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Zu ebener Erde und erster Stock

Johann Nestroy: Zu ebener Erde und erster Stock - Kapitel 10
Quellenangabe
typecomedy
booktitleZu ebener Erde und erster Stock
authorJohann Nestroy
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003109-5
titleZu ebener Erde und erster Stock
pages1-134
created19981228
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Dritter Aufzug

Dasselbe Zimmer wie am Schlusse des zweiten Aufzuges. Dasselbe Zimmer wie am Schlusse des zweiten Aufzuges. Von den nach dem Tanzsaale führenden Flügeltüren ist eine geschlossen. Im Tanzsaal sieht man alles in Unordnung, vorne im Zimmer sind die Spieltische weggeräumt.

Erster Auftritt

Goldfuchs, dann Johann.

Goldfuchs (verstört aus rechts). Man hat mir alles versiegelt! – Johann! Johann! – Es steht Wache vor der Türe, das kann doch mich nicht angehn – Johann! – Ich habe ja nur mein und nicht fremdes Geld verloren! – Johann! – Wo mag er denn stecken? – Johann!

Johann (tritt links ein). Was wollen S'?

Goldfuchs. Was bedeutet die Wache vor der Türe?

Johann. Das geht Ihnen nix an, sondern den Chevalier Bonbon.

Goldfuchs. Wie das?

Johann. Man weiß, daß das Malheur mit 'n Schiff Ihnen und dem Bonbon sein'n Bruder in Marseille en compagnie z'grund g'richt't hat. Na, und der Bonbon hat hier Schulden g'macht und versprochen, sein Bruder schickt 's Geld. Jetzt versichern sich die Gläubiger derweil seiner einfältigen Person. Aber sagen Sie mir nur, wie kann man so ein Geschäft entrieren zur See ohne Assekuranz? – Für was wären denn die Assekuranzanstalten und für was würden allweil noch neue erricht't? Wir kriegen jetzt eine Assekuranzanstalt, wo sich die Männer, die heiraten wollen, die Treue ihrer Frauen assekurieren lassen. Wir kriegen eine Assekuranz für Dienstboten, wenn s' an Sonntagen in Gros de Naples ausgehn, wo sie sich 's Wetter assekurieren lassen, daß s' nit naß werden. Kurzum, Sie haben unüberlegt in den Tag hineing'handelt! Da red't man über die jungen Leut'; ja, derweil machen d' alten, wie Sie sein, so dumme Streich!

Goldfuchs (frappiert). Ja, was wär' denn das? Du sprichst ja auf einmal in einem ganz anderen Tone mit mir!

Johann. Das is sehr natürlich. Das Gefühl, es steht ein reicher Mann vor dir, das is bei mir der Resonanzboden, über welchen man die Saiten der Höflichkeit aufzieht. Kriegt dieser Resonanzboden durch einen tüchtigen Schlag einen Sprung, dann klingen die Saiten nicht mehr wie früher, sondern geben einen dumpfen, groben Ton.

Goldfuchs. Impertinenter Schlingel! Hinaus!

Johann. Ah, das glaub' ich, daß Ihnen das recht wär', weil ich eine Forderung hab'.

Goldfuchs. Eine Forderung?

Johann. Die 6 000 Gulden, die mein Vetter bei Ihnen angelegt hat.

Goldfuchs. Die soll Er haben. Ich bin nicht so ganz ruiniert, noch habe ich in einem hiesigen Handlungshaus –

Johann. Ich weiß, 80 000 Gulden haben Sie noch hier anliegen beim Bankier, von die werden Sie das Geld zahlen, und das heute noch, denn wie Sie dumm spekulieren, werden die 80 000 Gulden auch bald hin sein.

Goldfuchs (ergrimmt). Pursche, ich geb' Ihm ein paar Ohrfeigen!

Johann. Das müssen S' nit tun, 's kost't 's Stück fünf Gulden, und Ihnen wird bald ein jeder Groschen weh tun. Das letzte Rettungsmittel für Ihnen, daß die Fräule Tochter eine brillante Partie macht, das is ja auch schon beim Teufel.

Goldfuchs. Wie meint Er das?

Johann. Sie ist ein sauberes Mädel, aber sie verschlagt sich ihren Ruf.

Goldfuchs (wütend).Verleumder! Ich schnüre dir die Gurgel zu.

Johann. Das müßten S' gar vielen Leuten tun, wenn über Ihre Tochter nichts Schlechtes gered't werden soll, denn es wird bald allgemein bekannt werden, daß sie eine liaison ferme hat, da unten mit dem Tandlerbuben. Sehr ehrenvoll das!

Goldfuchs. Schurke, du lügst!

Johann. Da derften S' froh sein. Werden schon daraufkommen, so was deklariert sich von selbst. Jetzt holen S' ein Geld und machen S', daß ich die 6 000 Gulden bald krieg', nachher geh' ich. (Links ab.)

Zweiter Auftritt

Goldfuchs (allein).

