Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Nestroy >

Zu ebener Erde und erster Stock

Johann Nestroy: Zu ebener Erde und erster Stock - Kapitel 8
Quellenangabe
typecomedy
booktitleZu ebener Erde und erster Stock
authorJohann Nestroy
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003109-5
titleZu ebener Erde und erster Stock
pages1-134
created19981228
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
Schließen

Navigation:

Achtzehnter Auftritt

Emilie, Johann.

Emilie. Johann!

Johann. Gnädiges Fräulein!

Emilie. Fanny wird Ihm gesagt haben –

Johann. Ich weiß alles.

Emilie. Ich hoffe nicht, daß Er mir Ursache geben wird, mein voreiliges Zutrauen zu Ihm zu bereuen.

Johann. Sie haben Gold gesäet, Sie werden goldne Früchte ernten.

Emilie. Ich liebe –

Johann. Haben vollkommen recht; Liebe ist die schönste Blüte des Lebens.

Emilie. Ich hasse den Chevalier.

Johann. Haben vollkommen recht; ihm fehlen Schönheit und Jugend, die beiden Urstoffe der Gartenerde, in welcher die Blume der Gegenliebe gedeiht.

Emilie. Ich weiß keine Rettung, als wenn Adolf mich entführt.

Johann. Haben vollkommen recht; Entführung ist die Poesie des Durchgehens.

Emilie. Ich will lieber als Adolfs Gattin im Elend sein als an der Seite eines anderen im Überfluß leben.

Johann. Das hat zwar noch keine g'sagt, die schon im Elend war, aber Sie haben dennoch vollkommen recht, weil das romantische Elend, von dem zur Gewohnheit gewordenen Überfluß aus betrachtet, sehr eine reizende Ansicht gewährt.

Emilie. Weiß Er mir Mittel und Wege an die Hand zu geben?

Johann. Bei einer Entführung lassen sich nur die Mittel an die Hand geben, die Wege gehören in das Departement der Füß'; die Mittel müssen nah sein, die Wege weit. Die Mittel müssen glänzend sein, nämlich Gold, die Wege aber um so dunkler. Die Mittel muß eins der Durchgehenden haben, und die Wege muß das andere wissen. Das sind die Grundprinzipien zur Theorie des doppelten Abfahr'ns.

Emilie. Es ist ein schwerer Schritt, aber meine Abneigung gegen den Chevalier, die so unüberwindlich ist wie meines Vaters Härte, zwingt mich dazu.

Neunzehnter Auftritt

Fanny (durch den Saal rechts kommend); Vorige.

Fanny. Um alles in der Welt, Fräulein, lassen Sie sich mit dem abscheulichen Menschen in nichts ein!

Emilie (befremdet). Wie? Hast du nicht selbst ihn zum Vertrauten unserer Pläne mir anempfohlen?

Fanny. Das hab' ich, weil ich ihn für pfiffig gehalten hab', jetzt kenn' ich ihn aber durch und durch, er ist schlecht.

Emilie. Was ist denn geschehn?

Fanny. Er will mich nicht heiraten.

Johann. Aus Gründen.

Fanny. Er liebt mich nicht mehr.

Johann. Aus Ursachen.

Fanny. Er laßt mich sitzen.

Johann. Aus Raison.

Emilie. Johann, wenn das so ist, muß ich Ihm sagen, Er ist ein wortbrüchiger Mensch.

Johann (sehr unterwürfig). Ich bitte, das gehört ja gar nicht hierher; ich leite gegen ein billiges Honorar Ihre Intrige, und weiter –

Emilie (entrüstet). Er ist ein Mensch ohne Grundsätze.

Johann. Ach ja, Grundsätze hab' ich.

Emilie. Aber schlechte.

Johann. Mein Gott, ich denk' mir halt, für einen Bedienten ist bald was gut g'nug.

Emilie. Er verdient meine Fanny gar nicht.

Johann. Eben deswegen wäre es eine Unbescheidenheit, wenn ich nach ihrem Besitze trachten wollte.

Fanny. Er spott't noch über mich, das ist zu arg. (Weint.)

Emilie. Fort aus meinen Augen, Elender!

Johann (sich verbeugend). Oho, Sie scheinen mich beleidigen zu wollen. Sie vergessen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie mir Ihr Geheimnis anvertraut haben. Auf so was muß man ja hübsch denken, wenn man sich einmal in die Hände der Dienstboten gibt – denn das ist a Volk – da muß man beim Böswerden hernach seinen Ton kurios moderieren. Schaun S', mich kost't es zum Beispiel nur ein Wörterl, so nimmt der Herr Papa ein Karbatscherl und treibt Ihnen die Lieb' aus 'n Herzerl. Drum seit der Preisgebung Ihres Geheimnisses müssen Sie ja nicht mehr glauben, Sie sei'n meine gebietende Frau! (Sich stolz emporrichtend und mit festem Tone.) Jetzt bin ich der Herr! (Gleich wieder ganz submiß.) Übrigens das nur zur Privatnotiz. Sie zahlen mir jetzt das doppelte Honorar, und ich leite untertänigst bereitwilligst Dero Intrige. (Will abgehn.)

