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Zu Füßen des Monarchen

Louise von François: Zu Füßen des Monarchen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorLouise von François
titleZu Füßen des Monarchen
publisherInsel Verlag
year1918
firstpub1881
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180216
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Chamonix, den 31. Juli 1873.

Die Arve rauscht zu meinen Füßen, und über der Flegère ist das Siebengestirn aufgestiegen. Als ich das »geliebte Tal« betrat, war die Sonne im Sinken. Der Trümmergipfel des Brenet lag schon im Dunkel; drüben aber leuchtete das Haupt des Monarchen, und sein langes, weißes Gewand war mit Goldglanz übergossen.

Während meiner Tagesfahrt auf der Genfer Straße hatte ich wiederholt die alte Majestät, lugend über einer Schlucht, so dicht mir gegenüber gesehen, daß ich vor entzücktem Schreck die schuldige Reverenz vergaß; kaum aber in verständige Touristenstimmung zurückversetzt, war die hohe Erscheinung entschwunden, so jach als sie aufgetaucht. Majestäten-Los: einen Augenblick zu blenden, um dann von niederen Geschieben verdrängt zu werden und erst in der Ferne dauernd zu leuchten!

Nun jedoch, da ich den blaßgrünen Teppich seiner Thronstufe betreten hatte, neigte ich mich ehrfürchtig und sehnsüchtig vor dem Unerreichbaren, wennschon er mir in seiner breiten Entfaltung, mit dem weiten Umkreis seines Speer und Morgenstern tragenden Heergefolges längst nicht mehr von so überwältigender Größe erschien, wie als flüchtiges Einzelwesen aus der Tiefe einer Schlucht. Dann aber winkte ich ihm vertraulich einen Gruß zu von dir, mein Freund, dem Starkgemuten, dessen Lust es so manches Jahr gewesen ist und, will es Gott! so manches Jahr noch bleiben wird, in die Falten seines Königsmantels zu dringen, tief hinein und hoch hinauf, der Sonne am nächsten in der Hemisphäre des Nordens.

307 Und siehe: der hohe Herr verstand meine Huldigung, denn wie ein Rosenschimmer der Jugend flog es über seinen weißen Scheitel, und noch jetzt leuchtet es dort oben und funkelt, mit den aufsteigenden Sternen um die Wette, hinab in das stille, nächtige Tal.

Nun aber genug des hyperbolischen Zolls, welchen die alte Vase ihrem Dichterfreunde an seiner Lieblingsstätte dargebracht. Lächelt er erinnerungsfroh, hat sie eine Reisefreude mehr; lacht er die gute Seele aus, keine weniger. Fortan aber wird, statt vom Monarchen und seiner Thronstufe, vom Montblanc und dem Chamonixtale die Rede sein.

Oder auch das nicht einmal. Denn welche Neuigkeiten wüßte die Stümperin in der Reisekunst dem Virtuosen in derselben in so erhabenen Regionen vorzutragen? Nicht von lange vertrauten Firnen und Gletschern, von der weit länger vertrauten Freundin wolltest du hören, als du dir aus ihrer ersten Raststation einen Plauderbrief versprechen ließest. Von ihr also.

Da mir ein Unterkommen gesichert war, verließ ich Gefährt und Gefährten vor dem Eingang in den Weiler und schlug, das wunderklare Abendbild zu genießen, einen Feldweg ein, der rückwärts der Häuser bis zur Kirche und von da hinaus zum Waldesrande führt. Zwischen schmalen, mageren Kartoffel- und Haferfeldern links und noch schmaleren, noch magerern Dunghöfen rechts ein einsamer Fußsteig, wie in anderen hohen Gebirgsdörfern auch. Desgleichen wimmelte und wogte es auf dem Platze, den ich von der Höhe der Prieuré aus überschaute, just so wie es in andern vielbeliebten Touristenstationen zu wimmeln und zu wogen pflegt. Fußwanderer, Maultierkarawanen, 308 leichte Wägelchen zogen talauf, talab; Herberge und Abendtisch wurden gesucht, Schnitzwaren, Photographien und Quincaillerien feilgeboten. Nahe dem Hotel Imperial war ein mächtiges Teleskop aufgestellt, um welches die Schaulustigen sich drängten. Auch ich stieg die Kirchstufen hinab und blickte durch das Riesenglas nach der Kuppel des Dôme du gouté, den ich bisher, wie klügere Reisende nicht minder, für den höchsten Gipfel des Gebirgsstockes gehalten hatte. Richtige Größenschätzung, allerorten schwer, ist da am schwersten, wo man der zu schätzenden Größe am nächsten steht: so vor allem einem Gipfel in einem hohen Alpentale, oder einem Propheten in seinem Vaterlande.

Eine Anzahl schwärzlicher Punkte hob sich auf halber Höhe von der blendenden Fläche ab, wie Ameisen krabbelnd auf einem marmornen Jovisbild. Wir verfolgten sie mit lautem Interesse. Es sollten auf- und abklimmende Besteiger von heute und gestern sein, die in den grands mûlets zu nächtigen gedachten, und eine Dame soll sich unter ihnen befinden. Denn, Freund, allzu stolz darfst du dich nicht mehr deiner Alpenwagnisse rühmen, da es ja gar keine Seltenheit mehr ist, daß das schwache Geschlecht dir selbige wettmacht; und nicht hochgemute, ledige Töchter Albions oder Fortschrittsdamen der Neuen Welt allein klimmen zum Gipfel des weißen Berges hinan, auch zartfüßige Französinnen tänzeln patriotisch ihnen nach, seitdem der höchste Punkt Europas, zur Hälfte wenigstens, vaterländisches Dominium geworden ist. Als heutige Heroine wurde sogar eine Flachländerin par excellence, eine Holländerin, genannt, und nur nicht eine einzige deutsche Landsmännin habe ich leider ob eines Bravourstückes gleicher Art rühmen hören. In den unvergleichlich klaren, 309 warmen Hochsommertagen dieses Jahres soll die Gipfellust allhier nun flotter denn jemals im Schwange sein; kaum ein Morgen vergeht, ohne daß nicht Böllerschüsse den Aufbruch einer Karawane, kaum ein Abend, daß sie nicht die glückliche Heimkehr der gestrigen verkündeten. Von allen Kundigen hörte ich indes deine Ansicht bestätigen, daß das Ersteigen des Montblanc weniger gefahrvoll und, die unbehagliche Nachtherberge halben Wegs abgerechnet, auch weniger anstrengend sei als manche, die dem Touristen weit minder imponiert. Was aber der Mühe Lohn anbelangt, nichts für ungut, Freund, es gibt aufrichtige Philister, welche die Umschau von solcher Höhe für einen Phantasiegenuß erklären.

Ich stieg die Stufen wieder hinan und blickte in das stille Totengehöft, das die Kirche umschließt. Wen lockte nicht ein Ruheplatz mit ewigen, weißverschleierten Grabeswächtern? Schon in der Schweiz war mir der nüchterne Ordnungssinn der ländlichen Gottesäcker aufgefallen. Bei uns sind sie selbst in Städten nicht häufig so regelrecht angelegt und fest ummauert wie hier im ärmsten Weiler; in manchem unserer Dörfer fehlt sogar ein Zaun, und der Hirtenhund hat Not, die unschuldigen Weidelämmchen von den verlockenden grünen Hügeln zu vertreiben, die nur vereinzelt durch eine Gedenktafel, ein Holzkreuz oder gar ein Gitter ausgezeichnet sind. Aber es sind bei uns eben grüne Hügel, mit Rasen oder Schlingpflanzen belegt, und selbst dem Ärmsten fehlt im Sommer selten ein Nelkenstock oder Goldlack. Am Feierabend ziehen die Leute hinaus mit Gießkannen und Spaten, ihr kleines Gartenbeet zu pflegen, die einzige Scholle, die der Mehrzahl zu eigen und unter deren verwelklicher Hülle sie etwas Unverwelkliches 310 ahnt. Der Wohlhabende legt einen Kranz auf dem Hügel seines Geschiedenen nieder, von dem Armen wird im zerbrochenen Wasserkrug ein Strauß Vergißmeinnicht eingesenkt, Wehmutstropfen, die im Tagewerk verstocken, regnen auf die Liebesspende.

So viel Totenhöfe ich jedoch in den Weilern der Alpen überblickte – die der größeren Städte gleichen sich ja aller Lande mit mehr oder minder kostbarem Modeschmuck –, in jenen aber glichen sie einem brachliegenden Ackerfelde, auf welchem linealgerecht schwarze Eisenkreuzchen, Namen und Daten bezeichnend, gleichartig wie Wegweiser, sich eines an das andere reihen; keine Blume, kein Baum, kein frischer oder welker Kranz und weder früh am Morgen noch spät am Abend ein Einkehrender in dem verschlossenen Gehöft. Die Hügelwellen, sonder Rasendecke, wehen ihren Staub ineinander, und das in dem Lande, welches nächst Britannien für das grünste in Europa gilt. Schließt die strenge Hoheit der Natur den Sinn für das Freundliche aus? Ist es eine Art von Askese? Oder wird der einzelne Mensch, da ja Gemeinde und Kirche für Ordnung und Schicklichkeit Sorge tragen, unter der Allgewalt elementarer Fährnisse nur so todgewohnt, um Erde gleichgültig wieder Erde werden zu lassen, während das deutsche Gemüt sehnsüchtig noch an der Scholle hängt als der letzten Spur von einem geliebten Leben? Kenne ich unser Volk recht – ich meine nicht das Volk von Dichtern und Denkern, die Gesundheitslehrer eingeschlossen, sondern was noch außerdem geboren wird, freit und stirbt, die misera plebs an der Spitze –, Mord und Totschlag gäbe es, wenn es gezwungen werden sollte, seine Entseelten, kaum daß sie erkaltet, in einem Schmorofen verdampfen zu lassen. »Wenn der Funken sprüht, wenn 311 die Asche glüht, fliegen wir nicht mehr alten Göttern zu,« wir hoffen auf einen stillen, dunklen Mutterschoß gleich dem, durch welchen wir an das Erdenlicht und an geöffnete Vaterarme gedrungen sind; wir, Freund, sage ich, denn ich zähle mich auch in diesem Betracht zu der misera plebs. Notabene: mit meiner eigenen Person, will sagen meinem dereinstigen Leichnam, magst du getrost nach deiner Weisheit und deiner Dichterempfindung verfahren; rascher oder langsamer in seine Elemente aufgelöst, wird er in guter Ruh geborgen sein. Nur als Kadaver-Kultus soll man die Liebe zu unseren Gräbern nicht verspotten und zumal in unserer Zeit jeden Zug von Gemüt wie ein Heiligtum hegen.

*

Der kleine Friedhof der Prieuré glich an lebloser Einförmigkeit denen der Schweiz, wiewohl in den savoyischen Ortschaften, durch die ich kam, Blumen mehr als diesseits des Leman gepflegt zu werden scheinen und eine gartenartige Kultur auf dem kleinsten, bebaubaren Erdbrocken waltet. An dieser betriebsamen Emsigkeit und dem Sinn für Zierat erkennt man der Bewohner französische Stammverwandtschaft, welche das Einleben in das neue Regiment so natürlich und rasch bewirkt hat. Ich habe keinen Savoyarden gesprochen, von keinem sprechen hören, der nicht gern französischer Bürger geworden wäre oder auch nur eine laut anhängliche Treue an das Königtum, dessen Wiege zwischen diesen Bergen gestanden, geäußert hätte, während mancher wehmütig des Kaisers gedenkt, welcher diese königliche Alpenwiege um hohen Blutpreis seinem Reiche erhandelte. Napoleon hat vielleicht über keine ergebeneren Untertanen geboten als die, welche es zuletzt geworden sind. Auch danken sie ihm noch außer seinen Verdiensten um die 312 wirtschaftliche Entwicklung des französischen Volkes im allgemeinen mancherlei lokale Förderung. Nach seinem Besuche in den ersten sechziger Jahren wurde die neue Genfer Straße das Arvetal aufwärts geführt, so daß die schweren Diligencewagen jetzt bequem das Chamonix erreichen. Auch den Saumpfad nach dem Montanvert und manchen seinesgleichen würdest du seit deinem letzten savoyischen Aufenthalte bedeutend gangbarer finden und den Touristenschwarm zahllos vermehrt. Alles das, direkt oder indirekt, durch den Erneuerer des Empire.

»Und doch, wer denkt noch an ihn?« so klagte einer seiner Getreuen, nicht ein Savoyarde, sondern ein echtes Pariser Blut, mit welchem ich das Kabriolett von Genf ab teilte und der sich, in Ermangelung einer schönen Landsmännin, die unschöne Barbarin als Auditorium für seine politischen Herzensergießungen gefallen ließ. »Wer denkt noch an ihn? Das Individuum ist undankbar von Natur; aber nichts Undankbareres als ein Volk, sobald die Chance des Unglücks über seinen Herrscher gekommen ist.« Die alte Preußin gedachte in frohem Rückblick der Treue ihres Volkes während seiner schwersten Zeit, war aber gutmütig genug, den Widerspruch für sich zu behalten.

Mein Auge richtete sich über den Friedhof hinweg in den Garten der Prieuré. Nichts Blühendes auch hier. Ein Priester in schwarzer Soutane, den breiten Krempenhut tief in die Stirn gedrückt, den Rosenkranz in der Hand, schritt zwischen den armseligen Gemüsebeeten und der Klostermauer gleichen Trittes hin und wider, ohne den Blick ein einziges Mal vom Boden zu erheben, weder auswärts in das laute Straßengewühl, noch hinauf zu den stillen, leuchtenden Firnen. – Was sinnt er? Ist er noch jung? Gleicht 313 er wohl jenem früheren, den ich im Geiste oftmals diesen stillen Pfad entlang wandeln sah, bleich und schlank wie ein Lamartinescher Vikar, und der – –

Aber was weißt du, Freund, von Père Anselme? Und was weiß ich selbst von ihm? Noch ist auch die Reihe nicht an ihm; denn einem Dichter gegenüber muß selbst in einem Plauderbriefe auf eine gewisse Spannung Bedacht genommen werden. Morgen erzähle ich dir ein Novellchen, ein selbsterlebtes obendrein. Heute abend folge mir noch geduldig zwischen den Haferfeldern hinan bis zum Waldesrande, wo eine einzelnstehende freundliche Villa mich als Luftschloß für einen Sommer der Zukunft lockte. Eine muntere Gesellschaft bewegte sich auf der wohlgepflegten Gartenterrasse; es war eine klare, wonnig milde Nacht, man hätte sie selbst auf dieser Höhe ohne Frösteln verträumen können.

Vollständig Nacht wurde es nicht; so durchsichtig war die Luft, so sonnig übergoldet strahlten noch drüben die weißen Riesenhäupter; selbst die grauen Nadeln des Steinwaldes, der die Gipfel umlagert, das Eis des Stromes, der sich von ihnen absenkt, waren vom Widerschein rötlich überhaucht. Unten im Tal wurde ein Lichtchen nach dem andern angezündet; droben über den Firnen stieg ein Sternbild nach dem andern auf. Fuß fassen im Grunde und ein klarer Höhenblick, ist das nicht bestenfalls die Summe unseres Erdenlebens?

Ob aber die unternehmenden Leute, die ich mit dem Augenglase sogar jetzt noch gleich schwarzen Pünktchen auf der weißen Decke klimmen und gleiten sehe, ob sie dieselbe frohe Auf- und Niederschau haben wie ich auf grüner Mittelhöhe? Ob Erde wie Himmel ihnen nicht in einem Chaos 314 von Dunst und Nebel verschwinden werden? Wie vielen Helden lohnt das Ziel die Mühe des Erreichens? In dem Bahnbrechen liegt der treibende Reiz; mit den Hindernissen wächst die Leidenschaft, sie zu überwinden. Droben aber auf dem einsamen Gipfel verschwindet der durchmessene Raum grau in grau, und wie selten ist der Glückliche, dem noch ein Streifchen Himmelblau lächelt. Größenenthusiast, hat die alte Base recht?

In bänglicher Aufregung, unter wirrem Straßenlärm hatte ich die Höhe über der Kirche erstiegen; als ich mich endlich zum Rückweg entschloß, war es ruhig in mir geworden und auch im Tale totenstill. Selbst der einsame Priester hatte seinen Wandelgang eingestellt. Die letzte gemeinsame Speisestunde war längst vorüber, zum Schlafen aber die Luft in dem einsamen Kabinett noch zu schwül. Ich machte mir in dem zum Hotel gehörigen Gartenhäuschen, das sich stolz chalet de l'impératrice benennt, zwischen allerlei Gerümpel einen Platz zurecht, ließ mir eine Lampe dahin bringen und las, während ich meinen Tee genoß, in Goethes Schweizerreise, die mich auf der meinen treulich begleitet hat.

Denn wo auch immer ein großes Schönheitsbild mir die Seele recht innig mit »der Ruhe des Erhabenen« durchdrungen hat, da war es fast ohne Ausnahme der alte Dichterfreund, der sie vorempfindend geklärt, und sooft ich in Gedanken ihm auf der Straße gefolgt bin, die er vor nahezu hundert Jahren mit seinem fürstlichen Freunde, jugendmutig unter halsbrechenden Wagnissen, in rauhem November, aus dem Chamonixtal in das Ursenertal gezogen ist, da habe ich ihm nachempfunden, »wie die ewig innerliche Kraft der Natur sich ahnungsvoll durch jeden 315 Nerv bewegt«; die ewig innerliche Kraft, die seinen Nerv bis über das Patriarchenalter hinaus regieren sollte.

Heute aber, wo ich seinen Fußspuren nicht bloß in Gedanken gefolgt bin und noch weiter zu folgen gedenke, da spreche ich aus Erfahrung und in Erwartung ihm nach:

»Wie in jedem Menschen, selbst dem gemeinen, sonderbare Spuren übrigbleiben, wenn er einmal bei großen, ungewöhnlichen Handlungen gegenwärtig gewesen ist, wie er sich an diesem Flecke gleichsam größer fühlt, unermüdlich ebendasselbe erzählend wiederholt, und so einen Schatz für sein ganzes Leben gewonnen hat, so ist es auch dem Menschen, der solche große Gegenstände der Natur gesehen und mit ihnen vertraut geworden ist. Er hat, wenn er diese Eindrücke zu wahren, sie mit anderen entstehenden Empfindungen und Erfahrungen zu einen weiß, ein Gewürz erworben, womit er den unschmackhaften Teil des Lebens verbessern und ihm einen durchziehenden guten Geschmack geben kann.«

Nach diesem Satz klappte ich das Buch zu und begann meinen Plauderbrief. Dem Freunde aber möge das obige Zitat als Erklärung dienen auf die Frage, die ich seit der Überschrift »Chamonix« in seinen verwunderten Augen lese:

»Als wir uns trennten, bei vierundzwanzig Grad Réaumur im Schatten, dachtest du an nichts weiteres als an eine stille Sommerfrische, etwa in Meißenstein oder Beckenried. Wie kommst du nun plötzlich über die heiße Lemanzone hinweg in das Tal der Prieuré? Hat das Fieber der Neugier dich gepackt? Hat am Ende gar ein gelinder Sonnenstich dich so, gegen deine Gewohnheit, ruhelos gemacht?«

Keines von beiden, Freund. – Aber da schlägt es auf 316 dem Turm der alten Klosterkirche Mitternacht. Alle guten Geister loben den Herrn! Du lösest ja gern Rätsel. Zerbrich dir bis morgen den Kopf darüber, wie das Goethesche Zitat der alten Base Besuch im Chamonix erklärt. Gute Nacht! –

*

Ich mag an Bewegung und Bewunderung mich gestern übernommen haben, denn mein Schlaf war durchsichtig, und nach dem Erwachen sehnte ich mich statt nach der vorgesetzten Wanderung nach stillem Ausruhen.

Es ist ein taufrischer Morgen, die Sonne noch nicht in die Talmulde gedrungen; über ihrem lichtgrünen Teppich lagern noch nächtige Schatten, an jedem Hälmchen glitzert eine Perle; aber kein Nebelhauch, kein phantastischer Brodem hindert den freien Ausblick zur Höhe, klar und scharf wie gestern im Abendgold heben sich Firnen und Nadeln vom Azur des Himmels ab; die weißen Häupter leuchten, die Eisströme blinken gleich einem Silbergruß; nordwärts aber über den blaugrünen Nadelwäldern vom Brévent bis zum Col de Balme sind die dunklen Granitmauern mit violetten Tinten übergossen.

Mein heuriges Reiseglück hat mir jeden Tag ein so reines Morgenbild gegönnt; mich dünkt jedoch, daß die Szenerie der Alpen bei sinkender Sonne am ergreifendsten wirkt. Den Aufgang lobe ich mir in unseren Heimatsauen in Erwartung eines gedeihlichen Tagewerks.

Es war noch still im Hotel, als ich zu einer Umschau nach der Lughöhe ausbrach, nun bei der Rückkehr rüsten sich die Karawanen zum Aufbruch; das comptoir des guides ist belagert, die Maultiere werden vorgeführt, im Speisesaal wird mit Hast ein Frühstück eingenommen. 317 Ich habe meine Wanderung bis zum Nachmittag verschoben und sitze wieder im Chalet der Kaiserin, um mein Reisenovellchen bis zum Anfang des Endes zu fördern und hoffentlich durch diese Aussprache so ruhig und klaren Sinnes zu werden, wie ich törichter- und ärgerlicherweise seit Tagen und Nächten verlernt habe, es zu sein. Zunächst also zur Antwort auf die Frage, mit deren Voraussetzung ich meine gestrige Epistel schloß.

Nein, Freund, weder das Neugier- noch das Sonnenfieber, eine Erinnerung war es, welche mich jählings unwiderstehlich über das vorgesetzte Ziel hinausgetrieben hat. Denn – so schier Unglaubliches kann hinter dem Rücken des ältesten Kameraden geschehen! – denn nicht zum ersten Male habe ich die Lemanzone überschritten und nicht zum ersten Male mit dem Namensrufe »Albrecht« seinen geliebten weißen Berg begrüßt. Ja, ein Erinnerungsduft! Und zwar nicht jene »sonderbare Spur«, welche große Natureindrücke in der Seele hinterlassen, nur das Arom einer kleinen Alpenblume stieg plötzlich vor meinen Sinnen auf und umwehte mich Schritt für Schritt bis zu der Stelle, wo ich das Blümchen blühen sah.

Damit du nun aber die Stimmung treulich nachfühlest, die mich zum zweiten – nein, zum dritten Male – hinan zur Arvequelle gelockt, muß ich dir ein kleines Erlebnis vortragen, ein Herzensgeschichtchen, mit dessen Genesis die einzige dunkle Lücke in unserem Freundesleben gleichzeitig aufgeklärt und ausgefüllt werden wird.

Zehn Jahre sind es her, Freund Albrecht, und heute, wo die Stimmungen jener Tage spurlos verklungen sind, heute wirst du herablassend oder wohl gar ungläubig lächeln, wenn ich die Torheit in dein Gedächtnis zurück 318rufe, mit welcher du dazumal schmolltest und grolltest, als die nüchterne, eigensinnige Base dich zu überzeugen bemühte, daß eine gute Kameradin und Quasischwester von Kindesbeinen an, der es beschieden gewesen war, in ihres Kameraden Jugendlenz die Rolle zu spielen, welche unserer überrheinischen Nachbarn erotischer Intellekt der cousine inévitable zuweist, im empfindsamen Deutsch aber »erste Liebe« genannt wird, die dann späterhin, nachdem besagter Kamerad sich in Dichtung und Wahrheit durch manch loderndes Feuerwerk über das Ausblasen des ersten Flämmchens getröstet hatte,- gründlich getröstet, Freund! – jenes Flämmchen in einem Winkel seiner Phantasie wieder aufflackern sah, als ihr, der Base, das Glück zuteil ward, dem tapferen Vetter einen vor Düppel zerschossenen Arm unter ihrem Dache heil zu pflegen; daß, sage ich, sotane Base und Kameradin behauptete und standfest bei ihrer These blieb: Dreißig Jahre bei Mann und Frau seien verschiedene Größen, und gut Freund sein und Mann und Frau sein, das sei auch zweierlei.

