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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 9
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pfad/jokai/sohnnabo/sohnnabo.xml
typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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7.

Der Freudentag.

Es war Zoltáns Geburtstag. Diesen Tag pflegte die Szentirmaysche Familie auf einem der Zoltánschen Güter in Karpátfalva oder in Madaras zu begehen. Die Dienerschaft, die herrschaftlichen Unterthanen bereiteten sich schon längere Zeit darauf vor, wie zu einem hohen Feiertage. Die Bauerndirnen steckten Vergißmeinnichtsträuße ins Wasser, um sie frisch zu erhalten für die Kränze, die sie daraus winden werden; die ehrsamen Dorfgevatter mästeten den jungen Farren, der nach alter Sitte am Namenstage des Grundherrn geschlachtet zu werden pflegt. Jedermann weiß etwas Angenehmes, irgend eine Überraschung aufzusparen für den kleinen Abgott, den groß und klein wert hält, wie seinen Augapfel, und dem zuliebe, wenn er aus der Nachbarschaft herübergekommen war, alte Leute bis zum späten Abend im Hofe des Kastells herumstanden, um nur einen Blick von ihm zu erhaschen. An seinem Geburtstage war er dann ganz der ihrige: da konnten sie sich satt sehen an ihm, mit ihm sprechen, seinen holden Worten lauschen, ihm die schönen weißen Hände drücken, die so fest waren wie Stahl; sie konnten ihm danken für all das Gute, das er im Laufe des Jahres ihnen hatte angedeihen lassen, dafür, daß er ihnen ein Segen Gottes gewesen, wie Regen und Sonnenschein, und daß er das Glück heimisch gemacht auf ihren Fluren, und ihm sagen, wie sie zu Gott beten, daß er sie das Glück noch lange genießen lasse, ihn von Jahr zu Jahr größer und glücklicher werden zu sehen, und daß auch die Säuglinge seinen Namen noch segnen können, den sie zuerst stammeln lernen ...

Alles das wußten die einfachen Leute so wahr, so rührend vorzubringen.

Und dann erst innerhalb der vier Wände, wenn die Familie unter sich allein war! Jedes Herz war dann voll nicht nur mit der eigenen Freude, sondern auch mit der des andern.

Szentirmay hatte vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, Alle vier liebten Zoltán wie ihren Bruder und stritten sich oft im guten darüber, wer ihn am meisten lieb habe – Kathinka allein ausgenommen, in der vielleicht schon eine Ahnung aufstieg, daß ihrer Liebe zu ihm ein Etwas beigemengt war, das man nicht zeigt und das der Geschwisterliebe fremd ist.

An seinem Geburtstage erhielt Zoltán von jedem der Kinder irgend ein kleines Andenken zum Geschenk, das kleinste der Kinder, das winzige, noch kaum dritthalb Jahre alte Stutzchen, sagte ihm sogar ein Verslein auf. O, wie herzig das war! Zoltán schloß es an seine Brust und gab ihm einen Kuß um den andern. Die beiden andern thaten böse: nun und mich nicht? Kathinka zeigt schon nicht mehr, daß sie auch geküßt sein will ...

Von ihr hatte Zoltán ein prachtvoll gebundenes Stammbuch erhalten, auf dessen erstes Blatt sie selbst mit noch ungeübter Hand ein Bild gezeichnet und koloriert hatte; es stellte einen mit Moos bewachsenen Felsblock dar, auf dem Zoltáns Name geschrieben stand, beschattet von Trauerweiden.

Zoltán wendete sich scherzend zu dem Mädchen.

– Du giebst mir ein Stammbuch? Willst du vielleicht, daß wir uns trennen sollen? Ein Stammbuch ist ja für solche, die voneinander scheiden, um der eine dahin, der andere dorthin zu gehen und sich nie wiederzusehen.

Kathinka lachte dazu. Wie kann Zoltán auch nur so närrische Gedanken haben. Sie beide werden sich ja nie voneinander trennen. Sie werden immer Kinder wie jetzt bleiben und bis ans Ende der Welt immer zusammen spielen im Garten und bunten Schmetterlingen nachjagen von Blume zu Blume.

