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Zu Tempeln und Pyramiden

Rudolf von Habsburg: Zu Tempeln und Pyramiden - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorKronprinz Rudolf von Österreich
titleZu Tempeln und Pyramiden
publisherEdition Erdmann GmbH
editorHeinrich Pleticha
year2005
isbn3865030238
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080523
projectidca9b9311
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6. Kapitel

Auf hoher See begrüßte uns der Morgen des 28. März. Noch kein Land in Sicht?, war die oft gestellte Frage, und mit Sehnsucht erwarteten wir die aus den Wogen emportauchenden Konturen Asiens. Endlich in den Vormittagsstunden erschienen die in bläuliche Dünste gehüllten Höhenzüge des judäischen Gebirges, bald darauf der gelbe Strand und der Hügel mit der staffelförmig, festungsartig sich aufbauenden Stadt Jaffa. Auf den ersten Blick sieht das Land kahl und öde aus, gelbe Dünen und graue Gebirge erfreuen keineswegs das Auge; wenn das Schiff sich aber der alten, in großer historischer Vergangenheit ergrauten Stadt nähert, bemerkt man den herrlich grünen Kranz waldähnlicher Gärten, in deren Mitte Jaffa liegt. Da kein Hafen für größere Schiffe besteht, mußten wir eine Viertelstunde weit vor dem berüchtigten Felsenkranz, der die Stadt umgibt, vor Anker gehen.

Bald darauf langten der Gouverneur, sein Sekretär und der Divisionsgeneral Generaladjutant Rizah-Pascha, den der Sultan so freundlich war eigens aus Konstantinopel zu senden und uns für die ganze Reise im gelobten Lande zuzuteilen, auf Bord der »Miramar« an. Die hohen Würdenträger hatten einen vom ägyptischen sehr abweichenden Typus. Die Gesichtsfarbe lichter, breitere Züge und mit einem Wort den mehr türkischen Charakter. Nach kurzer Zeit sollten wir sehen, wie sehr dieses Land in jeder Beziehung sich von Ägypten unterscheidet.

Rizah-Pascha, ein angenehmer, gebildeter Mann, in dessen Gesellschaft wir von nun an eine Reihe interessanter Tage verlebten, übergab mir ein Schreiben des Sultans. Der Großherr war von ausnehmender Liebenswürdigkeit für uns und die ganze Reise hindurch blieben wir seine Gäste. Diesen freundlichen Gesinnungen verdanken wir eine herrliche Karawane, famose Zeltlager und viele Erleichterungen der beschwerlichen Expeditionen, die nun folgen sollten.

Nach kurzer Begrüßung fuhren die türkischen Herren wieder an das Land zurück, um ihre Parade-Pascha-Uniformen abzulegen und noch einige Vorbereitungen zu treffen. Auch wir ließen uns bald nach Jaffa hinüberrudern, doch nicht wie sonst in unseren Booten, sondern nach der Regel, die hier an dieser tückischen Küste herrscht, in den breiten, ziemlich flachen, von Eingeborenen geführten Fahrzeugen. Ein geschickter Lotse saß am Steuer und kräftige Ruderschläge seiner Leute brachten uns rasch von der »Miramar« hinweg. Wir sollten sie abermals für lange Zeit nicht sehen. Während unserer Reise im Lande mußte das Schiff den nächsten guten Hafen, Beiruth, aufsuchen. Zwei der Marineoffiziere, Graf Chorinsky und Schiffslieutenant Sachs, begleiteten uns nach dem gelobten Lande.

Bald hatten wir den Kranz der gefürchteten und berüchtigten Felsenriffe erreicht. Wenn das Boot durch die enge Gasse zwischen zwei zackigen Felsblöcken hindurchgleitet, kann man sich leicht eine Vorstellung von der Ungemütlichkeit dieser Situation im Falle schweren Wetters und schäumender Brandung machen. Wir hatten spiegelglatte See und anstandslos fuhren wir an die Stiege des engen, nur für Barken berechneten Hafens von Jaffa.

Ein neues Land, ein vollkommen verschiedener Typus, echt morgenländisch, sogar echter und farbenreicher als in Ägypten, begrüßte uns. Alles schien mir neu. Der reine, wahre asiatische Orient trat mir zum ersten Male entgegen.

Die Stadt ist an einem Hügel staffelförmig aufgebaut; die untersten Häuser werden so wie die zwischen denselben herausragenden Felsen von den Wogen bespült. Die aus Lehm erbauten arabischen Stadtteile sind verschwunden, das zerbröckelnde Winkelwerk der Nilstädte, die braune Erdfarbe der Wände, die flachen Dächer, wir haben sie in Afrika zurückgelassen.

Die Steinbauten des reichen asiatischen Orients mit seiner alten Geschichte, arg vermengt mit echt hebräischen Reminiszenzen des gelobten Landes, erscheinen uns in Form fester Gebäude mit runden Kuppeln auf den Dächern, flachen Terrassen, ernsten gewölbten Toren; alles in grau-weißen Quadersteinen, ohne Mörtel und Anstrich erbaut. Der erste Schritt auf dem Boden des gelobten Landes ruft in den Städten die Erinnerungen an die geordnete Macht des Judenreiches, an den weisen König Salomo, oder auch an die Tage, wo Jesus inmitten seiner Apostel auf den steinernen Stufen der Hauptplätze predigend saß, lebhaft ins Gedächtnis, und am Lande ziehen die Bilder am geistigen Auge vorüber, die uns in Kindesjahren beim Studium der heiligen Schrift umgaukelten.

Ein hübscher Anblick bot sich uns beim Anlegen an der Hafenstiege dar; alle flachen Terrassen und Treppen sowie auch die engen Fenster waren dicht mit Menschen besetzt. Die Kostüme sind viel farbenreicher und interessanter als in Ägypten; der kleinasiatische Charakter sowie auch oft der türkische, ja sogar der althebräische machen sich geltend.

Das blaue Fellachen-Hemd und die braune Kappe sieht man in den Gassen ebenso wenig als den einfachen weißen Burnus, desgleichen wird man keinem spärlich oder fast gar nicht gekleideten Menschen, wie dies ja so oft in Ägypten der Fall ist, begegnen. Faltenreiche weite Gewänder mit breiten bunten Leibbinden, große Turbane, hie und da Feze, Oberkleider oder auch kurze spencerartige Jacken mit Pelzverbrämung, weite Pumphosen, rote Pantoffel, manchmal sogar Opanken; bei den echten hier lebenden Kleinasiaten sowie auch unter den Drusen Kostüme, die an die Völker der Balkanhalbinsel erinnern, bilden in raschen Zügen die Kennzeichen jener Trachten, die man an der asiatischen Küste findet.

Die Frauen sind sehr malerisch in weite Kleider gehüllt mit weißem Kopftuch und Schleier, vollkommen verschieden von der ägyptischen Frauentracht. Da in Jaffa viele Christinnen und Jüdinnen wohnen, sah man auch eine Menge reich gekleideter Frauen auf den Gassen, die meisten wenig oder gar nicht verschleiert und daher konnten wir die vielen schönen und in der Tat edlen Gesichtszüge beobachten; auffallend häufig war auch blendend weiße Hautfarbe neben rabenschwarzen Haaren zu finden. Im Ganzen ist der Menschenschlag in Palästina und besonders in den Städten schon sehr licht, hie und da gelblich, selten braun; letztere Farbe ist nur bei den freien Stämmen und auch da besonders unter den südlicheren zu bemerken.

Der erste Blick auf die bunte, ungemein farbenreiche Menge war sehr interessant und nur langsam stiegen wir von den Booten über eine Stiege den Weg zum lateinischen Hospiz empor.

Türkisches Militär, grün adjustiert, vom ägyptischen vollkommen verschieden, martialische Kleinasiaten, hielten Spalier, und es war notwendig, denn die Leute drängten ungemein neugierig gegen uns heran. An der Türe des Hospizes warteten einige alte Franziskaner; durch ein echt orientalisches Haus, über unzählige Stiegen, gelangten wir in die Franziskaner-Kirche. Der Weg war beschwerlich und schmutzig und man mußte unglaubliche Gestanks-Atmosphären passieren. Die Kirche selbst ist alt, aber nicht sehr hübsch und interessant. Beim Eintritt werden Reliquien geküßt und man erhält die Aufforderung, am Boden liegend ein Gebet zu sprechen.