Emilie (leise und wie vernichtet zu Fanny). Fanny, was hast du mir –

(Es wird geläutet.)

Johann (kehrt schnell um). Der gnädige Herr läut't. (Eilig ab.)

Zwanzigster Auftritt

Die Vorigen ohne Johann.

Emilie. Schrecklich! So ein Mensch weiß jetzt –!

Fanny. Ich bin wie aus den Wolken gefallen. Sei'n Sie nur auf mich nicht bös!

Emilie. Wie könnt' ich? Du hast es ja gut gemeint. Was ist aber jetzt zu tun?

Fanny. Ihn nicht mehr bös machen und Dukaten springen lassen.

Emilie. O gerne, alles!

Fanny. Ich entflieh' mit Ihnen, daß ich nur den nicht mehr seh'. Vergessen wird so ein Mensch bald sein, und wenn mein Gemüt noch zehnmal so tief wäre, als gewöhnlich die Stubenmädelgemüter sind.

Johann (tritt ein). Die Fräul'n möchten zum Herrn Papa kommen.

Emilie. Sogleich! (Geht ab.)

(Fanny, ohne Johann anzusehen, schnell ab.)

Einundzwanzigster Auftritt

Johann (allein).

Johann. Bald hätt' ich vergessen, die Spieltisch' muß ich arrangieren. (Nimmt aus einer Tischlade Karten und Markenschachteln.) Da werden s' Whist spielen. (Legt Karten und Markenschachteln auf die beiden hinteren Tische.) Und da Tarock. (Legt Karten und Markenschachteln auf die beiden vordern Tische.) Ich hab' auch einmal g'spielt, sehr stark, wie ich noch kein Geld hab' g'habt. Jetzt aber, seitdem ich was hab', is mir das Geld eine viel zu ernsthafte Sache, als daß ich drum spielen könnt'. Und 's is auch was Fades, das Kartenspiel'n; ich begreif' nicht, wie man da was dran finden kann. Man verliert Geld und Zeit. Zeitverlust ist auch Geldverlust, also verliert man doppeltes Geld und kann nur einfaches gewinnen. Wo ist da die Raison? Und doch behaupten so viele, sie spiel'n nach der Raison. Wie is das möglich, da das Spiel an und für sich keine Raison ist! Daß das Spiel nicht Sache des Verstandes ist, das zeigt sich ja schon aus dem ganz klar, daß die g'scheitesten Leut' beim Spiel oft so dumm daherreden. Man muß nur ins Kaffeehaus gehen und zuschaun, da muß man dann ein' Degout krieg'n, da begreift man gar nicht, wie's möglich war, daß man selber jemals mit'gspielt hat.

Lied

1.

Ist das etwas Ang'nehm's, wenn ich mich hinhock'
Und spiel' von halb drei bis um neune Tarock?
Der eine spielt schmutzig, der andere schlecht,
Das ist ja grad, daß man aus der Haut fahren möcht'.
Der macht drei, vier Ultimo in einem Nu,
Drauf paßt er als erster, hat d' Hand voll Atout.
Der sticht den Pikkönig, man schimpft übers Glück,
Nach vier Stich' heißt's: »Verzeihn Sie, ich hab' noch a Pik.«
Der denkt sich: »Pagat ansag'n? Wird's ratsam sein?«
Und schaut seinem Nachbarn in d' Karten hinein.
Man kriegt oft kein ord'ntlich's Blatt, nit zum Erleb'n,
Endlich steig'n tous les trois auf; jetzt heißt's, 's is vergeb'n.
Da finden d' Leut' dran a Vergnüg'n,
Ich, offen g'sagt, nit, ich müßt's lüg'n.

2.

Das Whistspielen vor allem, das is gar ein Genuß,
Ich hab' noch kein Robber g'sehn ohne Verdruß.
Nix reden! Das is d' erste Regel dabei.
Das sagt jeder, macht aber a unsinnig's G'schrei.
Der springt bei ein' jedem verdalkten Levee
Mit alle Mordtausendel'ment in die Höh'.
Der schreit: »Sie hab'n Treff! Warum hab'n Sie's nit g'spielt?«
Der sagt: »Korrigier'n S' mich nit, sonst werd' ich wild.«
»Mit Ihnen Whist spiel'n, das ist sehr angenehm,
Ich glaub', mit dreizehn Atout noch verpatz'n S' ein' Schlemm.«
»Sei'n S' stad"«, sagt der andere, »tuschier'n Sie mich nicht«,
Und wirft seinem Partner fast d' Karten ins G'sicht.
Da finden d' Leut' dran a Vergnüg'n
Ich, offen g'sagt, nit, ich müßt's lüg'n.