Ja, dazumal schmolltest und grolltest du, wendetest die Augen von der »Weisheit Salomonis« ab, zogst in der Welt umher nach Nord und Süd, zweimal auch in den Krieg. Neulich aber, wo ich deinen Erstgeborenen über die Taufe hielt, während dein holdes, junges Weib das Haupt an deine Schultern schmiegte, da sprach es aus dem Schimmer deiner feuchten Augen und deinem stummen Händedruck: »Dieses Glück danke ich dir!« Ich aber fühlte mich stolz und froh, mir einen so guten, vielleicht den besten Dank im Leben verdient zu haben, und so sagte ich und sage heute wieder: »Freund, bewahre deinen Himmel vor dem Dunst der Leidenschaften, deine Stirn sei Sonne.«

319 In jener Zeit jedoch, als du in solchem Mißmut von mir geschieden warst und ich mir – zum ersten Male nicht bloß in Gedanken –Schwingen anheftete, um in die Stille der Berge zu flüchten, in jener Zeit – dieser nachträgliche Triumph sei der gekränkten Eitelkeit des vermeintlichen Amoroso gegönnt –war ich weit entfernt, meiner Weisheit froh zu sein. Denn die Früchte der gesunden Vernunft reifen wohl allgemach, aber viel, viel langsamer als alle übrigen süßen oder bitteren Erdenfrüchte. Sie gleichen dem Kern der Nuß unter harter Schale. Das Herz deuchte mir schier aus der Brust gefallen, die Zukunft kahl und kalt wie die Felsenhäupter, denen ich Schritt um Schritt näher rückte.

Um mit reinem Entzücken die Welt von solchen Höhen zu betrachten, muß man die Illusionen des Herzens noch nicht eingebüßt oder mit ihnen abgeschlossen haben; will sagen: jung sein oder alt. Ich wußte mich nicht mehr das eine und fühlte mich noch nicht das andere. Die natürlichsten Bande hatten sich mir vor der Zeit gelöst, überkommene Pflichten mich frei gelassen; nun hatte sich mir auch der Freund entzogen, der Bruder, mit dem ich Kind gewesen, das heißt: durch die haftendsten Erinnerungen verbunden war, der frohe Gesell, mit dem ich am glücklichsten gelacht und dessen Dichtersinn manche duftige Blüte in mein Dasein gewoben hatte. Entzogen vielleicht nur auf Jahr und Tag. Wer aber, was hilft über Jahr und Tag der Vereinsamung hinweg?

In solcher Stimmung, ohne Neugier und doch ruhelos, eilte ich von Station zu Station; all mein Sinnen, mein Genießen wurde zu Erinnerungen, das Gewimmel von heute zu einem gestrigen. Schilt es nicht Ungebühr, Freund, 320 wenn ich für einen Zustand, den auch der Bescheidenste ein und das andere Mal im Laufe des Lebens erfahren wird, mich berufe auf den vollendetsten Ausdruck, den ein Dichter ihm gegeben: »Das, was verschwand, ward mir zu Wirklichkeiten.«

Nun kam ich nach Genf. Und wie ich einsam im leichten Boot mich von Ruhepunkt zu Ruhepunkt schaukeln ließ, da war es wiederum ein Zauberhauch, der mich umwehte, ein Auftauchen und Flüstern von Idealgestalten, die meine Jugend hold und reich gemacht hatten und die ich heute noch weniger als dazumal empfinde, wie ich sie einst empfand. Jean Jacques, armer Jean Jacques! Die Enkel der Bürger, die dich geächtet, haben dich verewigt auf dem schönsten Erdenfleckchen, über das sie zu gebieten hatten. Wer von den Weisen und Narren, die in hellen Haufen den blauen See umschwärmen, wendet nicht zuerst den Schritt nach der kleinen, schattigen Insel, die dein Bild und deinen Namen trägt. Das wimmelt um dich herum; die Kinder spielen, und ihre Bonnen stricken; Verdi und Lanner werden laut an deiner Weihestatt. Man schlürft Gefrorenes, Wein und sogar Bier. Dann und wann hebt ein Passant den Blick hinan zu deinem ernsten, abgehärmten Gesicht; der eine nickt, der andere schüttelt den Kopf, je nachdem er dich einen Märtyrer der Freiheit oder einen Eitelkeitstoren hat nennen hören; wie wenige von denen, welche dein Bild begaffen, haben auch nur eine Zeile von denen gelesen, die vor hundert Jahren mit Begeisterung verschlungen und von Henkershand vernichtet worden sind. Du sollst die Brandfackel in den Zunder der alten Welt geworfen haben. Der Brand glimmt und flackert heute noch, aber du – aber du – –

321 Nun, der Ruhm zum wenigsten bleibt dir unbestritten: du hast wie kein früherer den Herzenszug nach deinem Heimatsland erweckt, hast zuerst in deinen Dichtungen dem Naturgefühl die oberste Stimme, »dem modernen Epos« einen landschaftlichen Hintergrund gegeben, den nach dir kein Poet mehr missen mochte. Und wenn es dir auch nur halb gelang, deine Menschen ihrer erhabenen Umgebung gerecht erscheinen zu lassen, welchem größeren würde es mehr gelungen sein als dir? Denn hier am weinumrankten Sonnenufer deines Sees, in dessen azurblauer Fläche die ewigen Felsenhäupter sich spiegeln, hier tönt die Natur in Akkorden von Wollust und hehrem Ernst, deren Melodie den ärmsten Stümper ergreift, für welche der begnadetste Dichter jedoch den Text vergeblich suchen würde.

»Das Gefühl, das durch diese Szenerie erweckt wird, ist umfassenderer Natur als die bloße Sympathie mit den Gefühlen einzelner Menschen. Es ist zugleich ein Ahnen von dem Dasein der Liebe in ihrer ausgedehntesten, erhabensten Macht und von unserem Teilhaben an ihren Gaben und Herrlichkeiten. Es ist der große Grundsatz des Weltalls, daß wir unsere Individualität verlieren müssen, um uns mit der Schönheit des Ganzen zu verschmelzen. Hätte Rousseau auch nie gedichtet, nie gelebt, würden die gleichen Gedankenverbindungen durch diese Naturbilder erweckt worden sein. Er hat durch ihre Wahl nur das Interesse für seine Dichtung erhöht und gezeigt, wie tief er ihre Schönheit empfand. Sie aber haben für den Dichter getan, was menschliche Wesen für ihn zu tun nimmer imstande gewesen wären.«

Nach dieser »Note« vergegenwärtige dir, Albrecht, den 322 berauschenden Eindruck, welchen die Stanzen des Childe Harold von der Apostrophe an Rousseau ab bis zum Schluß des dritten Gesanges beim ersten gemeinsamen Lesen in unseren jungen Seelen bewirkten, und du wirst wissen, wer mir die erste Sehnsucht nach diesem Asyl der Liebe eingeflößt hat und wer den Reigen meiner Erinnerungen führte, als mein Fuß es endlich betrat. Du weißt ja, Freund, Lord Byron ist meine erste Liebe gewesen, wennschon er eine Reihe von Jahren tot war, als ich seinen Namen zum ersten Male nennen hörte, und die erste Liebe soll ja die reinste, die letzte aber die angenehmste sein.

Indessen hat sich die Vorrede zu meinem Geschichtchen so langatmig ausgesponnen, daß mir für das Geschichtchen selbst die Erzählerlaune nahezu verflogen ist. Ob ich es deiner Geduld am Ende ganz ersparte? Die Stimmung, der es entsprang, ist zur Genüge dargetan; Moral und Pointe hat es nicht und eine Folge nur insofern, als die Erinnerung daran mich gestern zum zweiten Male hinauf in das Chamonix lockte. Da diese zweite Expedition dir just nun aber verständlich gemacht werden soll, mußt du dich schon geduldig von mir zum ersten Male diesen Weg führen lassen.

Was mich eigentlich trieb, kann ich, da ich das Fieber der Reiseneugier von vornherein abgeleugnet habe, nicht zuverlässig mehr dartun. Vielleicht ein Sonnenbrand wie der heurige. Der August ist kein Monat für den Genfer See. Vielleicht ist es aber auch eine abkühlende Zugluft gewesen, – etwa ein Mahnwort Duenna Christianens, unseres alten »vernünftigen Prinzips«, – welche die Reverien und Revenants von Meillerie und Villa Diodati zu rechter Stunde verscheuchte. Genug, ich ging; freilich nicht heim, 323 wie Duenna Christiane es ersehnte, aber doch vom Flecke. Sie zog es vor, im Hotel des Bergues meine Rückkehr zu erwarten, da ein vernünftiges Prinzip sich schwer mit Maultier-Allüren befreundet, ich aber mich für die Tour vom Wallis aus entschieden hatte, eine Tour, die, du hast recht, Freund, ein jeder wählen sollte, der das Chamonix zum ersten Male betritt und noch über rüstige Gliedmaßen zu verfügen hat.

Du hast mir den zauberischen Doppelblick vom Col de Balme des öfteren geschildert, wie schwach aber sind Worte, selbst Dichterworte, für dieses Bild? Vorwärts: über dem meilenlangen, grünen Tale der weiße Monarch in ragender Majestät; rückwärts: das Haupt in rosige Schleier gehüllt, die stolze Jungfrau, umringt von ihren Riesenvasallen: es war der größte Natureindruck meines Lebens und ist es geblieben. Mit wie viel mächtigeren Schlägen noch als unten am Liebessee fühlen wir hier oben den Puls des Weltalls klopfen und unter diesen mächtigen Schlägen die Ruhe des Erhabenen einziehen in das begehrliche kleine Menschenherz! Ich fühlte mich in dieser Stunde wieder jung geworden – oder plötzlich alt.

Ich übernachtete im Pavillon des Col, nahm anderen Tages bei Wege die beliebten Seitentouren mit und erreichte sonach erst gegen Abend die Prieuré. Zu aufgeregt, um meine Ermüdung zu spüren, stieg ich, wie ich es gestern wiederum tat zu einem Gutenachtblick auf die Alpenhalle, die ersten Kirchstufen hinan, als ich durch ein eigenartiges Straßenbild zu meinen Füßen gefesselt wurde.

Inmitten eines Knäuels von Lohnkutschern, Hausknechten, Führern, Dorfkindern aller Größen stand, ein Chanson zum besten gebend, ein schnauzbärtiger Gesell in verwitterter 324 Bluse, langem, ungekämmtem Haar, mit nußbraunem, vielleicht noch niemals gewaschenem Angesicht. Das einzige Akkompagnement gewährten seine beweglichen Gliedmaßen, wie es denn auch auf goldenen Wohllaut weder dem Künstler noch seinem Publikum anzukommen schien. Meinen Ohren ist die Melodie allemal die Hauptsache. Nächstdem die Deklamation, und darin leistete der Mann sein erklecklich Teil. Die Stimme wechselte zwischen heroischem Gebrüll und sentimentalem Verhauchen; und jegliches Heben oder Fallen begleitete ein entsprechender Gestus. Mir fiel dieser und jener unserer heimischen Heldentenore ein, denen ein paar Vortragsstunden bei dem Natursänger des Chamonix guten Dienst geleistet haben würden. Es nahm sich wie reelle Begeisterung aus und wirkte auch als solche auf seine Zuhörerschaft, was der Mann donnernd, schmelzend, lallend, schluchzend, sich schüttelnd und zuckend mit Tönen, Blicken, Armen, Beinen und selbst mit seinem wilden Haarwuchs zum Ausdruck brachte. Der Chansonnier und sein Publikum waren eben Romanen, ob man nun Italiener oder Franzosen darunter verstehen mag.

Die Melodie, französischen Genres, war mir natürlich unbekannt. Auch aus den schnarrenden Gutturalen den Text zu unterscheiden, hielt schwer.

Indem ich mich langsam näherte, brachte ich jedoch heraus, daß es Bérangers »Lebewohl« der schönen schottischen Königin war, welches die Herzen der braven Chamoniarden so anteilsvoll bewegte:

Adieu, charmant pays de France,
Que je dois tant chérir;
Berceau de mon heureuse enfance,
Adieu, te quitter c'est mourir.

325 Mit diesem Refrain schloß der Sänger unter Ach und Weh. Ich glaube, daß echte Tränen dabei in seinen Schnurrbart tropften.

Vor ihm hatte sich, in der Ordnung eines Kranichzuges, ein Schwarm männlicher und weiblicher Gamins aufgestellt, der als freiwilliger oder gedungener Chorus den Refrain wiederholte. An seiner Spitze frappierte mich ein kleines, braunes Mädchen, barfüßig, mit losem, krausem Haar, die Ärmel des auffällig weißen Hemdes in die Höhe gestreift und auch dessen Schlußkrause, den Hals entblößend, aufgebunden. Ich hätte, ihrem Wuchs nach, die Kleine nicht höher als acht Jahr geschätzt, doch führte sie die Stimme mit einer Energie, die alle übrigen und selbst die des einfallenden Publikums beherrschte. Auch bei ihr war es keineswegs lauteres Gold, das sich der Kehle entrang, Takt und Rhythmus aber hielt sie wie eine Geschulte fest, und ihre lebhaften Mienen und Gesten, durchaus unabhängig von denen des weit hinter ihr stehenden Vorsängers, bekundeten ein naives Verständnis, das einen rührenden Eindruck bewirkte. Bei dem wiederholten Adieu neigte sie tief und langsam das Köpfchen; sie breitete die braunen, kleinen Arme aus und preßte darauf die flachen Kinderhände gegen die sichtbar unter dem Hemdchen wogende Brust; den Blick unverwandt auf den leuchtenden Montblancgipfel gerichtet, hob und senkte sie die nackten Füße, als ob sie eine Wiege schaukele, und bei dem Schlußworte » mourir« beugte sie sich mit geschlossenen Augen fast bis zum Boden. Dieses Kind hatte schon sterben sehen, oder es ahnte wenigstens, was in die Erde versenkt werden bedeutete.

Es war nur der Schlußvers des Chanson, dessen 326 Zeugin ich geworden. Der Blusenmann sammelte während des Chors die Centimestücke in seinem Hut. Auch ich entrichtete meinen Kunsttribut, und da ich ein seltsames Verlangen spürte, mir die kleine, leidenschaftliche Sängerin in der Nähe zu betrachten, machte ich den Versuch, mich durch die sich auflösende Menschenmauer zu drängen. Schon hatte sich jedoch der Zug die Dorfstraße abwärts entlang in Bewegung gesetzt, und so war ich im Begriff, die Kirchstufen wieder hinanzusteigen, als ich die Kleine zehn Schritte von mir stehen sah, wie sie, lachend über das ganze Gesicht, einem weit größeren, roten, vierschrötigen Jungen ein paar Kupfermünzen zusteckte.

Mich gewahr werden und mit ausgebreitetem Schürzchen mir entgegenspringen war eins. Ich warf ein Zehncentimesstück hinein, das sie wie einen Schatz mit großen Wunderaugen betrachtete.

» Mille grâces, Madame!« sagte sie darauf, warf mir eine Kußhand zu und dann mit dem Zuruf:» Tiens, Amédeé!« die Münze geschickt in des Jungen Mütze. Dann flog sie wie ein Vogel dem Schwarme nach, um sich wieder an die Spitze der singenden Kinderpyramide zu stellen.

Mir war schon während meiner Exkursionen am südlichen Lemanufer, ganz besonders aber während meiner heutigen Aufwärtsfahrt im Arvetal, die Intelligenz der Physiognomien und das muntere, gewandte Behaben der savoyischen Kinder aufgefallen; wahrhaft eine Sinnerquickung inmitten der Menge kropfiger Weiber und verstümmelter oder verkommener Männergestalten, welche sich, das Erbarmen herausfordernd, dem Reisenden in den Weg drängen.

327 Aber diese prächtigen Kinder! Ihre frühreife Entwicklung mag in der Rasse begründet sein; der lebhafte Fremdenverkehr und das zeitige Aufsichselbstgestelltwerden müssen sie jedoch fördern. Während ich diese funkeläugigen, fix und fertigen Dirnchen und Bürschchen ihr Wesen treiben sah, sie sonder Altklugheit, mit natürlicher Höflichkeit einem jeden gewandt Red und Antwort geben hörte, da stellte ich mir, nicht ohne landsmannschaftliche Schamröte, vor, wie dummdreist oder blöde, grob oder maulfaul die flachshaarigen, kleinen Dickköpfe unserer Dorfgassen und Vorstadtschulen bei ungewohnten Begegnungen sich gebärden. Im Vergleich zu den raschblütigen romanischen Völkern bedarf das unsere, so scheint's, einer sorgsameren, fortgesetzteren Kultur, wie des Individuums so der Gesamtheit von Schicht zu Schicht, von Geschlecht zu Geschlecht. Halten wir uns denn daran, daß dasselbe, gleich dem harten Obst, welches sein Boden vornehmlich zeugt – oder den Früchten der gesunden Vernunft, auf die ich mich heute schon einmal berufen habe –, in allmählichem Reisen nicht nur die früh entwickelten überdauern wird, sondern auch mannigfaltigerer Veredelung fähig ist.

So wie die kleine Sängerin hatte mich nun aber niemals ein heimisches oder fremdes Kind angesprochen, so ernsthaft lustig oder lustig ernst noch keines aus großen Wunderaugen angelacht. Braun, hager, aber doch rund und gesund, erinnerte sie mich an Murillos glückselige Betteljungen. Ich hätte, zu froher Erinnerung, sie mir gar gern photographieren lassen.

Indessen war die singende Gesellschaft im Gedränge der engen Dorfgasse gleichsam eingekeilt, ich mußte auf eine Wiederbegegnung verzichten. Da ich plötzlich einen 328 unleidlichen Druck über den Augen verspürte, gab ich meinen Abendspaziergang auf, ging in mein Hotel und legte mich alsobald nieder. Noch hörte ich eine Weile das Rauschen der Arve zu meinen Füßen und von fernher den ahnungsvollen Abschiedsgesang. Dann schlief ich ein.

Die Übermüdung hinderte jedoch jene gedeihliche Ruhe, die von keinen Traumgesichten weiß. Mehr als einmal wachte ich auf über einer Reminiszenz. Seltsam aber: niemals war es der Zauberblick des Col de Balme, mit dem mein Tag begonnen, es war das Bild des kleinen, braunen Mädchens, mit dem er geschlossen hatte, das mir vor der Seele stand, und das Rauschen der Arve klang mir bald wie ein Wiegen- und bald wie ein Sterbesang.

Ich hatte mir für den anderen Nachmittag eine Tour nach dem Montanvert vorgenommen, machte am Morgen daher nur einen Spaziergang, einsam ins Blaue hinein, wie ich es liebe, und in neuen Umgebungen zu allermeist. Es haben diese kleinen Entdeckungsreisen auf eigene Faust mir schon manches interessante Schauen und Begegnen eingetragen, das mir in Gesellschaft entgangen sein würde.

Ich ging talauf; aber nicht den Fahrweg, den ich gestern gekommen, sondern längs des Waldrandes am linken Ufer des Arveyron. Sein breites Kieselbett war in der Augusthitze ausgetrocknet bis auf ein schmales Gerinne, das ich leicht überschreiten konnte, bevor die Schlacken der Moräne, die sich vom glacier des bois absenkt, mir den Weg versperrten. Bis hierher soll einstmals das Gletschermeer sich erstreckt haben, und von Jahrhundert zu Jahrhundert weicht die Eisgrenze ja noch immer hinauf zurück. Wie hoch wohl noch in einem Zeitraum gleich dem, der verflossen, seitdem an unserem Rhein das Klima von 329 Finnland geherrscht haben soll, oder gar dem, seit welchem die Halbinsel des Sinai, die heute eine Wüste ist, dem Volke Mosis eine quellenreiche Nährstätte werden konnte?

Wie ich nun, einen kleinen Weiler mit seiner Arvebrücke zur Rechten, den Heimweg einschlug und auf gut Glück eine mit Unterholz bewachsene und mit Schuttbrocken überstreute Wiese durchschritt, da war von großer Natur freilich nicht mehr viel zu genießen; so hielt ich mich denn an die kleine, will sagen an die Blumen zwischen dem saftigen Gras und Moos. Es ist keine Alpenflora, die hier auf feucht durchsickertem Grunde blüht; nur die roten Nelken, die weißen Sternchen und blauen Glöckchen unserer Raine und Waldsäume lachten mich grüßend an, wenn schon größer und farbenprächtiger als in der Heimat ausgeprägt; die Heiderispen an erhöhten trocknen Rändern glänzten ganz karmoisin, das Kraut der Preiselbeere trug eine Purpurfarbe wie bei uns kaum die Frucht.

Während der ganzen Reise und schon wochenlang zuvor daheim hatte ich in meiner Herzenskränkung die alten Lieblinge geringschätzig übersehen, heute jedoch bückte, in plötzlich erwachter Kinderlust, ich mich unzählige Male und pflückte, was die Hände zu fassen vermochten, bis endlich ermüdet, unter stechender Mittagssonne, ich mich nach einem schattigen Ruheplatz zu sehnen begann. Einen Block oder Baumstumpf suchend, verirrte ich mich immer tiefer in das Gehölz und sah mich jählings wie in einem Labyrinth gefangen. Hier ein Quellchen aus dem Kiesgrunde sickernd, dort unter trügerischem Moos ein Morast; vor mir ein Graben, dessen steile Ränder loses Geröll, hinter mir undurchdringliches Strauch- und Rankengeschlinge; der Pfad, der mich in dieses Wirrsal gelockt, 330 spurlos verschwunden. Ich hörte die Arve zu meiner Rechten rauschen und durfte das trockne Bett des Arveyron kaum ein paar hundert Schritte zu meiner Linken vermuten. Die Prieuré mußte in einem Stündchen zu erreichen sein. Aber wie sie erreichen? Ich schlug mich nach allen Seiten: da hingen Hut und Haar fest im Gestrüpp, dort schleifte der Rock in eine Lache, der Sonnenschirm zerknickte, die verführenden Blümchen waren längst den Händen entglitten. Ich wollte über den Graben springen, stolperte und fiel in das Wasser; mühsam richtete ich mich in die Höhe und stand durchnäßt auf dem alten Flecke. Ich kam mir vor wie behext. Die hochstehende Sonne trocknete meine Kleider binnen wenigen Minuten, aber sie brannte auf den Kopf zum Versengen; der Hunger, den ich kurz zuvor gespürt, war mir in der Not vergangen, um so stärker quälte der Durst; ich netzte die Lippen an feuchten Kieseln, der Angstschweiß tropfte von meiner Stirne, ich war gänzlich ermattet.

Hätte ich nur ein Fleckchen entdeckt, schattig und trocken zugleich, auf das ich mich hätte strecken können; eine Viertelstunde Schlaf würde mich wieder zu mir selbst gebracht haben und ein Ausschlupf dann bald gefunden worden sein. Oder hätte ich nur ein menschliches Wesen errufen können! Aber auf meiner mehrstündigen Wanderung war mir keine Seele begegnet. Ich fing an zu weinen, nicht bloß aus Nervosität, sondern aus tiefem Mitleiden mit mir selbst; ich sah mich im Geist in dieser Wildnis von hundert Schritt im Geviert verschmachten, und das Leben war mir doch noch niemals so honigsüß vorgekommen. Sollte der liebe Gott es mir aber durch eines seiner Wunder erhalten, so verschwor ich Reise 331gelüste und Entdeckungspromenaden für alle kommende Zeit – eines jener Selbstgelübde, von welchen ein starker Charakter gelegentlich sich aus eigener Machtvollkommenheit auch wieder entbindet.

