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Zu ebener Erde und erster Stock

Johann Nestroy: Zu ebener Erde und erster Stock - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleZu ebener Erde und erster Stock
authorJohann Nestroy
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003109-5
titleZu ebener Erde und erster Stock
pages1-134
created19981228
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Verwandlung

Die Bühne verwandelt sich in das Zimmer des ersten Aufzugs. Im Hintergrunde ist Damians Bett. Die Bühne verwandelt sich in das Zimmer des ersten Aufzugs. Die Tafel ist abgeräumt, auf jeder Seite kommen zwei Spieltische vorn und zwei etwas weiter zurück.
(Nach geschehener Verwandlung währt die Musik noch eine kleine Weile fort.)

Achter Auftritt

Goldfuchs, dann Johann.

Goldfuchs (tritt nach der Musik ein). Was ist denn das für ein Spektakel im Hause? Man schreit Feuer! Es wird doch nicht bedeutend – he, Johann! Johann!

Johann (eintretend). Euer Gnaden, das is zum Lachen! Das is ein Hauptschub!

Goldfuchs. Was denn? Was denn?

Johann. Brennt hat's bei uns.

Goldfuchs. Also schon vorüber?

Johann. Die zweite Spritzen war schon ein Überfluß. Mir g'fallt nur das, diese gewisse Keckheit von dem sogenannten Unglück, daß es sich unterstehn hat wollen, bei uns anzuklopfen.

Goldfuchs. Du hast recht, das ist wirklich zum Lachen. Hahahahaha! Unsereins steht fest.

Johann. Das sag' ich halt alleweil, die Millionär', das sind die Leut', an denen man sich ein Beispiel nehmen soll.

Goldfuchs (wohlgefällig lachend). Hahahahaha!

Johann. Die Löschanstalten, Euer Gnaden, kommen auf ein paar hundert Gulden.

Goldfuchs. Lapperei!

Johann. Das Kuchelpersonale muß da capo zum Arbeiten anfangen – das schad't dem faulen Volk ohnedem nicht –

Goldfuchs. Recht hast du! Und der Ball?

Johann. Der geht ohne Umständ' vor sich.

Goldfuchs. Das ist recht. Nur um den Ball wäre mir leid gewesen.

Johann (bittend). Dann hätt' ich ein kleines Anliegen, Euer Gnaden.

Goldfuchs. Nun, sag's nur heraus!

Johann. Mein Vetter hat sich schon wieder hundert Gulden erspart, und da wär' halt sein Anliegen, er möcht's halt gern anlegen bei Euer Gnaden.

Goldfuchs. Gib her!

Johann (gibt Goldfuchs das Geld, der es zu sich steckt; währenddem sagt er beiseite). Das is das Geld, um was ich ihn bei der heutigen Tafel balbiert hab'.

Goldfuchs. Dein Vetter ist ein sparsamer Mann!

Johann. Oh, sehr, sehr sparsam. Euer Gnaden sehn, alle Augenblicke hat er hundert Gulden beisamm'.

Goldfuchs. Ich will daher, wiewohl ich mich sonst mit solchen Kleinigkeiten nicht abgebe, das Geld in meine Geschäfte aufnehmen und es ihm, aus Rücksicht für dich, mit acht Prozent verinteressieren.

Johann. Ich küss' die Hand statt meinem Vetter. (Beiseite.) So muß man's machen; jetzt muß er mir für das Geld, um was ich ihn betrüg', noch Interessen zahlen.

Goldfuchs. Hast du dir denn noch gar nichts erspart?

Johann (gekränkt). Euer Gnaden, diese Red' hab' ich nicht verdient. Hätten mir Euer Gnaden aus Unterhaltung ein paar Ohrfeigen gegeben, ich hätte sie in Demut hingenommen als witzigen Einfall eines Millionärs, aber daß mich Euer Gnaden bei der Ehrlichkeit packen – das is meine schwächste Seite. (Beinahe in Tränen ausbrechend und sehr schnell.) Von der Besoldung kann sich ein Bedienter nicht viel zurücklegen, sondern nur vom Betrug, vom Filouprofit, vom Schab und vom B'schores. (Die Tränen unterdrückend.) Das hätten mir Euer Gnaden nicht antun sollen!