Auf Schritt und Tritt findet man im gelobten Lande Plätze, an die sich fromme Legenden knüpfen, auch Jaffa hat deren einige. Das dunkle, mittelalterlich aussehende Gotteshaus, der matte Schein der Fackeln, der heisere Gesang der Franziskaner, das Brummen der Orgel, und alles das am Boden Palästinas, erweckte eigentümliche Gedanken an die Tage der Kreuzzüge, als manch Kämpe aus dem fernen Abendland hier den ersten Segen auf heiliger Erde erhielt, ehe er auf schwerem Roß im blanken Stahl den verhängnisvollen Kampf suchte gegen den edlen, leichtfüßigen Sohn der Wüste, der stolz und kühn sein Vaterland gegen die fremden Eindringlinge verteidigte.

Orangenmarkt in Jaffa

Nach Segen und Gesang drängten wir uns mit Mühe durch die Scharen der Neugierigen, welche in den engen Gängen und Stiegen den Weg verstellten, hindurch. Dumpfe, in der Tat ekelhafte Luft gehört zu den charakteristischen Eigenschaften jedes steinernen, kellerartigen Raumes, sei es Haus, Kloster oder Kirche; man hüte sich wohl in Palästina, insbesondere im Frühjahre, unter Dach zu wohnen.

Unter dem Tore warteten unsere Pferde; keine kleine Arbeit war es, in diesem Gewühl von Menschen, noch dazu lärmenden Orientalen, sehr vielen Juden, die Karawane zusammenzustellen. Endlich gelang dies doch. Eine Abteilung türkischer Kavallerie eröffnete den Zug, dann kamen wir und unsere Diener, zum Schluß abermals einige Soldaten. In dieser Reihenfolge ritten wir durch einige enge Gassen über glatte, Pflaster vorstellende Steinplatten, dann an dem von Schmutz strotzenden Marktplatz vorbei aus der Stadt hinaus. Anfänglich führt der Weg zwischen herrlichen Gärten, dichten Hecken und üppigen Orangengärten. Die Bäume bogen sich noch unter der Last der Früchte; man kann den großen Klima-Unterschied zwischen der Küste Palästinas und Ägyptens deutlich bemerken. Ende Februar sahen wir die Orangenernte in Kairo, Ende März hatte sie in Jaffa noch nicht begonnen.

Gar bald verschwanden die duftenden Gärten und wir gelangten in eine höchst monotone graugrüne Ebene; nichts als schlecht bebaute Felder, hie und da ein Ziehbrunnen, einige Palmen, steinige Stellen, das wilde Durcheinander eines mohammedanischen Friedhofes und in weiter Ferne als Abschluß des öden Bildes die bläulichen Höhen des judäischen Gebirges. Kamel- und Ziegenherden, gehütet von farbig kostümierten Leuten, und Bettler der ärgsten Sorte bildeten das einzige Publikum, dem wir begegneten. Die Bettler Palästinas sind noch ärger als jene Ägyptens, die gräßlichsten Krüppel, die man sich nur vorstellen kann, viele noch mit dem echten altbiblischen Aussatz behaftet.

Auf der Steinhuhnjagd

Inmitten der Felder hätte man sich in Europa geglaubt. Der Vegetation fehlt der schon tropische Anstrich der Nil-Landschaften, auch war noch alles im Wachstum zurück. Viele Störche standen auf den Feldern, sonst war wenig Tierwelt zu bemerken. Bald gelangten wir zu einigen kleinen, recht elend aussehenden Dörfern; an Grabstätten und Wachtürmen für türkische Gendarmerie-Posten führte der Weg vorbei und nach Verlauf von drei Stunden hatten wir die kleine ruinenhafte Stadt Ramlé erreicht.

Unsere Karawane passierte nur an den letzten Häusern des Ortes. Sonst ist Ramlé die gewöhnliche Nachtstation der Jerusalempilger, doch wir hatten keine Lust, in der Nähe der notorisch schmutzigen Stadt zu übernachten, und beschlossen, unseren Weg bis zu dem am Fuße der Berge liegenden Dorfe Latrun fortzusetzen.

In Ramlé selbst, wie gesagt, war ich nicht, doch so viel ich sehen konnte, schienen mir die Menschen und ihre farbigen, althebräischen Kostüme das Interessanteste zu sein. Christen sind nur wenige da und die wenigen fast ausschließlich Bekenner der griechisch-orthodoxen Kirche. Sehr viele Leute strömten aus dem Orte heraus und liefen durch einige Zeit, neugierig gaffend, unserer Karawane nach. Die Gegend begann allmählich einen anderen Charakter anzunehmen. Die Straße führte sanft bergab in eine weitgestreckte Talniederung, an deren entgegengesetztem Rande die judäischen Gebirge sich erhoben.

Die Felder waren schon hie und da mit Steinen und Felsblöcken bedeckt und zwischen einzelnen immergrünen Gebüschen blickten spiegelglatte Steinplatten hervor. In der Nähe eines Schêch-Grabes gelang mir ein glückliches Coup-Double auf ein Pärchen der schönen und großen Steinhühner. Bald nach Sonnenuntergang erreichten wir den Ort Latrun, der recht malerisch zwischen Felsen und grünen Gesträuchen am Fuße des Gebirgszuges liegt.

Neben den Ruinen einer alten Festung – aus welcher Zeit sie stammen, ist schwer zu erkennen – stand unser herrliches Zeltlager, eine Stadt von echt türkischen Zelten, in den schönsten Stoffen mit allem Komfort eingerichtet, lebhaft an die Tage des alten Soliman erinnernd. Die vielen Tragtiere, meist Maulesel, auch kleine Pferde und die Scharen von Dienern, Drusen aus dem Libanon (Sonnenanbeter) lungerten neben dem Lager zwischen den Steinen umher. Der Unternehmer Herr Howard, der in wechselvollem Leben englischen Schutz und Namen erhielt, ist ein echter brauner Orientale, jetzt Dragoman in Beiruth und Arrangeur von Karawanen und Expeditionen en gros; wir lernten dessen unbeugsame Energie und vorzügliche Eigenschaften in harten Tagen kennen, wo schwere Aufgaben an ihn herantraten.

Zwei Beduinen, einen Mohren, der in seiner frühesten Jugend in Afrika geraubt wurde und nun mit einem Stamm asiatischer Araber herumzieht, und einen echten, im Gesicht fast europäisch gefärbten Jordan-Beduinen hatte Howard auch zur Karawane genommen, damit sie alltäglich Steinhühner für die Küche liefern sollten. Beide waren in die bei den asiatischen Stämmen gebräuchlichen, braun- und weiß gestreiften, dicken Kamelhaar-Burnuse gehüllt.

Mit dem blassen Gesellen gingen nur mein Onkel und ich noch an demselben Abend auf den Schakal-Anstand. Über Hecken und Mauern gelangten wir neben dem Dorfe vorbei zu einer Wasser-Zisterne; leider war kein Mondschein und vor Beginn der vollen Dunkelheit erschien nichts, nur in der Ferne hörten wir die Schakale heulen. Auf demselben elenden Wege stolperten wir langsam ins Lager zurück; bei Latrun standen viele in ihren langen Mänteln gespensterhaft aussehende Leute, die uns aufmerksam betrachteten. Dieser Ort soll seinen Namen vom lateinischen »Latro«, als der Geburtsort des begnadigten Schachers Dismas, erhalten haben. An jedem Dorf kleben Erinnerungen, manche in der Tat großartig schön und für die Wahrheit zeugend, viele aber auch zum Überdruß unwahrscheinlich.

Im Lager wurde nach unserer Rückkunft im großen Speisezimmerzelt ein vollkommenes Diner eingenommen und dann folgte dem türkischen Kaffee bald die wohltätige Ruhe eines verdienten Schlummers.

Des anderen Morgens herrschte schon in früher Stunde reges Leben im Lager. Die Zelte wurden abgebrochen, alles auf die Maultiere verladen und unter dem üblichen Glockengeklingel der Tragtiere, dem Geschrei ihrer Führer, dem Wiehern der Pferde setzte sich die Karawane in Bewegung.

Anfänglich führte der Weg durch enge Gebirgstäler; rechts und links steile Lehnen mit Felsblöcken und dichten, immergrünen Gebüschen bedeckt. Im ganzen Charakter und in der Flora tragen diese Gegenden den echten Mittelmeer-Typus an sich, wie man ihn an den Küsten Spaniens, Griechenlands, Italiens und den westlichen Teilen Nord-Afrikas, besonders in Marokko findet. In Palästina ist diese Zone eine ziemlich schmale und bei Jerusalem verschwindet sie allmählich, um östlich von Bethlehem der innerasiatischen Steppenvegetation zu weichen. An dem alten Brunnen Bîr Egyub (Hiobsbrunnen) vorbei gelangen wir durch die Schlucht des Wâdi Ali, die Ruinen einer alten Moschee passierend, gegen den Kamm des Gebirges.