Auf mein letztes Stündlein gefaßt, hockte ich mich endlich nieder, an einen kahlen Baumstamm gelehnt, die Füße im feuchten Moos, über dem Scheitel die brennende Sonne. Die Augen fielen mir zu, und ich weiß nicht, wie lange ich in halber Betäubung so gedämmert haben mag, als ein Ton wie aus Hüons Horn alle Halluzinationen einer Hagar oder eines Robinson jählings verscheuchte. Es brüllte eine Kuh. Ich glaube, daß ich vor Lebenswonne einen Luftsprung tat. Denn wenn in der republikanischen Schweiz sich auch die Vierfüßler als freie Gottesgeschöpfe auf den Almen umhertreiben, im kaiserlichen Frankreich – so weit hatte das Reisen meine Völkerkunde bereits gefördert –: wo da eine Kuh brüllt, da ist auch ein Mensch nicht weit, der sie hütet.

So schrie ich denn aus Leibeskräften: »Holla ho!« und es währte nicht fünf Minuten, daß auf dem jenseitigen Grabenrande das Gebüsch auseinandergerissen wurde. Was aber lugte zwischen dem grünen Rahmen hervor? – das braune Gesichtchen meiner kleinen Sängerin von gestern abend. Arme und Füße waren auch heute nackt; über dem krausen Haarwald aber trug sie einen breitrandigen Strohhut und in der Hand einen langen Stecken. Die Augen schauten klug und ernsthaft drein, dahingegen die kirschroten Lippen lachend bis beinahe an die Ohren gezogen waren, zwei festgefügte, blendend weiße Zahnreihen enthüllend, die bekundeten, daß die Kleine doch wohl ein paar Jahre über meine gestrige Schätzung zählen mußte.

332 Sie hatte meine Verlegenheit im Nu begriffen, sprang wie ein Reh über den Graben, reichte mir ihre linke Hand, während die rechte das Buschwerk auseinanderbog, und führte mich etwa zwanzig Schritte weit, wo ein paar große Steine das Durchschreiten des Gerinnes, und hüben wie drüben die durch Fußspuren abgeplatteten Uferränder einen leichten Übergang gestatteten. Unterstützt von meiner kleinen, gewandten Führerin, erreichte ich binnen wenigen Minuten einen Pfad, der mich auf die Wiese nächst der Arvebrücke zurückführte.

»Was machst du hier ganz allein, Kind?« fragte ich, als wir bequem nebeneinander zu schreiten vermochten.

»Ich hüte unsere Kuh, Madame,« antwortete sie in reinem Französisch; nur daß sie bei dem Worte »Madame« die zweite Silbe eine Terz in die Höhe steigen ließ. Das gab eine Art von Refrain; denn es entschlüpfte ihr nicht das einfachste Ja oder Nein ohne höfliche Titulatur; was mich an gewisse, mit Zeit und Lungenkraft nicht geizende Kammerredner im lieben Vaterlande erinnerte, die jegliche Periode mit einem »meine Herrn« beginnen, selbige Herrn in der Mitte mindestens noch einmal anrufen und unfehlbar mit ihnen schließen. Es entspann sich nunmehr das folgende Examinatorium:

»Wie heißt du, Kleine?«

»Myrtille, Madame.«

»Und dein Elternname?«

»Ich weiß ihn nicht, Madame.«

»War der Mann, mit dem du gestern sangst, dein Vater?«

»O nein, Madame, ein Fremder. Ich singe mit ihm, sooft er in das Tal kommt, und verdiene mir den Abend ein paar Sous, manchmal aber auch mehr.«

333 »Und wer ist dein Vater?«

»Ich habe keinen Vater, Madame.«

»Nun denn, deine Mutter?«

»Ich habe nie eine Mutter gehabt, Madame.«

»Wem gehört denn aber dann eure Kuh?«

»O, die gehört dem Vater von Amédée, Madame.«

»Und wer ist Amédée?«

»Das ist mein Bruder, Madame.«

Bevor ich diesen geheimnisvollen Zusammenhang aufzuklären vermochte, standen wir am Ausgang des Gehölzes; der Wiesenweg nach der Brücke lag offen vor uns, und die Kleine fragte: »Wünscht Madame nach der Quelle des Arveyron zu gehen, werde ich Madame führen.«

»Du, Kind?«

»Gewiß, Madame. Ich bin zu Haus an der Quelle, und ich habe Zeit; Mutter Matou gibt acht auf unsere Kuh. Befiehlt Madame?«

»Ein andermal vielleicht. Heute möchte ich zurück nach der Prieuré.«

Die Kleine blickte enttäuscht. Sie wies mit der einen Hand auf den Weg, den ich nicht mehr verfehlen konnte, und streckte die andere zum Empfang ihres Führerlohnes mir entgegen.

»Wieviel verlangst denn, Myrtille?« fragte ich sie.

»Fünfzig Centimes, Madame,« antwortete sie dreist heraus.

Ich fand diese Forderung für die kleine Einsoussängerin nicht allzu bescheiden, da ich ihre Freude am Geld aber bereits kannte, legte ich ein Frankstück in ihre Hand. Sie betrachtete es mit zärtlichem Verlangen, reichte es mir aber 334 Zu Füßen des Monarchen zurück und sagte seufzend: »Ich kann nicht herausgeben, Madame.«

»Du sollst es auch ganz behalten, Kind,« tröstete ich.

Das braune Gesichtchen leuchtete vor Lust. Sie kniff die Faust über ihrem Schatz zusammen und schoß wie ein Pfeil, sonder Dank und Adieu, von dannen. Aber nicht rückwärts zu ihrer Kuh, sondern quer über die Wiese, auf den Weiler zu, hinter dessen Zäunen sie verschwand.

Mir war übel zumute. Die frühreife Geldgier des Kindes wurmte mich. Ich warf mir vor – nicht daß ich dem bösen Hange mit fünfzig Centimes Vorschub geleistet –, sondern daß ich den Frank nicht mit einer Moralpredigt begleitet hatte. Man nennt das weibliche Erziehungsweisheit, junger Vater. Aber warte nur, warte, wenn mir die kleine Harpagonne wieder unter die Finger läuft!

Auf der Wiese standen ein paar alte Rüstern, die guten Schatten gaben; etliche andere, vom Sturm oder der Axt gefällt, lagen am Wege. Ich setzte mich auf einen der Stämme, »um mich auszuruhen«, wie ich mir einredete, da meine wunderbare Lebensrettung mich völlig munter gemacht hatte. Tatsächlich erwartete ich, daß meine kleine Retterin an dem Platze vorüber zu ihrer Kuh zurücklaufen würde.

Und keine zehn Minuten, so war sie wieder da; atemlos, hochfliegend die halb entblößte Brust, in der Hand eine Burgunderrose, wie auf eurer Terrasse, Freunde, sich keine vollblätterigere entfaltet haben wird. Rosen, Remontantenrosen im hohen Montblanctale! Ich hatte mir das Chamonix überhaupt nicht so grün und anbaubar vorgestellt.

»Da, Madame!« sprudelte die Kleine hervor, und ihre Augen funkelten. »Nehmen Sie! Für die fünfzig Centimes. 335 Es ist eine Rose, Madame, eine Rose! Hat Madame schon eine Rose gesehen? Und wie sie duftet! Madame muß sie an die Nase halten. Es ist eine Rose, Madame, eine Rose!«

»Köstlich, Myrtille!« sagte ich. »Woher hast du sie?«

»Von meinem Stock, Madame. Es ist der einzige Rosenstock im Dorf, Madame, und die Blüte die einzige am Stock. Diese Nacht ist sie erst aufgebrochen. Amédée würde sich darüber gefreut haben, wenn er von der Flegère nach Hause kommt, aber über den Frank freut er sich doch noch mehr.«

»Schenke ihm die Rose zu dem Frank, Kind. Lege sie dort in den Schatten, und wenn du nach Hause kommst, stelle sie in ein Wasserglas. Mir pflücke dafür einen Strauß von dem roten Heidekraut, das hier herum blüht. Die Rose würde auf dem Wege verwelken, die Heide hält sich mehrere Tage frisch.«

Die Kleine stürzte auf mich zu und küßte meine Hand. Wo würde bei uns ein Bauernkind auf einen Handkuß verfallen! Aber diese Katholischen sind untertänig geschult. Sie war gar zu glücklich, ihre stolze Blume behalten zu dürfen; umhüllte sie sorgsam mit feuchtem Moos und barg sie unter einem Baum. Darauf raffte sie von Blüten zusammen, was ihr Schürzchen zu halten vermochte, setzte sich mir gegenüber auf einen Stamm und band ganz geschickt mit Riedgras ein Bukett zusammen, in dessen Mitte sie einen der kleinen Bergkristalle steckte, mit deren Darbietung die Kinder der Alpen ein Almosen hervorzulocken pflegen. Der welke Strauß hat heute noch einen Platz in meinem Reliquienschrein.

Und während die Händchen sich emsig regten, erzählte mir die Kleine zutraulich, mit wundergläubigen Augen, so als ob sie ein Feenmärchen vortrüge, aber mit urfranzösischer 336 Geläufigkeit die Geschichte ihrer Rose, an welcher du, Freund, freilich nichts Wundernehmendes finden wirst, wenn nicht das Geständnis, daß die weltschmerzliche Reisende, welche noch gestern so traumumfangen an der Geburtsstätte dieser Rose gewandelt war, der Entwicklung derselben mit größerer Spannung als selbst einer deiner am kunstvollsten verwickelten Novellen gelauscht hat. Nimm's nicht übel, Poet; die Erzählerin hatte mir das Leben gerettet!

Die Szene ist Genf, und der Held der Geschichte heißt Amédée. Von dort hat er der Schwester das Stämmchen mitgebracht, als er verwichenen Herbst zum ersten Male das Tal des Monarchen verließ, um für einen großen Mylord Geschäfte zu besorgen, denn Held Amédée versteht sich auf Geschäfte wie einer im Tal. Droben hat der Amédée das Stämmchen eingepflanzt vor dem Stall, in welchem nachts Mutter Matous Kuh und Papa Bertrix' Maultier nebeneinander schlafen und an dessen Wand die liebe Sonne brennt, sooft sie im Winter dem hohen Monarchen über den Kopf weg guckt. Die Blätterkrone aber hat der Amédée unter die Erde vergraben und mit Laub bedeckt und erst im Frühling das Stämmchen wieder aufgerichtet. Und unter der dunklen Erde hat die Krone die kleine Knospe getrieben, aus welcher die große, schöne Rose geworden ist. Und Mutter Matou sagt: Alles was lebt, ist aus dem Dunkel gekommen, und weil der liebe Heiland aus dem dunklen Grabe auferstanden, ist er die Rose der Welt geworden. Der Amédée spricht seitdem aber von nichts als Genf und will durchaus einmal Kutscher werden in Genf.

»Weiß Madame, was Genf ist?« fragte die kleine Schwätzerin mit einer plötzlichen Wendung und Gebärden, die ihrer Schilderung so angepaßt waren wie die, mit 337 welchen sie ihren gestrigen Refrain begleitet hatte. »Genf ist eine Stadt so groß wie die, darin der Kaiser wohnt. Im ganzen Tale von Argentières bis les Oûches wäre nicht Platz für Genf, und das allerkleinste Haus in Genf ist größer als das Hotel de l'Union neben der Prieuré. Und vor der Stadt liegt ein Meer, größer als das mer de glace dort oben, aber ganz voll Wasser, das fließt wie das Arvewasser, ist aber viel, viel tiefer, Madame! –Wenn der Monarch einmal hineinstürzte, das Wasser würde nicht von ihm ausgefüllt werden. Und das Meer heißt le Léman, und Amédée ist auf dem Leman gefahren in einem Schiff, das weit, weit größer gewesen ist als der große Kasten, aus welchem der heilige Vater Noah die weiße Taube hat fliegen lassen. Und schöne weiße Vögel, hundertmal größer als die Taube des heiligen Vaters, gibt es auf dem Wassermeer, Vögel, die Flügel haben, aber schwimmen können, und fliegen nicht einmal so weit wie die Gänse im Tal. Aber essen, wie die Gänse, kann man die schönen weißen Vögel nicht. Und rund um das große Wassermeer herum liegen lauter Gärten, in welchen das ganze Jahr lang Rosen blühen wie diese hier; so viel, so viel Rosen; der Amédée hätte sie in einem einzigen Garten nicht alle zählen können, und Amédée kann sehr gut zählen, Madame. Und wo an den Bergen die Rosen aufhören, da stehen Weinstöcke wie im heiligen Paradiese, Madame, und lange Trauben hängen daran, blau und grün und rot, aber alle süß, und der Amédée hat einen großen Korb voll von den Trauben für den reichen Mylord in das Tal geholt, und eine ganze Traube hat er davon gegessen, aber mir hat er auch zwei Beeren abgegeben.«

338 »Hättest du nicht Lust, Myrtille, auch einmal die schönen Rosen am Lemansee blühen zu sehen und mehr von den süßen Beeren zu essen?« fragte ich.

»O, das werde ich schon einmal, Madame,« versetzte die Kleine mit der festesten Zuversicht. »Wenn der Amédée nur erst ein Maultier hat. Denn Führer ist der Amédée schon jetzt; aber noch nicht in der Kompagnie und nur bis auf den Montanvert. Wenn er aber erst Führer ist in der Kompagnie und ich nur erst zur heiligen Kommunion gegangen bin, dann nimmt er mich mit an das Wassermeer, aber zuerst hinauf zum Monarchen. Denn, nicht wahr, Madame, es ist doch nur Spaß von Amédée, daß er in Genf Kutscher werden will, oder Kurier bei einem reichen Mylord? Papa Bertrix ist Führer, und Großvater Müseau ist Führer gewesen, da muß Amédée doch auch Führer werden, nicht wahr, Madame? Und dann setzt er mich auf sein Müle und führt mich hinauf zum Monarchen. Auf den Montanvert hat Papa Bertrix mich schon einmal mitgenommen, und nach der Quelle des Arveyron gehe ich fast alle Tage ganz allein. Will Madame sich nicht von mir hinführen lassen? Es ist gar nicht weit, und für Madame tue ich es umsonst. Ich lasse Madame auch nicht zu tief in die Pforte hineintreten, Madame wird nicht Schaden nehmen. Ich weiß Bescheid an der Quelle; ich bin da zu Haus. Es ist eine Pforte von Eis, Madame, wie das Eis des Meers neben dem Montanvert. Von vorn sieht sie aus wie der Himmel, wenn die liebe Sonne scheint, weiter hinten aber wie der Himmel, wenn es Nacht geworden ist, und aus der Pforte kommt der Arveyron. Aber nur wenn es Sommer ist, Madame, denn im Winter ist die Pforte zu. Als aber Papa Bertrix mich 339 an der Pforte gefunden hat, ist es warmer Sommer gewesen wie jetzt.«

»Was sagst du da, Kind?« rief ich aus. »Papa Bertrix hat dich dort oben an der Quelle gefunden?« Mein kleines Abenteuer begann romantisch zu werden. Ich versichere dir, Albrecht, mir klopfte das Herz wie über der reizendsten Dorfgeschichte George Sands.

»Ich bin ein Findling, Madame, aber was schadet denn das?« erwiderte die Kleine mit glückseliger Unbefangenheit. »Ich habe ja Papa Bertrix und Mutter Matou. Die Leute im Dorfe nennen mich Myrtille de la source, und Großvater Müseau nennt mich Marmotte. Aber kein Mensch weiß, wo ich hergekommen bin. Auch Mutter Matou weiß es nicht, und Mutter Matou weiß doch viel mehr als alle Leute im Dorf. Denn Mutter Matou ist Haushälterin gewesen bei den frommen Herrn Cürés in der Prieuré, Madame, bei einem nach dem anderen, bis sie ganz schwach geworden ist und auch die gute Marie nicht mehr hatte, die ihr kochen und waschen helfen konnte. Für ihren letzten Herrn Cüré, der jetzt Père Anselme heißt, da betet Mutter Matou aber noch alle Tage, und wenn ich früh und abends die liebe Himmelsmutter anrufe, da sagt Mutter Matou jedesmal: Vergiß auch nicht die Bitte für den frommen Vater Anselme.«

»Ist die gute Matou die Mutter von deinem Anselme?« fragte ich.

Die Kleine lachte hellauf. Sie hatte ein goldenes Lachen. »Seine Mutter? O, nicht doch, Madame. Mère Matou ist eine ganz alte, weiße Frau und geht am Stocke und ist nicht viel größer als ich, aber ganz krumm. Aber Mutter Bertrix ist groß und rot und jung gewesen wie 340 der Amédée. Mère Matou ist die Mutterschwester von der guten Marie.«

»So ist die gute Marie wohl die Schwester von deinem Amédée?«

»Auch nicht, Madame. Die gute Marie war seine Muhme und hat den Amédée nur gepflegt, als er ganz klein gewesen ist. Seine Mutter ist schon gestorben, ehe der Amédée auf die Welt gekommen ist, Madame. Weil aber Papa Bertrix so sehr geweint hat, als er seine Frau in das Grab legen sah, da hat es die liebe Großmutter so gedauert, daß sie ihm einen Trost vom Himmel herunter schickte. Wie nun Papa Bertrix vom Kirchhofe nach Hause kommt, da steht in der Stube eine Wiege, und in der Wiege liegt der Amédée! Und dann kommt die gute Marie, und dann komme ich und mère Matou, und Papa Bertrix ist nicht mehr allein. Die liebe Himmelsmutter hat vielen Trost, sagt mère Matou, Madame.«

Das Kind hatte bei den letzten Worten seine großen ernsthaften Augen gen Abend hin gerichtet, wo hinter Bäumen versteckt der Friedhof der Prieuré lag, darüber hinaus aber auch der große, weiße Dom, welcher das Ziel ihres kindlichen Sehnens war. Hier oder dort – wo suchte sie ihre liebe, tröstende Himmelsmutter? Denn in einem sinnlich erfaßbaren Raume denkt sich das, was er Gott nennt, doch jeder natürliche Mensch. Die Kleine bekreuzte sich still; auch ich saß schweigend mit gefalteten Händen. Ich hätte der frommen Unschuld bis in die Nacht hinein lauschen mögen und fuhr daher ärgerlich auf, als eine laute, lachende Stimme hinter uns rief:

»Schwatze doch nicht solchen Unsinn, Marmotte!«

Es war der rote, vierschrötige Bengel von gestern 341 abend, der, von den Büschen verdeckt, herbeigetreten war und ein Weilchen gehorcht haben mochte.

»Amédée!« rief die Kleine, in die Höhe springend, warf den Strauß in meinen Schoß und streckte dem Jungen beide Hände, in der einen das Geldstück, in der andern die Rose, entgegen. »Wieder ein Frank! Nun sind's schon vier. Die vier Beine des Müle! Jetzt nur noch den Kopf, den Rumpf und den Schwanz, und du bist Führer, Amédée!«

Sie jubelte hellauf über ihr stolzes Gelingen. Der Junge aber versetzte, indem er schmunzelnd die Münze in die Tasche und die Rose, ohne groß Notiz von ihrer Schönheit zu nehmen, an seine Mütze steckte: »Führer, ich? Gott soll mich bewahren! Ich werde Kutscher! Mit den vier Franks komme ich hinunter nach Genf und mit noch einmal vieren hinaus nach Paris. Aber,« fuhr er sie an, »aber du hast doch nicht gebettelt, Marmotte?«

Sie schüttelte den Kopf; ihre Lippen zogen sich zu einem Schippchen zusammen.

»Sie hat mich geführt,« erklärte ich; worauf der Junge, gleichzeitig entschuldigend und anerkennend einen Kratzfuß leistend, erwiderte:

»Sie ist noch ein sehr dummes Kind, Madame. Aber auf das Geldzusammenschlagen versteht sie sich wie eine Alte.« – Darauf mit abermaligem Kratzfuß: »Will Madame sich nicht lieber von mir führen lassen? Ich kenne Weg und Steg doch weit anders als das kleine Ding und die Namen sämtlicher Aiguillen hüben und drüben im Tal. – Warum läufst du wieder barfuß, Marmotte?«

»Es ist ja so heiß,« versetzte sie kleinlaut.

»Aber es schickt sich nicht. Papa ist Montblancführer, 342 und im Winter ist er Schulmeister in les Praz und obendrein Maire.«

»Ich bin aber doch nur ein armes Findelkind, Amédée.«

»Du bist meine Schwester, und ich werde bald Kutscher sein, oder Kurier.«

»Nein, Führer.«

»Nein, Kurier. Und du ziehst Schuhe an, auch wenn es heiß ist, hörst du?«

Wie zur Begütigung kniff er die Kleine, die mit ihren Tränen kämpfte, herzhaft in die Backen, und sie blickte wieder seelenvergnügt wie zuvor, legte ihre Hand in die seine, und so begleiteten sie mich über die Arvebrücke, durch den Weiler und noch eine Strecke darüber hinaus auf der großen Straße, die von Ost nach West das Tal durchschneidet. Die Kosten der Unterhaltung trug nunmehr Mosjö Amédée. Er mochte berechnen, daß, wenn es der plaudernden Einfalt so leicht geworden sei, ihn ein gutes Stück auf der Bahn zu seinem Glück zu befördern, der aufklärenden Weisheit ein noch weiterführender Lohn nicht entgehen könne.

