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Zu ebener Erde und erster Stock

Johann Nestroy: Zu ebener Erde und erster Stock - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleZu ebener Erde und erster Stock
authorJohann Nestroy
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003109-5
titleZu ebener Erde und erster Stock
pages1-134
created19981228
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Erster Aufzug

Die untere Abteilung zu ebener Erde stellt ein ärmliches Zimmer dar. Rechts eine Seitentüre, links gegen den Hintergrund die allgemeine Eingangstüre, mehr gegen den Vordergrund ein Fenster. Die obere Abteilung stellt ein äußerst elegant möbliertes Zimmer in der Wohnung des Herrn von Goldfuchs dar. Im Hintergrunde zwei mit Flügeltüren verschlossene Bogen; rechts eine Seitentüre, links gegen den Hintergrund die allgemeine Eingangstüre, mehr gegen den Vordergrund ein Fenster.

Erster Auftritt

Sepherl, Plutzerkern, Zuwag, Zech Christoph, Seppel, Nettel, Resi. Friedrich, Anton, mehrere Bediente.

Introduktion

(Frau Sepherl geht ängstlich auf und nieder. Plutzerkern, Zuwag und Zech fordern ungestüm ihr Geld. Die Kinder stehen ängstlich zur Seite.) (Alle sind beschäftigt, auf einer prachtvoll gedeckten Tafel die Aufsätze in Ordnung zu bringen.)

Plutzerkern, Zuwag, Zech (zugleich wie im Chor).
Wird's einmal werden oder nicht?
Wann krieg'n wir unser Geld?
Was wär' denn das, wenn man's verspricht
Und's Wort gar niemals hält!?

Zech.
Ich hab' fünf Gulden dreiß'g Kreuzer z' krieg'n!

Zuwag.
So lang gib ich 's Fleisch auf Kredit!

Plutzerkern.
Ich will das Geld hab'n für mein Schmalz!

Friedrich, Anton (zugleich mit dem Chor).
Nur hurtig, fleißig, zaudert nicht,
Die Tafel trägt uns Geld;
Wenn s' unsers Herren Wunsch entspricht,
Ein jeder was erhält.

Friedrich.
Heut muß der Tisch sich völlig bieg'n.

Anton.
Der Aufsatz kommt daher in d' Mitt'!

Friedrich.
Da neb'n die Blumen kommt das Salz.

Alle drei (zugleich wie oben).
Wird's einmal werden oder nicht?
Wann krieg'n wir unser Geld?
Was wär' denn das, wenn man's verspricht
Und's Wort gar niemals hält!?

Sepherl (zu den Gläubigern). Meine lieben Herrn, martern S' mich nicht. Wenn ich kein Geld hab', kann ich nicht zahlen, und wenn ich eins krieg', so werd' ich zahl'n.

Plutzerkern. Wer kein Geld hat, soll auch nix essen.

Christoph. Versteht sich! Kinder haben nie ein Geld und essen alleweil.

Sepherl (ängstlich zu Christoph). Wirst still sein, du machst ja die Herrn bös!

(Plutzerkern, Zech und Zuwag beratschlagen sich im stillen miteinander.)

Friedrich, Anton (zugleich mit dem Chor).
Nur hurtig, fleißig, zaudert nicht,
Die Tafel trägt uns Geld;
Wenn s' unsers Herren Wunsch entspricht,
Ein jeder was erhält.

(Die Bedienten beschäftigen sich mit dem Ordnen der Tafel.)

Friedrich (zu den Übrigen). Kameraden, Trinkgelder wird's regnen heut.

Anton. Nur achtgeben, daß uns der Johann bei der Teilung nicht betrügt.

Plutzerkern. Es is nix anzufangen mit der Bagage!

Friedrich. Beim Arbeiten laßt er sich nicht sehn, beim Hinunterleuchten aber, da is er der Fleißigste.

Anton. Wir müssen ihm recht auf die Kappen gehen.

Alle. Oh, er wird uns nicht zu g'scheit. (Mit Anton links ab.)

(Friedrich bleibt zurück und stellt die Stühle um die Tafel.)

Plutzerkern (zu Sepherl). Bis wann kann d' Frau zahl'n?

Sepherl. Ich hoff', in vierzehn Täg'n.

Plutzerkern. Gut, so lang wollen wir warten, aber während die vierzehn Tag' kommen wir alle Tag' her und machen ein Spektakel.

Sepherl (bittend). Aber zu was denn?

Zuwag. Das sein unsere Interessen.

Plutzerkern, Zuwag und Zech (zugleich). Alle Tag' wird ein Skandal g'macht! (Links im Hintergrunde ab.)

Zweiter Auftritt

Sepherl, die Kinder. Friedrich, dann Goldfuchs.

Sepherl. Ich bin doch ein recht unglückliches Weib. Mein' Mann sein Verdienst so schlecht und die Schar Kinder zum Abfüttern!

