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Zu Tempeln und Pyramiden

Rudolf von Habsburg: Zu Tempeln und Pyramiden - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorKronprinz Rudolf von Österreich
titleZu Tempeln und Pyramiden
publisherEdition Erdmann GmbH
editorHeinrich Pleticha
year2005
isbn3865030238
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080523
projectidca9b9311
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4. Kapitel

In dem kleinen so genannten Kiosk, einem aus dem Altertum stammenden Tempelpavillon, noch ganz wohlerhalten, auf hoher Ufermauer, mit vorliegender Terrasse, über dem rauschenden Strome sich stolz erhebend, verzehrten wir ein mitgenommenes Frühstück. Aus den Toren der von Säulen getragenen Halle genießt man eine Fernsicht, die einzig schön und malerisch ist. Eine unbeschreibliche Poesie liegt in dieser Einöde und der inmitten derselben zwischen den Fluten des heiligen Stromes sich erhebenden üppig grünenden Insel mit ihren herrlichen Denkmälern aus einer längst verklungenen Zeit. Phylae ist ein Reisebild, das sich unvergeßlich für immer in das Gedächtnis als ein Glanzpunkt einprägt. Vom Tempel stiegen wir an das Ufer hinab und im altertümlichen Boote fuhren wir stromabwärts den Katarakten zu. Lange noch sahen wir das felsige Eiland, die schwarzen Granitfelsen, die blühenden Pflanzen und den hochragenden Tempel. Schwermütige Weisen summten die braunen Ruderer und ihre Lieder paßten zur großartig schönen Landschaft. Vor dem eigentlichen Beginn der Katarakten, wo der Strom sich in Arme teilt, legten wir an und gingen am felsigen Ufer bis zu einem über das ganze wilde Durcheinander von Stein und Wasser Aussicht gewährenden Punkt.

Die Katarakten sind keine Wasserfälle, sondern Stromschnellen; durch die tausende von Felseninselchen und schwarzen, glänzenden Klippen und Riffen, die auf mehr als ein Kilometer Länge das Bett des Stromes durchsetzen, sucht sich dieser schäumend und brausend seinen Weg. Es ist unstreitig ein großartiges Bild, dessen eigentümlicher Reiz besonders erhöht wird durch die auffallende schwarze Farbe und Formation der Felsenriffe und Kanten, die aus dem weißen Gischt der Fluten hervorragen. Interessant ist es auch, den sonst so trägen, verschlammten Nil für ein kurzes Stück in einen wilden Gebirgsstrom verwandelt zu sehen.

Kaum hatten wir den geeigneten Aussichtsplatz erreicht, als auch schon viele ganz nackte Nubier erschienen, in die Fluten sprangen und sich, den Felsen ausweichend, durch den reißendsten Arm tragen ließen. In der Zeit weniger Augenblicke glitten sie ein weites Stück Weges pfeilschnell hinab und entstiegen dann den Fluten, um triefend uns des Bachschisch halber zu bestürmen. Im Boote ließen wir uns nun ein kurzes Stück stromaufwärts rudern, bestiegen dann die bereitgehaltenen Esel und ritten am selben Wege, den wir des Morgens gekommen waren, nach Assuan zurück. Der Ausflug hatte den ganzen Tag über gedauert und wir langten erst in den späteren Nachmittagsstunden am Verdeck unseres Dampfers an. Das Diner wurde gleich eingenommen und nach demselben ging ich mit Hoyos bei beginnender Dämmerung zu denselben Verstecken, die wir tags zuvor bezogen hatten. Mein Jäger forderte uns zu diesem Gange auf, da er, während wir in Phylae waren, bei den Resten des Aases frische Hyänenspuren gefunden hatte.

Die Nacht war schön und ich nahm mir vor, auf nichts anderes als die Hyäne zu schießen und so lange zu warten, bis sie käme, also tief in die Nacht hinein auszubleiben. Mehrere Schakale erschienen, wurden aber unbehelligt vorbeigelassen; als es gegen Mitternacht ging und ich schon in argem Kampfe mit dem Schlafe lag, sah ich, dank dem hellen Mondlicht, einige menschliche Gestalten unweit meines Versteckes vorbeihuschen, hörte auch gleich darauf mehrere Schüsse und das wohlbekannte Gackern der unglücklichen Lockhenne. Nun war es mit der unbedingten Ruhe, welche die Hyäne verlangt, zu Ende und statt unnötig zu warten, ging ich nach Hause, begegnete auch dem Dragoman Paulovich, der mit Baron Seckendorf auf der Jagd leider am selben Platze wie ich gewesen war. Hoyos hatte an seinem nahe der Stadt liegenden Posten einen Schakal erlegt und einen angeschossen; der Großherzog sowie auch Eschenbacher waren momentan von heulenden Schakalen förmlich umringt gewesen, konnten aber ungünstiger Terrainformationen wegen nicht zum Schuße kommen. Einen herrlichen Blick genoß ich, um Mitternacht zurückkehrend, auf die malerische Stadt Assuan, den Strom und die feenhafte Insel Elephantine, alles vom reinsten Mondlicht zaubervoll übergossen.