3.

Der schönste Genuß aber tut außaschaun'
Wenn man a Spielpartie kriegt mit a paar alte Fraun,
Es ist nit zum glaub'n, was all's für ein'n Diskurs
Bei einer solchen Pref'ranz der Mensch anhör'n muß!
Die erzählt den Verdruß, den s' mit die Dienstboten hat;
Die zerlegt alle häuslich'n Verhältniss' der Stadt;
Wenn s' ausspiel'n soll, greift s' g'schwind noch einmal in Sack,
»Erlauben S', mon cher!« und schnupft wieder Tabak;
Die andere hat Ängsten und spielt ganz verwirrt,
Weil im Zimmer a Mopperl ihr Pintscherl sekkiert.
Und g'winnt man sechs Groschen, so machen s' ein' aus
Und beim Zahl'n heißt's: »Ich hab' meinen Beutel zu Haus!«
Da finden d' Leut' dran a Vergnüg'n,
Ich, offen g'sagt, nit, ich müßt's lüg'n.

4.

's Hasardspiel, das muß man erst kennen aus 'n Grund,
Das is nicht nur z'wider, das bringt ein' auf 'n Hund.
Da setzt mancher oft noch sein letzt's bissel Geld,
Glaubt, einmal muß 's einschlag'n, und allweil is's g'fehlt,
Jetzt setzt er sein' Ring und jetzt setzt er sein' Uhr,
Den Verlust wieder 'rein z' kriegen, aber kein' Spur,
Jetzt setzt er sein' Rock, um doch etwas z' krieg'n,
Der Bankgeber tut auch den Rock noch einzieg'n,
Da treibt ihm Verzweiflung die Augen heraus,
Denn er muß zu sein' Weib und acht Kindern nach Haus.
D' Familie, die weint, und d' Familie, die schreit,
Sind voller Hunger und krieg'n nix für heut.
Da finden d' Leut' dran a Vergnüg'n,
Ich, offen g'sagt, nit, ich müßt's lüg'n.

5.

Hunderteins spiel'n d' Fiaker, und d' Unterhaltung ist groß,
Da hauen s' in Tisch hinein ärger noch als d' Ross'.
Da schreien s': »Million nein! Wer hätt' sich das denkt!«
Wenn man fragt: »Was ist g'schehn?« – »Der hat 'n Maxel ausg'henkt!«
's tun viele ihr Geld zum Halbzwölfespiel trag'n,
Den Tag drauf um halb zwölf haben s' nix als ein' leer'n Mag'n.
Da spielen a paar Strohmandl an ein' Tischerl klein
Und vergessen dabei, daß s' selbst Strohmandln sein.
Ich kenn' nur ein einziges Spiel, was mich g'freut,
Nämlich das Spiel, was Ihrem Vergnügen geweiht.
Wenn man da reüssiert, spielt man g'wiß nicht umsunst,
's winkt einem hoher G'winn, und der ist Ihre Gunst.
Das läßt sich mit Gold nit aufwieg'n,
Daran find' ich 's größte Vergnüg'n.

(Ab durch den Saal links.)

Zweiundzwanzigster Auftritt

(Unten wird es dunkel.)
Schlucker, Sepherl, Damian, Christoph, Seppel, Nettel, Resi.
(Oben werden im Saal die Luster angezündet und alles zum Empfang der Gesellschaft geordnet.)

Sepherl (im Kommen). Da wären wir wieder. (Macht Licht.)

Schlucker (zu den Kindern). Habt's die über'bliebenen Bügeln nit vergessen?

Damian. Ich hab' s' alle in mein Tüchel ein'bunden.

Christoph. Die g'hör'n auf morgen fruh.

Sepherl. Jetzt allons, marsch, schlafen, Kinder!

(Die Kinder ab.)

Damian. Ich hab' der Salerl z' Lieb' zu wenig trunken und mir z' Lieb' z' viel gessen. Jetzt druckt's mich in Magen.

Sepherl (zu Schlucker). Du gehst jetzt aber auch ins Bett!

Schlucker. Zuerst muß ich dem Großen meine Meinung noch sagen.

Sepherl. Geh, fang heut nix mehr an.

Damian. Nein, der Schwager hat recht; wenn eine ganze Familie sauft, so soll er sich auch nicht ausschließen.

Dreiundzwanzigster Auftritt

Die Vorigen; Adolf (tritt ein).

Schlucker. Aha, da is er schon, der bockbeinige junge Herr.

Sepherl (zu Adolf). Geh, das war nit schön von dir.

Adolf. O Mutter, wenn Sie wüßten, wie mir ist!

(Man hört die Kinder lärmen, schrein und raufen.)

Sepherl. Was treiben denn die Fratzen schon wieder? (Eilt ab.)

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.