige kleine, aber ungestüme Gläubiger auf dem Halse hatte, fing die Wirthin schwere Händel an, der Zuckerhannes mußte mit dem Bettelvogte ins Loch wandern, weil er sie mißhandelte und lebensgefährliche Drohungen ausstieß und erhielt wiederum eine mehrwöchentliche Gefängnißstrafe.

Nach seiner Befreiung sollte und wollte er keineswegs der Gemeinde zur Last fallen und suchte Arbeit, doch vergeblich. Der Stachel der Genußflucht ließ ihn nicht ruhen, er würde vielleicht nicht mehr Energie genug besessen haben, um das ehrliche Brod wiederum zu verdienen, seine Kräfte waren sehr geschwächt, die Keime derselben Krankheit, an der seine Mutter gestorben, hatte er durch ein qualvolles, zügelloses Leben in sich selbst zum Entwickeln gebracht.

Nach der Achtung ehrbarer und rechtschaffener Menschen fragte er längst nichts mehr, aber der Menschenhaß erwachte vollends, als er erleben mußte, daß dieselben Weiber und Saufbrüder, denen er so Vieles angehängt, ihm den Rücken wandten, sich verächtlich oder gar feindselig gegen ihn kehrten, nachdem er mit seinen Mitteln zu Ende gekommen.

Der Vogt spielte längst den gestrengen Herrn gegen ihn, nirgends im Thale fand er Aufnahme, er mußte der Gemeinde übergeben werden und sollte ein elendes, entbehrungsreiches Leben führen. Dies überstieg seine Kräfte; der einzige Kamerad, welcher ihm treu geblieben, war ein alter Schnapslump und Zuchthausbruder, vor welchem Jedermann die Thüren zuschloß und sich fürchtete.

Dieser Mensch brachte den Zuckerhannes bald dazu, mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Beide lungerten zusammen in der Gegend umher und trieben zum Scheine das Korbmachergewerbe, in Wirklichkeit brandschatzten sie wohlhabende Bauern und Bäuerinnen, welche aus Respekt vor derartigen Bettlern diese oft reichlich bedachten. Zeiten des Genusses wechselten für den Zuckerhannes mit denen arger Noth, es ging das Gerede, er sammt seinem Kameraden fänden das einfache Mittel für Verbesserung ihrer Glücksumstände in außerordentlich langen Fingern. Doch wollte es der Umsicht der unermüdlichen Behörden nicht bald gelingen, Etwas auf die hausirenden Korbmacher zu bringen.

In einer Winternacht entstand ein Brand im Hause der Elsbeth, welche am Abend zuvor dem halbbetrunkenen Zuckerhannes den Eintritt in ihre Wirthsstube verboten und ihn zurückgestoßen hatte.

Der Brand des steinernen Häusleins wurde bald und glücklich gelöscht, der Schaden blieb unbedeutend, aber der dringend verdächtige Pflegsohn wurde festgenommen, der Brandstiftung halb und halb überführt und zu einer langwierigen Zuchthausstrafe verurtheilt, obwohl er beharrlich Alles wegläugnete.

Im Vorarreste traf er zwei alte Freunde, nämlich den Spaniolen, der seiner Wuth ob dem alten Betrug gleichmüthiges Gelächter entgegensetzte und Martin den Wirthssohn, den ehemaligen Schlosserlehrling, welchem eine Tödtung im Affect eine 15jährige Freiheitsstrafe eingetragen.

Der Duckmäuser suchte den tiefgesunkenen Freund zu verbessern, es gelang ihm auch theilweise, doch die Auszehrung bereitete allen Mühsalen desselben ein baldiges Ende und er ist keineswegs als ein Christ, sondern als der Zuckerhannes gestorben.

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