Schakaljagd

Am 9. um 7 Uhr früh verließ der Dampfer Assuan, jene herrliche, so durch und durch innerafrikanische und ethnographisch hochinteressante Stadt. Zwischen den uns nun schon wohlbekannten Gegenden glitten wir stromabwärts mit großer Schnelligkeit hindurch. Die Stunden am Verdeck vergingen rasch und die Rückreise bot auch die erwünschte Gelegenheit, am Schreibtische die vielen gesammelten Notizen zu ordnen und manche Reiseerinnerung zu Papier zu bringen. Um 12 Uhr mittags, wir saßen eben in den Kabinen, hielt der Dampfer momentan und vehement an, und deutlich konnte man es vernehmen, wie sich das schwere Fahrzeug in den Schlamm einbohrte. Öfters waren wir schon während der Reise stromaufwärts aufgefahren, was jedem Nildampfer infolge der stets wechselnden Sandbänke erblüht, doch niemals gruben wir uns so fest im Grunde ein, als es diesmal durch die Vehemenz der Talfahrt geschah. Da der alte Admiral erklärte, er brauche wenigstens zwei Stunden, um sein Schiff wieder flott zu machen, ließen wir uns alle allsogleich ans Land rudern.

Wir waren an einem Punkte, Kom-el-Emir genannt, wo hohe, schroff abfallende Felsengebirge bis hart an den Strom traten, um gleich nach dieser schönen und kurzen Stromenge einer wohlbebauten Ebene Platz zu lassen. Die Reisegesellschaft verteilte sich jagend nach verschiedenen Richtungen. Ich versuchte anfänglich, im kahlen Gesteine herumkletternd, einige große Raubvögel anzuschleichen, was aber nicht gelang, und so zog ich es denn vor, in den Büschen der Ebene und an den Ufern des Nils auf kleines Wild zu jagen. Nebst vielem Wassergeflügel erbeutete ich auch während dieses kurzen Ausfluges eine Zwergtaube, jene wundervoll gefärbte, echt innerafrikanische Taube in der Größe einer Lerche und durch einen langen Stoß geschmückt; ein reizendes, ganz tropisches Tier. Auf den Sandbänken Strandvögel suchend, bemerkten wir nach Verlauf von zwei Stunden, daß unser Dampfer wieder zur Fahrt bereit sei, ließen uns daher gleich zurückführen und setzten die durch einen angenehmen Ausflug unterbrochene Reise fort. Des Abends erst nach Sonnenuntergang wurde am östlichen Ufer bei El-Kâb angelegt. Ein schmales Band kultivierten Landes trennt an dieser Stelle den Strom vom Rande einer nicht allzu breiten Wüstenebene, hinter der sich erst die herrlichen Hochgebirge auftürmen.

Bald nach unserer Ankunft beschlossen wir, den günstigen Mondschein für die Raubtierjagd auszunützen. Nach verschiedenen Richtungen gingen die Herren auseinander, geeignete Punkte für den Abendanstand suchend. Pausinger und ich wanderten, von einem Fellachen geleitet, durch das kultivierte Land, neben einem elenden Dorfe vorbei, in die Wüste hinaus. In verschwommenen Konturen sahen wir die Ruinen der altägyptischen Stadt Nechebt, von den Griechen Eileithyia genannt; vor allem ragt die mächtige, aus ungebrannten Ziegeln erbaute Ringmauer empor, Zeugnis gebend, daß dieser Punkt im Altertum als bedeutende Festung galt. Ferner befinden sich hier am Rande der Gebirge Felsengräber, ein Felsentempel von Ptolemäos Euergetes angelegt, und weiters ein kleines Heiligtum von Amenhotep III., der Göttin Nechebt geweiht. Die Wüste ist in dieser Gegend stark natronhaltig und mit jedem Schritt rauscht die durchbrochene Kruste. Wir gingen bis nahe zum Fuß der hohen Berge, versteckten uns da zwischen zwei mächtigen Felsblöcken und banden das jammernde Zicklein wenige Schritte davor an einen mitgebrachten Pfahl an. Eine Viertelstunde war noch kaum verstrichen, als ein Beduine, in weißen Mantel gehüllt, am Rücken eines Kamels, schwermütige Lieder singend, erschien. Im Mondschein nahmen sich die eintönige Wüste und der eigentümliche Reiter auf seinem hohen Tiere ganz malerisch aus. Das meckernde Zicklein schien des Beduinen Aufmerksamkeit zu erregen; er hielt an, betrachtete, ein halblautes Selbstgespräch beginnend, die Umgebung und ritt darauf, ohne uns zu entdecken, seines Weges weiter. Bald darauf, als wieder volle Ruhe herrschte, hörte ich das Geräusch eines heranschleichenden Tieres. Das Zicklein jammerte und sprang ängstlich umher; gleich darnach bemerkte ich einen schwarzen Körper, größer als ein Wolf, sich dem Köder nähern. Ich zielte gut und gab Feuer; wütendes Schmerzensgeheul folgte dem Schuße. Ich eilte zur Stelle, fand aber nichts als die Spur, die den Gebirgen zuführte. Ärgerlich darüber kehrten wir zum Dampfer zurück, durchdrungen davon, daß es eine Hyäne gewesen sei. Meinem Jäger befahl ich, am nächsten Morgen mit Tagesanbruch hinauszugehen und der Fährte des kranken Tieres zu folgen. Als wir am Schiff anlangten, waren die anderen Herren auch schon zu Hause. Der Großherzog hatte Schakale gesehen, doch leider keinen erlegt, während Hoyos so glücklich war, einen zu erbeuten.

