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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 4
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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2.

Vornehme Unterhaltung.

Begeben wir uns jetzt in die Sommerwohnung Seiner Gnaden des Herrn Daniel Köcserepy.

Es ist doch seltsam, und man kann sagen, ein wahrer Skandal, daß es der Phantasie des Dichters freisteht, uneingeladen in jede noch so vornehme Wohnung einzutreten; umsonst stellt man vor dieselbe einen Portier, umsonst schreibt man aus eine große Tafel: »Fremden ist der Eingang verboten!« umsonst verteilt man Einladungsbillete, nur gültig für die Person des Eingeladenen: so ein Dichtermensch macht keine Umstände, ohne zu fragen und zu hören, schreitet er mitten durch die ganze salva guardia, und nicht genug, daß seine Person sich eindrängt, er schleppt auch noch sein ganzes Lesepublikum mit, worunter sich auch Individuen aus dem niederen Adel, vielleicht auch aus dem Bürgerstande und selbst aus der misera contribuens plebs befinden, und ohne auch nur dem Herrn und der Frau des Hauses ihre Höflichkeit zu bezeugen, durchwandeln sie die prächtigen Säle – mancher Leser hat vielleicht nicht einmal Handschuhe an – gucken bei jeder Thür hinein, belauschen die geheimsten Unterredungen, kritisieren, machen Randglossen zu dem Gesehenen und Gehörten! In der That, dagegen sollte ein Verbot erlassen werden.

Seine Gnaden Herr Daniel Köcserepy, oder wie er seinen Namen selbst zu schreiben Pflegt: Daniel Keöcherepy, war in seinen jungen Jahren eben nicht an Luxus gewöhnt. Diejenigen, welche so unverschämt sind, sich daran zu erinnern, wissen ganz gut, daß er in seiner Jugend Erzieher gewesen in einem Pester Bürgerhause, und daß er damals ganz einfach Herr Daniel Cserép hieß. Die Hausfrau war eine bejahrte Matrone, und der junge Hofmeister war nicht faul, sich bei ihr in Gunst zu setzen; die Frau heiratete ihn und setzte ihn mit Umgehung der eigenen Kinder zum Universalerben ein. Bald darauf starb die Frau – wie? wodurch? das kümmert uns hier nicht; die Kinder suchten sich fortzubringen, so gut jedes vermochte, der reiche Erbe aber ging nun daran, seine Carriere zu machen.

Wie er hierauf zu dem Posten gelangte, den er jetzt inne hat, wäre eine lange Geschichte. Es heißt, daß der Herr Rat seiner Zeit ein stattlicher Bursche gewesen, der bei den Damen in großer Gunst stand; als er im ***er Komitat bald nachher zum Honorar Vicenotär ernannt wurde, entstand unter den dortigen Schönen ein förmlicher Wettkampf. Der erste Vicegespan hatte zwei Töchter, der zweite besaß deren drei, Daniel machte allen fünfen den Hof. Beide Vicegespane protegierten den hoffnungsvollen jungen Mann. Es währte nicht lange, so wurde er Obernotar. Bei der nächsten Restauration wollte der zweite Vicegespan den ersten stürzen und an seine Stelle kommen; beide legten ihre Angelegenheit in die Hände Köcserepys und Köcserepy stürzte alle beide. Er wurde als dritter kandidiert, jene zwei fielen durch, und er wurde erster Vicegespan. Von da war nur mehr ein Schritt zur Ratswürde. Bald darauf heiratete er zum zweitenmale; natürlich traf er seine Wahl weder unter den zwei, noch unter den drei Exvicegespanstöchtern, sondern er nahm eine vornehme Excellenzfrau, eine schöne, reiche und stolze Dame, und sein Haus ist jetzt eines der ersten in Pest.

Zu all diesem Gerede müssen wir unsererseits in voller Unparteilichkeit hinzufügen, daß Herr Köcserepy einen ausgezeichneten Verstand besitzt, und da diesem eine so feste Willenskraft, wie die seinige, sich beigesellt, so haben wir uns eben nicht zu wundern über das Glück, das ihn auf seiner Lebensbahn begleitete.

Rasche Auffassung und geschicktes Benützen der Umstände, die Kunst, fremde Interessen mit den seinigen zu verflechten und Kaltblütigkeit genug, um auch die am festesten geknüpften Bande zu zerreißen, sobald man bemerkt, der Ziehende zu sein und nicht mehr der Gezogene, dies und hundert andere geistige Ressourcen, die wir nicht alle aufzählen können, haben mehr als einmal schon Wunder raschen Emporkommens bewirkt; auch glaube man ja nicht, daß auf solche plötzlich Emporgestiegene von oben mit Geringschätzung herabgesehen wird, man fürchtet sich vielmehr vor ihnen, denn niemand weiß, wie hoch sie noch steigen können. In den höheren Kreisen imponieren gerade die Parvenus am meisten; jedermann sagt sich verblüfft, daß dieser Mensch durch sich selbst dahin gelangt ist, wohin andere der liebe Gott gestellt hat.

Köcserepys Haus war eines der besuchtesten, sein Salon das Orakel der Modewelt. Bevor er nicht seine Soireen eröffnet, wäre es ein Verstoß, die Saison zu beginnen; wer auf seinen glänzenden Bällen in der Liste der Eingeladenen fehlt, den vermögen alle Herrlichkeiten des Karnevals nicht zu trösten; was Herrn Köcserepy und seiner Gemahlin, der Excellenzfrau, gefällt, das wird mode, das macht jeder nach und findet es schön und nobel.

Nur eine Schwäche besitzt der gnädige Herr; wir nennen es geradezu seine Schwäche, weil er selbst seinen Stolz darein setzt. Seine erste Frau war eine bürgerliche gewesen, eine Pester Kaufmannswitwe. Aus der Zeit seiner Hofmeisterschaft sind ihm viele unangenehme Rückerinnerungen geblieben an jene umsichtigen Herren, welche im Hause seiner seligen ersten Frau aus und eingingen, und mit ihren wohlweisen Reden die Frau davon abzubringen gesucht hatten, den Erzieher ihrer Kinder zum Manne zu nehmen; später hatten sie ihm bei der Testamentsvollstreckung viele Ungelegenheiten verursacht, indem sie zu gunsten der enterbten Kinder sprachen und prozessierten, bei welcher Gelegenheit sie dem jungen Herrn viele unangenehme Wahrheiten ins Gesicht sagten.

Seitdem hatte das Glück den wackern Herrn emporgetragen, und als er das zweite Mal nach Pest zurückkehrte, stand er schon in unerreichbarer Höhe über all den Gewürzkrämern, Baumeistern, Kaufleuten oder Weinhändlern; er konnte ihnen aber auch jetzt noch die alten Beleidigungen, ihre damalige Tücke nicht vergessen, und er hatte gute Gelegenheit, es ihnen auf jedem Schritt und Tritt heimzuzahlen.

Mitten in ihre Häuserreihe baute er seinen Palast hin, der prachtvoller war, als alle anderen; täglich konnten die Herren Gevatter ihn in eleganter Equipage vorüberfahren sehen. Hinten auf der Kutsche stand ein goldverschnürter Heiduck. Dem einstmaligen Erzieher that es wohl, zu denken, wie neidisch ihm jetzt die Herren Gevatter sein mögen.

Von den schlichten Bürgern waren viele durch Fleiß und Glück zu einem nicht zu verachtenden Vermögen gelangt, und obwohl sie es nicht verstanden, mit ihrem Reichtum Staat zu machen, war ihnen Wohlleben und Komfort doch nicht unbekannt.

Schon vor einigen Jahrzehnten, als Handel und Industrie in Pest einen lebhafteren Aufschwung nahmen, war es bei den wohlhabenderen Pester Bürgern üblich geworden, auf den Ofener Gebirgen Gründe anzukaufen und daselbst Gärten anzulegen und Sommerwohnungen zu bauen. Für diejenigen, denen ihr Geschäft so viel einträgt, um einen Überschuß der Einnahmen auf Genüsse verwenden zu können, denen aber eben diese Geschäfte nicht erlauben, sich auf längere Zeit von ihrem Wohnort zu entfernen, sind diese Sommerwohnungen ganz zweckmäßig ausgedacht. Große Herren, die von niemand abhängen, gehen des Sommers auf ihre Güter oder in Bäder, Leute dagegen, deren Herrschaft ein Verkaufsladen, oder manchmal auch nur eine Feder ist, suchen die Sommerfrische dort, wo sie ihnen am nächsten ist, und von wo aus sie sozusagen ihr Haus nicht aus dem Gesichte verlieren.

Die Pester Bürgerschaft betrachtet daher seit lange her das Ofener Schwabengebirge wie ihr gelobtes Land. Bei Annäherung des Frühlings spricht sie mit wahrer Begeisterung von den schon ausschlagenden Bäumen, von dem frischen Quellwasser, an das der Gedanke, wenn man das schweflichte und salitrige Wasser der Pester Brunnen zu trinken verurteilt ist, schon ein Labsal ist, von dem Schlagen der Nachtigallen, von der schönen Aussicht und der herrlichen Luft, die Arznei für jede Krankheit, in der das innere Behagen emporsprießt wie das junge Gras, Hypochondrie und Hämorrhoiden verschwinden wie Nebel vor der Sonne. Auch der Ärmste unternimmt wenigstens ein paarmal im Jahre die Reise von einer halben Meile dahin, um im weichen Grase ausgestreckt sein mitgenommenes bescheidenes Mahl zu genießen.

Aus der Kenntnis, die wir von einigen Charakterzügen Seiner Gnaden des Herrn Köcserepy bereits besitzen, werden wir uns leicht erklären können, warum er gerade ein Vergnügen darin fand, in diese anspruchslosen Berge eine prachtvolle Villa hineinzubauen.

Mögen diejenigen, welche einst ihm gegenüber die Herren gespielt, seine beneidete Herrlichkeit vor Augen haben und sich gedrückt fühlen durch den von ihm entfalteten Glanz, der ihre elenden Schweizerhäuser in Schatten stellt, mögen sie es nicht mehr wagen dürfen, in ihrem ländlichen Negligé herumzugehen, oder auf ihren Eseln herumzureiten, aus Furcht, einem seiner vornehmen Besuche in den Wurf zu kommen; mögen sie um das stolze Bewußtsein, dort zwischen den Bergen die größten Herren zu sein, sich gebracht sehen und genötigt sein, ihm auch dort entweder aus dem Wege zu gehen oder den Hut vor ihm zu ziehen.

Diese seine Absicht stieß anfangs auf große Schwierigkeiten. Die guten Leute, als sie bemerkten, daß er sich unter ihnen ansiedeln wolle, vereitelten überall seine Käufe, indem sie von ihrem Vorkaufsrechte Gebrauch machten. Endlich gelang es ihm, einen öden Grund zu erstehen, dessen Preis er so in die Höhe getrieben hatte, daß, wem nicht geradezu das Geld ins Fenster fliegt, ihn nicht überbieten konnte. So ließen nun die Herren Gevatter den Grund in seinen Händen und waren neugierig, was er damit anfangen werde.

Das ganze Grundstück war ein dürrer, steiniger Erdfleck, dessen einzige spärliche Vegetation Kletten und wilder Salbei bildeten; je tiefer man grub, auf so härteres Gestein kam man; beide Abhänge waren durch Wasserrisse zerklüftet und seit Menschengedenken war kein Gras dort gewachsen.

