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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 6
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121211
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4.

Das Linsengericht.

Herr Maßlaczky konnte getrost sein Haupt mit dem Bewußtsein zu Bette legen, daß er seinen wankelmütigen Klienten ohnehin in Händen habe.

Eines Abends war in den Sälen des Pester Nationalkasinos ein ungewöhnliches Drängen und Treiben bemerkbar; in den Lesekabinetten, in den Spielzimmern, im Billardsaal, und sonst überall, stieß man auf Gruppen von Männern, die einander nicht zu Wort kommen ließen und von Zeit zu Zeit drängte sich durch dieselben ein neu Angekommener, der einen Schweif von Neugierigen nach sich zog, welche in das Geheimnis der von, ihm mitgebrachten Neuigkeiten eingeweiht werden wollten.

Was ist der Grund dieser Bewegung? Ist vielleicht der Bau eines Landtagshauses im Antrag und drängt man sich zur Subskription? Oder reißt man sich um Kettenbrückenaktien? Ist es vielleicht das Mathias-Corvinus-Monument, was die Gemüter so lebhaft beschäftigt, oder geht ein neues begeisterndes Gedicht Vörösmartys von Hand zu Hand?

Hier kommt Herr Maßlaczky, von dem werden wir es sogleich erfahren.

Der große Mann in Duodezformat ist vor Eifer ganz außer Atem und giebt nur mit der Hand durch Winken zu verstehen, daß er alles in Erfahrung gebracht. Man umringt ihn, man läßt ihn nicht mehr aus, er muß sagen, was er gebracht.

– Ja, sie kommt, – morgen ist sie hier – ich selbst habe mit **y gesprochen. Sie wird im Gasthofe zum König von Ungarn absteigen, in den Zimmern Nr. 1, 2, 3. Sie wird dreimal singen.

– Wer singt? Was wird gesungen? erscholl die fragende Stimme eines jetzt anlangenden Laien.

– Wer? pfiff Maßlaczky im Fisteltone der Entrüstung, wer anders als die Carl! die göttliche Carl! die Königin der Nachtigallen, vor der alle Sirenen und Schwanengesänge und andere Gesangsberühmtheiten der klassischen Welt verstummen müssen. Sie kommt, sie wird auftreten, dreimal nacheinander. Es ist schon gewiß. Sie ist schon unterwegs. Ich habe mich beeilt, eine Loge für alle drei Abende zu nehmen. Wenn ich schon auf dem Sterbebette läge, ließe ich mich noch hineintragen.

Die Begeisterung ist ansteckend; Herrn Maßlaczkys Worte riefen einen wahren Enthusiasmus hervor; kaum daß einige spleenhafte Schachspieler die verdrießliche Bemerkung machten, es sei doch sonderbar, daß der sonst für nichts sich interessierende trockene Advokat in eine solche poetische Ekstase geraten könne, und während er sich zu Hause kein Frühstück gönne, das Geld für teure Logen hinauswerfe. Die meisten fanden nichts Außerordentliches darin; der Zauber der Kunst setzt Steine und Bäume in Bewegung, warum sollte er nicht auch Herrn Maßlaczkys Herz rühren.

Herr Maßlaczky gab der Gesellschaft keine Ruhe. Hunderterlei Motionen wurden von ihm gestellt: eine Empfangsdeputation am Landungsplatze der Dampfboote; mit Blumen geschmückte Zimmer; Ausspannen der Pferde aus dem Wagen und Vorspannung vernunftbegabter Rosse; Kränze, Ehrengeschenke und dergleichen mehr, was alles Unterstützung fand. Herr Maßlaczky ließ sich von niemand an Generosität überbieten.

Nur eine trübselige Figur war unter so vielen Begeisterten zu erblicken, das war Abellino Karpáthi. Traurig schlich er in die verlassensten Gemächer und steckte den Kopf zum Fenster hinaus, um selbst nichts zu hören von dem, was um ihn gesprochen wurde.