Am 10. früh stand die Sonne schon lange am Himmel, als ich erwachte, und wir fuhren seit einer Stunde bereits stromabwärts. Nach meinem Jäger fragend erhielt ich die Antwort, er hätte das angeschossene Tier auf wenige hundert Gänge vom Anschuß gefunden, doch leider war es keine Hyäne, sondern einer jener halbwilden und so bösen Dorfhunde, die ganze Nächte hindurch in Ägypten die Umgebung der Städte, Beute suchend, durchziehen. Mein Jäger sah auch einen sehr starken Luchs, der wenige Schritte vor ihm in einer Höhle der alten Ringmauer El-Kâbs verschwand.

Der Dampfer fuhr die Vormittagsstunden hindurch bis 10 Uhr, wo wir in der Höhe von Dabbabiéh vor jener Sandbank hielten, auf der ich bei der Nilaufwärtsfahrt die großen Ohrengeier hatte sitzen sehen. Am Lande angelangt, fanden wir gleich die Fellachen, welche pünktlich die Befehle befolgt hatten. Eine kleine Rohrhütte war errichtet und die Gebeine von Hunden und Schafen bewiesen, daß die Geier tagtäglich angekirrt wurden. Nur mit vieler Mühe konnten wir uns der neugierigen Fellachen erwehren, die stolz auf ihre Leistungen nun der Jagd beiwohnen wollten.

Gar bald erschienen einige Aasgeier, ihnen folgten drei Kappengeier, jene mittelgroßen, schwarzen, echt innerafrikanischen Geier, mit dunklem kahlen Kopf; ich hatte dieses überaus ekelhafte Tier früher noch niemals gesehen und beeilte mich daher, ein Exemplar zu erlegen. Auf den Schuß eilten von allen Seiten die Fellachen herbei, meine Beute neugierig betrachtend und Bachschîsch stürmisch verlangend. Große Geier streiften hoch in den Lüften, die gute Stunde für diese Jagd begann erst und man hätte noch schöne Erfolge erzielen können; doch trotzdem mußten wir den Leuten weichen, deren wir uns nicht mehr erwehren konnten, von allen Seiten kamen neue Ankömmlinge; und so riefen wir den Dampfer in die Nähe des Ufers und setzten die Reise fort.

In Erment, das in den Nachmittagsstunden erreicht wurde, mußten wir uns durch kurze Zeit aufhalten, um den berühmten Granit auf Bord bringen zu lassen. Während dieser Pause schoß ich auf Feldtauben, die von einem Ufer zum andern gerade über unser Schiff ihren Kurs genommen hatten; eine folgte der andern und so gelang es mir im Zeitraume weniger Minuten, deren sechsundvierzig zu erlegen. Bald wurde die Reise fortgesetzt und mit Sonnenuntergang langten wir wieder in Luxor an. Kaum lag unser Dampfer an der Landungsstelle unter dem Luxor-Hotel, als auch schon Chalil mit einigen bereitgehaltenen Reiteseln erschien. So rasch es ging ritten einige von uns den wohlbekannten Weg nach Karnak hinaus, um da an verschiedenen Punkten auf Schakale zu lauern. Ich hatte mir eine lebende Henne mitgenommen und setzte mich, den herrlichen Abend genießend, neben einen der noch aus altägyptischen Zeiten stammenden Teiche, an der Südseite der Ruinen. Die Henne zwickte ich unaufhörlich, damit sie durch ihr Geschrei Raubtiere herbeirufe. Leider kamen statt Schakale einige Engländer, die mich erstaunt ansahen, aber bald wieder ihres Weges weitergingen. Als es vollkommen Nacht geworden war, schwebte ein großer Vogel wie ein Schatten zum Teiche herab; auf gut Glück warf ich meinen Schuß ihm nach und fand einen Fischreiher verendet am Ufer liegen. Auf das hin verließ ich meinen Platz und ritt nach Luxor zurück. Die anderen Herren waren beutelos heimgekehrt; einer derselben hatte leider einen Schakal gefehlt.

Am anderen Morgen in früher Stunde ließen wir uns alle an das libysche, gegenüberliegende Ufer rudern, um den langen und so überaus interessanten Ausflug nach den Königsgräbern zu unternehmen. Auf Eseln ritten wir anfänglich durch eine wohlbebaute Ebene; in den Feldern arbeiteten fleißige Fellachen und neben den vereinzelten Lehmhütten saßen Aasgeier in großer Menge; Kamele, langohrige Ziegen, Büffel, Esel und Schafe weideten auf den gelblichen Hutweiden. An einigen Tümpeln mit noch von den Tagen der Überschwemmung zurückgebliebenem Wasser und durch einen seichten, stark versandeten Nilarm führte der Weg bis zu einem kleinen, sehr ärmlichen Dorfe; die letzten Palmen und Büsche wichen dem trostlosen Wüstensande; der Fuß der sich hoch auftürmenden Gebirge war somit erreicht; ein schmales, von schroffen Lehnen und Wänden eingeengtes Tal eröffnete sich vor uns; in der Sohle führt der Reitweg nach den Königsgräbern, den auch die Herren einschlugen. Der Großherzog und ich beschlossen, mit einem kleinen Umweg durch das Gebirge ebenfalls dahin zu kommen.