Der Herr Rat brauchte nur ein paar Jahre, um diese Wüstenei, die nur für einen Hexensabbath geeignet schien, in ein Paradies umzuwandeln. Mit Geld läßt sich alles besiegen, selbst die Natur. Hunderte von Arbeitern waren in Thätigkeit, die Steinschichten wurden auf Wagen geladen und damit die tiefen Wasserrisse ausgefüllt; in tausend und tausend Wagenladungen wurde frische Walderde auf den magern Grund geführt, die abschüssigen Stellen wurden mit Steinmauern eingefaßt; aus allen Teilen des Landes wurden große, fruchttragende Obstbäume mit äußerster Sorgfalt und schweren Kosten in den Garten geschafft, in dessen Mitte ein pomphaftes Kastell in orientalischem Baustile sich erhob, und binnen wenigen Jahren entstanden überall auf der kahlen, öden Fläche blühende Haine, Gruppen von Obstbäumen, Rasenparkette und Laubengänge von edlen Reben; es war ein wahrhaftiges Eden, das jedermann einen unwillkürlichen Seufzer entlockte, der keines solchen Besitzes sich rühmen konnte.

Die benachbarten Villen und Gärten wurden natürlich von so verschwenderischen Schönheiten verdunkelt, doch trösteten sich die guten Herren Gevatter damit, daß, während der Herr Rat seinen zwölf Joch umfassenden Steinbruch in einen Pomeranzenhain umschuf, seine Gemahlin, die Excellenzfrau, ihre Güter im Szathmárer Komitate mit einer halben Million Schulden belastet und daß die herrschaftliche Wolle schon auf sechs Jahre voraus verschleudert ist; wäre es nicht hundertmal klüger gewesen, den öden Fleck den Kletten und dein wilden Salbei zu überlassen, als mit eitlem Pomp sich daraus anzusiedeln, und es sich mehr Mühe tosten zu lassen, als selbst auf die hängenden Gärten der Semiramis verwendet worden sein dürfte. So oft der Herr Rat einen in seinem eigenen Garten gewachsenen Apfel verkostet, kann er sagen, daß er goldene Äpfel ißt, und wenn er in seinen Anlagen spazieren geht, daß er auf Silbersand einherwandle.

Mit solchen Dingen tröstete sich der armselige Neid ...

Im Sommer 1837 hatten die Bewohner der Umgegend noch besonders triftige Gründe, den benachbarten prächtigen Garten mit scheelen Blicken zu betrachten.

Im Frühling dieses Jahres, als die Blüten bereits Frucht angesetzt hatten, fiel Mitte Mai drei Nächte hintereinander Frost; die Obstbäume, als wären sie versengt worden, erfroren allewärts, das unreife Obst fiel herab, den Boden mit einer traurigen Lese bedeckend, die Blätter schrumpften zusammen, alle schwächeren und heiklicheren Bäume standen traurig da mit fahlem, verwelktem Laube.

Nur der Garten des gnädigen Herrn blieb grün; Köcserepy hatte in jenen grausamen Frostnächten für Geld aufgenommene Leute in seinen Garten geschickt, welche unter jedem Baume Strohbündel anzündeten, deren dicht aufsteigender Rauch das Niederfallen des verderblichen Reifes verhinderte. Die mühsame Operation kostete ihm einige tausend Gulden; als aber das traurige Bild allgemeiner Zerstörung in der angrenzenden Vegetation hervortrat, stand Köcserepys Part und Garten wie eine grüne Oase da, und während im ganzen Umkreise kein Obst an den Bäumen zu sehen war, sah man gegen Ende August die Äste seiner Bäume von der Last reifer Früchte darniedergebeugt, und strotzten die Laubengänge von Trauben in allen Farben.

In der ganzen Umgegend sprach man von dem gesegneten Garten, niemand hatte ähnliches aufzuweisen und von weit her kamen Fremde, sich die Erlaubnis erbittend, die merkwürdige Erscheinung besichtigen zu dürfen. Als daher der Herr Rat zum 22. August, dem Tage der Eröffnung des Nationaltheaters, die ganze Pester vornehme Welt in seine Schwabenberger Villa zu einem lustigen Gartenfeste eingeladen hatte, hätte man wohl darauf wetten dürfen, daß keiner der Eingeladenen fehlen und daher die vornehme Welt bei jener Nationalfeier nur höchst spärlich vertreten sein werde.

In dem Augenblicke, wo wir eintreffen, finden wir bereits eine schone zahlreiche Gesellschaft versammelt und in dem Lustgarten zerstreut; wie es die Regeln des Anstandes erheischen, verfügen auch wir uns zuerst in die Hallen der Villa, und wollen erst dann die in den Parklabyrinthen, Glorietten und Eremitagen kampierenden Gruppen aufsuchen.

In der Vorhalle, von der ein aufgespannter großer chinesischer, gestreifter Schirm die heißen Sonnenstrahlen abhält, müssen wir uns durch einen Schwarm gaffender Lakaien Bahn brechen, von deren buntscheckigen Livreen – wenn sich jemand dafür interessieren sollte – eine Kolibrisammlung das entsprechendste Bild liefert.

Bei der Ankunft von Herrschaften stellen sie sich eiligst in Positur und schneiden höfliche Gesichter; sowie aber der Gast zur Thür hineinbekomplimentiert ist, treten sie wieder in einen Knäuel zusammen, um zu kichern und einander zu erzählen: wie die Herrschaft eines jeden beschaffen; wie oft in der Woche dort und – hier – für die Dienerschaft Grütze gekocht wird; an welche« Fräulein sie Liebesbriefe zu bestellen haben; was für Reden die abgewiesenen Gläubiger bei diesem oder jenem im Munde geführt; warum diese oder jene vornehme Heirat nicht zustande gekommen; wieviel der Graf soundso seinem Schneider schuldig; womit dieser oder jener Baron sich wäscht und worin er badet, und dergleichen mehr. Von Köchinnen und Stubenmädchen ist nicht die Rede; das ist ein Thema für die gnädigen Herren; für Bediente wäre es derogierend.

Doch gehen wir weiter.

In dem großen Saale, in den wir jetzt eintreten, würde uns die verschwenderische Pracht überraschen, welche hier von den Arabesken der Vorhänge bis herab zu den gestickten Fußteppichen mit dem ausgesuchtesten Geschmack aufgehäuft ist (denn es genügt nicht, kostbare Sachen zu kaufen, im Arrangement liegt der wahre Zauber der Eleganz und das läßt sich nicht erlernen; dieselben Prachtstücke würden im Saal eines Gewürzkrämers sich ausnehmen wie eine Gewölbsauslage, während sie, nach dem Geschmacke der mit dem Excellenztitel aufgewachsenen vornehmen Dame geordnet, uns in einen Feenpalast versetzen, wie nur lustige Elfen ihn aus Gold, Silber und Seide zu zaubern verstehen und ihr Geheimnis sich von keinem Sterblichen ablauschen lassen); alles, wie gesagt, würde uns hier überraschen, wenn unser Auge nicht schon von einem anderen Schauspiele gefesselt wäre. Welche Fülle von Reiz und Anmut! Wohin wir blicken, begegnet unser Auge bezaubernden Schönheiten, Vor der Schönheit und den Reizen der Frauenwelt unserer höheren Kreise müssen wir uns beugen! Diese edeln Bewegungen, diese leichte, sichere Konversation, diese gewinnende Hoheit ist ihr ausschließliches Eigentum. Von ihrem zarten Antlitze wird die schädliche Einwirkung sengender Sonnenstrahlen und drückender Lebenssorgen gleich fern gehalten; ihre jungen Jahre sind nur der inneren Veredelung gewidmet, die auch ihre körperlichen Reize vergeistigt; in ihre Kreise tragen unsere jungen Kavaliere nicht jene zügellose Freiheit der Konversation, mit der sie die unteren Gesellschaftssphären beglücken; sie leben in einer idealen Welt, ist es zu wundern, daß sie selbst zu Idealen werden, so sehr, daß selbst der ewig kritisierende schwarzblütige Jünger des Momus bei ihrem Anblicke sich entwaffnet fühlt und ganz vergißt, daß er seine Leser und die glänzende Gesellschaft einander noch nicht vorgestellt hat.

Zum Glück hilft uns der Kammerdiener aus der Verlegenheit, der soeben in feierlichem Tone einen neu angelangten Gast anmeldet!

– Seine Hochgeboren, Herr Baron Theodor Berzy!

Und in demselben Augenblicke tritt ein von jedermann gekanntes, allgemein beliebtes Individuum ein, mit turmartig emporgekräuselter Frisur, genialen Gesichtszügen, denen ein aufwärts stehender Schnurrbart und ein an der Unterlippe allein stehen gebliebener Zwickelbart, als waren drei Malerpinsel triangulär dort aufgeklebt, ein vollkommen exotisches Aussehen verleihen; der Baron ist übrigens auch en profil leicht zu erkennen an den über alle Begriffe hoch aufsteigenden Vatermördern, obwohl dann von dem Gesicht selbst nur wenig zu sehen ist; das Interessante seiner Erscheinung wird noch dadurch erhöht, daß er sich nie trägt wie andere Menschenkinder. Gegenwärtig präsentiert er sich uns in dunkelblauem Frack mit engen, bis zu den Handknöcheln herabreichenden Ärmeln und sich rückwärts kreuzenden Schwanzflügeln; um den Hals ist, der erstickenden Hitze zum Trotz, ein prachtvoller weißer Seidenshawl gewunden, der sich in malerischen Verschlingungen unter dem Umschlage der weißen Weste verliert und mit einer kolossalen Busennadel – den Atlas mit der Weltkugel darstellend – festgesteckt ist. Die knappen, bis zum Knöchel reichenden schwarzen Gamaschen lassen rosafarben gewürfelte seidene Strümpfe bis zu den Rändern der glänzenden Lackschuhe hervorblicken und was uns am meisten an ihm auffallen muß, ist, daß er Ohrringe trägt, und zwar keine kleinen goldenen Reife, wie sie mitunter aus Gesundheitsrücksichten auch von Männern getragen zu werden pflegen, sondern lange brillantene Ohrgehänge, welche dem jungen Kavalier ein an gewisse Kazikenhäuptlinge erinnerndes Aussehen verleihen.

Es dauert keine Minute und er ist im Salon bereits wie zu Hause. Für ihn giebt es niemand Unbekannten, denn wen er nicht kennt, der existiert gar nicht für ihn.

Halten wir uns jetzt an seiner Seite, denn er wird uns überall hintragen, wo nur eine interessante Persönlichkeit sich befindet, und so gelangen wir auf die leichteste Art dazu, in der uns unbekannten Welt uns zurechtzufinden.

Zuerst sind es die Frau und der Herr vom Hause, welchen der geniale Baron die Ehre seiner Bewillkommnung erweist.

Eveline – das ist der Name der gnädigen Frau – empfing mit huldreich herablassendem Blicke den jungen Kavalier, der mit einer unnachahmlichen Haupt- und Nackenbewegung sich verbeugte. Köcserepy ging dem Eintretenden zwei Schritte weit entgegen, schüttelte ihm zuerst die eine, dann beide Hände und nannte ihn seinen lieben Freund.

Köcserepy hat das Aussehen eines in der Blüte seiner Jahre stehenden Mannes, obwohl er in Wirklichkeit die Fünfzig schon überschritten hat, allein die kunstvolle kastanienbraune Perücke, das glatt rasierte Gesicht, die tadellos eingesetzten Zähne lassen ihn um vieles jünger erscheinen und im ersten Moment das nicht maskierbare Embonpoint des Unterleibes übersehen. Dazu das süße Lächeln, das ewig auf seinen Lippen schwebt, als wenn er dazu berufen wäre, wenn die Sonne nicht scheint, die Erde mit seinem Lächeln zu beleuchten. Er ist unaussprechlich erfreut, daß seine werten Gäste seine bescheidene Einladung nicht verschmäht haben; aber so tief er das Haupt zu beugen versteht, so hoch weiß er es dann auch wieder emporzuwerfen und erwartet, daß jedes Kompliment ihm erwidert werde.

Lassen wir ihn jetzt anderswohin lächeln, neu anlangende Gäste mit süßen Reden und süßen Mienen beglücken und setzen wir unseren Rundgang unter Führung des Barons fort.