»Sie ist ein gutes Kind, unsere kleine Marmotte,« wiederholte er mit einer Gönnermiene, »aber noch sehr zurück. Die Sache verhält sich nämlich so, Madame, daß meine Mutter über der Geburt mit mir gestorben ist. Das versteht freilich das Kind noch nicht.«

» Mère Matou hat es mir doch aber anders erzählt,« beharrte Myrtille. »Und du heißt ja auch Amédée Consolatior.«

»Heißen kann einer, wie er will. Heißt du nicht auch Marmotte, und bist du darum ein Murmeltier, kleiner Simplex? Ein schöner Trost, solch ein schreiender, neu 343geborener Wurm, nicht wahr, Madame. Der Name ist ein neckischer Einfall von unserem damaligen Herrn Cüré, der jetzt père Anselme heißt und ein guter Freund von Papa gewesen ist. Ich möchte aber kein Mönch werden wie père Anselme. Den ganzen Tag beten und die Nase in das Buch stecken, nein, ich denke, das paßte mir nicht. Ich bin mit Lernen fertig, und ich weiß auch viel. Da sehen Sie aber einmal das Mädchen an, Madame; sie ist schon über zehn Jahre und kann kaum lesen und von Schreiben keine Spur. Aber warte nur, Faulpelz, diesen Winter geht's tüchtig dran. Die Sache ist nämlich die: ich helfe meinem Vater, Madame. Ich könnte schon ganz allein Schule halten. Aber ich bleibe nicht im Tal, ich werde Kurier.«

»Nein, Führer, Amédée.«

»Nein, Kurier, Dümmling. Sie ist gar zu einfältig, Madame. Was Vernünftiges lernen mag sie nicht. Allen Schnickschnack aber, den einer ihr erzählt, die alte Matou oder Großvater Müseau, den glaubt sie, als ständ er gedruckt. Weiß Madame, was für eine Schnurre sie glaubt? Nicht, Madame? Na, sie glaubt, daß sie droben vom Monarchen in das Tal hinuntergekollert worden ist.«

»Nein, das glaube ich nicht, Amédée.«

»Ja, das glaubst du wohl, kleine Marmotte. Denn warum hast du dich darauf gesteift, daß ich Führer werden soll? Bloß weil ich dich hinauf zu deinem Nußknacker bringen soll.«

»Nein, darum nicht. Bloß weil du bei uns bleiben sollst, Amédée.«

Die Kleine sagte das mit einem zärtlichen Blick, um 344 den ich den dummen Jungen beneidete, der ihn jedoch in seiner spekulativen Erzählerlaune nicht irremachte. »Sehen Sie, Madame, da hinten der hohe Berg, den wir den Monarchen nennen, der aber in der Naturgeschichte der Montblanc heißt und der allerhöchste Berg ist auf der ganzen Welt, das soll ein Palast sein von lauter Schnee und Eis. Nämlich so denkt sich's das dumme Kind. Und in dem Palaste wohnt ein ungeheueres Murmeltier, das der Kaiser und König von allen Murmeltieren ist und den lieben langen Tag nichts tut als Nüsse knacken. Nämlich: weil die kleine Marmotte für ihr Leben gern Nüsse knabbert, das heißt, wenn ich ihr manchmal von meinem Führerlohn ein paar kaufe, Madame, da denkt das dumme Kind, wer so ein großer Kaiser und König ist, der alles vollauf hat, der kann gar nichts Gescheiteres tun, als in einem fort Nüsse knacken. Die Nüsse des Murmelkönigs sind aber tausendmal größer als Menschennüsse, und sie wachsen auch nicht auf Bäumen wie bei Genf, wo ich sie selber habe wachsen sehen, – nämlich ich war schon einmal in Genf, Madame; – denn warum? Weil es auf dem Monarchen keine Bäume gibt; sondern sie wachsen unter der Erde, wie im Tal die Kartoffeln. Die Nußschalen aber wirft der alte Murmelkönig zu seinen Guckfenstern heraus, und sein allergrößtes Guckfenster ist das mer de glace. Wenn nun die Schalen haufenweise an den Eisbergen hängen bleiben und unterwegs zerkrümeln und Schnee darüber fällt und immer wieder Schnee, und es kommt einmal zum Rutschen, da nennt man es eine Lawine, und alles, was der Lawine im Wege steht, mit dem ist's aus und vorbei. Weiter unten aber, wo es nur im Winter Schnee und Eis gibt, da 345 heißt der Schutt von den Murmelschalen Moräne. Das Gerümpel unter dem Glacier da drüben, das ist so eine Moräne, Madame. Manchmal sitzt nun aber eine Made oder ein Wurm in einer Nuß, und da schleudert der Murmelkönig vor lauter Bosheit die Maden und Würmer so weit fort, daß sie den Leuten im Tal in die Schornsteine fallen; auf dem Wege aber sind aus den Würmern und Maden kleine Menschenkinder geworden. Und so hängt alles, was im Tale Merkwürdiges passiert, zusammen mit den Brocken, die der große Nußknacker aus dem Erdenbauche geschleudert hat. Eines Tages aber, da ist eine Nußschale ganz allein und wohlbehalten an den Schneefeldern und auf dem Eismeer hinuntergerutscht, bis sie an der Pforte des Arveyron stecken geblieben ist. Wie nun ein Führer, der über die tête noire kommt, die Schale sieht, da macht er sie los und, Sapristi! die Schale hat sich in einen Waschkorb verwandelt, und in dem Korbe sitzt ein verwandeltes kleines Mädchen, und das kleine Mädchen heißt Myrtille. Der Führer aber ist Vater Bertrix. Sehen Sie, Madame, solch dummes Zeug glaubt die kleine Marmotte.«

Die kleine Marmotte hatte dem Erzähler mit staunender Bewunderung seiner Redekunst zugehört; nun aber, da er geendet, eiferte sie, feuerrot im Gesicht:

»Nein, Madame, das glaubt sie nicht. Solche Geschichten erzählt Großvater Müseau, und Großvater Müseau macht immerfort Spaß, über den man nur lacht. Aber mère Matou hat im Leben noch niemals gespaßt, und was sie sagt, ist alles wahr.«

»Na, und was sagt denn Mutter Matou, wo du hergekommen bist, kleiner Narr?«

346 »Sie sagt: Sei nur gut und fromm, Myrtille. Vater Moses ist auch an einem Wasser gefunden worden und doch ein großer Heiliger geworden.«

Der unterrichtete sous-maître von les Praz wollte vor Lachen sich ausschütten. »Na, da hören Sie's, Madame,« sagte er, »was für ein Dummhut die kleine Marmotte noch ist. Der alte Moses ein Heiliger! Wenn das Papa hörte, oder der Herr Cüré! Der alte Moses ein heiliger Vater.«

»Was ist er denn sonst, Amédée?« fragte demütig die kleine Myrtille.

»Er ist – nämlich: er war – denn er ist lange schon tot, na, was war er denn gleich? Ein Prophet? nein, die heißen anders; ein Kaiser? ein König? nein, so was Großes nicht. Ein Führer war er wie Papa, aber nicht etwa auf den hohen Montblanc; nur in der Sandwüste herum. Und so etwas wie ein Schulmeister und Maire ist er auch nebenbei gewesen. Es ist ja auch ganz egal, was er gewesen ist; aber vom Heiligen keine Spur. Denn warum? Schweinefleisch, das doch am besten schmeckt von allem Fleisch, das hat er in seiner Gemeinde zu essen verboten, als wäre es Gift, und würde unser Herr Cüré es wohl Tag für Tag zu essen erlauben, nämlich sofern man's hat und nicht etwa Fasttag ist, wenn der alte Moses ein Heiliger oder gar ein heiliger Vater gewesen wäre? – Die Sache mit der Myrtille verhält sich nämlich so, Madame, daß mein Vater das Würmchen mutterseelenallein und schlafend vor der Grotte gefunden hat.«

Verständnisvoll zwinkernd flüsterte er mir noch in das Ohr:

347 »Mit rechten Dingen ist's freilich nicht zugegangen, Madame. Aber – was kann das arme Kind dafür? Und es ist ein herzensgutes Kind, Madame.«

Dabei streichelte er der Kleinen mitleidig die Backen, und die Kleine blickte zu ihm auf liebreich wie ein Engelchen. Ich konnte den dicken Bengel von Haus aus nicht ausstehen. Sah mich die Kleine, seit er da war, nur noch an? Ich habe ihm sein Gutmeinen aber doch mit barer Münze gelohnt, und er bedankte sich durch einen Jauchzer, der von den Talwänden widerhallte.

Um von dem heiklen Findlingsthema abzulenken, fragte ich Myrtillchen, ob sie noch mehr Lieder singen könne außer dem einen, das ich gestern gehört? Sie konnte aber nur das eine, aus dem natürlichen Grunde, weil ihr fremder Maëstro bisher kein zweites im Tale zum Vortrag gebracht hatte.

»Soll ich Madame ein Lied singen?« fragte, sich in die Brust werfend, Mosjö Amédée. »Ich kann sehr gut singen und weiß viele Lieder, Madame.«

»Aber kein so schönes wie ich,« rühmte Myrtille und stimmte herzhaft ihr: »Lebewohl, du holdes Frankreich« an.

Der sous-maître unterbrach sie mit einem gemütlichen Rippenstoß.

»Sei doch still, dummes Kindl« schalt er. »Das kennt Madame ja schon, und es klingt traurig wie ein Sterbelied. Ein Tischlied will ich Madame singen, das ist was Lustiges, und es paßt just, weil es Mittag ist und Madame Hunger haben wird.«

Damit hob er, krähend wie ein junger Hahn, Bérangers Hymnus an den friedenstiftenden Bratenwender an. Schon bei der dritten Zeile blieb er indessen stecken; möglicher 348weise weil Natur und Tugenden des gepriesenen Instruments dem Kostgänger mère Matous einigermaßen fragwürdig vorgekommen sind. Als gebildeter Jüngling zog er sich jedoch schicklich aus der Verlegenheit, indem er in einem Atem auf des nämlichen Meisters Rentnerlied übersprang, dessen Poesie zweifellos seinen innersten Gefühlen flott wie ein Rädchen Ausdruck gab.

Nun ja, es ist ein Rhythmus, eine Laune und dann wieder ein Pathos in diesen Bérangerschen Chansons, die sich dem Volksohr leichtlich einzuschmeicheln vermögen. Wenn ich aber einmal längere Zeit in den savoyischen Alpentälern weilen sollte, werde ich recht aufmerksam nach einem eingeborenen Volksliede lauschen. Denn daß der Sangestrieb sich nicht auf unsere deutsche Gebirgsscheide beschränken wird, ist doch wohl ebenso natürlich, als daß diese Pariser Vollblutslieder, gleich den Leckerbissen der Hotels, nur den Fremden zur vermeintlichen Erquickung aufgetischt werden.

Nach der ersten Strophe sagte ich den Kindern Adieu. Sie kehrten um, Hand in Hand, und weil sie einmal im Singen waren, sangen sie lustig weiter.

» J'ai cinquante écus!« jubelte der Junge, indem er dem Mädchen sein geerntetes Geldstück zuwarf.

» J'ai cinquante écus!« wiederholte das Mädchen und warf das Geldstück zurück.

» J'ai cinquante écus de rente!« schmetterten alle beide. Und so singend, tändelnd, sich neckend, sah ich sie hinter den Hütten des Dorfes verschwinden. Ich aber begab mich eilenden Schrittes nach dem bureau des guides.

Ich hatte Amédée gefragt, ob sein Vater wohl disponibel sein würde, um mich am Nachmittag auf den Montanvert 349 zu führen, und Amédée hatte dies bezweifelt, da Papa früh am Morgen eine Tour nach dem Brévent mit einem reichen Goddam vorgehabt. Indessen könne ich mich im Bureau erkundigen.

Und da wollte denn der Zufall, der nicht bloß Romanhelden zugute kommt, sondern manchmal auch den allerrealsten Individuen, sobald sie sich ein kleines Abenteuer, ein bescheidenes Martyrium oder Heldentum in den Kopf gesetzt haben, der glückhafte Zufall also wollte, daß der reiche Goddam aus irgendeinem mir unbekannten Grunde die Tour nach dem Brévent auf morgen verschoben hatte und daß der Führer Bertrix zu meiner Verfügung stand.

Der vorgerückten Zeit halber entschied ich mich indes zu einem Ritt nach der näheren Flegère. Nicht daß ich mich noch, wie vor wenig Stunden, ermattet gefühlt hätte, aber um so aufgeregter. Das Fieber eines Entschlusses rumorte in meinem Hirn, ein Fieber, das während des in Hast eingenommenen Diners meinen Hunger vom Morgen total schwinden machte, den Durst dagegen kaum stillbar steigerte.

Erinnerst du dich noch jener alten Hausfreundin, die wir vorlaute Spatzen die Trübsalsmuhme nannten? Sie war als Witwe zu Vermögen gekommen, hatte aber gleichzeitig das einzige Kind verloren, einen Sohn, den sie unter Kümmernissen jeglicher Art großgezogen. Hatte sie nun vordem über ihre Sorgenlast geklagt, so stöhnte sie nunmehr über ihren Sorgenmangel.

»Kein unglückseligerer Mensch als der, welcher keine Sorge mehr haben kann,« pflegte sie zu sagen. Auf den Rat ihrer Freunde versuchte sie es mit einem Sorgenersatz, indem sie die Erziehung eines Waisenknaben übernahm.

350 Bald jedoch hatte sie sich wieder von ihm losgesagt, und fortan klagte sie: »Blut ist Blut! Nur naturwüchsige Sorgen schlagen beim Menschen an.«

Du merkst, Albrecht, worauf ich hinaus will. Auch ich war sorgenfrei und sorgensüchtig, hatte mich daher seit geraumer Zeit mit dem Plane getragen, statt des versagten eigenen Kindes mich eines fremden anzunehmen. Die Erfahrungen der alten Trübsalsmuhme schreckten mich nicht. Ich glaubte an eine freie Liebeswahl und die ihr entquellende Kraft, achtete die Stimme des Willens mindestens ebenso hoch wie die des Bluts. Die Vernunft der äußeren Verhältnisse legte kein Veto ein; ein tief empfundenes Heilandswort einte sich dem natürlichsten Gefallen. Denn von allen menschlichen Spielarten, selbst die mündigen Dichter nicht ausgenommen, sind die unmündigen Kindlein mir von jeher als die verständlichsten und anmutendsten vorgekommen. Bei solchen zutreffenden An- und Einsichten war ich indes noch nicht zu einer abschließenden Tat gelangt; es fehlte der Affekt, der Impuls, jenes momentane Etwas, für das ich im lieben Deutsch nicht alsobald den Ausdruck finde.

Und dieses unaussprechliche Etwas hatte die Begegnung der kleinen Savoyardin in mir entzündet. Dieses Kind würde ich nicht erst lieben lernen, ich liebte es bereits. Es hatte auf den ersten Blick mein Herz gerührt, ja entzückt wie nie ein Kind. Ihr dürft das nicht übelnehmen, Freunde, wo wäre vor acht Jahren an euren Erbprinzen auch nur zu denken gewesen! – Auch entsprach es im allgemeinen den Bedingungen, welche die Zöglingin eines »vernünftigen Prinzips« sich zur Richtschnur für ihre Wahl gesetzt hatte, übertraf dieselben sogar: ein Mädchen, alt genug, um seine Gemütsanlagen beurteilen zu können, und jung genug, um 351 sich kindlich anschließen zu lernen; ein wohlgestaltetes, raschblütiges, herzliches Geschöpf; resolut und geschickt, dabei eine feine Natur. Die Leidenschaft, mit welcher sie einem Kameraden zur Hilfe Geld zu erwerben trachtete, stempelte sie mir zu einer kleinen Heldin und das dankbare Opfer ihrer einzigen Rose schlechthin zu einer angehenden Heiligen. Allerdings hatte ich für mein Zukunftskind bisher in erster Ordnung nicht nur eine tugendlich erprobte, sondern auch eine gentile Abstammung vorausgesetzt. Vor jenen leuchtenden Kundgebungen schwanden jedoch alle Bedenken gegen die Findlingsart gleich Schatten vor dem Sonnenstrahl, und wie schwer fiel es zugunsten meiner Wünsche in das Gewicht, daß ich das kleine Wesen aus weiter Ferne, als einen Fremdling, dem nur Gott Vater ist, in meine Heimat führen durfte. Ohne blutsverwandtliche Triebe oder Erinnerungen, ohne Einspruch von irgendwelchem Berechtigten durfte dieses Kind mein sein, nur mein sein und bleiben. Seine Neigung zu dem hausbackenen Tölpel kam als gemütliche Störung nicht in Betracht. Wie leicht löst sich selbst ein echt geschwisterliches Band. Daß bei allen einnehmenden Konjunkturen indes mit fürsorglichster Prüfung vorgegangen werden mußte, darf der gegenwärtigen Prinzipalin eines »vernünftigen Prinzips« zugetraut werden.

Ich fand in Vater Bertrix einen Mann noch in besten Jahren, verständig und in seiner Art gebildet, wie sämtliche savoyische Führer es sein sollen; ja, wohl über das Durchschnittsmaß hinaus, da doch nur wenige Laboureurs, die im Sommer den Alpenstock, im Winter auch den Bakel regieren werden und obendrein der Würde eines Schultheißen gewachsen sind.

Als ich erzählt hatte, wie und wo ich die Bekanntschaft 352 seines Töchterchens gemacht, schmunzelte er vergnügt und lobte die Kleine als ein braves und geschicktes Kind, das seiner alten hinfälligen Muhme im Haushalte beistehe wie eine Erwachsene und ihm allerorten fehlen werde, wenn er sich über kurz oder lang von ihm trennen müsse.

»Was zwingt Sie denn, sich von dem Kinde zu trennen?« fragte ich, zwischen Herzensangst und Hoffnung, auf eine Auskunft spannend, die meine Pläne hindern oder fördern konnte.

Der Mann antwortete mit eingänglichem Behagen. Mochte es ihm doch selten genug vorgekommen sein, statt über Felsen und Firnen über seine Erlebnisse am häuslichen Herd ausgeforscht zu werden. Nicht allzu viele gemütliche deutsche Kleinstädterinnen verlaufen sich mutterseelenallein hoch hinauf in das Chamonixtal.

»Ja, sehen Sie, Madame,« sagte er, »ich bin Witwer bereits an die fünfzehn Jahr, und wenn ich mich noch einmal verändern will, wird's hohe Zeit. Mir lebt im Hause zwar noch ein alter Großvater von meiner Frauen Seite her, auch die Mutter Matou, die meine leibliche Tante ist. Wie lange kann's aber dauern, sind beide unter der Erde. Mein einziger Sohn hat schon jetzt keine Ruhe mehr im Tal; es treibt ihn in die weite Welt, und wie dürfte ich ihn halten? Auch die Myrtille wird nicht bis an mein Lebensende bei mir bleiben. Die Natur will ihr Recht. Dann stände ich ganz allein, und mit einem neuen Anfang wär's für mich zu spät. Ich suche eine Frau, Madame.«

»Und sollte die so schwer zu finden sein?« fragte ich.

»Im Gegenteil, Madame, embarras de richesse!« versetzte er lachend. »An heiratslustigen Mädchen ist bei uns 353 im Tale so wenig als anderswo Mangel. Die Sache ist: sooft ich in Gedanken den Freiersweg einschlage, stoße ich an einen Stein.«

»Die Erinnerung an Ihre selige Frau, nicht wahr?«

»Wie meinen Sie das, Madame?« fragte Bertrix ganz erstaunt. »Meine Barbe war ein braves Weib, wir haben gut miteinander hausgehalten. Das wäre aber doch kein Grund, daß sich mit einer anderen nicht ebensogut haushalten ließe. Nein, handelte es sich lediglich um meine Person, wäre ich bald genug am Ziel. Allein – –«

»Sie scheuen eine Stiefmutter für Ihren Sohn?«

»Auch das nicht, Madame. Mein Amédée ist ein tüchtiger Junge, ein Dickhäuter, der, wie man zu sagen pflegt, einen Puff vertragen kann. Und wie lange wird er denn noch in meinem Hause sein? Ich meine die Myrtille, Madame. Sie ist eine zärtliche Kreatur, durch die alte Matou an Mutterliebe gewöhnt. Ich muß ein anderes Unterkommen für sie suchen – in einem Kloster etwa, bis sie zum Dienen reif geworden – ehe ich an eine Wiederverheiratung denken darf. Denn die vernünftigste Frau, die ich finden könnte, würde dem Kinde nicht einmal eine Stiefmutter, geschweige denn eine Mutter werden wollen. Die Myrtille ist ein Findling, Madame.«

»Ihr Sohn hat es mir erzählt, Bertrix. Auch von dem Orte und der Art, wo und wie Sie den Fund getan haben. Unnatürlich genug und schwer zu glauben. Haben Sie niemals etwas über den Ursprung des Kindes erfahren?«

»Ich habe nicht danach geforscht, Madame.«

»Sie taten recht daran, Freund. Was hätte Ihnen und was hätte dem Kinde die Bekanntschaft einer Mutter genutzt, welche es über sich vermocht hatte, ihr Neuge 354borenes preiszugeben, nackt und bloß in einer Einöde, wo nur ein wunderbarer Zufall es vor dem Untergange retten konnte?«

In dem gelassenen Manne ging während meiner Rede eine seltsame Verwandlung vor. Ich sah, wie unter der wetterbraunen Haut das Blut aus seinen Wangen wich und wie die Faust sich krampfhaft um den langen Führerstab preßte. Die bebenden Lippen kämpften eine Weile zwischen Schweigen und Widerspruch. Endlich stieß er ihn hervor, kurz und rauh in abgebrochenen Sätzen, wie aus zugeschnürter Kehle.

»Das Kind war nicht nackt und bloß, es war auch kein neugeborenes, Madame. Es hatte die heilige Taufe empfangen und stand schon ziemlich sicher auf seinen Füßchen. Und es war kein Zufall, der mich es finden ließ. Es wird eine große Not und vielleicht die allergrößte Liebe gewesen sein, welche eine todkranke Mutter zu der Rettung trieb, die Ihnen, Madame, ein Verbrechen dünkt.«

Ich drückte dem Manne schweigend die Hand. Mochte der Findling geboren sein, wo und von wem es sei, der, welcher es an sein Herz genommen und erzogen hatte, war ein Ehrenmann. Das Axiom von dem Erbteil in unserem Blut, auf das ich bisher gläubig und dankbar geschworen hatte, es dünkte mich plötzlich eitel Dunst. Das gute Beispiel bildet gute Sitten.

Der brave Führer verstand meine Meinung, ohne daß ich sie aussprach. »Hätte ich,« so fuhr er nach einer Pause mühsamer Fassung fort, »hätte ich das Kind unbemerkt, ich meine ohne Erörterungen, in meine Familie einführen können, würde es Myrtille Bertrix geheißen haben und meine Tochter gewesen sein. Da ich das nicht 355 konnte, wurde es Myrtille de la source. Wer eine Heimlichkeit zu wahren hat, tut wohl, eine Fabel gleich einer Windel um die Blöße zu schlagen. Je gröber das Gewebe, um so sicherer schützt es – in unseren einsamen Alpendörfern wenigstens. Ich weiß aber wahrlich nicht, wie ich dazu gekommen bin, mit Ihnen, Madame, über diese Angelegenheit zu reden. Es ist zum ersten Male geschehen, und darüber hinaus – –«

»Will ich nichts wissen, Freund,« unterbrach ich ihn. »Nur eine Frage sollen Sie mir noch beantworten einfach mit ja oder nein und dann den Grund vernehmen, warum ich sie Ihnen nicht ersparte. Die gute Marie, Ihre Schwester, wenn ich recht verstand, welche den mutterlosen Amédée aufgezogen und Ihre alte Tante unterstützt hat, als sie dem Herrn Cüré, der zurzeit Vater Anselme heißt, in der Prieuré den Haushalt führte, die gute Marie – lebt sie noch?«

Der Mann starrte mich eine lange Weile sprachlos an, als sähe er das Gespenst weiland der Hexe von Endor. Dann breitete sich ein feuchter Nebel über seine treuen Augen, und dann schüttelte er lange langsam den Kopf, und wir gingen minutenlang schweigend nebeneinander her.

