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Zu Tempeln und Pyramiden

Rudolf von Habsburg: Zu Tempeln und Pyramiden - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorKronprinz Rudolf von Österreich
titleZu Tempeln und Pyramiden
publisherEdition Erdmann GmbH
editorHeinrich Pleticha
year2005
isbn3865030238
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080523
projectidca9b9311
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Kaiser Franz Joseph I. von Österreich: »Der interessanteste Tag der Reise«

Der 24. November war einer der interessantesten Tage der ganzen Reise, denn wir bewegten uns größtenteils auf einem Boden, wo vor sechs bis siebentausend Jahren die erste Kultur begann und einen hohen Grad erreichte und zwischen den Bauten aus jener, nun durch die Forschungen der Wissenschaft ziemlich genau bekannten Vorzeit.

Ehe wir uns um 7 Uhr auf dem Nildampfer einschifften, ging ich noch in das Harem unseres Schlosses, in welchem ein Teil meines Gefolges untergebracht war, um den im Hofe gelegenen, sehr hübschen Garten und die prächtigen Salons desselben anzusehen. Es ist ein unglaublicher Luxus auf diesen Harem verschwendet, nur ist er, wie alle, mit einer hohen Mauer umgeben und sind die Fenster vergittert. Daher die Damen in einem prächtigen Gefängnisse. Um 7 Uhr dampften wir den Nil hinauf und es waren die grünen Ufer und die höher gelegenen Punkte der Stadt von der aufgehenden Sonne herrlich beleuchtet, während in der Ferne die Pyramiden, gleich unseren Alpen glühten. Der Nil wurde immer breiter und wir fuhren an mehreren Inseln vorbei, auf deren einer eine genaue Schar großer weißlicher Geier saß, die ich für Bartgeier ansprach. Weiter sahen wir eine Schar riesige Pelikane schwimmen, die man ganz gut sehen konnte. Bald kamen wir an den, am rechten Ufer gelegenen Steinbrüchen und Höhlen von Tourah und Massarah vorbei, die in eine lange Hügelkette der Wüste gehauen sind und aus denen die Steine genommen wurden, um die Pyramiden und andere Bauten aufzuführen, während sie auch noch jetzt den Bedarf Kairos an Bausteinen decken. Man sieht an den Bergwänden die zahlreichen Eingänge zu den Höhlen, die in ungeheurer Ausdehnung und Höhe in den Berg gehauen sein sollen und Hieroglyphen und Bilder aus altägyptischer Zeit enthalten. Am linken Ufer dehnt sich ein lang gezogener Palmenwald aus, der einen sehr schönen Effekt macht. An beiden Ufern sieht man zahlreiche Dörfer. Nach zweistündiger Fahrt landeten wir am linken Ufer beim Dorfe Bederscheni und fanden dort einige Reitpferde und Kamele und viele Esel zur Weiterreise. Auch sollte uns dort ein Frühstück erwarten, das uns für den langen Ritt sehr wohltätig gestärkt hätte, allein da Ägypten überhaupt das Land der Unpünktlichkeit ist, was wir beständig zu unserem Nachteile erfahren mußten, so war das Dampfschiff mit dem Frühstücke erst spät nach uns von Kairo abgefahren und nachdem wir über eine Stunde fruchtlos