Die gnädige Frau ist eine Dame in den Vierzigen und kann ihren Jahren zum Trotz immer noch für eine Schönheit gelten; ihre ältesten Bekannten finden keine andere Veränderung an ihr, als daß ihre Formen voller geworden. Ihre regelmäßigen Gesichtszüge haben stets den Ausdruck, den sie selbst ihnen zu geben wünscht, ihre großen schwarzen Augen sehen einem bis in den Grund des Herzens und sind ebenso sehr auf ihrer Hut, niemand durch sich in das Innere blicken zu lassen.

Den Baron streifte ein Lächeln von diesem schönen, kalten Gesicht, Dies Lächeln hatte für ihn ebensowenig zu bedeuten, wie für andere; er aber fühlte sich überglücklich dadurch.

– Meine Gnädige, ich bedauere nur eines an diesem schönen Tage, und das ist, daß ich nicht Adam getauft worden.

Die Dame blickte fragend auf den spaßigen Kavalier, während die Umstehenden neugierig die Köpfe nach ihm wandten, um zu erfahren, was ihm an seinem Taufnamen nicht recht sei.

– Denn dann hätte ich, in den Garten Euer Gnaden eintretend, sagen können, daß heute Adam ins Paradies zurückgekehrt sei.

– Ein wahrhaft Byronscher Gedanke! rief Köcserepy, der anderswohin zu sprechen und anderswohin zu hören verstand. (Warum das ein Byronscher Einfall sein sollte, davon wußte er sich schwerlich Rechenschaft zu geben, denn von Byron wußte er eben nur so viel, daß er die Dardanellen durchschwommen und wahrscheinlich ebenso ein Sonderling gewesen, wie Baron Berzy; der Herr Rat kümmerte sich überhaupt weder um ausländische noch inländische schriftstellerische Berühmtheiten, obwohl er sich gern das Ansehen gab, sie alle zu kennen.)

Neben der Frau Rätin saß in einem Fauteuil eine bejahrte Matrone, welche bereits vollkommen allen Ansprüchen weiblicher Gefallsucht entsagt zu haben schien, denn sie nahm sich nicht einmal mehr die Mühe, in ihrem Anzug mit der Mode zu gehen, und trug noch immer dasselbe lavendelfarbene Seidenkleid, mit dem sie auf dem Wiener Kongreß brilliert hatte; nur mit Mühe hält sie sich in dem Armstuhl aufrecht und vermag ohne fremden Beistand keine Bewegung auszuführen; aber trotzdem trägt sie noch Verlangen nach großen Gesellschaften und ist so glücklich, wenn sie durch das silberne Horn, das sie beständig in der Hand hält, ein oder das andere Wörtchen erhaschen kann, von der sie umschwirrenden lebhaften Konversation.

– Was hat Alfred gesagt? rief sie, als sie sah, daß über etwas gelacht wurde; hat Alfred wieder einen Witz gemacht? – und dabei gelang es ihr, einen der Frackschoße des Barons zu erwischen, an dem sie ihn zu sich zog, während sie das Horn ans Ohr setzte.

Der gefangene Ritter schrie in das Gehörrohr: Ihr unterthänigster Diener, Madame!

– Ah, Sie sind in der That immer witzig, erwiderte die alte Dame und lachte so herzlich, als ob sie jetzt wisse, worüber die anderen gelacht. Also Sie kommen aus dem Kasino?

(Sie hatte verstanden, der Baron komme aus dem Kasino.)

– Ich nicht, aber Mitzislaw kommt von dort, erwiderte der in die Falle Geratene, und warf durch eine geschickte Diversion der immer fragenden und alles falsch verstehenden Dame einen jungen Mann, der dort herumstand, in die Fangarme, an dem nichts Merkwürdiges, als daß sein Schnurrbart nach abwärts gekrümmt ist, und daß man ihn ins Gesicht Mitzislaw ruft (offenbar hatten seine Taufpaten im ungarischen Kalender keinen passenden Namen für ihn finden können), während man hinter seinem Rücken mit den fünf ersten Buchstaben seines Vornamens sich begnügt. Sonst ist er ein guter Quadrilltänzer und tanzt mit jedermann, nur muß ihm gesagt werden, mit wem er tanzen soll; auch ein angenehmer Gesellschafter ist er, da er selbst wenig spricht und den andern sprechen läßt; auf den Landtagen fungiert er als Absentium Ablegatus.

Nachdem so der Baron sich geschickt mit diesem interessanten Individuum ausgewechselt hatte, kehrte er selbst zur Frau Rätin zurück, seine Hand leicht aus ihre Stuhllehne legend.

An ihren Augen war zu merken, daß sie irgend einen angenehmen Gegenstand mit ihren Blicken verfolgte. Zwei Mädchen wandelten im Saal auf und ab, die Arme umeinander geschlungen. Das eine Mädchen war Laura Ilvay, die Enkelin der alten Dame, eine hohe, stolze Gestalt, eine jener Schönheiten, die man nur mit Wehmut ansehen kann. Wer dieses eigentümliche gezirkelte Rot der Wangen, diese schwellenden Korallenlippen betrachtet, wer beim Tanz diese schlanke, beinahe bis zur Formlosigkeit zusammengeschnürte Taille umfaßt und in seinen Fingern das fieberhafte Pochen der Lungen hindurchfühlt, der muß von tiefem Mitleid ergriffen werden gegen ein Geschöpf, von dem er mit Gewißheit weiß, daß es sterben wird, bevor es das Leben noch genossen hat. Nach jedem, Ball tritt Blut auf ihre Lippen und während des langen Cotillons hören ihre Tänzer jenes gefährliche, trockene Hüsteln, das an den Sarg mahnt; wer denkt aber in solchen Augenblicken daran?

Das andere Mädchen ist noch kaum mehr als ein Kind, höchstens zwölf Jahre alt, aber hoch aufgeschossen und des raschen Wachstums wegen ungewöhnlich zart und schwächlich. Das längliche, blasse Gesicht trägt das unverkennbare Gepräge in sich verschlossener Gefühlsinnigkeit; auf den schmalen, schön geschnittenen Lippen schwebt der Ausdruck kindlicher Melancholie; die alabasterweiße Stirne, die feingeschweiften Augenbrauen vereinigen sich zu einem harmonisch schönen Ganzen.

Es ist das die Tochter der Excellenzfrau von ihrem zweiten Gemahl, dem Herrn Rat.

Zwischen Laura und Wilhelmine liegt ein Abstand von mindestens zwölf Jahren, dennoch halten sie zusammen und plaudern miteinander, als wären sie die vertrautesten Spielgenossinnen. Wilma will älter scheinen, als sie ist, sie meidet die Gesellschaft von Kindern ihres Alters und schließt sich immer an Erwachsene an; bei Laura tritt der umgekehrte Fall ein und so sind die beiden Mädchen die besten Freundinnen miteinander, wie man zu sagen pflegt.

Der Baron bemerkte im Gesichte der Frau Rätin jenen aufleuchtenden Strahl mütterlicher Zärtlichkeit, welcher beim Anblick ihrer Tochter die Kälte der marmornen Züge milderte; zur Mutter gewendet, sagte er mit dem Tone der Bewunderung: welches Ideal von einem Kinde! Dies Gesicht voll Ernst und Hoheit gleicht ganz der Hedwig von Anjou, deren Porträt ich im Krakauer Dome sah.

Die Mutter lächelte bei diesen schmeichelhaften Worten, auch der Herr Rat rieb sich erfreut die Hände, nur hätte er gern gewußt, wer denn eigentlich diese Hedwig von Anjou gewesen sein mag.

– Eine Heilige und eine Königin! sagte Berzy, als käme er der Frage Köcserepys zuvor und kniff sich sein Monocle ins Auge, um diese Schönheit von seltener Vollendung noch genauer bewundern zu können.

Es konnte der Aufmerksamkeit der beiden Mädchen nicht entgehen, daß man von ihnen spreche und auf sie blicke; bei solcher Gelegenheit ist es sehr passend, so zu thun, als glaube man gerufen zu sein und hin zu eilen und zu fragen, was die lieben Anverwandten befehlen. Die Rätin nahm wieder ihr ernstes Gesicht an, denn es wäre nicht gut, wenn die Tochter bemerkte, was die Mutter für sie empfindet; Frau von Ilvay richtete einige Falten und Schleifen an Lauras Anzug zurecht und der Baron, seinen Chapeaubas unter den Arm schiebend, schwebte mit der kleinen Sylphide weiter.

Mitzislaw hatte indessen sich ganz echauffiert, indem er, in das Schallrohr hineinbrüllend, mit schönem, rednerischen Feuer alles erzählte, was seit acht Tagen im Kasino vorgegangen, wobei er in der Regel seine eigene Meinung damit zu unterstützen suchte, daß er den ihm Nächststehenden als Zeugen anrief: »ist's nicht so?« als ob er selbst nicht ganz sicher wäre, ob auch alles wahr, was er gesagt, und nicht ungern die Hälfte davon sich abdisputieren ließe.

Sein ergötzliches Bestreben, der alten Dame sich verständlich zu machen, hatte nach und nach den größern Teil der Gesellschaft um ihn versammelt, was das Unbehagen des jungen Absentium Ablegatus nicht wenig steigerte.

A propos! rief eine neue Stimme dazwischen, à propos, heute soll ja in Pest irgend ein ungarisches Theater eröffnet werden, oder was?

Mitzislaw geriet bei dieser Frage in große Verlegenheit; er war zweifelhaft, ob es für ihn schicklich sei, hiervon unterrichtet zu sein oder nicht, und ob es nicht die am meisten Beifall findende Antwort darauf wäre, zu sagen, er wisse davon kein Wort.

Während er nach Luft und guten Rat schnappt, bleibt uns Zeit, den Frager genau zu betrachten.

Es ist dies Seine Wohlgeboren, Herr Gabriel Maßlaczky. Ich bitte sich nicht daran zu stoßen, daß er nur ein Spectabilis ist; trotzdem ist er einer der angesehensten Männer, ein berühmter Advokat, ein mächtiger Ränkeschmied, dem mehr als einer der Anwesenden viel zu verdanken hat; der Bevollmächtigte mehrerer Magnatenfamilien und überdies ein kühner, unternehmender Geist, der sich mit den Ellbogen in die Gesellschaft drängt.

Der ganze Mensch ist ein Miniaturfigürchen; Hand, Fuß, die ganze werte Person ist winzig, selbst die Stimme ist eine Kinderstimme, und wird nur scharf und kreischend, wenn er zu disputieren anfängt; dann steckt er die eine Hand unter den Frackschoß, während die andere lebhaft gestikuliert; das Blut steigt ihm ins Gesicht und er wird rot bis zum Ohrläppchen; bei großer Gemütsaufregung stellt er sich auf die Fußspitzen und pflegt überhaupt mit jedermann so zu reden, als hätte er einen Kriminalverbrecher vor sich.

– Wie? was? Sie haben nichts davon gehört? begann er das Verhör mit dem ins Gedränge geratenen jungen Mann, sich höher und immer höher aufrichtend. Das ist unmöglich. Kommen Sie nicht aus dem Kasino? Im Kasino aber werden über diesen Gegenstand schon seit mehreren Tagen lebhafte Debatten geführt. Wie man hört, soll Graf Rudolph Szentirmay dort gesagt haben, daß kein ungarischer Magnat, der einen Tropfen Selbstgefühl habe, bei der Eröffnung fehlen dürfe. Was wandelt diesen Szentirmay an? Was versteht er unter Selbstgefühl? Was hat das Selbstgefühl mit Theatergesindel zu schaffen? Ich erleb' es noch, daß sie auch das noch zu einem patriotischen Akt stempeln.

Der Herr Rat, als ein Mann, der auf strengen Anstand hält, empfand es übel, daß der Dominus Spectabilis in dieser feinen Gesellschaft so lärmte und er sagte ihm daher lächelnd: und ich möchte mich doch zu wetten getrauen, daß Szentirmay diesen Abend unter uns zubringen wird.

