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Zu ebener Erde und erster Stock

Johann Nestroy: Zu ebener Erde und erster Stock - Kapitel 11
Quellenangabe
typecomedy
booktitleZu ebener Erde und erster Stock
authorJohann Nestroy
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003109-5
titleZu ebener Erde und erster Stock
pages1-134
created19981228
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Zehnter Auftritt

Vorige; dann Johann. Vorige; Damian (tritt etwas schüchtern links ein).

Damian. Untertäniger Diener!

Fanny (erstaunt). Wie, Herr Damian –? Was bringt Sie herauf?

Damian. Mich? Hm! (Beiseite.) Wenn ich jetzt nur recht was Schwärmerisches sagen könnt'! – Hab's schon! (Laut, indem er sie schmachtend ansieht.) Wie geht's, wie befinden Sie sich?

Fanny. Ich dank' – passabel.

Damian. Ich hätt' nicht denkt, daß wir heut so ein' schön'n Tag krieg'n.

Fanny. Was fallt Ihnen ein? Es schaut sehr regnerisch aus.

Damian (verlegen beiseite). Wenn mir jetzt nur g'schwind noch eine Schwärmerei einfallet!

Johann (tritt links ein). Guten Tag, schönes Kind, guten Tag!

Salerl (erschrocken). Mosje Johann –?

Johann. Ihnen zu dienen! Immer fleißig!

Salerl. Soso!

Damian. Wie haben Sie geschlafen heut?

Fanny. Ich kann wohl sagen: kurz, aber nicht gut.

Johann. Spinnen Sie Liebesfäden, um ein Netz für Herzen draus zu stricken?

Salerl. Was ich spinne, das gehört auf Hemder für die Kinder.

Damian. Hat Ihnen nichts geträumt vom Tandelmarkt und dessen interessanten Gegenständen?

Fanny. Nicht das Geringste.

Salerl. Ich versteh' Ihre Rede nicht.

Johann. Mädeln verstehn alles, was sie verstehen wollen. Es scheint also, daß –

Salerl. Ich manchesmal nicht Deutsch verstehen will.

Damian. Möchten Sie mit keinem Tandler eine Liebeständelei anfangen?

Fanny. Zu was wär' denn das gut? (Beiseite.) Ich weiß gar nicht, was er will, der Mensch!

Johann. Ihr Herz ist wie mit einer Mauer umgeben, wirklich stark verpalisadiert.

Salerl. Warum nit gar? Um mein Herz ist keine Mauer, sondern nur ein Mieder, und da ist von keinen starken Palisaden, sondern nur von schwachen Fischbeinern die Red'.

Damian (für sich). Ich muß anders anpacken. (Laut.) Wissen Sie, daß Ihr Liebhaber ein schlechter Kerl is?

Fanny. Traurig für mich, aber Ihnen geht das gar nix an.

Johann (beiseite). Ich muß anders zu Werke gehn. (Laut.) Wissen Sie, daß Ihr Liebhaber ein dummer Kerl is?

Salerl. Dumm und gut ist besser als g'scheit und schlecht.

Damian (beiseite). Sie is etwas abschnalzerisch.

Johann. Wie meinen Sie das?

Salerl. Ich mein' halt, daß der Damian für mich just recht ist und ich für'n Damian.

Fanny. Übrigens, was liegt mir an Johann! Es gibt ja noch mehr Männer auf der Welt!

Damian. Das sag' ich halt auch. (Mit Beziehung auf sich.) Es ist ja fast in jedem Zimmer einer, mit dem was anz'fangen wär'.

Johann. Gesetzt, es fände sich einer, der den Damian in jeder Hinsicht weit übertrifft.

Salerl. Solche finden sich alle Tag', deßtwegen bleib' ich aber doch beim Damian.

Damian (für sich). Ich muß näherrücken. (Laut.) Gesetzt, es käm' ein Zauberprinz und leget Ihnen den ganzen Tandelmarkt zu Füßen?

Fanny. So ließ' ich das alte G'raffelwerk liegen.

Johann. Gesetzt, ich würde es versuchen, durch einen Strom von süßen Worten das Bild dieses Damians in Ihrem Herzen zu verwischen?