gewartet hatten, ritten wir mit leerem Magen ab. Ich und einige Herrn ritten Pferde, vier saßen auf Kamelen, die sehr gut gingen, und die Übrigen alle auf Eseln, was sehr spaßig aussah. Herr Pruksch begleitete uns, um uns alles zu erklären, was er mit sehr viel Talent und Kenntnis tat. Wir ritten durch Palmenwälder und Dörfer, bei den besten Feldern vorbei, die aber jetzt zum Teile überschwemmt waren, über die Stelle, wo in der Vorzeit die ungeheuere Stadt Memphis lag, von der aber nur mehr große Schutthaufen, einzelne Mauerreste, Steine mit Inschriften und Bruchstücke von Statuen zu sehen sind und die am Gesicht liegende, kolossale Statue des Königs Ramses, der Koloß des Ramses genannt, von dem wir aber leider nur den Rücken sahen, weil er, der Überschwemmung wegen, im Wasser lag. Wir sahen überall viele Geier und ich schoß einen gelben Adler, der großen Distanz wegen leider nur an. Nach 1+½-stündigem Ritt kamen wir an die Grenze des kultivierten Landes und der Wüste bei dem Dorfe Sakkarah. Das bebaute Land ist ganz eben, während die Wüste gleich in Hügeln ansteigt und, so weit das Auge reicht, ein flaches Hügelland bildet, auf dem nur Sand und nicht ein Grashalm zu sehen ist. Ein trostloses Bild und doch schön und großartig in der warmen, südlichen Sonnenbeleuchtung. Die Grenze zwischen bebautem Lande und Wüste war in der Vorzeit die Grenze zwischen der Stadt Memphis und der Gräberstadt, den Pyramiden und alle anderen Bauten, die man dort findet, sind lauter Gräber, die alle in der Wüste gelegen sind. Jeder König baute sich seine Grabespyramide zu seinen Lebzeiten selbst und je nachdem er länger oder kürzer lebte, fiel dieselbe größer oder kleiner aus. Einige sind schon so zerstört, daß sie nur mehr große Schutthaufen zeigen, einige aber vollkommen erhalten, nur fehlt die äußere Steinverkleidung, die ganz glatt war, und es liegen daher die Steine, wie sie aufeinander gemauert sind, frei und bilden Stufen, was es möglich macht, die Pyramiden zu besteigen. Der ganze Boden, über den man zwischen denselben in der Wüste reitet, ist voll Gräber, die unterirdisch in regelmäßigen Straßen angelegt sind und von denen viele bereits aufgedeckt und durchforscht wurden. Nachdem alles merkwürdige, was in denselben gefunden wurde sowie die Mumien in die verschiedenen Museen gewandert, sind dieselben von dem immer treibenden Sande der Wüste in der kürzesten Zeit wieder verschüttet worden, sodaß man kaum mehr die Spuren der gegrabenen Trichter sieht. Sehr viel ist noch nicht entdeckt und durchsucht, doch sind die Kosten der Arbeit so groß, daß nur sehr langsam vorgegangen werden kann. Zwei große und einige kleine Pyramiden, die für uns zu weit waren, links liegen lassend, ritten wir den steilen Rand der Wüste hinan, bei den Pyramiden von Sakkarah vorbei, die nicht sehr hoch sind, deren eine aber die älteste aller existierenden Pyramiden ist und die einzige ist, die in Stufenform gebaut ist, nämlich so:

während alle anderen grade Flächen haben, nämlich so:

Nicht weit von diesen Pyramiden etwas tiefer in der Wüste kamen wir zu einem kleinen Haus, in welchem die Gelehrten wohnten, die die Ausgrabungen leiteten. Herr Pruksch hat in diesem sehr einfachen Hause, mitten in der Wüste, über ein Jahr gelebt. Ganz in der Nähe dieses Hauses liegt das so genannte Serapium, nämlich ein unterirdisches, sehr ausgedehntes, in Stein gehauenes Grabgebäude, in welchem die heiligen Apis-Stiere begraben wurden. Wir stiegen in die mit Lichtern beleuchteten unterirdischen Räume, zuerst durch ziemlich schmale Gänge in einen sehr langen, breiten und hohen Gang, an dessen beiden Längenseiten sich sechsundvierzig kapellenartige Räume befinden, in deren jedem ein kolossaler, steinerner Sarkophag mit steinernem Deckel sich befindet, in welchen die Stiere begraben waren. Man staunt über die enormen Steinblöcke, aus denen die Särge gemacht sind, und fragt sich, wie sie in die unterirdischen Gänge gebracht wurden. Dann sahen wir noch zwei aufgedeckte Gräber reicher alter Ägypter an, die sich durch die vollkommenen, zum Teil selbst in der Farbe erhaltenen Wandskulpturen und Inschriften auszeichnen. Man sieht da in in die Wände gehauenen Bildern eine Menge Beschäftigungen der Menschen, die vor vielen tausend Jahren da gelebt haben, und eine Menge ihrer Haustiere und Gerätschaften abgebildet, wozu die Hieroglyphen-Inschriften die Erklärung geben. Diese Gräber enthalten Zimmer und Gänge und sind ziemlich ausgedehnt. Wir ruhten uns dann ein wenig in dem Hause aus und aßen, um unseren Hunger zu stillen, arabisches Brot und Topfenkäse und einige Datteln. Gut war es nicht, aber der Hunger war groß. Einige Beduinen zeigten uns eine lebende junge Hyäne, die sie an dem Tage in einer Falle gefangen hatten und die sie uns gebunden vorführten. Nach kurzer Rast setzten wir unseren Ritt fort an den ziemlich verfallenen Pyramiden von Abousir vorbei und dann am Rande der Wüste fort gegen die großen Pyramiden von Gizeh. Mit dem Elnök und Bechtolsheim machte ich einen langen scharfen Galopp und traf lang vor den andern nach 3 Uhr bei den Pyramiden ein, wo wir Prokesch mit seinem Sohne fanden. Die höchste dieser wohlerhaltenen Pyramiden, die zugleich die höchste überhaupt existierende ist, ist das Grab Cheops und so hoch wie der Stephansturm; daneben steht eine zweite, beinahe ebenso hohe, die besonders dadurch interessant ist, daß die Spitze noch die ursprüngliche glatte Verkleidung hat. Dann ist noch eine dritte bedeutend kleinere und noch eine ganz kleine Pyramide da, alles von einer Menge unterirdischen Gräbern umgeben, die fast alle schon aufgedeckt und durchsucht wurden und nun wieder verschüttet sind. Vor der größten Pyramide stehen drei schöne Bäume, die mitten im Sande einen wohltuenden Eindruck machen, und liegt der kolossale aus einem Felsblock gehauene Sphinx, dessen langer Körper in Form eines Löwen zur Hälfte unter dem Sande liegt, während der menschliche Kopf, der das Portrait eines Königs sein soll, hoch emporragt und noch ziemlich gut erhalten ist bis auf die Nase, die von den Mamelucken mit Kanonen weggeschossen wurde. Gleich neben dem Sphinx geht man in einen unterirdischen, aus enormen Rosengranit- und Alabasterblöcken gebauten Tempel, der mehrere kolossale Granitsäulen und einige Gänge, Seitengemächer und tiefe Nischen enthält, alles ohne jegliche Verzierung oder Inschrift, aber sehr gut erhalten. Neben diesem Tempel ist noch ein besonders tief gelegenes, noch ganz aufgedecktes Grab zu sehen, das aus einem in den Felsen gehauenen viereckigen, sehr großen und 70 Fuß tiefen Schacht besteht, in welchem man einen steinernen Sarkophag und unter dem zurückgeschobenen Deckel desselben einen steinernen, schwarzen, eine menschliche Figur vorstellenden Mumiendeckel sieht. Der einzige Eingang zu diesem Grabe ist eine Art senkrechter Kamin ohne Stufen, in welchem die Beduinen wie Affen ohne Strick die 70 Fuß hinunterklettern. Es ist haarsträubend! Im Schatten der großen Pyramide ruhten wir ein wenig, bis unsere ganze Karawane nach und nach eintraf, und nahmen etwas Obst und Wein, um uns für die bevorstehenden Strapazen zu stärken, und dachten mit einiger Befangenheit daran, daß wir diese so hohe und steile Pyramide besteigen sollten. Endlich setzten wir uns in Bewegung und als wir zu dem Punkte kamen, wo man die Besteigung beginnt, stürzten dreißig bis vierzig Beduinen auf uns und besonders auf mich los, denn jeder wollte mich führen. Ich war in Gefahr, zerrissen