Maßlaczky, die Pointe dieser Äußerung mißverstehend, glaubte, es sei damit beabsichtigt, ihn einzuschüchtern und fing nur um so lauter zu schreien an.

– Desto besser. Ich scheue mich nicht, ihm ins Gesicht zu sagen, daß er, als er von Selbstgefühl sprach, seine Gedanken nicht beisammen hatte.

– Herr Fiskal, bemerkte Baron Berzy, den die lebhafte Konversation herbeigelockt hatte, über Szentirmay ist es nicht geraten, laut zu räsonnieren.

Der Spectabilis, die Hand ins Gilet streckend, antwortete mit großem Pathos: Herr Baron, ich fürchte mich vor niemand und was ich sage, dabei bleibe ich. Graf Szentirmay schießt und schlägt gut: ich aber weiß, daß die Gesetze und ihre Vollstrecker, die Dikasterien, dazu da sind, friedliche Bürger zu beschützen und mich schreckt man mit Waffendrohungen nicht.

Dann, als besänne er sich, daß ähnliche Repliken nicht nach dem Geschmack von Damen, fuhr er, gegen sie gewendet, fort: wo, wie hier, eine so schöne, glänzende Gesellschaft versammelt ist, in der Geistesanmut und Schönheit uns fesseln, kann da einem Manne von Bildung die Wahl schwer fallen zwischen der Einladung des gnädigen Herrn Rates und Ihrer Exzellenz seiner Frau Gemahlin zu einem so genußreichen Feste, und der des Grafen Szentirmay zu einer so faden Unterhaltung?

Dies sollte ein Kompliment für die Gesellschaft sein, das indes eine so große Verantwortung auf Herrn Köcserepys Schultern wälzte, daß dieser sich beeilte, dieselbe von sich abzulehnen.

– O bitte, auch ich bin ein Freund jeder nationalen Bestrebung und obwohl ich es für zweckmäßiger hielte, die Nationalwohlfahrt zuerst im materiellen Fortschritte zu suchen, so möchte ich deshalb doch um die Welt nicht einer abweichenden Ansicht entgegentreten, und wenn ich hatte wissen können, daß diese Feier mit unserer kleinen Unterhaltung kollidieren werde, hätte ich sie lieber auf einen anderen Tag verschoben.

– O, deshalb machen sich Euer Gnaden keine Vorwürfe, beeilte sich der Fiskal, ihm in die Rede zu fallen; ich kann versichern, daß, wenn ich auch nur die Wahl hätte zwischen Federnschleißen und Hingehen, ich doch nicht hingehen würde.

Der Herr Rat beteuerte neuerdings, daß er jedes andere patriotische Unternehmen zu unterstützen bereit sei, nur fange man die Sache nicht beim rechten Ende an.

Derselbe Herr pflegte hinwiederum, wenn er um die Teilnahme an Unternehmungen zur Förderung materieller Interessen angegangen wurde, zu antworten, daß er allerdings ein großer Freund jedes vaterländischen Fortschrittes sei, daß man jedoch zuerst auf dem geistigen Gebiete beginnen sollte.

Die Ankunft neuer Gäste lenkte jetzt plötzlich die Aufmerksamkeit anderswohin; draußen war Wagengerassel und Peitschenknallen vernehmbar; der Herr Obergespan Tarnaváry, der schon seit länger als zwanzig Jahren jeden Sommer mit seiner Familie im Ofener Kaiserbad zubringt und kein anderes Bad besucht, kam in vierspänniger Karosse auf die Terasse angefahren.

Im Fond des Wagens saß der Herr Obergespan, ihm gegenüber der Jurat, denn obwohl sie die einzigen Personen im Wagen waren, hätte es doch gegen den Anstand verstoßen, wenn der Jurat neben seinem Chef Platz genommen hätte.

Wie der Wagen stehen blieb, sprang der Jurat von seinem Sitze herab, und half seinem Prinzipal zum Wagen heraus.

Der Herr Obergespan war ein kleiner untersetzter Mann mit ungewöhnlich kurzem Hals und breiten Schultern, sein fettes fleischiges Gesicht war gebräunt und blatternarbig, wie Kordovanleder; zwei feurige, schwarze, wilde Augen, ganz von tatarischem Typus, blitzten daraus hervor: sein kurzer Schnurrbart spaltet sich, aller Wachspomade zum Trotz, auf beiden Seiten in drei bis vier Spitzen und alle Friseurkünste sind nicht imstande, sein borstiges Haar dahin zu bringen, daß es nicht emporstehe, wie eine Helmblende. Wenn er einhergeht, trägt er den Kopf hoch und tritt auf, als wolle er der Erde sein Gewicht fühlen lassen; seine Stimme hört sich an, wie die eines Menschen, der von vielem Zanken heiser geworden. Sie ist scharf und rauh; er kümmert sich nicht viel um die Leute, sondern pflegt jedermann sehr kurz abzufertigen und wählt die Worte nicht; seine Handschrift gleicht ägyptischen Hieroglyphen und kann nur von solchen entziffert werden, die schon Übung darin besitzen; er räsonniert ganz richtig, daß es sich weit besser für andere Leute schicke, seine Schrift lesen zu lernen, als für ihn, besser schreiben zu lernen; auf feine Garderobe verwendet er sehr wenig Sorgfalt; auch jetzt ist er zu der glänzenden Unterhaltung in einem grauen Sommerüberwurf erschienen; er fürwahr wird bei solcher Hitze sich niemand zuliebe in Staat werfen!

Der Jurat jedoch hatte seine Beine in enge Stiefelhosen und Topanken zwängen und einen Attila anziehen müssen, und folgte so, mit umgeschnalltem Säbel, in einer Entfernung von zwei Schritten seinem Prinzipal bis ins Vorzimmer.

Audiat! rief ihn hier, den kurzen Hals nach rückwärts drehend, der Prinzipal zu; audiat! Sie bleiben hier im Vorzimmer und warten, bis ich rufe.

Der junge Rechtspraktikant verneigte sich und blieb, während der Säbel klirrend an den Boden stieß, dort, wo es ihm geheißen worden, zwischen der buntscheckigen Dienerschaft stehen, welche kichernd und schäkernd hinter seinem Rücken die Köpfe zusammensteckte und sich nicht viel Mühe gab, ihre Bemerkungen leise zu machen.

– Was für einen spaßigen Heiducken der Herr Obergespan hat, bemerkte Baron Berzys kleiner Groom, der seine beiden Hände in den Westentaschen vergraben hatte.

– Das ist kein Heiduck, sondern ein Jurat, belehrte ihn ein alter herrschaftlicher Husar.

– Was ist das, ein Jurat? erkundigte sich ein langbeiniger Büchsenspanner, den irgend ein ungarischer Lord sich als Muster verschrieben hatte.

– Der Oberpfeifenträger des gnädigen Herrn, antwortete ein mutwilliger Kammerdiener, der in den Herrschaftskreisen für einen hübschen Jungen galt.

Diesmal ging es nicht ohne lautes Gelächter ab.

Der arme Jurat errötete und schwieg still. Er stellte sich bald auf den rechten, bald auf den linken Fuß und strich sich mit philosophischer Ruhe den kleinen Schnurrbart, der auf seiner Oberlippe zu sprossen begann.

Der Herr Obergespan aber eilte auf die Saalthüre zu, wo der Herr Rat schon bereit stand, ihn zu empfangen und sich so tief verneigte, daß er um einen halben Kopf kleiner erschien, als der Herr Obergespan, während er ihm die Hand schüttelte; dann aber, als er ihn in den Saal führte, schnellte er den Kopf noch einmal so hoch empor, als wollte er den Anwesenden zurufen: Seht her, auch der ist mein Gast!

Es sei hier bemerkt, daß nicht alle Menschen die Befriedigung ihrer Eitelkeit in der Toilette suchen; während der eine Diamanten und kostbare Knöpfe sich auf den Leib hängt, putzt sich ein anderer mit glänzenden Gästen heraus, und diese Bereinigung auserlesener Herren und Damen dient nur demselben Zweck, wie ein seltener Rhododendronflor, oder eine Sammlung von Spieluhren und anderem Kram.

Der Herr Obergespan ist nicht gewohnt, in welcher Gesellschaft immer, viel Umstände zu machen, was er auch hier beweist, indem er niemand seinen Gruß erwidert. Von dem Hausherrn zur gnädigen Frau geführt, verneigt er sich ein wenig, soweit er es imstande ist, und murmelt etwas in den Bart, was einem »ergebensten Diener« gleicht. Der Herr Rat tritt zurück, um freien Raum zu lassen zur Konversation zwischen seiner Frau und dem Obergespan, welcher dieser mit den Worten eröffnet: es ist verdammt heiß, gnädige Frau.

Und mit diesen Worten zieht er sein Schnupftuch aus dem Gehrock und wischt sich damit den Schweiß von den borstigen Stirnhaaren. Daß die Rocktasche, die er mit dem Schnupftuch herausgezogen, draußen hängen bleibt, kümmert ihn wenig.

Mitzislaw und der Baron eilen herbei, um ihn zu begrüßen. Mitzislaw ist einfältig genug, gleich nach den ersten Worten den Obergespan zu fragen, ob nicht auch die gnädige Frau die Gesellschaft mit ihrer Gegenwart beglücken werde, worauf Tarnaváry ihn mit solchen Blicken durchbohrt, daß der junge Dandy ganz blaß wird.

– Wie kannst du auch so dumm fragen, Mitzi! flüstert ihm der Baron ins Ohr. Der Obergespan steht zu Hause unter dem Pantoffel und nichts geniert ihn so sehr, als wenn man sich nach seiner Frau erkundigt, die nach eigenem Kopf ihre Wege geht.

Der Obergespan schien eine Weile darüber nachzudenken, wie er auf diese kompromittierende Frage mit gebührendem Ingrimm zu replizieren habe; dann brach er los: auf meine Frau machen Sie sich keine Rechnung, die hat andere Dinge zu thun. Heute muß sie schlechterdings in das neu eröffnete Komödienhaus. Meinetwegen, ich gehe ihr nicht nach. Ich war noch in meinem Leben in keiner Komödie und werde auch niemals in eine Komödie gehen – niemals! Und als schiene ihm eine zweimalige Beteuerung nicht genügend, rief er noch ein drittes Mal aus: niemals! und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch, daß er krachte.

Die Stimme des anmeldenden Kammerdieners klang dazwischen: Seine Hochgeboren der Herr Graf Rudolph Szentirmay mit Familie!

Bei dieser Anmeldung machte sich eine lebhafte Bewegung in der Gesellschaft bemerkbar; viele schienen überrascht: Szentirmay gehörte nicht zu denjenigen, welche die Mitglieder dieses Zirkels ihre guten Freunde nennen; wie kommt es, daß auch er am Tage der sich vorbereitenden großen Feier von Pest herüber kommt, und zwar mit seiner ganzen Familie, mit Frau und Tochter; ja, reitet nicht selbst sein Mündel, der junge Zoltán Karpáthi, neben dem Wagen? Niemand kann es begreifen. Daran, daß es ja erst fünf Uhr nachmittags ist und daß man um sieben Uhr wieder in Pest sein kann, fällt es niemand ein zu denken; eine solche Absicht läßt sich nicht voraussetzen. Wozu auch wäre er dann erst herübergekommen, und warum dann die Einladung überhaupt annehmen? Unbegreiflich bleibt es nun aber doch, wie er von etwas wegbleiben kann, wozu er selbst andere so leidenschaftlich angeeifert und zusammengetrommelt.

Köcserepy sah in der Ankunft der Szentirmays nichts als einen errungenen Triumph und eilte ihnen entgegen, sie zu empfangen.

