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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Erster Teil

1.

Ein Nationalfest

Saht ihr schon einen angehenden Landwirt, der ein von seinen Vorfahren vernachlässigtes Erbe übernommen hat und nun mit festem Willen, Lust und Fleiß daran geht, das verfallene, avitische Anwesen wieder in guten stand zu setzen? Er zimmert, baut, rodet Gestrüppe aus, pflanzt Bäume. Wie freut er sich dann, wenn an den Spuren seines Fleißes, seines eifrigen Mühens sich die segnende Hand des Herrn zeigt! Mit welcher Lust führt er euch in dem neugebauten Häuschen, dem kleinen Keller herum, dessen Wein liefernde Rebe er eben erst ausgepflanzt hat; wie prahlt er mit der ersten Blume seines Gartens, der ersten Frucht seines Obstbaumes und wie glücklich fühlt er sich, wenn er jemand gefunden, der die Ergüsse seines harmlosen Stolzes anhört und die Saat im Keime lobt.

Die Besitzer stockhoher Hauser und Paläste sehen mit mitleidigem Lächeln auf ihn herab: »was brüstest du dich vor uns, armer Teufel, mit den um deine armselige Hütte gepflanzten Besen, die du einen Garten taufst, was wird aus dir werden? früher oder später mußt du deine Arbeit doch einstellen und erlahmen unter der Last, die du dir aufgebürdet; du führst es doch nicht zu Ende; besser für dich, du hättest gar nicht angefangen, armer Teufel

Er aber müht sich ab, ringt und strebt, mit heiliger Geduld für die Nachwelt kämpfend, pflanzt gottvertrauend die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in seine Brust, weiht jede Minute der Arbeit, und wenn er sich fruchtlos abgemüht, wenn Täuschung, Unerfahrenheit, schlechte Zeiten und Schicksalsschläge sein Werk zu Schanden gemacht – fängt er von neuem an.

* * *

Im Jahre des Herrn tausendachthundertsiebenunddreißig in den letzten Tagen des Monats August war Pest Zeuge eines eigentümlichen Nationalfestes.

Man könnte es eher ein Familienfest nennen. Interessierte es damals doch nur so wenige, und diese wenigen konnten alle recht wohl für Glieder einer Familie angesehen werden, welche gemeinsames Lieben, gemeinsamer Kummer, gemeinsame Opfer verschwistert hatten und die nun zusammenkamen, um den Ausbau eines kleinen Hauses zu feiern, wie es leicht jeder andere größer und schöner hat; allein es ist eben unser Haus, und wir haben unsere Freude daran; mögen sie immerhin sagen, daß es klein und unansehnlich ist.

Dies Haus war: das Pester Nationaltheater.

Eifrige Patrioten hatten schon lange daran erinnert, auch wir möchten doch dem Altar der Nationalbildung eine Hütte bauen, wo die vaterländische Kunst ein Asyl, eine Wiege und ein Denkmal finde, damit nicht auch sie dem unverdienten Lose so vieles Guten und Schönen – der Vergessenheit, anheimfalle. Sie sprachen davon, daß die Kunst und die Litteratur es sei, von der die Sprache ihren Wert und ihre Würde erhält, in der Sprache aber lebe die Nation. Das sind Dinge, die man anderwärts längst auswendig weiß, bei uns aber mußten sie erst ausgesprochen und immer wieder und wieder gesagt werden; jener Jüngling, der zuerst davon zu reden anfing, war grau geworden, bis er den Erfolg seiner Reden erlebte.

Aber er erlebte ihn doch.

Es gab welche, die nicht darauf hörten, weil sie es für überflüssig hielten. Unsere Väter existierten ohne das, und so werden auch wir ohne das fortbestehen können.

Andere gab es, denen das Verständnis dafür abging. Für wen und wozu soll das? Welchen Nutzen soll es bringen?

Auch solche gab es, welche darüber spotteten. Der Ungar und Kunst! Auf dem Dorf mag das gut sein, wo nichts besseres da ist; aber hier in Pest! zum Gespötte der Welt! laßt das bleiben.

Die Zweifler kratzten sich den Kopf: es wäre wohl schön, wenn es nur möglich wäre, man hatte es zu einer anderen Zeit anfangen sollen. Die engherzige Selbstsucht fand Gründe, unter denen sich ihre Scheu vor Opfern versteckte: wer wird das Geld dazu hergeben? das braucht viel Geld und wir haben dessen zu anderen Dingen nicht genug.