Geführt von einem in dieser Gegend als vorzüglicher Jäger gekannten Araber überkletterten wir einige Sand- und Schutthügel, um hinter denselben den eigentlichen Aufstieg zu beginnen. Durch Steinplatten und Geröll neben Felswänden vorbei schlängelt sich ein schmaler Pfad empor. Rechts und links erblickten wir unzählige Gräber und Grabeshöhlen. Die unteren Abhänge längs des gesamten Gebirgszuges westlich des alten Theben sind durchhöhlt mit altersgrauen Begräbnisstätten. Aus einer dieser Vertiefungen sprang bei unserer Annäherung ein Wolf heraus und entfloh an der steilen Lehne empor; leider war die Entfernung eine zu bedeutende, um auf ihn mit Schrot schießen zu können.

Nun versuchten wir auf verschiedenen Wegen den Gebirgsrücken zu überklettern, um auf diese Weise vielleicht zum Schuße zu kommen. Der Kamm war halb erstiegen und eine herrliche Fernsicht erschloß sich hinab in das grünende Niltal auf den großen Strom, die Stadt Luxor, die Ruinen von Karnak und die gegenüberliegenden arabischen Berge; vor uns begann ein Hochplateau, ein wildes Gemenge von Kuppen, Spitzen, Schluchten und Tälern, Felswänden, Sand- und Geröllhalden, Steinplatten und Kalkblöcken; alles in blendend weißer und gelblicher Farbe, ohne jegliche Spur einer Vegetation, in den schärfsten Reflexen schillernd, von den Strahlen der afrikanischen Sonne durchsengt. Man kann sich ein trostloseres, aber zugleich großartigeres Bild echten Wüstengebirges kaum ausdenken. Im Sande fand ich die Spuren von Hyänen, Wölfen und Schakalen und unzählige Baue verschiedener Raubtiere; Geier saßen in den Ritzen Schatten bildender Felswände und die Segler umschwirrten die öden Zinnen.

Ein Wolf lief vor mir über den Pfad, doch leider war die Entfernung eine zu bedeutende und so blieb mein Schuß erfolglos. Dem Großherzog erging es indessen nicht besser mit einem Schakal. Einem schmalen Weg folgend stiegen wir über nicht ganz bequeme Stellen in das Haupttal hinab, wo bei schon früher verabredeter Stelle die Reitesel warteten; nun ritten wir durch die trostlose, von blendend weißen Bergen eng begrenzte Schlucht nach den Königsgräbern von Biban-el-Moluk. Wo in einer Sackgasse von steil abfallenden Lehnen und Wänden Tal und Pfad enden, eröffnet sich der schwarze Schlund, der hinabführt in die Grüfte der ältesten Dynastien. Mit Fackeln bewaffnet drangen wir ein in jene Reliquien einer längst verklungenen Zeit.

Nachdem wir alle Räume der so überaus merkwürdigen Königsgräber genau angesehen hatten, wurde vor dem Eingang ein frugales Frühstück verzehrt. Der kurzen Rast folgte ein mühsamer Stieg auf schmalem Pfad über das Gebirge nach Mêdinet-Habu; abermals kamen wir durch das trostlose Wüstengestein, an dem nun die Mittagssonne mit sengender Kraft leckte. Einige jäh abfallende Felsenwände mußten durchklettert werden und erst nach langem Marsch erreichten wir den Kamm und bald darauf die Zone der Felsengräber; über Schutt- und Trümmerhaufen, neben halb verfallenen Häusern, doch schon aus muslimischer Zeit, gelangten wir in das Kulturland, wo bei einer etwas Schatten spendenden Mauer die Reittiere warteten. Ein längerer Weg als des Morgens führte uns an den, in der Tat imposanten und jede Erwartung übertreffenden Memnons-Kolossen vorbei, nach dem Ufer des Nils. In einem Boote erreichten wir nachmittags den Dampfer, wo augenblicklich gespeist wurde.