Jedermann, wenn er es auch nicht zeigte, sah dem ankommenden Grafen mit Interesse entgegen und war neugierig, einen der Leiter der Reichstagsopposition und den mächtigen Beförderer nationaler Unternehmungen an einem Orte zu erblicken, wo er wenig Wahrscheinlichkeit hatte, Parteigenossen zu finden.

Der eintretende Graf, ein Mann in reifem Alter, war eine hohe Gestalt; seine Gesichtszüge, trotz des ruhigen Ernstes, der auf ihnen lag, hatten etwas Vertrauenerweckendes; mitten auf der hohen Stirne hatte tiefes Nachdenken eine senkrechte Furche gezogen, welche die Muskeln über den Augenbrauen starker hervortreten ließ, was Männern so gut läßt; sein Vollbart, wie er zu jener Zeit noch wenig getragen wurde, machte ihn zu einer etwas fremdartigen Erscheinung in dieser glattrasierten Gesellschaft, und man erblickte auch hierin ein Zeichen von Opposition.

Seine Gemahlin, Gräfin Flora, mochte jetzt im dreißigsten Jahre stehen; ihr schönes, edles Gesicht zeigte nur darin eine Veränderung, daß sich demselben durch die Gefühle der Mutter ein neuer charakteristischer Zug eingeprägt hatte. Sonst war sie noch immer dasselbe heitere, gemütliche Wesen, als das die Freunde ihrer Jugend sie kannten, und die Grübchen der Wangen und des schön geformten Kinnes hätten es ihr auch schwer gemacht, ernst zu erscheinen.

Ihre Tochter, die zehnjährige Kathinka, ist ihr sehr ähnlich, und diejenigen, welche die Mutter als junges Mädchen gesehen, finden viele ihrer Züge in der Tochter wieder: diese kindliche Sanftmut, denselben reinen unschuldigen Blick der Augen, diese anmutigen, feingeschnittenen Lippen, Das Mädchen hatte nur ein Perkailkleid an, denn in den Familien unserer höheren Stande, mögen sie noch so reich sein, ist es löbliche Sitte, die Töchter vor ihrer Verheiratung nicht in Seide gehen zu lassen.

Aus dem Umstande, daß die Gräfin die Gouvernante ihrer Tochter nicht mitgebracht, können wir überdies entnehmen, wie wenig sie daran denkt, vor der Welt eine affektierte Strenge zur Schau zu tragen, und daß sie die mütterlichen Sorgen nicht ausschließlich anderen überläßt.

Das vierte Familienmitglied ist unser Zoltán Karpáthi.

Er verdient es in der That, daß wir neugierig sind, ihn uns näher zu betrachten.

Knaben sind in der Regel am wenigsten schön und am unbeholfensten in den sogenannten Flegeljahren, wo sie die kindliche Naivetät schon verloren und die Ritterlichkeit des Jünglingsalters noch nicht erlangt haben.

Der junge Karpáthi macht eine Ausnahme von dieser Regel.

Seine ganze Körperbildung ist von überraschender Schönheit; in seinen Formen zeigt sich jugendliche Kraft und Elasticität; jede seiner Bewegungen ist gewandt, kühn und voll Anstand; seine Gesichtsfarbe ist die lieblichste Mischung sonnengebräunten männlichen Teints und des frischen Rots der Kindheit; aus seinen Zügen spricht Adel und Verstand, der Schnitt seiner Lippen ist fein, beinahe von weiblicher Zartheit, aber die großen leuchtenden Sterne der Augen verraten einen männlichen Geist.

– Ein schöner Knabe! ein prächtiger Junge! ging es von Mund zu Mund, als man ihn erblickte – das kann unmöglich ... das übrige flüsterte man sich nur ins Ohr. Eines fällt insbesondere jedermann an ihm auf: wie sehr er nämlich in seinen Bewegungen, in dem Ausdrucke seiner Gesichtszüge, in der Art, wie er den Kopf hält, an seinen Vormund erinnert. Und wiederum giebt es ein heimliches Geflüster. Und doch ist dies die einfachste und natürlichste Sache von der Welt. Das kindliche Gemüt schmiegt sich wie weiches Wachs in die Formen seines Ideals, und ich entsinne mich, daß, als es sich traf, daß einer unserer Lieblingslehrer die Gewohnheit hatte, durch die Nase zu sprechen, was ihm ganz gut ließ, ein großer Teil der Schüler sich das Näseln angewöhnte; ja ein aufmerksamer Beobachter wird imstande sein, schon aus den Manieren der Schüler in den Mittelklassen zu erraten, welches Gymnasium sie besuchen, so sehr tragen sie die guten und schlechten Manieren ihrer Pädagogen an sich; um wieviel natürlicher ist ein solches Hineinwachsen in fremde Eigentümlichkeit dort, wo der Knabe ein Vorbild, wie den Grafen Szentirmay, vor Augen hat, der nicht bloß ihm, sondern einem ganzen Lande als Ideal vorschwebt, und den er so liebt, bewundert und verehrt, daß er schon als sechsjähriges Kind die Reden, welche der Graf in den Komitatskongregationen hielt, auswendig lernte und zu Hause den Kindern Rudolphs vordeklamierte.

Die Bewillkommnungs- und Vorstellungsceremonie ist mit den gewöhnlichen Redensarten beendet; Flora nimmt neben der Rätin Platz; der Baron, der Obergespan und der Hausherr nahmen Rudolph in ihre Mitte; Kathinka findet schnell eine Freundin an Wilma, die schon lange im Saal einsam herumwandelt, nachdem sie ihre plötzlich verschwundene Begleiterin nicht finden kann, Zoltán endlich wird von der schwerhörigen Dame in Beschlag genommen.

– O das liebe Kind! Wenn ich unter meinen Enkeln nur einen hätte, der so schön, so stattlich! ruft die ausrichtige alte Dame, indem sie Zoltáns dunkle Haare, die in natürlichen Locken um seine weißen Schlafen wallen, sanft streichelt. – Was giebt es neues in Szentirma, in Karpátfalva? Ich höre, Sie kommen von einer weiten Reise, von London und Paris. Sie hatten schlechtes Reisewetter, nicht wahr? Auch einen Sturm auf der See? Man sagt mir, Sie seien ein gar wackerer Junge.

Zoltán rechtfertigt dies Lob, indem er der guten alten Dame auf jede Frage Rede und Antwort steht und den Seesturm ihr mit so lebhafter Mimik schildert, daß sie trotz ihrer Taubheit seiner Erzählung folgt und diesem Knaben gern bis in die Nacht zuhören würde, der so ernst, so verständig, so respektvoll mit ihr spricht, ohne hinter ihrem Rücken, oder wohl gar ihr ins Gesicht zu lachen, wie die anderen; sie würde ihm so aus die sprechenden Lippen, in die leuchtenden Augen sehen und nur manchmal dazwischen seufzen: warum sind meine Enkel nicht wie er?

– Eh Zoltán, Zoltán! laß doch nun die Alte und komm zu den Fräuleins! rief eine unreife Kapaunenstimme hinter ihm und einer der Enkel der Matrone, Emanuel Czirányi, drängte sich an Zoltán heran. Er war um einige Jahre älter als dieser und schon ein vollständiger kleiner Dandy, nur schmächtiger als die übrigen; es scheint, er hat eine Schar Windbeutel sich zum Muster genommen und gefällt sich außerordentlich in den Abgeschmacktheiten, die er ihnen abgelernt.

Zoltán winkt ihm mit ernster Miene zu, er möchte ihn sein Gespräch mit der alten Dame doch beenden lassen.

– Ei, was sprichst du mit der, die versteht dich ja ohnehin nicht! schrie der junge Fadian, der sich nicht die Mühe nahm, leise zu sprechen, vielmehr erwartete, man werde seine Worte witzig finden, und als seine Großmutter Zoltáns Hand ergriff, trat er plump hinzu und riß sie aus den Händen der greisen Matrone.

– Aber Großmama, halte doch Zoltán nicht auf, suche dir zum Gesellschafter einen alten Herrn, wie er für dich paßt.

Zoltán küßte der Matrone die Hand und entfernte sich, von Emanuel gezogen.

– Emanuel, das Alter muß man ehren, sagte der verständige Knabe zu seinem Kameraden, der darüber ein lautes Gelächter aufschlug; er hielt auch das für einen Witz.

Unser Freund Emanuel ist ein vollständiger Kavalier. Er zählt zwar erst fünfzehn Jahre, kann sich aber rühmen, schon ein ausgebildeter Dandy zu sein. Dies versäumt er auch nicht zu thun und wenn er mit ein, zwei Knaben in seinem Alter zusammentrifft, hält er ihnen Vorlesungen, unter welcher Vignette der beste Champagner zu haben ist, wann und wo er mit hübschen Nähtermädchen zusammenzutreffen pflegt, wie viele Eroberungen er in Tanzproben und Kinderkonzerten gemacht und welche selbständige Sprache er seinen Eltern gegenüber zu führen gewohnt ist.

Der kleine Kavalier zog Zoltán, der sich in seinen Arm eingehängt hatte, mit vornehmer Impertinenz mit sich fort, bald hier, bald dort einem ernsthaften Patrioten auf die Hühneraugen tretend, und beeilte sich, ihn den Abgöttinnen der jungen Gesellschaft, Wilma und Kathinka, vorzustellen, welche nach Art junger Mädchen schnell miteinander Bekanntschaft geschlossen hatten.

Zoltán errötete, als er sich vor dem Mädchen, das er hier zum erstenmale sah, verbeugte. O, dies Erröten, glaubt mir, ist bei der Jugend die schönste Farbe der Unschuld. Wilma empfing mit stolzem Kopfnicken den Knaben und maß ihn mit ihren großen klugen Augen von oben bis unten. Es schien Zoltán in nicht geringe Verlegenheit zu versetzen, daß, so oft er nach Wilma sah, seine Blicke den ihrigen begegneten; er suchte dann immer gleichsam als Ruheplatz das Antlitz Kathinkas aus, die lustig schäkernd und lachend mit Emanuel plauderte und kindischen Unsinn trieb, wie es ihrem Alter anstand.

Zoltán wußte kaum worüber zu reden mit dem Mädchen, das er hätte unterhalten sollen, während Emanuel kaum Hände und Füße genug hatte, um seine Worte zu accompagnieren.

– Gehn wir hinaus ins Freie! rief Kathinka, graziös aufhüpfend und ihre Gespielin umfassend, die sie mit sich fortzog. Ich bleibe nicht gern im Zimmer, wenn es draußen so schön ist.

– Emanuel bemühte sich um die Sonnenschirme der Fräuleins und nahm Zoltán mit sich.

– Du bist viel zu schüchtern, belehrte er seinen jungen Kameraden. Bei Mädchen richtet man nichts aus mit Bescheidenheit. Die Mädchen sind alle aus einen Schlag, sie verstellen sich nur. Gieb acht, wie ich in einer Stunde beiden Mädchen den Kopf verdreht haben werde.

Diese Rede mißfiel Zoltán höchlich, ja er fing an, eine offene Herausforderung darin zu erblicken. Er hatte ganz andere Begriffe von dem weiblichen Geschlecht im allgemeinen und von seiner »Kleinen« – wie er sie zu nennen pflegte – insbesondere; auch seine Gedanken und Träume beschäftigten sich mit diesem holden Kind, das mit ihm aufwuchs, das er gehen gelehrt, für das er schon als kleiner Junge die liebsten Leckerbissen, sein schönstes Spielzeug ausbewahrte, dem zuliebe er seinen Lieblingsvergnügungen entsagte, in dessen Launen er sich zu schicken gelernt und mit dem Arm in Arm eingehängt auf den Gassen Pests spazieren zu gehen ihm eine so angenehme Empfindung war: aber diese Gedanken waren ihm etwas Heiliges. Er wußte, daß das Glück, von dem er träumte, noch in weiter Ferne lag, daß er bis dahin noch viel arbeiten, lernen und ringen müsse; daß ein solches Glück erst verdient sein will, und daß man es zu schützen wissen müsse und darum war ihm bei den übermütigen Prahlereien Emanuels zu Mute, wie wenn jemand mit den Nägeln an einer Fensterscheibe kratzt.