»Geben Sie das Kind mir, Bertrix,« hob ich endlich an. »Ich habe kein eigenes, und ich habe es liebgewonnen. Ich traue mir zu, ihm eine Mutter werden zu können und es zu einer braven, tätigen Frau zu erziehen, die allerorten ihren Platz ausfüllen wird. Auch ein bescheidenes Erbteil werde ich ihr eines Tages hinterlassen dürfen. Mir leben in Genf wohlangesehene Bekannte, von denen Sie über meine Person und meine Verhältnisse genügende Auskunft erhalten können.«

356 »Das würde kaum nötig sein, meine gute Dame,« versetzte nach einer neuen Pause der Führer mit jenem warmen Vertrauen, das, von wem es auch sei, allezeit wohltut. »Wer so viel mit fremden Menschen verkehrt wie unsereiner, der lernt aus den Augen lesen, was Gott in das Herz geschrieben hat. Und was triebe Sie denn wohl auch als ein liebreiches Herz? Im übrigen: wer von den Armen in unseren Bergen darf groß danach fragen, in welche Hände seine Kinder geraten? Es sind nicht alle Savoyarden, die unter dem Namen, kaum halbwüchsig, mit einer Hantierung nicht viel besser als Bettel, die Welt durchziehen, aber viele sind es ihrer doch. Unsere Täler ernähren nur eine geringe Anzahl von denen, die darin geboren werden, die übrigen müssen wir früh auf eigene Füße stellen und – es ist schier ein Wunder –: aber die große Masse kommt darauf fort. Auch die Myrtille würde, selbst wenn ich nicht wieder heiratete, einstmals ihr Brot unter Fremden suchen müssen. Lassen Sie mich heute verunglücken, wer sorgte morgen für den armen Findling? Ihr Anerbieten ist ein großes Los für das Kind und für mich selbst. Nur daß – –nur daß – –«

»Sie spüren mir die Ketzerin an,« ergänzte ich mit einem Lächeln. »Und Sie haben ja recht, daß ich nicht Ihrer Kirche angehöre. Die Kleine wird indes von derlei trennenden Unterscheidungen noch keine Ahnung haben, und ich gebe Ihnen mein Wort, Bertrix, daß ich sie in ihrer angestammten Lehre gewissenhaft unterweisen, dem Gottesdienste ihrer Kirche treulich beiwohnen lassen, durch kein Wort, keine Miene die religiöse Richtung stören werde.«

»Ich traue Ihnen das zu, Madame,« entgegnete Bertrix. »Ich habe im Leben mehr Andersgläubige als solche 357 meiner Kirche auf unsere Berge geführt, viel gute Menschen unter ihnen gefunden und: le bon dieu ne damne pas les bonnes gens. Die englischen Protestanten, und zu denen gehören Sie doch, Madame, wenn Sie auch eine Deutsche sind, nicht wahr? Nun sehen Sie, die englischen Herren und ganz besonders die Damen, die haben mir auf unseren Touren so manches Heftchen zur Erbauung nach ihrer Weise in die Hand gedrückt, das ich gelesen habe; sie wollen sich der Prieuré gegenüber ein eigenes Bethaus bauen, nennen uns Götzendiener, wie wir sie Ketzer nennen, ich kann bei alledem aber nicht finden, daß sie im Grund etwas anderes glauben als wir.«

»Von Grund aus etwas anderes nicht, aber doch etwas weniger, Bertrix.«

»Das gebe ich zu, Madame. Ich meine aber, und ich könnte mir sonst auch gar nicht erklären, warum in hohen Alpentälern überall nur Katholische wohnen – –«

»Nicht überall, Freund. Aber fahren Sie fort. Sie meinen – –«

»Ich meine, wenn die Leute aus solchem fernen Tale versetzt würden in Landschaften, wo ihnen das Korn gleichsam in den Mund wächst, wo Eisen- und Wasserstraßen sie bequem in weite Fernen führen, wo sie mit leichter Mühe so viel Geld erwerben, um bloß zum Vergnügen, sichere Führer zur Seite, Gletscher und Schneegebirge zu erklimmen, daß wir sogenannten Götzendiener dann wohl auch dieses und jenes Stück von unserem alten Glauben entbehrlich finden würden. Und umgekehrt, Madame, wenn die reichen Ketzer, die aus fruchtbaren Ebenen von England, und sogar über das Weltmeer hinweg aus fremden Erdteilen, bloß zum Vergnügen in unsere Berge steigen, 358 wenn die ihr Leben von vorn anfangen müßten als arme Haferbrotesser und Wildhäuer, wenn im Sommer jeden Augenblick Lawinen und Bergstürze sie bedrohten, Winters sie von der Welt abgesperrt säßen in einer Einöde voll Eis und Schnee, kurzum, wenn sie hundertmal mehr von der Last als Lust des Diesseits kennen lernten, da meine ich, daß sie wohl auch der schützenden Engel und Nothelfer im Jenseit nicht genug haben könnten; vor allem aber: wenn sie ihr Fleisch und Blut rat- und hülflos in der Fremde umherirrend wüßten, daß sie in ihren Ängsten dann auch nur durch den Glauben an eine himmlische Mutter Beruhigung finden würden. Habe ich recht, Madame?«

»Ich glaube nicht, lieber Bertrix. Not lehrt freilich beten. Es gibt aber auch Nöte, die in einem Paradiesesgarten dem Menschen keinen Trost und keine Hülfe, als die von oben kommen, gestatten. In Ihrem einstigen, wie Ihrem gegenwärtigen Vaterlande, Freund, den reichsten und reizvollsten Gegenden Europas, leben so gut wie in diesen armen Bergen fast nur katholische Christen, während im hohen, rauhen Norden zwischen Klippen und Eisschollen, gefahrvoller und einödiger als die Eueren, die Bewohner sich ohne Ausnahme mit der Ergebung in Gottes Vaterwillen und die seelenerlösende Macht seines Wortes, vom Heiland verkündet, zufrieden geben. Unsere Gemütsanlagen werden wohl noch andere Voraussetzungen haben als Boden und Wolken, zwischen denen wir geboren werden, und so auch unsere überirdischen Tröstungen andere Voraussetzungen als das Mehr oder Minder unserer Erdenfrüchte. Aber lassen wir diese Spekulationen, die wir beide nicht lösen werden. Irre ich nicht, so dachten Sie an 359 Ihre Behauptung einen Schluß zu knüpfen, der sich auf mein Verhältnis zu Ihrem kleinen Pflegling bezieht. Welchen Schluß, Bertrix?«

»Den Schluß, Madame, daß ich mich nicht allzuviel darum grämen würde, wenn unter den Augen einer so gütigen Dame wie Sie, Madame, und vor dringender Not geborgen, dem Kinde ein Teil seiner angeerbten Andacht hinschwinden sollte, insofern nur die Grundandacht ihm bleibt, die alle Christen miteinander gemein haben, daß es also unser Gottesdienst nicht ist, um dessentwillen ich für die Kleine in Ihrer Heimat Bedenken trage.«

»Und um wessentwillen sonst, Bertrix?«

»Um ihrer Abstammung willen, Madame –die fremde Art und Sitte – – die fremde Sprache – –«

»Ei, wie irren Sie sich, Freund,« unterbrach ich ihn lachend. »Die kleine Savoyardin mit der französischen Zunge kommt unter Deutsche, und fremder Leute Brot dünkt bei uns Deutschen auch großen Kindern Kuchen.«

»Aber ein Findling, Madame,« widersprach der gute Mann mit großem Ernst; »ein armer Findling, dem kein ehrlicher Name, nicht einmal ein Muttername, in seine neue Heimat mitgegeben werden kann. Myrtille de la source! Wie viel Tadel, Spott und Abfall würden Sie um Ihrer Guttat willen zu erdulden haben, und das Kind selbst, wie viel Mißachtung und Mißgunst. Hier oben bei uns haben die wenigen Menschen, die sie kennen, sich an ihr unaufgeklärtes Dasein gewöhnt; sie bleibt armen Geistes, niederen Standes bei harter Arbeit und wird ihr Elend vielleicht niemals inne.«

»Lassen Sie es meine Sorge sein, Bertrix, dem Kinde ein unverschuldetes Elend zu ersparen oder zu vergüten. 360 Ich lebe nicht in der großen Welt, und die wenigen, die ich Freunde nenne, werden jeden, den ich liebe, als einen auch ihnen Zugehörigen anerkennen.«

So sagte ich; der Mann glaubte mir, schlug in meine dargereichte Hand, und, Freund, würden die, für die ich mich verbürgte, mein Wort Lügen gestraft haben?

Wir waren im Eifer dieser Verhandlung über die Waldzone der aiguilles rouges hinausgekommen, ohne daß wenigstens ich bemerkt hätte, wie an den jenseitigen Bergen weiße Dunstnebel auf und nieder stiegen und nur dann und wann noch ein klarer Gipfelblick zum Durchbruch kam. In anderer Stimmung würde dieses schleierhafte Heben und Senken, dieses Widereinanderstreiten lustiger Dämonen mir ein gefangennehmendes Schauspiel gewesen sein. Ich würde nötigenfalls in der kleinen Herberge auf der Flegère übernachtet und die Partie selbst dann nicht aufgegeben haben, wenn für den andern Morgen statt des Blickes auf das Eismeer der auf ein Nebelmeer mir in Aussicht gestellt worden wäre. Heute entschied ich mich halben Wegs freudig zur Umkehr. Die Angelegenheit, die mir plötzlich wie eine Glückslotterie am Herzen lag, konnte vor Abend noch zum Austrag kommen, und frohlockenden Herzens vernahm ich, daß gegen Erwarten auch Freund Bertrix nach dem raschen Entschlusse einem raschen Vollzug zusteuerte. Er mochte, wie heimlich ich selbst, sich scheuen, die Sache ernüchternd zu beschlafen oder von denen, welche sie nächst uns anging, beschlafen zu lassen.

Auf dem Rückwege verständigten wir uns über das notwendig Nebensächliche. Es galt kein Geschäft mit weitläufigem Apparat, zumal da der Vormund und Pfleger des Kindes zugleich Maire des Weilers war. Mit dem Herrn 361 Cüré, welchem ehrenhalber eine Stimme zugebilligt werden mußte, wurde eine Verständigung um so leichter vorausgesetzt, als der fromme Hirt – der unmittelbare Amtsnachfolger dessen, der jetzt père Anselme hieß – den Quellenfindling von jeher als ein räudiges Schaf in seiner Herde angesehen und seine anderweitige Unterbringung befürwortet hatte.

So ordnete sich alles nach Wunsch, und das einzige Bedenken, das sich mir, je näher wir dem Dorfe kamen, um so bänglicher aufdrängte, war, ob das Kind auch werde mit mir gehen wollen. Ich traute dem kleinen Geschöpf einen energischen Protest zu, und Papa Bertrix, ich merkte es wohl, tat es im Herzensgrunde auch.

»Wir müssen Muhme Matou zuvor gewinnen,« sagte er. »Sie ist eine fromme Seele, und das Kind nimmt ihre Betsprüche auf wie aus Gottes Mund. Auch mein lustiger Amédée kann das Seine zu der Sache tun. Der Junge kujoniert seine kleine Marmotte nach Noten, macht aber doch mit ihr, was er will. Bei uns armem Volk, Madame, erzieht ein Kind das andere, und so hat auch mein Amédée nicht bloß wie ein Bruder mit der Schwester gespielt, er hat auch wie ein Mütterchen sie gefüttert und geführt, und die Kleine hängt dafür an ihm nicht bloß mit einer Schwesterseele. Ich hätte an eine Trennung der Kinder vor ihrer Reifezeit denken müssen, und auch darum, Madame, kann ich Ihren guten Willen nur als eine himmlische Fügung segnen. Denn wenn ich meinem Sohne auch keinen Hemmschuh anlegen will, er ist mein einziger, und mein Herzenswunsch bleibt es doch, daß er mein Gehülfe, wie dereinst der Nachfolger in meinem Amt und Hause werden möge.«

In der Vesperstunde betraten wir den Hof des Bertrix 362schen Erbhauses. Das Höfchen und Häuschen müßte ich sagen, denn in solchen Talmulden ist alles dem Menschen Zugehörige eng bemessen und erscheint noch zwergenhafter neben den riesigen Bergen. Die breiten, hohen Hotels verdrießen das Auge daher als etwas Ungehöriges, wennschon die übrige Leiblichkeit es sich gern gefallen läßt, nach der Wanderungsmühsal in großen, lustigen Räumen auszuruhen und sich zu erquicken.

Bertrix führte das Maultier in den Stall, vor welchem die Fremdlingsblüte vom Seeufer sich entfaltet hatte. Die Tür stand offen; ein altes Mütterchen melkte die Kuh, die ihren Nachtkameraden mit wohligem Gebrüll begrüßte. Da ich es für geraten achtete, die Präliminarien zwischen Muhme und Neffen ohne Zeugen abschließen zu lassen, ging ich auf das Haus zu, in dem ich die Kinder vermutete.

Das Haus war, wie in unseren armen Gebirgsdörfern auch, ein Bau aus rohem Holz auf roher Steinunterlage, scheinbar recht wandelbar, doch aber, wie die Bewohner versichern, dauerhaft und warm. Die Tür führte unmittelbar in das einzige Zimmer des einzigen Stocks; die Schlafstellen, vielleicht nicht einmal getrennt, befanden sich auf dem Boden, zu dem im Zimmer selbst eine Leiter führte. In diesem Raume wurde sogar Sommers gekocht, auch für die Kuh und vielleicht für ein Schwein. Winters überdies noch Schule darin gehalten. Die Zahl der Schüler mochte allerdings nicht erheblich sein, denn der Weiler ist klein und die Prieuré nahe genug, daß, so denke ich, die älteren Kinder dort ihren Unterricht erhalten werden. Der Raum war mit Holz ausgekleidet, das der Rauch dunkel gebräunt hatte, indessen so sauber, wie es möglich ist, wenn ein altersschwaches Mütterchen mit Hülfe eines Kindes den Haus 363halt führt und eine Brut von Hühnern freien Zutritt hat. Ein einziges schmales Fenster gab dürftig Licht, die Decke war mit der Hand zu erreichen, über dem offenen Herdfeuer brodelte, der Augusthitze zum Hohn, der Kessel mit der Abendsuppe.

Indem ich, auf der Türschwelle innehaltend, dieses dürftige Heimwesen überschaute, malte ich mir das Entzücken meiner kleinen Alpentochter aus, wenn ich sie in das helle lustige Mädchenstübchen führen würde, das ich in Gedanken bereits für sie ausgewählt und ausgestattet hatte. Rosen blühten auf dem Fensterbrett, die süßen Trauben am Spalier konnte die Näscherin mit Händen greifen, im grünumrankten Käfig schmetterte ein Kanarienvogel. Die kleine Myrtille hatte gewiß noch keinen Kanarienvogel gesehen. A propos, Freund: gibt es im Chamonixtale überhaupt Vögel außer den Adlern, die über den Firnen kreisen, und den paar Hühnern und etwa Gänsen im armen Bauernhof?

Die Kinder waren nicht im Zimmer, nur der steinalte Großvater saß auf der Ofenbank, einem Gerippe ähnlicher als einem Wesen mit Fleisch und Blut. Aus den tiefen Augenhöhlen blitzte aber doch noch ein Funken von dem Spaßvogel Müseau, wenn es auch nur ein paar piepsende Küchlein waren, mit denen er lustig Zwiesprach hielt, er bald dem einen, bald dem anderen ein Krümchen von seinem trocknen Vesperbrote zuwarf.

Sobald er mich gewahr wurde, nickte er zutraulich mit dem Kopfe, was, da der Kopf dabei unaufhörlich wie ein Perpendikel wackelte, einen gar verwunderlichen Rhythmus gab. Ohne meine Ansprache zu erwarten, hob er mit meckernden Greisenlauten, aber noch immer geläufig, die Unterhaltung an; ich spürte seine Lust, statt der pickenden, 364 piepsenden Kücken einen verständnisvollen Zuhörer zu haben. Er hielt mich für ein Individuum, das sich behufs irgendwelcher Bergtour bei seinem Enkeleidam Rats erholen wollte, eine Erkundigung, die zu des Alten Zeit, wo an eine fiskalische Organisation der Führerzunft noch nicht zu denken war, häufiger als jetzt, wenn just auch nicht von weiblichen Besuchern, vorgekommen sein mochte.

»Der Bertrix ist noch nicht zurück, Madame,« sagte er. »Ich kann Ihnen aber so gut wie der Bertrix Auskunft geben. Ich bin fünfzig Jahre früher als er Führer gewesen und ebensooft wie er oben auf dem Monarchen, auch ebensooft rund um ihn herum. Das Geschäft wird freilich anjetzo in einem Jahre flotter betrieben, als meiner Zeit in zehn; dafür kommen anjetzo aber auch zehn Führer auf einen in meiner Zeit. Ich aber und der Bertrix sind von altem Namen.«

Und nun erzählte er mit jener deutlichen Erinnerung, die aus seiner Frühzeit in dem ältesten Menschen haftet, von dem oft gescheiterten und endlich doch geglückten ersten Erklimmen des Montblancgipfels durch Jacques Balmat, dem sein Souverän dafür den Ehrennamen Montblanc verliehen hatte. Als aber Jahrs darauf der gelehrte Herr aus Genf – Namen und Jahreszahl wußte der Alte freilich nicht anzugeben; Saussüre und 1786 werden indes wohl die richtigen sein, nicht wahr, Albrecht? – als demnach Herr Saussüre zu genauerer Erforschung hinaufgestiegen war, da sollte der Vater des Müseau unter den achtzehn Führern gewesen sein, die ihn geleiteten, und Müseau Sohn wollte sich heimlich als Mitläufer eingeschmuggelt haben. Die Teilhaberschaft an dieser Glorie mag für eines der Phantasiestücklein des alten Spaßvogels genommen werden. Daß 365 er aber in das allgemeine Freudengeschrei bei der glücklichen Heimkehr aus Leibeskräften eingestimmt, wird aus psychologischen Gründen nicht bestritten werden dürfen. Die Glocken der Prieuré hat der eingeborene Knabe des Tales gewißlich läuten hören, und auch das Textwort, das der Herr Cüré dem kirchlichen Dankamte untergelegt hat, braucht nicht bloß durch Tradition auf ihn gekommen zu sein. Es war an Petri Kettenfeier, dem Tage auch der heldenmütigen Makkabäer, daß der Aufstieg unternommen ward; und daß es zufällig heuer wieder ein erster Augusttag war, an dem der Greis mir das größte Ereignis seines Tales erzählte, darum mag er es vielleicht sich so lebhaft vergegenwärtigt haben. Das Kalenderdatum hing ja in mächtigen Lettern an der Wand.

»Der gelehrte Herr aus Genf ist unser Wohltäter geworden,« sagte er darauf. »Denn da ich noch ein Bube war wie mein Amédée – er ist von meinem Blut, Madame, und es großvatert sich in dem Schelm –, wo fragte da ein Teufel nach dem Chamonix? Und nichts für ungut, meine schöne Dame« – er sagte wirklich »schöne«, Albrecht –, »erklären Sie mir nur einmal, worin eigentlich der Spaß besteht für Ihre großen Mylords und sogar feinen Myladies, über Schnee- und Eishaufen, die sie Winters mit aller Bequemlichkeit und ganz umsonst aus ihren Fenstern betrachten können, zur Sommerszeit mit Lebensgefahr und mit schweren Unkosten hinwegzuklettern und hineinzugucken in den Nebeldunst und weiter nichts. Denn ein Heidengeld kostet's, Madame, das sage ich Ihnen im voraus, und wenn das liebe lange Jahr hindurch Juli- und Augustmonat wären, dann würden wir Führer reiches Volk, wie die Goddams über dem Meere. Aber was ich sagen wollte: 366 da ich ein Junge war wie mein Amédée, da sah's noch erbärmlich aus im Tal, und ich dachte an nichts anderes als: fort über die Berge und hinaus auf die See, von der ich unseren Herrn Cüré als von dem allergrößten Weltwunder hatte erzählen hören. Da auf einmal sticht so einen reichen Millionär der Hafer, und anstatt sein Geld wie bisher in seinem Schlosse zum Fenster hinauszuwerfen, klettert er füßlings hinauf in das Chamonix und wirft's unserem alten Monarchen an den Kopf, und ein Narr macht ihrer zehn, und die zehn machen ihrer hundert und so immer fort bis in die Tausende hinein. Wir aber im Tal lesen die blanken Füchse auf und sind aus unserer Not. Das ist so unseres Herrgotts Manier. Wenn das Erbarmen mit uns Armlingen ihn beschleicht, da erzeugt er in den Reichlingen eine Marotte, und die Marotte wirkt in der Menschheit wie der Sauerteig im Brot; Naturgenuß nennen die Mylords mit vollem Beutel diese neue Marotte. Einer von ihnen hatte sich sogar, als ich jung war, drüben auf dem Montanvert, da wo anjetzo der Pavillon steht, ein Lustschloß erbaut und mit großen Lettern daran geschrieben: »A la nature« Ich habe die Inschrift selber noch gelesen, Madame. Wenn ich aber zu jener Zeit mir ein Lustschloß hätte bauen können, das hätte in einer Landschaft stehen müssen, wo, soweit das Auge reicht, der Wind über Weizenäcker bläst, mit Halmen so groß, daß ein ausgewachsener Mann darin Versteckens spielen kann, und wo die Acker aufhörten, da strömte das Meer, und Tausende von Schiffen schwämmen darauf herum. Das wäre mein Naturgenuß gewesen, Madame. Matrose hätte ich werden mögen, wie mein Amédée partout Kutscher werden will oder Kurier. Weil es aber anjetzo bei uns im Tale für 367 den Führer ein braves Stück Geld zu verdienen gibt, da frage ich doch, warum mein Amédée den schönen Verdienst einem anderen vergönnen soll, da er doch der Letzte ist vom alten Stamm? Mit mir war's, da ich Matrose werden wollte, was anderes, Madame. Mich hungerte, und ich kletterte barfüßig zwischen Eis und Geröll. Ich bin aber doch niemals über das mer de glace hinansgekommen, nicht einmal hinunter an den Lemansee, wie doch schon verwichenen Herbst mein Amédée. Da es mir nun aber einmal nicht anders beschert gewesen ist, da danke ich dem hohen Himmelsherrn doch alle Tage, daß er mich in meiner Jugend nicht, wie den großen Propheten, von einem Haifisch hat verzehren lassen. Denn wie toll auch mein Verlangen in die weite Welt hinausschweifte, in das Grab hinuntersteigen und aus dem Grabe in den hohen Himmel hinaus, hätte ich doch allezeit nur in meinem Tale gemocht.«

Wie viel weniger abgeblaßt, dürr und steifleinen, als im feierlichen Hochdeutsch würde dich dies Fragment eines Plauderstücks angemutet haben, hätte ich es dir im Patois des alten Montblancführers oder allenfalls auch in der Mundart unseres Reuter vorzutragen vermocht. Denn es gilt von der Sprache des Volks, und wäre es unseres eigenen Volks, was unser feinster Sprachmeister von jeder Unterhaltung in fremden Sprachen behauptet, und es war ja auch auf einer Schweizerreise, daß er seiner Erfahrung Ausdruck gab.

»Man erscheint in einer fremden Sprache immer albern, weil man nur das Gemeine, die groben Züge und noch dazu stockend und stotternd auszudrücken vermag. Denn was unterscheidet den Dummkopf von dem geistreichen Menschen, als daß dieser das Zarte, Gehörige der Gegen 368wart schnell, lebhaft, eigentümlich ergreift und mit Leichtigkeit wiedergibt, während jener, gerade wie wir es in einer fremden Sprache tun, sich mit schon gestempelten, hergebrachten Phrasen begnügt.«

Wäre mit dieser Unterscheidung, Freund Dichter, nicht gleichzeitig die des guten und des schlechten Novellisten ausgedrückt? Beide behandeln so ziemlich die gleichen Gegenstände; die Erfindung hat ihre Schranken, auch die Charaktere sind meistenteils dagewesen. Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne, wie im Menschengemüt. Erst der Vortrag hebt die Beschränkung auf und läßt das Dagewesene jung und neu erscheinen. Denke dir die Wahlverwandtschaften von Kotzebue oder Lafontaine erzählt!

Gestern noch würde ich den Jugenderinnerungen des Großvaters Müseau stundenlang mit Vergnügen zugehört haben, zumal wenn es unter freiem Himmel und nicht in der dumpfen Stube neben dem schmauchenden Herdfeuer hätte geschehen können. Wer weiß, ob sich durch väterliche Tradition, oder etwa die Reliquie eines der ersten blanken Goldfüchse, die dem Monarchen zwar nicht an den Kopf geworfen, aber doch zu Füßen gelegt worden sind, nicht eine Spur hätte auffinden lassen von jener genialsten Freundesreise, welche jemals Dichter und Fürst mitsammen unternommen haben und über deren Erinnerung so leicht kein Deutscher, der in das Arvetal steigt, hinwegkommen wird. Auf der Welt gewesen war der Sohn eines der ersten Montblancführer 1779 jedenfalls, obschon er, als ich ihn nach seinem Alter fragte, einen seiner Späße machte oder radotierte, indem er mir zur Antwort gab: »Wenn wir wieder Lichtmeß schreiben, schreibe ich hundert.«

In meiner heutigen Ungeduld unterbrach ich sein Ge 369plauder mit der Frage nach den Kindern. Sie waren zur Prieuré gegangen; Amédée, um den gegen Abend eintreffenden Reisenden seine Dienste bei der Gepäckbeförderung und dem Suchen eines Unterkommens anzubieten, Myrtille bloß dem Amédée zur Gesellschaft, da ihr Chansonnier zur Abwechslung heute die Badegäste von St. Gervais mit seiner Kunst regalierte.

Also auf Warten angewiesen, nutzte ich die Zeit, um zunächst den Patriarchen der Familie zum Vertrauten und womöglich Helfershelfer meines Planes zu machen. Er hörte mir zu ohne merkliche Freude oder merkliches Leid. Die Myrtille ging ihn nichts an; sie war nicht von seinem Blut, ein armer Champi und im Grunde ein unnützer Brotesser im Haus, wenngleich er, wie er eingestand, in betreff der Beköstigung um der Kleinen willen nicht knapper gehalten werde als zuvor. Aber freilich, zu Zeiten der guten Marie hatte alles Essen weit besser geschmeckt, und eine galette wie die gute Marie brachte die alte Betschwester Matou vollends gar nicht zuwege.