Salerl. Es ist mit Ölfarb' g'malen, durch 's Wasser geht's nit aus –

Johann. Vielleicht doch! Ich adoriere dich, du holdes Kind! Kannst du widerstehen? (Sinkt ihr zu Füßen.)

Damian (losplatzend und auf die Knie stürzend). Fanny, auf meinen Knien beschwöre ich Sie!

(Zugleich.)

Salerl. Jetzt gehen S', lassen S' Ihnen nit auslachen!

Fanny. Jetzt gehen S', lassen S' Ihnen nit auslachen!

Quartett

Salerl.
Niederknien und solche Sachen,
Wie sie die Verliebten machen,
Bringen immer mich zum Lachen,
Rühren durchaus nicht mein Herz.

Fanny.
Nein, was treibt der Mensch für Sachen,
Möcht' verliebt mich gerne machen,
Und er bringt mich nur zum Lachen,
Statt zu rühren dieses Herz.

Johann.
Auf die Knie bin ich gefallen,
s' war a Stellung, schön zum Malen,
Doch sie lacht zu meinen Qualen,
Spaß macht ihr mein Liebesschmerz.

Damian.
Auf die Knie bin ich gefallen,
's war a Stellung, schön zum Malen,
Jetzt fühl' ich kuriose Qualen,
Blaue Fleck' und Liebesschmerz.

(Alle viere zugleich.)

Salerl.
Wie doch ein Mann fast dem andern gleicht,
Bei jedem Blick ihre Treue entweicht!

Fanny.
Wie doch ein Mann fast dem andern gleicht,
Bei jedem Blick ihre Treue entweicht!

Johann.
Sonderbar! D' Madeln sind sonsten so leicht
Dasig zu machen, ihr Sinn gleich erweicht.

Damian.
Sonderbar! D' Madeln sind sonsten so leicht
Dasig zu machen, ihr Sinn gleich erweicht.

(Allegro.)

Johann.
Du willst mir also widerstreben?

Salerl.
Jetzt gehn S' fort, sonst mach' ich Lärm.

Damian.
Liebst du mich nicht, kann ich nicht leben.

Fanny.
Da ist mir's leid, dann müssen S' sterb'n.

(Zugleich.)

Johann.
Ich kenn' mich fast vor Zorn nicht aus.

Damian.
Ich kenn' mich fast vor Zorn nicht aus.

Salerl.
Gehn S' fort, sonst ruf' ich 's ganze Haus!

Fanny.
Gehn S' fort, sonst ruf' ich 's ganze Haus!

Johann.
Man tröst't sich über so was bald,
Wenn man so vielen Mädeln g'fallt;
's wird jede andre mein wie nix,
Das ist das Werk des Augenblicks.

Damian.
Wenn's schon nit ist, so geh' ich halt
Und unterdruck' die Lieb' mit G'walt.
Ich bitt' nur, sag'n S' der Salerl nix,
Denn, glauben S' mir, ich krieget Wichs.

(Zugleich.)

Salerl.
Entfernen Sie sich, und das bald!
Geben S' acht sonst, wie mein Ruf erschallt!
Ich würd'ge Sie nicht eines Blicks,
Damit Sie sehn, mit mir ist's nix.

Fanny.
Entfernen Sie sich, und das bald!
Geben S' acht sonst, wie mein Ruf erschallt!
Ich würd'ge Sie nicht eines Blicks,
Damit Sie sehn, mit mir ist's nix.

(Alle viere zugleich.)

Salerl.
Adieu, Mosje Johann,
Jetzt leb'n Sie recht wohl,
Sei'n S' ein andersmal g'scheiter
Und nicht mehr so toll.

Fanny.
Adieu, Mosje Damian,
Jetzt leb'n Sie recht wohl,
Sei'n S' ein andersmal g'scheiter
Und nicht mehr so toll.

Johann.
Adieu, Mamsell Salerl,
Jetzt leb'n Sie recht wohl,
Der spiel' ich ein' Streich,
Daß s' an mich denken soll!
(Salerl rechts, Johann links ab.)

Damian.
Adieu, Mamsell Fanny,
Jetzt leb'n Sie recht wohl,
Verraten S' nur nix,
Denn d' Salerl wurd' toll!
(Fanny rechts, Damian links ab.)

Elfter Auftritt

Bonbon (allein aus rechts).