Vom arabischen Jäger hatte ich mich überreden lassen, an diesem Abende noch einen Anstand auf Raubtiere in der Nähe von Mêdinet-Habu zu besuchen. Von meinem Jäger gefolgt ritt ich daher gleich nach dem Diner weg und schlug abermals den weiten Weg durch das Kulturland an den Kolossen vorbei bis zum elenden, aus Lehmhütten erbauten Dorfe Mêdinet-Habu ein. Gleich hinter diesem Orte beginnt eine ziemlich breite, vollkommen flache Wüstenebene, die das kultivierte Land vom Fuße der Hochgebirge trennt. Stark abgetretene Wechsel, durch Hyänen-, Wolfs- und Schakal-Fährten gekennzeichnet, verbinden das Gebirge mit dem Beute bietenden Tiefland. An einer solchen Raubtierstraße verbarg ich mich hinter großen Steinen. Die Sonne ging eben unter, den Sand der Wüste, die Felsen des Hochgebirges, die Ruinen, die Palmen und Dörfer der Niederungen in die farbenprächtigsten Beleuchtungen tauchend. Ein Pharaonen-Uhu, jene große, gelblich braune Eule, strich, von ihren düsteren Verstecken kommend, geräuschlosen Fluges auf Raub aus. Gleich darauf erschien ein Schakal, den Wechsel genau einhaltend. Ich schoß dem gedankenlos herantrollenden Tiere leider zu weit entgegen; es überschlug sich, doch gleich wieder auf den Läufen eilte es gegen das Gebirge zurück. Ich fand zwar die Rotfährte, doch blieb eine kurze Nachsuche erfolglos. Auch drängte die Zeit, die Dämmerung war schon hereingebrochen und ich mußte noch zum eigentlichen Hyänen-Anstand eilen. Vom Araber geführt ritt ich durch die daselbst stetig weiter in die Ebene reichende Wüste, bis zu einem kleinen Sandhügel. Das Versteck war gut gewählt und der tote Esel lag leicht sichtbar auf dem weißen Sande. Tiefe Stille herrschte in der monotonen Gegend, in nebelhaften Konturen erhoben sich die Berge und endlos erschien die fahle Wüste. Mehrmals vernahm ich das Trollen der Schakale, sah auch Schatten vorbeihuschen, konnte einmal selbst die Gestalt eines Wolfes ausnehmen, doch die heiß ersehnte Hyäne erschien nicht. Die wahre Stunde für dieses scheue Raubtier beginnt erst um 1 Uhr nach Mitternacht; und auch diesmal übermannte mich schon um 11 Uhr der Schlaf dermaßen, daß ich nicht länger gegen ihn ankämpfen wollte und das Versteck verließ; mit einem vorwurfsvollen Blicke entließ mich der Araber, der mit seiner Flinte bewaffnet die Hyäne abzuwarten beschloß.

Für mich begann ein langer, aber schöner Ritt; die Mondnächte Ägyptens gehören zu den zaubervollsten Erinnerungen, die ich aus dem herrlichen Pharaonenlande mitgenommen habe. Gespensterhaft großartig nahmen sich des Nachts die hohen Memnons-Kolosse inmitten der dunklen Kulturlandschaft aus. Nahe des Nils lief ein Wolf auf wenige Schritte vor mir vorbei, leider war meine Flinte nicht geladen. In sehr später Stunde erreichte ich den Dampfer und die lang ersehnte Nachtruhe.

Am 12. früh ritten wir alle den nämlichen Weg wie tags zuvor nach Mêdinet-Habu; große Züge Störche standen auf den Sandbänken und an den Wassertümpeln sowie auch Bekassinen und Strandläufer, auf die ich vom Rücken meines Esels herab Jagd machte. Nach einstündigem Ritt erreichten wir das Dorf Mêdinet-Habu, wo der arabische Jäger schon wartete, um uns mitzuteilen, er habe nach 1 Uhr des Nachts die Hyäne glücklich gefehlt. Ich glaubte nicht seinen Reden und beschloß an Ort und Stelle nachzusehen und zu gleicher Zeit den nach Ausspruch des Arabers massenhaft versammelten Geiern meine Aufmerksamkeit zu schenken. Leider hatten die großen Raubvögel, als ich am Platze anlangte, ihre Mahlzeit schon beendet und saßen träge in einer Entfernung von einigen hundert Gängen unnahbar inmitten der Wüste. Der Esel war fürchterlich zugerichtet worden; ganze Teile fehlten und alles lag bedeckt mit Federn und Schmutz der Geier. Dem Araber hatte ich Unrecht getan; augenblicklich fand ich die Hyänenspur, die von einer Seite zum Aas und auf der anderen in die Wüste führte. Am Rückwege nach Mêdinet-Habu bemerkte ich auch einige frische Gazellen-Fährten. Bei den anderen Reisegefährten angelangt, begannen wir gleich die Besichtigung des nahe vom Dorfe gelegenen, wundervoll schönen Ramesseums, des noch wohlerhaltenen Totentempels.

Wir waren zu Ende mit den Besichtigungen der vielgepriesenen Totenstadt und ritten durch die Ebene zurück zu unserem Dampfer. Nun hieß es Abschied nehmen vom schönen Luxor, den herrlichen Resten des hunderttorigen Theben und von der thebanischen Ebene, die in heiße Mittagsdünste gehüllt, von den hochragenden bläulichen Gebirgen umsäumt, ein wundervolles Bild als letzten Gruß darbot. Der Nachmittag wurde zur Reise benützt; angenehme Stunden brachten wir am Verdeck zu, eine kühle Brise zog über den ruhigen Strom und schöne Landschaften entrollten sich vor unseren Blicken. Um 6 Uhr nachmittags langten wir in Keneh an, wo wir diesmal nicht am westlichen Ufer von Dendera, sondern am östlichen bei der modernen Stadt landeten.

Der Esel des Mudîr

Die Abendstunden benützten wir, um die nächste Umgebung jagend zu durchstreifen. Hoyos und ich ritten durch die hier breite und üppig bebaute Ebene, folgten dann dem Laufe eines wildreichen Kanals, an dem allerhand Geflügel erlegt wurde. An einer seichten Stelle, den Wasserlauf durchreitend, kehrten wir gegen die Stadt zurück, an deren Rande neben blühenden Gärten ein Palmenwald seine stolzen Kronen erhebt. Diese schützende Deckung suchten des Abends Milane, Falken, Gleitaare, Kolkraben, Krähen, Nachtreiher und allerhand Kleingeflügel zum Schlafplatze aus; dies erkennend verbargen wir uns hinter den dicken Stämmen der Dattelpalmen und machten so eine leichte und recht lohnende Jagd.