Die gute Marie, wie Kind und Greis sie nannten, die gute Marie! Mir schlug das Herz bei dem Namen, und da derselbe ohne mein Zutun in Erwähnung gebracht worden war, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, den schwatzhaften Alten nach diesem mir vor allen anderen wichtigen Mitgliede der Familie Bertrix auszuhorchen. Ich tat es vorsichtig, wennschon mit heimlichem Skrupel. Kaum zwei Stunden war es her, daß ich gelobt hatte, die Windel, in welche eine Blöße gehüllt worden war, nicht zu lüften!

Zur Strafe war denn auch die Ausbeute meiner Neugier mäßig genug. Großvater Müseau schien so wenig ein lästersüchtiger Hypothesenjäger, als menschenfreundlicher Hans 370 in allen Gassen. Marie Bertrix, so wenig wie Myrtille de la source, waren von seinem Blut und der ersteren Wirtschaftsführung im Haus zu lange Zeit her, um sich noch genau darauf zu besinnen. Greisen wie diesem dünken zehn Jahre lange, aber achtzig Jahre kurze Zeit. Wissen denn auch nicht schon wir auf des Lebens Mittelhöhe, Freund, welch blasse Spuren die jüngsten Erfahrungen uns hinterlassen, während die ältesten frisch und kräftig in unserem Gedächtnisse haften?

So mußte ich mich denn damit begnügen, daß die Leute erschrecklich viel Wesens von der Marie Bertrix, als dem schönsten Mädchen im Tal, gemacht, daß sie den Großvater Bertrix rechtschaffen verpflegt und den besten »Platz« – galette – gebacken habe, der in les Praz jemals gebacken worden sei. Nachdem sie den Amédée gründlich auf die Beine gebracht, sei sie plötzlich wieder auf und davon gewesen, ohne Adieu, mitten in der Nacht, als der Großvater schlief. Der Großvater hatte gehört: zurück nach Genf, wo sie schon früherhin eine Zeitlang in Dienst gestanden und wo freilich weit mehr Geld als im Tale zu verdienen war, und nicht lange darauf habe es auf einmal geheißen, sie wäre tot, im Hause aber hantiere seitdem die alte Matou.

Ich hatte dem Großvater, um mich in seine Gunst zu setzen, eine Schokoladentafel geschenkt, die ich mir als Wegzehrung mitgenommen, die aber bei der kurz abgebrochenen Partie nicht zur Verwendung gekommen war. Nun leckte er an dem ungewohnten Genäsch, schnalzte mit der Zunge und klopfte sich behaglich auf den Bauch; das Erzählen wurde Nebensache, bald nur noch ein Lallen, und nach dem letzten Brocken nickte das alte Kind ein. Wie es so dasaß, zusammengekrümmt, mit offenem Munde, die Lider nur 371 halb geschlossen über dem Weiß der Augen, die in tiefen schwärzlichen Höhlen versunken lagen, ja, da war es, bei Gott, ein grauenerregendes Menschenbild.

Und doch gehörte Großvater Müseau noch nicht zu den völlig abgelebten Greisen, welche dem Glauben an einen persönlichen Wiederanfang im Jenseits so viel Schwierigkeit machen. Ihm blieben, außer dem gesunden Appetit und Schlaf, ein frischer Sinnenrest, ein Zug des Bluts, rege Erinnerungen aus seiner frühesten Zeit, eine allzeit frohe Laune – und wie manchem, der mehr besessen hat als er, schwinden auch die. Fürwahr, man müßte solch ein Patriarchenalter als die härteste aller irdischen Prüfungen ansehen, härter sogar als Krankheit und Tod, wenn die Patriarchen selbst nicht die Last ihrer Jahre mit einer Lebenslust trügen, welche der Jugend nur allzuhäufig erlischt. Unheimliches Rätsel der Natur, diese Freude am Sein, wo alle Freude des Seins auf die Neige gegangen ist!

Hältst du es nun aber nicht für eine Verkehrtheit der Erziehung, wenn den Kindern das hohe Alter als das Stadium der Weisheit angeführt wird, das der erlangten Reife, welchem der Zoll unbedingter Hingebung gebühre? Gibt das nicht schweren Irrtum und rechtfertigt nahezu das Abwenden von einem vermeintlichen Ausnahmezustande, der Gottes Ordnung zuwiderläuft? Wie das Christentum überhaupt in seinen Pflichtgeboten nicht Ehrfurcht vor der Menschennatur, sondern Erbarmen mit ihrer Unvollkommenheit und Ergänzung derselben durch die Liebe zur Voraussetzung hat, so sollten wir vor allem statt der Ehrfurcht Mitleid und schonende Geduld mit den Greisen dem kindlichen Gewissen einprägen, und das zumeist, wenn die Greise unsere Ahnen sind. Denn die Dankbarkeit allein tut es nicht. Sie 372 ist eine schwere Tugend, und keine Wohltat wird leichter vergessen als die, welche dem stärksten, weil natürlichsten Triebe, dem der Eltern zu ihren Kindern, entsprang. Eben darum, weil ein selbstsüchtiges Abwenden von den Gebrechen des Alters der Jugend in ihrer Kraft und Fülle natürlich ist, darum hat der weise Menschenkenner auf dem Sinai der Erfüllung des vierten Gebotes die Verheißung für das Diesseit gegeben, eine Erfüllung, welche den größten Kulturfortschritt innerhalb der Familie bezeichnen würde und gegen welche auch heute noch mehr wie gegen jede andere gefrevelt wird. Seine Kinder liebt auch der roheste Mensch; aber unsere heidnischen Vorfahren schlugen ihre Eltern, sobald sie die Schwachheit des Alters an ihnen wahrnahmen, tot, und überseeische Wilde machen heute noch nicht bloß aus ihren Feinden, sondern aus ihren Greisen ein Mahl. Wie es aber bei uns, die wir uns Christen nennen, durchschnittlich mit dem Gebote, das die Verheißung hat, bestellt ist, das bekundet nicht bloß der alte Wahrspruch über dem Stadttore von Jüterbog, sondern jeder Blick in ein Altenspittel und das landläufige Sprichwort, daß eine Mutter wohl zehn Kinder aufbringen kann, zehn Kinder aber nicht eine Mutter würdig versorgen können.

Während ich nun, am geöffneten Fenster der dumpfen Schulstube von les Praz stehend, auf das atmende Geripp im Herdwinkel blickte und jenen moralischen oder unmoralischen Betrachtungen Raum gab, da überkam mich eine aufrichtige Hochachtung für meinen neuen Freund Bertrix; nicht weil er einen verlassenen Findling an sein Herz genommen hatte, sondern weil er zwei hülflose Greise mit so viel Schonung unter seinem Dache hegte. Im Herzensgrunde aber schmeichelte es mir dennoch, daß ich dem Kinde, 373 welches ich dem hehren Beispiel und der Betätigung jenes segenverheißenden Pflichtgebotes zu entziehen trachtete, wenn überhaupt, so doch berechenbar erst in weiter Ferne, solche heilsame Übung würde zuzumuten brauchen. Hätte ein Spiegel in der Stube gehangen, würde ich mich an dem Anblick meiner blonden Locken geweidet haben, weil bis dato noch kein silberner Faden sich zwischen ihr Gold gemischt hatte.

Wie vorhin der Neugier, so sollte indes auch dieser Eitelkeit die Strafe auf dem Fuße folgen, als die Tür kaum hörbar geöffnet wurde und auf ihrer Schwelle ein Mütterchen erschien, gebeugt, wie sie stand, in Wahrheit nicht viel größer als die kleine Myrtille. Die Hände waren kreuzweis über der Brust gefaltet, die Augen blöde, aber groß und rund wie unschuldige Kinder- oder Nonnenaugen; sie blieben eine Weile starr auf mich gerichtet, als ob sie meinen heimlichsten Seelenwinkel erspähen wollten, und von der Anstrengung des Spähens liefen sie über. Dann wankte das Mütterchen auf mich zu, fiel vor mir nieder, küßte meine Hand und sagte weiter nichts als:

»Haben Sie das Kind lieb, gute Dame. Es schlummert ein Engelchen in dem kleinen Herzen.«

Mère Matou schluchzte, und ich schluchzte mit. Ich hätte ihr sagen mögen:

«Behalte dein Kind, ich kann ihm nicht eine Mutter sein, wie du es bist.«

Aber der Egoismus war stärker. Nachdem ich meine Tränen hinuntergeschluckt, Matou die ihren an der Stallschürze getrocknet hatte, wiederholte ich nur, was ich zuvor Vater Bertrix gelobt hatte, vielleicht mit etwas bewegteren Worten und dem Versprechen, daß sie im 374 nächsten Sommer ihren Liebling im Tale wiedersehen sollte.

Sie schüttelte langsam den Kopf und sagte mit jener Zuversicht, die einen tröstenden Widerspruch nicht aufkommen läßt:

»Ich werde das Kind nicht wiedersehen, meine Stunde ist nah. Die liebe Himmelsmutter hat Sie zu rechter Zeit in das Tal geschickt, gute Dame. Wie Sie den armen Findling im Herzen tragen, trägt im Herzen der hohe Heiland Sie.«

Nach diesen Worten klomm das Mütterchen die steile Leiter hinan, und Bertrix trat in das Zimmer. Wir kamen überein, daß, das Abschiedsbangen abzukürzen, alle Partien, die ich mir vorgenommen hatte, auf einen späteren Besuch des Tales verschoben und Rückreise samt Entführung schon andern Morgens angetreten werden sollten. Die Matou, welche während unserer Verhandlungen wieder herabgekommen war, nickte zustimmend mit dem Kopfe.

Sie trug einen Haufen vergilbter Kinderwäsche und bunter Lümpchen im Arm, die sie auf dem Tische sorgfältig glättete und dann mit zitternden Händen in ein Bündel zusammenpackte. Ich bat sie, die Mühe zu sparen, da ich morgen in Genf alles zur Reise für die Kleine Erforderliche leicht beschaffen könne. Die Alte schüttelte langsam, nach ihrer besonderen Weise, den Kopf und schlug die großen, runden Augen zu mir in die Höhe.

»Es ist das Zeug, welches dem Kinde zum letzten Male von seiner Mutter angelegt worden ist.«

Sie hatte die Worte nur gehaucht; es gibt aber ein Hauchen, das lauter mahnt als Glockenton.

Ich drückte schweigend die bebenden Hände an mein 375 Herz; Bertrix stand regungslos am Fenster, den Rücken uns zugekehrt; der alte Großvater atmete unhörbar im Schlaf; mir war, als ob ein seliger Geist uns umschwebte.

»Die Kinder kommen!« rief endlich Bertrix, das Zimmer verlassend. Die Matou folgte ihm. Ich erinnere mich weniger Minuten, in welchen mir das Herz in gleicher Spannung geschlagen hätte. – – –

Aber die Plauderbogen schwellen unter meiner Hand. Ich spüre, Freund, in dir eine Anwandlung von jener himmlischen Macht, die wir, sans phrase, Langeweile nennen. Die Sache – um mich meinem Helden Amédée gemäß auszudrücken – die Sache ist nämlich die: es hatte sich während des Schreibens, ohne daß ich im Eifer der Erinnerungen es gemerkt, jach wie es in den Alpentälern die Regel ist, ein Gewitter zusammengezogen und entladen mit obligatem Regenstrom und Arvebrausen. Ich saß im Chalet der Kaiserin gebannt, während mich doch die Unruhe der Erwartung hinaus, die Talstraße aufwärts trieb. In solchem Unbehagen ist es nun ein Kitzel, sich einen Leidensgefährten, sei es auch nur einen entfernten, zuzugesellen. Nun, da die Wolken sich zu brechen beginnen, habe ich es indessen gnädiger mit dir im Sinn.

Um es also kurz zu machen: wir nahmen dem Kinde sein Ja über dem Kopf hinweg. Mutter Matou lispelte fromm, Vater Bertrix mahnte laut und verständig; ich lockte mit der Aussicht auf Rosen und Trauben, Freund Amédée mit Späßchen nach Großvaters Art. Von vornherein und mir in das Ohr hatte dieser hoffnungsvolle Jüngling etwelche Einwendungen gegen mein Projekt zu erheben gehabt.

»Die Myrtille ist zu simpel,« hatte er geflüstert, »sie 376 paßt nur in das Tal. Brauchen Sie nicht lieber einen Kutscher, Madame?«

Da ich jedoch bekennen mußte, daß ich leider nicht reich genug sei, um mir Equipage zu halten, schien er dieses bescheidenere Los dem Kinde für angemessen zu erachten. Er hatte hinter jedem Chamonix-Besucher einen heimischen Marstall vorausgesetzt, und ich mochte tief genug in seiner Schätzung sinken.

Für Myrtille selbst, die, was Sich-Trennen heißt, noch nicht erfahren hatte, handelte es sich um eine Reise in der Art, wie ihr Amédée sie voriges Jahr nach Genf gemacht hatte, und da sie diese Reise unternehmen sollte in Gesellschaft der guten Dame, der die Centimestücke so flott von Händen gingen, freute sie sich darauf mit Kinderlust. Einmal jedoch fragte sie mich nachdenklich, ob dort, wo mein Haus stehe, auch der Monarch zu sehen sei? Da ich die Frage leider verneinen mußte, verpflichtete der auch geographisch instruierte sous-maître von les Praz mich zu lebhaftem Dank, indem er das dumme Kind belehrte, daß dort, wo ich wohne, tausendmal schönere Berge als der alte, kahlköpfige Monarch zu sehen seien, Weinberge und solche, auf denen Nußbäume wachsen, und so weiter. Wenn sie aber nach Eis und Schnee Verlangen trage, so könne Madames Gegend auch mit solchen aufwarten, nämlich im Winter; und sobald der Winter vorüber sei – –

»Dann kommt Bruder Amédée und besucht seine kleine Myrtille,« fiel ich ein.

»Ganz gewiß, Madame,« bekräftigte Mosjö Amédée mit einem herzhaften Händedruck. »Das heißt, wenn ich bis dahin noch nicht Kutscher geworden bin.«

»Nein, Führer,« widersprach die Myrtille.

377 »Nein, Kutscher,« beharrte Amédée, und während dieses mir nicht mehr ganz neuen freundschaftlichen Disputs brach ich auf, begleitet von Bertrix, der meine Angelegenheit mit dem Herrn Cüré zu erledigen hatte.

Am andern Morgen stand das Wägelchen angeschirrt, das uns nach Sallanches, bis wohin die Genfer Diligence damals nur fuhr, bringen sollte. Ich ging reisefertig und angstvoll wartend vor der Tür des Hotels auf und ab. »Es ist ihnen über Nacht leid geworden, sie kommen nicht,« dachte ich und stand im Begriff, den Wagen fortzuschicken. Da kamen sie. Mutter Matou am Stock, das Bündelchen unter dem Arm, und das Kind, das, von ihrer Hand sich losreißend, mir lustig entgegensprang. Bertrix war, wohlüberlegend, während die Kleine noch schlief, aufgebrochen, um seinen Mylord nach dem Brévent zu führen, und hatte den Amédée mitgenommen. So fiel eine Abschiedsszene fort. Myrtille war es gewohnt, Vater und Bruder tagsüber selten zu sehen, sie dachte nur an das geheimnisvolle Etwas, das eine Reise hieß.

Auch die Matou hielt sich tapfer. Sie sprach kein Wort; war sie doch niemals eine Sprecherin außer zu den Himmlischen, die sie nicht sah. Nur die runden Kinderaugen redeten, als sie mir das Bündelchen reichte. Sie weinte nicht, küßte das Kind auch nicht, schlug ihm nur wiederholt das Zeichen des Kreuzes über Stirn und Brust, und als die Kleine munter, mir voran, in den Wagen kletterte, schlug sie das Zeichen noch einmal in die leere Luft.

Die Pferde zogen an; ehe sie um die Straßenecke bogen, blickte ich noch einmal zurück. Die alte Frau hatte den Stock zu Boden fallen lassen und lag auf den Knieen, beide Arme nach uns ausgestreckt. Wiederum durchzuckte es mich, 378 umzukehren und zu sagen: »Behalte dein Kind, bis Gott dich ruft, dann will ich es von dir erben.« Aber die Myrtille rief eben einem ihrer barfüßigen, kleinen Gesangskameraden fröhlich zu, daß sie eine große Reise mache, von der sie ihm etwas recht Schönes mitbringen werde – und der Wagen rollte um die Ecke, dem Mütterchen außer Sicht.

Die erste Wagenfahrt! Welch eine Seligkeit für mein neues Töchterchen! Die mahnenden weißen Berge lagen uns im Rücken; ein reizvoller Wechsel der Szenerie uns im Angesicht. Myrtille hatte ein offnes Auge, eine staunende Frage bei jedem neuen Bild. Vor den Wasserstürzen bei Gède jauchzte sie laut auf. Kam ein elender Weiler uns in Sicht, rief sie erwartungsvoll: »Da ist Genf!« Eindruck verdrängte den Eindruck, Freude die Freude. Freude pulste auch in meinem Herzen. In Sallanches wurde ein Imbiß genommen, der mindestens meiner Begleiterin trefflich mundete, dann rasch die harrende Diligence bestiegen. Just als wir unsere Plätze eingenommen hatten, stürzte, außer Atem, Myrtillchens würdiger Meister, der Chansonnier, vor das Hotel, leider zu spät, um auch die talabfahrenden Reisenden mit seiner Kunst zu erquicken. Die Kleine sprang auf und winkte ihm zu; er bemerkte es nicht; sein Name war ihr unbekannt, » Monsieur, Monsieur!« rief sie. Er hörte nicht. Um ihm aber doch ihr stolzes Reiseglück erfahren zu lassen, stimmte sie mit heller Kehle und ausgebreiteten Armen sein Leiblied an:

»Adieu, charmant pays de France!«

Da mir einigermaßen bänglich zumute ward, schob ich ablenkend einen Frank in ihre Hand, sie warf ihn ihrem Gönner zu, er stutzte über die ungewohnte reiche Ernte, blickte in die Höhe und schwenkte seinen Hut. Die Sängerin 379 nickte, lachte und klatschte in die Hände; das Gefährt setzte sich in Bewegung: » Adieu, charmant pays de France!« schallte es von der Straße her ihm nach, und weiter ging es.

Die Diligence war dicht besetzt. Das muntere, braune Kind in seinem ärmlichen Aufzuge erregte vielseitiges Interesse; von vorwärts und rückwärts, von rechts und links wurde es ausgefragt und war niemals um eine Antwort verlegen. Immer Lockenderes gab es anzustaunen; das Faucigny ist ja ein reizvoller Erdenfleck; die prächtigen, alten Nußbäume brachen fast unter ihrer Früchtelast. Ach, wenn die Nüsse doch reif gewesen wären und Myrtillens kleine, weiße Zähne sie alle, alle hätten knacken können!

Als wir zum letzten Male über die Arve fuhren, stand auf der Brücke eine Säule und auf der Säule ein Mann, »ein guter König«, wie ein gefälliger Nachbar der verwunderten kleinen Reisegefährtin erklärte. »Wird der gute König denn aber nicht müde?« fragte sie mitleidig und dann zu mir gewendet: »Muß der gute Kaiser Napoleon auch immer auf einer Säule stehen, Madame?« Wie würde Mosjö Amédée über das dumme Kind gelacht haben!

Auf dem Platze, wo die Pferde gewechselt wurden, gab es gute Pfirsiche und Trauben, und vor einem Café prangte eine Reihe Oleanderbüsche über und über mit vollen rosigen Blüten bedeckt. Das mußte ja Genf sein, die Zauberstadt ihres Amédée. Aber es war erst Bonneville; die Kleine mußte sich gedulden, wurde allmählich still, müde und ein bißchen blaß.

Endlich hielten wir in Genf. Es war noch früh am Nachmittag. Hätte ich nun rasch einen Fiaker zum Bahnhofe genommen, der Neuheit der Wagenfahrt unmittelbar die Neuheit der Dampffahrt folgen, mein Töchterchen die 380 Gebirgszone im Kupee verschlafen, es im Flachlande erwachen lassen und ohne Aufenthalt weiter entführt bis in mein kleines, behaglich stilles Haus, dann, ja dann, Freund, würde mein Kindergeschichtchen einen anderen Ausgang genommen haben. Ob einen froheren oder trüberen – wer weiß es? Jedenfalls aber nicht den, daß ich es dir heute zum ersten Male erzähle. Aber die zärtliche Mama meinte ihrem Töchterchen seine Wundererwartungen von Genf befriedigen und ihm eine Ruhestation gönnen zu müssen, sie hatte überdies etliche dringende Obliegenheiten mütterlicher Eitelkeit zu erledigen und konnte ihr »vernünftiges Prinzip« mit Sack und Pack doch auch nicht im Hotel sitzen lassen.

So gingen wir denn, nachdem wir in der Chamonixstraße aus der Diligence gestiegen waren, ohne den Kai zu berühren, in das Innere der Stadt, Wäsche, etliche Anzüge und dergleichen mehr für den kleinen Reiseneuling einzukaufen. Der ungewohnte Staat brachte indes nur einen mäßigen Eindruck hervor, und das Geld für eine große Puppe war trotz ihrer blonden Locken und sich verdrehenden Augen schlechthin aus dem Fenster geworfen. Der arme Quellenfindling, der niemals mit einer Puppe gespielt hatte, wußte sich den Zweck des angeputzten, toten Balges absolut nicht zu erklären. Die Erziehung zum Puppenspiel muß eben in der Wiege beginnen wie alle Erziehung, Freund Vater. Auch eine reichgefüllte Zuckertüte verfehlte ihren Zweck, da die wechselnden Reisegenüsse den kleinen Magen bereits mehr als zuträglich gesättigt hatten.

Überhaupt entsprach die Wunderstadt, die im ganzen Chamonix-Tale nicht Platz haben sollte, Freund Amédées geistreichen Schilderungen nicht entfernt. Die engen Gassen 381 mit ihrem Menschengewühl, die turmhohen Häuser mit den ragenden Schornsteinröhren erweckten schier Grauen, und wo waren die Rosen, die Trauben, das himmelblaue Wassermeer mit den weißen Vögeln, die nur schwimmen, nicht hoch wie Adler fliegen können? Das arme Dorfkind schmiegte sich ängstlich an meine Seite und flüsterte:

»Ich habe mir Genf anders gedacht, Madame.«

»Warte nur, Herzchen, das Beste kommt noch,« tröstete ich.

Indessen wurde die Kleine immer matter und matter, das Schuhwerk drückte auf dem ungewohnten Pflaster, sie gähnte und stöhnte laut. Ich gab manchen noch wünschenswerten Einkauf auf, bestieg mit meinem kleinen Anwesen einen Fiaker und beorderte ihn nach dem Hotel des Bergues. Kaum auf dem Sitz, fielen dem Kinde die Augen zu, bald schlief es so fest, daß es nicht zu ermuntern war, als wir vor dem Hotel stillhielten und Duenna Christiane, die mit dem unvermeidlichen Strickstrumpf vor demselben spazierte, es aus dem Wagen heben und die Treppe hinan in mein Zimmer tragen mußte. Die Last war nicht zu schwer für die hünenhafte Gestalt, trotz ihres ergrauenden Haars. Wir legten das Kind auf mein Bett und ließen es ein Stündchen ruhen.