Kathinka war ein Kind von heiterem Temperament, sie lachte gern und Emanuels Possen machten ihr viel Spaß; im Garten fiel ihr ein, vorauszulaufen, um einen Schmetterling zu haschen, und sie lachte herzlich, als Emanuel, der den Schmetterling fangen wollte, an eine Pfirsichtrillage anrannte und sich am Knie einen grünen Fleck in die weißen Pantalons machte. Geschieht ihm recht, dachte Zoltán bei sich, der neben Wilma einherwandelte und mit eifersüchtigen Blicken Kathinka und den jungen Windbeutel verfolgte.

Emanuel machte seinen Unfall damit gut, daß er eine Theerose abbrach und sie Kathinka überreichte; Kathinka nahm die Blume und steckte sie gedankenlos sich ins Haar, Zoltán ward übel dabei zu Mut und er vermochte seinen Verdruß kaum zu verbergen.

Kathinka, die eine Schaukel erblickt hatte, lief mit ausgelassener Freude auf diese zu, sprang hinein und rief Wilma zu, sie möchte sich doch zu ihr setzen. Wilma hatte indessen bemerkt – denn ihrer scharfen Beobachtung entging nichts – daß Zoltáns Augen sich nicht von der Rose abwendeten, die Kathinka in ihre Haarlocken gesteckt hatte; sie brach von demselben Zweige eine Rose ab und reichte sie dem Knaben.

Diese Rosen gefallen Ihnen wohl sehr? Wir haben deren noch mehrere.

Zoltán steckte die Blume ins Knopfloch und wurde noch einmal so übellaunig, als er sah, daß Kathinka auch das nicht zu bemerken schien.

Die beiden Mädchen konnten jedoch die Schaukel nicht in Bewegung bringen, Emanuel, als dienstfertiger Kavalier, sprang herbei, ihnen zu helfen und ergriff den Strick der Schaukel, womit er nur erreichte, daß seine schönen schwedischen Handschuhe entzweiplatzten, die Schaukel rührte sich nicht, sie war zu schwer für ihn.

Aber Zoltán! rief Kathinka ungeduldig dem Knaben zu, der mit verkreuzten Armen den nutzlosen Bemühungen zusah und eine Anwandlung von Schadenfreude nicht unterdrücken konnte; was stehst du da müßig und hilfst uns nicht aus der Not. Dann sagte sie gleichsam besänftigend: Lieber Zoltán, sei so gut und schaukele uns.

Lächelnd trat nun das Bürschchen heran, ergriff mit seinen nervigen Händen die Gondel und gab ihr einen Schwung, daß sie hoch in die Luft flog. Die beiden Mädchen kreischten auf, als fürchteten sie sich, ermunterten aber dann Zoltán selbst, noch höher zu hutschen. Diesmal war der Sieg sein.

Als sie des Hutschens endlich genug hatten, ergriff er die Lehne der Gondel und brachte diese im Augenblick zum Stehen; dann reichte er den Mädchen die Hand dar, um ihnen herauszuhelfen. Es entging der Aufmerksamkeit Wilmas nicht, wie zutraulich Kathinka sich auf Zoltáns Schultern stützte und sich von ihm um die schlanke Taille fassen ließ, als er sie herabhob. Schnell sprang sie auf der anderen Seite zur Erde, ehe noch die beiden kleinen Courmacher ihr behilflich sein konnten. Emanuel mußte dafür das Bad ausgießen, gegen ihn richtete sie ihre spöttischen Vorwürfe, daß er nicht zur Hand war, als man seiner bedurfte.

Damit liefen die beiden Mädchen voraus. Emanuel fing an, mißvergnügt sich damit zu unterhalten, die Herbstrosen mit seiner Reitgerte herabzuschlagen, indem er in blasierter Stimmung vor sich hin pfiff.

– Nein, wie fad eine Unterhaltung ist, wo nicht getanzt wird; wenn man uns nur schon zum Goûter riefe. Parbleu, gehen wir nicht dorthin, wo die Frauen sind, da kann man nicht einmal nach Belieben Champagner trinken.

Die beiden Mädchen aber, als sie schon so weit waren, daß die Knaben sie nicht mehr hören konnten, fingen an, vertraulich miteinander zu sprechen.

– Du, Kathinka, fragte Wilma, ist dieser Karpáthi mit dir verwandt?

– Das eben nicht, sagte Kathinka lächelnd.

– Also ist er dein Liebster?

– Oh, du Närrchen! rief Kathinka, bis über die Ohren errötend; ja, er ist mein Verwandter ...

Sehend, daß Zoltán ihnen nachgeeilt kam, verschwanden sie plötzlich in der Veranda.

Als Zoltán in das Vorzimmer trat, sah er die beiden Mädchen schon nicht mehr, und als er nach ihnen umherschaute, erblickte er vor sich den Juraten Tarnavárys.

Der arme junge Mann in seinem engen Attila war schon ganz abgesotten von der afrikanischen Hitze und den Stichelreden der Dienerschaft, und wußte nicht, wohin er seine Augen wenden sollte, um nur niemand ins Gesicht sehen zu müssen.

Zoltán trat erfreut auf ihn zu und ergriff seine Hand.

– Kovács! auch Sie hier? Nicht wahr, Sie kennen mich nicht? Ich bin Zoltán Karpáthi. Erinnern Sie sich meiner nicht mehr?

Der arme junge Mann war ganz überrascht von dieser Anrede, und wußte kaum, wie sich zu benehmen.

– Erinnern Sie sich nicht, als Sie in Szentirma während der Feiertage waren, was für schöne Lieder und Verse Sie mich lehrten?

– O ja, ja! sagte der Jüngling, aber das ist schon so lange her.

– Und sehen Sie, ich habe Sie gleich wieder erkannt, und doch sind Sie jetzt in einem ganz andern Anzug, als damals; o, wie würde ich mich freuen, wenn ich auch schon Jurat wäre. Sie sind ja doch königlicher Tabularnotar?

– Ja, an der Seite des Herrn Obergespans Tarnávary.

– Nun, dann wundert's mich nicht, daß man Sie draußen im Vorzimmer läßt; erzählt man sich doch, daß der Herr Obergespan selbst mit den Söhnen von Vicegespanen, die man ihm zuteilte, so umgeht, wie mit seiner Dienerschaft.

(Man ist vielleicht verwundert, Zoltán plötzlich so geschwätzig werden zu sehen. Er will aber seinem jungen Bekannten einige Genugthuung verschaffen, dafür, daß die einseitige Borniertheit seines Chefs ihn dem Gespötte von Bedienten und Kutschern ausgesetzt, ein Bestreben, das seinem Herzen nur zur Ehre gereicht.)

– Sie müssen uns oft besuchen, fuhr Zoltán fort; mein Vormund ist Ihnen sehr gut, wir haben oft von Ihnen gesprochen. Aber auch indessen kommen Sie, lassen Sie uns eins plaudern, ich habe Ihnen immer so gerne zugehört

Das rohe Gelächter des Lakaienschwarmes verstummte gänzlich bei der Wahrnehmung, daß das reiche, vornehme Herrchen es nicht unter seiner Würde fand, den Juraten freundschaftlich zu behandeln, ihn am Arm zu nehmen und erfreut zu sein, ihn zu sehen; es war dies um so auffallender, da in den höheren Ständen der Geburtsstolz bei Kindern noch weit stärker hervortritt, als bei den Erwachsenen, und sie noch viel weniger gewohnt sind, ärmere Leute ihrer Bekanntschaft vor der Welt zu beachten.

Zoltán freute sich wirklich über das unverhoffte Wiedersehen mit dem jungen Manne, dessen ernstes, kluges Gesicht er schon vor Jahren so liebgewonnen, und dies Händedrücken, dies Lächeln, die Wärme, mit der er sprach, hatte nichts Berechnetes, war keine affektierte, nach Popularität haschende Herablassung – es war die aufrichtige Freudenäußerung eines Kinderherzens, das noch keinen Unterschied macht zwischen hoch und niedrig, sondern nur zwischen dem, was ihm lieb oder nicht. Und dennoch war er sich in diesem Augenblicke zugleich bewußt, dem armen jungen Mann, der seit Stunden auf einer schlimmeren Folterbank stand, als wenn er festgebunden über einem Ameisenhaufen läge, der mit seinem Geist, seiner Bildung viele von denen beschämen könnte, welche drin im Salon die Zeit totschlagen, während er nun selbst zu erröten genötigt ist vor dem Lakaienvolk, mit dem man ihn in eine Reihe gestellt hat, damit eine angenehme Empfindung zu bereiten.

Es wird dies vielen allerdings als etwas Geringfügiges erscheinen, kaum der Mühe wert, davon zu sprechen; wenn wir jedoch unsere älteren Leute befragen, welche eine ähnliche Laufbahn durchgemacht, so wird jeder von ihnen sich an ähnliche kleine Erniedrigungen erinnern, über die er jetzt selber lacht; allein, daß er sich ihrer jetzt noch erinnert, zeigt, daß sie in seinem Gemüt tiefe Wurzeln schlagen mußten, und jede tiefe Wurzel gräbt sich als Bett eine tiefe Wunde.

Zoltán sah sich unter den Bedienten um und suchte sich das impertinenteste Gesicht unter ihnen heraus: – es war der unter dem Beinamen »der Schöne« bekannte Lakai.

– Jantsi, oder Peter, oder wie du heißt, trage geschwind zwei Stühle für uns auf die Veranda.

Der Angerufene hieß nun zwar weder Jantsi, noch Peter, sondern Adolph; er schien auch einige Augenblicke zweifelhaft, ob er thun solle, was ihm geheißen war, er war aber nicht sicher, ob dem jungen Herrchen nicht jene rasche Hand eigen sei, deren Schimpf hinterher keine Protektion abzuwaschen imstande wäre, und fand es daher rätlicher, trotzig zu gehorchen.

Hätte Zoltán seinen Bekannten von früher im eigenen Hause getroffen, so würde er zuversichtlich, ohne sich im geringsten zu bedenken, ihn am Arm genommen und in den Salon geführt haben; hier aber war er selbst nur Gast; an diesem Orte wäre eine derartige Äußerung der Gutmütigkeit als Impertinenz erschienen und würde seinen Schützling tausend Verlegenheiten aussetzt haben. »Gehen wir in den Garten – sagte er daher – dort können wir ungestört plaudern, ohnehin brennt hier die Sonne sehr stark auf der Veranda.«

In diesem Moment kam eben Adolph mit den Stühlen.

– Ich danke, du kannst sie wieder zurücktragen! sagte Zoltán, aus seiner Westentasche ein Douceur ziehend und es dem Bedienten in die Hand drückend, und damit entfernte er sich, eingehängt in den Arm des Juraten.

Später, wenn wir das Glück haben werden, mit dem trefflichen Adolph uns näher bekannt zu machen, wird es uns auch klar werden, warum Zoltán ihn in so wegwerfender Weise behandelte, er, der sonst gegen seine Untergebenen die Güte, Nachsicht und Leutseligkeit selbst war. Über diesen Livree-Adonis kursierten in den hochgestellten Kreisen gar mancherlei und gar seltsame Gerüchte, welche bewirkten, daß des Knaben reine Seele einen natürlichen Widerwillen gegen diesen Menschen faßte und er gern eine Gelegenheit ergriff, ihn zu demütigen.

Die beiden jungen Leute streiften in den Irrgängen des Parkes umher. Zoltán hatte eine Menge von Fragen zu stellen, deren Beantwortung dem jungen Rechtspraktikanten nicht schwer fallen konnte.

– Sind Sie schon lange in Pest?

– Es wird bald ein Jahr.