Goldfuchs. Also auch von dieser Seite? – Ungeratenes Kind, du sollst das ganze Gewicht meines Zornes fühlen! (Geht heftig auf und ab, plötzlich besinnt er sich.) Die Zeit drängt – ich muß eilen; beim Bankier darf ich mein Geld nicht holen, das würde Aufsehen machen, aber anderwärts muß ich Gelder aufnehmen, meinen Aufwand fortsetzen und die Sache noch decken einige Zeit. (Ruft in die Türe rechts.) He, Friedrich! Hut und Stock!

(Friedrich bringt es aus rechts.)

Goldfuchs (geht unruhig einmal auf und nieder, sich die Stirn reibend). Ja, ja, ich muß! (Links ab.)

Dritter Auftritt

Ein Gerichtsbeamter und Sepherl (aus links), dann Schlucker und Damian (von rechts).

Sepherl (den Beamten einführend). Ich werd's gleich mein' Mann sagen, Euer Gnaden. (Ruft in die Türe rechts.) Du, Mann, komm g'schwind!

Schlucker (kommt mit Damian). Was is denn?

Sepherl. Es ist wer da.

Beamter. Das Gericht hat mich beauftragt –

Schlucker und Damian (erschrocken). Das Gericht!?

Beamter. Es betrifft Ihren angenommenen Sohn Adolf.

Schlucker (leise zu Damian). Was muß der Pursch ang'stellt haben?

Beamter. Lassen Sie ihn kommen!

Damian (ruft in die Türe rechts). Mosje Adolf! Ös sollt eing'sperrt werden.

Beamter. Warum nicht gar! Was fällt Ihm ein?

Vierter Auftritt

Vorige; Adolf.

Adolf. Was soll ich?

Beamter. Von mir die Nachricht eines großen, unverhofften Glückes vernehmen.

Adolf (erstaunt). Glück!?

Schlucker. Ja, was treibt denn 's Glück heut?!

Damian. Die Fortuna muß sich den Fuß überstaucht haben, daß s' nit in den ersten Stock auffisteigen kann, sonst kehret s' gewiß nit zu ebner Erd' ein.

Beamter (zu Schlucker). Zuerst muß ich einige Fragen an Euch stellen. Wo habt Ihr vor zwanzig Jahren domiziliert?

Schlucker. Zwanzig Meilen von hier, ich war damals Schneider in Mühlenberg.

Beamter. Wer hat neben Euch gewohnt?

Damian. Ein z'grund gegangener Uhrmacher.

Beamter. Namens?

Schlucker. Uns hat er g'sagt: Berger; aber d' Leut' haben g'sagt, das is nur ein falscher Namen g'west, unter dem er vor sein'n Gläubigern sich Ruh' verschafft hat.

Beamter. Ganz recht! Was hinterließ er Euch, als er in die Fremde ging?

Damian. Fünf Gulden und ein' kleinen Bub'n.

Schlucker. Die fünf Gulden haben wir schon lang aus'geb'n –

Damian. Den klein'n Buben haben wir noch. (Auf Adolf zeigend.) Da steht er.

Schlucker. Unser einzig's Kind is damals grad g'storb'n.

Damian. War auch bübischen Geschlechts.

Schlucker. So haben wir den gleich b'halten.

Beamter. Alles stimmt überein, es ist kein Zweifel. (Zu Adolf.) So wissen Sie denn, junger Mann, Ihr Vater lebt.

Adolf (freudig überrascht). Lebt!? Wär's möglich!? Oh, sagen Sie, wo, daß ich in seine Arme eile!

Beamter. Die Entfernung seines Aufenthalts ist für Ihre Wünsche viel zu groß. Ihr Vater kam nach langer Wanderfahrt nach Ostindien; dort lächelte ihm das Glück und machte ihn zum reichen Manne. Die Aufenthaltsveränderung Ihrer Zieheltern machte alle Nachforschungen nach seinem Sohne fruchtlos, bis endlich der Zufall einen Freund Schluckers, einen Maurer namens Winter, nach Kalekut führte.

Schlucker. Wer hat denn dem Maurer Winter das Geheimnis entdeckt, daß der Adolf nur ein angenommener Sohn war?

Sepherl. Ich, lieber Mann, ich!

Schlucker (zu ihr). Du? Ich will nit hoffen – mir scheint, du hast den Winter gern g'sehn.

Damian. Warum nit gar? Gern g'sehen? Sie hat bloß ein blindes Zutrauen g'habt!

Beamter (zu Adolf). Ihr Vater, auf diese Weise in Kenntnis gesetzt, ersuchte brieflich das hiesige Gericht, seinem einzigen Sohne die Schrift einzuhändigen, die ihn mit seinem wahren Namen bekannt macht und ihn zum künftigen Erben seines ungeheuren Reichtums ernennt. – Bankier Walter weiß Ihnen nähere Auskunft zu geben und ist zugleich beauftragt, Ihnen dreißigtausend Dukaten auszuzahlen. (Gibt ihm eine Schrift.)

Adolf (die Schrift nehmend). Mein Vater lebt, und wäre der Weg zehnmal so weit, ich muß zu ihm, ich muß in seine Arme sinken.

Schlucker (ganz verblüfft). Dreißigtausend Dukaten!