's ist lange her, mein Kamerad; im stillen magst du aber doch noch manchmal lächeln ob deiner grimmigen Wut, dem Fäusteballen und Zähneknirschen, wenn unser »vernünftiges Prinzip«, dazumal schlechthin »Muhme« genannt, die erhabensten unserer romantischen Projekte, vulgo Raupen, schnöde zuschanden machte. Als wir uns, zweiselig, zu einer Expedition nach der feuerspeienden Insel im Eismeer rüsteten und ich zu dem Zweck das Pelz 382pelerinchen, das mir der heilige Christ gebracht, zu einer Pudelmütze für dein teures Haupt umzuarbeiten begann, hinterbrachte sie den Frevel an Mama, und da das wichtigste Ausrüstungsstück meinen Händen entrissen, unterblieb die glorreiche Expedition. Als wir späterhin mit der schwierigen Organisation einer Schauspielertruppe bis auf die Ausführung fertig geworden waren, drohte die Horcherin gar mit der Polizei, und auch dieser herrliche Plan blieb ein Luftgespinst. Da ein »vernünftiges Prinzip« nun nicht wandelbar ist wie holde Phantasien, wird es dich demnach nicht wundernehmen, daß nach zwei Jahrzehnten auch das mütterliche Vorhaben, für das ich um ihre Zustimmung warb, wenig Verständnis bei Muhme Christianens Logik fand, wenn sie heute auch an keine höhere Instanz als eben diese Logik zu appellieren wußte, um dasselbe zu hintertreiben. Man solle eines Kindes Wiege nicht verrücken, und Art lasse nicht von Art, meinte sie, in milder Umschreibung der ärgsten Hintergedanken; bei dem Hinweis auf das liebliche Bild meines schlummernden Engelchens sagte sie naserümpfend: der menschliche Gusto sei verschieden; nach ihrer Welterfahrung halte sie es für ein Kunststück, einen derartigen Haarwuchs glatt und gleich zu bringen; das dringendste Bedürfnis für das Engelchen dünke ihrer Vernunft ein Seifenbad, das zum Glück im Hotel zu jeder Stunde zu haben sei.

Diesen letzten Bedenken gab ich Beifall, und so wurde denn das braune Naturkind nach seinem ersten Erwachen auf seidenem Pfühl in eine Marmorwanne gesetzt, gründlich abgerieben und abgespült, ein Luxus der großen Welt, der jedoch mehr einen wehelichen als wohligen Eindruck machte. Ein laut ausgedrücktes Leidensstadium aber trat ein, als dar 383auf der schwarze Haarwald, der über der Stirn kraus in die Höhe stieg, gleichfalls geschwemmt, gekämmt, geölt und glatt in den Nacken hinunter gestriegelt wurde. Nachdem nun schließlich auch reines Zeug, gestickte Höschen und ein rosenrotes bauschiges Gewand samt Schärpe und Achselschleifen angetan worden waren, führte ich den zum Kinde der Gesellschaft umgewandelten Findling von der Quelle des Arveyron zur Bewunderung seines Selbst vor den großen Toilettenspiegel in meinem Zimmer und fragte schmunzelnd: »Nun, wie gefällst du dir, Myrtille?«

Ob im Schulhause von les Praz ein so wichtiger Kulturmesser, wie der Spiegel unbestritten ist, vorhanden gewesen – etwa in Taschenformat, versteckt in der Sonntagsbluse des Mosjö Amédée – läßt sich mit Sicherheit weder behaupten noch verneinen. Zuverlässig ist nur, daß die kleine Myrtille ihr Konterfei noch niemals in einem Glase geschaut hatte, und daß die grauen Strudel der Arve auch nicht zu eitler Bespiegelung nach Nymphenart verführt hatten. Sie stand daher eine lange Weile wie erstarrt vor dem fremden Menschenbilde sich gegenüber; dann fragte sie, die Augen ernsthafter denn je, aber die Lippen ohne Lächeln:

»Die geputzte Puppe da drüben, die soll ich sein, Madame?«

Und als ich zustimmend nickte, erklärte sie mit derselben sichtbaren Enttäuschung, die sie bei der Bekanntschaft von Genf geäußert:

»Ich habe mir mich anders gedacht, Madame.«

Der Wahrheit die Ehre zu geben: ich teilte den Geschmack oder Ungeschmack meines Töchterchens; die kleine geschniegelte Modedame gefiel mir lange nicht so gut, wie mir die 384 kleine, barfüßige Straßensängerin gefallen hatte. In den Augen der alten Kindermuhme aber war, wie echauffierend auch die veredelnde Prozedur gewesen, ein wüstes Waldteufelchen in die Reihe der nach Gottes Ebenbilde Erschaffenen erhoben worden, und sie begann, stolz ob ihrer Kunstfertigkeit, sich mit dem jüngsten Phantasiestücke ihrer Prinzipalin zu befreunden.

»Wird Amédée mich dann aber auch erkennen, wenn er mich so wiedersieht?« fragte die Kleine plötzlich in heller Angst.

»Du wirst ihm so geputzt erst recht gefallen,« beruhigte ich. Im Grunde aber wurde mir allemal bange für mein neues Glück, wenn auf den roten Bengel die Rede kam, daher ich denn, die Erinnerung abzulenken, mein Töchterchen eilig in das Freie führte zur Hauptüberraschung: einer Bootfahrt auf dem See.

Da Duenna Christiane keine Freundin von Wasserpartien ist, mit Ausnahme derer in Scheuer- und Spülfaß, sie außerdem auch alle Hände voll mit Packen zu tun hatte, weil zu ihrer höchsten Befriedigung die Heimreise morgen mit einem der ersten Züge angetreten werden sollte, gingen wir beide allein nach der nächsten Bahnstation. Die Vesperstunde war hereingebrochen, ein buntes Treiben belebte den Kai; die elegante Welt promenierte, Equipagen rollten aufwärts und abwärts; ein Dampfschiff lief vom Stapel, ein anderes landete, alles das wirkte indes nur befremdend auf den kleinen Neuling an meiner Hand. Das Herz erhoben, die kindliche Phantasie überboten wurde ihm nur durch den Anblick des großen Wassermeers, dessen wogender Spiegel mächtiger blaute als die Grotte des Arveyron. Mit einem Schrei des Entzückens sprang das 385 Kind in den Kahn, und hier hob es zum ersten Male den Blick zur Höhe empor.

Der Uferrand, längs dessen wir segelten, lag schon im Abenddämmer, vom jungen Monde silbern angehaucht, drüben aber waren die savoyischen Felsen noch sonnig bestrahlt, und alle überragend hatte ich den Gipfel des Montblanc noch niemals in so glorreicher Majestät leuchten sehen.

Nein, niemals; denn ich sah ihn heute nicht mit eigenen Augen, aber mit denen des Kindes, das zu seinen Füßen geboren war und dessen Blicke wie verzaubert an einer himmlischen Erscheinung hafteten. Ein Schauer durchzitterte den kleinen Leib; unter dem fahlen Lichte des Mondes, in welches das Boot bei einer raschen Biegung trat, kam das Gesichtchen mir vor wie das eines verklärten Geistes. Sie schlug ein Kreuz über der Brust, faltete die Hände und gab fortan keinen Laut, unverwandt starrte sie nur nach der Richtung, in welcher der Beherrscher ihrer Heimat allmählich verschwand. Mich fröstelte; ich verwünschte die Unvorsicht, in dem jungen, starken Herzen einen Dämon aufgeweckt zu haben, mit dem ich mich im Ringkampf unterliegen sah. Ahnungsvoll beklemmt hieß ich den Schiffer umlenken.

Während der Rückfahrt trat der weiße Berg von neuem hervor, er war auch noch auf dem Kai zu unterscheiden, wennschon die angezündeten Gasflammen blendeten. Nur widerstrebend folgte mir Myrtille in mein Zimmer, das leider Gottes nach der verhängnisvollen Seite gelegen war. Sie lief zum Fenster. Da oben, da leuchtete ihr »Monarch« jetzt unter einem rosigen Schein. Sie sprach kein Wort, antwortete nur mit einem Schütteln oder Nicken. Sie 386 mochte nicht essen, noch trinken, unverwandt blickte sie empor zu der hehren Majestät.

Ich hätte sie zur Nacht in meinem Zimmer behalten mögen; es stand aber nur ein Bett darin, während Christiane in ihrer Mansardenkammer bereits ein zweites hatte aufschlagen lassen. So führte ich die Kleine denn die verschiedentlichen Treppen hinan. Oben jedoch riß sie sich von meiner Hand und stürzte nach dem Fenster. Wiederum der weiße, alte Zauberer!

Willenlos, stumm und steif wie ein hölzerner Götze ließ sie sich von mir auskleiden und zu Bett bringen. Auch Christiane legte sich auf mein Geheiß, während ich noch eine Weile blieb. Sie lächelte höhnisch, als ich sie bat, den Riegel nicht vorzuschieben und mir den Kammerschlüssel zu überlassen, damit ich in der Nacht einmal nach dem Kinde, das mir nicht ganz wohl scheine, sehen könne.

»Wir werden alle drei schon schlafen, wie sich's gehört,« spottete das alte »vernünftige Prinzip« und schlief auch bald sehr vernehmlich. Das Kind aber hatte seine Augen noch auf, als ich endlich ging.

Und auch ich kam zu keinem Schlafe, wie er sich gehört; vor meinen halbwachen Augen spukte der alte Hexenmeister, der, ein anderer Erlkönig, mir mein Kind zu entreißen drohte. Mitten in der Nacht stieg ich in die Kammer hinaus, öffnete leise und trat unbemerkt ein.

Das »vernünftige Prinzip« lag noch immer in guter Ruh; das Kind aus der Fremde jedoch stand im Hemdchen mit bloßen Füßen und ausgebreiteten Armen am Fenster und schaute in die Höhe. » Te quitter c'est mourir,« hörte ich es leise, leise summen.

Sie ließ sich ohne Widerstreben in ihr Bett zurückführen, 387 ich wußte aber gar wohl, daß, sobald ich den Rücken gewandt, sie wieder aufspringen und unter den Bann ihres Monarchen treten würde.

Ich legte mich nicht wieder, sondern ordnete meine Sachen. Mit grauendem Tage mußten wir fort, zunächst nach dem Bahnhofe und dann weiter, immer weiter aus dem berückenden Zauberkreise. Ich klingelte, bestellte das Frühstück und gab der Stubenjungfer den Kammerschlüssel, meine Dienerin zu wecken.

Kaum fünf Minuten darauf wurde die Tür leise geöffnet, und herein trat – nicht die alte Christiane, aber die kleine Myrtille in ihren heimischen Kleidern, den groben Strohhut auf dem Kopfe und in der Hand das Bündelchen mit dem Zeug, in welches ihre Mutter sie zum letztenmal gekleidet hatte.

»Adieu, Madame,« sagte sie ganz beherzt. »Ich gehe.«

»Du gehst? Ja, wohin denn?« versetzte ich lachend, aber wahrlich nur aus Krampf.

»Nach Hause, Madame, in das Tal.«

»Ganz allein, kleiner Narr?«

»O, ich finde schon den Weg. Adieu, Madame.«

»Aber warum willst du denn nicht bei mir bleiben, liebe Myrtille?«

»Ich würde sterben, sterben, Madame!« rief das Kind; aber jetzt hatte es Tränen in den Augen und fiel bei den Worten auf die Kniee.

Sie würde sterben; ja, ich glaubte ihr, ich sah es ihr an. Und darum, lächle nur, Freund; saß ich eine Stunde später mit ihr anstatt in dem Zuge nach Freiburg, in der Diligence, die uns aufwärts führte in das geliebte Tal. Muhme Christiane schnitt freilich grimmige Gesichter ob 388 der um Tage verzögerten ersehnten Heimkehr, der kleine Wildling würde auch allein in der Postkutsche keinen Schaden nehmen, meinte sie. Im Herzensgrunde jedoch war sie froh über diese neueste meiner vereitelten Schrullen. Denn »Kleider machten wohl Leute, aber Art lasse doch nicht von Art.«

Es war eine schweigsame Fahrt. Wir hatten die besten Aussichtsplätze auf der Banquette. Aber Myrtille achtete heute nicht auf das, was sie umgab, sie freute sich nicht über Blumen und Früchte oder den guten Säulenkönig in Bonneville; sie sehnte sich ungeduldig nach dem Ziel, und nur, wo vor Saint Martin und später jenseits Servoz der Gipfel ihres weißen Berges plötzlich ihr gegenübertrat, jauchzte sie hellauf, faßte dann aber hastig nach meiner Hand und schmeichelte mit weichen Tönen:

» Ne me grondez pas, Madame!«

Nun, bei Gott! ich zürnte ihr nicht; ich liebte sie nur noch inniger um dieser unbewußten Treue willen; zog sie an mich heran und küßte zum ersten und letzten Male mein Töchterchen von einem Tag, das ich meinen Schatz, mein neues Glück genannt hatte.

Vor der Prieuré stiegen wir aus und gingen nach les Praz zu Fuß. Myrtille bezwang ihre Ungeduld mit rührendem Willen, um langsam neben mir Schritt zu halten.

»Springe nur immer voran!« sagte ich, und dahin flog sie wie ein Vogel.

Der erste, der mir aus dem Dorfe entgegengerannt kam, war Mosjö Amédée. »Habe ich es Ihnen nicht gleich gesagt, Madame ?« rief er mir zu. »Das Kind ist zu dumm. Es paßt nur in das Tal.« – Er lachte aber doch über das ganze Gesicht, weil er seine kleine Marmotte wieder hatte.

389 Vor dem Hause erwartete mich Bertrix. »Gott lohne es Ihnen, Madame, daß Sie mir die Kleine wiederbringen,« sagte er, indem er mir herzlich die Hand drückte. »Ich habe gar nicht geahnet, wie sie mir in die Seele gewachsen ist. Tor, der ich war, an eine zweite Frau zu denken; mit der Myrtille im Hause bin ich versorgt und – –«

»Und ich kann Kutscher werden,« fiel sein Sprößling ein.

»Nun ja, bald,« versetzte lächelnd der Vater; zu mir gewendet aber fuhr er fort: »Und weiterhin sorgt Gott.«

Wir traten in das Zimmer. Myrtille hing am Halse der Matou, die heute ihr Liebeskind herzte und küßte. Die Kleine schoß an mir vorüber, um nach ihrer großen Reise auch die Kuh, das Müle und den Rosenstock zu begrüßen.

Mutter Matou ergriff meine Hand und würde sie geküßt haben, hätte ich es zugelassen. »Tragen Sie es dem Kinde nicht nach, meine gute Dame,« flüsterte sie. »Die liebe Himmelsmutter hat es ihm eingegeben, daß es mir erst die Augen zudrücken soll. Es schlummert ein Engelchen in dem kleinen Herzen.«

So waren alle vergnügt, daß sie mir mein neues Glück wieder abgenommen hatten. Nur Großvater Müseau knurrte verdrießlich in seinem Herdwinkel, weil mit dem Wesen, das mit dem Champi gemacht werde, die Abendsuppe übergelaufen war. Da aber der Champi von seiner großen Reise einen Korb voll ungekannter süßer Früchte mitgebracht hatte, lachte auch der alte Spaßvogel Müseau und feierte die Heimkehr seiner kleinen Marmotte als ein Freudenfest. Ich aber fuhr noch am nämlichen Abend bis Argentières und von da ohne weiteren Aufenthalt heim.

Meine erste heimliche Doppelreise in das Chamonix ist erklärt, der Zweck der zweiten wird es mit wenig Worten sein; 390 doch wirst du mich noch nicht los, Freund, denn es regnet noch immer, und ich kann nicht fort. Eine philosophisch-ethnographische Betrachtung soll mir das Wartestündchen kürzen, wie jene moralisch-pädagogische die bänglichen Minuten dazumal in der Schulstube von les Praz.

Wie hieß die Macht, welche dieses Kind forttrieb von Wohlleben und hegender Zuneigung, unbezwinglich zurück in eine arme Hütte, die nicht einmal die ihrer leiblichen Eltern war? Hieß sie Gewohnheit, Dankbarkeit gegen seine Pfleger, Verlangen nach dem plumpen Jungen, der es wie ein Mütterchen gefüttert und geführt? Oder hieß sie einfach Heimweh?

Heimweh! Wir Deutschen haben das Wort ausdrucksvoller als jede andere Sprache, aber haben wir es nicht bloß anempfindend, Albrecht? Wissen wir eigentlich, was Heimweh ist, wir, das Wandervolk par excellence, ein Kolonistenvolk, das leichtfüßig und leichtherzig wie kein anderes seine Scholle vertauscht, das nicht bloß aus Not, Leibesnot oder Geistesnot, hinausgetrieben wird über Land und Meer, das aus Seelengrunde singt: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«; und dem sein Urdichter in das Herz trifft, wenn er als Greis noch mahnt:

»Bleibe nicht am Boden haften, frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften, überall sind sie zu Haus!
Wo wir uns der Sonne freuen, sind wir jede Sorge los,
Daß wir uns auf ihr zerstreuen, darum ist die Welt so groß.«

391 Auch der Graubündner, der Savoyarde verlassen ihre Täler und ziehen zuhauf hinaus in die weite Welt. Aber sie tun es ohne Sang und Klang, eitel aus Not um das liebe Brot, und ist die Not überwunden, treibt es sie zurück, mit den erworbenen Schätzen ihre arme Heimat zu schmücken. Wie selten finden wir im weiten Deutschland Stiftungen von Bürgern, die in der Fremde reich geworden sind, da doch die Schweiz und Savoyen ihrer so viele selbst in kleinen Weilern aufzuweisen haben. Kehren unsere Leute mit dem Mammon, den sie über dem Ozean zusammengerafft haben, zurück, so siedeln sie sich selten in der einstigen Heimat an, sie suchen große, angenehme Plätze, bilden in besonderen Quartieren besondere Kolonien, nennen sich nicht mehr schlechtweg Deutsche, sondern Deutschamerikaner, Deutschpreußen, eines Tages werden wir auch Deutschchinesen haben.

So müßten es denn wohl die gefahrdrohenden Alpentäler sein, in denen Freund Bertrix den himmlischen Nothelfern einen speziellen Wirkungskreis voraussetzt, müßte es die Armut sein an Gut und vielleicht an Geist, welche die Leidenschaft der Sehnsucht erweckt und erhält, während in der gleichförmigeren Fülle des Flachlandes jene wundersame Anlage verkümmert, oder aber sich in ein höheres Stadium umwandelt. Denn mit Vorliebe ein reiches Elternerbe hegen, das eigene Haus ehren, das der Brite sein Kastell nennt, nach nichts Besserem verlangen, wenn wir in einem Fruchtgarten geboren sind, wenn Geistesquellen uns umrauschen und Lebensodem aus tausend Blütenkelchen quillt, kurzum dort bleiben, wo es schön und wohlsein ist, so wie alle Romanen und die Pariser zumal es tun, das würde weit eher unseren deutschen, verlangenden Wander 392sinn erklären, als den begnügten Heimatssinn des Findlings Myrtille und des Großvaters Müseau, der dort, wo seine Wiege gestanden hatte, auch aus dem Grabe auferstehen will.

Auch das, was wir Patriotismus nennen, die Ehrfurcht vor einem großen Vaterlande, für welche die Besten auch in unserem Volke mit Eifer leben und freudig sterben würden als ihrer höchsten Pflicht, was hat denn das mit dem eigentlichen Heimsinn gemein? Weit näher käme ihm allenfalls jene deutsche Spezialität, die im weiten Vaterlande das engere kultiviert, sich statt im Staate im Stätchen wohlbefindet, und da die weisen Meister unserer Zeit diese Spezialität zu beschränken, wenn nicht gar auszurotten trachten, so liefe mein Problem am Ende darauf hinaus, daß die Vaterlandsliebe den Heimatssinn aufsaugt, wie etwa – keine Anzüglichkeit, Freund! – vor der Familienliebe eine erste Jugendliebe erbleicht, und der Schlußsatz meiner Betrachtung würde lauten: der Heimsinn hat den nämlichen, unergründlichen Urquell wie der Glaube, der Vaterlandssinn quillt aus Wissen und Gewissen hell an das Tageslicht.

Es war nur das Verlangen eines Sommertages, das mir vereitelt worden war, und wie mich auch das Aufgeben wurmte, ja die Enttäuschung mehr als manche länger währende von wahrhaftem Schmerze in sich barg – um eine dauernde Erfahrung, die leider in jüngster Zeit vielfach erschüttert wird, fühlte ich mich bereichert. Da ich aber während meiner beiden Chamonix-Fahrten nun einmal nicht von dem losgekommen bin, der zuerst uns Deutschen den Blick in das »geliebte Tal« gerichtet hat, will ich auch jene Erfahrung mit den Worten wiedergeben, welche er einst 393mals gleichfalls nach einer Bergfahrt, wennschon in heimischer Gegend, ausgesprochen hat:

»Wie habe ich doch wieder Liebe zu der Klasse von Menschen gekriegt, die man die niedere nennt, die aber gewiß vor Gott die höchste ist. Da sind doch alle Tugenden beisammen: Beschränkung, Genügsamkeit, Geradsinn, Treue, Freude über das leidlichst Gute, Ausharren und« – so setze ich hinzu – »eine starke Liebe.«

Im übrigen, Freund: wer nach einer Ausfüllung verlangt, der findet ja allerzeiten und allerorten Fracht und Ballast, die sein Lebensschiffchen im Gleichgewicht halten. Zu welchem Genügen – in bescheidenem Maße – mein eigenes Schiffchen mir zu füllen gelang, weißt du. Hat die kleine Wunde auch geraume Zeit weh getan, allmählich vernarbte sie, und allmählich vergaß ich, daß ich sie empfangen. Bertrix hatte mir versprechen müssen, sich in irgendwelchem Notstande seines Pflegekindes an mich zu wenden; ich merkte aber wohl, daß es ihm mit seinem Versprechen nicht ernst war. Das Kind hatte in der Wahl zwischen ihm und mir für ihn entschieden; wenn er nun die Freude an seinem Dasein allein genoß, hatte er auch die Sorge für sein Dasein allein zu tragen. Ein feiner Sinn regierte das Herz des wetterharten Alpenführers, ich wußte es und wunderte mich daher nicht, daß ich auf wiederholte Fragebriefe keine Antwort erhielt. Es kamen die großen Tage des Vaterlandes mit ihren Triumphen und ihrem Herzeleid. Das Heimweh des fremden Kindes verschwamm mir wie ein Traum.

So dachte ich denn auch nicht entfernt an eine Umschau im abgelegenen Montblanc-Tale, als ich neulich nach dem Tauffeste aus euerem Hause, Freunde, schied; ich suchte lediglich eine Sommerfrische in den Voralpen. Weil ich jedoch 394 auf dem Wege erfuhr, daß eine alte Bekannte, die ich lange nicht gesehen, in Interlaken zu treffen sein werde, entschied ich mich rasch, ihr dorthin zu folgen. Ich wählte die anmutige Waldstraße über den Brünig, welche, da ich sie noch nicht befahren hatte, keinerlei Erinnerungen erwecken konnte oder sollte, und deren Fortsatz sie dennoch weckte.

Dann, als ich über den Brienzer See nach dem Gießbach segelte und seelenruhig den Duft eines halb welken Rosenstraußes, den ich mir am Morgen in Luzern gekauft hatte, einsog, da vollzog sich in mir oder vor mir eine seltsame Operation, welche du, Dichter, mir erklären sollst, weil das »vernünftige Prinzip«, dem ich mich je mehr und mehr unterworfen habe, nimmermehr mit der Erklärung zustande kommen würde.

Einer mir stockfremden englischen Familie, die auf der Bank mir gegenüber Platz genommen hatte, erklärte ein Mitreisender aus einem Handbuche in ihrer Sprache die bemerkenswerten Punkte der umgebenden Ufer, so daß ich, zuhörend, der leidigen Mühe überhoben ward, bald auf bald nieder zu blicken, um mich in meinem Bädeker zu orientieren. Denn solch ein Narr bin auch ich, daß sehen, was ich nicht zu nennen weiß, mir nur halbes Sehen ist. Konnte es mir und meinesgleichen von der Laienschaft nicht mehr als gleichgültig sein, ob der weißverhüllte Gipfel, dessen flüchtiges Auftauchen am Horizont ich mit Spannung erwartete, das Faulhorn oder das Nashorn hieß, da ich ihn doch so wenig wie einen anderen jemals erklimmen oder geologisch untersuchen werde. Könnte es mir nicht ebenso gleichgültig sein, ob die lieben Sterne, die abendlich mit »holder Heimlichkeit« mir bis in den Herzgrund leuchten, 395 deren Bahn und Wesenheit mir aber ewig unerforschlich bleiben wird, Bär, Wolf oder auf welchen anderen unpaßlichen Namen getauft worden sind? Es ist eben Narretei, aber Narretei ist menschlich, Freund!