Goldfuchs (ihn begütigend). Na, na, sei nur ruhig; ich bin überzeugt von deiner Rechtschaffenheit und will deine treuen Dienste auch reichlich belohnen. Vielleicht morgen schon will ich meine Großmut im glänzendsten Lichte leuchten lassen, denn du sollst wissen, mir winkt ein Freudentag.

Johann. Ein Freudentag? Haben Euer Gnaden denn auch andere?

Goldfuchs. So eigentlich nicht; aber ich erwarte stündlich die Nachricht von dem glücklichen Ausgange einer Spekulation en gros zu Schiffe, die ich mit Bonbons Bruder, dem Bankier in Marseille, in Kompanie unternommen habe. Beinahe mein ganzes Vermögen schwamm auf dem Ozean; doch in dem Augenblick, als man mir die Meldung schickt, daß alles an Ort und Stelle glücklich gelandet, bin ich beinahe um die Hälfte reicher, als ich war. Der Gewinn ist ungeheuer.

Johann. Das ist halt das Schöne; wenn man einmal recht mitten drin sitzt in Glück, da gerat alles, da verliert 's Malheur völlig die Courage gegen einem. Ich sage: wenn sich 's Unglück über ein' Millionär trauen will, das kommt mir grad so vor, als wie wenn ein Stallpummerl auf ein' Elefanten bellt.

Goldfuchs (wohlgefällig). Gut gegeben, gut! Eine Million ist eine schußfeste Brustwehr, über welche man stolz hinabblickt, wenn die Truppen des Schicksals heranstürmen wollen. (Es wird geklopft.) Herein!

Neunter Auftritt

Schlucker und Damian. Wermuth; Vorige.

Wermuth. Untertänigster –!

Goldfuchs. Ah, Herr Wermuth, was bringen Sie mir?

Wermuth. Eine Nachricht, so bitter wie mein Name.

Goldfuchs. Oho, was wird's denn sein?

Johann. An 's Bittere sein wir gar nicht g'wöhnt.

(Wermuth übergibt einen Brief an Goldfuchs, welcher ihn erbricht und liest.)

Schlucker (mit Damian Mitte links eintretend). Der Schaden, den das Feuer ang'richt't hat, ist unbedeutend für so einen reichen Herrn.

Damian. In der Stadt benimmt sich das Feuer überhaupt sehr manierlich; auch is es ein edler Zug vom Feuer, daß es hinaufbrennt und nicht herunter z' ebener Erd', wo die armen Leut' logieren.

Goldfuchs (auffahrend). Das ist ja ein heilloser Pursche! (Liest weiter.)

Johann (halblaut). Wer?

Wermuth (zu Johann). Der Herr Sohn.

Zehnter Auftritt

Die Vorigen; Sepherl, Christoph, Seppel, Nettel, Resi. Die Vorigen.

Sepherl (im Eintreten). 's ist schon alles glücklich vorbei!

Schlucker. Was geht euch 's Feuer an? Tummelt's euch, zieht euch an, wir gehn aus.

Kinder. Aus'gangen wird! Nur geschwind anziehn!

Sepherl. Aber, Mann –

Schlucker. Putz dich auf, eher red' ich nicht mit dir.

(Sepherl mit den Kindern ab.)

Damian. Man muß ja a Ehr' aufheben mit der Familie.

Schlucker. Wenn ich nur einen andern Rock hätt'! Macht nix, ich nehm' halt 's saubere Parapluie.

Damian. Hab' ich auch nix anders zum Anziehn, ich steck' halt ein sauberes Schnopftüchel ein, dann schau' ich gleich nobler aus. (Mit Schlucker ab.)

Elfter Auftritt

Vorige, dann Salerl. Die Vorigen.

Goldfuchs. Es ist entsetzlich!

Johann (teilnehmend). Was denn, Euer Gnaden?

Goldfuchs. Mein Sohn in Hamburg, der liederliche Pursche, wird eingesperrt, als mutwilliger Schuldenmacher eingesperrt, wenn ich nicht zahle.

Johann. So schaun die Vaterfreuden auf der um'kehrten Seiten aus!

Salerl (eintretend). Was das für ein Lärm ist, wenn's in einem Haus brennt! So mitleidig, so hilfreich ist alles! Und wenn's in einem Herzen brennt, wie boshaft, wie schadenfroh da die Leut' sind!

Sepherl (von innen). Salerl!

Salerl. Komm' schon! (Läuft ab.)