Noch ein wertvolles Geschenk bekam Zoltán zu seinem Geburtstage. Es war dies ein statistisches Verzeichnis, das ein greiser Beamter, Herr Varga, einst Güterdirektor beim alten Herrn, für ihn zusammengestellt hat; er würde es selbst überbracht haben, wenn er nicht krank und bettlägerig wäre, weshalb er sich tausendmal entschuldigen läßt. In diesem Verzeichnisse waren Vergleiche angestellt, mit Daten aus den letzten vierzehn Jahren. Was damals das Erträgnis der Karpáthischen Güter war und wie hoch es sich jetzt beläuft; wie viele unnütze Ausgaben damals waren und wieviel weniger jetzt; um wieviel das Volk besser und wohlhabender geworden; um wieviel weniger Straffälle vorkommen, so daß der Herrenstuhl kaum mehr in die Lage kommt, von seinem jus gladii Gebrauch zu machen. Wie viele neue Schulen in den Dörfern entstanden, wie das Streben nach Bildung zugenommen, um wieviel Ehen mehr geschlossen und weniger getrennt wurden. Um wieviel weniger auf Pferde und Hunde ausgegeben wird, und um wieviel mehr auf humanitäre Zwecke.

Zoltán wußte den Wert zu schätzen, der in diesen Daten lag. Das alles ist das Werk seines Vormundes, deshalb nimmt er das Geschenk mit Freuden an, aber er denkt auch daran, daß er selbst einst bemüht sein wird, diese gesteigerte Wohlfahrt noch mehr zu heben und seines hohen Vorbildes sich würdig zu zeigen. O wie Wohl hatte es ihm jetzt gethan, Rudolph umarmen, diese väterliche, arbeitsame Hand küssen zu können, die so fest baut, so ausdauernd sich abmüht, mit unfehlbarer Sicherheit lenkt; jene angebetete, bewundernswürdige Hand, die ebenso schön zeichnet, als sie sicher schießt, und ebenso mild zu segnen weiß, als streng zu strafen.

Aber Rudolph war nicht anwesend am Morgen des Freudentages; umsonst erwartete man ihn zu Mittag, er kam auch da nicht. Die Gratulanten, die Beglückwünschungsdeputationen der herrschaftlichen Unterthanen, der Beamten hatten sich alle schon entfernt; die Familie hatte sich in ihre Gemächer zurückgezogen und wartete dort bis zum späten Abend auf Rudolph, dessen langes Ausbleiben einen unverkennbaren Schatten auf die freudige Stimmung warf. Flora selbst konnte sich die Ursache dieses Wegbleibens nicht erklären.

Rudolph war ja noch gestern in Szentirma, gewesen, als die ganze Familie herüberfuhr und hatte versprochen, früh morgens nachzukommen. Und jetzt ist es schon Abend. Sollte ihm etwas zugestoßen sein? Sonst wäre er nicht ausgeblieben.

Auch Flora begann unruhig zu werden und ging gegen Abend mit den Kindern in den Schloßgarten hinaus spazieren; dort auf einem hohen Hügel, von dem ein künstlicher Wasserfall herabstürzte, ließ die treffliche Familie, indem sie die alten Ruinen der einstmaligen Scythenburg umging, sich nieder, man konnte von da weit hinaus die Straße überblicken. Aber kein Spiel wollte gehen wie sonst. Selbst die Kinder waren niedergeschlagen und auf dem stets lachenden Gesichte Kathinkas lag ein Zug von Schwermut, der so lieblich sich ausnahm auf diesen lebensfrischen, rosenroten Wangen.

Endlich vermochte Zoltán seine Unruhe nicht mehr zu bemeistern; er bat seine Pflegemutter um Erlaubnis, sich aufs Pferd setzen und nach Szentirma reiten zu dürfen, um zu erfahren, ob dem Grafen nicht ein Unfall betroffen; Flora erlaubte es jedoch nicht: gewiß hat ihr Mann unaufschiebbare Geschäfte und würde die übertriebene Ängstlichkeit seiner Familie nicht gut aufnehmen.