Während ich nun solcher Narretei auf bequeme Weise pflegte und aller Blicke bereits nach dem erwarteten Faulhorn spannten, geschah es, daß der Vorleser auf eine Felsplatte zur Rechten des Sees deutete, die gleich der unseres Harzes der Tanzplatz genannt wird. Statt jedoch, daß die Sage dort unholde Hexen sich tummeln läßt, ist es hier ein menschliches Liebespaar, das umschlungen sich dreht und wirbelt, bis es im entzückten Rausche, Brust an Brust, in die Seetiefe taumelt.

Seltsam nun, unter diesem unisonen, fremdlautigen Vortrage kam es über mich, die ich mir bisher nicht entfernt der Anlage zum zweiten Gesicht bewußt geworden war, wie eine Vision; eine Sinnestäuschung, obendrein zweifacher Art: ich sah, ja ich sah das taumelnde Paar vom Felsen in die Seetiefe stürzen; und ich hörte, ja ich hörte einen Schrei, halb wie einen Jubel-, halb wie einen Schreckensschrei. Das Haupt des Jünglings, von zwei braunen Armen umschlungen, ruhte an der Jungfrau Brust, von ihrem wallenden Schleier verhüllt, das der Jungfrau aber mit Purpurrosen geschmückt, war mir zugewendet, und ich erkannte – das liebe Gesicht des Findlings aus der Pforte des Arveyron.

Die Erscheinung war verweht in der Schnelle eines Gedankenblitzes, und ja doch, ja, ich gebe es zu, lediglich der Duft meines Rosenstraußes hatte mir die Nerven für solch ein Gaukelspiel gereizt. L'odorat est le sens de l'imagination, sagt Jean Jacques; wer aber hätte nicht ein 396mal an sich selbst erfahren, daß er noch viel mehr der stärkste Sinn für die Erinnerung ist. Mit dem Dufte einer Rose hatte die Liebe zu dem fremden Kinde sich mir in das Herz geschlichen; unter Rosendüften lebte sein halb entschwundenes Bild wieder in mir auf, und heute wie damals leuchteten die Firnen. Sehr natürlich also meine Vision.

Weniger natürlich dahingegen, daß der Eindruck, nein, die Erschütterung, die er erregt hatte, dauerte. Ich sah den stürzenden Gießbach wie im Traum; ich blickte zu der ewigen Jungfrau empor wie im Traum; die Worte der alten Bekannten, viele und laute Worte, Freund, verhallten mir wie im Traum. Düstere Ahnungen verließen mich nicht, die grausigsten Mären vom zweiten Gesicht fielen mir ein. Ich sah das Kind, das ich zu dem meinen gemacht und in vielleicht sträflicher Schwachmut aufgegeben hatte, ringen in Not und Tod, in Not und Tod gleich denen, welche der Bruder der schönen, guten Marie liebreich mit einer Fabel, als Windel um die Blöße, verhüllt hatte, und so brachte ich mich denn endlich nur zur Ruhe, indem ich mich entschloß, an Ort und Stelle dem Unheil auf die Spur zu kommen und ohne Verzug den Schauplatz meiner Mutterwünsche wieder aufzusuchen.

Und so erlösend wirkt ein braver, warm vollbrachter Entschluß, daß, wie ich gestern das Arvetal hinanfuhr und die alten Erinnerungen sich in mir verjüngten, Bild um Bild das Herz mir leichter wurde und endlich froh. Alle düstern Ahnungen sind unter dem Angesicht des Monarchen verweht, ich rechne auf ein Wiedersehen im Glück.

Zu einem Gang nach dem Weiler war es gestern abend zu spät; so versuchte ich es denn mit Erkundigungen. Da jedoch mein Hotel einem Genfer Konsortium zugehört, hat 397 es keinen ständigen Wirt; die Stubenjungfer war aus Lausanne, der Buchführer ein geschniegelter französischer Herr, der Zimmerkellner ein Schwabe, der Hausknecht ein dummer Teufel irgendwoher, was wußte einer wie der andere von einem Laboureur in les Praz, der vor acht Jahren im Winter Schulmeister in seinem Ort und im Sommer Führer gewesen war? Das bureau des guides fand ich gestern geschlossen und heute morgen belagert von allerlei Volk; unter den ausrückenden Führern entdeckte ich meinen alten Freund nicht. So stieg ich denn hinan zum Kirchhof, über dessen Mauer ich schon gestern im Abenddämmer mit peinlicher Unruhe geblickt hatte, suchte und suchte zwischen den grauen Erdwellen, bis ich endlich unfern voneinander die beiden schwarzen Kreuzchen fand, des Großvaters Müseau und der Mutter Matou. Sie hatte ich zu finden erwartet. Die ewige Raststätte möge den Greisen gesegnet sein! Außer den ihren aber fand ich, gottlob keinen bekannten Namen.

Auf dem Wege nach dem Weiler, den ich nunmehr ohne Verweilen einschlug, überfiel mich jenes nervöse Unbehagen, das so oft mein Vornehmen hindert. Dann kamen Sturm und Strom. Nun aber, da ich mich wieder kräftig fühle und auch die liebe Sonne durch die Wolken dringt, breche ich auf. Sobald ich zurückkehre, sollst du erfahren, wie die Gesichte, die dem Dufte eines Rosenstraußes entsteigen, zwar nicht sich erklären, aber sich erfüllen.

 

Am Abend.

Ich stand vor dem kleinen Hause und blickte durch das Fenster in das Zimmer; die Scheiben waren heute durchsichtiger als vor acht Jahren, und auch in der Stube sah 398 es etwas reinlicher aus; sonst aber war sie unverändert und niemand darin. Daß ich die Herdbank der Alten leer finden würde, wußte ich ja; wo aber sollte ich das junge Blut suchen, um das mich bangte? Ringsum lautlose Stille.

Ich trat in den Hof. Auch hier nichts verändert; nur der Rosenstock vor dem Nachtquartier des Müle und der Kuh hatte eine mächtige Krone und eine Fülle rubinroter Blüten getrieben, er mochte sorgfältig gepflegt worden sein. Unter dem Rosenstocke aber saß ein Mann, der eifrig an einer Holzarbeit schnitzte; keiner solchen, die in den Basars von Brienz oder Interlaken Parade machen würde, die jedoch im hohen Montblanc-Tale genugsam Abnehmer finden wird. Ich werde dir einen Alpenstock, den Freund Bertrix geschnitzt hat, mitbringen, Albrecht.

Denn Freund Bertrix war der stillsitzende, fleißige Mann im Hof, blühend wie einst, auch noch unergraut, aber –zwei Krücken lehnten neben ihm an der Wand – ein Krüppel!

Er erkannte mich auf den ersten Blick; aus seinen Augen stürzten Tränen, wie Greise oder Siechlinge, die wir in ihren kräftigen Tagen gekannt haben, sie bei unerwarteten Begegnungen so leicht vergießen. Er streckte mir beide Hände entgegen, preßte die meinen an sein Herz, nannte mich ein über das andere Mal seine Wohltäterin, weil ich ihm das Kind wiedergebracht, das mein Eigentum geworden sei.

»Was hätte ohne die Myrtille aus mir werden sollen?« schluchzte er. »O, Madame, meine alte Muhme hatte recht; es schlummert ein Engel in dem jungen Herzen.«

Gottlob! der Engel schlummerte noch auf Erden, das Kind lebte!

»Wo ist Myrtille?« fragte ich, über die drängendste Sorge 399 beruhigt, so wehe mir auch der Zustand des braven Mannes tat.

»Bei unseren Kühen im Busch,« antwortete er. »Es sind jetzt ihrer zwei, sie geben guten Ertrag.«

Nachdem er sich mühsam gefaßt hatte, erzählte er mir nun umständlich und mit häufigen Vorwärts- und Rückwärtssprüngen, seine Erlebnisse in diesen acht Jahren. Ich für mein Teil hätte ihm noch stundenlang zuhören mögen. Du aber, Freund, wirst mir es danken, wenn ich sie folgerecht und so knapp als möglich nacherzähle.

Nachdem der Großvater und das Mütterchen schon im nächsten Winter heimgegangen waren, hatte die kleine Myrtille das Hauswesen allein versorgen müssen. Und wie geschickt hatte sie es getan!

»Eine Frau hätte es nicht umsichtiger eingerichtet, Madame,« rief Bertrix mit strahlenden Augen. »O, welche Weisheit von unserem Herrgott, daß er mich keine zweite hat finden lassen!«

Mosjö Amédée war weder Kutscher noch Führer geworden, sondern zunächst Hausknecht in einem der Hotels der Prieuré und für den Winter, wo das Gesinde sich zerstreut, so eine Art von Concierge. Die Stellung hatte ihm über die Maßen zugesagt und auch ein gutes Stück Geld eingetragen, so daß er mit Fug sein Leiblied vom Rentner singen durfte. Zu allem Glück hatte er auch noch das, sich vom Militärdienst freizulosen. Als aber der Krieg ausgebrochen und die Schreckenspost vom zweiten September in das Tal gedrungen war, ging er nach Chambéry und stellte sich freiwillig.

»Sie sind eine Deutsche, Madame,« so sagte Bertrix, »aber Sie werden mir zustimmen, daß er nur seine Schuldig 400keit getan. Hätte mir nicht die Myrtille am Herzen gelegen, die weltverlassene Kreatur, die ich in diesem Aufruhr doch nicht Ihnen in Feindesland zuschicken konnte, ja dann würde auch ich die Flinte auf die Schulter genommen haben, zu dem General Garibaldi gegangen und –vielleicht heute kein Krüppel sein. Nun büße ich dafür, daß ich weichmütig die erste Mannespflicht versäumte.«

Ich unterbrach den braven Mann mit der Frage, wie Myrtille die Trennung von dem Bruder aufgenommen habe?

»Nun, mit Herzeleid und Kopfhängen freilich, und bevor es dazu kam, auch mit dieser und jener Gegenrede, so wie, Sie wissen ja, früherhin der gegen das Kutscherwerden. Was versteht solch ein kleines Mädchen von Patriotismus? Ja, wären Ihre Preußen in das Tal, das Tal, das sie liebt, hinaufgedrungen, da hätte ich sie sehen mögen, Madame! Sie war nicht viel mehr als ein Kind, aber ein resolutes Kind. Sie hätte wacker geholfen, dem Feinde den Paß mit Steinwürfen von den Vorsprüngen herab zu sperren. Was aber die Trennung anbelangt, so haben Sie ihr den rechten Namen gegeben. Gott sei gedankt! –es war doch nur eine Trennung der Schwester vom Bruder.«

So blieben Bertrix und Myrtille nun allein; auch die Mehrzahl der Fremden war vor dem Kriegslärm aus dem Tale entflohen. Nur ein paar englische Herren blieben seelenruhig darin sitzen, und einer von ihnen ließ sich sogar nicht abschrecken, die einmal vorgenommene große Tour um die Montblanc-Kette herum in den noch leidlich klaren Septembertagen zu unternehmen. Bertrix wurde sein Führer; zum zwanzigsten Male im Leben, wie er versicherte, und Vater Bertrix war kein Aufschneider wie weiland 401 Großvater Müseau. Als sie Aosta glücklich erreicht hatten, war der englische Herr des Bergsteigens noch nicht satt geworden. Er wollte über den Großen Bernhard rückwärts in die Schweiz.

»Auch diese Tour war mir keine neue,« sagte Bertrix. »Doch redete ich von ihr ab, weil sie die Beschwerden nicht lohnt und die Witterung herbstlich geworden war. Wenn aber so ein reicher englischer Lord sich etwas in den Kopf gesetzt hat, da macht jedes Widerwort ihn um so obstinater. Gegenwärtiger Lord hatte die fixe Idee, daß schon vor dem großen Konsul Bonaparte, vor dem Kaiser Charlemagne und sogar vor den römischen Legionen in den ersten Jahren nach der Geburt unseres Heilandes, von deren Zügen in jedem Handbuche geschrieben steht und von denen wir Führer auf dem Wege auch unser gebührendes Teil vorzutragen wissen, daß also schon in der grauen Heidenzeit ein gewisser Hannibal aus Afrika mit seinem schwarzen Heere den Weg über den Bernhard eingeschlagen habe; Mylord brannte nun darauf, von diesem Hannibalzuge noch Spuren aufzufinden, oder wenigstens Beweise dafür. Außerdem wollte Mylord aber auch, was ich ihm viel weniger verdenken konnte, das Monument in Augenschein nehmen, das unserem General Desaix in dem Hospiz auf dem Bernhard errichtet worden ist. – ›Das war ein anderer Bursche als eure heutigen Feldherren,‹ sagte Mylord; und Gott sei's geklagt, er hatte recht. Er war ein Held, wieviele zu seiner Zeit, Madame. So rechtschaffen aber wie er ist kein einziger gewesen. Dafür ist ihm aber auch ein Grab zuteil geworden, hoch oben, dem Himmel näher als je einem General der Welt. Hätte ich das Genie dazu gehabt, solch ein Ehrengrab hätte ich mir verdienen mögen, Madame!«

402 Ach, wieviel fehlte denn, daß ihm hoch oben ein Grab gegraben wurde, ein Ehrengrab, wie er es verdient; denn wenn auch kein General, ein Tapferer war auch er.

Es folgte nun die haarsträubende Schilderung eines Sturzes, wie er leider fast Jahr für Jahr seinesgleichen hat, den ich indes weder nachschildern kann noch will. Vielleicht erinnerst du, als Alpenklubist, dich noch seiner Einzelheiten. Der Himmel war just an dem Tage unbedeckt gewesen, der Weg an dieser Stelle ohne Gefahr, der englische Lord aber, ein Wagehals, hatte, einer sonderbaren Entdeckung auf der Spur – ob der des Heiden Hannibal oder irgendwelcher anderen, wußte Bertrix nicht anzugeben – sich an den äußersten abbröckelnden Rand einer Klippe gewagt, und – »und der Führer ist ein Schuft, der sein Leben nicht dransetzt, um den zu retten, der sich ihm anvertraut hat,« sagte mein braver Freund Bertrix.

So kam denn der englische Herr zwar nicht mit heiler Haut, aber doch mit heilem Gebein davon, sein Retter dagegen wurde erst weit später in einer Eisspalte, halb erstarrt und beide Schenkel zerschmettert, von suchenden Mönchen aufgefunden und in ihrem Asyl verpflegt.

Es war ja nichts Neues, was ich nunmehr von den Brüdern des Bernhard erzählen hörte, aber erzählen von einem Augenzeugen, ihrem Gast einen langen Winter hindurch! – Albrecht, nicht viele Blüten hat die Menschenliebe getrieben der gleich, die seit fast einem Jahrtausend droben blüht bei den Helfern im ewigen Schnee. Der arme Krüppel an meiner Seite sagte: »Ich beklage mein Schicksal nicht, nein, ich danke Gott dafür. Ich habe seitdem erst fassen lernen, was ein Christ sein heißt.«

Wunderbare Führung aber! – Der, welcher dem armen 403 Krüppel diese erhabenste Kenntnis erworben hatte, das war der Mann, der sein Jugendfreund gewesen und den er dann lange Jahre gehaßt hatte als seinen tödlichen Feind, »wenngleich«, so sagte Bertrix, »schweres Unheil vorangegangen sein mußte, um dem, der jetzt Père Anselme heißt, als Feind Auge in Auge zu stehen.«

Ja – noch einmal, wunderbare Fügung! – ja, kein anderer war es als der fromme Cüré Mutter Matous, der in wildem Gestöber den vermißten Führer rastlos gesucht, in dunkler Nacht ihn aufgefunden, aus seinem eisigen Grabe geschaufelt, auf den Schultern in das Hospiz getragen, in seiner eigenen Zelle ihn gepflegt wie eine Mutter ihr Kind, und als der besinnungslos Fiebernde nach langen Wochen seinen Retter erkannte, dem Feinde das Herz zu einer höheren als Freundesliebe umgewandelt hat.

»Ich hatte ihn nicht wiedergesehen, seit er die Prieuré verließ,« sagte Bertrix. »Wir alle im Tal vermuteten ihn in irgendeinem Betkloster unseres Landes. Er hatte von jeher ja, wie kein anderer Mann, den ich gekannt, in seinem Wesen und sogar in seinem Angesicht etwas von der Art, wie man sich einen in sich gekehrten heiligen Johannes vorzustellen pflegt. Nun fand ich ihn wieder im schwersten Heilandsdienste der Tat, der Bußtat, wie er sie nannte. O, wenn er ein Sünder gewesen ist und nicht bloß ein armer Mensch mit Fleisch und Blut, über einen, der also Buße tut, muß im Himmel ja wohl Freude sein vor vielen Gerechten!«

In dem harten Klima, bei dem Mangel fast aller mechanischen Hülfsmittel heilten der hingebendsten Wartung unerachtet die Brüche und Wunden des Unglücklichen schwer. Erst zur Sommerzeit hat Père Anselme nebst drei anderen 404 Brüdern den noch immer Hülflosen auf einer Bahre hinuntergetragen nach les Praz, wo er mit dem ersteren ein Wägelchen bestieg. Der weite Umweg über Martigny und Genf nach dem Chamonix konnte nicht vermieden werden, weil er ununterbrochen die einzige Fahrstraße bot. In Genf erwartete den Vater die arme Myrtille, die neun Monate lang ganz allein in dem kleinen Hause hingebracht hatte und nun beschieden worden war, das Krankengeleit zu übernehmen. Und dort im Bahnhofe von Genf war es, wo der, welcher jetzt Père Anselme hieß, das Kind zum ersten Male sah, das, solange es sich seines Daseins bewußt geworden war, jeden Morgen und jeden Abend, nachdem es sich seiner lieben Himmelsmutter empfohlen, auch für ihn gebetet hatte. Vater Bertrix aber ist Zeuge dieses ersten und letzten Liebesblicks gewesen; der Lohn für die Guttat, eine Fabel als Windel um eine Heimlichkeit gehüllt zu haben.

»Ich habe ihn nicht wiedergesehen,« sagte der brave Mann; »auch nichts mehr von ihm gehört. Ob er noch lebt? Ich glaube es nicht. –Sie sterben alle jung droben im ewigen Schnee, und er hatte nicht viel mehr zuzusetzen. Der Himmel wird – um einen Seligen reicher geworden sein.«

Von dieser Stunde an hat das Kind nun seinen Pfleger in die Pflege genommen, und seit diesem Tage ist aus dem Kinde ein Weib geworden. »Alles was einem Menschen in seiner Notdurft von einem anderen Menschen gewährt werden kann, das hat dieses Mütterchen von fünfzehn Jahren mir armen Krüppel gewährt. Auch Sie würden einen Schatz an dem Kinde gehabt haben, Madame. Bis in mein letztes Stündlein aber werde ich Sie dafür segnen, 405 daß Sie mir Ihr Eigentum zurückgegeben.« So rief Freund Bertrix mit hellen Freudentränen in den Augen.

»Da sitze ich nun den lieben langen Tag«, fuhr er nach einer Pause mit seiner natürlichen Gelassenheit fort, »und schnitze das Holz, das meine Kleine gespalten hat. Es ist keine Kunstarbeit, wie Sie sehen, Madame. Aber was wollen Sie? Ich war über vierzig Jahr, als ich statt der Füße die Hände zu rühren begann, und für das tägliche Brot brauche ich die Arbeit gerade nicht.«

Ich habe zu erwähnen vergessen, daß der englische Herr, bevor er heimwärts zog, zur Herstellung seines Lebensretters eine namhafte Spende in den Opferstock des Hospizes gelegt, wie auch etwelche Banknoten als Schmerzensgeld und Ersatz für die gebrochene Existenz zurückgelassen hatte. Nicht allzu splendid, wie mich dünkt, für einen, der hinlänglich Muße und Münze besitzt, um die Spuren eines gewissen Hannibal in den Bernhardpässen aufzusuchen; indessen für einen Bauern im Chamonix-Tale ein Kapital.

»Nein, Not habe ich nicht und Schmerz nicht mehr,« sagte der Kapitalist. »Nur manchmal gibt es mir noch einen Zuck vom Herzen bis in die Zehen hinab, wenn ich drüben unseren Gletscher in der Abendsonne glitzern sehe; sooft aber die schwarzen Gedanken kommen, da scheucht die Myrtille sie fort mit ihrem goldenen Lachen und der Treue von Erz. Und mein Sohn ist ja nach Jahr und Tag auch glücklich wieder heimgekehrt. Er war bei Delle verwundet worden, just nicht zum Tode; aber bei der mangelhaften Pflege während des Grenzübergangs kostete die Heilung Zeit, und die beiden Mittelfinger der rechten Hand sind hin. Ein Gewehr konnte er nicht mehr laden, so wurde er entlassen, zu seinem schweren Verdruß, da er 406 fürs Leben gern bei der Truppe geblieben wäre, um in dem Vergeltungskriege, der, wie er tagtäglich nun schon seit Jahren versichert, ehestens ausbrechen wird, es zum allerwenigsten bis zum General zu bringen. Er ist ein Spaßvogel wie sein Großvater Müseau, mein Amédée. Mag ihm, wie jenem, die frohe Laune erhalten bleiben bis in die Tage, die keinem gefallen. Seit diesem Sommer hat man ihn in die Kompagnie aufgenommen, und morgen, Madame – morgen – –«

»Morgen ist unser Hochzeitstag!«

Es war Myrtille, die, unbemerkt herbeigekommen, mit diesem Freudenruf die Erzählung beendete, indem sie zu meinen Füßen niedersank und unzählige Male meine Hände küßte; unverändert die braune Myrtille mit den ernsthaften Kinderaugen und den lachenden Kinderlippen. Auch gewachsen schien sie mir kaum, wenigstens nicht mehr, als für ein Mädchen, das morgen Hochzeit halten will, unerläßlich ist. Sie jauchzte und schluchzte in einem Atem.

»O, Madame,« rief sie aus, » o, Madame, ich habe alle, alle Tage an Sie gedacht, ich habe alle, alle Tage gebetet, daß Sie nur noch ein einziges Mal in das Tal hinaufkommen möchten. Und nun schickt Sie die liebe Himmelsmutter, daß Sie morgen vor ihrem Altar unsere Erdenmutter vertreten, ihm und mir, die wir ja beide keine haben.«

»Ihm? –Wem, Myrtille?« preßte ich hervor. Denn während Bertrix' feuriger Rede zum Preise seines liebreichen Mütterchens war es mir schwül um das Herz geworden. Er war ja ein Ehrenmann, wie sie keinen zweiten hätte finden können, aber nahezu ein Fünfziger und ein Krüppel. Die Myrtille sah mich mit großen, verwunderten Augen an. »Ihm? Wem?« wiederholte ich.

406 »Nun, wem denn sonst als meinem Amédée!« rief lachend Myrtille, und ich atmete auf.

»Morgen, noch ehe die Sonne aufgeht,« fuhr das liebe Mädchen fort, »da pflücke ich diese Rosen und flechte sie in meinen Kranz. Und Sie kriegen auch einen Strauß, Madame. Und gleich nach der Frühmesse werden wir getraut. Aber sobald wir Mann und Frau sind, da steigen wir hinauf zum Monarchen. Ich hoch auf dem Müle, so weit es mich trägt, und der Amédée, als mein Führer, nebenher. Und dort oben,« rief sie mit ausgebreiteten Armen und über den Wangen eine Purpurwoge, »dort oben feiern wir unser Hochzeitsfest!« –

Das ist nun das Ende meines Geschichtchens, Freund.

Die Moral aber, auf die es, gegen Erwarten, nun doch noch hinausläuft, die entnehme ich, da ich in diesem Plauderbriefe doch einmal schon so vielerlei entnommen habe, anstatt einem Dichter von Gottes Gnaden, abwechslungshalber dem Traumbuche meines »vernünftigen Prinzips«:

»Wenn einer einen sterben sieht, da läuten dem die Hochzeitsglocken.«

 

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