Der Typus ist immer derselbe, nichts als blendend weiße Felsblöcke, einer vom anderen durch stachelige Gesträuche getrennt, nur hie und da tauchen halb verfallene Häuser und Ruinen zwischen dem Gestein hervor; Felswände sind selten, hingegen sieht man viele lange, spiegelglatte Platten an den Hängen der Berge. Unzählige Adler und Geier kreisen in den Lüften; zwischen den Gebüschen bemerkten wir nur wenig Vogelwelt, sehr vereinzelte Steinhühner liefen an den Lehnen pfeilschnell empor. Nach zweistündiger Reise versuchten wir mit unserem Jagdaraber einen kurzen Pirschgang über den Kamm des Gebirges.

Eine schöne Aussicht eröffnete sich uns in ein Gewirr von Gebirgstälern und Bergkesseln; immer derselbe Charakter, die echte Mittelmeer-Flora, sehr ähnlich jener der Gebirge von Zante. Im fernen Osten sah man die graugelben Ränder und Kuppen des Plateaus, auf dem Jerusalem liegt, und den Beginn der ganz verschiedenen Höhenzüge im Innern des Landes. Zwischen den unzähligen Felsplatten, Steinklötzen und fast undurchdringlichen, mit langen Dornen bewehrten Gebüschen war das Gehen eben nicht sehr angenehm, und da keine Steinhühner angetroffen wurden und die allenthalben umherkreisenden großen Raubvögel sich nicht anschleichen ließen, kehrten wir sehr bald auf die Karawanenstraße zurück.

Der Kamm der Gebirge wurde überschritten; die Gegend nahm einen immer öderen Charakter an; selbst die Gebüsche wichen dürrem Gras und malerische Felsen kleinem Gerölle. Vor uns breitete sich ein weites Tal aus; in Serpentinen schlängelt sich der Weg in dasselbe hinab. An einigen ruinenhaften Gasthäusern für Pilger, die inmitten trostloser steiniger Ölgärten standen und mich lebhaft an die kleinen Fondas der spanischen Hochgebirge erinnerten, kamen wir vorbei.

Das Dorf Abu Gôsch wurde uns gezeigt, wo Anfang dieses Jahrhunderts die gleichnamige Familie eines berüchtigten Schêchs zum Schrecken aller Pilger hauste; später mußten wir auch den Ort Gôba, das antike Modin, die Heimatstätte der Makkabäer-Familie in weiter Ferne betrachten; auf Schritt und Tritt kleben Geschichten aus der alten Judenzeit; ich habe dieselben wie jeder Reisende anhören müssen, merken konnte ich sie mir gottlob nicht alle, und nur jene, die halbwegs einen wahrscheinlichen Charakter tragen, werde ich in homöopathischen Dosen den geduldigen Lesern auftischen.

Nach langer Reise erreichen wir gegen 11 Uhr vormittags die Sohle des breiten Tales, genannt »Wâdi Kulôniye«; an den Berghängen liegt das gleichnamige Dorf. Am tiefsten Punkt steht ein einstöckiges europäisches Pilger-Gasthaus. Palästina ist, solange man auf den normalen Heerstraßen der frommen Karawanen wandert, ein echtes Touristenland, die Schweiz ins Religiöse übersetzt; dort wird der Sinn nach Naturschönheiten der Reisenden, hier der Glaube und die Andacht ausgebeutet und zu Geld gemacht.

In Kulôniye also hielten wir an, da unsere Ankunft in Jerusalem erst für Nachmittag festgesetzt war. Die Zeit, die erübrigte, wurde zu einer Durchstreifung der Berghänge benützt. Nichts als graugrüne staffelförmig angelegte Ölwälder, einzelne Gebüsche und Felsplatten. Die ärgste Mittagshitze glühte auf dem trostlosen Lande und nur mühsam schleppten wir uns an den steilen Lehnen herum; ein asiatischer Nußhäher und der graue syrische Hase waren die einzigen Wildgattungen, die wir zu Gesicht bekamen. Der Großherzog schoß den armen Lampe an, konnte ihn aber im Geröll nicht finden; nicht besser ging es Hoyos auf der anderen Seite des Tales mit einem Schakal. Ich erlegte einige jener ekelhaften, großen schwarzen Eidechsen, die in den steinigen Teilen Palästinas in der Tat auf jedem Felsen kleben.

Bald kehrten wir alle, da die Hitze ganz unerträglich wurde, nach dem Pilgerhause zurück. Im Schatten einiger Ölbäume, auf dem Platze, wo das neutestamentarische Emaus stand und wo auch nebenbei David den berühmten Goliath erschlug, nahmen wir ein Frühstück ein. Unser Generalkonsul Graf Caboga war aus Jerusalem entgegengekommen und eifrig besprachen wir mit ihm die Pläne für die nächsten Tage. Nach dem Frühstück warf sich die ganze Reisegesellschaft in volle Parade und mehrere Geistliche der verschiedenen Riten und Dragomane der Konsulate begrüßten uns schon hier, ritten aber dann nach Jerusalem für den großen Empfang voraus.

Als die Zeit heranrückte, denn des Einzuges halber mußte alles nach der Minute gehen, setzten auch wir uns in Bewegung. Die Straße führt in Serpentinen längs der Berghänge auf das Plateau empor; die Gesträuche und fast alle Spuren von Vegetation verschwinden immer mehr und mehr und eine traurige Steinwüste beginnt: Das verfluchte Land! Dieses Eindrucks kann man sich nicht erwehren; ein eigentümlich trauriger, zugleich großartiger Charakter ist über die ganze Landschaft ausgegossen und unheimlich mystische Gefühle bemächtigen sich jedes Wanderers. Zu Esel und in Leiterwagen sieht man Pilger aller Länder und Stände, viele recht verkommene Individuen, auch Juden aus den verschiedensten Teilen der Erde.

Wir hatten noch nicht die Höhe erreicht, als zwei Franziskaner auf Pferden entgegengetrabt kamen. Der erste, der Custode di Terra Santa, ein dicker Mönch mit schwarzem Vollbart, eine große energische Gestalt, aus Toskana gebürtig, erinnerte mich lebhaft an jene wehrhaften Kämpen des Glaubens, die mit hoch erhobenem Kruzifix den Kreuzfahrern in den Kämpfen voranschritten, die Ritter zu Heldentaten anspornend; der zweite, ein Landsmann, ein Böhme, konnte sich vor Freude nicht lassen, als er mit mir, vielleicht nach Jahren zum ersten Mal, wieder Gelegenheit hatte, seine Muttersprache zu reden. Beide Mönche begrüßten uns auf das Herzlichste und schlossen sich nun dem Zuge an.

Die Franziskaner im gelobten Lande sind die eigentlichen Vertreter der lateinischen Kirche, wehrhafte Kämpfer für ihren Glauben, und im steten Zank und Hader verteidigen sie den anderen Konzessionen gegenüber die Rechte ihres Ritus.

Der Höhenzug ist erstiegen, das trostlos kahle Plateau von Jerusalem liegt vor uns ausgebreitet; in weiter Ferne erheben sich die graublauen Hochgebirge des Jordan-Tales. Gelbgrau ist der vorherrschende Ton der Landschaft, Vegetationslosigkeit das Hauptmerkmal. Die ersten Anzeichen vor Jerusalem werden sichtbar; der große Häuserkomplex der Russen mit fünfkuppliger Kirche, der Ölberg und rechts das griechische Kreuz-Kloster; die heilige Stadt selbst haben wir noch nicht erblickt. Am Wege erhebt sich ein großer Triumphbogen mit ungarischer Aufschrift. Die Judenkolonie mit Fahnen steht daneben, die Volkshymne singend; unter vielen Komplimenten, dem üblichen Geschwätz und Lärm, umringen uns patriotische Israeliten, echte Juden aus Nordungarn, in langem Kaftan, hohen Stiefeln, Samtkappen am Kopf, geringeltem Bart und den üblichen Haarlocken; man hätte sich in irgendein Karpathendorf versetzt denken können.

Selbstverständlich folgte uns von hier an die ganze Judengemeinde; zu beiden Seiten war der Weg ohnedies mit Menschen dicht besetzt: Juden aus allen Ländern, kleinasiatische Christen, Griechen, europäische Pilger, orientalisch-christliche Frauen, teils halb, teils gar nicht verschleiert; in den höchst malerischen Kostümen nur mit den Trachten der alten Hebräerinnen vergleichbar, wahre Mariengestalten; daneben wieder Kopten, einige englische Touristen mit ihrem alle Poesie raubenden Äußeren, ferner mohammedanisches Landvolk, verkrüppelte Bettler und undefinierbares Pilgervolk aus den verschiedensten Teilen der Erde, das alles lungerte an der Straße herum, uns neugierig betrachtend.