Und als allmählich die Opferpfennige sich sammelten, da tauchten die Einwürfe auf: wohin werdet ihr bauen? ihr werdet es nicht fertig bringen, das Geld wird das Schicksal anderer Summen teilen, welche durch viele Hände laufen; und wird es auch fertig, was werdet ihr darin aufführen, und wenn ihr auch etwas aufzuführen habt, wer wird euch als Zuschauer kommen?

Entschuldigt ihr Herren, die ihr angesehener, klüger und reicher als wir; wir wollen uns in keinen Wettkampf mit euch einlassen; zeigt uns ein kleines Plätzchen in dem Gassenlabyrinth dieser großen Stadt, wo wir unseren Altar aufstellen können; irgendwo in einem fernen Vorstadtwinkel, wo unsere Armut euere Augen nicht beleidigen wird und wir niemand im Wege stehen; wir bauen uns dann schon ein kleines bescheidenes Haus hin, uns wird es schön genug dünken; wir suchen uns Schauspieler dafür – wir wagen es nicht, sie Künstler zu nennen und stellen keine hohen Anforderungen an sie; auch sie werden sich mit wenigem begnügen und uns zu Liebe fleißig und strebsam sein, vielleicht wird noch mit der Zeit etwas aus ihnen.

In der Josephvorstadt an der Kerepeser Straße wurde ein bescheidener Baugrund ausgemessen für die künftige Wohnstädte der vaterländischen Kunst. Wenn manchmal eine oder die andere herrschaftliche Equipage aus der inneren Stadt sich dahin verirrte, blickten die darin Sitzenden verwundert auf die dort aufgetürmten Stein- und Ziegelhaufen; niemand glaubte, es könne etwas daraus werden. »Eine ins Stocken geratene Bauruine am Ende der Stadt!« sagten lachend, denen es leicht war, zu lachen; »wenn es fertig wird, wird es gut sein zu einem Schaukasten,« scherzten die praktischen Leute, während die Sachverständigen im voraus überzeugt waren, die ganze Geschichte werde einstürzen, denn die Mauern seien nicht stark genug, um das Dach zu tragen.

Und siehe, die Mauern wurden doch aufgebaut, auch das Dach wurde aufgesetzt und stürzte nicht ein; das Gebäude stand fertig. »Aber es wird nie eröffnet werden!« sagten die Hellseher. Es wurde ein Termin dafür angesetzt, er verstrich und wurde nicht eingehalten. Da gab es ein Gelächter und ein Hohngeschrei. Die Trägheit und die Teilnahmlosigkeit gefällt sich immer darin, Pessimist zu sein, nur um nicht nötig zu haben, bei einer Sache mitzuhelfen; lieber erklärt sie im voraus ihr Zustandekommen für unmöglich.

Endlich wurde der 22. August des genannten Jahres als der unwiderrufliche Termin verkündet, an welchem die Pforten des vaterländischen Kunsttempels geöffnet werden sollten.

An der Spitze des Unternehmens standen Männer von eisernem Willen; das ausgesprochene Wort mußte gehalten werden. Gruppen von Zweiflern standen mit lächelnden Gesichtern auf der Kerepeser Straße am Morgen des Tages, an dessen Abend die verkündete Feier stattfinden sollte. Und sie hatten Grund, zu lächeln. Vor ihnen stand ein plumpes, viereckiges Gebäude, noch nicht mit Mörtel beworfen, geschweige denn getüncht; rings herum im Außenhofe Baugerüste, Stein- und Ziegelhaufen, Kalkgruben, Sandhügel, Bretter und Lattenbruchstücke. Wer Arm und Beine riskierend, einen Blick in das Innere warf, der kam zu einem prächtigen Konzert: Hobel und Säge, Hammer und Beil waren in voller Arbeit an den die Welt bedeutenden Brettern; die hämmernden und zimmernden Werkleute stießen links und rechts irgend eine phantastische Gestalt zur Seite, die sich mit einer Papierrolle in der Hand auf die Bühne verirrt hatte. Vielleicht ein Priester Thaliens? Die Armen, die heute noch hier spielen wollen! Frommer Wunsch das! Und vor wem? Wo sollen die Zuschauer herkommen? Die Bürger können nicht ungarisch, die kommen nicht her; die elegante Welt ist heute zu Seiner Gnaden, dem Herrn Rat Köcserepy, geladen, der in seinem prächtigen Weinberge aus dem Schwabenberge in Ofen eine großartige Unterhaltung veranstaltet, zu der alle Notabilitäten gerufen sind; diese also werden bei der Theatereröffnung nicht anwesend sein. Die Juraten haben kein Geld. Dann wären noch die Handwerksgesellen und das gemeine Volk; aber seit einigen Tagen schon geht in der Stadt das falsche Gerücht – niemand weiß, wie es entstanden – die Logen seien so schwach gebaut, daß, wenn zufällig die Galerien sich füllen sollten, der Einsturz zu befürchten sei. Arme Schauspieler, wird es dann ein Wunder sein, wenn ihr » Arpáds Erwachen« den leeren Wänden vorspielen werdet!