– Und haben uns noch immer nicht besucht, und wir sind doch oft in Pest.

– Dafür muß ich um Nachsicht bitten. In den Gerichtsferien verreisen wir gewöhnlich; in der übrigen Zeit aber bin ich sehr gebunden.

– Der Obergespan ladet seinen Rechtspraktikanten sehr viel Arbeit auf.

– Wer in seinen Juratenjahren das Leben genießen will, der freilich darf nicht zu ihm gehen; wer aber diese Zeit als eine ernste Vorbereitung für die Advokatenlaufbahn betrachtet, für den ist es von unschätzbarem Werte, an seiner Seite beschäftigt zu sein; man kann nirgends eine bessere Praxis erlangen, als bei ihm.

– Er mutet aber auch seinen Praktikanten erniedrigende Beschäftigungen zu. Oft hörte ich bei Tisch Anekdoten darüber erzählen, wie er mit seinen Juraten umgeht, und fühlte damals schon inniges Mitleid mit jenen jungen Leuten, ehe ich noch wußte, daß auch Sie unter ihnen sich befinden. Vielleicht ist aber auch nicht alles wahr, was man sich darüber erzählt?

– O, wahr ist es – entgegnete Kovács leichten Mutes; – ist der Heiduck eben nicht zur Hand, so läßt er seine Csizmen von uns putzen; um uns Bewegung zu machen, laßt er uns Holz spalten und einheizen; nachts, wenn großer Kot ist, läßt er uns vom Wagen absteigen und den Pferden mit der Laterne vorausgehen; das alles aber unterhält uns weit mehr, als daß wir uns darüber ärgern würden, und ist für die Zukunft von guter Wirkung; die Jugend übernimmt sich so leicht heutzutage, der gnädige Herr aber weiß uns jede Stunde daran zu erinnern, daß wir noch nichts sind. Wenn man nun so das Gefühl seiner Nichtigkeit hat, da ergreift einen so recht das Verlangen etwas zu werden. O, ich werde einst dem Herrn Obergespan gewiß viel zu danken haben.

Zoltáns Brust hob sich mächtig bei diesen Worten, er vergaß nie, was er damals empfand; aus nichts etwas werden! sich sein Los selbst schaffen; mit Ehren und Selbstgefühl es dahin bringen, wohin andere auf Schleichwegen gelangen, oder wohin die Geburt sie stellt. Er fühlte vielleicht, daß er die Kraft hierzu in sich trage und schämte sich fast, so reich zu sein, weil er nie wissen werde, was er seinem innern Werte, und nicht seinem Reichtum zu verdanken habe. –

Im Saale hatte indes die Musik zu spielen begonnen, natürlich war es keine Zigeunermusik, die schickt sich nur für die Bauern; von den Nationaltänzen, von Kör und Csárdás wußte man damals noch nichts in den Salons der vornehmen Welt, wo nur der Walzer und die Française herrschten. Der Baron war ein sehr guter Tänzer, namentlich walzte er ausgezeichnet und hielt dabei mit zurückgeworfenem Oberleibe seine Tänzerin so weit von sich, daß, wenn sie einander plötzlich loslassen würden, jedes in eine andere Ecke des Saales hinfliegen würde. Unser Freund Emanuel, welcher dies klassische Muster zu kopieren bemüht ist, kann uns den Beweis dafür liefern; er hat schon einigemal dies Auseinderfallen aufgeführt.

Eben wird eine lärmende Introduktion zu einer französischen Quadrille intoniert. Baron Berzy mit Wilma und Emanuel mit Kathinka stellen sich als gegenüberstehende Paare an. Kathinka sucht vergebens mit ihren Augen Zoltán, allein er ist nirgends zu sehen und so ist sie genötigt, mit ihrem Tänzer vorlieb zu nehmen. Die verwickelten Figuren gehen nicht ab, ohne Verwirrung und vorläufige Verabredungen, welche die jungen Patrioten mit so ernsthafter Miene abmachen, als drehte es sich um einen Ehrenhandel. Baron Berzy pflegt in der Quadrille nur nachlässig zu promenieren, was unser Freund Emanuel ihm sofort nachmacht, wobei auf seinem Gesichte der unverkennbare Ausdruck des Bewußtseins zu lesen, daß er der Gegenstand allgemeiner Bewunderung sei.

Die herumsitzenden älteren Frauen sehen mit Wohlgefallen der Unterhaltung der Jugend zu; unter ihnen sitzen auch die Rätin und die Gräfin Szentirmay. Beide wären noch jung und gesucht genug, um selbst an der Unterhaltung teilzunehmen; Mütter sind jedoch der Meinung, daß, wenn ihre Töchter heranwachsen, es sich für sie nicht mehr schicke, zu tanzen.

In dem Erker, der die Aussicht auf die Ofener Festung hat, befinden sich die älteren Herren, welche zu den Belustigungen der leichtblütigeren Jugend nicht mehr gelaunt sind und nach ihrer Gewohnheit über die Tagesfragen debattieren.

Es lebten damals noch nicht dieselben Menschen wie jetzt. Heutzutage giebt es kaum jemand im Lande, der nicht für den Fortschritt wäre und nur über den einzuschlagenden Weg sind die Ansichten verschieden; damals aber saß in dem Geist der Nation noch ein großer, unbeweglicher Klumpen, der kein anderes Prinzip hatte, als sich nicht von der Stelle zu rühren, das Gras um sich her nicht wachsen zu lassen, jede neue Idee als etwas, was über ihren Horizont geht, mit ungläubigem Staunen aufzunehmen, instinktmäßig zurückzuziehen, was vorwärts wollte, bei jeder neuen Unternehmung die dankbare Rolle des Kritikers zu spielen, und zu zerstören, wo ein anderer baut; warum? weil sie ganz wohl fühlten, daß, wenn eine neue Ideenwelt das öffentliche Leben in eine neue Cirkulation bringt, die bisher nicht vorhanden gewesenen Elemente ihnen über den Kopf wachsen werden; und blicken wir jetzt nach zwei Jahrzehnten um uns, so werden wir gestehen müssen, daß ihre Furcht nicht unbegründet war; die neue Zeit hat sie begraben und die junge Generation, wenn sie von den »Männern des Stillstandes« erzählen hört, fühlt sich versucht zu glauben, daß sie nur in der Phantasie des Dichters existieren: so sind sie ausgestorben und spurlos verschwunden.

Noch im Jahre – 1837 war ihrer eine schöne Anzahl.

Wohin Rudolph in dieser Gesellschaft auch blicken mochte, er fand nirgends einen Gesinnungsgenossen. Die ihn umgaben, suchten hinter allgemeinen Salonphrasen und banaler Höflichkeit ihre Freude zu verbergen, ihn hier zu sehen, in der Villa des Rates, auf dessen Gesicht man lesen konnte, daß Rudolph durch gewisse Rücksichten sich ihm verpflichtet fühle, und daß er ihn sozusagen in der Hand habe. Welches die starken Bande sein mögen, mit denen es dem Rat gelungen, den charakterfesten Mann an seine Person zu fesseln, davon hat niemand eine Ahnung, daß sie aber vorhanden, läßt sich ebensowohl aus dem Triumphe Köcserepys, als aus dem gezwungenen, beinahe ängstlichen Benehmen Szentirmays entnehmen, der häufig seine Uhr hervorzieht.

– Was sehen Sie beständig auf die Uhr? schreit ihn Tarnaváry an, der niemand ausreden läßt – Sie werden uns doch nicht verlassen wollen?

– In der That muß ich das, erwiderte Rudolph kalt.

– Sie werden doch am Ende nicht bei der Eröffnung des Komödienhauses dabei sein wollen? rief der Obergespan, seinen prächtigen Einfall mit homerischem Gelächter begleitend.

– Jawohl.

Auf dieses Wort drängte sich der Rat dazwischen, indem er sich stark zu lächeln zwang und, die Augen emporgeschlagen, mit hinterlistig süßen Blicken den Grafen ansah.

– Ach, das wäre nicht schön von Ihnen, Herr Graf, wenn Sie uns des Genusses berauben würden, Sie in unserer Mitte zu verehren.

– Auch ich bedauere, daß meine Pflichten so kollidieren, allein ich habe jemand versprochen, ihn dahin zu begleiten.

– Was, begleiten? platzte Tarnaváry heraus. Dahin kann sich jedermann allein finden, da es gewiß schwer hielte in Pest die Kerepeser Straße zu verfehlen. Wer sich hinbegleiten lassen will, der nehme sich einen Laternenbuben.

Rudolph lächelte ruhig.

– Derjenige, der meine Begleitung verlangt, ist eine allgemein verehrte Persönlichkeit.

– Wer denn? fragten mit einem Munde alle Umstehenden.

– Wer denn, wer denn? – drang der Herr Rat ängstlich in ihn.

Rudolph weidete sich mit innerem Vergnügen an dem Anblick der beiden Männer.

– Ich will es nicht laut sagen, aus Furcht, in der schönen Gesellschaft eine Desertion hervorzurufen.

Der Rat und der Obergespan neigten sich näher zu ihm hin, worauf Rudolph ihnen leise zuraunte: der Palatin ... Thatsache, Seine Kaiserliche Hoheit, der höchstselige Erzherzog-Palatin hatte gewünscht, der Eröffnung des Schauspielhauses persönlich beizuwohnen, und nur ein Versehen der damaligen Direktion war schuld, daß in diesem Vorsatze eine Änderung eintrat. Anm. d. Verf.

Der Herr Rat blickte perplex um sich, ob es nicht jemand gehört hatte.

– Sie werden begreifen, fuhr Rudolph fort, daß es mir nicht erlaubt ist, die Ehre einer solchen Begleitung zu versäumen.

– Alle Donnerwetter, nein! schrie der Obergespan, mit den Fingern schnalzend und die Umstehenden rechts und links beiseite stoßend, stürzte er durch den Saal in das Vorzimmer hinaus. » Audiat! audiat!« Wo ist er denn, wo steckt er denn, wo zum Teufel treibt er sich herum?

Der Jurat, seines Prinzipals Stimme vernehmend, eilte mit Zoltán aus dem Garten herbei.

– Warum sind Sie nicht zur Stelle, wenn ich Ihnen auftrug, hier zu bleiben, schnauzte ihn der Prinzipal an, indem er wütende Blicke aus seinen Tartarenaugen schoß, zur erneuerten Freude der Grooms und Küchenjungen.

– Ich bin es, der um Verzeihung bitten muß, sagte Zoltán, das Wort ergreifend, in bescheidenem Tone. Ich war so frei, meinen Freund auf einen Augenblick abzurufen. Wir sind alte Bekannte.

Tarnaváry sah sich das Bürschchen von oben bis unten an, ohne ein Wort zu sagen. Es war nicht seine Art, junge Leute viel zu regardieren. Der zwar hatte ein Einkommen von einer halben Million, das wurde ihn jedoch nicht davor bewahrt haben, abgetrumpft zu werden, hätte er nur nicht ein so kluges und mutiges Aussehen gehabt, und Ware nur etwas auszusetzen gewesen an dem, was er gesagt.

Nachdem er sich den Knaben genug angesehen, wandte er sich wieder zum Zuraten und erteilte ihm seine Befehle in rauhem, herrischen Tone: Audiat! Zäumen Sie sogleich Ihre Rappen auf (verstehe: das eigene Fußwerk) und laufen Sie im Hundetrab stracks in meine Wohnung nach Ofen; sagen Sie meinem Kutscher, er soll augenblicklich einspannen und nicht erst um zehn Uhr, sondern sogleich zurückkommen. Helfen Sie ihm beim Einspannen, damit er schneller fertig wird. Verstanden?

Kovács verbeugte sich mit Bereitwilligkeit und schickte sich an, zu gehen.

– Sonst befehlen Euer Gnaden nichts?