An dem Punkte, von dem aus man zum ersten Male Jerusalem erblicken kann, stand der Einzug schon gruppiert, unserer Ankunft harrend. Alles kniete nieder, um mit entblößtem Haupte ein Gebet zu verrichten. Das heilige Sion mit seinen alten Mauern, den grauweißen runden Häusern, den Kuppeln der Grabkirche und der großen Omâr-Moschee war vor uns ausgebreitet.

Die Stadt, aus der unser Glaube hervorging, in der mit dem Kreuzestod Christi die größte Veränderung der Weltgeschichte ihren Anfang nahm, an deren Mauern jahrtausendealte Erinnerungen der biblischen Geschichte, alle Traditionen unserer Religion hängen, an deren Steinen das Blut unserer Ahnen, der tapferen Kreuzfahrer, klebt, diese Stadt hatten wir nahe vor uns. Ganz eigentümlich mystische Gefühle religiöser Schwärmerei bemächtigen sich jedes Pilgers und man nähert sich dem Fanatismus.

Mir ist es ganz begreiflich, wie sehr diese Stätte seit Jahrhunderten stets der Hauptsitz der Äußerungen des vehementesten Fanatismus war und es immer sein wird.

Der Glaube und alle Traditionen, die man seit der Kindheit aufgesogen, treten einem deutlich sichtbar entgegen, umgeben von einer unheimlich toten Gegend, an der der Fluch haftet, dem das Volk, das hier geherrscht, für ewig weichen mußte. Wer lange in Jerusalem bleibt, muß endlich ein Fanatiker werden; man lebt sich dort, vom ersten Anblick der Stadt angefangen, in einen mystisch-schwärmerischen Gedankenkreis hinein, der leicht dauernde Macht erhält. Es sind dies dieselben Gefühle, welche die Kreuzfahrer kein Opfer an Gut und Blut scheuen ließen und allen Religionskriegen jene wilde Kraft verliehen.

Doch kehren wir zu unserem Einzug zurück. Voraus ritten einige Kawassen des Konsulates mit langen Stöcken, in eigentümlichen theatralischen Kostümen; dann kam ein Bataillon türkischer Infanterie mit Musikbande; merkwürdige Zusammenstellung, zum Einzug in Jerusalem türkische Musik und fliegende Fahne mit dem weißen Halbmond; dann kamen wir alle in voller Parade, reitend, umgeben von Geistlichen, Konsulatsbeamten, türkischen und christlichen Würdenträgern; zu beiden Seiten der Straße dichte Menschenmassen. Der Weg führt an einem großen Gebäude vorbei, in dem die russischen Pilger kaserniert sind. Alljährlich kommen vor Ostern tausende russischer Bauern unter Führung ihrer Popen nach Jerusalem, schon jetzt waren deren zweitausend anwesend; in dichten Haufen standen sie da, uns neugierig betrachtend. Neben dem echten großrussischen Bauerntypus, den weiten Blusen mit Gürtel, Pumphosen, hohen Stiefeln, eigentümlich ausgeschweiftem Zylinderhut, den Stumpfnasen, blondem Vollbart, schlaffen, fetten, langen Haaren und dem unverfälscht nordslavischen Wesen sah man auch Gestalten in lichtgraue Militärmäntel gehüllt, geschmückt mit Medaillen; desgleichen wimmelte es an Popen, blonden russischen, schwarzen echt griechischen und südslavischen.

Man passiert ein Völkergemenge, das höchst interessant ist, bis endlich das Stadttor von Jaffa erreicht wird. Vor demselben steigt man vom Pferde und geht durch den alten, grauen Bau in das Innere der heiligen Stadt. Hier steht der lateinische Patriarch, umgeben von einem ungemein zahlreichen Klerus von Weltpriestern, Alumnen und Mönchen; alles im Ornat, brennende Lichter haltend. Der Patriarch sowohl als auch seine Untergebenen tragen, wie alle lateinischen Priester im Orient, den Vollbart.

Wir knieten nieder und küßten den Boden; nach kurzem Gebet hielt der Patriarch, ein geborner Genueser, eine schöne italienische Ansprache, auf die ich französisch antwortete; hierauf stimmten die Priester Kirchenlieder an und paarweise gehend setzte sich die Prozession langsam in Bewegung; der Großherzog und ich schritten rechts und links vom Patriarchen; hinter uns folgten alle anderen, auch die türkischen Würdenträger; neben dem Zug ging ein Spalier osmanischer Infanterie, welche bei jeder Gelegenheit den Konfessionen die einzige Bürgschaft bietet, daß eine von der anderen bei den betreffenden Festen unbehelligt gelassen werde.

Die Gassen der Stadt sind ungemein eng und finster; eine kühle, kellerartige Atmosphäre, verpestet durch die schrecklichsten Gerüche aller Art, herrscht zwischen den engen steinernen Mauern. Das Pflaster, aus unregelmäßigen Steinplatten bestehend, gestattet nur den Fußgängern ein sicheres Fortkommen. Jerusalem trägt den unverfälschten, düsteren althebräischen Charakter an sich und hat nichts gemein mit den heiteren, farbenprächtigen, an Bazaren reichen Städten des Islams. Auf den Gassen, insoweit Platz war, und unter den Türen stand sehr viel neugieriges Publikum aller Art, europäische Pilger, Juden, christliche und mohammedanische Orientalen. Allmählich gelangte der Zug, eine Reihe schmaler Gassen passierend, an eine Stiege; über dieselbe hinabsteigend, erreichten wir den Vorplatz der heiligen Grabkirche. Derselbe, mit Steinplatten bedeckt, auf zwei Seiten von hohen Mauern, auf der dritten hingegen von der Hauptfassade der Kirche mit recht hübschen Säulen und einem schönen Tor mit hohen Bogen eingeschlossen, stammt aus den Tagen der Kreuzfahrer.

Einen eigentümlichen, höchst ehrwürdigen Eindruck ruft dieser erste Blick auf das größte Heiligtum der ganzen christlichen Welt in jedem Pilger hervor; schon die Szenerie trägt viel dazu bei: der einige Stufen unter dem Niveau der übrigen Stadt liegende altertümliche Vorplatz, die grauen Häuser des düsteren Jerusalems und in ihrer Mitte die durch eine hohe Kuppel geschmückte alte, verwitterte Grabkirche.

Im Vorhof hocken allenthalben Verkäufer heiliger Gegenstände im orientalischen Kostüme herum und viele griechische und russische Popen standen, unseren Zug neugierig betrachtend, da. Durch das Haupttor traten wir ein. Groß und imposant erscheint das Innere der Kirche auf den ersten Blick, doch zugleich düster und ernst. Weihrauch und Rosenölgeruch durchdringen die dumpfe, kühle, kellerartige Luft. Rechts und links sieht man Eingänge zu Kapellen, Stiegen, hohe Chöre, und bald wird der Pilger gewahr, wie sehr dieses große Gotteshaus ein Konglomerat verschiedener Verehrungsarten und Liturgien, ein Kompromiß zwischen den einzelnen Kulten ist, und wie alle in einem Raum Platz fanden für ihre speziellen, ganz eigenen Gottesdienste.

In der Mitte der Kirche, in der großen runden Halle steht eine Kapelle, ein Gotteshaus für sich; das ist die eigentliche Grabkapelle, welche den orientalischen Kirchen und den Lateinern zugleich gehört und in der alle die alten Sekten ihre Gottesdienste abhalten; ganz ausgeschlossen sind nur die neuen Religionen, die Protestanten und ihre Gesinnungsgenossen. Noch ehe wir die Grabkapelle erreichten, kniete der Zug bei dem großen viereckigen, von schweren Leuchtern umgebenen Salbungsstein nieder, und flach am Boden liegend küßten wir ihn alle. Es ist derselbe Stein, auf dem der Leichnam Christi von Nicodemus gesalbt wurde. Wie die Schrift es sagt: »Darnach bat Pilatum Joseph von Arimathia, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden, daß er möchte abnehmen dea Leichnam Jesu. Und Pilatus erlaubte es. Derowegen kam er und nahm den Leichnam Jesu herab. Es kam aber auch Nicodemus, der vormals bei der Nacht zu Jesu gekommen war, und brachte Myrrhen und Aloe untereinander bei hundert Pfunden. Da nahmen sie den Leichnam Jesu und banden ihn in leinene Tücher mit Spezereien, wie die Juden pflegen zu begraben.«

Nach kurzer Andacht schritten wir zum Eingang der Grabkapelle. Dieses ganz kleine Gotteshaus war durch lange Zeit im ausschließlichen Besitz der orientalischen Kirchen, und so trägt es den vollen griechischen Typus von außen nach innen an sich; alles reich in Gold und Silber, mit in Metall eingelassenen, schwarz bemalten Heiligenbildern und jenem echten eigentümlichen Charakter, der alle orthodoxen Kirchen von anderen unterscheidet.