Bonbon. Man hält mich fest! Verfluchter Streich! – Mein Bruder wird wohl einige Fonds salviert haben. Wenn ich nur abreisen könnte! Aber wie? Die Wache läßt mich nicht einmal in meine Wohnung, ich darf nicht die Treppe hinab. Ich hätte wohl einen Plan, wenn's nur gelingt! Johann muß meine Kleider hinunterschaffen und ich muß verkleidet den Wächtern vor der Tür echappieren. (Ruft.) Heda, Johann! Der muß Rat schaffen. (Geht gegen die Türe links).

Zwölfter Auftritt

Voriger; Johann (aus links).

Johann. Euer Gnaden –

Bonbon. Komm' Er mit nach meinem Zimmer, ich hab' Ihm etwas mitzuteilen. (Rechts ab.)

Johann. Aha, dem soll ich helfen verschwinden. Na, er hat hübsche Ring'; wenn er einen hergibt, kann man ja ein gutes Werk tun. (Ab.)

Dreizehnter Auftritt

Damian (allein).

Damian (aus links). Wie ich fünf Minuten länger oben bleib', so erwischt mich der Johann, ich hab'n begegnet auf der Stiegen. – Jetzt hab' ich halt wirklich wollen meiner Salerl untreu wer'n. Pfui Teufel, das is recht abscheulich von mir! Wenn die anderen Männer nicht besser sein als ich, so sein wir alle nix nutz. Nein, ich muß sagen, das hätt' ich nicht gedacht von mir, jetzt bin ich so ein falscher Kerl, man sollt' glaub'n, so was sieht mir gar nit gleich. Fidonc! Unbesonnen, leichtsinnig, malhonett, barbarisch hab' ich da gehandelt; es ist wirklich recht grauslich, das! (Geht tiefsinnig rechts ab.)

Vierzehnter Auftritt

Zins (allein).

Zins (aus links). Wenn ich's recht überdenk', so is es eigentlich etwas schlecht von mir, daß ich den armen Menschen fortschummel; aber die Lieb' – die Lieb'! Ich kann nicht anders, er is und bleibt Opfer der Politik; ich kann ihm's nicht schenken, so wenig als ich's dem Herrn von Goldfuchs da oben vergessen kann, wie er mich gestern behandelt hat. Dem schad't's gar nix, daß einmal 's Unglück über ihn kommen is. Jetzt wird die Fräulein Tochter auch nicht mehr so spröd sein! Wie die nach mir schnappen wird! (Sieht auf dem Tische die von Adolf vergessene Schrift liegen.) Was is denn das für eine Schrift? Auf d' Letzt' hat das Volk da wer verklagt. (Öffnet und liest.) Aha! Das betrifft den Mosje Adolf. (Liest stille.) Wie –? Was –? (Gerät in immer heftigere Bewegung). Das kann ja nicht sein! – Ja, ja! – Der Namen? – Richtig, der Christoph! – Nein, is es denn möglich? (Wendet sich nach der Türe links.) Es kommt wer! (Steckt die Schrift schnell ein.)

Fünfzehnter Auftritt

Voriger, Schlucker, Grob, Trumpf (aus links), dann Damian (aus rechts).

Schlucker (zu Zins). Ich hab' Ihnen schon g'sehn hereingehen ins Haus, 's beste is aber, Sie machen, daß S' gleich wieder weiterkommen!

Zins. Was?

Schlucker. Haben Sie glaubt, ich werd' wegen Ihrem Lumpengeld meinen geliebten Ziehsohn fortschicken? Da hat's Zeit!

Damian (zu Zins). Aha! Da is er ja, der Seelenverkäufer, der uns den Adolf hat abhandeln wollen! Was tun wir ihm denn?

Zins. Habt's ihr nicht selber eing'willigt?

Damian. Könnt' uns nit einfallen. Der Ziehsohn ist uns gar nicht feil; wenn wir zehn solche Ziehsöhn' hätten, wir gäbeten kein' her.

Schlucker (zu Zins). Da kommt uns der Herr grad z'recht!

Damian. So eine freche Zumutung, das is ja 's Prügelns wert! (Zu Grob und Trumpf.) Tandler, packt's an!

(Grob und Trumpf machen Miene, Zins zu packen.)