Als nach einem glühenden, farbenprächtigen Sonnenuntergang die Dämmerung begann, ritten wir auf einem Damme in die ziemlich große Stadt hinein. Reges Leben herrschte in den engen, von Lehmhäusern begrenzten Gassen, deren architektonische Verzierungen und hochragende Minaretts die Bedeutung des Ortes kennzeichneten. Ein glücklicher Zufall führte uns durch dichtes Menschengewühl in den recht hübschen, mit Strohmatten überdeckten und ziemlich gut erleuchteten Bazar, dessen geschäftige Handelsleute uns lärmend umgaben. Der langen Zeile der Buden folgend entkamen wir dem Staub, Dunst und Gestank, der besonders abends in den orientalischen Städten herrscht, und eilten zu unserem Dampfer zurück. Die anderen Herren waren desgleichen mit einiger Beute zurückgekehrt, sodaß besonders durch unser Mitwirken der kurze Jagdausflug bei Keneh eine reiche Strecke lieferte.

Am 13. wurde bei herrlichem Wetter die Reise fortgesetzt. Von Sonnenaufgang bis Mittag unaufhaltsam stromabwärts fahrend, gelangten wir unter den am Ostufer knapp an den Strom herantretenden Gebirgen von Gebel Tuk vorbei. Die Gegend gefiel uns und so beschlossen wir, um etwas Bewegung zu machen, am brüchigen Gestade anlegen zu lassen. Kein Dorf kein Haus steht in der Nähe; nichts als wild zerklüftetes Felsengebirge, nur durch eine höchstens hundert Gänge breite Wiese vom Strome getrennt. Die Steinhalden und öden Gebirgsklüfte durchkletternd fand ich viele Schakal-Spuren und einige Baue, ließ daher meine Dachshunde in den tiefen Schachten suchen, was aber leider erfolglos blieb. Desgleichen gelang es mir nicht, die auf den Kuppen und Felsen sitzenden Raubvögel zu beschleichen. Bei diesen mißglückten Jagdversuchen fand ich alte Grabeshöhlen und in denselben nebst Gebeinen auch die noch ziemlich gut erhaltenen Reste einer Mumie oder vielleicht nur durch die heiße, jeden Niederschlags entbehrende Luft verkohlten Fleisch- und Muskelbestandteile. Vom Gebirge zurückkehrend, erlegten wir noch einige nach langer Reise müde Wachteln, die sich in der schmalen Wiese aufhielten. Nach kaum zweistündiger Unterbrechung wurde die Reise wieder fortgesetzt. Gegen 2 Uhr langte der Dampfer bei der großen und hübsch gelegenen Stadt Sohag an. Allsogleich wurde ans Land gegangen, um die nächste Umgebung zu durchstöbern. Der Großherzog und ich bogen um die letzten Häuser der Stadt neben der Kaserne der nur unbedeutenden Garnison ein und jagten an einigen großen Wassertümpeln auf allerlei Flugwild. Die vielen Zuseher und zur Tränke geführten Büffel und Kamelherden vertrieben uns von da, und dem Damm des berühmten Joseph-Kanals folgend gelangten wir zwischen einzeln stehenden Lehmhütten, blühenden Gärten und Feldern zu einem aus hohen Tamarisken, Sikomoren und Palmen gemischten Walde. Diese vorzügliche Deckung diente außerordentlich vielen Vögeln zum Schlafplatz und so mordeten wir nach Sonnenuntergang mit Beginn der Dämmerung unter den erstaunten Schläfern. Ein Zwergadler, viele Milane, Falken, Krähen, zwei Eulen und eine Portion Palmtauben fielen uns in der Zeit weniger Minuten zum Opfer.

Auch in landschaftlicher Beziehung bot dieser aus echt afrikanischen Bäumen zusammengesetzte Wald viel Reiz und nur ungern verließen wir den duftenden, üppig grünen Platz, dessen überwuchernde Vegetation an die phantasiereichen Märchen von »Tausend und einer Nacht« mahnte. Dem Damme folgend erreichten wir gar bald die Stadt und durch mehrere enge, sehr belebte Gassen gelangten wir zu unserem Dampfer zurück. Der liebenswürdige Mudîr Ali Pascha hatte mir seinen blendend weißen großen Esel, Abu-Gebel genannt, von reinster arabischer Zucht geliehen und als ich während des Rittes mit den vorzüglichen Gängen des Tieres sehr zufrieden war, schenkte er mir das in der Tat auffallende Exemplar. Nun mußte für den Esel am Verdeck des Dampfers ein Platz gerichtet werden und bald darauf hielt er auf unserem beweglichen Hause seinen Einzug.