Dennoch gewährt es ihrem Herzen einige Erleichterung, auch nur wenige Schritte demjenigen entgegenzugehen, den sie sehnlichst erwartet; ein unschuldiger Aberglaube flüstert uns zu, daß wir dem lange Ausbleibenden nur entgegenzugehen brauchen, damit er komme. Hätten wir es früher gethan, vielleicht wäre er schon da. Zoltán hat sich in den Kopf gesetzt, daß wenigstens an dem äußersten Ende des Gartens, das von dichten Baumgruppen verdeckt ist, sein Pflegevater zum Vorschein kommen werde. Die beiden größeren Kinder hängen sich rechts und links in seinen Arm und begleiten ihn; die zwei kleineren brechen beinahe in Weinen aus, weil es ihnen nicht erlaubt wird, mitzugehen.

Flora, obschon sie es nicht zeigte, war ernstlich besorgt. Dieser Tag ist immer ein großes Familienfest gewesen, von dem Rudolph noch nie weggeblieben war. Er pflegte dann seinen Pflegesohn zu küssen, ihn für die Fortschritte, die er in einem Jahre gemacht, zu beloben, ihn zu segnen und mit seiner Liebe zu überhäufen, als wollte er ihn jedesmal von neuem zu einem Mitgliede seiner Familie einweihen; der Eindruck dieser Tage bildete immer einen neuen Ring in der Kette, die den Knaben an die Familie seines Vormundes knüpfte, und siehe, jetzt geht ein Glied ab. Die Kette aber, in der ein Ring fehlt, fällt auseinander. Es muß etwas Großes vorgefallen sein, daß Rudolph dies Familienfest versäumt hat.

In der That, etwas Großes war ihm widerfahren.

Eben, als er zum Thore hinausfuhr, auf der nach Madaras führenden Straße, fuhr durch das andere Thor Frater Bogozy, aus Pest kommend, auf einem Bauernwagen in den Hof hinein. Wie der Wagen still hielt, sprang er herab, zog seinen Staubmantel aus, setzte statt der Kappe sich die Pelzmütze auf den Kopf, suchte unter dem Stroh seinen Säbel hervor und schnallte ihn um, ging dann hinauf in die Vorhalle und fragte mit zornigem Aussehen den ihm begegnenden verschnürten Heiducken: ist Seine Hochgeboren, der Graf zu Hause?

– Nein, war die kurze Antwort.

– Hm, das ist ärgerlich. Hat der Herr Graf einen Sohn, der legal mündig, aber noch nicht majorenn ist? Wohlgemerkt, legal mündig, nicht majorenn!

– Kurios, brummte der Heiduck; was weiß ich davon; ich verstehe nicht lateinisch.

– So, schön; und wer ist Er selbst? Heiduck?

– Der Husar des gnädigen Herrn, kein Heiduck. Heiducken sind die, welche vor dem Komitatshaus Schildwache stehen.

– Wie heißt Er?

– Paul Ebkérdi Wörtlich: der Hund frägt es., entgegnete der Diener schnippisch und höchlich erzürnt über das bisherige Examinatorium.

– Antworte Er ernsthaft, das sag ich Ihm, schrie Bogozy zornig; Er sieht in mir einen juratus notarius der hohen königlichen Tafel, der auf einer Exmission ist. Ich frage Ihn daher von Amtswegen. Wie ist sein Name?

Auf das Wort »von Amtswegen« nahm der Heiduck die Pfeife aus dem Maul, ohne deshalb seine Antwort weniger zu accentuieren, indem er stolz sagte: Martin, Edler von Kánya.

Bogozy notierte sich das mit Bleistift in eine große rote Brieftasche.

– Wie alt?

– Ich selbst bin zweiundvierzig, aber mein Vater ist achtzig Jahre alt geworden.

– Stand?

– Danke schön für die Nachfrage. Ich bin gesund! Állapot, Stand, heißt zugleich Befinden.