Endlich kam der Abend heran, die mit vielem Herzklopfen erwartete Stunde schlug, die Pforten des ungarischen Kunsttempels öffneten sich und siehe, das Haus füllte sich in allen Räumen und stürzte nicht ein, so schwer es auch zu tragen hatte an dem Übergewicht der Freude. Da saßen die Magnaten in ihren mit Sammet ausgeschlagenen Logen, holde Damen, deren Schwanenbusen ein bisher nicht empfundenes Freudegefühl hob; da waren auf der dicht besetzten Galerie schlichte Leute, die sechs Tage der Woche gearbeitet, um den siebenten mitfeiern zu können; da saß der greise Edelmann, der den Lieblingstraum seiner Jugend verwirklicht sah und der greise Taglöhner, der unentgeltlich am Bau des Nationaltheaters gearbeitet hatte. Und jeder war erfreut, den andern dort zu finden, der große Herr den armen Teufel, der gemeine Mann den Adeligen, und im rosigen Lichte heiliger Freude erschien alles so schön, so groß; welch herrlicher Bau, welch stolze Hallen, welche Pracht, welcher Glanz! Und ach, jetzt schwebt der Vorhang in die Höhe, das erste Wort ertönt, O! Wie schön es klingt, wie schön! Seht, seht doch um euch: was glänzt da in jedem Auge? O lasset sie glänzen, die kostbare Perle, den kostbaren Diamant, schöne Frauen! Das aufgeführte Stück ist reich an Schönheiten; gewiß, es ist ein Meisterwerk. Sagt nicht, anderswo giebt es bessere, wir sprechen von dem unsrigen. Welch schöne Dekorationen, welch treffliche Maschinerien, wie geschmackvoll ist das ganze Arrangement! Alles ist überraschend. Was noch fehlt, wird mit der Zeit werden; Dichter und Künstler werden durch Fleiß und Studium den Geist heben, das Publikum wird sich wohlwollend und nachsichtig zeigen gegen sie, wohl wissend, daß sie nach Vervollkommnung streben und guten Rat gern annehmen. Sind doch alle, die hier im gemeinsamen Hause erschienen, gleichsam die Glieder einer großen Familie; ist doch die noch in den Windeln liegende Kunst, die jetzt zum erstenmal ihre Lippen zur Rede öffnet, gleichsam das Kind eines jeden von uns, das wir gemeinschaftlich erziehen, kleiden, warten, und tadeln wir es auch zuweilen, so geschieht es nur, weil wir es so sehr lieben.

In dieser ruhigen Freude verstrich der Abend. Wem wäre es auch eingefallen, zu kritisieren? Der Spott, die Teilnahmlosigkeit, die Gleichgültigkeit waren draußen geblieben. Drinnen war nur Liebe und stummes Entzücken, und eine Freude war es, zu sehen, daß das neue Haus zu klein für alle die Liebe, die sich hineindrängte; noch vor wenigen Stunden hatte man gefürchtet, es werde zu groß und zu weit sein für – die Teilnahmlosigkeit.

Alles war versunken in aufhorchende Lust, als ob im ganzen Publikum, oben und unten, nur ein Herz schlage; – »aber in dieser lautlosen Stille lag Staunen, tiefes Gefühl und die Würde eines sich selbst achtenden Volkes,« sagt der Dichter.

Und als die letzten Worte der dargestellten hehren Dichtung verhallten, schien ein wohlthuender Seufzer den herabsinkenden Vorhang zu bewegen; als die Zuschauer das Haus verließen, war niemand, der nicht noch einen Blick darauf zurückgeworfen hätte; fürwahr, auch von außen ist es schön; haben Mond und Sterne vielleicht mit ihrem Licht in ein paar Stunden es so verschönert? und wie großartig es ist, als wäre es seit gestern höher geworden.

Mond- und Sternenschein begleitete das freudig erregte Volk nach Hause; selbst der Himmel schien klarer als sonst, und wenn Mond und Sterne glänzen, wer könnte da widerstehen, zum Himmel emporzublicken?

Manchmal stieg zwischen den sanft leuchtenden, weißen Sternen eine feurige Rakete um die andere empor von dem fernen Gipfel des Schwabenberges, als wollten sie den ruhigen Glanz der Himmelslichter stören, indem sie krachend und farbige Leuchtkugeln ausstreuend zerplatzten.

Wer unterhält sich dort?

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