Des nächsten Morgens in sehr früher Stunde wurde die Weiterreise angetreten. In einem Zuge fuhr der Dampfer seine letzte Station bis Siut, wo wir mittags eintrafen. Vom Landungsplatze führt eine Allee zur Stadt; der stattlichste und bedeutendste Ort oberhalb Kairo, Sitz eines Mudîrs und durch großen Handel und schöne Bauart ausgezeichnet. Zwar sind auch hier die Häuser aus braunem Lehm, doch höher und mit reicheren arabischen Ornamenten versehen, als in den anderen südlicheren Nilstädten. Schlanke Minaretts und zierlich gebaute Stadttore fallen uns auf; Schatten spendende Sikomoren-Alleen und üppige Gärten umgeben Siut in der Richtung gegen den Strom. Wir ritten durch einige schmale Straßen und der Länge nach zwischen all den Buden des sehr sehenswerten Bazars hinweg, den der hier mündende Karawanenweg aus Dâr Fôr mit Straußenfedern und Elfenbein reich versieht; auch bilden die roten und schwarzen Tonarbeiten Siuts eine Spezialität.

Was mich am meisten interessierte, war das besonders rege Leben, welches in diesem Bazar herrschte; neben den echten Handel treibenden Fellachen sah man Bewohner des Niltals aus verschiedenen Gauen Ägyptens in wechselvollen Farben- und Kostümbildern. Quer durch die Stadt gelangten wir vom anderen Rande derselben über einen Damm und den bekannten Josephs-Kanal nach dem Fuße der steil abfallenden Wüstengebirge. Bei Siut treten die Berge näher an den Strom und es verengt sich für eine kurze Strecke die ober- und unterhalb von hier schon breite Ebene des Kulturlandes. Auf einem schmalen Pfade kletterten wir steil empor, um die in halber Bergeshöhe zwischen Felsen und Geröll befindlichen Höhlen und Grabkapellen anzusehen. Schon in den Tagen des Altertums hatte dieser Ort eine gewisse Bedeutung.

Ossiut, die größte und ansehnlichste Stadt Oberägyptens, führt ihre heutige Bezeichnung nach dem alten Namen Siaut, eine schakalsköpfige Gottheit (Anubis) hatte hier einst ihre Tempel und Altäre. Sämtliche Tiere vom Hundegeschlecht waren ihr geweiht, vor allem der Wolf, daher die griechische Benennung der Stadt Lykopolis, »die Wolfsstadt«. In den Höhlen des hinter Ossiut liegenden Gebirges, das einen Vorsprung der libyschen Gebirgskette bildet, werden noch heute die wohl einbalsamierten Körper der erwähnten Tierklasse aufgefunden, in dichter Nähe berühmter Grabkapellen, welche aus den Zeiten der XIII. Dynastie herrühren (um 2200 vor Chr. Geb.) und vornehmen Hofbeamten der erwähnten Epoche angehörten. In einen dieser ziemlich großen, in Felsen gehauenen Räume gingen wir hinein, fanden aber im Innern, die eigentümliche Form ausgenommen, nichts des Sehenswerten.

Die Reisegesellschaft teilte sich nun; einige der Herren streiften jagend gegen die Stadt hinab, während ich durch eine schmale Schlucht bis auf den Kamm des Gebirges kletterte, von wo aus sich eine schöne Fernsicht über die Stadt, das grüne Niltal, die gegenüberliegenden arabischen Gebirge und hinter mir auf das rötlich gelbe Wüstenplateau der libyschen Berge erschloß. Auf einem anderen Pfade durch schlechte Felswände, Platten und Geröllhalden, neben vielen Grabhöhlen und alten Gerippen vorbei, stieg ich ins Tal hinab und kam zum mohammedanischen Friedhofe. Westlich von Siut erstreckt sich die auffallend große und durch sehenswerte Grabbauten geschmückte muslimische Totenstadt, mit einem Ende in das Kulturland zwischen blühende Gärten, mit dem anderen in die öde Wüste reichend. Zu Fuß ging ich nun in die Stadt zurück und schlenderte in den entlegeneren Vierteln auf den Straßen herum, das Volksleben beobachtend; bei dieser Gelegenheit erlegte ich mehrere Aasgeier zwischen den Häusern, die in der Nähe des Schinderplatzes in großer Menge versammelt waren. Durch die schöneren Stadtteile kehrte ich in den Nachmittagsstunden zum Speisen auf den Dampfer zurück. Mit Sonnenuntergang ritten wir alle nochmals bis zum Fuße des Gebirges und postierten uns an verschiedenen Punkten; einige der Herren gingen bis zu den Felsengräbern, während ich mich im Friedhof in einem mohammedanischen Grabgebäude verbarg. Es war ein herrlicher Abend, volle Ruhe herrschte in der schönen Gegend und nur ein sanfter Luftzug rauschte in den dichten Kronen der Sikomoren. Leider kam kein vierfüßiges Raubtier zu meinem Versteck, hingegen konnte ich mehr als zwanzig große Geier in weiter Ferne beobachten, die einer nach dem andern in eine hohe Felswand zur Ruhe zogen; komisch war es zu sehen, wie sich diese Tiere um die Schlafplätze zankten; keiner wollte aus sehr begreiflichen Gründen unter dem andern sitzen und erst nach geraumer Zeit gelang es ihnen allen, einer neben dem andern in einer langen Felsritze zu hocken.