Johann (zu Goldfuchs). Da heißt's halt blechen!

Goldfuchs. Aber die Summe!

Johann. Wie viel ist's denn?

Goldfuchs. Hunderttausend Taler!

Johann. Schöne Portion!

Goldfuchs. Ich muß bezahlen.

Zwölfter Auftritt

Schlucker, Damian, Sepherl, Salerl, Christoph, Seppel, Nettel, Resi (alle im ärmlichen Sonntagsstaate). Vorige.

Schlucker. Da wären wir alle im höchsten Glanz!

Damian. Wir sehen wirklich einer sehr bedeutenden Familie gleich.

Sepherl. Wo wird denn hin'gangen?

Schlucker. Kannst du fragen?

Damian. Ins Wirtshaus! Sein Aug', jeder Zug seines schönen Gesichts spricht ja deutlich das Wort Wirtshaus aus.

Schlucker. Kommt, Kinder, ich traktier' euch mit Backhendeln.

Damian. Ich ess' Spritzkrapfen und Fisolensalat. Überhaupt, gessen wird, was 's Zeug halt't! Alle müssen wir krank sein morgen, eher stehn wir heut nit auf.

Die Kinder. Juchhe! (Alle jubelnd ab.)

(Goldfuchs setzt sich und schreibt.)

Goldfuchs (steht auf). Ich bin außer mir vor Ärger. (Zu Wermuth, indem er ihm einen Zettel gibt.) Da, gehn Sie zu meinem Kassier, übernehmen Sie die Summe, und Ihren Prinzipal lasse ich ersuchen, dem liederlichen Burschen zu schreiben, ich will gar nichts mehr wissen von ihm.

Johann. Herr Wermuth, Sie sind ein Tropf!

Wermuth (beleidigt). Was unterstehen Sie sich?

Johann. Verzeihen Sie, es ist ganz richtig, Sie sind ein Wermutstropf im Freudenbecher meines gnädigen Herrn.

Wermuth. Ach, ja so! (Zu Goldfuchs.) Mir ist leid –

Goldfuchs. Adieu, Lieber! Adieu!

(Wermuth ab.)

Dreizehnter Auftritt

Die Vorigen ohne Wermuth.

Johann. Euer Gnaden, ich bedaure – das war, wie man sich im Merkantilischen ausdrückt, eine Watschen übers ganze G'sicht.

Goldfuchs (sich fassend). Nu, die Summe kann ich verschmerzen, aber der Ärger – so eine Nachricht verdaut man nicht so leicht.

Johann. Soll ich Euer Gnaden aus der Straußen-Apotheken etwas Magenstärkendes holen?

Goldfuchs. Nein, nein, nichts da! Die Zerstreuung des Balls wird am wohltätigsten auf mich wirken. Johann, sieh nach, ob alles in Ordnung ist.

Johann. Sehr wohl! (Verneigt sich und geht ab.)

Goldfuchs (kopfschüttelnd). Das ist ein verdammter Streich! (Ab.)

Vierzehnter Auftritt

Adolf, dann Salerl.

Adolf (kommt und wirft den Hut unmutig auf den Tisch). Wie vergnügt und froher Laune sie die Straßen hinabgingen! Wie sich doch alles freuen kann – alles – nur ich!

Salerl (zurückkommend). Den Mussi Adolf hätten wir bald vergessen. (Zu Adolf.) D' Frau Mutter hat sich umg'schaut und hat Ihnen ins Haus hereingehn g'sehn, ich soll Ihnen gleich holen.

Adolf. Entschuldigen Sie mich, Salchen, ich kann nicht mitgehen.

Salerl. Aber Sie sollen doch –

Adolf. Nein, nein, ich geh' in keinem Fall. (Ab.)

Salerl (allein). Mit dem ist nix anzufangen, der ist soviel als weg. Der arme Mussi Adolf hat halt zu hoch 'nauswollen mit seiner Lieb', und grad da soll man hübsch bei seinesgleichen bleiben. Ich hab' mir mein' Damian ausg'sucht, und das ist für mich eine standesmäßige Wahl. – Ich muß schaun, daß ich mit dem Stubenmädel da oben sprechen kann. Jetzt muß ich mich aber tummeln, sonst trinkt sich der Damian wieder ein' furchtbaren Rausch an, und das ist schon zu oft passiert, das muß ich verhüten für heute.