Ach, vor Jahren, wo er noch über Hunderttausende zu verfügen hatte, wäre er bei einer solchen Gelegenheit der Wortführer gewesen, jetzt aber muß er sich schweigsam verhalten: an seiner Seele zogen die Bilder einer schönen Vergangenheit geisterhaft vorüber: die Glanzperiode des Pariser Opernhauses, die Jahre seiner Herrschaft in der loge infernale, die prächtigen Abenteuer, als deren Helden man ihn in der Pariser Welt kannte, ihn, vor dem die Theaterfoyers, die Boudoirs der ersten Künstlerinnen nicht verschlossen waren, von dessen Geschmack und Luxus selbst die Zeitungen erzählten, dessen Meinung in der seinen Welt als Autorität galt und tonangebend war und der jetzt schweigen und sich zurückziehen muß, wo es sich darum handelt, eine reisende europäische Künstlerberühmtheit zu feiern; und das alles aus dem einfachen Grunde, weil er kein Geld hat. Ach, das war bitterer, als sich mit Worten beschreiben läßt. Nicht länger konnte er diese peinliche Situation ertragen, jeder Blick erschien ihm als ein gegen sein Herz gezielter Dolchstich; er mußte das Kasino verlassen; er stürzte von dannen wie ein angeschossenes Wild und rannte die ganze Donauzeile hinauf und hinab, zwei Stunden lang, von da nach Hause; er legte sich nieder und warf sich bis zum Morgen schlaflos im Bette herum: kaum kann er es erwarten, daß es tagt; dann nimmt er das Straßenpflaster unter seine Fußsohlen und klopft bei jedem ihm bekannten Wucherer und Geldmakler an, um ein Darlehen von nur hundert Gulden Konventionsmünze zu erhalten, nicht mehr als lumpige hundert Gulden; er verpfändet Leib und Seele, verschreibt tausend, zweitausend Gulden dafür, zu zahlen dann und dann.

Alles umsonst. Von jedermann Geld bitten, heißt von niemand welches erhalten und zudem ist dem schlechten Schuldner irgend eine Fluchformel, eine Art Kainszeichen auf die Stirne gebrannt, das diese Geldleiher sogleich wahrnehmen. O, die Geldleiher sind große Psychologen.

Abellino bekam nirgends Geld, bis zum späten Abend hatte er sich noch keine hundert Gulden verschaffen können. Er bat auch den Kurator der Karpáthischen Familie, ihm seine Taggelder vorauszuzahlen. Er that es nicht und blieb unerbittlich für sein Flehen und taub gegen seine Schwüre. O, das ist ein Cerberus!

Verzagt, niedergeschlagen langte er abends im Kasino an. Er hatte zwar nicht hingehen wollen, aber seine Füße trugen ihn eben hin. Der arme Mensch, alle seine Glieder versagten ihm den Dienst.

Im Kasino war heute die Begeisterung noch größer als gestern.

Die Carl war schon angekommen; mehrere Notabilitäten, darunter auch Maßlaczky, hatten das Glück gehabt, ihr aufwarten zu dürfen; sie hatte ihnen eine Arie vorgesungen; jedermann war entzückt.

Und Abellino konnte nicht dort sein, er mußte fehlen bei jeder Huldigung. Er sah auf dem Tisch den Subskriptionsbogen ausgebreitet und mußte die Kränkung erleben, daß seine Bekannten aus Schonung ihn nicht aufforderten, sich zu beteiligen, und ihm mitleidig auswichen. Welche ausgesuchte Höllenpein darin für ihn lag, vermag nur derjenige zu verstehen, der ihn durch und durch kennt. Hunger, Durst erleiden, im Gefängnis sitzen wäre ihm leichter angekommen als dies.

Maßlaczky spielte auch jetzt den großen Herrn; sein Name prangte neben einer bedeutenden Summe unter den Unterschriften. Abellino verfolgte ihn den ganzen Abend hindurch mit seinen Blicken; als er ihn aufbrechen sah, ergriff auch er den Hut und eilte ihm nach. Er holte ihn aus der Treppe ein und redete ihn in verbindlichem Tone an: Guten Abend, werter Freund, lieber Herr Maßlaczky.

– Ergebenster Diener, gnädiger Herr.

– Bleiben Sie stehen, laufen Sie nur doch nicht davon! Sind Sie noch immer böse auf mich?

– Ich? Ich habe keinen Grund böse zu sein. Im Gegenteil, Euer Gnaden besitzen an mir einen großen Verehrer.

– Titulieren Sie mich nicht mit Euer Gnaden, Sie sind ein so wackerer Mann; jedermann kann stolz darauf sein, Sie zum Freunde zu haben. Nennen Sie mich Freund; nun sagen Sie mir »lieber Freund«.

– Also, mein »lieber Herr und Freund«, kann ich Euer Gnaden in etwas dienlich sein?

– Ja; aber gehen wir aus der Einfahrt, es zieht hier zu stark. Ich hätte eine sehr dringende Bitte an Sie, lieber Freund.

Nach diesen Worten hängte er sich in den Advokaten ein und zog ihn mit sich fort.