– Punktum. Ich habe alles gesagt. Eilen Sie so, daß ich vor sieben Uhr noch in Ofen sein kann; – jetzt heißt es ausgreifen; machen Sie zwei Schritte für einen.

Ofen ist eine gute halbe Meile weit von da entfernt.

Das Bedientenvolk blickte mit einem höhnischen Gelächter auf den als Fußpost benutzten Juraten. Zoltán sah unter ihnen seinen Reitknecht, winkte ihn herbei und sagte ihm in sanftem, freundlichem Ton: Michel, ich bitte dich, sattle mein Reitpferd und sei so gut, dich damit zu sputen; der Herr Obergespan wird erlauben, daß ich meinem Freunde mein Pferd überlasse, das wird ihn schneller nach Ofen bringen.

Tarnaváry, den es zu ärgern anfing, daß dieser junge Mensch mit seinem Reitknecht so leutselig sprach, als wolle er einen Kontrast herstellen mit der Art, wie er seinen Rechtspraktikanten traktierte, hätte große Lust gehabt, gegen dies Anerbieten zu protestieren, allein es war so logisch motiviert, daß es unmöglich war, es nicht anzunehmen, nachdem er selbst die größte Eile anempfohlen hatte.

Der Reitknecht führte das prächtige englische Reitpferd und sein eigenes vor, und Zoltán half selbst seinem Freunde in den Sattel, ihm Verhaltungsregeln zuflüsternd, wie er die Zügel zu handhaben, die Kniee anzupressen habe u. s. w.

Der junge Mann hatte noch wenig zu Pferde gesessen und benahm sich etwas ungeschickt, so daß die Reitknechte um den Obergespan herum laut zu lachen anfingen.

– Wer wiehert hier? brüllte dieser plötzlich, um sich blickend. Packt euch fort von hier, nichtsnutzige Kanaillen!

Damit drehte er sich auf seiner Ferse um und ging in den Saal zurück, mit einem so grimmigen Gesicht, daß überall das Lächeln den ihm Begegnenden aus den Lippen erstarb.

Zoltán band seinem Reitknechte auf die Seele, unterwegs gut acht zu haben aus seinen Freund, und die Pferde dann geradenwegs heim in den Stall zu führen, denn er selbst werde in dem Wagen des Grafen nach Hause fahren. Dann entließ er mit herzlichem Händeschütteln den jungen Mann und blickte noch lange den Reitenden nach.

Der junge Mann wird daran noch lange gedenken; das kleine Samenkorn, das kindliche Anhänglichkeit in sein treues Herz gepflanzt, wird zum schattigen Baume der Dankbarkeit werden, unter dessen Hut es einst dem jetzt von aller Welt beneideten Knaben so wohl thun wird, ausruhen zu können.

Als Zoltán in den Saal trat, war der Tanz schon beendet, Kathinka kam auf ihn zu.

– Ist das schön von dir, Zoltán, während des ganzen Tanzes wegzubleiben?

– Ich hätte doch keine Tänzerin gefunden, erwiderte er halb im Scherz.

– Hätten wir Sie vielleicht auffordern sollen? fragte Wilma, und Zoltán kam neuerdings in Verwirrung, als er, zu ihr aufsehend, den Blick des Mädchens nicht zu ertragen vermochte.

Warum sieht sie mich beständig an? fragte er sich. Zürnet sie mir vielleicht? Gott verzeih ihr's. Lieber will ich ihr gar nicht mehr in die Nähe kommen, um sie nicht zu erzürnen. Wenn ich nur wüßte, womit ich sie beleidigt.

– In der That, Freund Zoltán, sprach unser Freund Emanuel dazwischen, schickt sich das für einen Gentleman? Das war keine ritterliche Aufführung. Wären wir nicht so gute Freunde, so müßte ich dich deshalb zu einem Duell herausfordern, parbleu, auf Tod und Leben. Du hättest mein vis-à-vis sein sollen, so müßte ich Baron Berzy dazu wählen. A propos, hast du den Baron Berzy schon Cancan tanzen gesehen? Ein famoser Tanz, dieser Cancan und auch der Chahut! Meiner Treu!

– Bst, bst, machte Zoltán, der wohl wußte, daß diese edeln Tänze selbst in den Pariser öffentlichen Lokalitäten ihrer Unanständigkeit wegen verboten sind; allein unser Freund Emanuel ließ sich nicht irre machen und plauderte in seiner gewohnten Tölpelhaftigkeit fort.

– Ich begreife auch nicht, warum wir sie in unseren Salons nicht tanzen. Baron Berzy sagt, daß sie um vieles schöner als unser ungarischer Csárdás, den die Bauern in der Schenke tanzen.

Zum Glück wurde jetzt das Gefrorene gereicht, was den Ideengang des jungen Tanzreformators ablenkte; das aber unter allen Umständen nicht verhindern konnte, daß unser Freund Emanuel, Löffel und Tasse in der Hand, zur Unterhaltung der Damen einen Witz nach dem anderen losließ, die er alle dem Baron Berzy abgelauscht hatte.

– Dies Gefrorene ist so süß, wie Sie, mein Fräulein, sagte er, zu Wilma gewendet; ein Glück, daß Fräulein kein Gefrorenes sind, sonst wären Sie in Gefahr, von mir aufgefressen zu werden.

Diesen Witz hatte unser Freund Emanuel vom Baron Berzy gehört, der damit eine hübsche Aufwärterin in einem Zuckerbäckerladen beglückt hatte; dort mochte er gut genug gewesen sein, allein die Anwendung auf das Fräulein Tochter des Rats Köcserepy war ein wenig unpassend, was Wilma durch eine verächtliche Miene ihm deutlich genug zu verstehen gab.

Mittlerweile hatte es sich wie ein Lauffeuer in der Gesellschaft verbreitet, daß nicht nur Graf Szentirmay sich anschicke, aufzubrechen, sondern auch der Obergespan, der seine Anordnungen immer mit so viel Geräusch zu treffen pflegte, daß sie unmöglich geheim bleiben konnten. Es entstand ein Fragen: Warum, was giebt's? und als man die Ursache erfuhr, gab es lange Gesichter, man fing an zu flüstern, sich zu verwundern: »sogar der Obergespan geht ins Theater!« – Alle wurden unruhig auf ihren Plätzen, manche ließen vor dem Hausherrn Anspielungen fallen, daß sie vielleicht schon zu lange belästigten, daß bei den halsbrecherischen Gebirgswegen es gefährlich sei, spät aufzubrechen u. dergl. m.; so daß, als der Graf seiner Gemahlin die Spitzenbajadere um den Nacken hing, der Herr Rat wahrnahm, daß die Hälfte der Gesellschaft sich von den Sitzen erhob und sich zum Gehen anschickte.

Der Herr Rat gab sich alle Mühe, zu lächeln. Bei sich selbst aber dachte er: dieser Szentirmay that, als demütigte er sich vor mir, und doch ist er nur deshalb hergekommen, um mich zu beschämen und mir die Elite meiner Gäste zu entführen, damit von der glänzenden Gesellschaft nur diejenigen zurückbleiben, an denen mir selbst nichts gelegen.

Es war nicht möglich, die distinguierten Herren und Damen länger aufzuhalten.

– Wir müssen gehen, sagten alle – es ist ein Nationalunternehmen, wir dürfen ihm unsere Unterstützung nicht entziehen. Was würde das Publikum sagen, wenn es die Logen leer sähe? Hier haben wir der Freundschaft genug gethan und jetzt ruft uns die Pflicht dorthin.

Mit einem Wort, woran zu denken vor einer Stunde noch lächerlich und ein Verstoß gegen den bon ton gewesen, das war mit einemmal verdienstlich, eine heilige Bürgerpflicht geworden; die Jungen hörten auf, darüber zu witzeln, die Alten stellten ihren Tadel ein und der Herr Obergespan, dessen Wagen Kovács noch unterwegs eingeholt hatte, drängte selbst am meisten zum Aufbruch: »gehn wir endlich! gehn wir!«

Das ärgerlichste war die Eile, mit der man sich zum Gehen anschickte; mit Rudolph zugleich verließ eine ganze Reihe von Equipagen die Villa.

Szentirmay besaß so viel Selbstbeherrschung, um seinen Triumph sich nicht merken zu lassen, aber noch mehr Überwindung kostete es Köcserepy, seinen tiefen Ärger zu unterdrücken, als er den Abschiednehmenden die Hand drückte.

– Dem Herrn Grafen darf ich nicht zureden, hier zu bleiben; aber die Frau Gräfin könnten Sie vielleicht doch hier lassen?

– O ich bin viel zu eifersüchtig, um Rudolph allein zu lassen, sagte Flora, ihre abschlägige Antwort in einen Scherz hüllend.

– Aber die jungen Herrschaften könnten doch zurückbleiben unter der Obhut meiner Frau; sie haben eben erst jetzt angefangen, sich zu amüsieren. Herr Karpáthi hat so schon Schöneres und Besseres gesehen.

Zoltán dankte für die Güte.

– Für mich ist es ein Fest, Herr Rat.

Der Wagen fuhr auf der Terrasse vor; Zoltán half seiner Pflegemutter und Kathinka in den Wagen; er kam dem Mädchen gegenüber zu sitzen.

Als er sich von Köcserepys beurlaubte, begegnete er wieder den großen, forschenden Augen Wilmas.

»Warum zürnt mir dies Mädchen? Ich halte mich doch so fern von ihr.«

Er eilte von dannen und fühlte sich so erleichtert, als er endlich seiner Kleinen gegenübersaß und die Villa aus dem Gesichte verlor.

Nur etwas beunruhigte ihn noch: Die Rosenknospe, die Emanuel für Kathinka gepflückt hatte. Was hatte sie nötig gehabt, sie sich ins Haar zu stecken? Er nahm sich vor, nicht mehr hinzusehen, aber seine Blicke kehrten immer wieder auf diesen Gegenstand zurück.

Endlich bemerkte es auch Kathinka. Sie hatte sich anfangs nicht zu erklären gewußt, warum Zoltán schmolle. Will er nur vor andern zeigen, welche Gewalt er über sie ausübt? Ach, die Rose! endlich ist sie darauf gekommen. Langsam zog sie die Rose aus dem Kopfputz hervor, so daß sie nur ganz locker darin hing, beugte sich dann zur Kutsche hinaus, als sähe sie sich nach etwas um, und bei dem ersten Stoß des Wagens flog die Rose hinaus.

Ihre Mutter bemerkte es.

– Du hast deine Blume verloren.

– Macht nichts, sagte Kathinka, ich bekomme schon eine andere; und sie ersuchte Zoltán um die Rose, die er im Knopfloch hatte, und steckte sie sich ins Haar.

Die beiden Kinder waren hierauf den ganzen Weg über so guter Laune, als hätte der Göttertrank der Mythe ihre Seelen ausgetauscht.

Kathinka unterhielt mit ihrem heitern Geplauder die Gesellschaft bis zum Theater und Zoltán lachte so herzlich über alles, was sie sagte, als hätte er nie lustigere Geschichten gehört.

Um sieben Uhr war das Theater gefüllt mit festlich geputztem Volk; alle Logen waren besetzt mit der hohen Aristokratie und niemand bedauerte, gekommen zu sein.

In Köcserepys Lusthaus waren die Sulzen und Torten unberührt geblieben, die glänzende Unterhaltung hatte nur mehr einen devalvierten Wert für diejenigen, deren Anwesenheit nicht ins Gewicht fiel, mit Ausnahme unseres Freundes Emanuel, der sich zutot tanzen und champagnerisieren konnte; niemand schrie Vivat bei dem Aufsteigen der Raketen, welche bei hereingebrochener Nacht mit ihren farbigen Leuchtkugeln den fernen Zuschauern verkündeten, daß in dieser Stunde nationaler Begeisterung ein ungarischer vornehmer Herr sich dort amüsiere – mit Arger und verschluckter Bitterkeit im Herzen.

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