Lied

1.

Die Lieb' ist ein Rausch allemal bei die Männer,
Das haben mir Leute g'sagt, ausg'machte Kenner.
Und so wie der Mensch in ein' Rausch sich benimmt,
So is er dann auch in der Lieb' ganz bestimmt.
Den fröhlich der Wein macht, den macht's auch die Lieb',
Und wer beim Trunk weint, der liebt schwärm'risch und trüb.
Wer gern im Rausch rauft und ein' jeden gleich packt,
Der prügelt als Mann auch sein Weib unverzagt.

(Jodler.)

2.

In der Dauer der Lieb' kann man deutlich auch sehn,
Zwischen Lieb' und Rausch muß a Verwandtschaft bestehn.
Beim Armen, der Bier nur und Schnaps trinken kann,
Bei dem hält der Rausch und die Lieb' auch lang an.
Champagner, den trinken nur die reichen Leut',
Sie krieg'n ein' klein' Dusel, wer'n gleich wieder g'scheit.
Grad so währt auch ihre Liebe nur ein paar Stund',
Das wär' so was, wo man sein Glück machen kunnt'.

(Jodler. Zur Seite links ab.)

Fünfzehnter Auftritt

Johann, Fanny (treten links ein).

Fanny. Mein Fräulein kann sich also verlassen auf dich?

Johann. Zehn beigefügte Dukaten haben ihr mündliches Bittgesuch in meinem Herzen introduziert und daselbst demselben eine freundliche Aufnahme verschafft.

Fanny. Du kennst nichts als Geld und immer Geld! Ich tu' für mein Fräulein alles gern umsonst.

Johann. Ich nicht.

Fanny. Ich könnt' das Leben lassen für sie.

Johann. Ich nicht. Mir ist mein Leben lieber als das Leben einer unbegrenzten Anzahl von Fräulein.

Fanny. Du bist ein herzloser Mann!

Johann. Und du ein geldloses Mädel.

Fanny. Du hast deine Sprache gegen mich sehr verändert seit einiger Zeit. Vom Geld hast du nichts gesagt, wie du mich hast kennengelernt.

Johann. Weil ich dich damals für eine pfiffige Soubrette gehalten hab', von der ich hoffte, sie wird sich Vermögen und durch Vermögensumstände meiner würdig machen.

Fanny. Mit andern Worten also, du kündest mir, weil ich nichts hab', Lieb' und versprochene Heirat auf?

Johann (kalt). Es hat den Anschein.

Fanny. Das ist schändlich von dir!

Johann. Aber g'scheit!

Fanny. Du bist nicht wert, daß ich – (weinerlich) mich ärgert's nur, daß ich weinen muß.

Johann. Hm! Weinen ist sehr gesund für ein Frauenzimmer, es erleichtert die Brustbeklemmungen, mildert den Herzkrampf und befördert den Fortgang der Strauken.

Fanny. Du bist ein Unmensch! (Geht weinend ab.)

Sechzehnter Auftritt

Johann (allein).

Johann. Das ist Geschmackssache. Weshalb soll ich s' denn heiraten, wenn es sich nicht rentiert? Der Ehstand, wenn er kinderlos is, is um fünfzig Prozent kostspieliger als der ledige; kommt Familie, so steigt es auf hundert Prozent; Gall' und Verdruß kann man auch auf etliche Prozent anschlagen; ergo muß die Frau immer etwas mehr Vermögen haben als der Mann, sonst schaut für unsereinen ein klares Defizit heraus.

Siebzehnter Auftritt

Voriger; Emilie, dann Bonbon.

Emilie. Lieber Johann –!

Johann. Befehlen untertänigst –

Emilie (nach der Türe links sehend). Ha, der Chevalier!

Bonbon (eintretend). Schöne Braut –

Emilie. Mein Vater ist auf seinem Zimmer, wenn Sie –

Bonbon. Wenn ich aber die Tochter suche, die Braut, die Geliebte –

Emilie. Dann ist es umsomehr Ihre Pflicht, den Vater zu trösten, wenn ihm Unangenehmes begegnet ist.

Bonbon. Unangenehmes?

Emilie. Aus seinem Munde werden Sie's vernehmen.

Bonbon. Ich eile, doch Angenehmes hoffe ich dann aus Ihrem Munde zu hören. (Ab.)

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