Geier an ihrem Schlafplatz

Nach einer Stunde mußte ich den Friedhof verlassen, da die Zeit zur Abreise schon herannahte. Beim Josephs-Kanal fand ich meine Gefährten. Sie hatten Schakale und selbst einen starken Wolf gesehen, doch leider alles in den Felswänden außer Schußweite. Der Großherzog beobachtete auch einen Vampyr (in der Größe eines Raben) im Augenblicke, als das ekelhafte Tier aus einer Grabkapelle hervorstrich. Rasch ritten wir nun zum Landungsplatze zurück, nahmen herzlichen Abschied vom guten braunen Admiral und dem braven Schiff, das uns während unvergeßlich schöner Tage als Wohnung gedient hatte, und gingen zum nahen Bahnhof. Bald brauste der Zug von Siut weg, dem Norden zu; süßer Schlaf bemächtigte sich nach kurzer Zeit der Reisegesellschaft. Ich erwachte erst, als am 15. früh die Sonne in die Waggons hereinblickte und wir schon im kleinen, arg verwahrlosten Bahnhof von Bedraschên standen. Im schmutzigen Wartsaal wurde ein Frühstück verzehrt und darauf zu Esel der Ritt nach Memphis unternommen. Zwischen sumpfigen Tümpeln, wohlbebauten Feldern und großen Palmenwäldern führt der Weg bis zu dem kleinen, im üppigen Grün afrikanischer Vegetation verborgen liegenden Dorfe Mitrahenne.

Von Memphis ritten wir aus dem Kulturland hinauf in die große libysche Wüste, an den Pyramiden von Sakkara und dem Mariette-Haus vorbei, zu den Apis-Gräbern. Die Landschaft hat hier schon vollkommen denselben Charakter wie bei den Pyramiden von Gizeh, die man auch, sowohl wie Kairo, die Zitadelle und das staffelförmig aufsteigende Mokattam-Gebirge in nicht allzu weiter Ferne sieht. Mit Fackeln bewaffnet drangen wir in das unterirdische Labyrinth der endlosen, mit trockener schwerer Luft erfüllten Gänge der Apis-Gräber ein. Hier will ich Brugsch an meine Stelle treten lassen: »In den glänzenden Epochen der ägyptischen Geschichte sowie später unter ausländischen Fürsten der Ptolemäer wurden die Tiere in riesigen Sarkophagen aus dem härtesten Stein in unterirdischen Gängen in besonderen Abteilungen, deren Folge eine chronologische ist, nebeneinander aufgestellt und ihre Grabstätten mit besonderen Inschriften versehen. Die Apis-Gräber von Memphis, welche heutzutage den besuchenden Reisenden in der bequemsten Weise zugänglich gemacht sind, enthalten vierundzwanzig jener kolossalen Sarkophage. Die Reihe der hierselbst einst bestatteten Tiere begann um die Mitte des 16. Jahrhunderts vor Chr. Geb. und endete um die Zeit der Regierung des Kaisers Augustus. Die Tiere, welche vor der genannten Epoche gelebt hatten, fanden nach ihrem Dahinscheiden ihren Ruheplatz in der Stufen-Pyramide von Sakkara, in deren Innerem sich ein saalartiger hohler Raum befindet mit besonderen Gängen und Nischen, in welchen die Reste von Stierknochen den Zweck dieser Pyramiden deutlich beurkunden.« Im kleinen, nahe den Apis-Gräbern gelegenen Wohnhaus des vor kurzem erst verstorbenen berühmten Ägyptologen Mariette, das dieser sich zum Zwecke seiner Studien hatte erbauen lassen, nahmen wir ein frugales Frühstück ein und gingen sodann zur eigentümlichen niederen Stufen-Pyramide, um da auf Schakale zu jagen. Kaum begannen einige Araber an den Steinen emporzuklettern, als auch schon ein Schakal in voller Flucht herabkam und von mir erlegt wurde. Nach diesem hübschen Jagd-Intermezzo besuchten wir die anderen Pyramiden dieser Gegend und auch die neu eröffnete kleine Pyramide Königs Pepi I.

Nachdem wir in die Pyramide des Königs Pepi I. mit einiger Mühe und Schwierigkeit hineingeklettert waren, verließen wir die Wüste und ihre alten Denkmäler und ritten in das Kulturland zurück. Der Weg führte an einem aus jagdlichen Gründen sehr verlockenden Fulfeld vorbei und wir beschlossen, dasselbe durch unsere Diener und einige Fellachen durchtreiben zu lassen, leider aber erschien plötzlich der Besitzer und verbat sich das Betreten seines Eigentums. Der gestrenge Herr war ein alter Neger, Eunuche, riesig groß und hager, mit schlaffen Zügen, in lange faltenreiche Gewänder gehüllt, einer der häßlichsten und ekelhaftesten Menschen, die ich noch jemals mich entsinne gesehen zu haben. In seiner ruhmvollen Harems-Laufbahn hatte er sich viel Geld erworben und brachte nun seine alten Tage auf seinem nicht unbedeutenden Landgute zu. Einem Streite mit diesem Individuum ausweichend ritten wir nun in einem Zuge bis Bedraschên, von wo die Eisenbahn die ganze Reisegesellschaft in weniger als einer Stunde nach Kairo brachte.

Nach einer ziemlich langen Expedition voll der herrlichsten Eindrücke trafen wir wieder in der schönen Kalifenstadt ein.

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