– Ich habe nicht nach seiner Gesundheit gefragt, sondern nach seiner Kondition, seinem Amt.

– Ich hab's ja schon gesagt: Husar; aber mein Bruder ist Fiskal.

– Hat Er eine Frau?

– Zwei.

– Ist Er verrückt?

– Bitte sehr, die eine ist schon tot.

– Nun, jetzt nehm Er diese Schrift, das ist ein Vorladungsbrief ein citatorium an den Herrn Grafen. Euch, als einem zum Hause gehörigen Diener, kann ich ihn rechtskräftig übergeben.

– Bewahre der Himmel, mir nicht, und wenn der Herr hundertmal ein Jurat ist.

– Bedenke Er wohl.

– Ich bedenke gar nichts! lief, sich weigernd, der Heiduck, der vor allen gerichtlichen Dingen einen höllischen Respekt hatte, und glaubte, daß, wer eine solche Schrift einmal annimmt, auf der Stelle exequiert wird.

– In meine Hand kommt das Papier nicht. Ich habe nichts gesehen, nichts gehört, ich bin der niemand und ich führe keinen Namen. Ich bin gar nicht zu Hause.

Und damit entschlüpfte er aus der Vorhalle und schloß die Thüre hinter sich zu.

Auf sein Beispiel ergriff die ganze Dienerschaft die Flucht und rannte zum Hof hinaus.

Unsern Frater Bogozy brachte dies gewaltthätige Ausreißen nicht im geringsten außer Fassung; er holte aus seinem Tornister vier Nägel und einen Hammer hervor und nagelte damit das Vorladungsschreiben gemütlich an die ihm vor der Nase zugeschlagene Thür. Dann setzte er sich hübsch auf den Wagen, ließ umkehren und fuhr zurück, von wo er gekommen war.

Erst jetzt wagte es das Gesinde, wieder zum Vorschein zu kommen und war nicht wenig überrascht, das verfängliche Schreiben an der Thüre ausgespannt zu erblicken, wie ein Standrechtsplakat.

Jedermann war entrüstet. Welch ein Skandal! Ein Vorladungsbrief an die Schloßthüre genagelt!

– Man muß ihn herabreißen! riefen einige der Beherzteren.

– Nein, rührt es nicht an! schrie der Heiduck, Das ist vom Gericht und bringt Unglück über den, der es mit seiner Hand berührt. Aber es soll gleich geholfen werden. Wo ist der kleine Groom? He, Bürschchen, tritt uns näher. Wie alt bist du, kleiner Knirps? Acht Jahre. Du lügst, du bist erst sieben Jahre alt. Nun, warte: nimm einmal das Papier da herunter. Fürchte dich nicht, es beißt nicht. Sieh's nicht an. Niemand soll es ansehen. Wer kann auch das Gekritzel lesen? So, jetzt setze dich auf das beste Pferd, reite dem gnädigen Herrn nach und gieb ihm den Brief. Aber jage, was du kannst.

Zwei Minuten später galoppierte der kleine Stalljunge zum Dorf hinaus, in der Richtung gegen Madaras.

Der Reiter holte auf halbem Wege den Grafen ein. Rudolph ließ den Wagen halten, sowie er ihn heransprengen sah. Der Junge erzählte in aller Eile, was vorgefallen war und überreichte dann dem Grafen die gefährliche Schrift, die er am äußersten Rande zwischen zwei Nagelspitzen festhielt.

Szentirmay nahm sie und fing an zu lesen. Wer in diesem Augenblicke sein Gesicht beobachtet hätte! Welcher Sturm leidenschaftlicher Erregung malt sich in seinen Zügen, Was enthält dies Schreiben? O, die niederträchtigste, schrecklichste Anklage, ein mörderisches Gift für alles Erdenglück. Eine Anklage, durch deren schwarzes Glas alles, was in seinem Charakter Edles und Liebenswürdiges ist, sich in das Zerrbild einer unreinen, verbrecherischen Leidenschaft verwandelt, eine Anklage, die erniedrigend und herabwürdigend, mit ihrem Gifthauche die Existenz eines guten Namens, der durch ein Leben voll edler Handlungen erworben war, vernichtet.