Zins (ausbeugend). Na, seid's so gut! (Zu Schlucker und Damian.) Wie könnt's denn so dumm sein, mir war's ja mit dem Handel gar nit ernst, ich hab' euch ja nur auf die Prob' stell'n woll'n.

Schlucker. So?

Damian. Das war nix als a Prob'? Jetzt schaun S', jetzt hätten S' bald Schläg' kriegt aus lauter Prob'.

Zins (beiseite). Mir fallt was ein – so kann ich den Goldfuchs am ärgsten demütigen. (Zu Schlucker.) Ich bin ja der beste Freund mit Eurem Adolf.

Schlucker und Damian (verwundert). Hören S' auf?!

Zins. Er hat das Quartier g'nommen im ersten Stock, ihr zieht's alle mit ihm.

Schlucker. Was? In das Prachtquartier kommen wir!? Julieh!

Damian. Nein, so ein Ziehsohn, das is wirklich a Freud'!

Zins. Jetzt macht's nur, er hat g'sagt, ihr sollt längstens in einer halben Stunde alle in der neuen Wohnung sein. Adieu! (Links ab.)

Schlucker. Weib! Weib! In den ersten Stock ziehn wir! Der oben logiert, ist z'grund'gangen, Weib, fall in Ohnmacht vor Freuden! In den ersten Stock! (Jubelnd rechts ab.)

Sechzehnter Auftritt

Damian, Grob, Trumpf.

Trumpf. Na, wir gratulieren!

Grob. Jetzt werd't's halt schön stolz werden, das kann man sich denken.

Damian. Nein, Brüderln, stolz nit, aber ungeheuer leidenschaftlich werd' ich, seit ich a Geld g'spür'.

Grob. Was hat denn der Damian für Leidenschaften?

Damian. Zwei Stuck: Liebe und Rache!

Grob. An wem will sich denn der Damian rächen?

Damian. An einem französischen Stutzer, der gestern meiner Salerl nach'gangen is. Bonbon heißt er; der muß Schläg' kriegen.

Trumpf. Den tu' uns der Damian nur zeigen, nachher diskurrieren wir mit ihm.

Grob. Die Sprach' wird er verstehen, und wenn er kein Wort Deutsch kann.

Damian (zu Grob). So ist's recht! Jetzt helft's mir aber ein wenig z'samm'packen. Übrigens, was ihr wegen Stolzwerden g'sagt habt, da habt ihr nix zu befürchten, denn ich werde mich im Glück stets so benehmen, daß mir's jeder ansehen wird, daß ich ein gemeiner Kerl war.

(Alle drei rechts ab.)

Siebzehnter Auftritt

Johann (allein, aus rechts kommend, hat Hut, Rock und Haartour Bonbons in der Hand und ist in Hemdärmeln; er spricht in das Zimmer zurück).

Johann. Warten Euer Gnaden nur eine kleine Weil', bis ich Ihre Kleider hinuntergetragen hab' zum Herrn Schlucker ins Quartier; ich sag' ihm nur ein paar Wort', daß Sie sich bei ihm unten wieder umkleiden können. In fünf Minuten gehn Sie also ganz keck über d' Stiegen hinunter; in der Verkleidung kennt Ihnen die Wacht nicht.

Bonbon (von innen). Gut, gut! Mach' Er nur schnell!

Johann. Verlassen sich Euer Gnaden auf mich! (Links ab.)

Achtzehnter Auftritt

Friedrich, Anton, zwei Bediente (eilig aus dem Tanzsaal).

Friedrich. Mir war's, als wenn ich den Johann g'hört hätt'!

Anton und die Bedienten. Mir auch.

Friedrich. Er wird schon wiederkommen, er entgeht uns nicht.

Anton. Zehn Gulden zahlt uns der Herr von Zins einem jeden, wenn wir ihn ordentlich durchkarbatschen.

Friedrich. Das Honorar wollen wir verdienen.

Anton. Warum hat der Kerl einen Hausherrn beleidigt?

Friedrich. Er ist ein schlechter Kamerad; auch für das schon muß er ein' Merks kriegen.

Anton. Jetzt räumen wir geschwind im Kredenzzimmer alles zusammen, nachher passen wir ihn im Saal ab.

Friedrich. Er läuft uns schon noch in die Hände.

(Alle ab in den Tanzsaal.)

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