Christoph. Und das glaubt kein Mensch, was die Kinder essen, und essen müssen s', sonst wachsen s' nicht.

Sepherl. Halt 's Maul! Schau deine jüngern G'schwister an, die sagen nix, und du, der größte, du hast allweil 's Essen im Kopf.

Christoph. Freilich hab' ich's in Kopf, aber warum? Weil ich's nit in Magen hab'.

Nettel. Wenn mir der Vater ein neu's Kleid gibt, was er als so alter kauft, das ist mir lieber als alles Essen der Welt.

Seppel. Eitle Kreatur!

Resi (mit einem Hanswurst spielend). Ich verlang' mir gar nix, wenn ich nur allweil spielen kann.

(Friedrich legt auf dem Tisch links Servietten zusammen.)

Friedrich. Das Geld möcht' ich haben, was mein Herr ausgibt in ein' Jahr. (Trägt die Servietten zur Tafel zurück.)

Christoph. Jetzt G'spaß apart, Mutter, wird heut gar nit kocht?

Sepherl. Wenn der Vater ein Geld nach Haus bringt, sonst nit.

Christoph. Da ist's z' spat, da kommen wir aus der Ordnung.

Sepherl. Was will ich machen? Zum Versetzen hab' ich nix mehr.

Christoph. Vielleicht ist doch noch was da, ich trag's ins Amt.

(Sepherl geht zu einem Wandschrank, öffnet ihn und sucht in demselben.)

Goldfuchs (tritt aus rechts). He, Friedrich! – Gut, daß Er da ist, ich habe noch Verschiedenes hier aufnotiert. (Durchblättert seine Schreibtafel und setzt sich im Vordergrunde rechts auf einen Stuhl.) Die Tischweine brauchen wir gar nicht, wir fangen gleich mit dem Mosler an.

Friedrich. Sehr wohl, Euer Gnaden!

Goldfuchs. Und hat Er dem Koch wegen dem Spargel gesagt?

Friedrich. Der Koch meint, im Oktober bekommt man das Stammerl nicht unter ein' Gulden.

Goldfuchs. Nun –?

Friedrich. Da hab' ich g'sagt, ich muß Euer Gnaden erst fragen, ob's nicht zu teuer ist.

Goldfuchs (aufgebracht). Impertinenter Pursche! Mir ist gar nichts zu teuer als der Lohn, den ich für einen Schlingel von so gemeiner Denkungsart zahle, wie Er ist. (Blättert in seiner Schreibtafel.)

(Friedrich beschäftigt sich an der Tafel.)

Sepherl. Die Kleider sein schon alle versetzt.

Christoph. So gehn wir über d' Wäsch'!

Sepherl. Du wirst einmal ein rechter Lump werden.

Christoph. Das sagt der Vater auch, und was die Eltern sagen, das muß g'schehn.

Sepherl (suchend). Da ist es umsonst. Jetzt will ich noch drin in den andern Kasten schaun. (Rechts ab mit den Kindern.)

Christoph (folgend). Vielleicht finden wir da auch nix. Übrigens, Hunger g'litten wird nit! Da muß eher alles Bett'gwand studieren. (Ab.)

Goldfuchs (dem mittlerweile das Schnupftuch auf die Erde gefallen ist). Apropos, Friedrich, sag' Er dem Koch, die Trüffelpasteten kommen nicht nach, sondern vor den Fasanen.

Friedrich (das Tuch aufhebend). Euer Gnaden, das Schnupftuch ist auf die Erde gefallen. (Will es überreichen.)

Goldfuchs (erzürnt). Kecker Schuft! Was mutet Er mir zu? Glaubt Er, ich werde etwas berühren, was schon einmal auf die Erde gefallen ist?

Friedrich. Es ist aber vom feinsten Batist.

Goldfuchs. Augenblicklich werf' Er es zum Fenster hinunter! (Steht auf und liest in seiner Schreibtafel.)

Friedrich (tut, als ob er das Schnupftuch zum Fenster hinauswürfe, steckt es aber schnell in die Tasche). Es is schon drunt', Euer Gnaden. Es steckt's grad einer ein.

Goldfuchs. Der Johann soll sogleich zu mir kommen! (Rechts ab.) –

Friedrich (allein). Ich bin kein Wahrsager, sondern nur ein Bedienter, ich glaub' aber allweil, ich werd' noch was haben, wenn der einmal nix hat. (Links ab.)

Dritter Auftritt

Damian (kommt, während sich die Musik in ein trauriges Ritornell verändert, im abgerissenen Anzug zur Mitte herein, ein Bündel unter dem Arme tragend).

Lied

1.

Am allerlängsten ehrlich währt,
Das Sprichwort hab' ich oft schon g'hört,
Das Sprichwort paßt für alle Leut',
In jedem Stand, zu jeder Zeit,
Das will ich glaub'n, doch sei's, wie's sei,
Ein Tandler geht zugrund dabei.