Vom Patriarchen geleitet durften wir in das Innere der Kapelle gelangen; durch einen engen Vorraum kommt man an eine niedere Pforte, welche buchstäblich durchkrochen werden muß. Nun ist man in dem eigentlichen Heiligtum, dem Wahrzeichen des christlichen Glaubens. Blanker Fels blickt überall zwischen den reich verzierten Wänden hervor und diesen kahlen Stein verehren wir, er ist derselbe, der den Sohn Gottes getragen!

Rosenduft und Weihrauch, griechische Pracht, der Schein rötlicher Lampen, das Gemurmel lateinischer Gebete, alles wirkt betäubend; die enge Gruft scheint die Welt, die Wiege unseres Glaubens zu sein; in schwärmerisch gläubiger Stimmung drückt der Pilger seine heißen Lippen an den kahlen Fels, der ihm sichtbar seine heiligsten Gefühle, Trost, Stärke und Hoffnung repräsentiert. – Der Patriarch führte uns nach einigen Minuten wieder hinaus und vor der Grabkapelle kniete alles nieder und der fromme Gesang der Priester klang durch die majestätischen Hallen.

An dem Tore der Grabkirche verabschiedeten wir uns vom Patriarchen. Wir hatten eben nur unsere erste Andacht an der heiligen Stätte darbringen wollen, die Kirche selbst gedachten wir den folgenden Tag erst im Detail zu besehen, und so werde ich später eine flüchtige Schilderung, denn eine gründliche würde ein vollkommen spezielles Studium verlangen, folgen lassen. Durch einige enge Gassen gingen wir nun, von den türkischen Würdenträgern geleitet und von den Neugierigen gaffend umgeben, nach dem österreichischen Hospiz. Es ist dies ein ziemlich großes Gebäude mit geräumigen Wohnzimmern und einer recht hübschen Kapelle. Über eine Stiege gelangt man von der Gasse zum Haustor; unter demselben erwartete mich ein Geistlicher, der Aufseher des Hospiz, ein echter, braver Tiroler.

Bald nach unserer Ankunft mußten wir die Konsuln und darauf einige türkische Würdenträger, auch Honoratioren der Stadt, im orientalischen Kostüm, und später alle christlichen und jüdischen Häupter der Kirchen empfangen. Es kamen der lateinische Patriarch, umgeben von Priestern und Mönchen, der griechische mit seinen Popen, einige echte Armenier, dann Kopten und der syrische Patriarch. Es ist dies eine höchst interessante Kirche, welche der würdige Greis mit grauem Bart, faltenreichem schwarzen Ornat und einem von der Popen-Mütze herabwallenden Schleier, in Jerusalem vertritt.

Die alten Jacobiten sind, so viel ich weiß, die erste Sekte, welche sich schon in den ersten Jahrhunderten des christlichen Glaubens von der eigentlichen Kirche losriß und seit diesen Tagen bis auf heute nur in Kleinasien ihren Sitz hat. Die Verehrung, welche sie dem heiligen Jacobus zollen, reicht über das Niveau der Heiligenverehrung der anderen alten Religionen hinaus. Schließlich kamen auch die Rabbiner; an ihrer Spitze der Vorstand der Juden in Jerusalem, einer der höchsten Priester in der geistlichen Hierarchie der jetzigen Hebräer.

Der alte Mann mit langem, blendend weißem Bart, wachsgelber Haut, schönen Zügen, ist aus Spanien gebürtig und trägt, wie die meisten in Palästina lebenden Rabbiner, das althebräische Kostüm: den farbigen, faltenreichen Oberrock mit Pelz verbrämt, einen Turban am Kopf, lange Kleider, gelbe Pantoffel. Ich habe mir die Pharisäer niemals anders als jenen greisen Rabbiner vorgestellt.

Nachdem alle diese unleugbar recht interessanten Visiten uns verlassen hatten, gingen wir aus dem Hospiz durch eine Gasse zum altersgrauen Damaskus-Tor. Gleich außerhalb der Stadtmauer, neben steinigen Plätzen und Schutthaufen, zwischen einem verkümmerten Ölgarten, stand unser stattliches Zeltlager aufgeschlagen. Die Diener hatten bereits alles ausgepackt und so richteten wir uns gleich recht häuslich ein. Die Pferde und Tragtiere weideten um den Lagerplatz, die Leute schliefen und wälzten sich am Boden, daneben biwakierte die türkische Escadron, die seit Jaffa uns begleitete, während Infanterie aus Jerusalem Spalier um das ganze Lager bildete, da das Publikum, besonders das jüdische und christliche, sehr viele mit Bettelbriefen ausgerüstet, uns belästigen wollten.

Nach der Hitze und den Anstrengungen des Tages tat etwas Ruhe recht wohl. Ein kühler Abend mit schönem Sonnenuntergang wirkte erfrischend und nach eingenommenem Diner herrschte bald Ruhe im Lager. Den Einschlafenden klangen noch in den Ohren das unausgesetzte Geheul der halbwilden Hunde innerhalb der Stadtmauern und jenes der bei Jerusalem massenhaft hausenden Schakale, die den gegenüber unserem Lager jenseits eines sanften Tales befindlichen Schinderplatz umgaben.

Am 30. in früher Stunde gingen wir alle, Herren und Diener, nahe dem Hospiz, wo der Burgpfarrer, der Geistliche des Hauses und einige Deutsch sprechende Franziskaner die ganze Reisegesellschaft beichten ließen. Von dort pilgerten wir nach der Grabkirche, wo in der Grabkapelle am Grabstein der Burgpfarrer die Messe las und allen das heilige Abendmahl daselbst gereicht wurde; zum Schlusse der Messe nahm der Prälat auch die Weihe der vielen eingekauften frommen Andenken vor, die während des Gottesdienstes am Grabstein gelegen waren.

Aus der Grabkapelle gingen wir durch die große Kirche und eine andere, den Franziskanern gehörende kleine Kapelle nach dem engen Franziskaner-Kloster, das auch noch zu den Gebäuden der Grabkirche gehört. Über enge Stiegen, schmutzige Räume mit schrecklich dumpfer Luft gelangten wir in eine bescheidene Zelle, das so genannte Refektorium. Daselbst bewirteten uns die freundlichen Mönche mit einer sehr guten Schokolade. Der Custode di Terra Santa erzählte während des Frühstücks von den Kämpfen und Feindseligkeiten, die mehr oder weniger unausgesetzt zwischen den verschiedenen Glaubensgenossenschaften bestehen, und erwähnte, daß es sogar manchmal zu Tätlichkeiten komme, die, falls es innerhalb der Kirche geschehe, von türkischen Soldaten, von den Ungläubigen also, auf energische Weise geschlichtet werden müßten. Der rüstige Mönch sprach kampfeskühn und wälzte in kräftigen Ausdrücken die ganze Schuld auf die orientalischen Christen. Schwer ist zu entscheiden, wen größere Schuld trifft; doch eines ist gewiß, daß die beständigen Zänkereien den Nimbus des Christentums in den Augen der Muslime nicht erhöhen.

Grabkirche in Jerusalem

Nach dem Frühstück sahen wir uns das ganze Kloster an; in elenden Zellen leben die Mönche; eine kleine Plattform am Dache ist der einzige Platz, wo sie Luft schöpfen können. Das enge Franziskaner-Kloster sowohl, als auch auf der gegenüberliegenden Seite der Kirche die Wohnungen für griechische und armenische Popen sind innerhalb der Mauern der Grabkirche, die nur ein Tor hat, welches anläßlich großer Festtage oder bei Ankunft sehr vieler Pilger, auf Wunsch eines oder aller Patriarchen, von den Türken, die die Oberaufsicht ausüben, eröffnet wird. In den Zwischenräumen, oft durch Wochen und Monate, ist die Kirche geschlossen und aus Eifersucht wohnt innerhalb derselben eine gemeinsame Wache. Aus dem armen lateinischen Kloster ebenso wenig wie aus den Behausungen der Griechen dürfen Tore hinaus in die Stadt führen; Speise und Trank müssen durch die Fenster mittelst Körben ins Kloster hineinbefördert werden. Neben diesen geistlichen Wächterwohnungen führen Galerien innerhalb der Kirche, von denen umherpatrouillierende Geistliche den ganzen inneren Raum übersehen können.