– Befehlen Sie über mich.

– O, ich befehle nicht, ich bitte nur. Leihen Sie mir auf zwei Wochen hundert Gulden Konventionsmünze.

Der Advokat blieb stehen und sah Abellino an mit jenem eigentümlichen Lächeln, wie ein unausstehlicheres wohl niemand noch zu sehen bekam, der in der unangenehmen Lage sich befand, mit sehr zweifelhaftem Erfolg jemand um Geld ansprechen zu müssen.

– Ich soll Euer Gnaden hundert Gulden leihen?

– Sie erweisen mir damit einen ungeheuren Dienst, Ich bin in der gräßlichsten Verlegenheit. Ich benötige das Geld dringend. Wenn Sie es mir verweigern, auf Ehre, so schieße ich mir eine Kugel durch den Kopf.

– Wie können aber Euer Gnaden sich denken, daß ich Euer Gnaden etwas leihen werde?

Mon dieu! Lassen Sie doch das ewige Gnaden weg, lieber Freund. Glauben Sie mir, daß ich es nicht über mich brächte, und wenn ich darüber Hungers sterben sollte, jemand um Geld zu bitten; nur zu Ihnen habe ich Vertrauen. War ich Ihnen nicht schon früher einmal Geld schuldig und habe es Ihnen ehrlich zurückgezahlt?

– Nicht daß ich wüßte. Der liebe – Dings da (dies Wort wählte er als medius terminus zwischen »der liebe gnädige Herr« und »mein lieber Freund«) sind mir dritthalb Jahre meine siebzig Gulden schuldig geblieben, und ich konnte sie nur durch die Drohung zurückbekommen, daß ich früher in dem nur übertragenen Prozesse keine Feder anrühren, noch auch den Prozeß aus meinen Händen geben werde.

– Da sehen Sie, sagte Abellino in sanftem Tone, als ob die vorgebrachte Thatsache zu seinen Gunsten lauten würde.

– Ich sehe, ich sehe; aber diese Bürgschaft habe ich jetzt nicht mehr; Sie wissen, lieber hm, hm (hier erstickte er den Titel in einem Husten), daß ich den Prozeß nicht mehr in meinen Händen habe.

– Und wenn ich ihn wieder zurückstelle, beeilte sich Abellino hastig ihm in die Rede zu fallen.

– Danke unterthänigst, küsse die Hand, will nichts mehr damit zu thun haben; habe genug daran gehabt. Der Himmel bewahre jeden armen Rechtsanwalt davor, hochdero Prozeß führen zu müssen.

– Bitte, mein Bester, sprechen wir nicht so laut hier auf der Gasse. Sagen Sie mir, was haben Sie gegen mich?

Je unterthäniger Abellino wurde, um so hochmütiger trumpfte ihn Maßlaczky ab.

– Eh, lieber – wissen das sehr wohl, warum soll ich es Ihnen von neuem auseinandersetzen? Lieber – bitte, nötigen Sie mir nicht andere Titulaturen auf, ich komme sonst aus dem Kontext. Es ist nicht möglich, mit Euer Gnaden auszukommen; Euer Gnaden erschöpfen auch eine Lammesgeduld, wie die meinige. Diese ewigen Skrupulositäten, diese unaufhörlichen Prävarikationen, diese täglichen Subsumtionen, diese sich immer erneuernden Extravaganzen wären imstande, auch einen Engel von Rechtsfreund zu disgustieren.

Abellino verstand zwar von den aufgezählten lateinischen Sünden nicht eine einzige, versprach aber dennoch, daß er sich keine mehr zu schulden werde kommen lassen; nur die hundert Gulden möge er ihm geben und wenn es ihm beliebte, die Prozeßakten dafür in Pfand nehmen.

– Ja, was soll ich denn damit anfangen, nachdem Euer Gnaden anderer Ansicht sind als ich? Auf jenem Wege kann ich nicht weiter gehen.

– Also welche Ansicht soll ich denn zu der meinigen machen? Bitte, reden Sie. Soll ich eine Schrift von mir geben; wie nannten Sie es doch? – eine Cession? was? – nun, so reden Sie doch.

Herr Maßlaczky zuckte mit den Achseln.

– Das geht nicht so schnell. Ich habe nur aus eigenem Kopf das Anerbieten gestellt. Es ist noch sehr die Frage, ob der gnädige Herr Köcserepy darauf eingeht. Ich weiß nicht einmal, ob Köcserepys jetzt in der Stadt, ob sie nicht draußen in ihrer Villa sind.