Damian. Das is a Roßglück!

Schlucker (mit respektvoller Verlegenheit). Herr von Adolf –

Damian. Lieber Baron –

Schlucker. Wie soll ich gratulieren?

Damian (einen Stuhl bringend). Nehmen Euer Exzellenz Platz!

Sepherl. Ich freu' mich – und kann mich doch nicht recht g'freun, weil ich jetzt mein' Adolferl verlier'.

Adolf (wirft die Schrift auf den Tisch und umarmt sie). Sie haben mich als wahre Mutter geliebt.

Schlucker. Ich etwan nicht als wahrer Vater? Das mit dem Brief gestern, glaub'n Sie mir, Herr von Adolf, das war ein bloßes Mißverständnis; wie hätt' ich sonst die Frechheit gehabt –

Damian. Sei stad, Schwager, das sieht er schon ein, der Herr Graf, nicht wahr? Euer Durchlaucht vergessen auch meinerseits alle Puffer und Schopfbeutler der frühen Jugend?

Adolf. Ich habe für nichts Gedächtnis als für das Gute, was ihr mir erwiesen, und mein Dank wird ohne Grenzen sein. (Zum Gerichtsbeamten.) Doch jetzt bitte ich, führen Sie mich schnell dorthin, wo ich mehr von meinem Vater erfahre, ich brenne vor Ungeduld.

Beamter. Kommen Sie! (Beide links ab.)

Damian. O Gott, das ist ein lieber Mensch – der dumme Kerl! –

Fünfter Auftritt

Vorige ohne Adolf und Beamten.

Schlucker (sich vor die Stirn schlagend). Er war immer mein, liebstes Kind! – Nein, wenn ich das hätt' ahnen können!

Damian. Wie hätten wir den Menschen behandelt von Kindheit auf!

Sepherl. Seid's ruhig, der laßt euch nichts entgelten.

Schlucker. Der macht uns alle reich und glücklich, glaubst, Schwager? (Zu Sepherl.) Geh und erzähl's jetzt den Kindern, (scherzhaft drohend) du plauderhaftes Weib! (Nimmt eilig seinen Hut.)

Sepherl. Oh, dasmal bin ich stolz darauf, daß ich plauderhaft war. Mir verdankt's ihr – wo gehst denn so g'schwind hin?

Schlucker. Mich druckt's, ich muß die G'schicht' auf 'n Tandelmarkt erzählen. (Eilt links ab.)

Sepherl. O du verschwiegener Mann! (Rechts ab.)

Sechster Auftritt

Damian.

Damian (allein). Gar kein Zweifel, der Mosje Adolf wird mich brillant soutinieren. Jetzt kann ich's schon größer geben, wenn ich will. Es is jetzt schon eine starke Gnad' von mir, wenn ich Wort halt' und die Salerl heirat'. Nein, anschmieren tu' ich s' nit. Ich bin ihre erste Lieb', und das muß ein Tandler zu schätzen wissen, wenn er was Neu's kriegt. Demungeachtet aber regen sich Gefühle im Busen, mein Blut macht Wallungen gegen den ersten Stock. Wenn ich das Stubenmädel da oben erobern könnt'! Das wäre beim Himmel nicht das Schlechteste, was ich getan. Ich will passen vor 'm Haus, bis ihr Amant, der Johann, ausgeht, dann will ich schaun, ob ich der Fanny mein altes Herz für ein neues aufdisputieren kann. (Links ab.)

Siebenter Auftritt

Johann (allein aus links).

Johann. Der Kerl muß schon ausgegangen sein. (Gegen das Fenster sehend.) Aha, da geht er grad fort. Das Mädel unten, die Salerl, ist jung, hübsch, dumm, ich bin galant, sauber, g'scheit. Bei solchen Potenzen hat ein praktisch-amourischer Rechenmeister wie ich das Fazit gleich heraus. Ich geh' jetzt ums Eck, da begegn' ich dem Damian, er glaubt, ich geh' aus, dann wart' ich ein paar Minuten im Tabakgewölb', hernach hol' ich mir zu ebener Erd' eine Prise. (Links ab.)

Achter Auftritt

Salerl (allein mit einem Spinnrad aus rechts).

Salerl. Wenn ein Unglück g'schieht, so geht eine Butten los, das is wahr, wenn aber 's Glück anmarschiert, so ruckt's auch gleich bataillonweis ein, das is auch wahr. Die Frau Sepherl hat aber g'sagt, auch im Glück muß man fleißig und arbeitsam sein; das will mir zwar nicht recht einleuchten, indessen, weil sie's g'sagt hat, so setz' ich mich halt her und spinn'. (Setzt sich rechts und spinnt.)

Neunter Auftritt

Fanny (allein aus dem Saal rechts).

Fanny. Das arme Fräul'n hat so ein gutes Herz; ihren Vater hat ein Unglück getroffen, jetzt will sie ihren Geliebten aufgeben, um dem Vater keinen neuen Verdruß zu machen. Wie soll ich aber dem Mosje Adolf das beibringen, daß aus der Entführung nichts wird?

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