Vom Kloster aus gingen wir in die Kirche hinab und betrachteten die verschiedenen Heiligtümer und historischen Punkte, alle die vielen Nebenkapellen, die Plätze, an welche sich die Legenden und Glaubenssätze knüpfen.

Es ist ein wahrer Schatz interessanter Beobachtungen, die man da sammelt; deutlich läßt es sich erkennen, wie die verschiedenen Bauten aus verschiedenen Epochen stammen und man findet viele gute, stilvolle Reminiszenzen aus den Tagen des Mittelalters.

Die einzelnen Kapellen und Plätze der Verehrung, deren es eine große Menge gibt, wechseln im Typus je nach ihren Besitzern; es gibt deren ganz lateinische, andere tragen den armenischen oder syrischen oder koptischen Typus; weitaus die meisten aber sind echt griechisch-orthodox, glänzend in Gold und Silber, reich überladen mit dunklen byzantinischen Heiligenbildern.

Die Grabkirche in allen Details zu schildern, würde eine lange Arbeit und ein ganzes Vorstudium erfordern, auch findet sie jeder Wißbegierige in manchen Reisehandbüchern mit ziemlicher Genauigkeit beschrieben. Ich beschränke mich daher auf die Wiedergabe der Eindrücke und Bilder, die sich lebhaft in mein Gedächtnis eingeprägt haben.

Stiegen auf, Stiegen ab, oft über recht unebene Steinplatten wanderten wir in der ganzen Grabkirche herum, nicht ein Winkel blieb, den ich nicht besah; allenthalben, besonders bei den spezifisch griechischen Heiligtümern, fanden wir viele russische Pilger, die unter tiefen Verbeugungen beständig das Kreuzzeichen machten. Von der Kirche aus gingen wir durch eine Gasse zu dem nahen, recht großen San Salvatore-Franziskaner-Kloster. Die Kirche, das Refektorium, einige Zellen wurden angesehen und mehr den Mönchen ein Besuch abgestattet, denn große Sehenswürdigkeiten befinden sich eben nicht in diesem kahlen und ärmlichen Kloster. Der nächste Gang galt dem Patriarchen; er empfing uns, umgeben von vielen Geistlichen, in seinem Hause, das echt südländisch, kahl, mit wenig Möbeln, einigen sporadischen Vorhängen, Steinplatten als Fußboden, geistlichen italienischen Gemälden an der Wand, eingerichtet ist; auch die Kapelle, der Hof und die große Stiege sind schlicht und beweisen, wie wenig reich die lateinischen Kirchenfürsten im Orient sind. Auch beim hochwürdigen Patriarchen mußten wir eine schreckliche Gewohnheit des Morgenlandes, nämlich die obligaten Getränke bei jedem Besuch, durchmachen. Mit Schokolade hatten wir bei den Franziskanern begonnen, hier wurden wir zu fader Limonade mit Mandelmilch verurteilt; es sollte an diesem Vormittage noch ärger werden.

Auf der Stiege des Patriarchen trat ein Weib an mich heran, in echt orientalischer, man möchte fast sagen althebräischer Kleidung, mit weißem Kopftuch, nicht verschleiert, eine hiesige Christin, eine wundervolle Erscheinung; schöne Züge, herrliche Gestalt, blasse Gesichtsfarbe, wie man sich Maria Magdalena nicht schöner denken kann; sie gab mir eine Bittschrift und verschwand hierauf hinter einigen Säulen.

Wir gingen nun durch die engen Straßen, die voll Menschen waren, teils Pilger, teils Handel treibende Muslime und ekelhafte Bettler, zum syrischen Patriarchen. Er empfing uns am Eingang der Kirche im schwarzen Gewand; seine Priester hingegen waren in weiten, reichen Meßgewändern mit Kapuzen, wie man sie nur auf den Bildern aus der ältesten Christenzeit sieht, und trugen brennende Fackeln. Zwischen den Priestern und ebenfalls ähnlich kostümierten Chorknaben, welche in syrischer Sprache unsere Volkshymne sangen, hielten wir einen feierlichen Einzug in die Kirche. Das Gotteshaus selbst ist jenem der Griechen ähnlich, ebenfalls sehr reich, mit viel Verschwendung an Gold und Silber, doch hat es unleugbar auch einen ganz eigentümlichen, spezifisch jacobitischen Anstrich. Der Altar steht sehr hoch und in einer Seitenkapelle ruht unter einem Stein der Kopf des von ihnen fast als Gott verehrten heiligen Jacobus. Die Nische mit den Reliquien ist selbstverständlich sehr reich verziert.

Nahe dem Altare befindet sich ein hoher, ganz vergoldeter Thron, neben dem die Priester stets nur mit den Zeichen größter Verehrung vorbeihuschen; es ist dies der Sitz des heiligen Jacobus, auf dem er beständig, natürlich unsichtbar, thront. In der Kirche waren eben ziemlich viel Pilger dieser Religion, die man ihrem Äußeren nach ebenso gut für Türken oder anderweitige Muslime hätte halten können.

In feierlicher Prozession wanderten wir auch aus dem Gotteshaus hinaus durch einen offenen Säulengang nach der Wohnung des Patriarchen, die schlicht und unwohnlich eingerichtet, in einer Ecke ein Sofa und in der anderen drei melancholische Stühle aufweist. Der würdige Greis empfing uns auf das Freundlichste und zwang uns, ein vollkommen undefinierbares, rosenrotes Getränk hinunterzuwürgen. Nach kurzem Besuch setzten wir uns in Bewegung und gingen nach dem Judenviertel.

In Jerusalem sind die einzigen Bazare in den Händen der Hebräer; um eine lange, an Kaufläden reiche Gasse gruppieren sich die Behausungen des auserwählten Volkes.

Ein Schmutz, ein Gestank, ein Lärm herrschen in jenen Straßen, von denen man sich keinen Begriff machen kann. Halbnackte Kinder wälzen sich am Pflaster herum, die jüdischen Weiber mit rasiertem Schädel, schlecht umgebundenen Kopftüchern, blickten aus den Fenstern hinaus. Die Männer kauften und verkauften, handelten und betrogen; es waren Juden aus allen Ländern, wenige in einfacher Zivilkleidung, viele mit Talar, hohen Stiefeln und Samtkappe, echte polnische Juden, die meisten aber in orientalischer, fast althebräischer Tracht; alle Sprachen konnte man hören, auch viel Deutsch und Hebräisch. Mit Mühe passierten wir durch dieses Gewühl bis zur Synagoge. Dort warteten Rabbiner und Vorstände der Kultusgemeinde, begrüßten uns mit deutschen Ansprachen und offerierten inmitten des Tempels eine Bank zum Ausruhen.

Die Synagoge ist ein neuer Bau und sieht ebenso wie jene in unserer Heimat aus; nur wenige der Israeliten waren in schönen Kostümen, die meisten trugen den Kaftan und schienen aus Polen zu stammen. Während wir da saßen, stimmten sie auf einer runden Estrade einen Kirchengesang und ein Gebet an. Nach kurzem Aufenthalt verließen wir, verfolgt von den überschwenglichsten Segenswünschen, die Synagoge und gingen durch die Stadt zurück. Da das heilige Grab offen war, wogten eigentümliche Menschenmengen auf den Gassen auf und ab. Russen, Bulgaren, Wallachen, Armenier, Kleinasiaten, Griechen, Kopten, neben den verschiedentlichsten Pilgern lateinischer Konfession, bildeten ein interessantes Völkergemenge.

Im Lager angelangt frühstückten wir, um bald darauf unsere Besichtigungen fortzusetzen. Zu Pferd ritten wir längs der altersgrauen Mauer des heiligen Sion bis zur berühmten, wundervollen Omâr-Moschee.

Ein großer, mit Rasen bedeckter Platz, von Mauern umgeben, ist der so genannte Haram-esch-Scherif; in dessen Mitte steht die Haupt-Moschee Kubbek-es-Sachrâ, mit hoher Kuppel und Säulenvorhalle, ein herrliches Oktogon, einer der berühmtesten orientalischen Bauten. Kleine, halb verfallene Denkmäler und Brunnen befinden sich zwischen der Hauptmoschee und den an der Umfassungsmauer stehenden Gebäuden, der ebenfalls sehr schönen Mesdjid-el-Aksâ, einer unter Kaiser Justinian zu Ehren der heiligen Jungfrau erbauten Kirche, die dann Omar dem muslimischen Glauben weihte.