2.

Ich bin ein seelenguter Narr,
Ich überbiet' mein Leben kein' War',
Ich hab' – 's weiß 's jeder, der mich kennt –
Zum Leut' betrügen kein Talent.
Drum sag' ich es ganz unverhohl'n:
Ich hätt' kein Tandler werden soll'n.

Johann (tritt nach einem Ritornell zur Seite links ein, in eleganter Livree, und hat eine Malagabouteille samt Glas in der Hand).

Lied
(Sehr lebhafte Musik.)

1.

Gibt mein Herr a Tafel, so trinkt er ein' Wein,
Und das zwar ein' guten, doch der beste g'hört mein
Für all's, was ich kauf', rechn' ich's Vierfache an,
Mein Herr, der bezahlt's, 's ist ein seel'nguter Mann;
Und gibt'r auch die Tafel beim hellichten Tag,
Ich komm' mit ein' Konto für d' Wachskerzen nach;
Und wenn er was merkt, da wird's pfiffig gemacht,
Da bring' ich geschwind meine Kam'rad'n in Verdacht.

2.

Drum sag' ich: Esprit hab'n, dann is's a Vergnüg'n,
D' Herrschaft kann man dann alle Tag' b'stehl'n und betrüg'n.
Jetzt will ich d' Livree a drei Jahrl noch trag'n,
Dann halt' ich mir selb'r ein Roß und ein' Wag'n,
Ich halt' mir a Köchin, ein' Kutscher, ein' Knecht,
Nur ja kein' Bedienten, und da hab' ich recht,
Denn Halunken gibt's unter d' Bedienten, 's is g'wiß,
Das kann der nur beurteil'n, der selb'r einer is.
(Nimmt sich einen Stuhl, setzt sich im Vordergrunde links nieder und trinkt gemächlich.)

Damian (nach Johanns Gesang). Mit alte Kleider handeln is eine wahre Lumperei, es schaut nix heraus dabei als höchstens der Ellbogen, wenn man s' anzieht. Ich war einmal mein eig'ner Herr, bin viermal z'grund'gangen in ein' Jahr, jetzt bin ich Sklav' bei mein' Schwagern; um nur was z' essen zu haben, bleib' ich in einem Dienst, wo ich Hunger leiden muß. Das muß anders werden. Mir bleibt nur ein Ausweg mehr; ich geb' auf Pränumeration ein Werk heraus: »Systematische Anleitung zur Lumpen- und Fetzenkunde« – entweder das bringt mir was ein oder ich bring' mich um. (Geht zurück zu einem Stuhl, öffnet den Bündel und nimmt daraus einen braunen, gut konservierten Männerrock und hängt ihn über die Stuhllehne.)

Johann. Was haben diese Leut', die Alchimisten, alles über Goldmacherkunst studiert! Ich weiß ein prächtiges Rezept. Man nehme Keckheit, Devotion , Impertinenz, Pfiffigkeit, Egoismus, fünf lange Finger, zwei große Säck' und ein kleines Gewissen, wickle das alles in eine Livree, so gibt das in zehn Jahren – einen ganzen Haufen Dukaten. Probatum est!

(Es wird in der Türe rechts geläutet.)

Mein gnädiger Herr läut't. Soll ich aufs erstemal Läuten hineingehen? – – Mein'twegen, weil ich heut gerade bei Laune bin. (Rechts ab.)

Damian. Da hab' ich ein' Rock z' kaufen kriegt, da kann mein Schwager wieder a paar Gulden profitieren dran. Was is aber das gegen den Profit, den andere haben. Seit der Existenz des Geldes gibt es in jedem Stand Reiche und Ärmere. Es ist ein Unterschied zwischen Bäck und Bäck, es ist eine Differenz zwischen Fleischhacker und Fleischhacker, aber der Abstand, der zwischen Tandler und Tandler is, der geht schon ins Unberechenbare hinein. Es gibt Tandler, die schauen ein' Großhändler über die Achsel an, und wieder solche, gegen die jeder Lichtblattlmann ein Kommerzienrat ist. Mich hat das Schicksal bestimmt, das verworfenste Individuum der untersten Gattung zu sein. Dazu noch eine ungesättigte Leidenschaft im Herzen; das hat schon frische, feste Leut' zusamm'g'rissen, was hab' ich erst zu erwarten, der ich schon so viele Jahre auf 'n Tandelmarkt bin.

(Man hört sprechen von außen.)

Was is das? Das ist der Salerl ihre Stimm' und eine Mannsbilderstimm' –! Mordelement –! (Verbirgt sich schnell hinter einem Wandschrank.)

(Die brillant servierte Tafel wird jetzt von den Bedienten aus dem Saale in das Zimmer gebracht und im Hintergrunde so niedergestellt, daß vor und hinter derselben Raum für die handelnden Personen bleibt.)

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