Graf Rudolph Szentirmay ein Ehebrecher! So sagt die zweizüngige Verleumdung und die Selbstsucht findet einen Rettungsanker in dieser Anklage; denn wenn der schwarze Verdacht auf ihm sitzen bleibt, hat sie Schätze damit gewonnen. Er war gut berechnet, dieser Schlag. Und gerade für diesen Freudentag, an dem die ganze Familie ein liebes Fest begeht und der Wiederkehr des teuern Geburtstags zujubelt, haben sie diesen Dolchstich sich aufgespart, der ins Herz, ins Mark des Lebens gezückt ist. Wie gut müssen sie gerüstet sein, um das wagen zu können.

Rudolph starrte mit verdüstertem Antlitz vor sich hin.

»Hat jemand diese Schrift gelesen?« fragte er den kleinen Reitknecht.

»Niemand, außer mir, hat sie in Händen gehabt, ich aber kann nur Gedrucktes lesen.«

Rudolph legte die Schrift zusammen und steckte sie in die Brusttasche; dann aber riß er sie plötzlich wieder heraus, schleuderte sie auf die Erde und trat sie ingrimmig mit Füßen.

Ist es nicht schrecklich, daß dieses elenden Mammons wegen jemand imstande ist, die Ehre, das Lebensglück eines Mitmenschen zu zerfleischen, daß man seine tugendhaften Handlungen wie ein schneidiges Schwert gegen ihn kehrt, daß man dem unbescholtensten Manne vor dem Gesetz die Beschuldigung ins Gesicht schleudert: du warst der ehrlose Liebhaber einer Frau, denn du liebst ja ihren Sohn wie dein eigenes Kind.

Und nun soll er hin zu ihm, ihm Glück wünschen zu seinem Geburtstag, ihn in seine Arme schließen und küssen, wie er es sonst gewohnt war, und wie man es auch heute von ihm sehnsüchtig erwartet.

»Zurück nach Szentirma!« schrie Rudolph dem Kutscher zu und wenige Minuten darauf war er wieder daheim in seinem Kastell. Die drüben können lange auf ihn warten.

Bis in die späte Nacht blieb er eingeschlossen in seinem Zimmer: die Dienerschaft hörte nur, wie er beständig darin auf und ab ging und keine Minute stehen blieb.

Endlich wurde es still. Bald darauf hörte man ihn klingeln.

Sein Husar eilte zu ihm.

– Jemand soll sogleich aufsitzen und nach Madaras reiten. Mag es auch noch so früh sein, wenn er ankommt, soll er Zoltán augenblicklich wecken und ihm diesen Brief übergeben. Die offene Kutsche soll eingespannt werden, in einer halben Stunde fahre ich nach Karpátfalva.

– Ein Gewitter ist im Anzuge, wandte der treue Diener ein.

– Um so besser, sagte Rudolph, und ging, ohne ein Wort zu reden, die Treppe hinab, ungeduldig draußen im Hausflur wartend, bis die Pferde vorgespannt waren.

* * *

Die dort im Madaraser Kastell konnten lange auf ihn warten.

Zoltán und Kathinka gingen Wohl hundertmal sehen, ob nicht in der Richtung gegen Szentirma eine Staubwolke aufsteige und kehrten immer wieder unverrichteter Dinge zurück, immer wieder von neuem hoffend, daß sie, wenn sie noch einmal gehen, ihn gewiß sehen werden.

Ganz ermüdet vom langen Warten setzten sie sich unter einen Baum, um dessen Stamm eine weiße, runde Bank lief, und als sie da nebeneinander saßen, wurden die Kinder beide ganz schwermütig, eine solche Traurigkeit bemächtigte sich ihrer, sie wußten selbst nicht, was es war. Der Baum, unter dem sie saßen, war ein schöner lichter Ahorn, so hoch, so schlank; und wie die beiden Kinder unter ihm saßen, raschelten einzelne verdorrte Blätter auf sie herab.

Eins fiel in den Schoß des Mädchens; Zoltán nahm es von da weg.