– O, ich weiß gewiß, daß sie hier sind. Kommen Sie, gehen wir zusammen hin. Ich werde unter dem Thore auf Sie warten.

– Wo denken Euer Gnaden hin? ich kann doch nicht in bunter Weste und im Gehrock erscheinen in einem so vornehmen Hause; gar abends. Man würde glauben, ich dränge mich auf. Es giebt Anstandsregeln, über die man sich nicht hinwegsetzen darf.

– Abellino mußte es hinabschlucken, daß ihn, den ausgedienten Modehelden, ein Fiskal auf die Regeln des Anstandes aufmerksam machte.

– Also wann? drang er ängstlich in ihn.

Herr Maßlaczky dachte nach.

– Morgen von zehn bis zwölf Uhr ist Sitzung; um halb eins kommt der gnädige Herr nach Hause; bis halb drei kann ich informieren. Belieben Sie Punkt drei Uhr sich bei mir einzufinden; ich werde zu Hause sein. Ich hoffe, mit gutem Erfolg.

– Bitte, persuadieren Sie ihn! flehte Abellino.

– Ich werde mir Mühe geben, sagte Maßlaczky in so stolzem Tone, wie einer, der überzeugt ist, jemand eine große Wohlthat zu erweisen.

Abellino begleitete den wackern Mann bis zu seinem Hause, drückte ihm beim Abschied noch die Hände und band ihm auf die Seele, wenn er kommen werde, die Sessionsurkunde schon bereit zu halten, damit er nur zu unterschreiben brauche.

In der Bedrängnis des Augenblicks betrieb er nun selbst, was er vor einigen Tagen zurückgewiesen hatte. O, Herr Maßlaczky hatte voraus gewußt, daß es so kommen werde, er kannte seinen Mann. Der Advokat muß Psycholog sein.

Bei Herrn Maßlaczky war um diese Stunde niemand mehr in der Wohnung. Der alte Husar ist wahrscheinlich schon heimgegangen nach Ofen, von wo er täglich herüberkommt; Frater Bogozy hat gewiß neue Kollegen gefunden, denen er bei der interessanten Ceremonie des Jagdbechers Assistenz leistet, der Herr Fiskal ist ganz allein in allen drei Zimmern. Den unter ihm Wohnenden scheint es trotzdem, als ob in allen drei Zimmern eine Menge Menschen bis zur Mitternacht auf und ab gingen; es ist aber nur Herr Maßlaczky, der dort auf und ab geht, vor sich hinlächelnd und sich vergnügt die Hände reibend; seine gute Laune fing zuletzt soweit auszuarten an, daß er zu singen versuchte, in jenem menschenmörderischen Diskant, der selbst den sanftesten Menschen aus seinem Gleichmut zu bringen vermag. Was er sang, war nicht zu erkennen, so falsch sang er und so sehr war die ursprüngliche Melodie verwischt; das Merkwürdige bei der Sache war auch nicht wie, sondern daß er überhaupt sang, ähnlich wie bei den Löwen der Kreuzbergschen Menagerie, an dem man bewunderte, daß er das Wort: Mama! hervorbrachte – nicht schön, aber genug, daß er es aussprach.

Die im Hause Wohnenden, welche über den gespenstischen Gesang aus ihren Träumen erwachten und sich die Decke über die Ohren zogen, mochten denken: »Heut geht etwas Großes mit Herrn Maßlaczky vor, denn er singt wieder! Alle guten Geister loben den Herrn ihren Meister.«

Der Herr Fiskal schrieb aber an jenem Abend einen Brief an Herrn Köcserepy. Im Briefe stand nicht mehr als:

»Geehrter lieber Herr und Freund. Consummatum est. (Es ist vollbracht.) Morgen gegen Abend werde ich so frei sein, meine Aufwartung zu machen. Pest u. s. w. Dero ergebener Diener Gabriel Maßlaczky m. p.«

Der Titel auf der Adresse nahm mehr Raum ein, als der Inhalt des ganzen Briefes.

Er ging auch nicht um Mittag zum Herrn Rat, sondern schickte ihm früh morgens, noch vor Anfang der Sitzung, durch Bogozy das Schreiben hinüber, welcher die Antwort zurückbrachte, er werde willkommen sein.

Wie wir bald sehen werden, hatten die beiden die Sache längst unter sich verabredet und mit vereinten Kräften und im schönsten Einverständnis an der Realisierung ihrer Lieblingsidee gearbeitet.