Von dem Oberderwisch, einem alten, sehr energisch aussehenden, reich und bunt gekleideten Mohammedaner, wurden wir herumgeführt. Die Leute sind in Palästina sowie in allen asiatisch-mohammedanischen Ländern viel fanatischer als in Ägypten, und Fremde müssen auf der Hut sein, sie in diesen Gefühlen nicht im Geringsten zu verletzen.

Wir sahen uns beide Moscheen genau an. In der Mitte des großen Oktogons erhebt sich ein grauer Felsklotz; das Gotteshaus ist um ihn herumgebaut; dieser Felsen kann die große Ähnlichkeit der orientalischen Sagen beweisen. Die Juden verehren ihn auch. Der Talmud spricht von ihm und die hebräische Überlieferung lehrt, daß Abraham und Melchisedeck hier geopfert haben, daß Abraham hier den Isak töten sollte und Jacob diesen Fels gesalbt habe. Hier soll die Bundeslade gestanden haben. Jeremias hat sie daselbst verborgen und die Juden meinen bis heutzutage, daß sie noch dort sei. Auch betrachten sie diesen Fels als den Mittelpunkt der Erde; dieselbe Ansicht finden wir in der Grabkirche, wo auch ein kleiner Stein diesen Punkt bezeichnet. Interessant ist, daß die große Moschee auf dem Platze des alten Salomonischen Tempels steht, und so übernahmen die Muslime alle hebräischen Traditionen mit in den Kauf, fügten nur ihre Sagen hinzu. Er schwebt nach ihrer Meinung ohne Stütze über dem Abgrund und wollen es dem Wanderer auch beweisen, den sie unter den Tempel in hohle Räume führen, in denen man noch Reste von alten Mauern aus jüdischer Zeit sieht. Die Mohammedaner zeigen da Betplätze von David und Salomon, Abraham, Elias, auch Mohamed hat den Eindruck seines Kopfes zurückgelassen. Alle Sagen, die mit dieser für die Kenntnis der altasiatischen Religionen hochwichtigen Stelle im Zusammenhange sind, aufzuzählen, wäre eine mühsame Arbeit. Um nur zu zeigen, wie sehr alle die im Morgenland entstandenen Religionen zusammenhängen, sei erwähnt, daß dieser Fels nach Ansicht der Mohammedaner die Stelle ist, wo am jüngsten Tage der Thron Gottes aufgeschlagen werden wird; und da wird die Kaaba von Mekka hierher zur Sachrá kommen, denn hier wird der Posaunenstoß erschallen, der das Gericht einleitet.

Zu den ersten Zeiten der Mohammedaner hatte dieser Platz eine fast gleiche Bedeutung wie Mekka, die erst dann allmählich zurückwich. Von diesem Stein aus unternahm Mohamed seine Himmelfahrt und der Erzengel Gabriel mußte den Stein zurückhalten, der dem Propheten nachschweben wollte.

Jüdische und mohammedanische Traditionen fallen hier vielfach zusammen und erhöhen das Interesse des Platzes.

Die Barthaare Mohameds, seine und Omârs Fahnen und der Schild von Omârs Onkel Hamsa sowie auch sehr schöne und alte Korane werden da gezeigt. Kunstgeschichtlich höchst wichtige Mosaiken, schöne Glasfenster und allerlei architektonische Momente wären zu bemerken, doch hier ist nicht Raum für allzu lange Schilderungen.

Nur der alten kufischen Inschriften sei noch Erwähnung getan, welche Koranverse auf Jesus Bezug nehmend, vom muslimischen Standpunkte aus enthalten und in schöner Schrift auf der Wand angebracht sind: Sûr. XVII, 111: »Lob sei Gott, der keinen Sohn, noch einen Genossen in seinem Regiment gehabt hat und keinen Helfer braucht, der ihn von der Schmach errette; preise ihn«.

Hinaustretend auf den freien Platz gelangten wir an die äußere Umfassungsmauer, sie fällt tief und senkrecht in eine felsige Schlucht ab. Weit hinüber über das Hochland genießt man eine herrliche Fernsicht nach den Gebirgen am Jordan und am Toten Meere. Das so genannte goldene Tor fällt uns in der Umfassungsmauer auf. Jüdische und Sagen aus dem Leben Christi knüpfen sich daran; mit Schutt und Steinen haben es die Mohammedaner zugemauert, denn ihrer Sage nach ist dieses Tor dasjenige, durch welches vielleicht ein blonder König aus dem Abendland einziehen wird in den Hof der Omâr-Moschee, ihrer Herrschaft hier ein Ende bereitend.

Nach langem Besuch verließen wir diesen höchst interessanten Platz; es ist die Stelle, wo der alte Tempel der Juden stand, der Salomonische Palast, der Glanzpunkt des alten, hochkultivierten Hebräer-Reiches, wo Christus später lehrte, an den sich die meisten Erinnerungen seiner Tätigkeit, Kardinalsätze unseres Glaubens knüpfen; wo darauf die Römer siegreich einzogen, die Juden mordend; wo ein Jupiter-Tempel stand und darnach eine Justinianische, byzantinisch-christliche Kirche; und dann folgte der Islam und es wurde daraus eine große Moschee, in der sich noch heute die Sätze und Sagen der drei größten Religionen denkwürdig vermischen, auf denselben morgenländischen Ursprung deutend. Nebstdem erinnert uns die Omâr-Moschee an das berühmte Bild Raphaels, die »Trauung Marias«.

An der Klagemauer der Juden vorbei, wo sie noch heute um das verlorene Reich an den Trümmern ihres Tempels weinen und wehklagen, gingen wir durch die als »Via Dolorosa« bezeichnete Gasse quer durch die Stadt nach der Grabkirche.

Dort hatten sich einstweilen viele katholische Pilger versammelt; jeder, auch wir alle, bekamen brennende Lichter und nun wurde, die Franziskaner voraus, von einer heiligen Stätte zur anderen singend als Prozession gewandert. Bei den besonderen Plätzen der Andacht betete man kniend bestimmte Gebete und erst nach einer Stunde war dieser Rundgang zu Ende. Die dunkle Kirche, von den Fackeln matt beleuchtet, der dumpfe, monotone Gesang, der starke Weihrauchgeruch, das alles wirkt mystisch und gewaltig auf das menschliche Gemüt und alltäglich nehmen viele Pilger an dieser Prozession teil, die mit großen Ablässen verbunden ist. Von da gingen wir in das Lager zurück, um unsere Pferde zu besteigen, und ritten um die ganze Stadt herum.

Bei herrlicher Abendbeleuchtung kamen wir an den Königsgräbern der alten Juden, dem Grab Absaloms vorbei, sahen den Blutacker Hakeldama und das öde, steinige, großartig düstere Kydron-Tal; alles ist so, wie es in der Schrift steht. Ich habe mir Jerusalem und dessen nächste Umgebung nie anders vorgestellt, als ich es dann fand.

Die Dämmerung begann, und langsam, große Eindrücke und Bilder genießend, ritten wir längs der alten Stadtmauer zurück. Ein interessanter, gut ausgefüllter Tag lag hinter uns.

Am 31. März begab sich die ganze Reisegesellschaft aus dem Lager in die Grabkirche, um da in einer Seitenkapelle am heiligen Messopfer beizuwohnen. Der Custode di Terra Santa erwartete uns beim Hauptportal und von ihm geleitet gelangten wir über eine Treppe in ein dunkles Heiligtum. Durch ein niederes Gitter sind zwei Altäre voneinander geschieden.

Der eine, schlicht und einfach, gehört den Lateinern, der andere prunkvoll, versilbert und vergoldet, ist griechisch. Ersterer ist am Platze, wo Maria bei der Kreuzigung gestanden, Letzterer hat den Namen »Golgotha«; der blanke Fels blickt unter dem griechischen Altarstein heraus, und sehr viele Pilger, meist russische Bauern, kamen während der lateinischen Messe einer nach dem anderen, um die geweihte Stelle zu küssen. Auch wir folgten ihrem Beispiele und wurden dafür von einigen Popen mit geweihtem Rosenwasser förmlich übergossen. Die orthodoxe Kapelle war mit schwarzen Stoffen verhängt, denn eine Stunde später sollte eine Seelenmesse für den armen verstorbenen Zar Alexander II. gelesen werden.