– Sieh, dies Blatt war vor einer Woche noch so grün, und wie gelb es jetzt ist; weißt du auch warum? Weil es sich trennen mußte von den andern. Es ist so traurig, das Scheiden.

Kathinka hatte schon die frühere Erwähnung von Trennung wehmütig ergriffen, nur hatte sie damals ihre Rührung hinweggelacht; jetzt aber nahm sie sich dies Wort sehr zu Herzen, und obwohl sie keine Antwort gab, traten ihr langsam Thränen in die Augen und liefen ihr, wie zwei herabrollende Diamanten, über die Wangen herab.

Zoltán mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, das er beim Erblicken dieser Thränen nicht von Rührung überwältigt wurde. War ihm doch, als fühlte er von unsichtbaren Händen das Herz krampfhaft zusammengedrückt, als flüsterten ihm unvernehmliche Stimmen böse Weissagungen ins Ohr. Ohne allen Grund wurden beide so traurig, keines wußte, was ihm widerfahren sei.

O, bleibt nicht länger unter diesem Baum mit dem fahlen Laub, Kinder! Auf seine dürren Blätter hat eine unglückliche Frau viele Thränen geweint; vielleicht wandelt sie dort auch jetzt, vielleicht flüstert sie dort in unsichtbarer Gestalt und fallen von ihren Küssen die Blätter herab auf die bleiche Stirne ihres einzigen Sohnes.

* * *

Das nächtliche Gewitter zwang alle, unter den Bäumen hervor ins Kastell zu eilen. Beim Heulen des Sturmes, beim Niederprasseln des Gußregens, beim Krachen der Donnerschläge wagte schon niemand mehr daran zu denken, daß Rudolph noch kommen könne, und die kleinen Kinder flüchteten ängstlich an die Brust der Mutter. Zoltán nahm den größeren Knaben auf seinen Schoß und zeigte ihm in einem naturgeschichtlichen Bilderbuche seltene Tiere, während Kathinka mit dem Kleinsten sich in einen Winkel setzte und ihm Märchen von guten Feen erzählte; beiden blieb das Wort im Munde stecken, so oft ein krachender Donnerschlag niederfuhr.

Die Kleinen verlangten endlich schlafen zu gehen, sich gegenseitig einander mit der Versicherung Mut einsprechend, daß sie sich vor dem Gewitter nicht fürchten. Edmundchen, der Kleinste, küßte jeden der Reihe nach zur guten Nacht und verlangte, daß Kathinka ihn zu Bette bringe, und als sie ihn auf den Arm genommen hatte, verlangte er wieder zu Zoltán bácsi getragen zu werden, um auch ihm einen Kuß zu geben, und dann forderte er Kathinka auf, Zoltán doch auch zu küssen, was sie ihm natürlich nicht zu Gefallen that; um so eifriger folgten ihre jüngeren Geschwister dieser Aufforderung, welche Zoltán ganz an sich zogen, ihn mit ihren zarten Händchen umhalsten und mit Liebkosungen überhäuften. O warum kann Rudolph dies alles nicht mit ansehen.

Gegen Morgen hörte es auf zu regnen; bei Tagesanbruch wurde Zoltán aus dem Schlafe geweckt mit dem Briefe, den ihm sein Vormund geschickt.

Verwundert las er darin, daß der Graf ihn unverzüglich nach Empfang des Briefes zu sich nach Karpátfalva rufe.

– Wann ist der Graf nach Karpátfalva hinüber? erkundigte er sich bei dem bis auf die Haut durchnäßten Reitknecht.

– In der Nacht.

– In diesem furchtbaren Wetter! rief Zoltán bestürzt aus und fing an, sich anzukleiden, den Kopf voll trüber Gedanken.

Im Hause schlief noch alles – die aufgetrommelten Dienstleute ausgenommen – als Zoltán sich aufs Pferd warf und davonritt.

Das Pferd geht so langsamen Schrittes mit ihm und er reitet mit so schwerem Herzen dahin, als sollte er gar nicht wieder zurückkehren.

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