zu werden, und wir machten uns durch ausgiebige Benützung unserer Stöcke Luft, bis es gelang, insoweit Ordnung in die Sache zu bringen, daß jedem von uns zwei bis drei Beduinen zugeteilt wurden, um uns hinaufzuhelfen. Nun begann die Ascension in ziemlich scharfem Tempo, indem je ein Beduine eine meiner Hände ergriff, während der dritte folgte, um bei den höheren zu ersteigenden Steinblöcken hinten nachzuschieben, was aber bei mir nur fünf- bis sechsmal notwendig war. Meine Übung im Bergsteigen kam mir sehr zugute und es sind die Beduinen sehr geschickt, stark und sicher. Sie haben meist nur ein Hemd an, sodaß man beim Steigen viel sieht, was der Grund sein soll, daß die Engländerinnen die Pyramiden so gerne und viel besteigen. Anfangs frappiert die Expedition etwas, besonders wenn man über die steile Fläche hinuntersieht und die Leute und Gegenstände immer kleiner erscheinen, bald gewöhnt man es aber und bei der immer zunehmenden Geschwindigkeit des Steigens ist man zu sehr mit dem richtigen Auftreten beschäftigt, um an Schwindel denken zu können. Am halben Weg ist ein kleiner Raum von Steinblöcken freigemacht, wo wir einige Minuten ausruhten und die Frage diskutierten, ob wir weitersteigen sollten. Ich entschied dafür und erreichte mit meinen Beduinen unter Hurrageschrei derselben in rasender Geschwindigkeit als Erster die Spitze. Die ganze Besteigung hatte siebzehn Minuten gedauert. Oben ist eine Fläche, die Raum für ungefähr vierzig Personen bietet, und die Aussicht sehr schön, auf der einen Seite gegen Cairo, das man gut sieht, und über dasselbe hinaus, dann den Nil hinunter bis über das Barrage, auf der anderen Seite weit in die Wüste hinein und auf die anderen Pyramiden, während zu den Füßen die Sphinx und die Spuren der vielen Gräber liegen. In der Richtung gegen den Nil sieht man noch Reste des Dammes, auf welchem die Steine für den Bau von Nil und den über demselben gelegenen Höhlen gebracht wurden. In fünfzehn Minuten vollführten wir das Heruntersteigen und fanden unten den Khedive, der während unserer Abwesenheit gekommen war. Auf einer durch die Überschwemmung entstandenen Wasserfläche sahen wir eine große Schar Pelikane, die in der untergehenden Sonne rosenrot schimmerten und bald näherte sich hoch in der Luft eine noch zahlreichere Schar dieser Riesenvögel und fiel zu den anderen auf dem Wasser ein. Ein schöner Anblick! Wir erlebten dann einen Sonnenuntergang, wie man ihn nicht für möglich halten sollte. Ein dunkelrotes Glühen der Wüstenberge hinter Cairo und unter denselben violetten Tinten, wie man es in unseren Gegenden nie sehen kann, dabei warf die große Pyramide ihren scharf abgegrenzten Schatten bis Cairo, was einen frappanten Eindruck machte. In einem sehr garstigen kleinen Haus, das der Khedive neben der Pyramide hat, speisten wir mit ihm und dann wurde die große Pyramide in ihrer ganzen Höhe mit bengalischem Feuer beleuchtet, was einen herrlichen Effekt machte. Nun gingen wir wieder gegen die Pyramide, um in das Innere derselben zu steigen. Abermaliger Überfall der Beduinen und abermalige Anwendung der Stöcke, was um so notwendiger war, als der Eingang in die Pyramide sehr eng ist und die nachdrängenden Araber mich fast erdrückt hätten. Mit Lichtern versehen und unter Führung der Beduinen ging es nun hinein, zuerst steil bergab auf glattem Steinboden und in tief gebückter Stellung, weil der schmale Gang sehr nieder ist, dann geht es ein Stück eben, dann kommt eine ziemlich hohe Steinwand, über die man von den Beduinen hinaufgehoben wird, dann geht es steil bergauf in einen ziemlich hohen Gang, wo man nur mit Hilfe der bloßfüßigen Beduinen fortkommt, da man sonst beständig abrutschen würde, und endlich nach vielen Mühen und noch mehr Schwitzen kriecht man durch einen niederen Eingang in ein in Stein gehauenes Zimmer, in welchem der steinerne Sarkophag des Königs steht. Bald war der Raum mit uns allen und den Beduinen angefüllt, eine Hitze und ein Dunst zum Ersticken, und nun führten die Beduinen unter großem Geschrei und Händeklatschen einen Nationaltanz, eine Art Cancan auf.

Nun ging es den nämlichen Weg zurück, wobei mich die Beduinen über die steilsten und glattesten Stellen auf ihren Rücken trugen, was kein angenehmes Gefühl war. Mit Freude atmeten wir wieder die freie Luft und gleich darauf fuhr ich mit dem Khedive in einer starken Stunde in das Palais von Gesvieh zurück, wo wir um 9 Uhr ankamen und ich gleich schlafen ging.

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