Kydron-Tal

Nach dem Gottesdienst verließen wir die Grabkirche und gingen durch mehrere Gassen nach dem vom bekannten Geistlichen Père Ratisbonne gegründeten Frauenkloster. Die dazugehörige Kirche steht am Platze des »Ecce-homo« und bietet sonst kein besonderes Interesse; es ist ein neuer Bau, ganz französisch eingerichtet; blendend weiß und sauber, daher nicht mystisch und wenig eindrucksvoll, erinnerte er mich lebhaft an die protestantischen Bethäuser. Die im Kloster befindliche Mädchenschule ist ein wahrhaft edles Institut, um welches sich der brave Priester große Verdienste gesammelt hat.

Sehr reinlich und gut eingerichtet, bietet diese Anstalt Unterricht reichen und armen Kindern, besonders Christinnen, doch auch jüdischen und mohammedanischen Mädchen verwehrt der tolerante Geistliche den Eintritt nicht und läßt sie die Segnungen der Bildung genießen. Von der Plattform des Hauses erfreut man sich einer herrlichen Fernsicht nach dem Ölberge und der ganzen Umgebung der heiligen Stadt. Im Sprechzimmer mußten wir die obligate Limonade hinunterwürgen und gingen hierauf in die nahe liegende Flagellations-Kapelle.

Nach einigen Schlägen an einem halb verfallenen Tor öffnet der Aufseher dieser heiligen Stätte, ein alter ungemein verwahrloster Franziskaner, ein geborener Spanier, und führt die Wanderer durch einen ruinenhaften Vorhof in die kleine Kapelle; 1839 wurde dieselbe erst erbaut, ist daher von keinem Interesse; nur unter dem Altarstein sieht man das Loch, in welchem die Geiselungssäule stand.

Von da wanderten wir nach dem Regierungsgebäude, um dem Pascha und Gouverneur unseren Besuch abzustatten. Im Hof des großen, echt orientalischen Gebäudes stand eine Ehrencompagnie, die uns mit klingendem Spiel empfing. Der freundliche Hausherr führte seine Gäste nach dem im ersten Stock befindlichen Empfangssalon. Strohmatten liegen am Boden, die Wände sind kahl und an den vier Mauern stehende Divane, mit hübschen Stoffen überzogen, bildeten die einzigen Einrichtungsgegenstände. Mit förmlicher orientalischer Etikette wurden uns die Plätze angewiesen und famoser türkischer Kaffee sowie auch Zigaretten mit Libanon-Tabak kredenzt. Nach kurzem Besuch verabschiedeten wir uns vom Pascha und verließen abermals unter Trompetenbegleitung das Regierungsgebäude.

Nun gingen wir zum Coenaculum, dem berühmten Abendmahlsaal, der sich am Rande der Stadt in einem uralten, jetzt ganz mohammedanisch eingerichteten Hause befindet. Das Gebäude sieht recht baufällig und ruinenhaft aus. Der Saal selbst ist kahl und verwahrlost, auch ohne jedes Anzeichen, das auf die Wichtigkeit dieser Stätte deutet. Im selben Hause wird auch zwischen Gestein und Schutt das Grab Davids gezeigt und als solches hat der Platz eine Bedeutung für die Muslims. Einer einst reichen Familie, die ihre direkte Abstammung von Osman beweisen will, gehörend, bietet das alte Gebäude ein gewisses Interesse. Unter elenden Verhältnissen leben diese armen Leute, tragen aber dennoch große grüne Turbane und farbige, sehr malerische, wenn auch schon etwas zerrissene Kleider. In der Erinnerung an den großen Ahnherrn empfingen sie uns, wenn auch freundlich, so doch unleugbar herablassend, gaben daher unserem Erscheinen nicht den Charakter der Besichtigung der historischen Stätte, sondern eines Besuches bei ihren erlauchten eigenen Personen; folglich mußte sich die ganze Reisegesellschaft auf einigen morschen Divans, die in einer halb offenen Galerie standen, niederlassen und aus sehr schmutzigen Schalen Kaffee schlürfen und dazu Zigaretten rauchen. Mit Pathos erzählten die braunen, unleugbar vornehm aussehenden Leute, mit schönen, edlen Gesichtszügen und langen Bärten, ganze Geschichten auf Arabisch, denen wir durch freundliches Grinsen antworteten. Der Besuch dauerte nicht allzu lange und durch das nahe liegende Stadttor eilten wir zu unseren Pferden, die schon früher dahin bestellt waren.

Der Großherzog und die Herren ritten nach dem Lager zurück, während Graf Caboga und ich auf einem nichts weniger als guten Wege die Richtung in das Kydron-Tal einschlugen. Wir beabsichtigten den Ölberg zu besichtigen. Im düsteren, unheimlichen Kydron-Tale, an den Hängen des Ölberges, befinden sich unglaubliche Mengen von Grabstätten; schon in den Tagen der alten Juden galt dieses Tal als unrein, im Gegensatze zum nahen Tempelberg. Vorchristliche Traditionen lehren bereits, daß in dieser Schlucht das Weltgericht stattfinden werde; die Muslime haben diesen Glauben von den Juden übernommen, daher begraben sie ihre Toten an der Ostseite des Harâm, während die Hebräer es an dem Westabhange des Ölberges tun.

Beide ehren die Sage, daß bei den Posaunenstößen des Weltgerichtes die Berge auseinander treten werden, um Platz zu machen den Massen der auferstehenden Leiber. Der christliche Glaube legt hierher den Ort, wo die Felsen sich öffneten und die Toten erschienen im Augenblick, als der Erlöser sterbend sein Haupt neigte, die Sonne sich verfinsterte und der Vorhang des Salomonischen Tempels in zwei Teile riß.

Der Ölberg in seinen untersten Hängen felsig abfallend, weiter oben sanfter aufsteigend, mit Steinplatten, Geröll und uralten knorrigen Ölbäumen bedeckt, bietet den Anblick eines graugrünen, düsteren Hügels. Auf einem schlechten, in Serpentinen sich emporschlängelnden Wege gelangten wir auf die Spitze des Berges. Eine kleine Kapelle mit zylindrischer Trommel und unbedeutender Kuppel überwölbt die Stelle, an der sich Christus gen Himmel erhob. In einer Marmorplatte sieht man die Fußspur des Erlösers.

Der Platz gehört den Mohammedanern, wird von ihnen ebenfalls heilig gehalten, doch erlauben sie den Christen an gewissen Tagen daselbst Messe zu lesen. Neben der Kapelle steht ein Minarett; die enge Stiege führt anfänglich innerhalb, dann wie gewöhnlich außerhalb, das Geländer ist abgebrochen, die Steinplatten glatt, daher für Leute, die dem Schwindel unterworfen sind, nicht ratsam. Von der Spitze des Turmes genießt man eine herrliche Aussicht auf Jerusalem, die Höhenzüge, welche das Plateau, die nächste Umgebung der heiligen Stadt sowie auch Bethlehem von dem Jordan-Tale trennen; es sind graugrüne Steppengebirge; in weiter Ferne erblickt man die Hochgebirge am östlichen Ufer des Jordans und des Toten Meeres und durch einen Taleinschnitt sah man ein kleines Stück des dunkelblauen Wasserspiegels des einsamen Binnenmeeres.

Der Ölberg sowie die Gebäude auf demselben sind ungemein verwahrlost und nur der berühmte Gethsemane-Garten an dessen Fuße trägt die Spuren guter Pflege, die ihm die Franziskaner als dessen Besitzer angedeihen lassen. Ein Mönch lebt als Aufseher in dem daneben stehenden kleinen Häuschen. Ölberg und Gethsemane erweckten ernste Gedanken in mir; die Wahrheit der Überlieferung spricht aus jedem Stein und man glaubt die Passionsgeschichte in lebenden Bildern zu sehen; mir dünkte, als hätte ich insbesondere diese zwei Punkte schon gekannt, so sehr stimmte die Wirklichkeit mit der Vorstellung überein, die ich mir stets im Geiste bildete.

Vom Kydron-Tal ritten wir längs der Stadtmauer gegen unser Lager zurück. Beim Schlachtplatz stieg ich ab und versuchte vergeblich einen Aasgeier anzuschleichen. Hunderte von großen Geiern kreisten in den Lüften, Hunde umlungerten die blutig schmutzige Stelle; ein ganz perfider Gestank zwang mich, einen fluchtähnlichen Rückzug anzutreten und durch einige Ölgärten hindurch und an Häusern vorbei gelangte ich in das Lager. Bald darauf wurde gespeist, denn Graf Caboga und ich wollten noch nachmittags Jerusalem verlassen und nach dem Maltester-Hospiz Tautur reisen; die anderen Herren hatten die Absicht, erst tags darauf nach Bethlehem zu folgen.

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