Als es nachmittags 3 Uhr schlug, lautete Abellino schon an der Thüre und trat mit klopfendem Herzen zu Maßlaczky ins Zimmer, zwischen Furcht und Hoffnung die Frage hineinrufend: »Nun, Heu oder Stroh?«

Der Fiskal machte peinliche Umschweife, bis er zur Sache kam; erst nötigte er ihn, sich zu setzen, dann suchte er nach allerlei Schriften herum, hierauf begann er eine lange Auseinandersetzung, in welcher der ungeduldige Klient anzuhören bekam, wieviel Mühe und Überredung es gekostet habe, den Herrn Rat zu gewinnen, der ein sehr edler Mensch sei, der nichts für sich selbst zu thun Pflege; anfangs wollte er auch nichts von dem Anerbieten hören, später jedoch ließ er sich herbei, darauf einzugehen, aber nur so, daß er dies Opfer lediglich zum Besten Abellinos bringe und die Karpáthischen Güter nur als eine Art Fideikommiß übernehme, dessen sämtliche Reinerträgnisse er an Abellino abzuführen habe. Ihm (dem Advokaten) sei es jedoch vorteilhafter erschienen, statt dessen sich eine bestimmte runde Summe auszubedingen, da zu befürchten wäre, daß bei der übertriebenen Gewissenhaftigkeit Köcserepys in der Abtragung der alten Schulden nicht so viel übrig bleiben würde; es sei daher viel gescheiter, sich mit den vierundzwanzigtausend Gulden, welche proponiert werden, einverstanden zu erklären! nicht wahr? Das macht täglich beinahe siebzig Gulden. Das ist immerhin schon ein hübsches Geld.

Abellino hörte ihn unter großen Qualen und unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschend bis zu Ende an. Manches verstand er, manches nicht; soviel aber ist gewiß, daß er nichts davon im Kopfe behielt. Er hätte am liebsten gesagt: gieb mir nur die hundert Gulden und thue dann, was du willst.

Herr Maßlaczky legte ihm endlich die fertige Sessionsurkunde vor und ersuchte ihn, er möchte so gut sein, sie durchzulesen. Abellino erschrak vor den vielen Buchstaben. Er sah, daß die vierundzwanzigtausend Gulden dort standen, das übrige kümmerte ihn nicht. Er fragte, wohin er seinen Namen zu setzen habe, spritzte ein paarmal die Feder aus und kritzelte seine Unterschrift hin, bei welcher Gelegenheit er lernte, daß man das Siegel nicht hinten, sondern vorn beidrücken müsse. Frater Bogozy und Herr Maßlaczky koramisierten die Urkunde und schütteten soviel Streusand darauf, als sie anzunehmen vermochte.

Herr Maßlaczky gab dafür dem Frater Bogozy einen Gulden, was Abellino veranlaßte, ihm gleichfalls einen Dukaten zu geben, den er heute Morgen vom Familienkurator als sein Taggeld erhalten hatte.

Nun erst drückte Herr Maßlaczky ihn, die bereitgehaltenen, in ein Päckchen schön zusammengebundenen hundert Gulden in die Hand und ließ nicht einmal zu, daß er eine Schrift darüber ausstelle. Er sei überzeugt, der liebe gnädige Herr werde, sobald er bei Geld sein werde, ihn nicht vergessen. Abellino kannte keinen großherzigeren Menschen, als Herrn Maßlaczky. Wenig fehlte, daß er ihn geküßt hätte. Er sträubte sich dagegen, sich bis ins Vorzimmer begleiten zu lassen; er finde schon selbst die Thüre.

Diese hundert Gulden machten ihn wieder so glücklich; schon lange hatte er nicht soviel Geld beisammen gehabt; alle Teufelchen erwachten wieder in ihm bei dem Seidengeflüster dieses weichen Banknotenbündels. Er fing an, stolz und hoffärtig einherzusteigen, ohne seine gichtbrüchigen Beine mit dem Rohrstock zu stützen. Auf der Treppe begegnete er einer schönen rot- und pausbackigen Dienstmagd, er sprach sie an, knipp ihr in die Wangen und – drückte ihr das ganze Banknotenpäckchen in die Hand, so wie er es von Herrn Maßlaczky übernommen hatte.

Zu seinem Glück warf das kleine Bauernmädchen ihm das Geld vor die Füße und lief davon, sonst hätte er sogleich wieder umkehren und Herrn Maßlaczky um andere hundert Gulden bitten können.

So verkaufte Esau sein Erstgeburtsrecht für ein Gericht Linsen.

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